29
Dezember 2015

16 for '16: Wortvogels Serienguide (3)

The Magicians

7 Episoden, Syfy Channel. Basiert auf einer Reihe von Young Adult-Büchern. Harry Potter als dröges Hipster-Drama mit unsympathischen, fehlbesetzten Darstellern, teilweise erschreckend schwachen Effekten und einem konfusen Skript, das den Zuschauer völlig außen vor lässt und null Spannung generiert. Versagt genau da, wo Magie anfängt: Bei Kreativität und Phantasie. Kanadisch produzierte Billigware wie "Dark Matter" und "Killjoys", die primär Sendeplätze zwischen den Prestige-Produktionen füllen soll.

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Neon Joe, Werewolf Hunter

5 Episoden, Adult Swim. Dem Sender Adult Swim haben wir ein paar echte Kultklassiker zu verdanken - nur leider merkt man Neon Joe an, dass die Serie zu penetrant in Richtung Kult schielt. Klar ist es amüsant, Werwolf-Splatter im Rahmen einer Kleinstadt-Comedy wie "Parks and Recreation" zu sehen und viele der üblichen LA-Comedians sind mit Gusto dabei. Aber Jon Glaser ist hier so unsympathisch wie in "Parks and Recreation" - dabei soll er der (Anti-)Held sein. Launig, aber mir persönlich im Zentrum zu dünn. "Death Valley" war besser.

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The Lizzie Borden Chronicles

1 TV-Film und 8 Episoden, Lifetime. Eine Fortführung des TV-Films "Lizzie Borden Took an Ax" über die vermeintliche Elternmörderin aus dem 19. Jahrhundert. Das ist thematisch schon fragwürdig und dürfte gerade auf dem Truschen-Sender Lifetime allemal eine Garantie für langweiliges kanadisches Kostüm-Melodram sein, aber die Kombination aus historischem Setting, Rockmusik, Hyper-Editing, brutaler Gewalt und einer genüsslich intrigierenden Christina Ricci lässt tatsächlich vergessen, dass es sich hierbei lediglich um eine Crime-Soap handelt.

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Second Chance

Unbekannte Episodenzahl, Fox. Ein knarziger Ex-Sheriff und Vater eines FBI-Agenten wird nach seinem gewaltsamen Tod experimentell verjüngt wieder erweckt - und kann doch von seinem alten Leben nicht lassen. Vor 15 Jahren hieß ein deckungsgleiches Konzept "Now and again" (bei uns "Future Man"). Gelackte Dutzendware, besetzt mit austauschbar attraktiven Darstellern, bei der es letztlich egal ist, ob der Protagonist unsterblich, teilweise Roboter oder halb Alien ist - die Mechanismen sind Schema F. Wer seine Actionserien oldschool mag, sollte reinschauen. Bonus: Nicky Whelan, immer eine Augenweide.

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28
Dezember 2015

Kostümwechsel bei den Superhelden:
Dankbarkeit zum Jahreswechsel

Heute wurde das erste offizielle Bild von Benedict Cumberbatch als "Dr. Strange" veröffentlicht - und wieder mal hat Marvel bei Casting & Kostüm den Nagel auf den Kopf getroffen. Das sitzt so perfekt wie bei Jackman als Wolverine, bei Hemsworth als Thor, bei Robert Downey jr. als Tony Stark.

Ein Grund mehr, von allen Superheldenfans der neuen Generation ein bisschen Demut einzufordern. Es gab Zeiten, da waren Comics drittklassige, als minderwertig betrachtete Vorlagen für jämmerliche TV-Serien und Low Budget-Filme. Damals war die Frage nicht "Wie setzen wir das werkgetreu um?", sondern "Wie können wir das soweit kastrieren und verwässern, dass es dem Normalpublikum zumutbar ist?" - was am Ende das Gegenteil erreichte.

Mit diesem heute / damals-Vergleich der mehrfach verfilmten Figuren möchte ich daran erinnern, wie weit wir gekommen sind.

helden

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28
Dezember 2015

16 for '16: Wortvogels Serienguide (2)

South of Hell

Acht Episoden, WEtv. Eli Roth hat seine Finger wirklich überall drin, und nachdem er mich mit diversen Filmen gelangweilt hat, die ein immer gleiches Gerüst in wechselnde Genres kleiden, versucht er sich nun an Miniserien. Natürlich werden die üblichen Exorzismus- und Schock-Nummern abgezogen, edginess wird angedeutet, aber nie wirklich geliefert. Trotzdem wäre "South of Hell" dank der atmosphärischen New Orleans-Locations und einer starken zentralen Performance von Mena Suvari und ihrem brandneu erweiterten Dekolleté durchaus sehenswert, würden nicht der dünne Plot und die hanebüchen platten Dialoge den Zuschauer immer wieder aus der Laune reißen.

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Jekyll & Hyde

10 Episoden, ITV. Nein, nicht die umpfzigste Neuverfilmung des Stevenson-Romans, auch keine kontemporäre Neuerzählung wie 2007 mit James Nesbitt und Michelle Ryan. Jekyll & Hyde 2015 ist ein blitzsauberes Pulp-Abenteuer im Stil von Groschenromanen, das wild Horror, Abenteuer und Spionage miteinander verknüpft und mit viel britischem Humor und gut aufgelegten Darstellern eine Art Neo-Serial darstellt. Ein perfektes, bunt-knalliges Gegenstück zu den „Frankenstein Chronicles“, in dem Jekylls Sohn sein Erbe und seine Rolle in einem Netzwerk verschiedener okkulter Geheimgesellschaften verstehen lernen muss.

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Agent X

10 Episoden, TNT. John Case ist ein Superagent im internationalen Auftrag der US-Vizepräsidentin Natalie Maccabee. Mit Sharon Stone, John Shea, James Earl Jones, Jamey Sheridan und Gerald McRaney superb besetzte und extrem teuer produzierte Action-Agentenserie mit vielen internationalen Locations (der Pilot spielt teilweise in Berlin). "The Bourne Notice"? Trotz aller Mühen leider schon wieder eingestellt.

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The Expanse

10 Episoden, Syfy Channel. Eine Science Fiction-Serie basierend auf den Romanen von James S.A. Corey, teilweise an Blade Runner und Total Recall erinnernd, die neue Maßstäbe in Sachen Tricktechnik und Aufwand setzt, bei den Charakteren und der übergreifenden Story aber zu lange zu diffus bleibt, um den Zuschauer wirklich zu packen. Thomas Janes lächerliche Frisur verdient einen Extra-Minuspunkt.

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27
Dezember 2015

16 for '16: Wortvogels Serienguide (1)

18dyxzbulr29njpgIch dachte schon in den 90ern, als ich meine "Serien-Guides" schrieb, im neuen goldenen Zeitalter der TV-Serien zu leben. Akte X, Babylon 5, Deep Space Nine, aber auch Northern Exposure, ER, New York Cops und Frasier waren Belege, dass die Dramaturgie erwachsener wurde, der Anspruch höher. Teurer waren Serien nie gewesen, mutiger auch nicht.

Im Nachhinein wirkt das naiv, lächerlich fast. Heute kosten Serien teilweise das fünf- bis zehnfache dessen, was vor 20 Jahren ausgeben wurde. TV hat kein Stigma mehr, sondern dem Kino auch als Event-Erzählmaschine auf vielen Ebenen den Rang abgelaufen. Stars geben sich bei den Sendern die Klinke in die Hand (Sharon Stone, Halle Berry, Jennifer Lopez, Dustin Hoffman, Thomas Jane, The Rock, Mena Suvari, Christina Ricci). Große Stoffe werden werkgetreu oder zumindest mit dem angemessenen Aufwand verfilmt.

Auch die Strukturen haben sich gelöst - Serien müssen nicht mehr episodisch und "open end" konstruiert sein, sich nicht über maximale Folgenzahlen finanzieren. Teilweise werden abgeschlossene Handlungen in drei, fünf oder zehn Episoden gepackt, die sich dann als Streaming-Event oder auf Scheibe gut vermarkten lassen. Die Begriffe Reihe, Mehrteiler, Miniserie, Maxiserie und "reguläre" Serie erodieren.

Mit den festen Programmschienen lösen sich endlich auch die Laufzeiten-Vorgaben auf. Es gibt schlicht keinen Grund mehr, warum eine Episode 50 Minuten oder 25 dauern muss. Spielfilmlange Folgen, Häppchen à zehn Minuten? Warum nicht? Ich begrüße diese Entwicklung ja auch im DVD-Bereich, wo z.B. Rückschauen auf größere Filmreihen mittlerweile auch mal vier, fünf oder sechs Stunden dauern dürfen - so erscheint die fünfstündige Hellraiser-Retrospektive demnächst exklusiv auf dem Label Wicked-Vision Media hier in Deutschland. Warum ich das explizit erwähne? Weil es Werbung im Dienst der guten Sache ist.

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Dann ist da noch die Sache mit der Verfügbarkeit. Früher musste man dankbar sein, wenn ein Sender eine US-Serie einkaufte und dann vielleicht sechs, zwölf oder achtzehn Monate später so lange ausstrahlte, wie es die Quoten erlaubten. Die neue Streaming-Welt ermöglicht den Zuschauern den Zugriff auf Serien aus aller Welt - am Tag der Veröffentlichung. Wenn noch keine fertigen Synchros vorliegen, gibt es zumeist wenigstens deutsche Untertitel. Die Wartezeiten tendieren gegen Null und "unaired episodes" wären schlicht unökonomisch.

Was der User will, bekommt er auch, der Wechsel von "passiv vor dem Fernseher beten" zu "aktiv auf das Laptop streamen" ist ein kultureller Gezeitenwechsel, der in meinen Augen immer noch unterschätzt wird. Vergleichbar mit dem Handy, das den Nutzer unabhängig von seinem Festnetz gemacht hat, befreien Streaming-Portale den Nutzer von der Knechtschaft des Fernsehers. Fernsehen ist nicht mehr nur das, was aus dem Fernseher kommt. Fernsehen ist Software auf wechselnder Hardware. Fernsehen bekommt man nicht mehr geliefert - man holt es sich. Whatever, wherever, whenever.

Gute Beiträge zu dem Thema findet man auch bei ausgestrahlt.tv.

20935579Neue Produzenten und neue Vertriebswege stellen neue Anforderungen, bieten aber auch neue Möglichkeiten. Serien kommen nicht mehr nur von ARD, BBC und NBC, sondern von Crackle, Amazon und Netflix. Die klassischen Seasons und Staffeln sind weitgehend Geschichte. Eine Woche auf eine neue Folge warten? Größtenteils out. Es ist das Zeitalter des Bingewatching. Der User kauft à la carte, will kein ganzes Programm mehr, sondern nur noch das, was ihm schmeckt.

Das Ergebnis? Geile Serien überall, mutige Formate, neue Geschichten - auch wenn sehr viele der Macher letztlich aus der alten Garde stammen, die sich den neuen Gegebenheiten angepasst hat. Die Produzenten oben genannten Serien der 90er? Alle noch mit dabei.

Wo die Aufmerksamkeitsökonomie regiert, muss der Zuschauer anders geködert werden. Die neuen Serien sind deshalb auch vielfach kein Familienprogramm mehr, weil sie nur den zahlenden Kunden bedienen wollen, nicht aber seinen Anhang. Mit der Nische regiert das Extrem.

furorMehr Sex, Gewalt und Splatter war noch nie - und damit meine ich nicht nur im Fernsehen. Einige der neuen Horror-Shows können locker mit den italienischen Zombie-Schlachtplatten der 80er mithalten. Wenn man bedenkt, wie hart in den 80er und 90er Jahren um jede Arschbacke gekämpft wurde, um den Bildschirm sauber zu halten, dann ist man doch verwundert über die Leichtigkeit, mit der die neuen Outlets jede Form von Jugendschutz unterlaufen haben. Das muss man nicht notwendigerweise gut finden.

Beim Sex sind die Serien hingegen noch deutlich zurückhaltender, von plakativer Fleischeslust wie in "Game of Thrones" mal abgesehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Serienkultur immer noch primär ein Kind der Amerikaner ist, die in unzensiertem rein und raus den Untergang des Abendlandes vermuten. Aber das wird sich, so meine Prognose, wenn auch nicht ändern, dann zumindest aufweichen.

Kurzum: Der Markt ist unglaublich "in flux". Viele der neuen "player" werden die Boomzeit nicht überleben, andere werden hinzu kommen. Es bleibt abzuwarten, ob sich die alten Markführer konsequent genug anpassen können, um mitzuhalten - oder ob sie als Vertreter einer obsoleten Strategie am Ende unter der Erde landen. Besonders problematisch scheint mir dabei weniger das Schicksal der klassischen deutschen TV-Sender zu sein, die sicher noch Publikum für ein oder zwei Generationen besitzen. Schlimmer wird es eventuell für die in Deutschland immer noch lahmende Pay TV-Kultur, denn die spricht echte TV-Junkies an - und wer von denen will ein starres Programm, wenn er streamen könnte? Da müssen aus den Pay-Sendern sehr schnell Pay-Services werden...

Die Kehrseite des Booms ist natürlich: Der Markt wird zunehmend unübersichtlicher. Zuschauer müssen jedes Mal aufs Neue gefunden und umworben werden, weil sie keine festen Sendeplätze besuchen. Serien fallen durch den Rost, wenn es ihnen nicht gelingt, vom Start weg Aufmerksamkeit zu erregen, aufzufallen - sei es durch die Besetzung, das Thema oder die Vorlage.

Nach meiner eigenen Erfahrung gelingt es den klassischen TV-Zeitschriften noch immer nicht, diese neue Welt adäquat abzubilden. Sie sind Programmlistings und Senderinfos verhaftet. Dabei bräuchte der interessierte Zuschauer, der sich eben nicht auf 150 Webseiten auf der ganzen Welt informiert, kompetente Führung dringender denn je. Das ist mir besonders deshalb aufgefallen, weil einige der Serien, die ich nun kurz vorstelle, mir selber bis dato unbekannt waren. Klar wußte ich von "Jessica Jones" und für "Man in the High Castle" hatte Amazon ja nun wahrlich auf breiter Front geworben.

Aber "Neon Joe, Werewolf Hunter" z.B., oder "South of Hell"? Die wären komplett an mir vorbei gegangen. Weil sie über Kanäle laufen, die in Deutschland kaum Berücksichtigung finden.

Betrachtet deshalb die nachfolgenden 16 Tipps für das Jahr 2016 nicht als umfangreiche Besprechungen oder kritische Analysen, sondern als Anregungen, Appetithäppchen, Anstupser. Aus diesem Grund habe ich auch (abgesehen von "Jessica Jones") weniger die vermutlich sowieso bekannten Neustarts aufgegriffen, dafür aber viele Nischenserien.

Ich werde vier Beiträge à vier Serien an vier Tagen posten.

Es gibt sehr viel zu sehen da draußen, bzw. hier drinnen...

Jessica Jones

13 Folgen, Netflix. Basierend auf den Marvel Comics. Ex-Superheldin Jessica Jones wird durch den Telepathen Killgrave wieder in die Traumata ihrer Vergangenheit gesogen - und alle, die sie lieben, müssen den Preis dafür zahlen. Hochwertig produzierte Comic-Noir-Serie, die weniger auf Action und Superheroics setzt als „Daredevil“, dafür auf Introspektion und Beziehungen. Mutig in der Themenwahl, packend in den Dialogen und Konflikten - perfekt geeignet für „binge watching“. Die Optik erinnert ein wenig an Lexi Alexanders „Punisher: War Zone“, aber sorgfältiger umgesetzt. 2:0 für Marvel und Netflix.

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Ash vs. Evil Dead

10 Episoden, starz. Basierend auf den „Tanz der Teufel“-Kinofilmen. Ash Williams provoziert nach 30 Jahren erneut die Deadites und macht sich mit ein paar Gefährten auf den Weg, die Macht des Necronomicon endgültig zu brechen. Knallbunt, pubertär und splatterig, leidet „Ash vs. Evil Dead“ daran, dass der Charakter des Protagonisten weniger an die Filme, sondern mehr an Bruce Campbells Clownereien in „My name is Bruce“ angelehnt wird. Statt einen knallharten Horror-Actionmythos weiter zu erzählen, begnügt man sich mit Comic-Eskapaden an wechselnden Schauplätzen und findet erst in Folge 8 zum Look & Feel der alten Filme.

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The Frankenstein Chronicles

6 Episoden, ITV. Inspector John Marlott untersucht Gewaltverbrechen, die ihn vermuten lassen, dass ein Wissenschaftler daran arbeitet, die Toten wieder auferstehen zu lassen. Eine fast schon schwarzweiß düstere, brutale Mischung aus skandinavischen Depri-Krimis und Frankenstein-Saga mit Sean Bean im dreckigsten London, das jemals in einer TV-Serie zu sehen war. Mit persönlich ein bisschen zu freudlos und sicher kein bunter Fernsehabend für die ganze Familie, aber Freunde harter Kost (Deadwood, Carnivale, Game of Thrones, Vikings) dürften sich gut unterhalten fühlen.

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You, me and the apocalypse

10 Episoden, Sky UK. Ein paar sehr unterschiedliche Menschen sitzen in einem Bunker in Großbritannien und erleben den Weltuntergang durch einen Kometeneinschlag - in Rückblenden werden ihre letzten Wochen erzählt, seit sie vom bevorstehenden Ende erfahren haben. Sicher eine der seltsamsten Mischungen aus Endzeit-Drama und Comedy, die je für das Fernsehen produziert wurde. Die hochkarätige Ausstattung, die internationalen Drehorte und die renommierten Hauptdarsteller (Rob Lowe, Jenna Fischer, Megan Mullally, Diana Rigg) lassen es umso erstaunlicher erscheinen, dass die Produktion kaum Wellen gemacht hat. Must Watch für Fans ungewöhnlicher Serienkost.

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24
Dezember 2015

Elf Uhr Mittags: Weihnachtsgrüße

Nach jedem chaotischen Jahr freue ich mich, dass es nächstes Jahr sicher anders wird. Wird es auch. Anders chaotisch. Oder um es mit James Franco zu sagen (anklicken):

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Auch 2015 wird nicht als das Jahr der großen Entspannung in die Geschichte eingehen. Wir sind privat umgesiedelt, mit der Redaktion umgezogen, mussten Haushalte auflösen, Wohnungen sanieren, zu viele geliebte Menschen begraben und auf Urlaub verzichten.

