15
Jan 2007

Aus meiner geheimen Schreibwerkstatt (3): Nur die Harten kommen in den Garten…

Themen: Neues |

Nibelungen 2 CoverFertig. 120248 Wörter. 520 Standard-Manuskriptseiten in sechs Kapiteln plus Einleitung und Epilog. „Die Rache der Nibelungen“.

Um den Abgabetermin für meinen neuen Roman halten zu können, bin ich förmlich nach Ibiza geflohen. Im Flieger habe ich einen Zeitplan aufgestellt, mit festgelegten Schreibphasen. Das war eminent wichtig, denn ohne Selbstverpflichtung hätte ich die 17 Tage problemlos damit verbringen können, 344 Folgen „Simpsons“ zu gucken. Zu meiner eigenen Überraschung ist es mir gelungen, den Zeitplan auch tatsächlich fehlerlos einzuhalten, und drei Tage vor dem Ende der Schreibklausur bin ich fertig. Auf diese drei Tage habe ich hingearbeitet – drei wundervolle Tage mit Meer und Sonnenschein, zwischen Bäumen, die sich unter Orangen und Zitronen biegen. Eine Chance, nochmal richtig durchzuatmen, bevor es zurück nach München geht.

Nach genau 24 Stunden geht es mir auf die Eier.

Ich gehe wie ein Tiger auf und ab, Spaziergänge ermüden, ohne zu entspannen. Keine Lust, irgendwelche Filme zu gucken. Keine Lust, irgendwas zu lesen. Wenn ich könnte, würde ich den Rückflug zwei Tage vorziehen. Entspannte Kontemplation ist kein Gemütszustand für mich.

Bei den meisten Autoren, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, hat die Fertigstellung eines Romans einen Effekt, den sich der Leser kaum vorstellen kann: Depression. Natürlich – man lehnt sich erleichtert zurück, wenn man „Das Ende“ getippt hat. Und ein, zwei Tage lang läuft die innere Maschine weiter, und ich selber nutze diese „Restenergie“ immer, um Unmengen von Emails und kleineren Erledigungen in Rekordzeit abzuarbeiten.

Aber dann fällt man in ein Loch.

Die Arbeit am Manuskript gibt einem Autor Fokus und Entschlossenheit, im wahrsten Sinne des Wortes einen Lebenszweck. Man macht, wozu man geboren wurde, und gibt dem Pöbel, wonach er schreit. Und dann sitzt man da, die letzte Zeile ist geschrieben, und der Motor ist im Leerlauf. Am Ende des Tages hat man auf einmal kein Pensum geschafft, auf das man stolz sein kann, und beim Frühstück ist man nicht mehr der eigene Drill-Sergeant, der im Hinterstübchen brüllt: „Und jetzt aber RAN an die Arbeit!“. Die Belastung, die man hatte, fällt weg, und Körper wie Geist holen sich nun die notwendige Erholung. Alles sackt in sich zusammen. Wo der Verstand sagt: „Freu dich doch!“, möchte der Rest der Persönlichkeit zwei Wochen lang die Tapete anstarren.

Es sind diese Momente, in denen man versteht, warum Bühnenkünstler von Robbie Williams bis Harald Juhnke depressiv und drogenabhängig werden – die strahlenden Momente sind viel kürzer als die Stunden in der Garderobe oder im Hotelzimmer, wenn niemand mehr deinen Namen schreit. Man arbeitet schließlich nicht als Autor – man ist Autor. Und was ist ein Autor, der nicht schreibt? Nach eigenem Verständnis sehr wenig.

Das soll nicht heißen, dass man nur für die Schreiberei lebt. Im Gegenteil – und das ist ja die Krux: schreiben ist auch scheiße. Weil es eine reine Quälerei ist. Und wer was anderes sagt, schreibt nichts Brauchbares. Jeden Satz zerrt man aus dem Schädel, spuckt ihn aufs Blatt, schiebt ihn ein paar mal hin und her, verspottet ihn, haut ihm eine rein, und lässt ihn dann doch in Frieden, weil der Zeitplan nach dem Folgesatz verlangt. Die Momente der Zufriedenheit sind begrenzt: wenn man mal über Pensum geschrieben hat, wenn die Kiste mit den Belegexemplaren kommt, wenn bei Amazon eine gute Kritik auftaucht. Es ist vertrackt: man ist knurrig, wenn man schreibt – und knurrig, wenn man nicht schreibt. Vielleicht hat Gunther Grass deshalb noch nicht den „Orden wider den tierischen Ernst“ bekommen, und vielleicht ist Botho Strauss deshalb kein Jury-Mitglied bei „Genial daneben!“…

