CoverIch bin ein Kind der 80er, das ist bekannt. Ich kenne noch die Angst vor dem Atomkrieg, die aber zu meiner Zeit schon keine Angst mehr vor „dem Russen“ war, sondern eher die Angst vor dem eigenen Verbündeten Amerika.

Wenn man damals als Jugendlicher in den 80ern „links“ war (und wer war das in NRW nicht?), dann beschäftigte einen nicht die Frage, OB wir alle dem Untergang geweiht sind, sondern nur noch, aus welcher Ecke der Untergang kommen würde. Da stritten sich zwei regelrechte Denkschulen – Schule 1 verkündete den ins Haus stehenden Nuklear-Tod (Subgruppe GAU und/oder Erstschlag), Schule 2 wähnte die Abrechnung von Mutter Natur schneller. Für beide Schulen gab es ausreichend Buttons, Parkas, und Open Air-Konzerte…

Nun trug es sich zu, dass ich in den späten 90er Jahren auf N3 mal eine „Gib Gas, ich will Spaß“-Nacht aufgezeichnet habe, die satte 3 Stunden lang schräge Clips aus Musiksendungen der 80er präsentiert. Da sind echte Highlights dabei – Tracy Ullmann singt im „Musikladen“ in eine Plastik-Haarbürste, während Dave Gahan bei den „Bananas“ ein echtes Huhn auf dem teuren New Wave-Anzug hat, als er zu „See you“ im Playback die Lippen bewegt.

Ganz besonderen Wert bekommt die Sendung allerdings dadurch, dass auch DDR-Jugendkultur gezeigt wird, die für mich natürlich eine absolute Entdeckung (und weit weniger lahm als gedacht) war. In einem der Clips erwähnt eine Moderatorin ein Buch über dekadente westliche Jugendbewegungen anno 1985. Und nach ungefähr sechs Jahren bin ich nun endlich mal drauf gekommen, mir dieses Buch auch selber zuzulegen. Und die Ausgabe von ein paar Euro beim ZVAB hat sich voll gelohnt…

„Die Rebellion der Betrogenen“ ist weniger eine Momentaufnahme der heiligen Jugendstil-Dreifaltigkeit anno 1985 (Punker, Popper, Teds), sondern eine Kulturgeschichte der Jugendbewegungen, die GANZ weit zurück greift: Heubner fängt mit Diogenes und Franz von Assisi an, den ersten „Aussteigern“ ihrer Epochen. Glücklicherweise nutzt er diesen absurd weiten Rahmen nur knapp, um dann relativ schnell ins 20. Jahrhundert zu kommen.

Heubner geht in die Details, und das mit einer erstaunlichen Kenntnis der Zusammenhänge: Er schreibt ebenso kompetent über die Beatniks wie die Hippies, analysiert Ansätze der Schwarzenproteste, und kann Subkulturen sauber genug trennen, ohne die Überschneidungen aus dem Auge zu verlieren. Trotz seiner zwangsläufigen „Außenseiter-Perspektive“ (Heubner war ja nirgendwo dabei) führt er präzise und spannend durch die Gefühlswelt der Jugend des 20. Jahrhunderts. Er deckt Denkfehler auf, versteckten Rassismus, Sexismus, und die inhärente intellektuelle Faulheit vieler Bewegungen.

Dabei fällt die heute putzig wirkende Systemgläubigkeit von Heubner auf. Er zitiert schon zu Assisi einen Kollegen:

„Indes“, so betont Gert Wendelborn, „war Franz kein Revolutionär. Es ist fraglich, ob er sich überhaupt der Schärfe seines Gegensatzes zur Gesamtgesellschaft in vollem Maße bewusst war. Er besaß keinen Plan für eine Reform der Gesellschaft…“

Und dieser Grundgedanke zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden: Heubner klopft jede Jugendkultur auf ihre politischen Ziele ab, auf ihre Möglichkeit, systemverändernd zu wirken. Der Gedanke, dass die meisten „Bewegungen“ keine grundlegenden Umwälzungen zum Ziel hatten, weil die Jugendlichen selber zwar Auswirkungen des Systems, nicht aber das System selbst in Frage stellen wollten, kommt Heubner nicht. Für ihn ist der Sozialismus die zwangläufige Folge jeder ordentlichen Massenbewegung, und weil der Jugendkultur des Westens die Organisation und der Rückhalt der proletarischen Massen fehlt, ist diese auch immer gescheitert.

