6
Februar 2015

Abofalle YouTube-Videos: Endlose Auswahl

Ihr kennt mich. Ich neige dazu, neue Entwicklungen und Technologien so lange bitter zu verteufeln, bis ich sie in einer lauen Stunde ausprobiere und danach lauthals preise. Facebook, Smartphones, Flachbildfernseher – der Wortvogel ist selten Speerspitze, weil ich halt doch glaube, dass es viel Zeit und Mühen erspart, wenn man einfach ein Jahr oder zwei abwartet, ob sich ein Trend durchsetzt und ausentwickelt. So komme ich einfacher und preiswerter davon.

Ich weiß nicht, wie man seine Musiksammlung mit iTunes pflegt, ich fotografiere mein Essen nicht mit Instagram und habe noch keine Minute an Candy Crush verschwendet. Sollte ich einen tumblr haben? Wenn ich wüsste, was das ist, vielleicht. Zwar kann ich whatsappen und skypen, aber wirklich durchgesetzt hat sich das bei mir nicht. Ich bin weder manisch kommunikativ, noch möchte ich beim Gespräch über Hunderte Kilometer beobachtet werden. Wie soll ich denn da friedlich in der Nase popeln?

YouTube benutze ich ebenfalls nur arg rudimentär. Ich lade da meine Videos hoch, wenn ich sie auf meinem Blog zeigen will. Darüber hinaus surfe ich meistens nur auf die Seite, wenn irgendwo was dorthin verlinkt wird. Es kommt vor, dass ich einen Kanal entdecke und mich dann einen Abend lang durch alle Videos klicke.

Ich gehöre auch zu den alten Säcken, die “sicherheitshalber” immer mal wieder Videos von YouTube downloaden, weil ich immer noch glaube, dass sie auf meiner Festplatte besser aufgehoben sind als im Netz, wo sie ja gerne mal ad hoc gelöscht werden.

Mir war klar, dass YouTube mehr kann. Ich hörte immer von Kanälen, Abos, Playlisten, aber das klang alles zu kompliziert und nervig. Ich habe nicht die Zeit. Allerdings hat sich oft genug gezeigt, dass man die Arbeit, die man investiert, hintenraus wieder prima sparen kann.

Also habe ich vor einem Monat schüchtern angefangen, bei einigen Video-Produzenten, deren Werke ich sowieso regelmäßig anschaue, diesen ominösen “abonnieren”-Button zu klicken. Drei, vier, fünf Klassiker wie den Angry Video Game Nerd, den Nostalgia Critic, und natürlich Thunderf00t. Ich dachte mir, das würde meine abendlichen Surfsessions ein wenig vereinfachen.

Das war richtig. Und falsch.

Ich war selber (und das darf mir durchaus peinlich sein) überrascht, wie schnell sich die YouTube-Startseite mit spannenden Videos füllt, übersichtlich aufbereitet und mit Hinweisen auf Neuankömmlingen. Hat man erstmal ein Dutzend Abos beieinander, wird das Portal schnell so etwas wie ein personalisierter On Demand-Videosender, der aus dem weltweiten Überangebot zielgenau filtert, was man sonst über viele andere Webseiten einzeln ansurfen müsste.

Das Problem: Ist man erstmal ausreichend begeistert von der Vereinfachung des Online-Bewegtbildkonsums, neigt man zur voreiligen Sammelei immer weiterer Quellen. Die Atheist Experience? Sicher doch. Neue Filmtrailer? Schaue ich sowieso zu wenig. Neues von der BBC? Ein bisschen Hochkultur gehört einfach in die Mischung. Und in den Vorschlägen, die YouTube basierend auf den existierenden Abos macht, finden sich auch immer wieder Perlen. Hinzu kommen Videokanäle, die andere Videokanäle empfehlen – “The Top Ten Video Game Review Channels”? Klick!

Und so fügt man hier ein Abo dazu, da ein Abo, und dieses auch noch. Nach drei Wochen stellt man fest, dass man 280 aktuelle Videos nicht gesehen hat und man rein rechnerisch für einen 24 Stunden-Tag locker Videos mit einer Gesamtlänge von 36 Stunden reinbekommt.

Denn das ist das Perfide: Das Internet und gerade YouTube bieten derart viele interessante, witzige und informative Sendungen, dass man problemlos den ganzen Tag mit ihnen verbringen könnte. Wenn man nicht arbeiten müsste. Oder essen. Oder schlafen. Oder Katzenscheisse schaufeln.

Nach Desinteresse, Neugier, Begeisterung und Manie folgt die Ernüchterung: YouTube-Abos sind eine super Sache, aber man muss sie trotz aller Vorarbeit der Webseite selber genau kuratieren, muss die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen schmeißen. Das ist nicht nur eine Frage der Qualität. So liebe ich z.B. die Atheist Experience. Aber Call In-Shows in Spielfilmlänge kann ich einfach nicht in meinen Tagesablauf einpassen. Da muss es reichen, wenn ich manchmal “best of’s” schaue. Ähnlich bei der BBC – wäre ja toll, da immer nur aktuelle Trailer von “Sherlock”, “Luther” und “QI” zu sehen. Aber die bringen eben auch exklusive Clips aus ihren Soaps und Nachrichten aus der Region. Und davon gefühlte 200 am Tag.

Der Ernüchterung folgt die Ausmistung: Im permanenten “trial and error”-Verfahren habe ich begonnen, meine absoluten Favoriten auszuwählen. Wie oben erwähnt: Manchmal ist es keine Frage der Qualität, sondern eine Frage der Prägnanz und der Frequenz. Ich brauche keine drei Kanäle mit Filmkritiken, keine drei Kanäle mit neuen Trailern. Weil ich abends auch gerne überrascht und unterhalten werde, habe ich aber eine besondere Affinität zu knackigen Top Ten-Sendungen, wie man sie auf WatchMojo, MentalFloss und TopTenz finde. Honest Trailers und Everything Wrong With? Ja bitte.

Aktuell sieht meine Aboliste so aus:

ytabos

Immer noch zuviel. Aber ich habe gelernt – und das ist wichtig – mich selbst nicht unter Druck zu setzen. Man muss nicht alles gesehen haben und was nicht geht, geht eben nicht. Ich picke mir raus, was mich gerade anspricht. Der Rest hat Pech gehabt. Und wenn ein Kanal häufiger außen vor bleibt, wird er abbestellt. Natürliche Auslese.

Es ist schon erstaunlich, dass diese Liste mittlerweile meine persönlichen Präferenzen und damit auch die Bandbreite meines Blogs sehr gut spiegelt.

Ich bin aber durchaus bereit und immer auf der Suche nach weiteren Kanälen, die mich interessieren könnten. Und da kommt ihr ins Spiel. Was findet man in Euren Abo-Listen, auf wessen Videos wollt ihr nicht mehr verzichten? Was ist kurz und knackig, was lohnt auch eine längere Sitzung?

Meine persönlichen Vorlieben kennt ihr ja nun – knapp, lustig, informativ, gut produziert. Ich will Vorschläge!

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31
Januar 2015

Bankgeheimnis: Alle doof

Die heutige Anekdote ist schon fast 12 Jahre alt. Sie ereignete sich im ersten Quartal 2003, da wohnte ich gerade noch recht frisch in meinem eigenen Haus und hatte beruflich gerade auf “frei” umgestellt, was noch etwas stockend lief. Manchmal kam monatelang nix rein, dann gaben sich die Schecks die Klinke in die Hand. Und es passierte etwas, das mich dazu brachte, nach 30 Jahren die Hausbank zu wechseln.

Warum das gerade jetzt erzähle? Weil ich dieser Tage meine analogen wie digitalen Aktenberge entschlackt habe. Sowohl in den Ordnern im Regal als auch in den Ordnern auf der Festplatte ist nun alles perfekt sortiert und vollständig. Alle überflüssigen Schreiben, Beiblätter und obsolete Abrechnungen wandern morgen über den Schredder ins Altpapier.

Natürlich taucht bei solchen Aktionen das eine oder andere Kleinod auf, irgendeine Quittung, die an einen besonders blöden Fehlkauf erinnert oder Visitenkarte aus einem Hotel, wo man außergewöhnlich schönen Urlaub gemacht hat. Ich habe auch ein paar Details in meiner tabellarischen Biographie nachtragen können, z.B. den exakten Reisetermin von Kapstadt.

Aber darum geht’s nicht. Es geht um die Bank, deren Namen ich nicht nennen werde und bei der mir meine Eltern mein erstes Konto einrichteten, als ich vier Jahre alt war. Und weil der Mensch träge ist, bin ich bei der Bank geblieben. Auch, als sie Gebühren verlangte, wo andere Banken kostenlos dienstleisteten – sogar noch, als sie mir für meine erste große Hypothek von allen Ansprechpartnern das schlechteste Angebot machte. Ich finanzierte dann zwar woanders, aber meine Konten blieben bei dem Institut, an das ich gewöhnt war. Ich dachte, 30 Jahre gute Zusammenarbeit, das ist ja auch was wert.

Am Arsch die Räuber.

Ich hatte als festangestellter Redakteur beim GONG und bei ProSieben immer gut verdient und karg gelebt, mit meinem Kapital konnte die Bank prima spekulieren und Gewinne einfahren, von denen ich nur einen minimalen Bonus zu sehen bekam. Als Freiberuflicher und mit dem ersten Hauskauf auf den Schultern waren meine Finanzen nicht mehr ganz so stabil. Mitunter sackte ich auch mal weit in den Dispo – kein Problem, der lag ja bei mir bei fast 10.000 Euro und ich konnte immer binnen zwei oder drei Monate locker ausgleichen.

Mitten in der Vorbereitung auf eine Amerika-Reise bekam ich dieses Schreiben:

Dispo 1

Man muss sich verdeutlichen, dass ich weder Bankrotteur noch Schuldner war – meine Einnahmen flossen nur unregelmäßiger und jedes größere Minus wurde bald durch ein noch größeres Plus ausgeglichen. Es sollte sich auch in der Folge soweit normalisieren, dass ich nie wieder einen Dispo brauchen würde.

Ich dachte so bei mir: “Das kann man nach 30 Jahren Zusammenarbeit eigentlich auch fairer regeln – mit einem vorherigen Anruf, einer Bitte zum Gespräch. Ist ja nicht so, dass ich den Dispo gesprengt habe.”

