08
Dez 2006

Missbrauchtum

Themen: Neues |

Mein Blog heißt nicht ohne Grund "Wortvogel". Ich liebe Wörter. Ich liebe Sprache. Ich liebe alles, was daraus hervorgeht – Gespräche, Bücher, Lieder, Theaterstücke, Filme. Wer mich kennt weiß: Der Dewi redet genauso gerne, wie er schreibt.

Sprache ist mehr als die Übermittlung von Information, oder die Verbalisierung von Gedanken und Gefühlen. Sprache hat Ebenen, Subtexte, Geheimnisse, Codes. Wir verstecken in ihr oft mehr, als wir enthüllen.

Sprache ist auch Macht, und wer sich die Sprachhoheit sichert, kontrolliert eine der Stellschrauben menschlicher Kultur, und letztlich der Geschichte. Das wissen wir nicht erst seit Orwells "1984", aber seither sollte es Allgemeingut sein, Schulwissen.

Und aus diesem Grund empfinde ich rar gewordene Empörung, wenn Sprache missbraucht wird, wenn im großen Stil Wörter verdreht und verweigert, wenn Definitionen gebeugt werden, um zu einer gewünschten Wahrnehmung zu passen.

Lenny Henry, einer der großartigsten Komiker Englands, hat den Sprachmissbrauch in einer Nachrichtenparodie mal sehr schön auf den Punkt gebracht, als man die von Störfällen geplagte Nuklearanlage Windscale in Sellafield umbenannte, um den belasteten Namen aus der Presse zu halten: "Windscale has been renamed Sellafield because it sounds nicer. In other news, radioactivity will in future be known as magic moon beams."

Die Beispiele, um die es mir heute geht, sind nicht neu. Sie sind auch in den letzten Monaten immer wieder aufgegriffen und angeprangert worden:

Es geht um George W. Bush, den Präsidenten auf dem absteigenden Ast, den er so fleißig sägt (Randnotiz: interessantes Porträt in der aktuellen "Cicero"). Dieser Präsident galt nie als großer Redner, wirkt vor Mikrofonen bestenfalls unbeholfen, und verliert vollends die Kontrolle, wenn er bei Fragen und Gegenfragen vom Manuskript abweichen muss. Ein Mann, der die Sprache nur in ihrer einfachsten Form beherrscht, und dessen intellektuelle Kapazität nicht ausreichen sollte, sie zu knechten.

Doch Bush setzt genau deshalb wie kein anderer US-Präsident auf Berater, Redenschreiber, "spin doctors", die ihm die Sprache so lange zurecht biegen, bis sie das widerspiegelt, was er dem Publikum aufdrängen will.

Nach eigenen Angaben ist der "war on terror" die Lebensaufgabe des Präsidenten. Man beachte das Wort "Krieg" in dem Ausdruck – nicht "Kampf", nicht "Sieg", sondern "Krieg".

Nun hat der Präsident in der Zeit nach 9/11 eine ganze Menge Menschen, sagen wir mal, "präventiv" festnehmen lassen. Da weder die Gefangenschaft noch die Verhörmethoden mit der Genfer Konvention zu vereinbaren sind, erfand man im Bush-Umfeld den Begriff "enemy combattants", also "feindliche Kombattanten". Der einzige Grund: Wenn die "Terroristen" nicht als "Kriegsgefangene" deklariert werden, fallen sie nicht unter die Genfer Konvention. Das löst zwar das grundsätzliche Problem des Rechtsbruchs nicht, aber Bush hatte wenigstens eine Sprachhülse, mit der er sich die Journalisten vom Leib halten konnte.

Es handelt sich also um einen "Krieg", dessen Gefangene aber keine "Kriegsgefangenen" sind.

Schlimm genug, dass es Menschen gibt, deren Zynismus es erlaubt, sich sowas auszudenken, und die es dann auch noch schafgesichtig in die Mikros zu blöken. Es waren genau solche Kapriolen, die mich überzeugten, dass Condi Rice weder als Schwarze, noch als Politikerin, noch als Frau auch nur einen Deut besser ist als Cheney & Co. Ein Sieg für die Gleichberechtigung der Frau.

Aber mein Problem ist nicht die Erfindung und Verwendung solcher Schamlos-Rhetorik. Es ist die Tatsache, dass wir die Phrasen als solche erkannt – und geschluckt haben. Jeder war ein wenig empört, viele kradolften zynisch an den Stammtischen darüber. Aber niemand ist aufgestanden, die Sprache zu verteidigen, verbindliche Definitionen zu verlangen. Kein Interviewer hat ein Gespräch mit den Worten abgebrochen: "Tut mir leid, wenn Sie hier die Sprache beliebig umdeuten, können wir es gleich bleiben lassen."

