06
Mai 2007

Friendly Fire

Themen: Neues |

Beim Medienblogger las ich die Meldungüber eine Dokumentation zweier Kanadier, die Manipulationen und Verfälschungen in den Filmen von Michael Moore nachweist. Die Dokumentation, "Manufacturing Dissent" (ein Wortspiel auf die Chomsky-Arbeit "Manufacturing Consent"), kommt von links, verurteilt Moore als eitel, unehrlich und tendenziös.

Und hier ist meine Antwort.

Journalismus ist tendenziös. Schon die Auswahl eines Themas, die Wahl der Gesprächspartner – alles zeugt von der Meinung der Macher. Und das ist richtig so – in einer komplizierter werdenden Welt herrscht kein Mangel an Information, sondern an deren Einordnung und Bewertung.

Natürlich ist Michael Moore besonders tendenziös. Das ist bekannt, und dürfte kaum eine Meldung wert sein. Er ist auch eitel und rechthaberisch – zwei Eigenschaften, ohne die man sich in dieser Branche einsalzen lassen kann. Und wie jeder andere Dokumentarfilmer hat er sein Material nach größtmöglicher Wirksamkeit aufbereitet. Auch hier – business as usual.

Mich beunruhigt eher die wieder mal unvermeidliche Selbstzerfleischung der Liberalen. Selbst so wichtige und wegweisende Werke wie “Bowling for Columbine” werden nicht etwa vom politischen Gegner seziert – nein, die Linke macht die Drecksarbeit selber. Und von Hannity bis Coulter, von O’Reilly bis Carlson – die Medienpersönlichkeiten von rechts lachen sich ins Fäustchen. Bei denen scheißt keiner ins eigene Nest.

Wofür soll sich Moore eigentlich schämen? Dass er die Aufmerksamkeit auf die Herzlosigkeit von Corporate America gelenkt hat? Auf die Jugendlichen, die sich in dieser Gesellschaft nicht wiederfinden, und verzweifelt zur Waffe greifen? Auf die Politiker, die über Leben und Tod entscheiden – nach Scheckbuch?

Solange man Moore nur Unsauberkeiten und manipulativen Schnitt vorwerfen kann, ist das für mich eine ärgerliche und unnötige Diskussion. Eine Meldung wäre es, wenn er Zeugen bestochen hätte oder von Haliburton bezahlt worden wäre.



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Thomas Arndt
7. Mai, 2007 00:58

Vermutlich kann man Michael Moore weniger vorwerfen als man ihn für seinen Verdienst an der Kritik der amerikanischen Administration loben könnte. Das setzt natürlich voraus, dass man selbst aus einer politischen Sicht argumentiert und natürlich auch seine politischen Auffassungen teilt. Vermutlich tun wir das beide.

Nachdem nun einiges über seine "Unsauberkeiten" und den "manipulativen Schnitt" bekannt geworden ist, ist er umso weniger Journalist und umso mehr Propagandist und Populist.

Gerade die Beispiele in "Manufacturing Dissent" zeigen doch, dass Moore weniger als Journalist, und mehr als politischer Mensch, als ideologischer Aktivist gehandelt hat, dessen Ziel es war, eine Gegenmeinung zur öffentlichen Meinung der USA herzustellen.

Das und wie ihm das gelungen ist, ist natürlich auch mit den "Enthüllungen" des Films nichts, wofür er sich schämen müsste. Die Kritik daran, dass er eben nicht journalistisch gearbeitet hat, ist insofern wichtig, als dass viele Zuschauer des Films Moores Propaganda für objektiven Journalismus halten könnten.

Torsten Dewi
7. Mai, 2007 10:06

Da wird für mich immer noch kein Schuh draus – wieso belegen die aufgedeckten Recherche-Manipulationen aus "Manufacturing Dissent", dass Moore weniger als Journalist gearbeitet hat? Sie belegen allenfalls, dass er als schlampiger Journalist gearbeitet hat. Das merkt man auch, wenn man das Argument umdreht – hätte Moore nicht manipuliert, wären doch Subjektivität und Tendenz der Doku keinen Deut weniger offensichtlich gewesen.