Hatte ich auch nicht – bis die Bank mir den Dispo kürzte. Ein paar Tage später lag nämlich das nächste Schreiben im Briefkasten:

Dispo 2

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Die Bank räumt mir einen Dispo-Rahmen ein, den ich auch ausschöpfe. Dann kürzt mir die Bank kurzfristig und einseitig den Dispo-Rahmen und schickt sofort ein Schreiben hinterher, in dem die dadurch eingetretene Überschreitung des Dispo-Rahmens angemahnt wird. Und MIR wird dann auch noch eine “nicht genehmigte Kontoüberziehung” vorgeworfen.

Ihr kennt mich lange genug, um zu wissen, dass der Dewi keiner ist, der bei sowas ins Kissen heult. Eine halbe Stunde, nachdem ich den Brief geöffnet hatte, stand ich in der Filiale. Das freundliche “Ja bitte?” der Mitarbeiterin quittierte ich mit einem selbst für mich rüden “Den Filialleiter. Sofort.”

Der Filialleiter war so diese Sorte gegeelter Endzwanzinger mit dynamischer, aber für meinen Geschmack nicht seriöser Ausstrahlung. Ein Blender voller einstudierter Phrasen, die den Kunden einlullen sollen, aber letztlich nichts bedeuten – wie mein Fall ja bewies. Ich erklärte ihm kurz und knapp, was passiert war. Er schaute sich den Vorgang an und meinte dann: “Das kann vorkommen, die Kürzung des Dispos geschieht ja automatisch.”

Ich ließ mich auf keine Diskussion ein: “Haben Sie irgendeine Ahnung, was passiert wäre, wenn mir während meines Amerika-Urlaubs plötzlich die Kreditkarten den Dienst verweigert hätten? Ich erwarte, dass sie meinen alten Dispo-Rahmen wiederherstellen. Ich erwarte außerdem eine Entschuldigung.”

Beides bekam ich – zusätzlich zur Visitenkarte des Filialleiters, der mir versicherte, er würde sich künftig um meine Belange persönlich kümmern.

Too little, too late.

Einen Tag nach der Rückkehr aus Amerika kündigte ich alle meine Konten und die Kreditkarte bei der Bank. Dann stieg ich auf eine Online-Bank um, mit der ich seit nun 12 Jahren zufrieden bin. Ist die persönlicher als meine alte Bank? Kein Stück. Aber bei meiner alten Bank konnte ich mir dafür ja auch keinen Keks kaufen.

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29
Januar 2015

(K)ein Gedicht über das Leben

None.

One.

Lone.

Throne.

Gone.

Bone.

Stone.

Done.

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28
Januar 2015

Mit Google Maps den Blick zurück wagen

Man verzeihe mir die Melancholie, die einige meiner Beiträge dieser Tage vielleicht durchzieht. Es muss auch solche Zeiten geben, da man innehält und Rückschau, mit der Frage an das Morgen auch die Frage an das Gestern stellt.

Nachdem ich so begeistert von dem TV-Bericht über das alte München berichtet habe, empfahl mir Kai Meyer die Dokumentation “München – Geheimnisse einer Stadt” von Dominik Graf und Michael Althen. In der Tat: Eine hypnotische Meditation über das urbane Prinzip, die aus dokumentarischen Details der Vergangenheit eine Utopie bastelt, ein literarisches Essay von schleichender, aber tief dringender Kraft mit einem verblüffenden, dennoch plausiblen Plädoyer für die unverwirklichten Pläne der Nazis in Sachen Germania. Manchmal verliert sich das Zweistundenwerk etwas zu sehr in fiktionalen Narrativen, aber es lohnt doch. Sehr.

YouTube Preview Image

Durch die Doku erfahre ich auch zum ersten Mal vom “Schwabylon“, einem bizarren, fast anime-esken Vergnügungstempel in Schwabing, der 1973 eröffnet wurde, nur um 1974 schon wieder pleite zu gehen:

schwabylon

Der Bau wird in der Derrick-Folge “Ein Koffer aus Salzburg” mehrfach gezeigt. Ich habe zum Jahrtausendwechsel gerade mal 100 Meter davon entfernt gewohnt, das gesamte Gelände wird gerade für ein völlig neues Viertel platt gemacht.

Ja, ich bin derzeit ein wenig monacophil. Über den Kaufhaus-Block an der Silberhornstraße, wie er 1969 als “kepa” entstand und 2010 als “Hertie” endete, habe ich ja gestern schon geschrieben. Es folgte die Idee, ihn mir noch mal bei Google Maps von oben anzusehen.

Zu meiner Überraschung zeigt die Draufsicht brandneues Fotomaterial von 2015 mit dem neuen Block aus Geschäften, die den alten Klotz ersetzt haben:

silberhornDamit ist das alte kepa-Haus auch auf Google Maps aus der Geschichte getilgt. Oder?

Ich scrolle gerade mal einen Bildschirm zu meinem Haus weiter. Es ist schneeweiß, man sieht nichts von den Bauarbeiten, die drinnen gerade stattfinden – auch die blaue Graffiti-Schmiererei an der Hauswand ist aus der Vogelperspektive nicht auszumachen.

Um genauer hinzuschauen, schalte ich auf Streetview um – es ist ein kleiner Schock:

Das Haus ist wieder sandfarben, im Hintergrund sieht man meinen Aygo – den habe ich noch. Aber da steht auch mein himmelblauer Roller, den habe ich vor drei Jahren unter viel Seelenschmerz abgegeben.

Es ist ein merkwürdiger, fast irrealer Blick in die Vergangenheit. Die Hausfarbe und der Wagen legen die Aufnahme ziemlich exakt auf Mai 2008 fest. Damals war mein Blog jung, ich war solo, hatte gerade den zweiten Nibelungen-Roman geschrieben und freute mich auf die Dreharbeiten von “Dr. Hope“. Ähnlich wie bei der Geschichte in Irland meine ich fast, hinter den Fenstern in diesem Bild noch den 39jährigen Torsten erahnen zu können, wie er sich die Tage mit Fischfilet und Kartoffelchips vertreibt und als einziges Haustier seine Schildkröte Marlowe in der Badewanne füttert.

Das alles heute noch als aktuell auf Google Maps zu sehen – seltsam.

Ich reiße mich los, schlendere per Streetview weiter durch Obergiesing 2008. An der Kreuzung gleich gegenüber sehe ich den Italiener, bei dem ich mal eine furchtbare Pizza gegessen habe:

italiana

Im Laufe der zehn Jahre, die ich in meinem Haus gewohnt habe, sind hier bestimmt zehn Restaurants gekommen und gegangen. Zuletzt ist ein Vietnamese schon nach ein paar Monaten gescheitert. Ich habe drüber geschrieben. Mittlerweile hat man endlich eingesehen, dass Gastronomie hier keine Chance hat – eine preisgünstige Klamottenkette hat die Räunlichkeiten bezogen.

Da ist “Heli’s Backshop”, in dem ich morgens meine Käsesemmeln gekauft habe und dessen Besitzer immer zu einem netten Plausch bereit stand. Meine Leser wissen, dass mir dort die Verkäuferinnen gefallen haben:

Heli

“Heli’s Backshop” gibt es nicht mehr. Jemand anders hat den Laden übernommen. Kein Plausch mehr, keine hübschen Verkäuferinnen mehr.

Und klar, der Kreis schließt sich:

hertieDer Block steht nicht nur noch – der Hertie hat auch noch auf. 2008 war man der Überzeugung, diese Filiale sei zu retten, weil sie Gewinn abwarf. Ein Irrtum.

Ich mache den Sprung in meine Heimatstadt Düsseldorf. Da ist das Haus, in dem ich eine kleine Wohnung besitze, deren Renovierung meine Leser zeitnah miterleben durften:

richard

In DIESER Version des Hauses ist noch nichts renoviert, die Wohnung im zweiten Stock gehört mir nicht einmal. Aber dafür wohnt Frau Vossen dort, seit 30 Jahren. Und im Erdgeschoss sitzt noch meine Tante Monika, raucht und schaut fern. Sie hat die Diagnose noch nicht bekommen.

Es ist so nah, als könnte ich ans Fenster klopfen und ihren Namen rufen.

Natürlich ist es aus ganz pragmatischen Gründen bedauerlich, dass Google wegen des Ärgers in Sachen Datenschutz keinen Drang verspürt, die Streetview-Aufnahmen zu aktualisieren. Aber irgendwie ist das auch schön – hier wird ein “moment in time” festgehalten, ein Schnappschuss, der durch die mangelnde Aktualität an Geschichte gewinnt. Weil mit dem Bild auch die Erinnerungen bleiben.

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27
Januar 2015

Munich, my love!

Ich sage es mit größter Überraschung. Ich vermisse München. 20 Jahre lang hat die Stadt mich angeödet, habe ich mir geschworen, ihr den Rücken zu kehren. Kaum ist es geschehen, sehne ich mich zurück. Ins spießige, teure, unkreative und uncoole München.

Und so schaue ich begeistert zurück ins Jahr 1969 – als der BR begeistert zurück schaute ins Jahr 1955. Ich sehe München “vor meiner Zeit”, nach dem Kriege, dann mitten in den Umwälzungen der späten 60er Jahre. Ich sehe die Orte, die 20 Jahre später und für 25 Jahre meine “hood” werden sollten. Bekannt und doch so nie gesehen. Die Stadt im Wandel – im Wandel zum München, das mir vertraut und lieb wurde.

Viel Schwabing, viel Uni, viel Marienplatz – Gott, ich erkenne Geschäfte und Häuserzeilen, Cafés und Parkhäuser.

Und dann das hier – frisch gebaut und stolz den Konsum preisend:

munich

Silberhornstraße in Obergiesing. Kepa, aus dem später Hertie wird. Dahinter, direkt in Blickrichtung, steht das Haus, das ich 2002 kaufen werde. 2009 geht erst der Hertie pleite, dann wird der Block abgerissen:

hertie-480Ich schreibe damals einen Nachruf auf den hässlichen Klotz, der 1969 so sehr als Leuchtturm der Moderne galt.

In 25 Jahren werden Menschen das München sehen, in dem ich gelebt habe. Sie werden staunen und lachen, das Bild einfrieren und juxen: “Mann, echt? So hat das mal ausgesehen?”.

Ja, so hat das mal ausgesehen.

