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„Gone in 60 Seconds” (1974) vs. „Driver“ (1978)

Willkommen zu meinem ersten „Movie Showdown“, in dem ich zwei Filme gegeneinander antreten lasse, die zu vergleichbaren Zeiten dieselben Genres bedienten. Als Beispiele: „The Car“ vs. „Crash“ um den Titel „Fahrerloser Todeswagen der 70er“, „Herbie“ vs. „Dudu, der tolle Käfer“ um den Titel „Fun mit VW“, „Conan“ vs. „Talon“ um den Titel „Dicke Schwerter, dicke Muckis“. Konkret werde ich demnächst auch John Frankenheimers „Die Prophezeiung“ auf Colin Egglestones fast unbekannten „Long Weekend“ treffen lassen in der Kategorie „Man vs. Nature Öko-Thriller der Mid-70er“. Angedacht war auch ein Deathmatch in der Rubrik „Verfilmtes Konzeptalbum“, aber „The Wall“ bekommt nun doch eine Einzelkritik, weil ich mir Michael Jacksons „Moonwalker“ beim besten Willen nicht noch einmal ansehen kann.

Soviel zum Konzept. Unsere Kontrahenten heute:

  • „Driver“, Walter Hills zweite Regiearbeit (nach dem exzellenten „Ein stahlharter Mann“), mit Ryan O’Neal, Isabelle Adjani, und Bruce Dern. Verfügbarkeit: Kürzlich zum Preis von lächerlichen 3,30 Euro als Beipacker zur „ComputerBILD“. Dürfte demnach für Taschengeld bei Ebay zu bekommen sein.
  • „Gone in 60 Seconds“, das Opus Magnum des Stuntfahrers H.B. Halicki. In Deutschland auch bekannt als „Die Blechpiraten“. Verfügbarkeit: Gibt es eine US-DVD von.

Genug geredet: Let’s get ready to ruuuuuuuumbleeee….!!!

Die Herausforderung: Zwei Filme aus der Mitte der 70er, die beide spektakuläre Verfolgungsjagden in das Zentrum der Handlung stellen. Sie sind Vorläufer des modernen Action- und Crash-Kinos, das mit den Filmen von Hal Needham („Smoky and the Bandit“, „Auf dem Highway ist die Hölle los“) einen frühen Höhepunkt hatte, und noch heute floriert („The Transporter“, „The Fast & the Furious“). Während „Driver“ als „kleine“ Hollywood-Perle im Windschatten von „Bullit“ und „French Connection“ gilt, hat sich „Gone in 60 Seconds“ über die Jahre vom Low Budget Drive In-Heuler zum Geheimtipp für Autocrash-Fans gemausert, der in einigen Nachschlagewerken erstaunlich gute Bewertungen einfährt. Der Kult um Halickis Film war letztlich groß genug, um ein (erfolgloses) 2000er Remake mit Nicolas Cage und Angelina Jolie zu rechtfertigen.

Der Einstieg: “Driver” kommt gut von der Startlinie, in einer spektakulären Verfolgungsjagd wird nicht nur der nervenstarke Driver vorgestellt, sondern auch der Maßstab für flotte Action-Choreografie gesetzt. Wir lernen den Protagonisten, den Love Interest, den Antagonisten, und den Grundkonflikt des Films kennen – das alles in nur 10 Minuten, und ohne Dialoge! Fettfreier kann man einen Film nicht schreiben. Dagegen „Gone in 60 Seconds“ mit Startproblemen: Typen in breiten Revers und mit Porno-Frisuren schauen sich einen umgefallenen Zug an – sie sind Repräsentanten einer Versicherung. Das hat NICHTS mit dem nachfolgenden Film zu tun, und zum hässlichen 16mm-Look kommt ein katastrophales Dubbing. Das ist exemplarisch – Gi60S hat keine Sekunde O-Ton, sondern wurde so halbgar nachsynchronisiert, dass die meisten Dialoge eher nach Off-Sprechern einer Dokumentation klingen.

