Showdown 2„The Illustrated Man“ (1969) vs. „Something wicked this way comes“ (1983)

Es ist mal wieder soweit: Zwei Filme eines vergleichbaren Themenbereiches steigen in den Ring, um zu zeigen, bei wem und wo der Hammer hängt.

Die Herausforderung: Heute lautet das Thema „Kaputtentwickelte Studio-Grossproduktionen nach Ray Bradbury-Vorlagen“. Sowohl „The Illustrated Man“ als auch „Something wicked this way comes“ mussten regelrecht in Produktion geprügelt werden, machten diverse Skript-Änderungen durch, und entfernten sich im Laufe der Zeit immer weiter von den Vorlagen. Vorab scheint es mir angebracht darauf hinzuweisen, dass Bradbury zu meinen Lieblingsautoren aus dem Bereich SF/Fantasy gehört. Seine Geschichten sind so einfallsreich wie detailfreudig, so menschlich wie abgründig. Und aus genau diesen Gründen gelten sie auch als schwer verfilmbar – wenngleich die TV-Serie „Ray Bradbury Theatre“ ein paar kleine Juwelen enthält.

Genug geschnackelt – GONG!

Der Einstieg: Beide Filme singen das Hohelied des amerikanischen „Heartland“ – „Something wicked“ (in Deutschland unter dem entsetzlichen Titel „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ veröffentlicht) spielt ebenso wie „The Illustrated Man“ im Hinterland der USA, während oder kurz nach der Großen Depression. Amerika ist hier so klischeehaft, dass es fast schon weh tut. „Something wicked“ geht sogar noch einen Schritt weiter – gedreht wurde in der Kleinstadt auf dem Gelände des Universal-Studios, die diversen Filmen von Spielberg, Dante und Zemeckis als Kulisse diente (am ehesten kennt man sie aus „Zurück in die Zukunft“). Trotzdem setzen die Filme zu Beginn verschiedene dramaturgische Akzente: IM thematisiert die Loslösung von der Gesellschaft, die Isolation der Habenichtse. Hier trifft ein junger „Drifter“ an einem See auf einen erfahrenen, älteren Kollegen, der von Kopf bis Fuß tätowiert ist. Die Disney-Produktion SW hingegen feiert das Kleinstadt-Idyll frei nach Norman Rockwell, mit nur geringfügigen dunklen Untertönen (der Vater des Protagonisten ist seltsam deprimiert, der Barbier des Ortes sucht eine Frau, und der Barmann hat einen Arm im Krieg verloren).

Der Plot: SW erzählt die relativ geradlinige Geschichte zweier Jungs, die einen fahrenden Zirkus entdecken, der scheinbar alle Wünsche wahr machen kann – aber dafür (ganz den Genre-Konventionen gemäß) einen satten Preis verlangt. Unsere beiden Helden haben nun das Problem, dass fast alle Menschen in der Kleinstadt ihre Sehnsüchte zu dem Zirkus tragen. Wen das an „Needful Things“ von Stephen King erinnert, hat wieder mal erkannt, dass der Großmeister gerne abschreibt. Bei IM ist die Geschichte des tätowierten Mannes nur der Aufhänger, der drei Storys à la „Outer Limits“ rahmt. In allen Geschichten kommen die beiden Protagonisten in verschiedenen Rollen vor. Es geht um eine Familie in einer durchgeplanten Zukunft (inklusive Holo-Deck à la Star Trek: TNG), um verzweifelte Astronauten auf einem regengepeitschten Planeten, und um eine Entscheidung, die niemand treffen möchte ….