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26
Januar 2015

Katzenauge: Watching Rufus & Becky

Ich bin ja nicht der Typ für sinnlose Hardware-Spielereien. Ein einfaches Smartphone, ein solider Flachbild-Fernseher, mein Macbook Air, 32m/bit Internet – mehr braucht der Wortvogel nicht zum Glück.

Nun haben wir 2014 zwei Katzen bekommen. Britta musste immer wieder beruflich verreisen. Und Weihnachten gab’s zum Jahresausklang auch schon wieder. So kam ich auf die Idee, der Sehnsucht meiner LvA nach den Haustieren Rechnung zu tragen. Ich legte ihr (untere anderem) dieses Teil unter den geschmückten Baum:

ipc-10ac

Eine einfache IP-Kamera. Einfach deshalb, weil die beiden einzigen Mängel, die mich auf Anhieb störten (nur 640×400 Auflösung und kein Zoom), auch bei den meisten anderen, teureren Geräten auf dem Markt zu finden sind. Die hier tut’s allemal.

Ich war selber nicht sicher, ob das wirklich alles so einfach funktioniert. Aber ich war bereit, es auszuprobieren. Weil ich weder Ruhe noch Expertise besitze, mich mit so etwas auseinander zu setzen, ließ ich die Kamera direkt an meinen Bruder schicken, auf dass er sie bei sich anschließen möge, um es hinterher mir erklären zu können. Besser war das – besonders die Einbindung der Kamera in die Webseite des Herstellers stellte sich als unnötig tricky heraus.

Zusammengefasst muss man sich das so vorstellen – die Kamera bekommt über die Webseite des Herstellers eine Domain zugewiesen, über die man sich dann einloggen kann. Per Web-Interface kann man danach über den Browser auf den “feed” der Kamera zugreifen. Diverse Buttons helfen bei der Steuerung. Per App geht das sogar über das Smartphone.

Was soll das Ganze, höre ich euch fragen? Nun, mit der IP-Kamera im heimischen Netzwerk kann die LvA nun von jedem Ort der Welt in unser Wohnzimmer schauen. Sie kann die Kamera fernsteuern und sich auf die Suche nach den Katzen machen. 3 Kamera-Positionen sind voreingestellt und auf Knopfdruck abrufbar: Sofa, Katzenkorb und Kratzbaum. Wird es Nacht, schaltet die Kamera auf Infrarot, um den nocturnen Aktivitäten unserer Butzelchen nachzuspüren. Die Kamera ist dabei so gut drehbar, dass praktisch jeder Winkel im Wohnzimmer abgedeckt wird.

Man kann das albern finden. Aber als wir gestern in Marburg waren und ich mit den Worten “Ich schaue kurz mal nach unseren Katzen” das Macbook aufklappte, kam ich mir vor wie James Bond. Denn siehe, es funktioniert:

catcam

Klar ist das kein HD, die meisten YouTube-Videos sind deutlich schärfer und den Ton sollte man gleich abstellen, das bringt nix. Aber dammich, wir können nun immer nachschauen, ob die Brut gerade Unfug macht oder friedlich auf dem Sofa pooft. Coole Sache, Parker!

Wenn ich allerdings zu Hause arbeite, ziehe ich der Kamera den Stecker. Die Heimüberwachung beinhaltet schließlich nicht den Lebenspartner…

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25
Januar 2015

Bodensatz Triple Feature: “Man-Thing” & “S&man” & “Mad Foxes” (male nudity included)

man-thingMan-Thing

USA 2005. Regie: Brett Leonard. Darsteller: Matthew Le Nevez, Rachael Taylor, Jack Thompson, Rawiri Paratene, Alex O’Loughlin u.a.

Offizielle Synopsis: Es sollte eigentlich ein ruhiger erster Tag in seiner neuen, stressfreien Stelle als Sheriff von Bywater werden. Doch das beschauliche Örtchen wartet mit einem “Begrüßungsgeschenk” für Kyle Williams auf: Die aufs Grausamste entstellten Überreste eines Jugendlichen wurden im nahe liegenden Sumpfgebiet gefunden – zahllose rissartige Wunden deuten auf einen Krokodilangriff hin. Kyle erfährt, dass dies nicht der erste mysteriöse Todesfall der letzten Zeit ist. Bei seinen Recherchen stößt der Polizist auf unterschiedlichste Theorien der Einheimischen: Ein Teil der Bevölkerung glaubt tatsächlich an große Panzerechsen, andere bringen den radikalen Einsiedler LaRoque mit den Morden in Verbindung. LaRoque will den Öl-Industriellen Frederic Schist aufhalten, im Sumpfgebiet nach Öl zu bohren. Andere wiederum sprechen von einer mystischen, historischen Überlieferung: Der “Wächter der Natur” erscheine und richte ohne Gnade über die, die sein heiliges Land beschmutzen.

Kritik: “Man-Thing”, obwohl gerade mal zehn Jahre alt, ist ein Relikt aus der Ära, als Marvel noch kein potentes Studio war, lieber Koproduktionen verantwortete, und tatsächlich dachte, sekundäre Charaktere in kleineren Produktionen direkt auf DVD vermarkten zu müssen. Damals hatte man noch nicht die Eier, an das Gold in jeder Figur zu glauben. Und so produzierte man “Man-Thing” preiswert in Australien statt in den Südstaaten (wo der Film spielt) und ließ “Rasenmähermann” Brett Leonard ran, einen Regisseur, der seine drei Jahre kurze “golden era” 2005 schon zehn Jahre hinter sich hatte. Von vielen Produktionsproblemen ist die Rede, von einer halbgaren Kino-Auswertung, von einer schnellen Verklappung auf Scheibe und dem Syfy-Channel.

Von der Original-Vorgeschichte des Man-Thing und den vielen Querverweisen zum restlichen Marvel-Universum ist in diesem Sumpfmonster-Heuler denn auch nicht mehr viel übrig geblieben, eine nur sehr wischiwaschi definierte Kreatur tötet halt die übliche Besetzung aus geilen Teenagern, Hinterwäldlern und skrupellosen Umweltverschmutzern. Vier Minuten bis zum ersten Sex und den ersten Brüsten, fünf Minuten bis zum ersten Kill. Check und check. Das erinnert an die Umwelthorror-Streifen der 70er (“Prophecy”, “Piranha”, “Grizzly”) und die neueren Corman-Kracher wie “CorbraGator” und “SharkTopus”, die sich in Sachen Setting und Figuren bei ihnen bedienen.

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“Man-Thing” entpuppt sich dabei schnell als Rohrkrepierer, weil für die angeblichen 7,5 Millionen Dollar Budget kaum Mehrwert zu den 750.000 Dollar-Drecksfilmen spürbar ist, die der Syfy-Channel mittlerweile auf Wochenbasis ins Kabelnetz kotzt. Die sind mittlerweile deutlich selbstironischer und besser getaktet.

Na gut, dann und wann ist ein wenig mehr Sorgfalt bei der Inszenierung der Action spürbar, ein wenig mehr Aufwand bei den hausgemachten Splattereffekten, und die Besetzung (darunter Alex O’Loughlin, mittlerweile Serienstar dank “Hawaii 5-0″) müht sich über den Rahmen von C-Trash hinaus. Einige Aufnahmen in den Sumpfsets entwickeln die gewünschte knallbunte Comic-Atmosphäre. Das Monster ist am Ende auch ganz hübsch – wobei das “am Ende” wörtlich zu nehmen ist, denn zu sehen bekommen wir es nur bedauerlich kurz. So eine Art Mischung aus Cthulhu und Grünkohl.

Aber wo die Produktion entschlossen ist, statt C-Rotz wenigstens solide B-Ware zu liefern, wird sie vom Skript komplett im Stich gelassen. Die Charaktere haben keinerlei Profil, vorgestellt werden sie nur, um dem Kanonenfutter Gesichter zu geben. Viel kleinstädtische Brusttrommelei der männlichen Figuren muss den Film über die Zeit retten, bis endlich mal das titelgebende Monster seinen Gastauftritt absolviert. Das schert so gar nicht und niemanden, das ist so tief aus der Klischeekiste gebuddelt. Mittlerweile ist der Syfy-Channel in der Beziehung schlauer und verlangt spätestens zur ersten Werbepause eine ordentliche Präsentation der Kreatur. “Man-Thing” ist da einfach zu verschämt.

Und so sieht die Flasche teuer aus, aber drin ist nur billiger Fusel. “Man-Thing” endete als minimale, weitgehend vergessene Fußnote des Marvel-Universums und irgendwann wird man die Figur sicher mit mehr Mühe und mehr Aufwand noch einmal aus der Versenkung holen.

Zum Abschluss noch der unvermeidliche Vergleich mit der DC-Konkurrenz, dem “Swamp Thing”: Mag der erste Teil (immerhin von Wes Craven!) auch ein ziemlicher Ausfall gewesen sein – “Return of the Swamp Thing” von Jim Wynorski war witziger, trashbewusster und in seiner Schäbigkeit ehrlicher als Brett Leonards Film, der vermutlich das Zehnfache gekostet hat. Selbst die immerhin 72teilige Jugendserie, mit der man das Letzte aus dem gelungenen Swampy-Kostüm zu pressen trachtete, bot mehr Unterhaltung als dieser Blindgänger von Marvel.

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Fazit: Technisch und dramaturgisch in einigen Momenten kompetenter, aber vom Skript völlig allein gelassener Comic-Monsterfilm, in dem sich Marvel (auf dem Weg nach oben) und Brett Leonard (auf dem Weg nach unten) erst- und letztmalig begegnen.

S8man1S&man

USA 2006. Regie: J.T. Petty. Darsteller: Erik Marcisak, Bill Zebub, Fred Vogel, Carol J. Clover, Debbie D u.a.

Story: Ein Dokumentarfilmer steht unter Druck, weil die Doku, für die er Geld gesammelt hat, nicht zustande kommt. Alternativ beschließt er, einen Schnellschuss über Underground-Filmer zu drehen, die er bei einer Horror-Convention trifft. Obwohl deren Sujet oberflächlich Horror ist, geht es meistens wie bei Pornos um die Befriedigung von Trieben und Fetischen. Einige von ihnen drehen sogar auf Kundenwunsch bizarre Szenen zum rein privaten Gebrauch. Als außerordentlich mysteriös stellt sich ein junger Mann heraus, der in der “S&man”-Serie jungen Frauen nachstellt. Die Frage, was hier real und was Fiktion ist, wird schnell zum Kern des Doku-Projekts…

Kritik: Ich weiß nicht, wieso ich mir diesen Streifen anschauen wollte. Irgendwie war ich wohl wegen des Titels dem Missverständnis aufgesessen, “S&man” sei eine Art ultrabilliger Superheldenfilm. Ich fand mich getäuscht. Aber wenn die Scheibe sich schon mal im Player dreht, gibt es kein Zurück.