Aber 2015 ist auch das Jahr, in dem ich die beste Ehefrau von allen geheiratet habe und mit ihr auf Hochzeitsreise war. Das macht nicht alles, aber vieles gut. Und daran werde ich mich noch erinnern, wenn die sanierten Wohnungen und die verpassten Urlaube längst vergessen sind.

Weil wir nicht mal dazu gekommen sind, über das notwendigste Maß hinaus Weihnachtsgrüße analog und händisch zu versenden, greife ich - wie schon öfter - auf meinen Blog zurück, um Freunden, Bekannten und Gelegenheitslesern ein Frohes Fest zu wünschen. Möge der Glühwein reichlich fließen und mögen die Kreditkarten der Liebsten zu euren Gunsten ausgereizt worden sein. Denkt dran: Nur ein teures und unnötiges Geschenk beweist wahre Liebe! Es ist kein Heiligabend ohne Streit & Tränen! Und früher war mehr Lametta!

Hit it (nach Weihnachten deaktiviert wegen nervt):

Bildschirmfoto 2015-12-27 um 10.45.47

Ach ja: Telefon und Internet gehen bei uns daheim gerade wieder mal nicht mehr, also sehen wir uns zwangsweise nach den Feiertagen...

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22
Dezember 2015

Star Wars - Das Erwachen der Macht: Erinnerungen und Gedanken einen hoffnungslosen Geeks (spoiler)

ACHTUNG: Ich werde keine Details über die Geschichte verraten und mich auch sonst bei den Spoilern zurückhalten. Da ich aber über Struktur, Charaktere und Plots spreche und Verbindungen zu den früheren Filmen aufzeige, warne ich sensible Naturen hiermit vor. Der Beitrag soll den Kinobesuch nicht schmälern, könnte aber.

In einem Artikel vor unglaublichen acht Jahren habe ich schon ausführlich dargelegt, was den 10jährigen Torsten begeisterte, als er 1978 erstmals "Krieg der Sterne" im Kino sah. Die Musik, das Poster, die Weltraumschlachten, die Roboter - Science Fiction-Fan war ich schon vorher gewesen, Lucas aber machte mich zum Geek.

Die Begeisterung hielt durch die erste Trilogie an - "Das Imperium schlägt zurück" ist sicher der beste Star Wars-Film, auch wenn ich den Erstling durch die rosarote Brille betrachtet fast genau so gut finde.

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Kurzum: Star Wars hat mich geprägt, meine Erwartungen an das Kino und das große Abenteuer.

Das war auch der Grund, warum ich im Dezember 1983, als ich nach "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" aus dem Kino kam, einen Schwur leistete, dessen Ernsthaftigkeit nur ein hormonell übersteuerter 15jähriger zustande bringt: "Wenn der Lucas jemals wirklich einen weiteren Star Wars-Film dreht, fliege ich nach Amerika, um den da zuerst anzuschauen - vor allen anderen."

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Viele Torheiten der Jugend vergisst man oder man entschließt sich, sie mit Strähnchen in den Haaren und Lederkrawatten in die Nostalgie-Schachtel der 80er zu legen. Aber ich war immer ein Mensch von hohem Pathos und darum - ja, ich flog im Mai 1999 mit meinem Kumpel Marc nach New York, um bei der Premiere von "The Phantom Menace" dabei zu sein. Ein Freund vor Ort hatte Karten besorgt. Riesige Schlangen vor dem Kino, es wurden Handzettel für "The Muppets in Space" verteilt, der zwei Monate später starten sollte.

In einem gigantischen Kinosaal löste ich 1999 das Versprechen von 1983 an mich selbst ein.

Hinterher fanden wir den Film... vorsichtig gut. Das Event ließ "Phantom Menace" besser wirken, als er war. Ich kaufte sogar in einem Fast Food-Restaurant einen Anakin(!)-Becher. Es dauerte ein, zwei Wochen, bis wir uns eingestehen konnten, dass das lang ersehnte Prequel über die (für damalige Verhältnisse) schnittige CGI hinaus überblasen, miserabel konstruiert und stellenweise trotz des permanenten Spektakels langweilig war. Vor allem aber wurde ich das Gefühl nicht los, dass George Lucas selber nicht verstanden hatte, was den Mythos Star Wars ausmachte - und deshalb konnte er ihn auch nicht weiter erzählen. Jar-Jar my ass.

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Die beiden nächsten Star Wars-Filme schaute ich ganz entspannt in den deutschen Pressevorführungen, fand sie progressiv besser werdend, auch wenn sie nie an die erste Trilogie heran reichen werden. Es wurde in den letzten 15 Jahren viel diskutiert, ob ich vielleicht zur Generation gehöre, die für die erste Trilogie geboren wurde - und dass die zweite Trilogie einer ganz neuen Generation gehört, der ich den Genuss der Teile I-III nicht madig machen darf. George Lucas selbst redet sich gerne darauf hinaus, dass Jar-Jar vielen Kindern gefallen habe.

Diverse zynische Re-Issues und Special Editions haben nicht dazu beigetragen, mich mit dem Star Wars-Universum zu versöhnen.

Am neuen Film war ich nur noch peripher interessiert, habe die Produktion kaum verfolgt, jegliche Schmetterlinge aus meinem Bauch verbannt. Disney hatte Lucas-Film übernommen - und damit den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben? J.J. Abrams als Regisseur. Der hat Star Trek fast zu Tode modernisiert - eine Aufgabe, die Lucas selber bei der zweiten Trilogie schon in grausamer Konsequenz vollendet hatte.

star-wars-das-erwachen-der-macht-posterUnd so saß ich gestern allein in einem fast leeren, großen Kino in Baden-Baden. Ich habe die ganze Reihe für mich, kann die Beine entspannt über die Vordersitze legen. 2D-Vorstellung, wie sich das gehört. Nach sechs Filmen steige ich da nicht mehr um.

Und dann: Der Weltraum. Die Fanfare. Die Laufschrift.

USA 2015. Regie: J.J. Abrams. Darsteller: John Boyega, Daisy Ridley, Oscar Isaac, Adam Driver, Harrison Ford, Carrie Fisher u.a.

135 Minuten später bin ich wieder 10 Jahre alt, grinse über das ganze feiste Gesicht und möchte auf dem Weg zum Wagen ein Laserschwert haben, um ein bisschen Rabatz zu machen.

"Star Wars - Das Erwachen der Macht" ist Star Wars.

Altbekannt und taufrisch, mit neuen Gesichtern, die ein vertrautes Universum bevölkern. Unsere geliebten Freunde, sie sind fast vollzählig wieder angetreten - und da sind auch ihre Kinder, ihre Erben, ihre Nachfolger. Wie in jeder guten Soap werden Eigenschaften vererbt, aber auch abgelehnt, werden die gleichen emotionalen Beats in neuen Konstellationen durchgespielt. Jede der jungen Figuren hat Eigenschaften der vorhergehenden Generation, allerdings in neuer Kombination und mit unerwarteten Konsequenzen.

Wo Lucas allen Ernstes meinte, die Welt sei an einem Film über Hosenscheißer Skywalker interessiert, fokussiert Abrams seine von größeren politischen Strängen befreite Handlung auf "young adults", setzt auf frische Gesichter, gerahmt von vertrauten, nun faltigen Bekannten. Rey, Finn, Poe, Kylo - sie sind uns in nullkomma nichts so vertraut wie Leia, Luke, Han und Vader. Starke Figuren, echte Helden, ohne zeitgeistiges Genöle und trendige Superkräfte. Wer sich 1978 in R2D2 verknallt hat, wird den Wall*e-esken BB-8 lieben.

Ein Remake, ein Remix, ein Replay.

Wo Star Trek modernisiert werden musste, wird Star Wars traditionalisiert. Weg vom überladenen Canon, den Hunderten von Welten aus dem Computer, den endlosen Grundsatzreden, den steifen Kostümen. Trotz üppigen Einsatzes von CGI wirkt "Das Erwachen der Macht" nie wie ein Effektfilm, sondern beruhigend und den Vorgängern verpflichtet handgemacht. Der Computer ergänzt die Welten dieses Universums, er erschafft sie nicht. Das führt zu einem völlig anderen Gefühl von Authentizität, von Staub und Stein, von Schwerkraft und dabei sein.

Wirkte "Phantom Menace" grell und ließ die meisten Zuschauer orientierungslos zurück, ist "Das Erwachen der Macht" wie eine Heimkehr in eine vertraute Galaxis "weit, weit entfernt". Während die Welt von "Phantom Menace" nie so wirkte, als könne aus ihr je die Welt von "A new hope" erwachsen, so wirkt "Das Erwachen der Macht" überzeugend wie die konsequente Weiterführung der ersten Trilogie. Wir glauben dieses Universum in jeder Szene.

Klar kann man sich beschweren, dass Abrams den Remix der bekannten Elemente stellenweise überreizt. Die drei primären Welten, auf denen wir uns bewegen, sind analog zu Endor, Hoth und Tatooine jeweils Wald, Eis, und Wüste. Es gibt einen schwarzgewandeten Despoten der dunklen Seite der Macht, der im Dienste eines entstellten Imperators steht. Und am Ende muss zum DRITTEN MAL die Schwachstelle eines Todessterns (und das ist es, machen wir uns nichts vor) beschossen werden. Die neuen Figuren, die neuen Konstellationen - sie sind hier an einem sehr ausgeleierten Faden aufgehängt worden.

Aber es passt. Weil Star Wars erst mal wieder zu sich selbst zurück finden musste. Abrams hat 30 Jahre Ballast abgeworfen und einen Film abgeliefert, der sich nur der ersten Trilogie verpflichtet fühlt, der mit geringen Änderungen auch in den frühen 90ern hätte entstehen können. Aus diesem Grund ist die Action auch krachend und mitreißend, aber nie überzogen im Stile von "Transformers" oder den letzten beiden Star Trek-Filmen. Die Kopplung an die Filme IV-VI bedingt auch eine inszenatorische Zurückhaltung, die dem Film wirklich gut tut und sympathisch oldschool funktioniert. Weil die Weltraumschlachten endlich wieder an Fliegerfilme aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern und die Laserschwert-Duelle nicht an Martial Arts, sondern an scheppernde Schwertkämpfe aus Ritterfilmen.

Während der alte Cast schon durch Nostalgie und Vertrautheit gewinnt, ohne sich nennenswert anstrengen zu müssen, hat Disney bei den Neubesetzungen wieder mal ein begnadetes Händchen bewiesen: John Boyega, Oscar Isaac und vor allem Daisy Ridley könnten den Film auch ohne die sie umgebenden Veteranen tragen.

Gerade weil ich so gerne Drehbücher kritisiere, kann ich es Episode VII nicht hoch genug anrechnen, mit Lawrence Kasdan einen Drehbuchautor der alten Trilogie angeheuert zu haben, der vor allem "personal interplay" kann und dessen einziger Fehltritt in 40 Jahren das "Kampf der Titanen"-Remake war (an dem allerdings noch vier andere Autoren beteiligt waren). Hier stimmt die Spannung, das Abenteuer, der Sense of Wonder, die Figuren sind leidenschaftlich und humorvoll, nostalgisch und empathisch. Sogar für eine ordentliche Menge Girlpower ist Platz - die mangelnde Menge an respektablen Frauenrollen war ja durchaus ein Problem der Lucas-Ära.

Kurzum: Toller Film, Heidenspaß, und eine lange überfällige Rückbesinnung auf das, was einst die Tugenden guter Blockbuster ausmachte.

"Krieg der Sterne" machte mich mit 10 zum Geek

"The Phantom Menace" brach mir mit 30 das Herz

"Das Erwachen der Macht" ist meine Heimkehr

Und die Teile I-III? Es ist Zeit, mit ihnen abzurechnen. Jegliche Versuche, sie schön zu reden, ihre Defizite mit dem Wandel des Blockbuster-Kinos zu entschuldigen, gehören auf den Müllhaufen der Geek-Geschichte. So sehr "Das Erwachen der Macht" nahtlos an die Episoden IV-VI passt, so sehr entlarvt er alle Apologetik in Sachen Prequel-Trilogie. Star Wars funktioniert eben doch als passgenaue Fortsetzung einer fast 40 Jahre alten Trilogie UND als Blockbuster-Kino für die nächsten Generationen. Wo Lucas nur den Kompromiss suchte, schafft Abrams die Versöhnung.

In 10 Jahren wird Star Wars für mich aus den Episoden IV-IX bestehen. Der Rest waren Verirrungen, Sackgassen, unnötige Umwege, um zur prägendsten Hexalogie meines Geek-Lebens zu kommen.

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P.S.: Wenn der oben erzählende Geek sich über eine Sache noch beschweren darf, dann vielleicht darüber: Ich bin mit der Gerechtigkeitsliga aufgewachsen, mit den Rächern und mit Raumschiff Enterprise. Ich möchte, dass "Star Wars" hierzulande wieder und weiterhin "Krieg der Sterne" heißt und der "Millennium Falcon" wieder der "Rasende Falke" ist.

Ansonsten trifft es auch Tim Buckley ganz hervorragend:

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21
Dezember 2015

Der Feind unter deinen Füßen...

Eine sehr nette Bekannte, die ebenfalls erheblich zu verwöhnte Katzen besitzt und diese gerne mit dem neusten Spielzeug unterhält, schickte mir neulich dieses Ding zu:

ori-hexbug-nano-habitat-construction-habitat-1054_1203Das ist ein Hexbug nano. Sieht aus wie eine Kreuzung aus Kakerlake und Mikrochip und vereinigt tatsächlich auch die Eigenschaften dieser Elternteile. Der Korpus vibriert, wodurch die 12 Gummibeinchen den Hexbug vorwärts bewegen. Die Vibration sorgt auch dafür, dass sich der Hexbug automatisch umdreht, wenn er auf dem Rücken liegt. Ein paar Sensoren helfen dem Bug, nicht in Sackgassen stecken zu bleiben. Keine Gelenke, keine komplexen Bewegungsabläufe - simple Physik.

Eigentlich dient der Hexbug als Spielzeug, das man "im Schwarm" auch gegen andere Hexbug antreten lassen kann - racing tracks sold separately:

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Damit ist der Hexbug natürlich erheblich mehr als ein technisches "proof of concept" in Daumengröße - er ist das perfekte Katzenspielzeug. Und um das zu testen, hat uns die nette Bekannte den Hexbug für Rufus & Becky geschickt.

Nun muss man wissen, dass unsere Katzen zwar auf Kartons und raschelnde Tüten stehen, aber an dezidiertem Spielzeug schnell die Lust verlieren. Letzte Woche habe ich mal versucht, die beiden für eine Katzen-App auf meinen Tablet zu begeistern. Während Becky völlig desinteressiert war, starrte Rufus nur phlegmatisch auf die herum flitzenden Mäuse und versuchte dann, das Tablet hochzuheben, um nachzuschauen, wo die Mäuse denn hin liefen...

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Unsere beiden sind demnach schwer zufrieden zu stellende Produkttester.

Doch aha und oho: Den Hexbug nano fanden die Katzen recht spannend. Der surrt ja auch so prima, während er auf dem Parkett seine Runden dreht. Zwar konnten sie sich nicht überwinden, ihn zu schubsen oder gar zu beißen, aber für eine geraume Zeit folgten sie dem kleinen Spielzeugroboter auf Schritt und Tritt. Und als Britta ihn ausschaltete und auf die Kommode legte, holte ihn Rufus wieder runter und schleppte ihn zu uns ans Sofa: Los, anmachen!

Vorletztes Wochenende war ich auf den Fantasy Filmfest White Nights in Nürnberg. Das klingt jetzt, als hätte ich den Satz aus einem anderen Blogbeitrag her fälschlich reinkopiert, aber mitnichten. Zwischen zwei Filmen bekam ich einen Anruf meiner Ehefrau. Die klang ziemlich mitgenommen.

Kurzusammenfassung des Gesprächs: Nach einer längeren Expedition durch unsere Wohnung hatte der Hexbug einen Weg unter die Einbauküche gefunden. Meine Frau und meine beiden Katzen hatten darauf hin versucht, den widerspenstigen Miniroboter da raus zu angeln. Statt sich seinem Schicksal zu ergeben, suchte der Hexbug allerdings programmgemäß auch in der kleinsten Ecke nach einem weiteren Weg - und fand ihn schließlich.

Schwupps - durch eine Lücke am Wandabschluss verschwand der Hexbug unter dem Parkett. Und durch das Holz über ihm dröhnte er nun so richtig wie ein Laubbläser. Langsam kriechend schaffte er es noch einen Meter weit unter dem Fußbodenverlag voran, dann steckte er fest. Und ratterte noch lauter.

Die Katzen, völlig überfordert von dem Geräusch aus dem Boden, drehten massiv am Rad. Wie kann sowas gehen und warum tut keiner was dagegen?! Die LvA drehte ihr eigenes Rad - was würde wohl die nette ältere Dame von unten sagen angesichts dieses Lärms am Wochenende?!

Um unnötigen Lärm zu übertönen, bietet es sich an, nötigen Lärm zu machen. Also saugte die LvA die Wohnung, warf die Waschmaschine an, drehte das Radio auf. Trotzdem war der wütend knurrende, eingesperrte Hexbug weiterhin gut zu hören. Und es ging auf den Abend zu.

So war also das (recht einseitige) Gespräch mit der Ehefrau und von Nürnberg aus konnte ich auch nicht mehr machen als Mut zusprechen und schlaue Ratschläge zu erteilen: "Du kannst dich nur entspannen und hoffen, dass die Batterie bald alle ist. Das Ding ist ja schließlich nicht von Nokia."

Dann musste ich wieder ins Kino. Ich erzählte dem Doc Acula die Story, der sich rechtschaffen amüsierte, weswegen er keine leckeren Schokosticks mehr von mir abbekam. Gegen 22.00 Uhr war der Film zu Ende, ich verließ das Kino und schaltete das Handy wieder an.

SMS von der LvA: "Um 20.28 Uhr ist dem Feind der Saft ausgegangen. Waffenruhe."