Der okkulte Teil: SW gehört ganz klar ist den Bereich der Schauergeschichte. Es ist eine klassische amerikanische Grusel-Mär mit der ebenso amerikanischen Moral „Glück ist keinen Pakt mit dem Teufel wert – bleibe bescheiden“. Dafür fährt der Film allerdings bei den Effekten mächtig auf – es war schließlich die Zeit nach „Star Wars“, und Genre-Filme mussten plötzlich vor Knalleffekten und Opticals nur so strotzen. Darum setzt SW so ziemlich alles ein, was die Tricktechnik damals hergab – und scheitert genau daran. Eine kleine bescheidene Schauergeschichte aus den 30ern verträgt eben nicht soviel Remmidemmi wie „Matrix“. Weniger wäre hier mehr gewesen – das haben auch Filme wie der wenige Jahre zuvor entstandene „Tuck Everlasting“ bewiesen. Bei „The Illustrated Man“ hingegen, da im Science Fiction-Bereich angesiedelt, funktioniert der getriebene technische Aufwand. Es ist tatsächlich faszinierend, SF-Kurzgeschichten, die man im Fernsehen ja immer eher billig produziert sieht, mal üppig budgetiert zu sehen. Natürlich ist IM nicht „2001“, aber das sehr sorgfältige Produktionsdesign, und die durchdachten Effekte überzeugen. Der Regenplanet, mit seinen bizarr-knorrigen Bäumen und dem unnatürlich lauten Stürmen, ist eine echter Augen- und Ohrenschmaus.

Der Showdown: Zwei verschiedene Ansätze – zwei komplette Fehlschläge. IM läuft einfach aus, mit einer extrem unbefriedigenden Geschichte, und schließt auch in Rahmenhandlung nicht hinter sich ab. Man bleibt verärgert zurück, obgleich der Film durchaus seine spannenden Elemente hat. SW hingegen endet so konventionell und „weich“, dass man meint, den großen Showdown schlicht verpasst zu haben. Hier schadet dem Film einfach die Vorgabe des Studios, auf Gedeih und Verderb eine Jugendfreigabe zu erhalten.

Die Darsteller: Da geben sich beide Filme nichts. SW glänzt mit Charakter-Darstellern wie Jason Robards und Jonathan Pryce, aber auch die Blaxploitation-Ikone Pam Grier blamiert sich nicht. Bei Jonathan Pryce muss allerdings gesagt werden, dass er ebenso wie der ganze Film an tonalen Schwankungen leidet – er wirkt nie wirklich böse, und man scheint seinem Gesichtsausdruck entnehmen zu können, dass er keine Ahnung hatte, wie seine Figur angelegt sein soll. Da, wo Pryce der dämonische Verführer guter Menschen, ein Mephisto erster Güte, sein soll, kommt er eher als vergleichsweise schwach argumentierender Handelsreisender rüber. IM hingegen ist ein Spielplatz für Rod Steiger, dem man noch nie vorgeworfen hat, zu subtil zu sein. Er spielt sowohl den bombastischen Tätowierten als auch alle anderen Rollen mit einer manischen Besessenheit, die immer hart an der Kante zur Parodie liegt. Einfach gesagt: er läßt richtig die Sau raus. Der extrem androgyn und distanziert wirkende Robert Drivas hingegen schwächelt im direkten Vergleich, seine Darstellung ist sehr in den 60ern verwurzelt, als man Figuren gerne vage anlegte (siehe David Hemmings in Antonionis „Blow-up“).

Das Urteil: Wenngleich beide Filme komplett konträre Ansätze verfolgen (IM als komplexe Experiment-SF, SW als spielberg-eskes Jugendkino), eint sie doch doch der Mißerfolg auf der ganzen Linie. Bei IM hat man nie das Gefühl, einen vollständigen Film zu sehen – der Streifen besteht aus Teilen, die kaum zu einander passen, und in sich keinen ordentlichen Abschluss finden. Auch wenn die Kurzgeschichten-Dramaturgie kaum Langeweile aufkommen läßt, befriedigt der Film nicht. SW hingehen klammert sich dagegen so sehr an Kleinstadt-Klischees und etablierte Dramaturgie-Strukturen, dass der Film fast schlafwandlerisch wirkt, und an keiner Stelle überrascht. Sowas mag bei kanadischen TV-Filmen okay sein, im Kino sind solche 0815-Skripts nicht mehr akzeptabel, schon gar nicht bei einer solchen Vorlage.

And the Winner is: Niemand. Beide Filme bekommen eine 5 auf der 1-10-Skala. SW punktet mit der schönen Produktion einer nostalgischen Geschichte im „Waltons“-Stil, während IM zwar sperriger und unbeholfener, aber dafür auch mutiger und experimenteller ist. Überzeugen kann keiner der Filme. Und Bradbury bleibt weiter eines der großen weitgehend ungenutzten Reservoirs verfilmbarer SF/Fantasy-Literatur.



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Ein Tripple-Feature mit dem furchtbaren „A Sound of Thunder“ hätte sich da angeboten…