“S&man” gibt vor, eine billige Doku zu sein, die in den “seedy underbelly” des Low Budget Films abtaucht und in der Welt von Snuff und Fetisch ein entsetzliches Geheimnis aufdeckt. Von Regisseur Petty, der eigentlich aus dem Bereich Videospiele kommt, hatte ich vor Jahren mal den visuell interessanten, aber dramaturgisch fußlahmen Horrorwestern “The Burrowers” besprochen. “S&man” teilt viele seiner Probleme. Petty hat einfach kein Händchen für Spannung. Selbst wenn alle Elemente stimmen und sich die Suspense eigentlich natürlich einstellen sollte, kommt keine Freude auf.

Beherrscht Petty schon als Regisseur die notwendigen Taschenspielertricks nicht, fehlt es ihm als Autor völlig an der notwendigen Fähigkeit zum Bluff, den man am Pokertisch Drehbuch braucht. Was er für eine langsame Enthüllung seines großen Twists hält, ist für jeden Zuschauer nach zehn Minuten schmerzhaft offensichtlich – der Rest der Laufzeit ist nur das Warten auf die Bestätigung.

S&man2

 

Im ersten Augenblick scheint die Verwendung authentischer Figuren in “S&man” ein geschickter Schachzug, erhöht sie doch den Eindruck, es hier mit einer “echten” Doku zu tun zu haben. Aber letztlich leistet das einen Bärendienst, weil man viel mehr über die Arbeit dieser nur zur Ablenkung eingestreuten Nebenfiguren wissen möchte als über den zu offensichtlich fiktionalen Antagonisten. Die Deklarierung als Spielfilm stellt außerdem viele der hier getätigten Aussagen ins Zwielicht – man kann “S&man” nichts glauben und  möchte am Ende statt der Fake-Doku lieber eine echte Doku über die Underground-Szene. Das narrative Element ist letztlich verzichtbar und uninteressant.

So bleibt die Frage – wer ist hier die Zielgruppe? “Softe” Horrorfans dürften kein Interesse an der präsentierten “Szene” haben, Hardcore-Freaks kennen sie zu gut, um sich von Petty ins Bockshorn jagen zu lassen. So verhungert “S&man” als erzählerisches Experiment auf niedrigem Niveau über ein Thema, das eine genauere Betrachtung verdient hätte.

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Fazit: Fake-Underground-Doku über Underground-Horror/Fetisch-Filmer, deren fiktionale Elemente zu uninteressant sind und auch zu offensichtlich.

MadFoxes1Mad Foxes

Schweiz/Spanien 1981. Regie: Paul Grau. Darsteller: José Gras, Laura Premica, Andrea Albani u.a.

Story: Ein junger spanischer Playboy namens Hal Walters gerät wegen seines extravaganten Wagens in Streit mit einer Clique von Nazi-Bikern. Schlägereien und Vergewaltigungen wechseln sich ab, irgendwann holt Hal seine Kumpel aus der Karateschule zu Hilfe, um es den Rockern zu zeigen. Diese wehren sich mit Maschinengewehren. Das folgende Massaker ist aber noch nicht das Ende der Zwistigkeiten – zum blutigen Showdown kommt es in der Villa von Hals Eltern.

Kritik: Es geht das Gerücht, “Mad Foxes” sei ein Abschreibungsprojekt des umtriebigen Trash-Königs Erwin C. Dietrich gewesen – ein Projekt, über das man Gelder aus fragwürdigen Quellen waschen konnte. Somit kein wirklicher Film, sondern eine Art Stellvertreter, ein Platzhalter, etwas, dass man depperten Bankern glaubwürdig als Film verkaufen konnte, ohne es je ernsthaft in den Markt zu schieben. Etwas, das nichts taugen musste, sondern nur existieren.

Und genau so sieht “Mad Foxes” auch aus. Ich kann mich an keinen international vertriebenen Film erinnern, der so sehr nach “mit ein paar Kumpeln vor Ort improvisiert” aussieht. Im Drama gibt es keinerlei Regie, in der Action keinerlei Choreographie. Die Beteiligten stehen rum, sagen IRGENDWAS, und bei den Kämpfen schlenkern sie gerade mal ausreichend die Extremitäten, um sich das Catering zu verdienen. “Mad Foxes” hat keine Geschichte zu erzählen, er passiert einfach. Die Biker finden Hal scheiße, also massakriert man sich gegenseitig, bis keiner mehr übrig ist. So einfach geht Kino.

Nichts, wirklich gar nichts ergibt hier irgendeinen Sinn. Das armselige Häufchen Nazi-Biker fährt Enduros, die Karatemeister tragen Gelbgurt, die Szene in einem Nachtclub scheint willkürlich Tanzszenen aus drei Filmen und drei Jahrzehnten zu verwursten. Alle zwanzig Minuten wird schmierig gepimpert, der Rest ist rüde Rauferei.

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Nun klingt es vielleicht so, als würde ich all das dem Film vorhalten. Mitnichten! “Mad Foxes” (in Deutschland auch mit den Zusätzen “Feuer auf Räder” oder “Räder auf Feuer” erhältlich) ist der Stoff, aus dem Trashologen-Träume sind! Wo nichts muss, geht alles! Eine Zelluloid gewordene Leckmich-Mentalität, dödelschwingend und alle niederen Triebe auslebend. Jungfrauen werden vergewaltigt, Nazis entmannt, Rollstuhlfahrerinnen weggeblasen. Hakenkreuze auf Armbinden kommen und gehen (je nachdem, ob an einem Ort gedreht wurde, an dem Ärger zu befürchten war), kleinere Unfälle und Pannen in der Action werden einfach in den Plot gebaut. Und das alles noch garniert mit der schauderhaften Musik der schweizer Heavy-Rocker von Krokus.

Zum völligen Meta-Erlebnis artet “Mad Foxes” dann beim Showdown in einem ranzigen Filmstudio aus, wo auch die einzige Chance zur Brillanz vertan wird: Hätten in diesem Studio die vorher gesehenen Locations als Sets gestanden, DAS wäre echtes Kino über das Kino gewesen. Aber es sollte nicht sein.

Es gibt zu wenige Filme wie “Mad Foxes”. In dieser Liga spielen allenfalls “Macho Man” mit René Weller und vielleicht noch “Brut des Bösen” mit Christian Anders. “Mission Firegame” kann knapp mithalten, “Liebesgrüße aus Fernost” ist fast schon wieder zu professionell. Aber genau so muss das sein. Das macht Entdeckungen wie “Mad Foxes” zu Perlen, zu Pretiosen. Kaviar futtert man ja auch nicht täglich und kiloweise.

Gäbe es das B-Film Basterds Festival nicht schon – für “Mad Foxes” müsste es erfunden werden! Und wo wir gerade beim Thema sind:

b-film

Kein Trashfan kann sich erlauben, den Film nicht gesehen zu haben. Und dank einer liebevoll restaurierten und ungeschnittenen deutschen DVD gibt es auch keine Entschuldigung.

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Fazit: Ein wahnwitziges Trash-Potpourri, einsteigertauglich und auf allen Ebenen von sympathisch-hysterischer Inkompetenz durchdrungen.

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23
Januar 2015

“WTF happened to your career?” triple feature:
“John Wick”, “Before I go to Sleep” & “Birdman”

 John Wick

john wickUSA 2014. Regie: David Leitch, Chad Stahelski. Darsteller: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe, Adrianne Palicki u.a.

Offizielle Synopsis: John Wick, berühmt-berüchtigt als bester Hitman der Branche, ist nach seinem letzten Auftrag endgültig aus dem Geschäft ausgestiegen. Doch die Ruhe währt nicht lange. Nach einem Überfall auf sein Haus sieht er sich seinem ehemaligen Boss gegenüber: Viggo Tarasof, Anführer des gefährlichsten Gangstersyndikats von New York. Um seine Vergangenheit für immer loszuwerden, rüstet er sich für den ultimativen Rache-Feldzug. Doch längst hat Viggo die besten Killer der Stadt auf John angesetzt. Darunter auch Johns alten Freund Marcus. Wick bleibt wenig Zeit – und die Chancen zu überleben sind gering…

Kritik: “John Wick” kommt mit viel Vorschusslorbeeren, für mich aber auch mit viel Ballast: Die beiden Regisseure sind bisher nur als Stuntmen aufgefallen (u.a. hier) und der Autor hat vorher lediglich zwei leidlich solide Lundgren-Rappelkisten geschrieben. Wie so eine Crew es schafft, einen größeren Actionfilm mit dem notorisch wählerischen Keanu Reeves auf die Beine zu stellen, erfüllt mich mit Respekt – und Sorge.

In der Tat war ich dann beim Screening von “John Wick” auch immer wieder hin- und hergerissen, weil der Film zwei inhaltlich vergleichbare, qualitativ aber durch Welten getrennte Schulen des Actionfilms bedient. Einerseits kann er nicht verleugnen, dass seine Mutter eine osteuropäische Millennium-Schlampe ist. Der Held ist ist trotz aller Verletzungen geradezu mythisch unverwundbar, die bösen Jungs werden im Dutzend umgenietet und wenn’s kracht, kann’s auch gleich explodieren. Die bösen Jungs sind Russen und das New York von “John Wick” könnte auch Prag oder Moskau sein und Keanu Reeves Scott Adkins.

Aber “John Wick” hat auch einen übergroßen, uramerikanischen Vater – und der kommt mit dem Baseballschläger von Peckinpah, Friedkin, Mann und Winner. Das ist so verdammt präzise, fettfrei und drahtig, wie es Millennium seit Jahren versucht, aber eben nicht hinbekommt. In seiner völligen Aufgabe einer komplexen Story und der absoluten Unterwerfung unter die Entschlossenheit des Protagonisten ist Stahelskis Film Archetyp und Quintessenz des großen Männerkinos der 70er und 80er Jahre. Er ist “Driver” und “Dirty Harry”, “Bullitt” und “Coogan’s Bluff”, “Sharky’s Machine” und “McQuade der Wolf”.

