nibelungen-2-cover.jpgIch möchte heute ein neues Experiment beginnen. Die meisten, die mich kennen, kennen auch meinen Beruf: Ich bin Autor. Diejenigen, die mich nicht kennen, verweise ich gerne auf die Biographie, die sie in der Spalte rechts anklicken können.

Viele Menschen können sich unter dem Begriff „Autor“ allerdings wenig vorstellen. Besonders bei mir, weil ich ja nicht nur einen Aspekt dieses Berufes beackere, sondern so ziemlich alles mache, was mit Texten zu tun hat. Und selbst wenn ich erkläre, dass ich gerade wieder an einem neuen Roman arbeite, bleibt die Frage offen: WIE arbeitet man an einem neuen Roman?

Aus diesem Grund habe ich mir gedacht, es könnte für Besucher dieser Webseite interessant sein, mir mal virtuell „über die Schulter zu schauen“.

Und das soll folgendermaßen geschehen:

Ich schreibe derzeit „Die Rache der Nibelungen“, die Fortsetzung des Erfolgsromans von 2004. Ein historisches Epos mit so ziemlich allem, was diese Sorte Schmöker „saftig“ macht: große Liebe, großer Haß, große Schlachten, großes Leid. Das ist eine ziemlich happige Aufgabe, denn

  • es sollen mehr als 500 Manuskriptseiten werden
  • der Roman soll im März 2007 auf den Markt kommen, und ist in den Katalogen des Verlages schon angekündigt
  • nach dem Ende von „Der Ring der Nibelungen“ war die klassische Sage eigentlich auserzählt

Kleine Zwischenbemerkung: Ich rede grundsätzlich von branchenüblichen Standard-Manuskriptseiten. Diese haben 30 Zeilen à 60 Anschläge. Man erreicht das in einer Textverarbeitung ganz gut, wenn man eine DinA4-Seite in der Schriftart Courier beschreibt, 13 Punkt Schriftgröße, und mit anderthalbfachem Zeilenabstand.

Um dem geneigten Leser näher zu bringen, wie so ein Roman entsteht, werde ich ab heute (hoffentlich) regelmäßig kleine Essays schreiben, die meinen Fortschritt und die Probleme des Romans dokumentieren. Ich versuche, dabei so offen und ehrlich zu sein, wie es mir meine subjektive Sicht der Dinge erlaubt. Im besten Fall könnt ihr meine Freude und mein Leid teilen, und am Ende erleben, wie der fertige Roman im Buchladen bei euch um die Ecke in die Regale einsortiert wird.

Dabei möchte ich allerdings darauf hinweisen, dass jeder Autor seine eigene Herangehensweise hat, und meinenAntworten nicht die Antworten meiner Kollegen sein können…

Als Einstieg scheint es mir vernünftig, ein paar Worte über die Vorarbeiten für so einen „Schinken“ zu verlieren.

Die Idee, eine Fortsetzung zu „Der Ring der Nibelungen“ zu schreiben, ergab sich fast zwangsläufig aus den Verkaufszahlen von Band 1, der bereits in den ersten zwei Monaten 50.000 mal über die Ladentische ging. Ich hatte in weiser Voraussicht ein paar Charaktere überleben lassen, um mich nicht in eine Sackgasse zu schreiben: Gernot, der Bruder des getöteten König Gunther, Elsa, die Tochter von Hagen von Tronje, und Klein-Siegfried, den Sohn unseres Helden. Damit war, obwohl ich die Nibelungen-Sage eigentlich bis zu Ende erzählt hatte, zumindest ein „Grundpersonal“ vorhanden, mit dem ich arbeiten konnte.

Die Recherche, die nötig ist, um die Welt des frühen Mittelalters auch nur halbwegs glaubwürdig darzustellen, hatte ich ja bereits für Band 1 gemacht. Es kamen diesmal noch ein paar neue Bücher dazu, und Enzyklopädien über Mythologie und Waffenkunde. Über die Abwägung „historische Genauigkeit gegen dramaturgische Notwendigkeit“ werde ich in ein paar Tagen nch schreiben.

Das Hintergrundmaterial war also vorhanden. Nun musste ein Exposé her. Das ist eine grob herunter geschriebene Kurzfassung des Romans, die alle wichtigen Stationen der Reise unseres Helden beschreibt. Diese Etappe wird von Anfängern gerne übersprungen, was ein großer Fehler ist: Das Exposé ist der Weg, auf dem man dann als Autor wandelt. Wer diese Straße nicht pflastert, wird sich im Gestrüpp seiner Geschichte verlaufen. Das Exposé macht es leichter, Fehler oder Schwächen in der Dramaturgie aufzuspüren, und an einer Stelle zu beseitigen, an der sich der Aufwand noch in Grenzen hält. Besonders wichtig: Das Exposé gibt einen Hinweis, ob man nicht nur den Anfang, sondern auch ein packendes ENDE für die Geschichte hat.

Ist das Exposé die „Bibel“, das in Stein gemeißelte Grundmuster des Buches? NEIN. Selbst im besten Fall wird man im Laufe der Schreibarbeit feststellen, dass Charaktere sich organisch entwickeln, Handlungen einen unerwarteten Verlauf anbieten, und bestimmte Wendungen sich doch nicht wie gedacht umsetzen lassen. Das Exposé ist ein Leitfaden. Aber als solcher ist es unverzichtbar.