Als der Bush-Entourage klar wurde, dass die "Kriegs"-Kuh vom Eis musste (der Durchschnitts-Amerikaner bekam langsam den Verdacht. es ginge nichts voran), folgte eine Umetikettierung: Von einem Tag auf den anderen hieß die offizielle Sprachregelung nicht mehr "Krieg gegen Terror", sondern "Kampf gegen gewalttätigen islamischen Fundamentalismus". Das passte ganz prima, ließ sich mit diesem Dachbegriff doch auch der politische Druck auf Staaten rechtfertigen, die keinen offenen Terrorismus betreiben.

Das Fatale war nicht die Tat, es war die Gleichgültigkeit der Masse gegenüber der Tat. Im Soundbite-Journalismus, der nur noch knackige Schnipsel will, und dessen Schlagzeilen nicht mal die Werbepausen überleben, fehlt die Verantwortlichkeit. Es fehlt die Bereitschaft, nachzufassen, immer wieder, bis die Sprachfälscher ohne Hosen dastehen. Das ist schwer, oft langweilig, und es steigert keine Quoten, aber es ist eine ureigene Aufgabe der schreibenden Zunft.

Stattdessen? Die Amerikaner haben Bush 2004 wiedergewählt. Sie haben sich von ihm ins Gesicht lügen lassen, und ihn wider besseren Wissens im Amt belassen. Lethargie und Kurzzeitgedächtnis haben gewonnen.

Und natürlich ging der "Spaß" weiter: Im Irak lief nichts so, wie man sich das erhofft hatte, und Cheneys Behauptung, der Aufstand im Irak läge "in den letzten Zügen", ging in den Comedy-Sendungen der USA in die Dauerschleife. Wohlgemerkt: als Witz. Zur Verantwortung gezogen wurde Cheney nicht.

Vor ca. zwei Wochen verkündete der US-Moderator Matt Lauer, sein Sender NBC habe beschlossen, entgegen der Regierungspropaganda künftig von einem "Bürgerkrieg" im Irak zu sprechen. Er musste das rechtfertigen, weil die Sprachhoheit der Regierung mittlerweile eine Dominanz besitzt, die es fast unmöglich macht, die Dinge noch so zu nennen, wie es gesellschaftlicher Konsens ist. Die US-Regierung bleibt nämlich dabei: die Schlachten zwischen Sunniten und Schiiten um die Vormacht im Land sind kein "Bürgerkrieg", sondern "sectarian violence". Und das wird so lange wiederholt, bis der Zweifel daran schon verdächtig ist.

Die Marschrichtung ist klar: In einer Demokratie, in der sich der Präsident vor der Öffentlichkeit und der Presse regelmäßig rechtfertigen muss, kann die Verantwortung für krasse Fehlentscheidungen und politisches Totalversagen nur verschleiert werden, in dem man die Fakten einfach umdeutet, und ihnen genehmere Begriffe zuweist. Man könnte meinen, Bush wünsche sich in einsamen Stunden die Allmacht Stalins, der einfach keine Pressekonferenzen geben brauchte, wenn es ihm nicht passte.

Nochmal: Der Versuch der Regierung, Tatsachen zum eigenen Vorteil umzudeuten und zu etikettieren, ist weder neu noch besonders verwerflich. Neu ist nur das Ausmaß, und die für mich erschütternde Erkenntnis, dass Bush damit durchgekommen ist.

Höflichkeit gegenüber dem Gesprächspartner darf nicht devot sein, darf nicht den harten Fragen ausweichen. Das gilt für beide Seiten. Der ehemalige US-Präsident Clinton wurde in einem Interview des rechtslastigen Senders Fox News vom Moderator Chris Wallace immer wieder beschuldigt, am Terrorismus "schuld" zu sein, weil er zu seiner Amtszeit Bin Laden nicht habe ausschalten lassen. Clinton tat, was anständig war – er entrüstete sich: "So you did Fox’s bidding on this show. You did your nice little conservative hit job on me." Und am Tag darauf empörte sich die ganze US-Presse, wie sich Clinton denn so habe gehen lassen können. Dabei hatte er nur versucht, den Rufmord an seiner Person nicht unwidersprochen stehen zu lassen.