Keanu Reeves zeigt, wie sehr ein solcher Film von einem echten Schauspieler mit Einsatz lebt, dem es nicht um den Scheck geht. Es hätte nur Nicolas Cage oder Dolph Lundgren in der Hauptrolle gebraucht, den schnittigen A-Actioner zu einem schmierigen B-Heuler zu kastrieren. Von der Klopperbrigade hätte ich allenfalls Statham zugetraut, das hier mit Würde über die Bühne zu bringen – weshalb ich mich auf dessen nächsten Ausflug ins Goldman/Hill-Territorium umso mehr freue:

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Aber zurück zu “John Wick”. Der totale Fokus der Figur spiegelt sich im Fokus der Regie, der Action-Choreographie, der Dialoge. Harte Männer tanzen nicht, Tote tragen keine Karos, und die Rechnung wird mit Blei bezahlt. Das ist hart, brutal, nicht immer logisch, aber immer verdammt gute Unterhaltung. Man spürt das Streichholz zwischen den Zähnen und die Billardkugel als Schaltknüppel in der Hand. Man geht breitbeinig aus so einem Film – und sucht Streit. Weil Männer so sind. Echte Männer.

John Wick ist – der Punisher. Geile Sache.

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Fazit: Ein extrem slicker, so zynischer wie sentimentaler Revenge-Actionfilm, der an Mel Gibsons “Payback” erinnert, den Geist von Walter Hill atmet und nur in wenigen Szenen die DNA der osteuropäischen Lundgren/Seagal/Statham-Klopper nicht verleugnen kann.

Ich. Darf. Nicht. Schlafen.

before i go to sleepUSA 2014. Regie: Rowan Joffe. Darsteller: Nicole Kidman, Colin Firth, Mark Strong, Anne-Marie Duff, Jing Lusi u.a.

Offizielle Synopsis: Christine Lucas leidet an psychogener Amnesie, die durch einen traumatischen Unfall ausgelöst wurde. Jeden Morgen denkt sie, sie ist eine alleinstehende Single-Frau Mitte zwanzig, doch in Wirklichkeit ist sie verheiratet und vierzig Jahre alt. Jeden Tag muss ihr Ehemann Ben ihr erklären, wer er ist. Und jede Nacht verschwindet das Wissen des Tages wieder. Als sich der Neuropsychologe Dr. Nash, mit dem sie angeblich – ohne Bens Wissen – bereits längere Zeit zusammen arbeitet, bei ihr meldet, erfährt sie, dass sie nach einem brutalen Angriff zurück gelassen wurde. Um ihr Wissen über die Nacht zu retten, beginnt Christine ein Videotagebuch zu führen. Ganz langsam fügt sich ein Puzzleteil zum nächsten und Christine muss erkennen, dass die Wahrheit weitaus gefährlicher ist, als sie sich jemals hätte vorstellen können…

Kritik: Wollte man es sich einfach machen, könnte man den neusten Versuch von Millennium, mit A-Besetzung und Romanvorlage aus dem Action-Ghetto auszubrechen, als Thriller-Version von “50 erste Dates” zusammen fassen. SIE wacht jeden Morgen ohne Gedächtnis auf, ER muss immer wieder ihr Herz neu gewinnen – nur kommen in Joffes Film noch Mord und Totschlag als Handlungstreiber vor.

Leider ist “Ich. Darf. Nicht. Schlafen.” in jeder Beziehung eine Nummer zu klein geraten. Er spielt in einer einfallslos-bürgerlichen Welt wie aus dem IKEA-Katalog, gönnt weder der Kamera noch der Beleuchtung nennenswerte Extravaganzen. Als kleines Drei Personen-Stück hätte man den Stoff mit vergleichbarem Aufwand auch als skandinavischen Thriller oder deutschen TV-Film mit Martina Gedeck verfilmen können.

Der A-Cast ist dabei eher ein Hemmschuh. Statt den Film qualitativ auf eine höhere Stufe zu hieven wie Reeves bei “John Wick”, wirkt Kidman seltsam angespannt und deplatziert, während Firth zu offensichtlich darauf spekuliert, sein Soft-Image etwas abzuschleifen. Beide liefern Dienst nach Vorschrift, weil das Skript ihnen zu wenig an die Hand gibt, mit dem sie glänzen könnten. Und Mark Strong scheint selber nicht zu wissen, wie er seine dünn definierte Figur anlegen soll.

Wie bei vielen Millennium-Filmen hakt es aber primär am Skript, das sich (soweit ich das beurteilen kann) grob an die Romanvorlage hält, aber nicht bedenkt, dass ein Buchleser immer mal ein paar Seiten zurück blättern kann, wenn er etwas nicht verstanden hat. In der filmischen Umsetzung fehlt der straffe Aufbau, der uns an die Hand nimmt. Ich habe nach der Hälfte der Laufzeit den Faden verloren, an welcher Stelle von Christines Weg zur Wahrheit wir uns befinden und was genau sie nun durch die Videoaufnahmen erfährt und an was sie sich doch erinnern kann. Das simple Setup, dass sie jeden Morgen ohne Gedächtnis aufwacht, wird zu schnell schwammig und vage.

Es nervt auch ein wenig, dass das Skript sehr offensichtliche Ideen auslässt: Warum versucht Christine nicht mal, nachts wachzubleiben? Warum vertraut sie sich keinem Dritten, bzw. Vierten an?

Hinzu kommt, dass “Ich. Darf. Nicht. Schlafen.” zwar immer wieder ein paar potente Haken schlägt, sich dabei aber im Finale böse verstolpert. Die finale Konfrontation Christines mit ihrem Peiniger bleibt kraftlos und das aufgesetzte Happy End kann nicht überzeugen.

Es kann für einen Film nicht gut sein, wenn ich den meisten Respekt der Tatsache zolle, dass sich die Produktionsfirma mittlerweile sogar Nicole Kidman leisten kann – und mich dann frage, ob das mehr über Nicole Kidman als über Millennium aussagt.

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Fazit: Ein kleiner, vergessenswerter, erzählerisch zu fahriger Thriller mit ein paar guten Twists, in dem der A-Cast allerdings etwas verloren und ungefordert wirkt. Das Ende ist weder zwingend noch befriedigend.

Birdman

birdmanUSA 2014. Regie: Alejandro González Iñárritu. Darsteller: Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, Naomi Watts, Zach Galifianakis u.a.

Offizielle Synopsis: Riggan Thomson erhofft sich durch seine Inszenierung eines ambitionierten neuen Theaterstücks am Broadway, neben anderen Dingen, vor allem eine Wiederbelebung seiner dahin siechenden Karriere. Zwar handelt es sich um ein ausgesprochen tollkühnes Unterfangen – doch der frühere Kino-Superheld hegt größte Hoffnungen, dass dieses kreative Wagnis ihn als Künstler legitimiert und jedermann, auch ihm selbst, beweist, dass er kein abgehalfterter Hollywood-Star ist.

Doch während die Premiere des Stücks unaufhaltsam näher rückt, wird Riggans Hauptdarsteller durch einen verrückten Unfall bei den Proben verletzt und muss schnell ersetzt werden. Auf den Vorschlag von Hauptdarstellerin Lesley und auf das Drängen seines besten Freundes und Produzenten Jake hin engagiert Riggan widerwillig Mike Shiner – ein unberechenbarer Typ, aber eine Garantie für viele Ticketverkäufe und begeisterte Kritiken. Bei der Vorbereitung auf sein Bühnendebüt muss er sich nicht nur mit seiner Freundin, Co-Star Laura, und seiner frisch aus der Entzugsklinik kommenden Tochter und Assistentin Sam auseinandersetzen, sondern auch mit seiner Ex-Gattin Sylvia, die gelegentlich vorbeischaut, um die Dinge in ihrem Sinn zu richten.

Kritik: An “Birdman” reizte mich nicht die Tatsache, dass sich hier ein gefallener Ex-Star zum Hampelmann in einer Produktion macht, die gleichzeitig über und unter seiner Würde ist – sondern die Tatsache, dass “Birdman” von einem gefallen Ex-Star handelt, der sich zum Hampelmann in einer Produktion macht, die gleichzeitig über und unter seiner Würde ist. Art imitates life, cinema imitates art, life imitates cinema.

“Birdman” wird jetzt schon als großer Oscar-Kandidat gehandelt – was auf den ersten Blick verwunderlich ist, denn Hollywood hat gewöhnlich kein Herz für Schauspieler, die ihre eigenen Krisen wenig verklausuliert auf die Leinwand bringen. Schaut man sich den Film aber an, wird klar, dass hier weit mehr gestemmt wird als die Neurosen von Michael Keaton.

Schon konzeptionell ist “Birdman” ein Monster. Der Film wirkt wie eine einzige zweistündige Einstellung, ein Single Camera-Experiment, das den Zuschauer zum stillen Teilnehmer macht, der durch das Theater wandert und in jeder Ecke die kleinen und großen Dramen vor der Premiere miterlebt. Gleichzeitig ist “Birdman” KEIN Pseudo-Echtzeitfilm, denn trotz der nahtlosen Narrative verdichtet er mehrere Tage, beim Spaziergang vom Studio in die Garderobe rattern unbemerkt immer wieder Stunden vorbei. Hinter unserem Rücken leben die Protagonisten im Zeitraffer, nur was das Auge sieht, verlangsamt sich auf normale Spielzeit.

Das hat zur Folge, dass “Birdman” unglaublich dicht gepackt ist, verschiedene Stränge in wechselnden Geschwindigkeiten und Abhängigkeiten erzählt. Locker 12 Folgen Seifenoper finden Platz in den zwei Stunden permanenter Bewegung, Konflikt und Tragikkomik geben sich die Klinke in die Hand. Kompaktes Theater über das Theater.

Die Darsteller, von Keaton abgesehen, füllen ihre begrenzte Screentime bis man meint, die Leinwand könne platzen. Norton ist herausragend, Stone beeindruckt wie Watts und Nuschelkomiker Galifianakis zeigt ein beeindruckendes Talent für Zwischentöne.

Keaton selbst ist Mittel- und Schwerpunkt des Projekts, sein raison d’etre, seine Inspiration. Nah genug an der Biographie, um weh zu tun – weit genug entfernt, um alle dramaturgischen Freiheiten zu lassen. Der Hauptdarsteller kann die Kamera schmerzhaft nahe an sich heran lassen – und gleichzeitig darauf verweisen, sich selbst fiktionalisiert zu haben.