Ich verrate euch was: Jeder Autor, den ich kenne, drückt sich um die Arbeit, so lange er nur irgendwie kann. Torschlusspanik ist das einzige, was uns wirklich an die Tastatur zwingt. Egal, wie üppig der Abgabetermin ausgelegt wird – jeder Autor wird so lange warten, bis es fast unmöglich ist, ihn einzuhalten. Auch „Die Rache der Nibelungen“ ist dafür ein Paradebeispiel.

Es ist geradezu bizarr, was Autoren alles tun, um nicht schreiben zu müssen: da wird das Büro dreimal umgeräumt, die DVD-Sammlung wird endlich mal katalogisiert, und es kann auf einmal nicht schaden, im Internet ein paar neue Jeans zu kaufen. Das wird alles wahnsinnig wichtig. „Aber in sechs Wochen muss doch dein Buch fertig sein – sollte das nicht Vorrang haben?“ – auf dem Ohr sind wir grundsätzlich stocktaub.

Natürlich ist das affig, manchmal kindisch, und mag Außenstehenden vorkommen wie ein Luxusproblem. Ich bin der Erste, der zugibt: „Immer noch besser als bei VW am Band malochen“. Und trotzdem schlaucht es.

Warum machen wir das? Ich kenne zwei Theorien, die mir gefallen, und die ich momentan nicht zuordnen kann:

  • „Ein Autor ist jemand, der nicht schreibt, weil er will, sondern weil er muss“
  • „Schreiben kann jeder – Autor ist der, der nichts anderes kann“

Beides trifft den Kern des Problems sehr genau.

Natürlich hat die Sache auch ihre guten Seiten, und um mein weinerliches Gewimmer ein wenig abzudämpfen, will ich auch die nicht vorenthalten: Der Frust ist hart, aber immer nur kurzfristig. Das allgemeine Wohlgefühl, Autor zu sein, die Zufriedenheit beim Blick ins Bücherregal, wo man die eigenen Werke prominent platziert hat – das gibt eine innere Sicherheit, die jedes noch so lädierte Ego klebt. Die Hochs sind nicht so spektakulär wie die Tiefs, aber sie halten länger, und sind stabiler.

Und es sind genau diese Hochs, die einem nach kaum zwölf Monaten böse einflüstern: „So schlimm war das doch gar nicht – und den Leuten hat das Buch gefallen. Komm, eins geht noch.“

Richtig: eins geht immer noch. Wir sprechen uns zu dem Thema in einem Jahr wieder…



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Henning
19. Januar, 2007 02:09

Aha, professionellen Autoren geht es also immer noch genauso wie Schülern und Studenten bei Haus- oder Diplomarbeiten.
Auch in der Diplomarbeit hab ich immer erst aufgeräumt und jede erdenkliche andere lästige Arbeit dem Schreiben vorgezogen.

Herr Wu
19. Januar, 2007 02:31

Softwareentwickler sind da auch nicht anders.

Jossi
Jossi
19. Januar, 2007 16:13

Lehrer, die Klassenarbeiten korrigieren müssen, ebenfalls. Dafür gibt es sogar einen Fachausdruck: Prokrastination.

Wortvogel
Wortvogel
20. Januar, 2007 07:06

Danke für die netten Kommentare, die mir zeigen – allein (oder einzigartig) sind Autoren mit ihrem Leid nicht. Aber es gibt einen Unterschied: Der Student schreibt Haus- und Diplomarbeiten mit dem klaren Ziel, eines Tages etwas anderes zu machen. Und beim Lehrer sind die Klassenarbeiten ein wichtiges, aber nicht dominantes Element des Berufes. Und darum passt es umso besser, wenn ich den Vergleich SO erweitere: Stellt euch vor, ihr müsstet als Lehrer den Rest eures Lebens nur noch Klassenarbeiten korrigieren – oder als ewiger Student jeden Monat für 40 Jahre eine Haus- oder Diplomarbeit abliefern…

van
22. Januar, 2007 14:47

ich hätte da noch eine (vielleicht) überraschende gemeinsamkeit zwischen einem autoren & …