Dieses Beispiel soll Clinton keinen Heiligenschein verpassen: Als Ex-Präsident geht es für ihn politisch um nichts mehr, und nicht zu vergessen – er war es, der behauptete, mit Monica Lewinsky kein Sex gehabt zu haben, und hinterher gerne zu seinen Gunsten die Definition des Begriffes "Sex" ändern wollte…

Es geht auch nicht um links oder rechts. Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten, wurde kürzlich in einem Interview gefragt, wie sie denn zu ihren vor der Wahl gemachten Aussagen stehe, der Präsident (mit dem sie nach dem Wahlsieg zusammen arbeiten muss) sei ein "Versager". Sie machte große Augen und sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das so gesagt habe.". Den Original-Clip hätte der Interviewer sofort zu Hand haben müssen! Wie kann sie damit durchkommen, in einer komplett medial archivierten Politwelt eine zwei Wochen alte Aussage für ungeschehen zu erklären?

Adenauers "Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?" war demokratiefeindliche Arroganz der Macht, die nicht zum Standard werden darf.

Die Diskussionen müssen wieder lauter werden, und moralischer. Wir brauchen Standpunkte – und wir können Standpunkte verlangen, die überprüfbar sind, die sich nachhaken lassen.

Bush ist auf dem Weg nach draußen. Wenn es eine Konsequenz gibt, die seine Amtszeit haben sollte, dann hoffe ich auf diese: Wir müssen wachsamer werden. Wir dürfen die Macht über die Sprache nicht aufgeben. Wir dürfen die Vergewaltiger des Wortes nicht davonkommen lassen.

Denn mit dem Ende der Bush-Ära und seiner zwangsläufigen Aufarbeitung ist nichts "gewonnen". Bush ist mit seinem perversen Spiel letztlich nicht durchgekommen. Wenn wir solche Vorgänge künftig nicht verhindern, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es einem anderen Präsidenten gelingt, bis Sprache regelmäßig der Propaganda angepasst wird. Bis der Neusprech aus "1984" mit Verspätung doch noch kommt…



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general failure
general failure
13. Mai, 2007 03:13

Sprachschummlern das Handwerk zu legen ist mir Sicherheit ein ritterliches Ziel, vor allem ist "kreativer" umgang mit Sprache vermutlich viel häufiger anzutreffen als den meisten Mitmenschen bewusst sein dürfte. Selbstredent ist der Missbrauch von Sprache auf Politischer Ebene am gefährlichsten, allerdings funktioniert das meiner Meinung nach auch nur so gut, weil wir ständig darauf konditioniert werden, sie zu akzeptieren. Beispielsweise die Werbung, in der es nur natürlich ist, durch suggestive Wortwahl Bedeutungen umzudrehen (Der Schokoriegel gibt "Energie", aber die Cola trinke ich in light, weil da weniger "Kalorien" und "Dickmacher" drin sind… ). Überhaupt wurde viel auf Euphemismen oder Amerkanismen umgesattelt (zumindest ist das meine Persönliche Empfindung), um unangenehmen/vermeintlich angestaubt Begriffen ein positiveres Image zu geben.
Die Politiker haben es jedenfalls dadurch noch etwas leichter, Schlagwörter zu etablieren und sich hinter Wortschnitzereien zu verstecken. Um sie zu demaskieren ist es also vermutlich hilfreich, im kleinen damit anzufangen.

Joris
Joris
12. September, 2020 12:29

Meine Herrn, liest sich dieser Post 13 Jahre später prophetisch.

Trantor
Trantor
12. September, 2020 14:11
Reply to  Joris

Gut ausgegraben :).

"Die Amerikaner haben Bush 2004 wiedergewählt. Sie haben sich von ihm ins Gesicht lügen lassen, und ihn wider besseren Wissens im Amt belassen."

Man kann nur hoffen, dass sich das 14 Jahre nicht auch wiederholt.

Last edited 2 Monate zuvor by Trantor
Comicfreak
Comicfreak
12. September, 2020 15:14

Wow, das tut im Nachhinein (und zu einer Zeit, in der Bush durch den Vergleich mit Trump direkt wohlwollend betrachtet wird) richtig weh

Dietmar Steinhaus
14. September, 2020 00:21
Reply to  Comicfreak

Der Unterschied ist: Die Lügen sind unverfrorener geworden, offene Widersprüche werden nicht einmal mehr geleugnet oder verschleiert sondern schlichtweg ignoriert und es wird so getan, als seien sie nicht da.