Mit all diesen Eigenschaften könnte “Birdman” schnell ein eitles cineastisches “proof of concept” sein, der zu kalkulierte Versuch, mit einem Konzeptfilm und starken Darstellern Preise abzugreifen. Aber alle Beteiligten gönnen ihrem Projekt eine bezaubernde Leichtigkeit, einen ganz und gar unzynischen Humor, der die zur Schau getragene Schwere der Figuren konterkariert und das Drama von Riggan Thomson nie der Weinerlichkeit überlässt. Die Autoren überheben sich nicht an dem Anspruch, den ihre Protagonisten an das Theater haben.

Kurzum: “Birdman” ist eben nicht nur eine technische Meisterleistung, eine Farce über as Theater, und eine verfilmte Therapiesitzung von Michael Keaton – sondern vor allem ein glänzend unterhaltender und sehr witziger Kinofilm. Und DAFÜR hat er alle Preise verdient, die er hoffentlich bekommt.

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Fazit: Eine brillante Kompression eines Universums kleiner Dramen, gesehen durch ein einzelnes Auge, so hysterisch komisch wie emotional packend. Katharsis für Keaton – großes Kino für Filmfans. Eine Miniatur, wie Woody Allen sie heute machen würde, hätte er seine erzählerische Weiterentwicklung nicht vor 30 Jahren eingestellt.

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20
Januar 2015

Und nun zur Werbung

Wer fleißig lineares Fernsehen schaut, hat’s vielleicht schon gemerkt – der Klambt-Verlag schaltet jetzt auch TV-Spots für unsere Liebes Land:

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14
Januar 2015

LandLux und der Fehlerteufel

Gewöhnlich äußere ich mich nicht über die Konkurrenz bei den Landheften. Das ist stillos und unnötig. Ich habe für die LandIdee geschrieben und bin mittlerweile Chefautor der Liebes Land, da fange ich keine Grabenkriege mit Kollegen an.

Ihr ahnt: Da kommt ein “allerdings”. Und hier ist es auch schon:

Allerdings gibt es nun wieder ein neues Heft in einem Segment, das ich seit zwei Jahren für völlig überladen halte und dem ein Kehraus gut tun würde. Die “LandLux” versucht es mit ökologischem Anspruch als Alleinstellungsmerkmal.

Landlux1Auf dem Cover: Volksmusikantin Stefanie Hertel. Muss man mögen. Genau so wie die Devise: weniger ist mehr. Weil man für mehr Geld hier weniger Seiten bekommt, noch dazu sehr matt und matschig bedruckt, was gerade den Bildern nicht gut bekommt.

Vor allem aber: Ordentliches Lektorat ist für die Macher scheinbar ein Merkmal kleinbürgerlicher Autoritätshörigkeit. Die LandLux hat den Rechtschreibnazis offen den Krieg erklärt.

Wer es oben nicht sofort gesehen hat, dem vergrößere ich es gerne:

Landlux1 Kopie

Auf dem Cover. Als Motto des Heftes. Ich weiß ja, dass alternative Lebensentwürfe Blei und andere Schwermetalle meiden, aber: Ich tät’ mich erschießen.

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12
Januar 2015

Stilfragen: Jetzt lernt ihr mich kennen!

Ich halte Stil für wichtig. Den individuellen wie den allgemeinen. Jeder nach seiner Façon, aber mit Geschmack, bitte. Was du trägst, ist mir wurscht – solange dir nicht egal ist, was du trägst. Nach meiner Erfahrung verfestigt sich der Geschmack mit dem Alter. Die Experimente lassen nach, man findet das, was einem gefällt – und bleibt dann auch dabei. Früher dachte ich, das wäre ein Verlust. Aber es ist das Gegenteil: Es ist ein Gewinn von Gewissheit und Souveränität.

Manchmal frage ich mich, ob das nur für mich gilt. Und weil ich euch nicht fragen will, ohne selber die Hosen runter zu lassen, stelle ich nun meinen persönlichen “Style guide” zu Diskussion.

Wortvogels Top Lifestyle Choices

Mäntel. Zuviele. Die einzige Mode-Leidenschaft. Trenchoats, Kurzmäntel, Lederjacken, Blousons, Softshells, Duffelcoat. Strellson, Boss, Hein Gericke, Marc O’Polo.

Sakkos. Casual in dunklen Farben und guten Stoffen, mehrfach kombinierbar und sportlich. Camel Trophy, Daks, Hirmer. Trage ich bevorzugt Jeans zu. Ein schwarzer Anzug für Beerdigungen, zwei helle für besondere Gelegenheiten.

Pullover. Selten. Baumwolle oder Kaschmir. V-Neck über T-Shirt, Crewneck über Hemd, Rollkragen zum Sakko. Keine Sweatshirts.

Hosen. Jeans, regular fit. Gerne Mustang und GAP. Früher fast ausschließlich in schwarz, mittlerweile lieber in blau und grau. Ein oder zwei Khaki-Hosen als Alternativen.

Hemden. Kent-Kragen. Kein Haifisch-Krägen, keine Kontrast-Krägen. Da ich meistens “casual” gehe, auch keine Manschettenknöpfe. Bevorzugt weiß und blau, zum Casual-Sakko auch mal gestreift. Perfekt, bezahlbar und endlos haltbar sind die hier von Banana Republic. Wenn ich keinen Pullover darüber trage, rolle ich Hemden am Arm notorisch auf.

Krawatte. Trage ich selten. Aber wenn, dann mit doppeltem Windsor-Knoten. Hat mein Vater schon getragen. Sieht jetzt im Alter mit etwas mehr Körpervolumen besser aus. Retrospektiv hätte ich als junger Dürrling eher was Schmaleres knoten sollen. Man lernt.

T-Shirts. Weiß, ausreichend lang, um unter dem Hemd nicht immer aus der Hose zu rutschen. Früher reine Baumwolle z.B. von Daniel Hechter oder Burlington, heute lieber Blend von Uniqlo. Ich trage keine T-Shirts mit Aufdrucken.

Retropants. Schiesser Authentic - wenn man einmal gefunden hat, was gut sitzt und in keiner Situation Gelächter hervor ruft, dann bleibt man dabei.

Socken. Da ich wegen meiner großen Zehen Socken schnell ruiniere, trage ich gewöhnlich schwarze oder graue Socken aus dem 5er-Pack ohne Logo oder Streifen. Wenn es zur Hose passen soll, bevorzuge ich “Nur der” von “Nur die” in blau, grau, sand oder schwarz.

SchuheClarks. Leder. Dunkelbraun. Klassisch. Gerne auch Chelsea Boots. Dazu ein paar unauffällige, eng anliegende schwarze Sneaker (z.B. Adidas Racer low black) und Stoffschuhe für den Strandurlaub. Kein Schuhschrank ist vollständig ohne ein Paar Chucks.

Handschuhe. Schwarz, gefüttert, Schweinsleder – von Roeckl. Außerdem ein paar Scooter-Handschuhe für den Motorroller.

Guilty pleasure: Ein 30 Jahre alter Tchibo-Bademantel, blaugrün, außen Baumwolle, innen Frottee.

Lieblingsstück: Ein dunkelblaues Hoodie, gekauft 2011 bei Old Navy in Memphis.

Keine Schals, keine Sonnenbrillen, keine Regenschirme, keine Mützen, kein Schmuck. Je weniger Accessoires ich mit mir herum schleppe, desto besser.

Never leave home without it: Brieftasche (Camel, braun, rechte Gesäßtasche), Schlüssel (Hosentasche rechts), Smartphone (Innentasche Sakko links), Armbanduhr (links).

Dusche. Warm. Mit preiswertem Duschgel.

Zahnpflege. Die preiswerteste Zahnbürste (soft), die preiswerteste Zahncreme.

Rasur. Nass. Immer schon. Mit dem elektrischen Rasierer fühle ich mich nicht rasiert, nicht frisch – und das hat auch nie wirklich funktioniert. Seit einigen Jahren bin ich vom Rasierschaum aus der Dose auf Rasierseife aus dem Rosenholz-Tiegel und einen guten Rasierpinsel umgestiegen. Dazu handelsübliche 3- oder 5-Klingenrasierer. Ich rasiere mich allerdings nur einmal die Woche.

Aftershave. Ich habe zwei: Für besondere Tage und zum Ausgang “Truefitt & Hill Trafalgar“, für die normale Rasur einen Klassiker wie “Hattrick” . Auch in diesen Dingen lasse ich Trends oder Experimente aus.

Nagelpflege. Kurze Nägel. Nagelclipper.

Friseur. 9 Euro. 15 Minuten Maximum. Kein Gel.

Schreibgerät. Kugelschreiber. Montblanc Meisterstück. Für Verträge der Montblanc Masterpiece Edition Agatha Christie.

Frühstück. Toast. Orangensaft. Kaffee. Apfel. Alternativ: Porridge. Kalt.

Softdrink. Freeway Cola & Orange zero.

Wurst. Salami hauchfein Edelschimmel von ALDI.

Eis. Eisdiele: After Eight. LIDL: McEnnedy Master Taste Cookie Dough.

Obst. Pink Lady Äpfel.

Medikamente-Basisausstattung. Aspirin. Cetrizin. Bullrichsalz. Grippostad. Nasic. Ohrstöpsel.

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10
Januar 2015

X-mas reloaded: Ein bescheidener Vorschlag

Es begann als flüchtige Schnapsidee, verdichtet sich aber mittlerweile zur trunkenen Entschlossenheit. Ich glaube, ich verschiebe 2015 das Weihnachtsfest. Auf 2016.

Statt 24.12.2015 werde ich Heiligabend am 6. oder 7. Januar 2016 begehen.

Das klingt im ersten Augenblick albern, kontraproduktiv und gegen alle Vernunft. Aber hört mich an! Weihnachten ist Weihnachten. Man feiert, nachdem man das letzte Türchen am Adventskalender aufgemacht hat. Das ist seit 2000 Jahren so – oder zumindest, seit es Adventskalender mit einer 24er-Türchenteilung gibt. Also seit ungefähr 100 Jahren.

Es ist mir aber kürzlich aufgefallen, wie viel praktischer es wäre, das Fest zwei oder drei Wochen später zu feiern.