Was für eine alberne Geschichte. Und ich als Nerd schäme mich keinen Moment, sofort gedacht zu haben: Geiles Teil, kaufe ich nächste Woche gleich ein neues!

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17
Dezember 2015

Ich fordere: Verschleierungsverbot!

In meinem Rant über den Spiegel-Kindergarten bento habe ich kürzlich Folgendes geschrieben:

"Oder wie wäre es mit einem Wutstück über die Unsitte, Produkten immer vagere Namen zu geben, die kaum einen Rückschluss auf den Inhalt zu lassen."

Und was soll ich sagen? Eine Woche später standen die hier in der Redaktion herum:

tee

"Flacher Bauch"? "Atem Frei"? Das sind TEE-SORTEN!!!

Nun gut, wenn man es so vage hält, hat man wenigstens den Vorteil, in die Beutel bröseln zu können, was auch immer gerade im Aschenbecher liegt.

Nicht besser wurde es gestern an der Tankstelle, wo es verschiedene Snack-Mixes zu kaufen gab. Für die grobe Inhaltsangabe musste man allerdings schon ins Kleingedruckte schauen:

tanke

Nur noch mal zum genießen: Hier werden die Produkte "Vorsicht Ampel", "Auf Achse", "Staubegleiter", "Achtung Aprikosen!", "Kleine Pause" und "Trucker-Mische" angeboten.

Was soll ich mir nur einwerfen, wenn ich auf Achse vor einer Ampel eine kleine Pause machen will?

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15
Dezember 2015

Treibstoff für die Heimfahrt tanken

Der Mensch lebt nicht vom Fantasy Filmfest allein und für die Rückfahrt von Nürnberg nach Baden-Baden brauchte ich Flüssignahrung. Leider fand sich keine nahrungstechnische Tankstelle auf dem Weg vom Hotel zur Autobahn, nur eine Resterampe mit fragwürdiger Wegzehrung in From von verschweißten Donuts ohne Verfallsdatum. Die habe ich angesichts meiner Diät links liegen gelassen - aber diese Dosen kitzelten erfolgreich das Trash-Tester-Gen im Wortvogel:

plörre

Cooles Design, vier verschiedene Sorten, abgelaufenes Verfallsdatum - und 29 Cent pro Dose. Genau das richtige Getränk für Leute, die Filme wie "Lavalantula" gucken...

Ich werde über die geschmacklichen Feinheiten noch schreiben, aber Ginger Ale schmeckte schon mal nach... Ginger Ale. Irgendwie. Kann also zumindest nicht als Irreführung des Konsumenten gebrandmarkt werden.

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14
Dezember 2015

I'm dreaming of a White Nights Fantasy Filmfest Movie Marathon Christmas (2)

Demon

0004OOY3W4SQBCT5-C122Ich war vor Jahren mal peripher an der Comic-Verfilmung "Bluthochzeit" beteiligt. Da ging es auch um eine Hochzeit auf dem Land, die völlig aus dem Ruder läuft und in Gewalt endet. Die Ähnlichkeiten mögen oberflächlich scheinen, aber tatsächlich handeln beide Filme davon, wie der Druck und die mannigfaltigen emotionalen Stresspunkte des "schönsten Tages im Leben" sehr schnell destruktive Ausbrüche zur Folge haben können.

"Demon" nutzt hierfür einen jüdischen Dämon, einen Dybbuk. Sein Erscheinen ist zwar nur von minimalen okkulten Vorkommnissen begleitet (ein Windstoß triebt die Gäste aus der Scheune, der Bräutigam redet jiddisch), aber er dient als Durchlauferhitzer, um die besoffenen Familienmitglieder und ihre verlogenen Freunde in die Raserei zu treiben. Alte Feindschaften brechen auf, Geheimnisse lassen sich nicht mehr unter den Teppich kehren, autoritäre Strukturen werden in Frage gestellt. Das alte, patriarchalisch-katholische Polen rostet aggressiv unter dem modernen, aufgeschlossenen Lack von Europa und Völkerverständigung.

Als Sozialkritik und Familienfarce fährt "Demon" damit sehr gut, getragen von punktgenauen Dialogen, schwarzhumorigen Pointen und exzellenten Darstellern. Aber einige der Entscheidungen, die für diese Erzählweise nötig sind, torpedieren die Eignung des Streifens als Horrorfilm. Weil der Dybbuk Hana nur Katalysator ist, geht von ihm/ihr nie wirkliche Gefahr aus. Sie hat ja selbst nur Angst, will in Ruhe gelassen werden. Als komplett passives Zentrum des Films versagt Hana im dritten Akt und wird (wie der Bräutigam auch) aus den Augen verloren. Die zu erwartenden Mechanismen von Besessenheit und Exorzismus werden nicht bedient. Genau so gut könnte sich Pjotr als drogenabhängig oder (wie lange vermutet) als Epileptiker heraus stellen - das Ergebnis für die Dramaturgie wäre kaum anders. Das ist folgerichtig, aber auch unbefriedigend.

So, wie "Babadook" kein Film über eine Horrorfigur aus einem Märchenbuch ist, ist "Demon" kein Film über einen jüdischen Dybbuk. Es ist ein Film über den Zerfall sozialer Normen.

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Fazit: Der genau beobachtete, authentische Zerfall einer typisch polnischen Hochzeit, in der das Horrorelement nur Katalysator ist und der demnach auch als Sozialstudie und als Kritik an der Weigerung der Polen gelesen werden kann, sich mit der Vergangenheit demütig auseinander zu setzen. 7/10.

Bonus-Information: Der Regisseur hat sich kurz nach der Premiere umgebracht.

Summer Camp

summer-camp-poster01Es wird Leser geben, die mich dafür kritisieren, dass ich einen durchaus kompetent gemachten Horrorfilm zur Gurke des Festivals erkläre, obwohl ich andere Filme mit deutlich weniger Spannung und vergleichbarer Punktwertung davon kommen lasse. Das hat mit der Interaktion zu tun, die ich gestern bereits ansprach, mit der Eignung für das Festival und dem Zusammenspiel der Filme.

"Evolution" ist triste Kunstkacke, das ist wahr, "Lavalantula" ist billig produzierter TV/DVD-Trash, auch das stimmt. Wäre das Festival nur mit solchen Filmen bestallt, würde ich es ablehnen. Aber auch wenn sie niemals den Gesamteindruck prägen dürfen, sind sie doch wichtige Bestandteile, Elemente eines Rezepts, Gewürz und Sahnehäubchen. Ohne sie würde etwas fehlen.

Ohne "Summer Camp" würde gar nichts fehlen.

Mager und preiswert konstruiert, hat der Film genau genommen nicht mal eine Handlung, sondern nur eine Reihe von Ereignissen zu bieten: Vier unfassbar unglaubwürdige Sommercamp-Betreuer werden durch verseuchtes Wasser abwechselnd zu Rage Zombies, es wird viel geschrien, gerannt und sich hinter Türen versteckt. Weder gelingt es dem Regisseur (ein Produzent der "rec"-Reihe), Sympathie für die Figuren aufzubauen, noch kann er aus dem kargen Konzept nennenswerte Pointen generieren. Alles kommt genau so, wie man es dutzendfach gesehen hat.

Ja, "Summer Camp" hat einen "Twist", bzw. eine Variation des Infektions/Zombie-Themas zu bieten: Die Verwandlungen halten nur 20 Minuten an, danach werden die Beteiligten wieder normal. Das führt zu Misstrauen und wechselnden Loyalitäten, was dem Film zumindest etwas zusätzlichen Schub für die zweite Hälfte verleiht. Aber darüber hinaus kaut Regisseur Marini nur die üblichen Klischees durch.

Es ist erschreckend, wie schnell dem noch vor ein paar Jahren als vielversprechend gefeierten jungen spanischen Horrorfilm die Puste auszugehen scheint.

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Fazit: Ein dünner, mit Klischee-Scares und Klischee-Figuren vollgestopfter Renn & Schrei-Streifen, dessen einzige neue Idee ihn nur mühsam über die Laufzeit bringt. Gesehenen, gelangweilt, vergessen. 3/10.

Baskin

Baskin-2015-movie-posterEs besteht also die Gefahr, dass der spanische Horrorfilm das Euro-Terrorkino doch nicht retten kann? Dann machen wir doch gleich mal Platz für den nächsten Kandidaten, die Türkei. Nach Jahrzehnten billig produzierten Schmands für den Binnenmarkt versucht das Land mit "Baskin" auf dem internationalen Markt zu reüssieren - auch wenn das Ergebnis mehr intellektuellen Respekt als enthusiastische Begeisterung hervor ruft.

Wie im modernen Horrorfilm scheinbar unvermeidlich, geht es um eine Gruppe von Arschlöchern. Es wird mir auf ewig ein Rätsel sein, woher diese Neigung kommt, sexistische und gewaltbesoffene Zeitgenossen zu Protagonisten zu erklären, weil es wohl als Gegenentwurf zu "braven, langweiligen" Hauptfiguren gilt. Kurz für's Stammbuch: "Gute" Figuren sind nur dann langweilig, wenn man sie langweilig schreibt. Weil positiv besetzte Protagonisten schwerer spannend zu schreiben sind, erweist man sich noch lange keinen Gefallen, wenn man auf bunte und potente Drecksäcke ausweicht - mit denen mag sich nämlich niemand identifizieren. Case in point (und damit zurück zum Thema): Die Handvoll Polizisten in "Baskin", die ich nicht schnell genug sterben sehen kann.

Was "Baskin" an Handlung mitbringt, ist schnell erzählt, auch wenn der Film versucht, seinen Mangel an Plot mit ein paar Visionen und Rückblenden aufzupeppen, was eher bremsig wirkt: Die Polizisten werden in finsterer Nacht in eine finstere Gegend gerufen, wo sie in einem verfallenen Herrenhaus auf einen Kult stoßen, der irgendwo zwischen Barker-Bodyhorror und Michele Soavis Fleischaltar aus "The Church" siedelt. Und weil sie alle miese Säcke sind, werden die Polizisten auf brutalste Weise und sehr langsam gemeuchelt.

Man kann "Baskin" sicher nicht wegen des ausgefeilten Drehbuchs loben oder der konsequent durchdachten Mythologie. Aber dem Streifen gelingt etwas, was auf dem Fantasy Filmfest wahrlich nicht mehr Tagesgeschäft ist: Er macht Angst, stellt die Nackenhaare auf, lässt zusammen zucken. Selbst in seinen langsamsten Szenen kriecht er einem durchs Mark und man rutscht im Kinosessel herum, als wolle man selber so schnell wie möglich Fersengeld geben.

Die Grundlagen für diesen funktionierenden Oldschool-Horror im Stil der 80er legen die Sets, das Production Design und die Entscheidung, die Mitglieder des Kults nur als verwachsene Masse, als bizarre Ansammlung von verdrehten Körpern zu zeigen. So sehr sich "Baskin" im Splatter suhlt, so sehr weiß er doch, dass er seine Dämonen im Dunkeln halten muss.

Bis auf Baba.

Mehmet Cerrahoglu spielt den Anführer der Kultisten und seine verwachsene drahtige Gnom-Gestalt verleiht dem Film eine furchtbare Präsenz, einen entsetzlichen Mittelpunkt. Leise, fast liebevoll, aber doch brutal und unbarmherzig dominiert er die zum Stillstand gekommene zweite Hälfte des Films. Wir sehen augenblicklich, dass Cerrahoglu keine Kreation von Effektkünstlern ist, sondern tatsächlich ein "Freak" im Sinne von Tod Brownings "Freaks" und Rondo Hatton, von Michael Berryman und Richard Kiel. Ein Fleisch gewordener Dämon, ein Pinhead ohne Latex und Plastiknadeln.

Ich halte es für keinen Zufall, dass es online praktisch keine Fotos von Cerrahoglu als Baba gibt - diese Figur MUSS im Kontext des Films entdeckt werden. Und sie ist es auch, die den leer laufenden "Baskin" mit betörender Grausamkeit über die Zielgerade bringt. Die Arschlöcher? Sind uns ja sowieso von Anfang an egal gewesen.

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Fazit: Hardcore-Horror mit Anleihen von Barker, Lovecraft und Soavis "The Church", bildmächtig und mutig inszeniert, aber letztlich auch etwas wirr und statisch. 7/10, ein Punkt davon für hehren Absichten und für Baba.

February

february

Für diesen Film gebe ich mal eine Spoilerwarnung aus, weil ich einen Punkt anspreche, der zwar den Genuss des Films nicht schmälert, aber als Verrat am Twist gelten könnte.

Wie "Evolution" ist "February" ein trister Film, der nicht bereit ist, dem Zuschauer entgegen zu arbeiten. Minutenlanges Schweigen, endlose Korridore, kalte Fliesen, grauer Himmel. Ein Mädchenpensionat, verlassen für die Winterferien. Wer noch da ist, ist der verstoßene Ausschuss: Die verschlossene Kat, die rebellische Rose. Irgendwo da draußen auf den Highways vor der Stadt ist noch Joan unterwegs, die irgendwas mit der Schule zu tun zu haben scheint. Langsame Entwicklungen: Mit der Periode fällt von Rose die Sorge ab, ungewollt schwanger zu sein. Kat hat Geheimnisse, wird zunehmend aggressiv. Und die Eltern? Stimmen am anderen Ende der Telefonleitung, die wir nie hören. Keine Hilfe. Keine Hoffnung.

Ja, das ist mitunter stimmungsvoll, lebt von einer bedrückenden Atmosphäre und guten darstellerischen Leistungen (in einem aufwändigeren Remake könnten Rose und Kat sehr passgenau von Neve Campbell und Emma Watson gespielt werden). Aber es ist auch lähmend langsam und erzählt in 90 Minuten eine Handlung, die keine 30 hätte dauern dürfen. Es gibt keine "Heldin", keinen Fokus, letztlich auch kein Ziel. Die Ereignislosigkeit der Schule überträgt sich auf die Dramaturgie, die Einsprengsel an tatsächlichem Plot sind wie Wassertropfen, die schnell wieder im Sand versickern.

So endet "February" denn auch mit einem eher hilflosen Schulterzucken statt mit einem anständigen Finale.

Doc Acula fand den Film besser als ich, betrachtet ihn als gelungenen "slow burner", das will ich nicht verschweigen. Mag sein, dass ich auch nur die Schnauze voll habe von diesen immer wiederkehrenden kanadischen Depri-Dramen wie "Rufus" und dem hier. Ein verhangener Himmel macht für mich noch keine unheilvolle Stimmung und knarzende Heizungsrohre noch keine Spannung. Da bin ich vernarbt.

Vor allem aber, und da kommt der Spoiler ins Spiel - die gesamte Handlung inklusive der Pointe hängt am Casting. Vorsicht, jetzt kommt's: Joan IST Kat, ihr Handlungsstrang spielt nicht parallel, sondern acht Jahre später. Sie ist nach den damaligen Ereignissen vermutlich aus der Irrenanstalt entkommen und will nun zum Pensionat zurück.

Das kann man machen, auch wenn die Verschiebung der Zeitebenen ein paar Taschenspielertricks verlangt. Aber es funktioniert nur deshalb, weil der Zuschauer betrogen wird: Hätte man Kat und "Joan" - die gleiche erwachsene Person mit gerade mal acht Jahren Altersunterschied - nicht mit zwei unterschiedlich aussehenden Schauspielerinnen besetzt, würde der ganze Plot zusammen brechen. Und das ist Beschiss.

Das Poster verrät übrigens schon diese Pointe, die keine ist.

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Fazit: Extrem plätschernd und depressiv inszenierter Hexenhorror, der eine Stunde braucht, bis der Plot überhaupt anfängt und dessen gesamter Gimmick auf einer Casting-Entscheidung beruht. Kann man elegisch und melancholisch finden, ich fand's schnarchig und dröge. 3/10.

Southbound

Southbound-832782099-largeZum Abschluss noch mal eine wirklich positive Überraschung, ein kleiner Thriller im Stil von "Let us prey", "Race with the Devil" und "Hush", noch dazu ein Episodenfilm, der seine Geschichten allerdings nicht voneinander abriegelt, sondern ineinander verzahnt, so dass der Anfang zum Ende hin einen Bogen schlagen kann.

Ich werde die einzelnen Stories hier nicht wiedergeben, weil das den Rahmen sprengt und auch kontraproduktiv wäre. Auf diese Reise solltet ihr selber gehen.

Nur soviel: Es geht um endlose Highways, um Straßen ohne Tankstelle, ohne Handyempfang, ohne ADAC. Einsame Häuser in der Steppe, bewohnt von Menschen, die nur äußerlich den sozialen Normen entsprechen. Um Rituale und Kulte, die sich weit abseits der vernetzten urbanen Zentren entwickeln. Um die Angst, in dunkelster Nacht mit dem Auto liegen zu bleiben oder etwas zu überfahren, dass man nicht genau gesehen hast. Es geht um Dämonen, die psychischen wie die physischen.

"Southbound" gelingt es hervorragend, die verkrampfte Atmosphäre der nächtlichen Reise einzufangen, die Furcht vor den Fremden und dem Fremden. Die Figuren werden schnell unter Druck ge- und in Panik versetzt, und im Gegensatz zu vielen anderen Thrillern versteht man hier, warum es keinen Ausweg gibt, keine einfachen Lösungen. Wie wusste schon die Erste Allgemeine Verunsicherung? Das Böse ist immer und überall.

Abgesehen von der rasanten Inszenierung und der sorgfältigen Kameraarbeit punktet "Southbound" mit einer neumodischen, in diesem Fall aber angemessenen Begeisterung für Hardcore-Horror: Wer bei Episode 3 nicht die Finger in die Armlehnen des Kinosessels krallt, ist für die Zivilisation verloren und wird vermutlich als Serienkiller enden.

Kein Trailer, aber eine Podiumsdiskussion vom Toronto Film Festival:

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Fazit: Überraschend effektive Anthologie von US-Highway-Horror, die viel Suspense aus endlosen Weiten und endlosen Nächten in staubigen Gegenden zieht. Ein exzellenter Gegenentwurf zu den vielen eierlosen Episodenfilmen, die immer auf die gleichen Pointen hinaus laufen. 9/10. Fortsetzung bitte!