Der Plot: Bei „Driver“ lässt sich der Driver in einen Auftrag locken, obwohl er ahnt, dass dahinter der Bulle steckt, der ihn schon lange jagt. Aber es geht um mehr als um Geld – Driver will beweisen, dass er nicht zu schlagen ist. Es ist ein reiner Schwanz-Vergleich. Hohe Dynamik – wir wissen nie genau, wer wem einen Schritt voraus ist, und die Loyalität der Spielerin ist unklar. „Gone in 60 Seconds“ handelt von einer Gruppe professioneller Autodiebe, die in vier Tagen 40 Superwagen im Großraum LA klauen soll (ja, genau da hat der deutsche „Carnapping“ seine Handlung abgekupfert). Von Anfang an das Problem: Es gibt kein Indiz für die verrinnende Zeit, keinen Druck auf die Protagonisten. Außerdem gibt es keinen persönlichen Einsatz – zu jeder Zeit könnten die Diebe den Raubzug auch abbrechen, und zu einem Gartenfest fahren. Außerdem gibt es keine moralische Rechtfertigung: tritt bei „Driver“ noch der prinzipienfeste Driver gegen den durch und durch widerlichen Cop an, handelt Gi60S tatsächlich bloß von ein paar geldgeilen Dieben, die Autos klauen, und nicht erwischt werden wollen.

Die Gimmicks: Die Fähigkeiten des Driver werden in Hills Film geradezu zelebriert – das hat die Coolness von „Bullit“, und die Härte von „Dirty Harry“. Der Driver ist der Beste, und jede seiner Fahrszenen beweist es. Die Autodiebe in „Gone in 60 Seconds“ zeigen am Anfang des Film einmal, wie ein geklauter Wagen professionell umfrisiert wird, was Seriennummern und Fahrgestell angeht – interessant! Aber danach sind die Autoknackereien komplett unspektakulär, und alles arbeitet zügig auf die große Verfolgungsjagd hin, die die letzte halbe Stunde des Films einnehmen wird.

Die Stunts: „Driver“ zeigt zwei fetzige Verfolgungsjagden durch die Straßenschluchten von New York – eine am Anfang, eine am Ende. In der Mitte hält der Film das Interesse der Zuschauer durch eine „Probefahrt“ des Driver in einer Tiefgarage, die weniger aufwendig ist, dafür aber massiven Schauwert hat (die gleiche Aufteilung benutzt auch heute noch jede Episode von „Alarm für Cobra 11“). Der Schnitt ist nicht flashy à la „Fast and the Furious“ oder „Bad Boys 2“, doch die Rasanz und die exzellente Kameraführung lassen den Film auch heute noch frisch aussehen. „Gone in 60 Seconds“ hingegen kommt auch hier nur als abgeschlagener Verlierer ins Ziel: augenscheinlich hat Halicki alle Hebel in Bewegung gesetzt, und viele Kontakte genutzt, um für ein extrem geringes Budget eine rekordverdächtige Verfolgungsjagd im dritten Akt zu präsentieren. Leider hat er weder Ahnung, wie man eine Verfolgungsjagd spannend in Szene setzt (trotz Mithilfe des Corman-Spezis Terry Winkless), noch wie man diese effizient schneidet. Es gibt extrem viel Leerlauf und tote Szenen (Polizeihelikopter heben gleich im Dutzend ab, ohne je wieder gesehen zu werden, ein Reporter befragt Passanten, etc.). Außerdem ist offensichtlich, dass einige Szenen illegal (Kamera im Auto) auf den Highways gedreht wurden, andere hingegen mit Genehmigung (Kamera auf den Straßen, dafür sichtbare Absperrungen und Schaulustige). Das Hauptproblem auch hier: Uns schert einfach nicht, ob der Autodieb seinen Auftrag erfüllen kann, weil er komplett unsympathisch ist, und wir keinen Grund haben, ihm die Daumen zu drücken.