Haken wir erst einmal die klerikalen Bedenken ab: Der 24. bzw. 25. Dezember als Geburtstag Christi ist kein historisch belegter Termin. Im Gegenteil: Es ist historisch belegt, dass der Geburtstag des ollen Sandalenträgers aus opportunistischer Bequemlichkeit auf diesen Tag gelegt wurde. Wenn ich mal die Webseite WWW-Weihnachten.de zitieren darf:

“Der Geburtstag von Jesus ist eigentlich unbekannt. In alten Aufzeichnungen ist vom 20. Mai zu lesen, andere wiederrum sprechen vom 6. Januar (“Fest der Erscheinung des Herrn”) Der 25.Dezember als Tag an dem wir heute Weihnachten feiern, wurde von römischen Kopisten Furius Dionysius Filocalus im Jahr 354 festgelegt.”

Demnach wäre eine Verlegung des Heiligabend vielleicht auf den 6. Dezember, die Feier auf den 7. und 8. Januar genauso plausibel. Kein Grund, sich mit dem Papst zu streiten.

Darüber hinaus sind die Vorteile der verschobenen Weihnacht immens.

Fangen wir mit den finanziellen Einsparungen an: Adventskalender bekommt man ab dem zweiten Advent nachgeschmissen. 50, 60, 70 Prozent Preisnachlass sind die Norm. Da kann sich auch der Basis-Haushalt mal die Premium-Variante leisten.

Nicht anders bei den Leckereien für unter den Baum: Einfach von Amazon Prime tonnenweise Schokolade, Bonbons und Marzipan zeitig zum Fest schicken lassen, wenn der Rest der Republik sich schon ächzend die Wampe tätschelt. Schont zwar nicht den Cholesterinspiegel, dafür aber den Geldbeutel.

Wer es auf die Spitze treiben will, kommt auch bei den teuren Geschenken günstig rum. In genügend Foren kann man nach dem alten, hässlichen und überholten Heiligabend preiswert abstauben, was geschmacksverirrend geschenkt und angenommen wurde. Der weihnachtlichen Ehekrise verdankt man dann so manches Schnäppchen.

Und dann die Bäume! Nix mehr mit elenden Märschen zu Supermarkt-Parkplätzen! Einfach zwei, drei Tage nach den “offiziellen” Feiertagen vor dem Haus nachschauen,, was die Nachbarn rausgestellt haben. Breite Auswahl, alle Größen, alle Sorten, kostenfrei! Da kann man ruhig auch mal pro Zimmer einen Baum aufstellen, inkl. Gästeklo.

Vor allem aber: Zwei Wochen vor dem Fest hört das “Last Christmas”-Gejaule auf! Aus dem Äther dudelt endlich wieder die neutrale “Das Beste der 80er, 90er und die Hits von heute!”-Scheiße. Das Fernsehprogramm ist auch besser.

Die Klimaforschung habe ich ebenfalls auf meiner Seite: Der Heiligabend 2.0 liegt deutlich weiter im Winter und erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine weiße Weihnacht!

Jahaaa, mag nun so mancher einwerfen – aber was ist dann mit dem gemütlichen Spaziergang über den Weihnachtsmarkt, mit Glühwein und Zimtwaffel? Da halte ich zuerst mal entgegen: Gemütlicher Spaziergang – wann warst du denn das letzte Mal auf einem Weihnachtsmarkt, der einen gemütlichen Spaziergang erlaubt und nicht einer überteuerten Safari in Sachen drängelnder Großstadtspacken gleicht?

Als Neubewohner von Speyer löst sich das Weihnachtsmarktproblem für mich sowieso von selbst: In der Domstadt dauert der Budenzauber bis zum 7.1., also genau bis zu meinem Heiligabend 2.0.

Heiligabend 2.0 ist nicht nur entspannter, sondern auch flexibler – je nach der Aufteilung der Wochentage kann man sich den verschieben, wie es ins Lebenskorsett passt. Freiberufler? Feiert unter der Woche mit den Lieben. Angestellter? Beschert am Freitag Abend, dann muss er keinen Urlaub nehmen. Gerade in Zeiten von Patchwork-Familien erspart das Konzept ungemein Stress: Kindern können an einem Heiligabend zu Mama und Papa 2 gehen, an einem anderen Heiligabend zu Papa und Mama 2 (oder 3, oder 4). Keine Gezanke um die Fürsorge mehr!

Und was ist mit den Adventskalendern und ihren dann fälschlich von 1-24 nummerierten Türchen, höre ich euch schreien? Einfach: Man nummeriert die Türchen mit Edding von 14-7 um. Ein kleiner Preis für großen Komfort, wie ich finde. Oder man ist noch schlauer und erklärt die Türchen zum Countdown, öffnet am 14.12. Tür 24 und zählt dann einfach runter bis zum neuen Heiligabend. Ist sowieso spannender – sonst hätte Fritz Lang das auch nicht erfunden.

Mir ist klar, dass die Popularisierung der “späten Weihnacht” eine Kommerzialisierung nach sich ziehen würde. Zum Gelingen meines Plans ist es wichtig, dass nur maximal fünf Prozent der Bevölkerung umsatteln. Sonst rechnet es sich nämlich für die Discounter, die Schokoladen-Nikoläuse länger zum Vollpreis anzubieten. Und irgendein Vollidiot vom Formatradio hält es für witzig, den “Spätfeiererern” nochmal “Last Christmas” hinterher zu schicken.

Abgesehen davon: Wasserdichtes Konzept, finde ich.

You’re welcome.

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9
Januar 2015

Dienst ist Dienst und Rufus ist Rufus

Ich sitze gemütlich, aber nicht faul auf dem Sofa. Draußen pfeift schwer der Wind, Tee und eine Bettdecke halten mich warm. während ich auf dem Notebook Reportagen für die nächste „Liebes Land“ schreibe.

Becky liegt dösend neben mir.

Rufus reicht das nicht.

„Du-huuu…”

Der Kater pirscht sich von links ran, setzt vorsichtig eine Vorderpfote auf mein Trackpad und schiebt sein Köpfchen zwischen mich und den Bildschirm mit der Arbeit.

„Du-huuu…”

Ich seufze. „Was ist denn, du kleiner Scheißer?”

Er positioniert sich nun komplett auf der Handablage des Laptops, ich muss die Hände wegnehmen. Er schaut mich mit großen Augen an, streckt mir das Näschen entgegen und gurrt leise.

„Kuscheln?”

Es geht nicht. Ich habe ECHT keine Zeit dafür. Außerdem hat er schon die ganze letzte Stunde auf meinen Beinen gelegen, weshalb ich nicht aufstehen konnte und mich nun nach der Toilette UND dem Tee sehne, der dank Rufus außerhalb der Griffweite steht.

„Rufi, schleich dich. Scheffe muss arbeiten.”

Rufi drängt sein Köpfchen in meine rechte Armbeuge, dann in die Achselhöhle. Da ist es schön warm. Er lässt sich einfach zur Seite plumpsen, liegt eingekeilt zwischen meinem Oberkörper und der Rückenlehne des Sofas. So sieht gelebte Zufriedenheit aus.

„Kuscheln?”

Ich könnte jetzt wieder tippen. Mit zwei Fingern der linken Hand. Das bringt nichts. Ich kraule den Kater ein wenig hinter dem Ohr, dann hebe ich ihn sanft über mich zu seiner Schwester. Sie macht nicht mal die Augen auf. Sofort versucht Rufus, wieder auf mein Laptop zu steigen.

„Du-huuu?”

Es tut mir fast körperlich weh, aber ich schiebe ihn so weit weg, dass er vom Sofa springen muss. Zu meiner eigenen Fassungslosigkeit entschuldige ich mich bei meinem Kater dafür: „Rufi, das geht jetzt nicht. Schau mal im Rest der Wohnung nach dem Rechten.”

Er scheint auf mich zu hören, trottet langsam davon – nur um das Sofa am Fußende zu umrunden und auf der anderen Seite über den kleinen Beistelltisch von rechts auf die Rückenlehne des Sofas und damit auf Augenhöhe zu springen.

„Du-huuu? Kuscheln?”

Er drückt mir sein Köpfchen entgegen und schnurrt wieder. Als er merkt, dass ich nicht reagiere, springt er von der Lehne und geht in die Gästetoilette, wo das Katzenklo steht. Prima, denke ich, dann ist er mindestens eine Minute beschäftigt.

Aber Rufus will nicht pieseln oder poopen. Ich kann förmlich hören, wie er sich eine Pfote vor die Schnauze hält, räuspert und leise “mi-mi-mi-mi” macht, bevor er damit anfängt, lautstark seinen Weltschmerz durch die Wohnung zu brüllen.

Rufus liebt die Akustik in der Gästetoilette. Sie ist seine Konzerthalle.

Selbst Becky scheint das peinlich zu sein. Sie steht müde auf und schlendert zum Kratzbaum, wo sie sich auf die höchste Ablage legt. Mit dem Gesicht zur Wand. Vermutlich ärgert sie sich, dass sie als Katze keine Ohrstöpsel hat.

Nach drei Minuten Arie fällt Rufus auf, dass ich nicht reagiere. Er beschließt, ohne Zugabe von der Bühne zu gehen und stattdessen die Wildnis zu erkunden – also die paar Sträucher und Stauden auf unserer Terrasse. Das Näschen im Wind, begibt er sich auf Expedition.

Mir bleiben vermutlich zwei Minuten. An die Arbeit!

“Du-huuu? Kuscheln?”

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8
Januar 2015

Bezahlter Diebstahl – Ross und Reiter (NACHTRAG)

Natürlich wird Content im Internet durchgereicht. Das Web ist eine Sharing-Kultur, darum ist der Share-Button neben dem Like-Button auch die wichtigste Funktion von Facebook. Könnte ja sein, dass der Freundeskreis das lustige Katzenvideo oder den zutiefst wahren Spruch über das Leben noch nicht kennt. Persönlich reizt mich das weniger, weil ich den Wortvogel gestartet habe, um genuinen Content zu produzieren.

Es gibt aber Auswüchse der Sharing-Kultur, die mich nerven. Wenn Ideen- und Themenklau zum Geschäftsprinzip erhoben werden. Kein Konzept – nur noch billig zusammen geschustertes “Best of” des Internets, versehen mit diesen unsäglichen “Was dann geschah, konnte niemand ahnen!”-Headlines oder den nicht minder ekligen “Bei Nr.5 musste ich weinen”-Anreißern. Heftig.co und alle, die bei diesem Trittbrettfahrer trittbrett fahren. Ich schmeiße Leute, die das regelmäßig teilen, ebenso regelmäßig von meiner Freundesliste.