Das Exposé ist außerdem harte Arbeit, vielleicht die härteste Einzelaufgabe der gesamten Schreiberei. Hier muss fast ALLES schon drin sein: Story, Charaktere, Überraschungen, Höhepunkte. Der Autor muss sich extrem vorsehen, über Lücken der Handlung nicht mit Floskeln wie „Und auf dem Weg zum Schloß erlebt er viele spannende Abenteuer“ hinweg zu bügeln. Das wird sich rächen, wenn man beim tatsächlichen Schreibprozeß an diese Stelle kommt, und plötzlich denkt: „Ja, schon – aber WELCHE Abenteuer bitteschön?“. Wer sich im Exposé selbst übers Ohr haut, zahlt auch hinterher selber den Preis.

Ich gebe offen zu: Es fiel mir sehr schwer, ein Exposé für diesen Roman zu schreiben. Konnte ich mich bei Band 1 noch an der Original-Sage orientieren, so mußte ich nun „ohne Netz“ arbeiten. Es war relativ schnell klar, dass ich zwischen den Büchern einen Zeitsprung vollziehen würde, um aus dem kleinen Siegfried (der zur besseren Unterscheidung nun Sigurd heißt) einen jungen Mann zu machen, der als Held durch die Handlung führt. Der Rest war nur Fragen: Eher archaisch-brutales Schlachtengemälde, oder kultiviertes Sittenbild der aufkeimenden europäischen Herrschaftsstrukturen? Wagnersche Göttersage, oder doch eher persönliches Heldenlied? Spiegelungen der Original-Sage, oder gänzlich anders gelagerte Dramaturgie?

Diese Grundfragen blockierten mich über mehrere Wochen hinweg. Story-Konstruktion war nie meine große Stärke als Autor (die sehe ich eher in Figuren und Dialogen). Es fällt mir auch schwer, zuhause zu sitzen, und mir über den Handlungsablauf Gedanken zu machen. Ich brauche einen Sparrings-Partner, eine Person, der ich meine Ideen erzählen kann. Meistens kommen mir die besten Einfälle, WÄHREND ich etwas für einen Gesprächspartner formuliere. Also traf ich mich eines Abends mit meinem häufigen Ko-Autor Marc Hillefeld, und meinem Agenten Gerd Rumler. Bewaffnet mit diversen Büchern und Notizzetteln machten wir uns daran, den Knoten zu lösen. Und tatsächlich: Nach mehreren Stunden stand die Geschichte. Grob noch, in Form von 3 Seiten mit Stichwörtern – aber die Sache hatte einen Anfang und ein Ende. Damit konnte man arbeiten. Als Problem stellte sich nur heraus, dass ich eigentlich keine Verwendung für die Nibelungen hatte, das Buch aber auf Verlagswunsch schon unter dem Titel „Die Rache der Nibelungen“ angekündigt worden war.

Mit Hilfe der Notizen schrieb ich nun endlich das Exposé, und es ging mir auch ganz gut von der Hand. Die Blockade, die ich seit Wochen im Kopf hatte, löste sich schnell in Wohlgefallen auf, und am Ende hatte ich eine Story, von der ich überzeugt war, sie spannend und flott erzählen zu können.

Die Länge eines Exposés bleibt jedem Autor selbst überlassen. Das kann je nach Romanlänge von 15 bis 60 Seiten sein. Ich selber schreibe relativ kurze Exposés – der Entwurf für „Die Rache der Nibelungen“ hat 17 Seiten. Ich greife allerdings, um die mangelnde Länge auszugleichen, zu einem ganz persönlichen Trick, der sich bewährt hat: An jedem Arbeitstag sehe ich mir die drei, vier Absätze an, die nun voll ausformuliert werden müssen, und teile sie nochmals in Szenen auf.

Ein Beispiel: Im Exposé steht eigentlich nur, dass Sigurd von der Jagd zurückkommt, und sich danach mit seinen Eltern streitet. Das ist pure Handlung, aber es sagt noch nichts über die Erzählhaltung aus, über die Sicht, aus der wir diese Szenen erleben. Daraus mache ich dann:

  • Sigurd kommt endlich am Schloß an, läßt sich vom Hofstaat feiern
  • Elsa eilt zu ihrem Mann, dem König, und zieht ihn mit sich, um Sigurd zu begrüßen
  • Begrüßung Sigurd/Gernot – der König ist stolz
  • Sigurds Freunde bereiten das Festmahl vor
  • Das Festmahl – es läuft gut
  • Die Freunde von Sigurd tratschen hinter den Kulissen
  • Sigurd erwähnt seine nächste geplante Reise – doch seine Eltern sind dagegen

Damit habe ich schon eine vergleichsweise konkrete Szenenfolge aufgestellt, die es mir erlaubt, auch zwischen den Personen und Orten zu wechseln.

Das Exposé hat noch einen weiteren entscheidenden Vorteil: Es erlaubt eine ungefähre Einschätzung der Buchlänge. Hat man z.B. 30 Seiten in gleichbleibender Erzählgeschwindigkeit, und will einen 600 Seiten-Roman schreiben, dann läßt sich jede Exposé-Seite auf grob 20 Romanseiten umrechnen. Demzufolge sollte man sich Sorgen machen, wenn man schon fünf Seiten Exposé „verbraten“ hat, aber gerade mal 30 Seiten Roman dabei rausgekommen sind. Hier kann sehr früh mögliche Probleme erkennen – und beseitigen.

Sodele, Recherche gemacht, Story steht, Exposé liegt vor. Fehlt noch was?

Ach ja – ANFANGEN muss man mit dem Roman natürlich auch irgendwann.

Aber davon erzähle ich in Folge 2…



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Auch wenn schon das hier schon älter ist: toller Bericht!
Aber was hat der Hohlbein damit zu tun? Hm, reines Marketing vom Verlag?