Nochmal: Es gibt keine klare Aufspaltung von Journalismus und Propaganda. Wenn Moore Mittel der Propaganda verwendet hat (was ich nur sehr bedingt unterschreiben würde), so folgert daraus nicht, dass er nicht journalistisch gearbeitet hat. Es ist keine "entweder/oder"-Situation.

"Manufacturing Consent", "The God that wasn’t there", "Darwin’s Nightmare", "The revolution will not be televised" – keine nennenswerte Dokumentation über politische und gesellschaftliche Themen ist objektiv, oder präsentiert wertfrei "alle Fakten".

Muss sich Moore Vorwürfe gefallen lassen, dass er bewusst irreführende Bild/Inhalt-Kombinationen verwendet hat? Absolut. Kein Autor ist sakrosankt, und besonders bei heiklen Themen ist fachliche Sorgfalt notwendig. Aber macht die Offenlegung und Einflussnahme der eigenen Meinung den Unterschied zwischen Journalist und Propagandist? Sicher nicht.

Zum oft verwendeten Hajo Friedrichs-Zitat – von dem hat sich schon Wickert distanziert, und es entspricht sicher einer Form des Journalismus, die sich ausschließlich zum Konsum, aber nicht zum Diskurs eignet. Da sprach in meinen Augen der Nachrichtenvorleser.

Lindwurm
7. Mai, 2007 13:07

"Friendly Fire", dieser Kriegsbegriff, ist ein wenig übertrieben für eine Auseinandersetzung innerhalb linksliberaler Kreise. Ich sehe kein Problem darin, wenn Techniken und Methoden kritisiert werden. Das spricht viel mehr FÜR die intellektuelle Redlichkeit der handelnden Personen, denn ein in sich geschlossenes Weltbild, das auf Kritik mit einem säuzerlichen "wenn ihr nicht für mich seid, seid ihr gegen die Sache" reagiert, sollte man rechten und linken Fanatikern überlassen. Dass Michael Moore gerade auch von liberals kritisiert wird, ist Zeichen einer lebendigen Debattenkultur.

Wortvogel
Wortvogel
7. Mai, 2007 13:35

"Dass Michael Moore gerade auch von liberals kritisiert wird, ist Zeichen einer lebendigen Debattenkultur."

Die Debattenkultur in den USA ist kaum als lebendig zu bezeichnen – die Rechtskonservativen zeigen sich kritikresistent, und die Linke ist unfähig, daraus politisch wie gesellschaftlich Kapital zu schlagen. Debatten werden angemahnt, finden aber nicht statt – oder bleiben ohne Konsequenz. Der seit vier Jahren andauernde Krieg im Irak ist ein direktes Ergebnis davon. Und solange das Gleichgewicht der gesellschaftlichen Kräfte nicht besteht, solange die Konservativen jede Streitkultur hämisch abbügeln – solange ist es auch nicht gesund, wenn die Linke sich hauptsächlich damit beschäftigt, in den eigenen Hausflur zu kacken.

Und was den Begriff "Friendly Fire" angeht – ich finde ihn sehr passend. Dieser Schuss auf Michael Moore kommt schließlich aus den eigenen Reihen. Geschmacklos wäre allenfalls ein Bezug zur Dolchstoßlegende der Nazis gewesen (Michael Moore – im Filme unbesiegt!). 🙂