Nun ist es eine Sache, Videos, Bilder und Cartoons zu teilen. Es ist aber eine andere, den mühsam selbst erarbeiteten Content von privaten Blogs rauszukopieren, mit neuer Autorenzeile zu versehen und dann als kommerziellen Beitrag zu verwursten. Das hat für mich nichts mehr mit Sharing zu tun, das ist Diebstahl.

Ein schönes Beispiel dafür habe ich dieser Tage bei Buzzfeed gefunden, einer US-Seite, die mittlerweile immer mehr deutschsprachigen Content einstreut:

Buzz

Ich will mich gar nicht groß über den trendigen, aber zutiefst beschissenen Stil der persönlichen Ansprache auslassen, der rein gar nichts von journalistischen Standards hält. Nein, ich hätte diese Mode in den 90ern NICHT gerne getragen. Ja, mein Geld HÄTTE dafür gereicht. Nein, ich werde NICHT gerne ungefragt geduzt.

Abgesehen davon: Cool, oder? Da hat sich Sebastian Fiebrig die Mühe gemacht, alte Bravos zu durchsuchen und abzuscannen, um Modesünden der 90er ironisch aufzuarbeiten.

Hat er sich die Mühe gemacht?

Nein, hat er nicht. Die gesamten Scans sind komplett aus einem Beitrag des bezaubernden “Von gestern”-Blogs rauskopiert:gestern

Immerhin gibt es zu jedem geklauten Bild einen verschämten Quellennachweis:

imp

Ich finde, dass Quellenhinweise eigentlich auf eine ausführlichere Quelle verweisen sollten – und nicht nur auf die Originale eines Beitrags, den ich durch meine Kopie auf einer deutlich größeren und kommerziellen Webseite überflüssig gemacht habe.

Mich irritiert auch, dass Leute wie Sebastian Fiebrig keine Probleme haben, Content zu klauen und als eigenen Artikel mit Namen und Bild zu verkaufen. Man darf nämlich nicht vergessen: Sebastian bekommt ein Honorar für diesen Beitrag, den eigentlich der Macher von “von gestern” unter großer Mühe kostenlos erarbeitet hat. HIER finde ich den Begriff Raubkopie tatsächlich mal angebracht.

Es ist ja nicht so, dass man das nicht fairer handhaben könnte, in dem man z.B. das Honorar für die Strecke 50:50 zwischen dem Original-Ersteller und dem Übernehmer aufteilt. Der eine macht’s möglich, der andere macht’s publik. Auch eine Art von Sharing.

Nun gut, vielleicht hat Buzzfeed die Bildstrecke ja von “von gestern” nach Absprache übernommen oder wenigstens um Erlaubnis gebeten oder wenigstens auf die Zweitverwertung hingewiesen. Ich frage bei “von gestern” nach:

“Danke für den Hinweis, hab ich noch nicht gesehen (…) grenzt schon an Dreistigkeit (…)”

Also keine abgesprochene Übernahme oder Zweitverwertung – schlichter Content-Diebstahl.

Ich frage nun Sebastian Fiebrig an, ob er das Material lizensiert hatte und – falls nicht – ob es ihm nicht arm vorkäme, Fremdcontent ohne Eigenleistung unter seinem Namen abzurechnen. Er scheint sich mit dem Vorwurf nicht auseinander setzen zu wollen. Seine vollständige Antwort:

“Vielen Dank, dass Sie sich Sorgen um uns machen. Ich weiß das sehr zu schätzen.”

Ein paar Stunden später schickt er noch nach:

“Sie verstehen sicher, dass ich keinen Leuten einfach antworte, die sich weder vorstellen und noch sagen, wofür sie Informationen benötigen.”

Keine Skrupel beim Klauen von fremdem Content, aber empfindlich bei der Nachfrage – überraschend. Zumal ich mich in meiner Anfrage vollständig vorgestellt hatte und ich auch ursprünglich nicht vorhatte, die Informationen zu verwenden. Ich wollte nur wissen, ob er selbst sein Verhalten okay findet. Tut er wohl. Und deshalb schreibe ich nun drüber.

Ich habe tatsächlich Sorge, dass hier eine Generation von Content-Generatoren heran wächst, die keinen Sinn mehr dafür hat, dass ihre Aufgabe eigentlich nicht die Beschaffung (wenn wir es nicht Diebstahl nennen mögen) von Inhalten sein sollte, sondern deren Herstellung. Die sich Redakteure nennen, obwohl sie gerade mal Kopisten sind. Deren kreative Potenz sich mit der Abschöpfung fremder Leute Arbeit begnügt.

Der Macher von “von gestern” hat letztlich mehr Größe als ich:

“Solange sie korrekt verlinken und die tags nicht abschneiden, sehe ich es als Werbung für mich.”

Ich kann Buzzfeed allerdings nur empfehlen, das nicht mit meinen Beiträgen zu versuchen.

NACHTRAG: Wenn ich das richtig sehe, hat Buzzfeed nur wenige Stunden nach Veröffentlichung meines Artikels eine größere Erwähnung und Danksagung an “von gestern” hinzugefügt. Nett von ihnen – schade, dass es erst nötig war, “public shaming” zu betreiben.

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Januar 2015

Elf Perlen… aus der Twilight Zone

Die “Twilight Zone” gehört zu meinen liebsten Fernsehserien überhaupt. Die Neuauflage von 1985, wohlgemerkt, nicht das Original von 1959 oder die neuerliche Neuauflage von 2002. Ich habe die Serie damals eher zufällig im holländischen Fernsehen gesehen, wo sie englisch mit holländischen Untertiteln lief – von der ersten Episode an war ich gepackt. Das war eine Genreserie, die ihre Figuren und Geschichten ernst nahm, die nicht auf Gimmicks oder alberne Effekte setzte. Es war eine brillante Umsetzung der Kurzgeschichtensammlungen, die ich mir damals so gerne aus der Leihbücherei holte. Science Fiction, Grusel und Fantasy ohne Anbiederung an ein jugendliches Publikum. Keine lustigen Sidekicks, keine sexy Backfische, keine coolen Captains. “Twilight Zone” war erwachsen – und ich wollte es ja auch sein.

Ich hatte drüber nachgedacht, diese Collection meiner liebsten “Twilight Zone”-Episoden aus der ersten Staffel erst im Oktober zu Halloween online zu stellen. Aber ich fürchte, dass irgendein Rechteinhaber die Videos bis dahin gesperrt haben könnte. Also gönnt euch die Folgen jetzt für die langen Winterabende. Ich empfehle eine Folge pro Abend, ausgesucht nach der gewünschten Länge – denn ein Alleinstellungsmerkmal der 85er-Zone war die Aufgabe strikter Laufzeiten. Episoden konnten 10 Minuten, aber auch eine halbe Stunde lang sein. Das kam der Dramaturgie zugute.

Nightcrawlers

Eine Episode von William “Exorzist” Friedkin und so ziemlich die härteste Kost, die in der Serie versucht wurde. Hardcore-Horror war für ein großes Network eine absolute Novität und die Zombies durften seinerzeit nicht in Nahaufnahme gezeigt werden. Das erinnert weniger an die alte “Twilight Zone” von Rod Serling und mehr an die EC Comics wie “Two fisted Tales”:

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A small talent for war

Der Titel ist leider eine Art Spoiler, aber ich liebe John Glovers sarkastische Variation des Aliens aus “The day the earth stood still”. Mit knapp acht Minuten Laufzeit die kürzeste Episode und genau richtig für die gehässige Schlusspointe:

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Shatterday

Habe ich hier schon mal gezeigt – eine Geschichte des Großmeisters Harlan Ellison und die erste nennenswerte Rolle von Bruce Willis. Außerdem die erste “Twilight Zone”-Folge, die ich je gesehen habe. Die Eröffnungsmonolog kann ich heute noch im Schlaf. Eine schöne Meditation über die Gier der 80er:

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Red Snow

Eine recht banale Geschichte, die durch das Setting Sowjetunion und den kalten russischen Winter enorm gewinnt. Gute Besetzung – und der Drehbuchautor hat seither für zwei Dutzend angesehene Genre-Shows geschrieben:

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The Star

Selbst im Rahmen der “Twilight Zone” war ich immer ein Fan der Science Fiction-Episoden, die die Serie aufgrund ihres Aufwands an die Grenzen ihrer Möglichkeiten brachten. “The Star” wurde (als letzte Arbeit) von der deutschen TV-Regielegende Gerd Oswald nach einer Story von Arthur C. Clarke gedreht und stellt die Frage nach dem Preis, den das Universum für ein höheres Ziel zu zahlen bereit ist:

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Shadow Play

Ein Remake einer Episode der alten Serie und eine Art Vorläufer von “Und täglich grüßt das Murmeltier” mit einem Schuss kafka-esker Aussichtslosigkeit des Apparats:

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A matter of minutes

Konzept-SF at its best – was passiert, wenn ein junges Paar einfach “aus der Zeit fällt”? Gibt es unsere Realität außerhalb der Zeit überhaupt oder ist sie eine Welt, die für jede Minute neu gebaut werden muss? Und wer baut sie dann?

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Dreams for sale

Noch eine sehr kurze Geschichte mit einer knappen und durchaus erahnbaren Pointe, die von der in den 80ern in zu vielen Schurkenrollen verheizten Meg Foster und ein paar schönen Trickaufnahmen lebt:

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A message from Charity

Sicher die überraschendste Wahl für meine persönliche TZ-Top Ten – “A message from Charity” ist eine zarte Liebesgeschichte über ein Jahrhundert hinweg, sanft erzählt und ohne Schockeffekte. Mit 38 Minuten ist sie zudem die längste Folge hier. Aber sie ist auch ein perfektes Beispiel, welche Bandbreite das Format zulässt:

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I of Newton

Noch ein Knallbonbon einer Kurzgeschichte, billig und gänzlich auf die Pointe hin produziert (die in der deutschen Synchro übrigens komplett vergeigt wird). Aber die Dialoge sind pfiffig und der Plot ist wieder mal eines EC Comics würdig:

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To see the Invisible Man

Ja, man kann diese Episode für kitschig und melodramatisch halten. Ich halte sie für zutiefst menschlich und erschütternd. Sie basiert nicht ohne Grund auf einer Story von SF-Legende Robert Silverberg:

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