Nach(t)gedanken

Auch wenn der zweite Tag etwas weniger perfekt ausbalanciert war als der erste, wurde doch viel geboten: Filme aus Spanien, Kanada, Polen, Amerika und der Türkei. Saftiger Splatter und sanfte Suspense, Schmutz & Schund. Es zeigt sich, dass so ein intensives Kurzfestival nicht nur seine Berechtigung hat, sondern eine ganz eigene Atmosphäre. Mit hat's gefallen und mit der Verschiebung der Fantasy Filmfest Nights auf den April 2016 kann man sich also generell so alle vier Monate auf ein Fantasy Filmfest freuen. I approve.

Kein einziger deutscher Beitrag - was sagt uns das?

Ich lobe ja oft die eklektische Auswahl der Veranstalter, aber man kann kaum übersehen, dass die Überschneidungen z.B. mit dem britischen Fright Fest mittlerweile bei fast 100 Prozent liegen. Die Events schieben sich letztlich immer die gleichen Pakete an Filmen zu, die aufgrund ihrer Förderungen und Steuererleichterungen darauf angewiesen, sich auf dem internationalen Parkett zu präsentieren. Das ist sicher auch einer der Gründe, warum auf dem FFF kaum billiger Syfy-Rotz oder das sechste Sequel einer erfolgreichen D2DVD-Reihe läuft - solche Filme brauchen das FFF nicht und das FFF braucht sie nicht. Während das eigentlich meiner kritischen Einstellung zur Förderung kommerziell begrenzt lebensfähiger Filme widerspricht, genieße ich dennoch die Mischung, die ich als herausfordernd und lehrreich betrachte. Nur manchmal frage ich mich: Was mag wohl aus all den Filmemachern geworden sein, die hier ihre horriblen Erstlinge vorgestellt haben, ohne danach weiter im Kommerzkino den Lebensunterhalt verdienen zu wollen/können? Nähren wir vielleicht eine Subkultur von Förderfilmen, die auf dem FFF nicht nur starten, sondern auch enden?

Genug der Introspektion. Es hat Spaß gemacht, auch und natürlich wieder wegen Doc Acula als Begleitung. Nächstes Jahr wieder! Oder angesichts der Adventszeit vielleicht besser: Alle Jahre wieder!

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13
Dezember 2015

I'm dreaming of a White Nights Fantasy Filmfest Movie Marathon Christmas (1)

Was braucht man zu einem guten Horrorfilm-Festival? Splatter, Pyrotechnik, Action, Spannung, Mystery. Hatte ich gestern auch prompt genug - beim Versuch, überhaupt zu den erstmals stattfinden White Nights hinzukommen.

  • Splatter, als ich mir beim eiligen Frühstück daheim so fett in den Finger schnitt, dass ich vier Pflaster durchsuppte, bis die Blutung aufhörte.
  • Pyrotechnik, als in Höhe von Heilbronn Stau war - ein 1er-BMW brannte licherloh aus.
  • Action, als ich danach wie eine RTL-Serie aufs Gas trat, um wenigstens halbwegs noch was vom Eröffnungsfilm mitzubekommen.
  • Spannung, als ich vor dem Parkhaus eine halbe Stunde warten musste, um einen Stellplatz zu bekommen.
  • Mystery, als ich vor dem falschen Kino stand, denn heuer findet das Festival nicht in 4, sondern in 7 statt, was satte drei Minuten Fußmarsch bedeutet.

Ich hätte also direkt umdrehen können - mehr kann man nicht erwarten. Aber ich wollte dem Doc wenigstens die Hand geben und als ich verspätet in den Saal schlich, kam ich genau recht zum sechsten unverzichtbaren Faktor: Sex. Es wurde ordentlich was gepimpert.

Ab in den Festival-Spirit und los geht's!

Mein Mantra, spoilerfrei ins Festival zu gehen, habe ich dieses Jahr übrigens auf die Spitze getrieben: Bis auf die Tatsache, dass mit "Bone Tomahawk" ein Western mit Kurt Russell läuft und einer der Filme wohl eine Anthologie ist, wusste ich wirklich gar nichts über das Programm. Nix, nada, niente. Und das war auch gut so.

Road Games

Road-Games-posterDen Einstieg machte der französisch-englische "Road Games", in dem der britische Tourist Jack sich in die hübsche Veronique verliebt und beide im mondänen Landhaus einen mysteriösen Paares landen. Es ist kein gutes Zeichen, dass ich selbst ohne die erste halbe Stunde die Pointe nach drei Minuten habe kommen sehen - wer auch nur minimal Thriller-gebildet ist und bei den Dialogen hinhört, lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

In seinen leicht vergilbten Farben und seiner spätsommerlichen Atmosphäre erinnert "Road Games" an die Euro-Thriller der 60er und 70er, in denen die Figuren auch nie wirklich plausibel waren und immer genau das passierte, was der Plot brauchte, Logik be damned. Und so glaubt man sehr schnell nicht mehr, dass die Menschen in diesem Film sich in der riesigen Landschaft immer wieder begegnen, nur weil der Strippenzieher Drehbuchautor das so will. Man fragt sich, warum niemand die wirklich relevanten Fragen stellt, die das "Mystery" schnell platzen lassen würden. Und man ist schnell genervt von sehr redundanten Dialogen und erheblich zu vielen Continuity-Fehlern, die immer Details setzen und dann doch sofort wieder vergessen.

Die Darsteller sind okay, und natürlich freut man sich, dass Charles Band's hauseigene Scream Queen Barbara Crampton mal wieder eine größere Rolle in einem Genrestreifen hat, aber gerade sie wirkt seltsam deplatziert und reißt als einzig bekanntes Gesicht die fiktionale Ebene ein wenig auf. Es hilft nicht, dass sie zwar ihrem Alter gemäß spielt, aber immer noch den Body und die Frisur von 1988 spazieren trägt. Die völlig unnötige Post Credits-Sequence scheint denn auch nur in der Absicht gedreht worden zu sein, ihr noch mal einen großen Drama-Moment zu erlauben (sie hat den Film auch koproduziert).

Interessant an "Road Games" ist weniger der Film selbst als die Erkenntnis, dass das B-Movie in den 25 Jahren, die ich das FFF besuche, erhebliche technische Fortschritte gemacht hat: Mögen die Dialoge, die darstellerischen Leistungen und die Plots auf gleichem Niveau hängen geblieben sein, stehen im Look & Feel Welten zwischen 1990 und 2015. Die Möglichkeit, mit preiswerten Digitalkameras zu drehen, Drohnen für Luftaufnahmen einzusetzen und das Material am Mac framegenau nachzubearbeiten, sorgt zumindest für den Anschein von Seriosität, von "echtem Kino", wo letztlich doch nur Magermilch drin ist.

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Fazit: Insgesamt ein fader Versuch, das französische Hinterland als Todesfalle für naive Touristen darzustellen, zumal Abner Stoll weder die Spannung noch das bisschen Action druckvoll zu inszenieren versteht. Bonuspunkt allerdings für die vermutlich letzte Trabbi-Actionszene, die wir jemals auf der großen Leinwand sehen werden, und für den geilsten Soundtrack bisher. 4/10.

Lavalantula

Lavalantula-600x776Weiter ging's dann mit der Trash-Granate "Lavalantula", zu dem ich eigentlich nichts schreiben muss, weil ich alles Wichtige schon zu Mike Mendez' Vorgänger "Big Ass Spider!" gesagt habe:

"Teilweise sehr halbgare CGI, bedenklich schlampige Farbkorrektur, viele Schnittfehler, hanebüchene Analphabeten-Story. Alles 100 mal gesehen, seit der Syfy-Channel seine Samstagabend-Unterhaltung selber produziert - aber noch nie so kickass und lustig."

"Lavalantula" setzt noch ein paar Sahnehäubchen obendrauf , ist eine überschwängliche Liebeserklärung an die C-Film-Branche und das Kino der 80er und 90er. Mendez kann, was Asylum gar nicht erst versucht - er macht Trash ohne schlechtes Gewissen, aus Begeisterung und nicht aus Geldgeilheit. Bei ihm sind die schlechten Tricks und die augenzwinkernde Verbrüderung mit dem Zuschauer keine Rechtfertigung, nur Schrott abzuliefern. Hier regiert nicht Zynismus und Leck Mich, sondern Enthusiasmus und Schaut her. Vielleicht nicht großes Kino, aber allemal großes Entertainment.

Besondere Erwähnung verdient die Besetzung des Films mit der halben "Police Academy". Steve Guttenberg, der in den 80ern so erfolgreich war wie Tom Hanks, spielt den herunter gekommenen Hollywood-Star exakt so, wie man ihn in so einer Farce spielen muss: total ernst. In einem gerechten Universum wäre "Lavalantula" der Start zu einer zweiten Karriere. Das Sequel ist bereits in Arbeit - und hat jetzt schon das Wortvogel-Approval.

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Fazit: Dumm, technisch indiskutabel, voll von halbgaren Ideen und mäßigen darstellerischen Leistungen, außerdem offensichtlich mit der heißen Nadel gestrickt - ein Film, den man mit seinen Lieben am Heiligabend schauen sollte. 8/10.

Evolution

Was kann nach einem crowdpleaser wie "Lavalantula" noch kommen, was funktioniert da nicht nur als Steigerung, sondern als Komplementär, als Regulativ gar? Die Antwort kann nur lauten: Kunst.

Und "Evolution" ist Kunst, keine Frage. So Kunst, dass ich nicht mal ein richtiges Poster dafür online finden konnte. So Kunst, dass die Regisseurin die Lebensgefährtin von Gaspar Noe ist, der ja auch nicht gerade Mainstream produziert. So Kunst, dass es keinen Soundtrack gibt, sondern nur dann und wann seltsame Brummtöne - die man aber sicher auch auf CD kaufen kann.

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Ich verhaspel mich schon wieder, ihr wisst ja noch nicht einmal, worum es geht. Der kleine Nicolas lebt in einem seltsam toten Dorf auf einer Vulkaninsel, die augenscheinlich nur von ebenso seltsam gleich aussehenden Frauen und ihren seltsam gleich aussehenden Söhnen im identischen Alter bewohnt wird. Erreichen die Jungs ein gewisses Alter, werden sie in eine nahe Klinik gebracht, wo Nicolas herausfindet, dass seine Mutter nicht seine Mutter ist - und er als Inkubator für "etwas" missbraucht werden soll wie alle seine Freunde. Seine einzige Chance auf Erkenntnis wie auf Flucht ist eine junge Krankenschwester, die sich ihm zugetan fühlt...

Klingt vom Plot her ein bisschen wie "The Island" von Michael Bay, ist aber in Wirklichkeit eine gelebte Fototapete, eine mäandernde Mär irgendwo zwischen kargem Evolutions-Essay und nur vage formuliertem Lovecraft-Bodyhorror, die in ihrer totalen Verweigerung von Geschwindigkeit, Rhythmus oder Beziehung zum Zuschauer nie das Potenzial ihrer teilweise hypnotischen Bilder ausschöpft. Es wirkt, als sei die Regisseurin nur an Blicken und Bildkompositionen interessiert, an statischen Elementen. Wenn Film Grammatik ist, setzt Hadžihalilovic nur Punkte, niemals Ausrufezeichen, die laut oder spannend sein könnten, nie Kommas, die den Übergang in die nächste Szene bilden. Eine Film aus Punkten, einzelnen Sätzen. Keine Dramaturgie.

Das ist schwer - und schwer langweilig. Im Gegensatz zu Totalausfällen wie "End of Animal" kann man sich allerdings an den schönen Bildern und dem immer unter der Oberfläche durchschimmernden Thema der Mutterschaft und der Fortentwicklung über die Laufzeit hangeln wie Tarzan an der Liane über dem gefährlich leise blubbernden Treibsand.

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Fazit: Kunst, aggressiv in der Verweigerung des Publikumsanspruchs, ansonsten völlig lethargisch. Ein Film für Festivals - aber nicht für dieses. Muss man gucken wollen. Für sich genommen 3/10 (siehe Nachtgedanken weiter unten).

Bone Tomahawk

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Ihr habt es schon gemerkt: Eine eklektische Mischung macht dieses Jahr das Kurzfestival aus. Da kommt ein düsterer Western gerade recht, also "Bone Tomahawk", der laut Credits unter dem schöneren Titel "Twilight Riders" entwickelt wurde.

Die Story ist archetypisch und wurde von diversen anderen harten Spätwestern thematisiert: Die Hunting Party, in der sich ein paar Männer auf den Weg machen, von den Indianern entführte Bewohner eines Kuhkaffs zu retten und dabei alttestamentarische Rache an den Rothäuten zu nehmen. Aber schon der Ritt aus dem bieder-beschaulichen Ort ist ein Ritt ins Feindesland, sehr schnell wird klar, dass diese Männer der endlosen, trockenen Weite nichts entgegen zu setzen haben. Die Werkzeuge ihrer Zivilisation sind praktisch wertlos, die Strukturen, die sie dem Land aufgezwungen haben, greifen hier noch nicht. Die Indianer hingegen sind grausam und gnadenlos wie die Steppe, haben sich ihrer Welt nicht aufgedrängt, sondern angepasst. Darum gibt es auch kein "richtig" oder "falsch": Beide Seiten haben die Grenzen und die moralischen Maßstäbe der jeweils anderen verletzt und werden bitter dafür bezahlen müssen...

Es ist kein Panorama-Western mit postkartigen Frontier-Ansichten, den Regisseur S. Craig Zahler hier präsentiert. Es ist ein "lawless land", in dem jeder Schritt das Ende bedeuten kann und in dem die Schwächen der kleinen Gruppe (Beinbruch, Alter) schon sehr früh auf eine darwinistische Ausdünnung hinweisen. Und so ist die Reise eine Reise in den Schmerz, die Selbstaufgabe, und schließlich den Tod - für was?

Das ist bretthart, getragen von Charakterschauspielern und einer knarzig-effektiven Regie im Stile von Eastwood und John Ford. Patrick Wilson, der oft zu glatt und ausdruckslos wirkt, hat hier ebenso die richtige Rolle gefunden wie Pretty Boy Matthew Fox als Dandy-Arschloch mit Indianer-Abneigung. Getragen wird der Film allerdings von Kurt Russell, der seine Rolle als harter, aber empathischer Lawman so sehr bis in die letzte Nische füllt, dass man sich über Jeff Bridges ärgert, der ihm vermutlich alle guten Parts wegschnappt. Warum Russell kein Superstar mit mindestens zwei Blockbustern pro Jahr ist, bleibt nach "Bone Tomahawk" endgültig ein Rätsel.

Was "Bone Tomahawk" vom knochentrockenen Spätwestern zum echten Kultfilm erhebt, ist seine Auseinandersetzung mit den amerikanischen Frontier-Mythen. Auch wenn Patrick Wilsons Frau scheinbar nur eine Katalysator-Rolle besitzt, ist sie doch der moralische Mittelpunkt des Film. Sie ist es auch, die "ihre" Männer ganz klar darauf hinweist, dass der Kampf um den Westen nicht nur mit patriarchalischen Mitteln geführt, sondern auch von patriarchalischem Hoheitsdenken ausgelöst wurde. Genau genommen ist "Bone Tomahawk" unter all seiner Härte und seinen Grausamkeiten eine feministische Kritik an sich selbst.

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Fazit: Ein großer, nihilistischer und fast schon feministischer Off-Hollywood-Spätwestern mit grandiosen darstellerischen Leistungen und einer Extraportion Splatter, den das Programmheft mit "True Grit meets The Hills Have Eyes" sehr treffend zusammen gefasst hat. Für Westernfans 9/10, alle anderen sollten vielleicht zwei Punkte abziehen.

Tag

The_Chasing_World-Sion_Sono-p1Was kann am Ende eines solchen Tages noch kommen? Ein Asia-Kracher, logo. Oberflächlich erfüllt alle "Tag" alle Ansprüche an durchgeknalltes japanisches Manga-Kino: Schulmädchen, Splatter, Action. Alles drin, alles dran. Haufenweise Panty Shots inklusive. Die Erwartungen werden bedient wie bei "Lavalantula" - und dann werden sie übertroffen wie bei "Bone Tomahawk".

"Tag" ist nach einem extrem wilden Anfang weit weniger linear, als es zuerst den Anschein hat. Hauptfigur Mitsuko muss feststellen, dass sie sich in einem fluiden Universum befindet, dass ihr Aussehen, ihr Charakter und ihre Backstory sich ständig ändern, dass sie verfolgt wird von überdimensionalen Bösewichten. Es gibt keinen Ausweg, keine Atempause in diesem Multiversum, das nur zu existieren scheint, um sie zu peinigen. Einziger Anker ist ihre Freundin Aki, die immer präsent scheint und deren Ratschläge Mitsuko immer wieder das Leben retten. Aber warum gibt es in der Welt von Mitsuko eigentlich keine Männer?

Ich würde gerne noch mehr über "Tag" schreiben, weil er über seine schrillen Comic-Ambitionen nicht nur etwas zum Thema Geschlechterrollen in der Mainstream-Kultur zu sagen hat, sondern weil er damit auch als Diskussionsbeitrag zum Gamergate gelten könnte. Aber ich will den Film nicht zu sehr spoilern, weil er letztlich entdeckt werden will, weil seine Aussagen besser funktionieren, wenn man sie nicht einfach nachplappert.

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Fazit: Comic-Action und Genderdiskussion, apokalyptische Hetzjagd und asiatischer Unterwäsche-Fetisch - die volle Packung. Vielleicht nicht ganz so poliert wie bei Miike, aber dafür gehaltvoller. Schwankt unkonkretisierbar zwischen 7/10 und 8/10.

Nach(t)gedanken

Mit seiner extrem eklektischen Mischung und dem Anspruch, nicht nur "direct to DVD"-Müll und billige Crowdpleaser zu präsentieren, zeigt das Fantasy Filmfest die gesamte Bandbreite des/der Genres. Und wie in vielen Jahren zuvor stellt sich dabei der Festival-Effekt ein - die Filme wirken nicht nur für sich, sie wirken auch aufeinander und untereinander. Klar ist "Evolution" dröge Kunstkacke - aber er ist EXAKT der Film, den man zwischen "Lavalantula" und "Bone Tomahawk" sehen sollte, er gleicht die Trashigkeit des Vorangegangenen und das schauspielerische Pathos des Nachfolgenden aus. In diesem Umfeld, als notwendige Balance, kämpft er sich dann doch auf die 5/10 hoch.