A. Mencken
A. Mencken
11. Mai, 2007 13:20

Das Problem mit Moore geht über "Unsauberkeiten" und manipulativen Schnitt weit hinaus – Moore hat nachweislich Szenen gestellt, Statistiken verfälscht und Interviewpartnern verschiedentlich Aussagen in den Mund gelegt, von denen sich diese später deutlich distanziert haben.
Im Übrigen finde ich an Kritk in den eigenen Reihen (sofern man Morre denn überhaupt zubilligen möchte, für die Linke/Liberalen in Amerika zu sprechen, was ich zumindest doch bezweifeln möchte) überaus begrüßenswert und der Hinweis auf die Unbelehrbarkeit der Rechtskonservativen ist hier völlig belanglos – schließlich ist es gerade diese Engstirnigkeit und Unbelehrbarkeit, die für mich ein Hauptargument gegen die Rechtskonservativen ist.
Ich finde auch die Tendenz bedenklich, ethische Bedenken nur noch inhaltlich festzumachen (was der Eintrag ja zumindest zu implizieren scheint); "Triumph des Willens" wäre etwa für mich genauso bedenklich, wenn darin die Segnungen des Multikulturalismus gepriesen werden würden.

Wortvogel
Wortvogel
11. Mai, 2007 14:47

Erwartungsgemäß kann ich das nicht unterschreiben.

Moore hat Szenen nachgestellt – ohne explizit darauf hinzuweisen; er hat Statistiken für seine Zwecke interpretiert (oder GEfälscht – eine Verfälschung im Bezug auf Statistiken ist kaum möglich); er hat Aussagen zitiert, die später von Zeugen widerrufen wurden (was nicht beweist, dass sie nicht ursprünglich so gemacht wurden). Das ist alles sehr windig – wichtiger aber: es ist längst bekannt, weil von den Konservativen wieder und wieder aufgekocht wird. Ich sehe immer noch nicht die Notwendigkeit einer Doku aus dem eigenen Lager.

In Amerika findet ein ideologischer Stellungskrieg statt, der aufgebrochen werden muss. Das kann nur geschehen, wenn den Konservativen anhand der massiven Versäumnisse und Verleumdungen ein Diskurs aufgezwungen wird, dem sie sich bisher erfolgreich verweigern. Und diese konfrontative Auseinandersetzung mit dem Gegner wird solange nicht gelingen, wie die Linken/Liberalen sich lieber in Nabelschau ergehen. Da sind sie nicht besser als die SPD, die es erstaunlich gut schafft, aus den Schwächen des politischen Gegners KEIN Kapital zu schlagen. Auch die Grünen haben den Großteil ihrer Stoßkraft in den 90ern durch interne Querelen verloren. Ob man Selbstkritik für hilfreich hält oder nicht – man darf das Gesamtziel nicht aus den Augen verlieren. Interner Streit soll reinigen – nicht lähmen.

Ich finde es auch bezeichnend, dass die Demokraten in den USA zwar nun beide Häuser dominieren – aber mit Harry Reid und Nancy Pelosi zwei Politiker an den Mikrofonen haben, die sich allenfalls für die Muppet Show eignen. Mit so einer Besetzung auf der Gegenseite könnten die Republikaner 2008 glatt nochmal gewinnen.

Deinen letzten Absatz finde ich extrem bedenklich – und zu kurz, um wirklich zu verstehen, was du meinst.

Klopfer
11. Mai, 2007 22:30

Nur weil einer nicht diejenigen leiden kann, die ich auch nicht mag, muss ich ihn nicht toll finden. Wenn Michael Moore lügt, dient er eigentlich nur seinen Gegnern, denn das Entlarven der Lügen macht es einfach, all seinen Aussagen die Glaubwürdigkeit zu nehmen. Daher ist es wichtig, keinen Kadavergehorsam für Moore zu demonstrieren, sondern deutlich zu sagen, dass man seine Methoden missbilligt, schon um nicht in der Glaubwürdigkeit mit hinab gerissen zu werden. Moore erzählt einfach viel dummes Zeug, und das zu schützen, nur weil man die Linke nicht spalten will, ist genauso dumm wie die Regierung zu unterstützen, weil man ja sonst den Soldaten im Irak in den Rücken fallen würde.