Hinzu kommt der für ihn verdammenswerte kommerzielle Hintergrund – die Tatsache, dass jede Jugendbewegung gleich von Mode- und Plattenbranche vereinnahmt wird, ist für Heubner ein Zeichen der Niederlage, eine Assimilation des Protests durch das Kapital. Damit liegt er zwar nicht falsch, übersieht aber wieder, dass die Jugendbewegungen damit nicht verraten wurden, sondern nur den üblichen Schritt von Non-Konformismus und Individualismus hin zum Konformismus und zur Uniformisierung machten. Gerade ein Autor aus einem Land, in dem die Zwangs-Jugendorganisierten durch die Bank blaue Hemden tragen mussten, sollte das Glashaus erkennen, bevor er diesen Stein schmeißt…

Letztlich ist für Heubner also alles vergebens – westliche Mode- und Protestwellen sind zu individuell und unorganisiert, um wirksam und dauerhaft die Gesellschaft zu verändern. Und sobald die Konsumgesellschaft sie vereinnahmt hat, sind sie denn auch tot. Zwei, drei Jahre darauf folgt der nächste Trend.

Aber Heubner ist noch auf einem weiteren Auge blind: Wie „Der schwarze Kanal“ geißelt er das System (und damit meint er die Kombination von Politik und Kapital) als ungerecht und diktatorisch, ohne sich einzugestehen, dass jeder Jugendprotest nur durch eine grundsätzliche Meinungs- und Demonstrationsfreiheit IN DIESEM SYSTEM stattfinden konnte. Eine Bewegung wie die Hippies wäre im Osten nicht (wie Heubner denkt) unnötig, sondern UNMÖGLICH gewesen. Über diese Lebenslüge argumentiert Heubner knapp mit der Behauptung hinweg, die DDR sei ja quasi verwirklichte Revolution, weitere Protestbewegungen seien demnach hinfällig. Das Leben sollte ihm nur vier Jahre später das Gegenteil beweisen…

Und als letzten Fehler erkennt Heubner zwar, dass man Modewellen wie Popper und Protestbewegungen wie die Hippies nicht in einen Topf schmeißen sollte – er tut es aber allzu oft doch.

Was „Die Rebellion der Betrogenen“ trotz allem zu einer extrem spannenden Lektüre für die Leser meiner Generation macht, ist die Leichtigkeit, mit der sich Heubners sozialistisches Weltbild aus den Texten subtrahieren lässt. Die politische Agitation ist offensichtlich genug, um geflissentlich ignoriert zu werden, und was bleibt, ist die bisher präziseste und lesbarste Analyse westlicher Jugendbewegungen, die mir unter die Augen gekommen ist.

Wer sich auch nur rudimentär für das Thema interessiert, sollte „Die Rebellion der Betrogenen“ gelesen haben…

Und zum Abschluss das Bild des Autors – weil es für sich genommen schon SEHR viel aussagt:

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P.S.: Ich fand es spannend, auch mal zu recherchieren, was aus dem strammen Sozialisten Heubner nach der Wende wurde. Siehe da – er schrieb „lustige“ Bücher mit magenschmerzenden Titeln wie „Alles Trabi, oder was?“…



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Und ein sentimentales Ostzonen-Kochbuch hat er auch geschrieben: http://www.buchgourmet.com/prod_details.asp?productid=15657&subcat=614