Mit kombinierten 32 von 50 möglichen Punkten rangiert das Programm dieses Tages im oberen Drittel und entspricht damit dem Standard des Fantasy Filmfest. Und doch ist es weit mehr.

Französischer Thriller, B-Monsteraction, Filmphilosophie, Westernhorror, asiatische Comicaction - das sind die Zutaten für einen perfekten Tag, sie ergeben zusammen das perfekte Programm. Equilibrium wird erreicht.

Zen.

Heute war der tollste Festival-Tag meines Lebens.

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Dezember 2015

Fett mit Tablet: Aller guten Dinge sind 3

Einige Leser werden ein deja vu haben - der Dewi und das Tablet, das kennen wir doch schon?! In der Tat habe ich bereits zweimal Tablets gekauft, getestet und wieder zurück gegeben.

Da war das Archos-Schrottmodell anno 2011, bei dem die Qualität dem damaligen Bodensatz-Preis von 97 Euro entsprach: Katastrophales Display, miserable Bedienung, elende Verarbeitung und nicht mal genug Prozessorpower für "Angry Birds".

Vor ziemlich exakt zwei Jahren folgte das deutlich edlere Medion-Tablet, das mir zwar besser gefallen hat, für das ich letztlich aber keine Verwendung fand. Als Autor und Vielschreiber ist mir das Macbook Air halt doch der liebere Begleiter in allen Lebenslagen.

Ich bin halt so einer:

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Warum ich vor einer Woche doch wieder ein Tablet gekauft habe, diesmal mit 7 Zoll sogar in einer Größenordnung, die ich selber vorher als unguten Kompromiss zwischen Smartphone und Laptop abgelehnt habe? Aus dem denkbar dämlichsten Grund: Es war billig. So billig, dass ich wieder dieses Scheiß drauf-Kribbeln im One Click-Finger bekam.

fire549 Euro für ein Amazon Kindle Fire der 5. Generation. 

Mir ist schon klar, dass man Hardware auch (gerade!) dann nicht anschaffen sollte, wenn sie so billig ist, dass das Produkt kaum ein Bringer sein kann.

Ich hatte auch gelesen, dass man den niedrigen Preis nicht nur mit mäßig potenter Hardware, sondern auch mit einer Amazon-Biosphäre und einem "angepassten" Android-Betriebssystem bezahlt. Und dass das Kindle Fire nur per WLAN ins Netz geht. Und Werbeeinblendungen mitbringt.

All das wusste ich. Und hätte deshalb Freunden wie Lesern von dem Gerät abgeraten. Lieber ein paar Euro mehr installieren und ein unkastriertes Android-Tablet kaufen, im Idealfall mit 10 Zoll Diagonale.

Ich wettere gerne gegen Impulskäufe, die meistens mit Konsumentenkater enden. Und doch bin ich nicht immun. 49 Euro! Für ein aktuelles Tablet! Alder! Her damit!

Wer einen "regulären" Test sucht, den verweise ich auf Netzwelt. Hier geht es nur im meine subjektiven Eindrücke des Gerätes.

Eigentlich kostet das Fire Tablet in dieser, der einfachsten Ausführung, 59,99 Euro. Aber immer wieder mal gibt der Konzern einen Preisnachlass, in diesem Fall zur "Cyber-Week". 49 Euro also. Kam auch binnen 18 Stunden - mittlerweile ist der Ansturm so groß, dass man sich fast bis Weihnachten gedulden muss.

Die Verpackung ist vorbildlich - Pappe, wenig Folie, wenig Müll, leicht zu öffnen. Einziges Extra: Ein USB-Kabel mit aufsteckbarem Stecker. Gleichzeitig Ladegerät und Verbindung zu meinem Mac. Baugleich zur Hardware meines Moto G-Handys, da kann ich die Kabel also wechselnd verwenden, bzw. brauche ich immer nur eins mitzunehmen. In Kombination mit einem Auto-Adapter ist man damit schon mal auf der sicheren Seite.

Ein Kollege hat hier ein brauchbares Unboxing hochgeladen, das erspart mir viele Erklärungen zu Aussehen und Haptik des Gerätes:

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Auspacken, anschalten, mit WLAN verbinden - und updaten. Wie eigentlich immer bei solchen Geräten liegt "out of the box" ein Systemupdate vor, das erst einmal geladen und installiert werden muss. Was gut 10 Minuten dauert.

Da ich nie länger mit Tablets gearbeitet habe, kann ich nicht beurteilen, ob die 311 Gramm des Fire vergleichsweise schwer sind, wie mancher Reviewer kritisiert. Ich selber finde das Gewicht angenehm, das Format auch, die Verarbeitung wertig. Das hatte ich deutlich klapperiger erwartet.

Auch der Bildschirm, dessen Auflösung von gerade mal 1024 x 600 viele potenzielle Käufer abschreckt, wirkt auf mich als Laie klar, knackig und durchaus nicht pixelig. In meinen Augen ist der Auflösungs-Schwanzvergleich ungefähr so sinnvoll wie der Megapixel-Schwanzvergleich bei Digitalkameras. Es kommt immer darauf an, was man tatsächlich braucht.

Die Micro-SD-Karte ist schnell einsteckt, an Speichermangel wird es nicht scheitern. Zu Testzwecken packe ich einen Haufen Bilder, Videos, Ebooks und andere Dokumente drauf.

Zu meiner Überraschung stellt sich das von Amazon zurecht gebogene Android-Betriebssystem als sehr gefällig heraus, man hat sich ja auch mittlerweile von der Idee verabschiedet, die Oberfläche bis zur Unkenntlichkeit zu skinnen. Letztlich hat man einen android-typischen Startbildschirm. Wenn man nach links wischt, rutschen rechts Seiten auf den Schirm, die den schnellen Zugriff auf die Amazon-Angebote ermöglichen: Bücher, Videos, Spiele, Shop, Apps, Musik, Hörbücher. Alles sehr klar strukturiert.

Ich verbringe erstmal eine Stunde damit, das Fire-Tablet nach meinen Bedürfnissen einzurichten: So wie ich die Apple-Biosphäre ablehne, lehne ich die Amazon-Biosphäre ab, wenn es um meine eigenen Dateien geht. Ich spiele also den VLC Media Player und den EFS File Explorer auf. Damit habe ich Zugriff auf alle Dateien, kann so ziemlich alles abspielen - und nichts geht in die Cloud. Außerdem installiere ich noch meine Dropbox.

Beschäftigt man sich mit dem Fire Tablet ein wenig genauer, wird sehr schnell klar, dass man es eigentlich unter zwei gänzlich verschiedenen Gesichtspunkten besprechen muss - mit Amazon und ohne.

Lehnt man Amazon grundsätzlich ab und hat auch kein Prime-Konto, dann kann man durchaus trotzdem seinen Spaß mit dem Fire haben. Zwar kastriert Amazon den Zugang zum Google Playstore, aber die meisten Apps kann man "sideloaden", wenn man sich die APKs besorgt. So lassen sich fast alle auf Amazon zurück greifenden Programme relativ stressfrei ersetzen. Wer es hardcore mag, kann das Fire auch rooten - auf eigene Gefahr. Und hier kommt wieder der Preis ins Spiel: bei 49 Euro ist das Risiko vergleichsweise gering, selbst WENN es gelingt, das Tablet zu schrotten. Und bei Amazons Retourenpolitik würde mich nicht wundern, wenn sie selbst das zurück nehmen.

Man könnte sich also aus dem Fire ein ziemlich normales Android-Tablet "retro engineeren". Ich denke mal, die zwei bis fünf Stunde Zeitinvestition ist es allemal wert.

Allerdings: Wer Amazon-Prime-Kunde ist, hat tatsächlich einen massiven Mehrwert durch die Einbindung in die Amazon-Biosphäre - was ich als Malus gesehen hatte, entpuppt sich als womöglich kaufentscheidender Bonus.

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Zuerst einmal tauchten auf der Ebook-Seite des Tablets wie von Geisterhand alle Ebooks auf, die ich in den letzten Jahren (zumeist kostenlos) bei Amazon erstanden hatte. Ich konnte sie sofort laden und lesen. Die Shop-Seite hatte meine letzten Einkäufe und schlug gleich vor, ich solle vielleicht Katzenstreu kaufen. Das kann man "creepy" finden, ich habe mich dank Google an diese Querverwendung von Informationen allerdings stressfrei gewöhnt. Auf der App-Seite konnte ich alle Amazon-Apps, die ich bisher für mein Smartphone gekauft hatte, per Knopfdruck auch auf dem Tablet installieren.

Besonders drollig natürlich die Leihbücherei von Amazon. Ich lese nicht viele Romane. Es reicht völlig, dass ich mir als Prime-Kunde eine Neuerscheinung pro Monat kostenlos ausleihen und lesen kann. Was für ein geiles Konzept.

Noch besser wurde es allerdings in Sachen Filme, Serien und Musik. Als Amazon-Prime-Kunde hat man mit dem Tablet gleich "all access". Stundenlang kostenlos Musik hören? Check. Neue Serien wie "Mr. Robot" anschauen, wahlweise in deutsch oder englisch? Check. Einen verpassten Spielfilm nachholen, ohne entweder bezahlen oder illegal downloaden zu müssen? Check.

Klar, das Amazon-Prime-Angebot ist nicht vergleichbar mit Netflix und Spotify. Aber ich bringe meine eigenen Bibliotheken mit und es ist eine hervorragende Ergänzung als Zeitvertreib. Tatsächlich verbrachte ich den ersten Abend damit, die verpassten Folgen von "The Bitch in Apartment 23" zu schauen.

Obendrein kann man sich noch die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender installieren, was endgültig für mehr als genug Nachschub sorgt.

Auch bei den Apps hat die Amazon-Biosphäre ihre Vorteile: Bei Amazon Underground kann man sich viele Sachen kostenlos laden, die sonst kostenpflichtig sind. So kam ich u.a. zu "Riptide GP 2", dessen butterweiche Darstellung auf dem Fire mir doch ein wenig die Kinnlade herunter klappen ließ - dieses Video solltet ihr euch auf YouTube in HD ansehen:

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Kein Vergleich mit dem Archos und für mich als Casual Gamer eine absolute Offenbarung. Die LvA war auch ziemlich begeistert, "Bejeweled" mal mit dem großen Touchscreen statt dem Trackpad ihres Macbooks spielen zu können.

Ich sag's ungern, weil ich damit den früheren Torsten als Klugscheißer entlarve, aber: Für treue Amazon-Kunden ist die Einbindung in die Amazon-Prime-Biosphäre kein Einschränkung, das Tablet gewinnt durch sie deutlich an Bedienerfreundlichkeit und kostenfreiem Content.

Nun will das Fire wie viele andere Geräte seiner Klasse eine eierlegende Wollmilchsau in Sachen Entertainment sein. Wie gut schlägt es sich in meinen Augen in den einzelnen Disziplinen?

Als Ebook-Reader: Sauber. Die Software von Amazon ist okay, für andere Formate gibt es andere Apps. Der Bildschirm ist hintergrundbeleuchtet und recht scharf, ich kann mich auch bei 1280 x 600 nicht über Pixelisierung beschweren. Sicher mag ein dedizierter Reader wie der Kindle oder der Kobo das besser können und mit einer Akkuladung länger durchhalten, aber für den Ubahn-Leser oder für die Lektüre im Bett ist das hier allemal gut genug.

Als Videoplayer: Sehr gut. Absolut flüssig. Dank VLC lässt sich fast alles abspielen, die Bedienung ist intuitiv. Für ruhige Umgebungen und weniger anspruchsvolle Soundkulissen reicht sogar der eingebaute Lautsprecher völlig aus. Will man die Umwelt nicht nerven, empfehle ich Ohrhörer wie die Xiaomi Piston 3. Die Größe von 7 Zoll reicht - zu meiner Überraschung - völlig, um sich (entsprechende Nähe zum Gerät vorausgesetzt) in fremden Welten zu verlieren.

Als Musikabspieler: Vielseitig. Eigene MP3, Musik aus dem Amazon Prime Angebot, Klassikradio über App - alles geht, alles geht gut. Es gilt allerdings wie beim Videoplayer: Wenn man kein WLAN hat, ist alles Streaming hinfällig. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, die SD-Karte gut bestückt zu halten.

Als Spielekonsole: Ein Spaßbringer. Solange man bei Casual Games bleibt, die keine komplexe Steuerung verlangen. Für mich wird die Bedienung über den Touchscreen immer etwas unnatürlich bleiben. Davon abgesehen lässt es das Fire 5 grafisch ganz schön krachen, ohne in die Knie zu gehen. Waren mir die 4,5 Zoll meines Moto G für Spiele immer zu klein, ist das Fire genau richtig. Ich mag es auch, die Aufgaben zu splitten - ich möchte nicht an dem Ding spielen, das im nächsten Moment mit einem Anruf der LvA klingelt.

Als Surfmaschine: Besser als ein Handy, aber verbesserungswürdig. Amazon hat den recht soliden Silk-Browser eingebaut, man kann natürlich auch Chrome sideloaden. Es ist mir noch nicht gelungen, die Browser auf Mobil-Ansicht zur besseren Lesbarkeit umzustellen. Im Falle von Silk ist das allerdings nur ein sekundäres Problem, weil der eine eigene Leselampen-Funktion mitbringt, die das ausreichend ausgleicht. Ich bleibe auch weiterhin dabei, dass im Internet gilt: je größer der Bildschirm, desto besser die Experience. Es ist wie bei den Spielen: Der Sprung von 4,5 auf 7 Zoll macht aus der Quälerei zumindest eine brauchbare Alternative. Wenn man sich in einem WLAN-Netz befindet.

Als Social Media-Connector: Da hapert's in meinen Augen. Weil ich bei Facebook u.ä. Angeboten viele Kommentare und Postings schreibe. Texte auf der virtuellen Tastatur tippen wird nie meins werden. Your mileage may vary.

Als Arbeitsgerät: Das ist der einzige Punkt, wo das Fire die weiße Flagge hissen muss - was allerdings auch an mir liegen kann. Ich schreibe keine Texte auf Tablets. Das gehört sich nicht. Das ist widernatürlich. Unter meine zehn Finger gehört eine Tastatur von ausreichender Größe mit haptischem Feedback. Blogpostings wie dieses und Artikel für die Liebes Land werden auch künftig noch mit meinem Macbook Air bestritten.

Nun ist es eine Sache, inwieweit ein Tablet die Aufgaben eines Notebooks ersetzen kann - spannender ist aber die Frage, was es an Mehrwert bietet. Genau daran war es bei mir bisher ja immer gescheitert - ich habe einfach keinen Grund gefunden, ein Tablet haben zu müssen. Mein Macbook Air hat den größeren Bildschirm, die besseren Lautsprecher, die vernünftigere Tastatur.

Nun war ich diese Woche drei Tage lang in der Oberpfalz unterwegs, um für die "Liebes Land" drei Reportagen heimzubringen. Weil es immer mal wieder vorkommt, dass ich darauf warten muss, dass der Fotograf sein Equipment aufgebaut hat und weil es immer mal wieder Pausen und Nächte im Hotel zu überbrücken gibt, entschied ich mich, das Fire "on the road" zu testen, als tragbaren Entertainment-Maschine für unterwegs.

Und das, meine Damen und Herren, hat sich als der heilige Gral entpuppt.

Die Größe des Fire macht es ideal für die Jackentasche, innen wie außen. Wenn es drauf ankommt, passt es sogar hinten in die Jeans, dann sollte man sich allerdings nicht hinsetzen. Man kann es überall unauffällig ablegen, es fällt nirgendwo so auf wie ein Laptop. Man muss es nicht groß hochfahren, es merkt sich die Stelle, an der man den Film abgebrochen hat, und die Seite, auf der man im neusten Stephen King-Roman gelandet war. Einschalten, weiter lesen/zocken/gucken/hören, ausschalten. Unauffällig, schnell, allzeit bereit.

Ich habe in den drei Tagen in einer mittelalterlichen Bauernstube Peter Osterieds neuen Interview-Band gelesen, habe in einer verregneten Nacht im geparkten Wagen das Tablet auf das Lenkrad gestellt und "Jessica Jones" geschaut, habe im Motel Klassikradio laufen lassen, während ich duschte. Das Tablet hatte meine Reiseplanung zur Hand, ich konnte den Reportagepartnern Bilder von anderen Foto-Sessions zeigen. Von meinem sanierten Haus in München habe ich mit der eingebauten Kamera eine Video-Tour gedreht. Allein im Restaurant? Kein Problem: Einfach die neusten Nachrichten der FAZ per App lesen.

Es zeigte sich der Vorteil eines "Billig-Tablets": Man geht damit entspannter um, wirft es so lässig auf das Hotelbett wie auf den Beifahrersitz. Schutzhülle? Unnötig. Erster Kratzer ist schon drin - auch egal. Es ist ein Arbeitstier, kein Luxusgeschöpf. Es tut, was es soll. Klaglos, solide.

Natürlich kann man mäkeln. Die Außenmaße des Fire würden auch 8 Zoll Diagonale erlauben. Die verbauten zwei Kameras sind bestenfalls Notlösungen. Ohne Sim-Karte ist man außerhalb eines WLAN-Netzes aufgeschmissen, was gerade deshalb ärgerlich ist, weil das Fire auch ein prima Navi sein könnte. Man könnte sich über die Auflösung beschweren oder über Spiegelungen des Bildschirms.

Für solche Kritik habe ich zwei Worte: 49 Euro.

Nun werden einige Leser einwerfen: "Halt - der Preis ist nicht realistisch, weil das Gerät ja mit Werbung subventioniert wird!". Das ist richtig und doch falsch. Erstens kann man die Werbung mit ein paar Tricks entfernen (was ich für unnötig halte), zweitens macht der Preisunterschied zur Variante ohne Werbung gerade mal 15 Euro aus. Vor allem aber und drittens: Stellt euch nicht so an. Wir reden hier lediglich von einer statischen Werbung auf dem Login-Screen, die bei ausgeschaltetem Fire nicht sichtbar ist und beim Start per Wischgeste sofort verschwindet. Während der tatsächlichen Benutzung des Tablets gibt es keine unerwünschte Werbung.

