… habe ich mit den Zeugen Jehovas. Moralisch wie historisch kann ich sie sogar respektieren – und mit dem „Wachturm“ in der Hand vor der Apotheke sind sie auch nicht lästiger als Fahrradständer oder Verteilerkästen.

Zweihundert Meter von meinem Haus entfernt befindet sich der Königreichssaal Giesing dieser Religionsgemeinschaft. Erwartungsgemäß hört und sieht man von denen nichts. Es gehen mitunter nur verdächtig viele sorgsam gekleidete Menschen durch mein Viertel.

Ungefähr ein mal im Jahr klingeln sie bei mir – immer im Doppelpack. Dann lächel ich, bedanke mich für den Besuch, ehre ihren unerschütterlichen Glauben, erkläre aber unmissverständlich, als zufriedener Atheist leider kein geeignetes Konvertierungsobjekt zu sein. Sie bedanken sich immer nett, wünschen einen schönen Tag, und gehen. Gerne lasse ich mir noch ein, zwei Pamphlete geben – ich finde die Illustrationen so toll.

Heute muss ich den Zeugen mal wieder ein Lob aussprechen: Es gehört einiges dazu, mich mit Gesang und Marschiererei am Sonntag Vormittag NICHT zu nerven. Schützenvereine und Karnevalisten sind die Pest.

Eben aber ertönte plötzlich Musik vor meinem Haus, Blasmusik. Leise, gar nicht unangenehm, mit vielstimmigem Gesang deutlich spiritueller Natur. Ich ging mal auf die Straße, um nachzusehen, was da vorbei zog:

Umzug

Es war gar nicht schlimm. Es war fast – schön. Als ich die Digi-Kamera zückte, duckte sich eine ältere Dame freundlich unter dem Objektiv weg. Ich sagte: „Lassen Sie sich von mir nicht stören“. Sie sagte: „Sie sind ein wenig spät dran, man kann die Spitze kaum noch sehen.“ Ich: „Macht nichts.“ Sie lächelt: „Nächstes Jahr gehen Sie einfach mit.“

Da schmilzt auch des Atheisten Herz…



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NormanTorstenPeter KrauseGeneral Failurelindwurm Recent comment authors
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Julian

Ganz ungefährlich sind die Zeugen Jehovas aber nicht:

http://www.zeugen-jehovas.dergloeckel.eu/

comicfreak
comicfreak

..von der Aufmachung erinnert die Prozession an die Fronleichnamsprozessionen meiner Kindheit.

Und: die Zeugen können verd**** sportlich sein. Beim Anblick* meines damals gerade 6 Monate alten Welpen** ist mal einer inklusive „Wachturm“, Aktentasche und langem Mantel problemlos über ein 1,20m hohes Gartentürchen geflankt. Ich hätte mir beim Versuch das Genick gebrochen.

*kein Angriff, kein Bellen, kein Knurren, er kam nur um die Ecke geschlendert

**Irish Wolfhound

Gast
Gast

„eventuell sogar bedenklich“
Ja, ja – die Wahrheit schmerzt immer!

Torsten Dewi

Flagge zeigen oder Klappe halten, „Gast“

M'Urmel

Also zumindestens (ich weiß dieses Wort gibts nicht :)) in Berlin nerven mich die Zeugen, abgesehen von den Besuchen auch auf der Strasse, aber das nicht deshalb weil es ZJ sind, sondern weil mich generell Leute nerven, die mich auf der Straße ungefragt ansprechen. (Ich meine jetzt keinen, der nach der Zeit oder nach dem Weg fragt.) Und moich nervrt auch der Mensch der ohne meiner Tür klingelt ohne mich vorher gefragt zu haben, (Postboten z.B ausgenommen).
Aber generell kann man sagen: „Zeugen Jehovas – Größtenteils harmlos.“

Julian

Keine Sorge, ich plane keine Diskussion, ich wollte nur einen Ansatz zu weiterer Recherche liefern. Die Glöckel-Seite ist sicher nicht bedenklich, ich kenne den Herrn zufällig persönlich, und er legt größten Wert auf neutrale Berichterstattung und nackte Fakten. Aber daß die Webseite unübersichtlich ist und chaotisch anmutet, unterschreib ich gern!

lindwurm

„Schön“, lieber Torsten, sind viele Manifestationen religiöser Verzückungt Da verwesie ich gerne auf den Reisenden Richard Burton, der sich im 19. Jahrhundert als Nicht-Moselm in Mekka eingeschlichen hatte und dort – obwohl Atheist – angesichts der Stimmung rund um die Kaaba in Tränen ausbrach.

Peter Krause

Ich habe auch noch nicht erlebt, daß die ZJ auf der Straße irgendwen anquatschen. Nirgendwo. Jeder quatscht Dich an, von Bertelsmann bis Heilsarmee, aber nicht die Zeugen Jehofas.
Das einzige, was ich an ihnen bedenklich finde ist, daß Sie Ihre Einstellung zur Bluttransfussion und allem, was damit zusammenhängt, nicht nur für sich selbst treffen sondern zwangsweise auch für Ihre Kinder.
Von allen christlich basierten Glaubensgemeinschaften sind mir die ZJ mit Abstand am sympathischsten.
Oder ist mir sonstnoch irgendwas entgangen?

General Failure
General Failure

Eine Religion zieht eh niemals in den Krieg, es sind immer ihre Mitlgieder, und es waren auch noch nie alle. Wenn Kriegstreiber, Mörder, Vergewaltiger und Plünderer sich Chisten, Muslime, Juden oder sonst etwas nennen, sich eine Ideologie auf die Fahne schreiben und dann „in deren Namen“ morden (was bei Friedensreligionen wie dem Christentum oder dem Islam schon an Schwachsinn grenzt) erweckt das natürlich Verdacht, die Religion selbst wäre Keimzelle dieser Gewalt, Natürlich möchten auch gerade jene Verbrecher skurilerweise dann die Frommsten und religiösesten sein und am liebsten als Märtyrer sterben. Das nennt man dann Fundamentalismus. Aber dagegen muss man sich wehren!
Es käme ja auch niemand auf die Idee, den Holocaust den Atheisten anzurechnen, und dann pauschal den Atheismus zu stigmatisieren.

Peter Krause

Wieso?
Ist Dein Blog etwa nicht „nach unten offen“? 😉
(Und ist es eigentlich nach Dir benannt?)

Norman

wusste garnicht, dass die bei uns in giesing auch nen königreichsaal haben… auch wachturmrentner sind mir in giesing noch nicht untergekommen.

muss ich mal mehr drauf achten.

Norman

daher! ich als unter giesinger treib mich net so oft da oben rum 😉