Wortvogel
Wortvogel
11. Mai, 2007 22:42

Hier werden aber massiv Äpfel mit Birnen verglichen. Ich habe an keiner Stelle versucht, Moores Methoden zu "schützen", von "Kadavergehorsam" kann gar keine Rede sein. Die Fehler, Täuschungen und Blendungen in seinen Dokus müssen auf den Tisch. Und das ist vor Jahren schon geschehen. Die Frage ist nur, welche Konsequenz man daraus zieht, und für wie wichtig man die ganze Angelegenheit hält.

Und hier wird der letzte Absatz sehr interessant, denn es ist eben NICHT vergleichbar mit der Kritik an der US-Regierung. Es ist eine Frage des oben schon angesprochenen Gesamtziels. Mal angenommen, Moore kommt mit seiner Agenda durch, seine Täuschungen bleiben unentdeckt, und die amerikanische Bevölkerung stellt sich komplett auf seine Seite. Was dann? Dann würde es schärfere Waffengesetze geben, die mächtigen Manager müssten sich stärker verantworten, und die US-Regierung würde für den Irak-Krieg zur Rechenschaft gezogen. Vielleicht auf der Basis getürkter Informationen – aber das ändert nichts am hehren Ziel.

Blinder Gehorsam in Sachen Irak-Krieg hingegen kostet Leben – täglich.

Schlicht: Die Relevanz der Läßlichkeiten Moores berechnet sich für mich auch an den Absichten, und dem größtmöglichen Schaden.

Bjoern
Bjoern
12. Mai, 2007 15:40

Ich finde man muss Moore hier schon einiges vorwerfen. Ich kann nicht einen ganzen Film (Roger & Moore) darüber drehen, dass General Motors CEO Roger Smith sich nicht mit mir treffen will, wenn dieser mehrfach ein Treffen anbietet und bei einem zufälligen Treffen sich eine halbe Stunde Zeit nimmt, alle Fragen zu beantworten. Dann kann ich in der "Doku" nicht alles so hinstellen, als würde sich der Mann jedem Versuchs eines Treffen entziehen. In diesem Fall ist fast die ganze Doku eine Lüge, so unterstützenswert Moore Ziele sind..

Bjoern
Bjoern
12. Mai, 2007 15:41

Korrektur: Film heißt natürlich "Roger & Me", Verschreiber in der Eile…

Wortvogel
Wortvogel
12. Mai, 2007 15:57

Ist es denn so schwer? NIEMAND hat versucht, Moores Verhalten zu entschuldigen, oder die Vorwürfe für ungültig zu erklären. Darum geht es in dieser Diskussion nicht! Es geht um die Frage, wie relevant die Vorwürfe sind – und wie schädlich. Sowohl für Moore, als auch für "die Sache".

In "Roger & me" ging es außerdem um weit mehr als um einen Interview-Termin, den Moore (angeblich) nicht bekommen hat. Es ging um die schändliche Vernichtung von Arbeitsplätzen, während das Management sich einen Lenz macht (siehe derzeit auch Siemens und Telekom). Und genau da wird ein Schuh draus – wir streiten uns um Details und inhaltliche Sauberkeiten, während das eigentliche Thema schwuppdiwupp vom Tisch ist.

Genau DAS ist mein Problem – wenn ich als Diskussionsthema zwischen "Michael Moores Unehrlichkeiten" und "Die Schweinereien der Manager" wählen kann, sollte ich die gesellschaftliche Relevanz abwägen.

Analog dazu: Wir wissen heute, dass viele Thesen und Schlussfolgerungen der Öko-Bewegung der 80er schlichtweg falsch waren, auch weil sie auf mangelnd genauen Daten basierten. Würde deshalb jemand die damals errungenen Fortschritte für den Umweltschutz rückgängig machen wollen?

Greenpeace hat absichtlich an Fakten gedoktort, um dem Ölkonzern Shell die Versenkung der Brent Spa-Plattform zu versauern. Das ist alles weder richtig noch akzeptabel gewesen – aber keiner kann bestreiten, dass die dadurch erreichten Ziele wünschenswert waren.

Heiligt der Zweck die Mittel? Nein. Aber der Zweck sollte beim Blick auf die Mittel nicht aus den Augen verloren werden.