Daheim ist mein Macbook immer noch das Gerät meiner Wahl, aber unterwegs ist ein Tablet für vielfältige Aufgaben unschlagbar. Es war nicht nur praktisch, immer auf das Fire zurück greifen zu können - es hat Spaß gemacht.

Fazit

Nach einer Woche intensiver Nutzung bin ich regelrecht besoffen von meinem Fire. Nicht nur wegen der Möglichkeiten - sondern auch wegen des Preises. Die Kombination macht's. Natürlich kann das Tablet nicht alles so gut wie den Einzelfunktionen gewidmete Geräte - aber es macht nichts so schlecht, dass es dadurch unbrauchbar wird. Ist es der beste tragbare Videoplayer? Nein, aber ein guter. Ist es die beste tragbare Spielekonsole? Nein, aber allemal großes Entertainment. Die Abstriche, die man bei so einem Universalgerät machen muss, sind überraschend gering.

Was mich erstaunt: Der erstaunliche Nutzen des Gerätes führt nicht zum Drang, nun noch ein besseres, größeres und teureres Tablet kaufen zu wollen. Das Fire reicht. Wie mein Moto G der ersten Generation und mein vier Jahre altes Macbook Air. Equi­li­b­ri­um ist erreicht.

Wird die Begeisterung anhalten? Ich glaube schon. Zumindest für unterwegs (und ich bin ja viel unterwegs) hat sich das Fire schnell einen Platz in meinem Herzen erobert. Weil es viel bequemer, kleiner, schneller und vielseitiger ist als mein Macbook, aber gleichzeitig größer, bedienerfreundlicher und unterhaltsamer als mein Smartphone. Es ist mein Fenster in die Welt - Fire in der Jackentasche, Piston-Ohrhörer in der Hosentasche. Ready to go.

Und weil man's nicht oft genug sagen kann: 49 Euro.

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28
November 2015

Gastbeitrag: Schmerz - eine wahre Geschichte

Ich weiß nicht, wann und wie ich über Daniel Spiegelberg gestolpert bin. Bei Facebook irgendwie. Ein Typ, dessen Kommentare ich meist blind unterschreiben kann, dessen Humor ich teile - und der auch noch in Düsseldorf lebt! Blutsbruder im Geiste halt.

Neulich war er zwei Wochen lang wie vom Erdboden verschluckt - im Sinne von: er postete nichts auf Facebook. Dann kam er zurück. Mit einer Geschichte, die so schmerzhaft, aber so klasse erzählt ist, dass sie es verdient, aus dem Ghetto des sozialen Netzwerks geholt zu werden. Also bat ich ihn, sie hier reposten zu dürfen.

Nehmt euch die Zeit - das hier ist eine Stunde eures Wochenendes wert. Lasst seinen Schmerz euer Entertainment sein. Und wünscht ihm gefälligst gute Besserung.

Die Geschichte meiner Hüfte

von Daniel Spiegelberg

Montag, der 26. Oktober 2015, kurz vor 17 Uhr. Schon seit Tagen bemerke ich einen zunehmenden Schmerz in der linken Hüfte. Seit vorgestern ziehe ich auch das Bein nach. Es fühlt sich nicht weiter schlimm an, „irgendwas gezerrt, halt“, aber es nervt. Den Tag in der Ambulanz habe ich weitgehend rumbekommen ohne von Patienten oder Mitarbeitern auf das Nachziehen angesprochen zu werden. Jetzt habe ich noch kurzen Dienst bis 23 Uhr, dann nach Hause, eine Ibuprofen, und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

Im Verlauf des Dienstes muss ich relativ viel laufen und mehrfach in Rettungswagen ein- und wieder aussteigen. Der Schmerz nimmt zu. Er ist weit jenseits von einschränkend, aber auch nicht weg zu diskutieren. Mein letzter Ausstieg aus einem Rettungswagen sorgt für hochgezogene Augenbrauen bei Rettungssanitätern und Ordnungsbeamten. „Alles klar, Doc?“ „Klar, geht schon. Den Patienten auf 2D, bitte, die wissen Bescheid. Ich komme gleich hinterher gehumpelt.“

Der Dienst geht vorbei, ich fahre nach Hause. 4. Stock ohne Aufzug, wie konnten wir uns seinerzeit bloß darauf einlassen? Es geht aber. Wenn auch etwas langsamer als gewohnt.

Dienstag, der 27. Oktober. Ich stehe auf. Beziehungsweise, ich versuche es. Es tut weh. Die ersten Schritte sind beschwerlich und unsicher, dann geht es aber. Ich humpele in die Küche und mache mir einen Kaffee. Hinsetzen und Aufstehen schmerzen ebenfalls. Ich rufe auf der Arbeit an und melde mich krank. So hat das keinen Sinn. Ich muss am Tag ca. 5 Kilometer laufen und mich ca. 60 mal hinsetzen und wieder aufstehen. 5 Kilometer humpeln und 120 mal die Zähne zusammen beißen und „Kacke!“ zischen – klingt nicht sehr vernünftig.

Um 9:45 Uhr arbeite ich mich die Treppe runter. Runter ist tatsächlich noch blöder als rauf, ist aber zu machen. Ich fahre zur Ellerstraße, parke und humpele zur Praxis meines Hausarztes. Wie immer werde ich an ca. 16 Patienten vorbei gewunken, die alle vor mir da waren. Ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, dass das wirklich nicht notwendig ist. Ich kann warten wie alle anderen auch, und die anderen sind sicher auch nicht zum Spaß hier. Es nützt aber nichts. Ich bin Kollege, habe da mal ein Praktikum gemacht und gehöre zur erweiterten Familie. Vorzugsbehandlung inklusive, auch ohne Privatversicherung.

Ich bin noch keine 10 Minuten da und Doc Küpper steht vor mir. „Daniel, washasse.“ Ich schildere den Verlauf und die Beschwerden. Ich lasse dabei unvorsichtigerweise das Buzz-Word „Anlaufschwierigkeiten“ fallen. Das hätte ich nicht machen sollen. Ärzte suchen bei der Diagnose-Findung immer nach einem Wegweiser. „Anlaufschwierigkeiten“ oder „Losgeh-Schmerz“ ist bei jedem, der Medizin studiert hat, untrennbar mit „Arthrose“ vergesellschaftet. „Daniel, klingt nach Arthrose. Wie alt bisse? 34?“ „39“. „Bisse früh dran. Kommt aber vor. Müssenwa röntgen.“ Ich bekomme eine Überweisung, eine Krankmeldung und einen Streifen Ibuprofen in die Hand gedrückt. Das Röntgen-Institut um die Ecke hat das Röntgen-Gerät kaputt, wie man mir mitteilt, Sprechstundenhilfe Marion sucht mir eine Röntgen-Praxis in meiner Nähe raus. Bismarck-Straße, direkt am Hauptbahnhof. Sie versucht, dort anzurufen, nach 12 Minuten Warteschleife sage ich „Lass gut sein, Marion. Ich kümmere mich selber drum. Ich hab Zeit, ihr nicht.“

Eine halbe Stunde später bin ich wieder zu hause. Ibuprofen wirkt ganz gut. Laufen ist weiter eingeschränkt, aber Sitzen tut jetzt nicht mehr weh. Ich versuche mehrfach, in der Röntgen-Praxis anzurufen. Ich gerate jeweils in die Warteschleife, die von einem 15-sekündigen Loop aus barocker Kammer-Musik akustisch untermalt wird, die zu allem Überfluss auch noch auf einem nicht aufgelösten Sept-Akkord endet, bevor sie von vorne anfängt. Mit der Musik soll erkennbar der Unterschied im sozialen Status zwischen den Radiologen und dem AOK-Pöbel verdeutlicht werden. Meine Ohren beginnen zu bluten. Nachdem 6 Versuche a‘ 10 Minuten binnen 3 Stunden keinen Erfolg gebracht haben, googele ich die Praxi. „Sprechstunden werktags von 8 – 18 Uhr und nach Vereinbarung“, steht da. Klingt für mich, als käme man da auch ohne Termin dran. Ich beschließe, am nächsten Tag hinzufahren.

Am nächsten Tag wache ich steif und schmerzerfüllt auf. Der Weg die Treppe runter erscheint mir nicht unmöglich, aber auch nicht attraktiv. Ich beschließe, meiner Hüfte einen Tag Ruhe zu gönnen und morgen hinzufahren.

Donnerstag, der 29. Oktober. Ich gönne mir ein Taxi und fahre zur Bismarckstraße. Die Praxis liegt direkt neben einer Niederlassung von Großbritannien, wo man Visa und ähnliches beantragen kann. Was dafür sorgt, dass in der Röntgen-Praxis selbst offenbar im 5-Minuten-Takt verwirrte Briten vorstellig werden, die auf der Suche nach einer Ausreise-Möglichkeit sind. Das Personal verzieht jeweils keine Miene und deutet höflich auf den Eingang zwei Türen weiter. Die initial sehr lange Schlange vor der Theke wird so binnen weniger Minuten erfreulich ausgedünnt. Und ich weiß nun auch, warum ich telefonisch keinen dran bekommen habe: Hinter der Theke sitzen zwei Arzthelferinnen. Eine ist für den unmittelbaren Kundenkontakt zuständig, die andere für das Telefon. Und das klingelt ohne Unterlass. Sie wickelt einen Anruf nach dem anderen ab, drückt den nächsten leuchtenden Knopf, der jemanden in der Warteschleife zu ihr durchstellt, und immer so weiter. Das wäre ja der ideale Job für mich, so was. Wieviel Gefluche und Gepöbel sich die arme Frau wegen der langen Warteschleifen-Zeiten tagtäglich anhören muss, kann ich nur mutmaßen.

Dann darf ich mein Anliegen vorbringen. „Haben Sie einen Termin?“ „Leider nein. Ich dachte…“ „Tut mir Leid, ohne Termin geht hier leider gar nichts. Der nächste freie Termin ist, Moment,… nächste Woche Freitag um 9:15 Uhr“

„Hören Sie, ich bin ärztlicher Kollege. Und es tut wirklich fies weh. Und ich brauche nur eine Becken-Übersicht, das dauert 5 Minuten. Da wird doch sicherlich was zu machen sein.“ – hätte ich sagen sollen. Aber bei so was versagt’s bei mir regelmäßig. „OK, kann man nichts machen. Dann komme ich nächste Woche Freitag. Danke!“, höre ich mich statt dessen sagen.
Wieder zu hause. Ich rufe bei meinem Hausarzt an und schildere die Misere. „Jau, das hören wir im Moment öfter. Die Röntgen-Praxen sind derzeit alle ausgebucht. Musste jetzt warten.“ Eine Verlängerung der AU wird mir zugeschickt.

Eine Woche Wartezeit. Unschön, aber es könnte schlimmer sein. Mit Ibuprofen sind die Schmerzen einigermaßen im Griff, zumindest, wenn ich mich nicht bewege. Viel Zeit, um zu recherchieren. Hüft-Arthrose kommt eigentlich nicht in Frage. Das ist die Erkrankung des über 60-Jährigen und sie beginnt in aller Regel schleichend. Und nach morgendlichen Anlauf-Schwierigkeiten kann man damit in aller Regel schmerzfrei den Tag verbringen, erst abends tut es wieder weh. Sei es, wie es sei, ohne Bildgebung ist es nicht zu sagen.

Mein Gehumpel wird während der Woche schlechter, die Schmerzen nehmen zu. Immer noch weit weg von „Unerträglich!“, aber unangenehm und einschränkend. Bei jedem Hinsetzen und Aufstehen verziehe ich das Gesicht. Auch der Schlaf wird unruhiger, weil auch die Bewegung in der Horizontalen langsam schmerzt. Aufstehen aus dem Bett wird immer schwieriger. Beim Gang durch die Wohnung halte ich mich immer häufiger an den Möbeln fest und stütze mich an den Wänden ab. Die ersten Schritte hüpfe ich, mehr oder weniger, auf dem gesunden rechten Bein. Einmal fahre ich noch einkaufen, schleppe alles nach oben und bereue den Ausflug auf der Stelle.

Freitag, der 6. November. Ich lasse mich wieder mit dem Taxi zur Bismarck-Straße fahren. Wenn ich das in der Vorwoche noch aus Vorsicht tat, tue ich es jetzt aus Notwendigkeit. Im Taxi klingelt mein Telefon, ich bekomme es nicht rechtzeitig aus der Hosentasche, um dran zu gehen. Verpasster Anruf. Die Nummer kommt mir vage bekannt vor. Ich rufe zurück. Und lande in einer Warteschleife mit barocker Kammer-Musik, die – ihr wisst schon. Der Taxi-Fahrer lässt mich vor der Praxis raus. Der Bordstein ist ziemlich hoch. Ich starre ihn eine Minute an und versuche, den Mut zusammen zu bringen, auf ihn zu steigen. Eine junge Frau fragt mich noch, ob ich Hilfe brauche. Ich verneine tapfer lächelnd. Ich hüpfe den Bordstein rauf, fluche gequält in mich rein und betrete die Praxis.

„Gutem Morgen, Spiegelberg, ich habe einen Termin zum Röntgen um 9:15 Uhr. Und ich glaube, Sie haben eben versucht, mich anzurufen?“ „Morgen Herr Spiegelberg. Ja, haben wir. Tut uns Leid, aber das Röntgen-Gerät ist defekt. Wir müssten Ihnen einen Termin anbieten.“ Keine versteckte Kamera, kein Guido Cantz weit plus breit. Die meinen das ernst. Immerhin: Ich bekomme einen Termin für den kommenden Montag, selbe Zeit. Bis dahin werde alles repariert und einsatzbereit sein, sichert man mir zu.

Das Wochenende verläuft im Wesentlichen wie gehabt. Nicht gut, aber aushaltbar. Mick kümmert sich um alles, mir fehlt an nichts.

Montag, der 9. November. Ich fahre zum 3. Mal mit dem Taxi in die Bismarckstraße, Das Gerät ist repariert, ich müsste nur noch kurz im Wartebereich Platz nehmen. Ich nehme den Sessel, der den Untersuchungszimmern am nächsten ist. 10 Minuten später werde ich aufgerufen. Ich hangele mich an der Wand lang und lege mich ächzend auf den Röntgen-Tisch. Für die s. h. Lauenstein-Aufnahme muss ich das linke Bein anziehen und das Knie so weit wie möglich nach links unten drücken. Es tut beschissen weh. Aber es gelingt. Draußen bekomme ich nach 5 Minuten die unbefundeten Aufnahmen in einer Tüte mitgegeben und lasse mir ein Taxi kommen. Der Taxi-Fahrer lässt mich in der Ellerstraße raus. Ich muss 30 Meter zu Fuß gehen um die Praxis zu erreichen. Nach 3 Schritten möchte ich eigentlich weinen. Es geht nicht. Ich bin kurz versucht, in der Praxis anzurufen: „Ich stehe quasi vor eurer Tür. Könnt ihr mich vielleicht abholen?“, und träume von einem Rollstuhl. Aber ich bin keine Lusche. Immer an der Fassade lang, es geht. Langsam, aber es geht.

Ich komme in der Praxis an. Ich bin schweißgebadet, schaffe es kaum in den Untersuchungs-Bereich. Marion und Irina schauen mich ungläubig an: „Was ist denn mit DIR los?“. „Alles schlimmer geworden. Aber ich hab die Aufnahmen. Hier.“

Doc Küpper kommt und schaut sich die Bilder an. „Jau, wie ich dachte. Sisse? Da is schon Knochen auf Knochen“ erläutert er, und zeigt auf den Gelenk-Spalt. Für die Nicht-Mediziner: Hüft-Arthrose meint den Verschleiß des Gelenks. Zwischen der Hüftpfanne und dem Oberschenkel-Knochen befindet sich eine Knorpel-Schicht, die schmerzfreies und, im Wortsinn, reibungsloses Gleiten des Gelenks möglich macht. Bei Arthrose verschwindet dieser Knorpel langsam aber stetig. Die beiden Knochen reiben bei jeder Bewegung aufeinander. Genau so fühlt sich das auch an.

Therapie: Künstliches Hüft-Gelenkt. Küpper ist Allgemein-Mediziner und kein Orthopäde (und, wie wir noch erleben werden, auch kein Radiologe). „Wir warten jetzt erst mal den Befund ab. Du machst aber schon mal Termin bei den Orthopäden im Vinzenz. Sollen die sich was einfallen lassen. Und bis dahin sehen wir erst mal zu, dass wir Dich schmerzarm kriegen“. SchmerzARM. Nicht –frei. Schöne Aussichten. Ich bekomme zwei Unterarm-Gehstützen (das hieß früher „Krücken“) und ein Rezept für Tramadol. Das ist das eine Zeug, das gerade so eben NICHT vom Betäubungsmittel-Gesetz erfasst wird. Außerdem noch Cortison für eine Woche, um die anzunehmende Entzündung in Zaum zu halten.

Wieder zu Hause mit den Gehstützen komme ich gut zurecht, das Bein ist entlastet und die Drogen wirken gut. Ich mache einen Termin in der orthopädischen Sprechstunde im Vinzenz-Krankenhaus aus. Ich lese mir im Netz alles durch, was man über künstliche Hüftgelenke und ihren Einbau wissen kann. Klingt erst mal nicht sehr dramatisch. Gibt sicher Schöneres, aber bitte. Hauptsache, die Schmerzen hören auf und ich kann wieder arbeiten. Der Termin ist kommende Woche Mittwoch. Diese Woche Donnerstag soll ich noch mal bei Küpper anrufen und mich nach dem Röntgen-Befund erkundigen.

Donnerstag, der 12. November. Ich stehe auf und gehe an Krücken in die Küche. Ich mache mir einen Kaffee. Ich möchte ihn mit zum Rechner nehmen, um gleichzeitig Nachrichten lesen zu können. Das gleichzeitige Benutzen von Unterarm-Gehstützen und der Transport einer Tasse Kaffee gestaltet sich schwierig. Beim ersten Versuch verschütte ich ein Sechstel des Tassen-Inhalts auf den Boden. „Grmpfft!“ fluche ich und stelle die Tasse wieder ab. Schon gut, dann trinke ich sie eben hier. Ich leere die Tasse am Küchentisch.