Der Showdown: „Driver“ beendet seine Story nur bedingt mit einer Verfolgungsjagd, Hauptaugenmerk ist das Katz- und Maus-Spiel des Drivers mit dem Bullen. Dabei geht es um vertauschte Taschen (das kennt O’Neal ja noch aus „Is’ was, Doc?“), um verratene Komplizen, und um persönliche Abrechungen. „Gone in 60 Seconds“ verschleudert hingegen die letzte halbe Stunde an die endlose Verfolgungsjagd, und macht sich dann nicht einmal die Mühe, die Handlung zu einem Ende zu bringen – als unser „Held“ der gesammelten Bullenmannschaft entkommen ist, bricht der Film einfach mit dem Nachspann ab. Die Plotte mit den gestohlenen 40 Superwagen wird endgültig als das entlarvt, was sie ist – ein Feigenblatt, für das sich nach zehn Minuten schon keiner mehr interessiert hat.

Echt schräg: „Driver“ nennt keine Charakternamen. Auch im Nachspann steht nur „Der Fahrer“, „Der Bulle“, „Die Spielerin“, etc. Das ist ein Ausdruck von Walter Hills offensichtlichem Bemühen, mit Archetypen zu arbeiten, die so auf ihre Funktion reduziert werden, dass Namen unwichtig sind. Bei „Gone in 60 Seconds“ sticht eine Montage heraus, in der Halicki in einer Tiefgarage auf einen Mustang zugeht, während seine Freundin in seiner Werkstatt im Gegenschnitt leer in die Gegend starrt. Die gesamte Szene ist derart ausgewalzt und gleichzeitig sinnlos, dass man sich noch zehn Minuten danach fragt, was das eigentlich sollte.

Die Darsteller: Ryan O’Neal zeigt in „Driver“ wieder einmal, dass er in den 80er und 90er Jahren eine erheblich bessere Karriere verdient hätte. Dem Schauspieler, der lange als Milchbubi abgestempelt war (hauptsächlich dank „Peyton Place“ und „Love Story“) gelingt es mühelos, den harten „loner“ zu geben. Bruce Dern genießt sichtlich, auch mal ein Arschloch sein zu dürfen (im heute trendigen Tarantino-Outfit). Nur Isabelle Adjani kann nicht überzeugen – als französische „sirene du jour“ verwechselt sie reduziertes Schauspiel mit „pferdeäugig in die Gegend starren“. Dass sie es besser kann, hat sie in Streifen von „Der Mieter“ bis „Das Auge“ bewiesen. „Gone in 60 Seconds“ hat nicht mehr als den Stuntfahrer Halicki, seine Kumpel, und einen Haufen Amateure als Statisten zu bieten. In Kombination mit dem Porno-Chic und dem schlechten Dubbing geht da gar nichts.

Das Urteil: „Driver“ ist Hollywood in Bestform – ebenso unterhaltsam wie intelligent, und reduziert auf das Nötigste. Der Film beweist Hills geradezu gespenstische Fähigkeit, im Minimalstil „großes“ Kino zu machen, und es ist eine Schande, dass „Driver“ nicht gleichberechtigt neben „Bullit“, „Dirty Harry“, und „French Connection“ steht. Wer sehen will, wie ein perfekt durchorganisiertes Drehbuch ohne jegliches Fett funktioniert, der lernt hier mehr als in zehn Büchern zum Thema. „Gone in 60 Seconds“ hingegen hat den Mini-Kultstatus, der dem Streifen anhängt, an keiner Stelle verdient. Mag die abschließende Verfolgungsjagd auch eine logistische Meisterleistung im Low Budget-Bereich gewesen sein – beim Zuschauer kommt nichts davon an. Ein Vergnügen dürfte der Film nur für Halicki selbst und seine Kumpel gewesen sein. Komplett für die Tonne, wenn ich mal so direkt sein darf.

And the Winner is: „Driver“. No contest. 10 zu 1.



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Immerhin hat Driver eine recht erfolgreiche Videospielreihe inspiriert.

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Driver läuft grad auf Sat 1