Ich stehe wieder auf.

Ich stabilisiere mich mit beiden Krücken.

Ich bemerke nicht, dass die linke Krücke in der Kaffee-Lache zum Stehen kommt.

Ich beginne, mich auf dem rechten Fuß zu drehen, um die Küche zu verlassen. Ich verlagere dabei den Großteil meines Gewichts auf die Krücke in der linken Hand.

Die Krücke rutscht weg. Ich destabilisiere. Reflexartig mache ich einen Ausfall-Schritt mit dem linken Bein. Und trete mit diesem mit meinem vollen Gewicht auf.

Eine halbe Nano-Sekunde später wird aus der linken Hüfte nach oben gefunkt, dass hier gerade ganz gewaltig was schief gegangen ist.

Es ist ein altes Roman-Klischee, aber ich kann es beim besten Willen nicht treffender formulieren:

Der Schmerz explodiert in meinem Kopf. Ich schreie. Laut. Und lange. Ich versuche, gleichmäßig zu atmen. Jetzt nur nicht das Bewusstsein verlieren. Wenn ich jetzt auch noch umfalle, dann gnade mir Gott.

Ich werde nicht bewusstlos. Ich stehe ungefähr zwei Minuten nur so da, beiße die Zähne zusammen und warte, dass der Schmerz nachlässt. Das tut er dann auch endlich. Er ist weiterhin da, aber unter der Oberfläche. Ich schleppe mich vor den Rechner und lasse mich LANGSAM auf den Büro-Stuhl gleiten. Der Schmerz flammt noch einmal auf, aber nicht mehr so wie eben.

Ich werfe Ibuprofen, Tramadol und, sicherheitshalber auch noch, Aspirin ein. Es dauert fast eine Stunde, aber dann wird der Schmerz merklich weniger. Es puckert nur noch. Heilige Scheiße.

Ich warte, dass es 10 Uhr wird, und rufe in der Praxis an. Marion liest mir den Befund vor. Er ist vollkommen unauffällig. Kein Anhalt für Arthrose, kein Abbau, keine Fraktur, keine Entzündungszeichen – nichts. Blande. Nada.

Ich spreche mit Küpper. Er kann sich da auch keinen Reim drauf machen. Aber nun hätte ich ja den Termin in der Orthopädie, „müssen die gucken, was da los ist“, und Schmerztabletten. Nun müssten wir abwarten.

„Kann Hexenschuss sein, kann aber auch Fascia lata sein“, meint er noch zu mir. „Fascia lata-Syndrom“ ist eigentlich eine Sportler-Erkrankung, kommt aber auch bei Leuten wie mir vor. Dabei springt eine dicke Sehne unvorgesehen über einen knöchernen Vorsprung. Das geht mit Schmerzen und einem Gefühl des Schnappens/ Springens einher. Könnte passen.

Trotz der Schmerzen habe ich erst mal gute Laune. Keine Arthrose zu sehen, ein künstliches Hüftgelenk wird also eher nicht notwendig sein. Ich gehe davon aus, dass die Schmerzen bei Schonung nachlassen werden und mache mir auch erst mal keine Sorgen, wie ich nächste Woche zum Termin in der Orthopädie kommen soll. Wird schon irgendwie gehen.

Ich verbringe den Tag am Schreibtisch vor dem Rechner. Circa alle 2 Stunden versuche ich, aufzustehen. Keine Chance. Selbst, wenn ich das linke Bein komplett unbelastet lasse – schon der Versuch, mich auch nur andeutungsweise in die Vertikale zu begeben, wird mit bösartigem Brüllen aus der linken Hüfte quittiert. Ich muss warten, bis Mick nach Hause kommt. Alleine schaffe ich das nicht. Mir fällt ein, dass die Wohnungstür von innen verriegelt ist. Nicht abgeschlossen, sondern mit einem Drehriegel von innen blockiert. Den kann man nur von innen aufmachen, Mick kann also nicht rein kommen. Ich werde es irgendwie bis zur Wohnungstür schaffen müssen. Sonst bin ich hier gefangen. Aber auch im 8. Versuch schaffe ich es nicht im Ansatz, mich mit Krücken hinzustellen. Von Bewegung in Richtung Wohnungstür ganz zu schweigen. Mir fällt ein, dass ich auf einem Bürostuhl sitze. Der hat Rollen. Ich brauche zehn Minuten, um mich bis zur Wohnungstür vorzuarbeiten, der Teppich im Flur stellt das größte Hindernis dar, denn ich muss auf ihn rauf- und wieder runter rollen. Mit viel Kraft und Willen schaffe ich es darüber. Die Schmerzen nehmen wieder zu. Aber ich bekomme die Tür auf. Immerhin.

Mick kommt gegen 19 Uhr nach Hause. Ich schildere ihr das Dilemma, sie ist besorgt und will, dass ich den Rettungsdienst rufe. Ich beschwichtige, halb so wild, durch die Belastung ist jetzt erst mal alles überreizt, es wird sicher wieder besser werden. Ich erläutere ihr die neuen Verdachtsdiagnosen. Sie nimmt es erst mal hin. Wir essen was und schwatzen. Irgendwann werde ich müde. Mit viel Gejaule und einem erneuten Schweißausbruch schaffe ich den Transfer vom Stuhl ins Bett. Die Geflügel-Schere verwandelt eine leere Sprudel-Flasche in eine Urin-Flasche. Für falsche Scham ist jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt. Ins Bad zu kommen ist out of the question. Nach einigem Wälzen finde ich eine Position bzw. Schonhaltung, in der ich schmerzfrei liegen kann. Ich bin fix und fertig und schlafe schnell ein.

Freitag, der 13. November. Mick geht zur Arbeit. Vorher hat sie noch Medikamente, belegte Brote, Getränke und alles, was ich sonst noch so brauche, um mich herum drapiert. Ich werde den Tag im Bett verbringen. Die Schmerzen sind weiterhin da und verbieten jede Mobilisation.

Abends versuchen wir, mich wieder auf den Stuhl zu bekommen. Ich beiße die Zähne zusammen, schaffe es halb auf den Stuhl. Die Schmerzen sind unerträglich. Ich fange wieder an zu schreien. „GehwiederinsbettgehwiederinsBett!“, weist Mick mich an. Mache ich. Es dauert weitere zwei Stunden, bis die Schmerzen wieder so weit nachlassen, dass es aushaltbar ist. In der Nacht wache ich gegen 2 Uhr auf. Die Schmerzen sind wieder da. Ich will mich auf die andere Seite drehen, um an meine Tabletten zu kommen. I’m in dire need of a fix. Es geht nicht. Ich kann mich nicht drehen. Ich mache das einzige, was bleibt: Ich wecke Mick und bitte sie, mir Ibuprofen, Tramadol und die Wasserflasche zu reichen. Im sicheren Gefühl, dass es gleich besser werden wird, schlafe ich wieder ein.

Bevor es weiter geht, möchte ich die Frage beantworten, die mir seit der ganzen Geschichte am häufigsten gestellt wurde: „Warum, um alles in der Welt, hast Du da nicht schon längst den Rettungsdienst gerufen? Oder am Tag davor? Oder bist in den Wochen davor nichts ins Krankenhaus gefahren? Als Du das noch konntest? Warum, Spiegelberg, warum?!“

Die Antwort ist mehrschichtig und leider nicht sehr gut. Es hat viel mit Intellektualisieren und Neglect zu tun. „Ist ja jetzt nicht so das Drama, wird schon wieder besser werden, was soll ich da jetzt so ein Aufhebens drum machen, mehr als Schmerzmittel geben und wieder nach Hause schicken machen die da sowieso nicht, im Röntgen ist ja auch nichts zu sehen, Rumliegen und Tabletten nehmen kann ich ja auch zu Hause“, und so weiter und so fort. Das ist alles richtig. Aber es ist auch vorgeschoben. Ebenso richtig ist nämlich auch: Ich wollte nicht ins Krankenhaus. Unter keinen, wie auch immer gearteten Umständen. Ich schildere mal kurz, was dahingehend in meinem Kopfkino für ein Film ablief. Der hat nichts Rationales, also bitte hinterher nicht drüber diskutieren wollen. Das ist alles verquaster Käse, unvernünftig und dumm.

Festhalten.

Ich. Habe. Angst. Vor. Krankenhäusern.

Nicht als Arzt. Da bin ich der Koi im Teich. Aber als Patient. Wir machen mal kurz eine Schalte in den Spiegelbergschen stream of consciousness:

„In Krankenhäusern wird man nur noch kränker. Die hören einem da nicht zu. Man bekommt Infektionen. Und außerdem: Ich rauche seit bald 25 Jahren. Bestimmt stellen die da dann Krebs fest. Wenn ich nicht hingehe, habe ich keinen. Zu Hause bin ich sicher. Und Hirntumor bekomme ich im Krankenhaus dann bestimmt auch. Und HIV und Hepatitis und Zirrhose. Da wird alles nur schlimmer. Chirurgen und Orthopäden sind eh keine richtigen Ärzte. Und außerdem wollen die mich bestimmt operieren. Und ich werde da delirant hinterher. Und muss dann in die Psychiatrie. Und muss sterben. Und werde alles verlieren. Und bestimmt stellen die Krebs fest. Ich geh da nicht hin. Niemals, never ever. Zu Hause bin ich sicher.“

Etwa in der Art. Natürlich bin ich erst mal nicht gefahren, weil die Hüfte Ruhe brauchte, und alles besser werden würde. Und das Röntgen-Bild nichts Auffälliges zeigte. Sind halt Schmerzen, da gibt’s Pillen gegen.

In Wahrheit war es aber, da bin ich mir ziemlich sicher, Angst. Angst vor Krankenhäusern an sich. Und, vor allem, Angst, die Kontrolle zu verlieren. Bzw. abgeben zu müssen. Ich erlebe das im Job immer wieder: Wenn ein Patient vor mir sitzt, und ich ihm sagen muss, dass die Möglichkeiten der ambulanten Therapie nunmehr ausgeschöpft sind, und wir um eine stationäre Behandlung nun nicht mehr herum kommen werden. Gerade bei Angehörigen der höheren Einkommens-Klassen kann das in eine sehr lange Diskussion münden. Es wird intellektualisiert was das Zeug hält. „Da wird ich ja bloß noch kränker, wenn ich mit anderen Kranken zusammen bin, da muss ich mir ja deren Sorgen auch noch anhören“, „Ich hab nen Kanarienvogel zu versorgen“, „Ich bekomme so viele Medikamente, die haben sie hier ja alle gar nicht“, „Nächste Woche habe ich einen Zahnarzt-Termin, usw. Letztendlich läuft das meistens auf das Gleiche hinaus: Die Angst vor Kontroll-Verlust. Sich ausliefern zu müssen. Sein Schicksal in die Hände anderer zu legen. Das fällt niemandem leicht.

Und hier liege ich im Bett, und weiß das alles, und mache genau das Selbe. Clever.

Samstag und Sonntag vergehen in der gleichen Weise. Das erste mal, seit meinen Windpocken im Alter von 9 Jahren, dass ich 4 Tage am Stück im Bett liege. Eigentlich gar nicht so übel, aber es geht auch nicht weiter. Die Schmerzen bleiben. Im Liegen und unbeweglich sind sie nur ganz hinten am Horizont, aber bei jedem Positionswechsel sind sie wieder da. So langsam mache ich mir auch Sorgen um Thrombosen. Sicherheitshalber nehme ich jeden Tag 500mg Aspirin. Das schützt zwar nicht groß davor, aber besser als nichts. Mick nimmt mir folgendes Versprechen ab: Am Montag rufe ich bei Doc Küpper an. Und wenn der sagt „Krankenhaus!“, dann geht’s ins Krankenhaus. Sonntagabend gelingt immerhin noch die Mobilisierung auf den Bürostuhl. Aber mehr auch nicht. Ins Bad komme ich weiterhin nicht, weil die Tür für den Stuhl zu eng ist.

Montag, der 16. November 2015. Ich rufe in der Praxis an. Ich schildere Küpper die Lage. Er ist nicht entsetzt, lässt aber, erwartungsgemäß, auch keinen Zweifel daran, wie es nun weiter zu gehen hat. „Wir machen ne Einweisung fertig, und dann ab in die Uni. Dat hat so keinen Wert, dat bringt nix.“ Ich sichere zu, mich morgen von der Feuerwehr abholen zu lassen. Heute bleibe ich noch im Bett, ich will in Ruhe packen (lassen), mich noch wenigstens rudimentär waschen und mich innerlich drauf vorbereiten. „Is ok. Aber morgen fährste!“.

Dienstag, der 17. November 2015. Mit Micks Hilfe habe ich mich im Bett gewaschen, inklusive Haare. Mein Rucksack ist mit Klamotten, Zahnbürste etc .gepackt. Ich wähle die 112. Dem freundlichen Herrn am anderen Ende schildere ich die Situation. Ich weise darauf hin, dass mein Körpergewicht vage oberhalb des Durchschnitts angesiedelt ist, und zudem 4 Stockwerke zu bewältigen sind. „Kein Problem, kriegen wir hin.“ 30 Minuten später stehen 4 Rettungssanitäter in der Wohnung. 3 davon weisen die erforderlichen Möbelpacker-Qualitäten auf, und haben zudem ein mir bis dato unbekanntes Gerät dabei. Es sieht ein bisschen wie eine Sackkarre aus, mit einer Sitzfläche auf halber Höhe, und nennt sich „Rescue-Chair“. Das Ding gleitet tatsächlich, und mit mir darauf, mühelos über die Treppen. Keine 5 Minuten später bin ich im Rettungswagen, und wir sind auf dem Weg zur Uniklinik.

Im Zentrum für operative Medizin (ZOM) werde ich in die Notaufnahme gerollt. Keine 10 Minuten später steht der diensthabende Chirurg bei mir. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als Konsiliar-Arzt. Er ist ausgesprochen freundlich (wie Übrigens, im Verlauf der kommenden Tag, wirklich ALLE Mitarbeiter der Abteilung)und hört sich meinen Beschwere-Vortrag an. Ich gebe ihm die Röntgen-Bilder von letzter Woche. „Hmm, ja, da ist wirklich nichts zu sehen. Tut das weh?“ fragt er, während er mein linkes Bein anhebt. Ich verkrampfe und ächze hörbar. Chirurgische Diagnostik besteht im Wesentlichen aus dem gezielten Zufügen von Schmerzen. Habe ich schon im Studium gelernt. Der Kollege ist demnach ein Differentialdiagnose-Genie. Volltreffer. „Ah, ok. Gut. Wir würde dann jetzt erst mal die Röntgen-Aufnahme wiederholen, in Ordnung?“ Ich stimme zu.

20 Minuten später werde ich in die Radiologie gefahren. Die beiden Röntgen-Assistenten dort scheinen ebenfalls große Fans der Differentialdiagnose und, obendrein, nicht sehr gerne am Leben zu sein. Sie bewegen das Bein mehrfach hin und her und lassen sich dabei von meinen Verwünschungen und Gewaltandrohungen in keiner Weise beeindrucken. Ich entschuldige mich sofort für meinen rustikalen Tonfall, bitte aber auch gleichzeitig dringend darum, das nicht noch mal zu machen. Wir verbleiben im Konsens und freundschaftlich. Nach den Aufnahmen werde ich wieder in die Notaufnahme gebracht.

Weitere 20 Minuten später steht Kollege Chirurg wieder an meiner Trage. „Herr Spiegelberg! Wir haben uns die Aufnahmen gerade angeguckt. Das werden Sie nicht glauben!“, strahlt er mich an. „Ja? Bitte?“ erwidere ich freundlich. „Das ist ein Bruch. Oberschenkelhals-Fraktur! Ganz klassisch!“ „Bitte?“ „Jau, ganz klassisch. Ermüdungs-Fraktur. War deswegen im ersten Röntgen auch nicht zu sehen. Meistens sieht man die erst, wenn sich die Bruchstücke gegeneinander verschieben – muss irgendwann in den letzten Tagen passiert sein, also das Verschieben.“ In meinem Kopfkino sehe ich eine Kaffee-Lache, einen Ausfallschritt und… besser nicht noch mal dran denken. „Jedenfalls – wir würden das dann operieren. Also, jetzt gleich. Wenn das für sie in Ordnung ist?“

Ich bin verdattert, aber voll da. „Klar, los geht’s!“ „OK. Mein Vorschlag wäre hüftkopferhaltend, dynamische Schraube. Konservativ ist da eher nichts mehr zu machen, und TEP muss ja jetzt nicht“. Im Arztbrief wird das später als „ausführliche Aufklärung über die Behandlungs-Optionen und ihre Risiken“ beschrieben werden. Wurscht. Alles, damit das aufhört. Ehe ich’s mich versehe, habe ich allerhand Formulare unterschrieben, ein OP-Hemdchen angezogen und einen Zugang gelegt bekommen. Man gesteht mir immerhin noch zu, ein paar Minuten zu telefonieren. Mick ist genau so baff wie ich. Sie wird nach Feierabend reinkommen. Meine Mutter dito.

Ich liege wieder auf der Trage auf dem Flur. Meine Mutter kommt vorbei (sie arbeitet als Forschungs-Sekretärin bei den Internisten direkt gegenüber). Wir drücken uns fest. Ein anderer Chirurg nimmt mir noch Blut ab. Dann kommt wieder Kollege Nummer 1: Man wolle vorher noch ein CT machen, „Nur um sicher zu gehen, dass da nichts leuchtet“. Damit ist Folgendes gemeint: Bei einer Fraktur ohne sicheres Trauma muss immer auch an eine maligne Genese, sprich: Krebs gedacht werden. Beim CT mit Kontrastmittel nehmen Krebszellen das Kontrastmittel auf und leuchten auf der Aufnahme. Das CT bringe ich auch noch hinter mich. Glücklicherweise leuchtet nicht das Geringste.

Direkt im Anschluss werde ich schon in Richtung OP gerollt. Nota bene: Ich bin jetzt noch keine 2 Stunden im Gebäude. Die Kollegen sind schnell.

Als ich den OP-Tisch erblicke, auf den ich als nächste rüber rutschen soll wird bei speie übel. Am unteren linken Ende ist in ca. 15 Zentimetern Höhe eine Art Metall-Stiefel eingebaut, in den erkennbar mein linker Fuß soll. Das Anheben meines linken Beins um einen halben Zentimeter ist bereits Veranlassung genug für mich, den Tod herbei zu sehnen. Ich zeige auf die Monstrosität und formuliere, eloquent wie gewohnt, „dä…dä…dädädädä?“, aber man beruhigt mich. Ja, da soll mein Fuß rein, aber erst, wenn die Kollegen von der Anästhesie mich nachhaltig weg gebrezelt haben. Gott sei Dank.

Ich bekomme EKG und Puls-Oxymeter angeschlossen. Die Anästhesistin ist bester Laune und ich nun ebenfalls. Wir unterhalten uns angeregt. Ich bekomme eine Atem-Maske aufs Gesicht, „nur Sauerstoff, Herr Spiegelberg. Medikation ist jetzt drin. Merken Sie etwa noch nichts?“ Nicht das Geringste. Außer, dass ich anlasslos gute Laune habe. Ich zwinkere einmal kurz mit den Augen…

„Herr Spiegelberg? Hallo! Zeit, wieder aufzuwachen! OP ist vorbei, hat alles prima geklappt!“ Ich mache die Augen auf. Ich befinde mich nicht mehr im OP. Die Hüftschmerzen sind… sind… WEG! Verschwunden! Mann!

Dafür schmerzt nun die Außenseite meines linken Oberschenkels. Nicht heftig, aber merklich. Ich bekomme die Augen wieder auf. Ich befinde mich im Aufwach-Raum. Eine freundliche Schwester tritt an mein Bett. „Schmerzen?“ „Jau.“ „OK, das haben wir gleich. Sie nimmt eine Spritze und entleert ihren Inhalt in den Infusionsschlauch an meinem linken Handrücken. Die Schmerzen sind nach 3 Sekunden weg. „Was war das denn?“ „Dipidolor. Geil, ne?“ „Geil“ trifft es ziemlich gut. Ich fühle mich unendlich müde, aber zum ersten mal seit über drei Wochen schmerzfrei. Wunderbar.

Ich döse ein wenig. Die Schwester und den Oberarzt bekomme ich dann aber wieder mit: Meine Sauerstoff-Sättigung ist nur bei 93%. So könne ich nicht auf Station. Ich will einwenden, dass das bei Rauchern normal ist, bin aber zu müde dafür. Man hält mich an, tief und gleichmäßig zu atmen. Mache ich. Immer wieder döse ich weg und werde vom Monitor-Gefiepe wach, wenn die Sauerstoff-Sättigung wieder fällt. Sobald das Gefiepe erklingt, versuche ich, tief zu atmen. Dann verschwindet es wieder. Die Übung wiederhole ich 3 oder 4 mal. Dann darf ich auf Station.

Dort werde ich herzlich willkommen geheißen und in ein Zimmer geschoben. Es ist mittlerweile fast 21 Uhr. Die OP hat länger gedauert als gedacht. Wie man mir später erklären wird, lag das daran, dass mein Oberschenkel-Kopf sehr, sehr hart ist, und es eine Menge Arbeit von mehreren kräftigen Herren gebraucht hat, um die Hüftschraube da rein zu drillen. Mick war da und hat mir mehr Klamotten da gelassen. Ich werde 7 bis 10 Tage dort bleiben müssen.

Ich schlafe wieder ein. Nachts um 3 werde ich noch mal wach, bin noch etwas desorientiert, bemerke aber, dass ich meinen linken Fuß und den Unterschenkel kaum noch spüre. Wie in Watte gepackt. Besorgt klingele ich nach der Nachtschwester. Sie lässt den diensthabenden Kollegen kommen. Die Durchblutung ist tadellos und ich kann alles bewegen. Das sei in Ordnung, so wie mit dem Bein während der OP herumgefuhrwerkt wurde, sei das kein Wunder. 3 oder 4 Tage später ist der Spuk dann auch vorbei.

Am nächsten Morgen ist Chefarzt-Visite. Alles sei gut verlaufen. CT und Labor seien sämtlich unauffällig, man gehe von einer Ermüdungs-Fraktur aus – meine nicht unerhebliche Bio-Masse in Verbindung mit 4. Stock ohne Aufzug. Wir beantragen eine Reha, bestellen den Physio-Therapeuten und einigen uns auf Biomassen-Reduktion im Sinne einer Rückfall-Prophylaxe. Hatte ich ohnehin vor.

Ich bekomme mindestens dreimal täglich Besuch. Mick, Norbert, Thomas, meine Eltern, meine Bruder, meine liebe Freundin Verena. Ich werde in Büchern, Zeitungen und DVDs begraben. Entgegen jeder Annahme ist mir nicht eine Minute langweilig. Sogar das Mittagessen ist, bis auf einen Total-Ausfall am ersten Tag, lecker und gut. Morgens und Abends gibt es ein rollendes Buffet. Das Pflegepersonal ist, trotz Unterbesetzung (die ich nicht mal mitbekommen hätte, wenn es mir eine Schwester im Spätdienst nicht erzählt hätte) freundlich, aufmerksam und immer hilfsbereit und gut aufgelegt. Ich fühle mich durchgehend gut aufgehoben und kompetent behandelt und umsorgt. Ich ziehe meinen Hut.

Ende der Woche kommt mein erster Physio-Therapeut. Er mobilisiert mich erst auf die Bettkante, dann in den Rollstuhl. Mit seiner Hilfe komme ich zum ersten Mal seit einer Woche wieder aufs Klo. Ich schließe ihn in mein Nachtgebet ein. Mit dem Rollstuhl komme ich nach 3 Tagen auch zum ersten mal wieder vor die Tür und kann eine Zigarette rauchen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal eine SO genossen habe. Mit dem Rollstuhl unternehme ich kleine Ausflüge, sitze in der Sonne und habe endlich wieder richtig gute Laune.

Nebenbei habe ich den coolsten Zimmernachbarn, den man sich nur wünschen kann. Er steht morgens auf, wäscht sich, frühstückt, macht seinen Fernseher an, steckt sich die Hörer in die Ohren und verharrt in dieser Position bis 23 Uhr. Dann macht er aus und schläft. Jeden Tag. Aus den Gesprächen in seiner Visite bekomme ich mit, dass man ihm wegen chronischer Rückenschmerzen gerade drei Wirbel versteift hat. Ein Blick auf den Patienten-Aufkleber an seinem Fußende teilt mir mit, dass er gerade mal ein Jahr älter ist als ich. Holy fuck.

Nach dem Wochenende kommt Physiotherapeut Nummer 2. Er hat erst mal Bedenken, mich nach Hause zu lassen. Der Kollege aus der Vorwoche habe ihm übergeben, dass ich selbst mit Gehbock noch sehr unsicher sei. War ich auch. Mein Gedanke bei den ersten Schritten war: „Ein falscher Schritt, einmal gewackelt oder gar gestürzt – gehe zurück auf Los!“. Aber ich habe übers Wochenende geübt. Er lässt mich am Barren laufen. Es klappt gut. Er gibt mir zwei Unterarmgehstützen –ich laufe über den Stationsflur. Am Schluss habe ich immer noch Energie. Wir gehen eine Treppe rauf und wieder runter. Auch das klappt. Mein Stations-Arzt kommt vorbei. „Grünes Licht von mir!“ ruft ihm der Therapeut zu und unterstreicht den Satz mit beiden Daumen nach oben.

Mittwoch, der 25. November 2015. Die Düsseldorfer Feuerwehr fährt mich wieder nach Hause. Erneut sind Kollegen mit Möbelpacker-Qualitäten dabei. Der Rescue-Chair funktioniert, so erklärt man mir, nur Treppe runter, nicht rauf. Ich werde im Stühlchen, sänftengleich, nach oben getragen. Die Katzen freuen sich nen Ast.

Und jetzt bin ich wieder hier. Eingeschränkt, aber an Krücken mobil. Norbert hat mir Medikamente und Anti-Thrombose-Spritzen aus der Apotheke geholt, nachdem er in der Praxis Küpper das entsprechende Rezept abgeholt hat.

Die nächsten 5 Wochen darf ich das linke Bein gar nicht belasten, dann soll mit Hilfe von ambulanter Physio-Therapie ein Belastungs-Aufbau erfolgen. Wenn ich wieder zu 100% belasten darf, geht es in die Reha. Vor Mitte Februar werde ich nicht wieder arbeiten können.

Und wenn ich die Warnung, jetzt endlich mal mein Gewicht zu reduzieren, nicht ernst nehme, dann ist mir wirklich nicht mehr zu helfen. Klar gibt es Leute, die wesentlich dicker sind als ich. Aber ICH bin der mit der Hüft-Fraktur. Jetzt ist wirklich mal gut.

Und bevor ihr jetzt alle sagt, was schon alle gesagt haben: Ihr habt Recht. Beim nächsten mal, wenn es denn eins geben sollte, wird früher in die Notaufnahme gefahren. Ehrenwort.

Ich bedanke mich bei allen, die mich in den letzten Wochen bei Laune gehalten haben. Bei Mick, Thomas, Norbert, meiner Familie, bei Verena, beim Team der ZN23, und da ganz besonders bei den Physio-Therapeuten. Und beim Düsseldorfer Rettungsdienst. Und bei euch hier auf Facebook, für die lieben Genesungs-Wünsche und die aufbauenden Anfeuerungen. Danke.

Und bei Oliver Samsara, der mich zu später Stunde noch unverhofft vor der Klinik besucht und mich glänzend unterhalten hat.

Und damit genug von diesem Kapitel. Der nächste Post wird hoffentlich wieder lustig. Die Woche im Krankenhaus gäbe noch allerhand für weitere Erzählungen her, aber der Text ist jetzt schon deutlich zu lang. Euch allen einen schönen Abend. Wenn ihr mir eine Freude machen wollt, dann stellt euch jetzt hin und hüpft zwei- oder dreimal auf und ab. Einfach, weil ihr das könnt. Und denkt dabei an mich, und drückt mir die Daumen, dass ich das auch bald wieder kann. Ist nämlich ne tolle Sache, eigentlich.

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26
November 2015

Ein (fast) perfekter Tag in München

München_Panorama

Ich liebe es, wenn die Arbeit oder andere Pflicht mich nach München führt. Von Baden-Baden aus ist das eine Fahrt von zwei-drei Stunden, je nach Verkehr und Wetterlage. Ich versuche immer, soviel "Programm" wie möglich in das Zeitfenster zu quetschen, was mal mehr, mal weniger gelingt. Gestern ist es so gut gelungen, dass ich euch davon erzählen möchte.

Anlass für den Trip, der eine kastrierte Version eines geplatzten 3 Tage-Ausflugs darstellte, war ein überfälliger Zahnarztbesuch. Eine Krone wartete nur darauf, dem Rest meines Backenzahns übergestülpt zu werden. Mittwoch, 9.40 Uhr. Für 13.30 steht noch die Pressevorführung von "Heart of the Sea" mit Chris Hemsworth auf dem Programm - vielleicht gönne ich mir das.

Bereits im Vorfeld war klar gewesen: Ich reise morgens an und abends zurück. Keine Übernachtung. Einen relativ großen Mercedes als Mietwagen hatten wir noch vom Wochenende vor der Tür stehen. Ist zu schaffen.

5 Uhr morgens. Ich wache von alleine auf, losfahren will ich um 6 Uhr, um ein wenig Puffer zu haben. Spielen mit den Katzen, einen Kaffee mit der LvA trinken, Handy und eine Flasche Mana einstecken. Es wird doch 6.15 Uhr, aber ich bin entspannt.

Die Fahrt verläuft ereignislos. Das Wetter ist uselig, wie man bei uns im Rheinland sagt, aber es geht voran. Ich bin eine knappe Stunde vor Termin im Großraum München und überlege schon, vor dem Dentisten noch bei meinem kurdischen Stammfriseur vorbei zu schauen. Freitag ist schließlich Reportage und ich sehe aus wie Shaggy Dog. Doch der Berufsverkehr im Münchner Raum macht mir einen Strich durch die Rechnung und ich muss froh sein, als ich um 9.38 in Schwabing einen Parkplatz finde. Punktlandung.

Die Behandlung dauert eine knappe halbe Stunde, dann bin ich frisch überkront und um die Erkenntnis reicher, dass mein Zahnarzt im nächsten März in Pension geht. So ein Mist.

Ab zum Friseur. Das gehört zu den erfreulichen Dingen des Lebens. Erstens gefalle ich mir mit frisch geschnittenen Haaren besser, zweitens sagt mein Kurde bei der Arbeit kein Wort, und drittens brauche ich dafür keine 15 Minuten. Gegen 10.30 Uhr stehe ich schon wieder auf der Schleißheimer Straße und denke: Was nun?

Die LvA hatte mich gebeten, ihr was mitzubringen. Irgendwas. Ich komme auf die Idee, ein leckeres Essen für 2 im Kochhaus Schwabing abzuholen. Mache ich dann auch. Schweinefiletmedaillons in Sherry-Pilzrahm mit Laugenknödeln und gerösteten Zwiebeln. Für den Cheat Day.

Als nächstes fällt mir ein, dass unsere PAX-Schlafzimmerschränke bestimmt mit Türen noch einen Tacken besser aussähen - in Speyer standen die in einem Ankleidezimmer, da war das nicht so wichtig. In der Umgebung von Baden-Baden gibt es kein IKEA, der Gedanke, in München einzukaufen, liegt nahe.

Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, im schwedischen Möbelhaus an den Köttbullar und den Hot Dogs vorbei zu gehen. Aber Selbstdisziplin ist der Schlüssel. Ich kaufe acht Schranktüren und den ganzen Kleinkram, der dazu gehört - Scharniere, Griffe. Und Kerzen. Niemals IKEA ohne Kerzen. Als ich die Waren in den Wagen wuchte, freue ich mich über das Raumangebot des Mercedes.

Zurück in die Innenstadt - knapp anderthalb Stunden bis zum Beginn der Pressevorführung. Da könnte ich vorher noch essen gehen. Mein Lieblingsinder existiert zwar nicht mehr, aber das Schwesterlokal am Odeansplatz hat auf. Auf der Fahrt bekomme ich einen Anruf von Unitymedia: Ob sie wegen der lahmenden Internet-Leitung morgen jemanden vorbei schicken können? Können sie.

Im Sangeet. Chicken Punjabi Curry mit extra Nan. Seit 15 Jahren. Herrlich. Wie habe ich das vermisst. Da kann ich auch verschmerzen, dass es voll ist wie auf dem Oktoberfest. Die Kanzleien und Praxen der Umgebung machen "business lunch".

Fix bezahlen. 15 Minuten bis zu "Heart if the Sea". Wie erwartet treffe ich Peter Osteried im Saal, der mit vielleicht 5 Kollegen nur mager besetzt ist. Kleiner Plausch, bevor das Licht ausgeht. Man spricht über die Bücher, an denen man gerade arbeitet.

Wasser. Mehr Wasser. Meerwasser. Aber das ist nicht real, das ist CGI. Titeleinblendung: "Robinson Crusoe". Trailer oder Vorfilm vermutlich. Wenigstens passend zu "Heart of the Sea". Aber es zieht sich. Nach 15 Minuten frage ich Osteried: "Der mit dem Hemsworth kommt aber noch, oder?". Osterried schüttelt den Kopf: "Der war gestern."

Verdammt! Ich doof!

So lustig finde ich "Robinson Crusoe" dann doch nicht, nach weiteren 20 Minuten verlasse ich den Saal. Die Zeit kann ich besser nutzen. Ich marschiere in Richtung Hauptbahnhof, um bei meinem Herrenausstatter ein paar warme Socken und "long trunks" für den Winter zu kaufen.

Auf dem Rückweg zum Wagen nehme ich den Untergrund des renovierten Hauptbahnhofs. Schick, sehr edel. Ich sehen eine Hofpfisterei, erinnere mich an die Vorliebe der LvA für die Öko-Sonne, kaufe ein Viertel.

Um 14.45 Uhr sitze ich wieder im Wagen und mache mich auf den Rückweg nach Baden-Baden. "Dank" eines Staus am Stuttgarter Kreuz komme ich allerdings erst kurz vor 18.00 Uhr an, fast zeitgleich mit der LvA.

Ich hätte gerne "Heart of the Sea" gesehen. Gerne ein paar Freunde getroffen. Aber selten greifen Termine und Besorgungen so ineinander, passt alles so, als sei es von langer Hand geplant gewesen. Wie es bei Actimel so albern heißt: Eine Woche in einen Tag gepackt.

Danke, München. Danke für den schönen Tag.

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25
November 2015

Kann Glück eine Zahl sein? Was ist eure?

Im Autoradio habe ich heute vom Glücksatlas gehört, einer Studie der Post zum Lebensgefühl der Deutschen. 24.000 Mitbürger wurden befragt, sollten ihr allgemeines Glücksempfinden auf einer Skala von 1 bis 10 (zehn als höchstes Glück) bewerten. Noch bevor der Moderator das Ergebnis sagte, kalkulierte ich im Kopf schnell meinen eigenen Glücksindex. Guter Job, gesund, schöne Wohnung, Katzen, die LvA - da kommt was zusammen. Andererseits: Sanierungsprobleme, Ärger mit unleidigen Zeitgenossen, viel stressige Administration, kaum Urlaub.

Fazit: 7.

Der offizielle deutsche Durchschnitt zu meiner Überraschung: 7,02.

Ich lebe ja in Baden-Baden. Und siehe da, wo sind die Deutschen in Süddeutschland am glücklichsten? Hier in der Region.

Nun ist das natürlich eine so subjektive wie nicht repräsentative Umfrage, deren tatsächlicher Erkenntniswert eher gering ist. Aber sie hat mich neugierig gemacht: wie ist das bei euch? Wenn ihr eure Gesamtsituation betrachtet, nicht nur tagesaktuell, sondern auch als "big picture" - was wäre euer Glücksindex?

Ich möcht's gerne wissen. In den Kommentaren. Keine Erklärungen nötig. Nur die Zahl.

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