24
Juli 2014

TV-Loser: We’ll be right back after these messages

Ich habe heute “Guardians of the Galaxy” gesehen (leider mit Sperrfrist) und bin auch sonst vom Tag geschlaucht. Also gönne ich meiner Reihe über vergessene TV-Serien eine kleine Pause bis vermutlich morgen. Bis dahin habe ich euch ein paar launige Videos zum Thema rausgesucht.

Lee Goldberg, mit dem ich schon gearbeitet habe, hat so ziemlich das Standardwerk zum Thema “unsold TV pilots” geschrieben – es wurde auch ein TV-Special darüber produziert. Hier der launige Teil über SciFi und Fantasy-Testballons:

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Wer heute “Game of Thrones” und “Doctor Who” liebt, der sollte dem Himmel danken – das hier war in den 80ern das, was als “Fantasy” durchging:

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Erfolglose Pilotepisoden gab es schon in den 60ern:

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Und hier noch ein paar weitere Obskuritäten:

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Dass die meisten dieser Piloten mit gutem Grund nie in Serie gingen, kann man sehr schön erkennen, wenn man sich z.B. die Marvel-Adaption “Dr. Strange” ansieht, die hierzulande auch als VHS-Kassette in jeder Videothek stand:

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23
Juli 2014

Lost in Time (7): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Anfang der 90er befand sich Don Johnson in einer Zwischenphase seiner Karriere. Als Sonny Crockett hatte er in “Miami Vice” den Superstar-Status erreicht, der ihm als junger Filmschauspieler in den 70er versagt geblieben war. Aber nach fünf Staffeln war MV eingestellt worden, die letzte Episode lief im Januar 1990. Es passt, dass eine der prägendsten Serien der 80er mit den Aufbruch in die 90er ad acta gelegt wurde, zusammen mit den Synthie-Soundtracks von Leuten wie Jan Hammer und Harold Faltermeyer.

Johnson versuchte, den TV-Ruhm in eine Kinokarriere umzumünzen – mit mäßigem Erfolg. Zwar erkannten die Kritiker seine darstellerischen Fähigkeiten in “Dead Bang” und “Harley Davidson und der Marlboro-Mann” durchaus an, aber an Popularität waren ihm Kevin Costner und sogar Patrick Swayze weit voraus.

Um 1993 muss Johnson klar gewesen sein, dass es mit dem Hollywood-Ruhm nichts werden würde und er plante sein Comeback auf der heimischen Mattscheibe. Ein Reality TV-Projekt, das seine Produktionsfirma damals entwickelt, wurde angesichts des Waco-Debakels schnell zu einer Fiction-Serie umgestrickt. Eine Serie über einen Marshal, der allein Gesetzesbrecher in ganz Amerika jagt, passte eigentlich ideal zum gut gealterten Don Johnson. Trotzdem entschied der sich,

The Marshal

2490MARSHALnicht selbst zu spielen. Er heuerte stattdessen Jeff Fahey an, einen kantig aussehenden Schauspieler hoher Intensität. Gerade mal drei Jahre jünger als sein Produzent, kann man Fahey durchaus als Johnson-Surrogat sehen, als geeignete, aber mit weniger Starpower versehene B-Besetzung.

Schaut man sich die alten Folgen heute noch mal an, kann man nur konstatieren, dass “The Marshal” seiner Zeit einfach voraus war. Natürlich sind die Mechanismen kruder und die Inszenierung konventioneller – aber “The Marshal” hat das, was heute “Longmire” und “Justified” so erfolgreich macht. Es ist eine Hymne an den “lawman”, den Gesetzeshüter des amerikanischen Westens, der ganz allein für das Recht steht. Fahey spielt die Titelrolle entspannt, cool, souverän. Damit braucht er sich wirklich nicht verstecken.

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Leider war der Serie kein großer Erfolg vergönnt. Zwei Staffeln mit 13 und 12 Folgen wurden produziert und von der übermächtigen Konkurrenz platt gemacht (u.a. vom vergleichbaren “Walker, Texas Ranger” und von Football). In Deutschland lief die Serie auf SAT.1.

Jeff Fahey wurde in der Folge einer der meist beschäftigten Darsteller fragwürdiger B-Movies und drehte fast ausschließlich echte Stinker, die seinen Fähigkeiten in keinster Weise gerecht werden. Über 100 Filme hat er in den letzten 20 Jahren runter gerissen – und um die 50 TV-Episoden.

Und Don Johnson? Entschied sich nach der Einstellung von “The Marshal”, doch mal wieder selber vor die TV-Kameras zu treten. Seine unterhaltsame, aber sehr konventionelle Krimiserie “Nash Bridges” brachte es mit sechs Staffeln sogar auf mehr Folgen als “Miami Vice”.

Soviel dazu. Morgen bringen wir HipHop in die unendlichen Weiten…

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22
Juli 2014

Jack Deth approves!

Jep, das hier ist Tim Thomerson, der beim “D-Day of the B movies” unser Buch in die Kamera hält:

d-day

Keine Ahnung, wer Tim Thomerson ist? Schämt euch:

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Ihn haben wir im Buch natürlich auch ausführlich interviewt.

Und wo ich euch gerade so schön beisammen habe, teile ich mit angemessenem Stolz mit, dass unser kleines Buch dem Verlag so große Freude macht, dass in absehbarer Zeit eine Hardcover-Edition auf den Markt kommen wird.

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22
Juli 2014

Lost in Time (6): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Ich sitze im Rilano-Hotel in München, erstmals musste ich eine Reportage wetterbedingt absagen. Nun habe ich zwar Zeit, aber absurderweise ist das Surfvolumen hier stark beschränkt (auf alberne 100Mb in 24 Stunden). Ich sehe mal zu, ob ich innerhalb dieses Rahmens die wichtigsten Aufgaben erledigt bekomme.

1993, man kann es sich kaum vorstellen, war Fox noch ein junger und aggressiver Sender, der gerade die Vormachtstellung der “großen 3″ ABC, NBC und CBS gebrochen und mit den “Simpsons” und “Eine schrecklich nette Familie” diverse goldene Regeln des US-Fernsehens auf den Kopf gestellt hatte.

Im Bemühen, etablierten Serienkonzepten eine lange Nase zu drehen, begab man sich in der Sommersaison 1993 dann auf sehr dünnes Eis – Parodien sind im US-Fernsehen eine ganz hakelige Geschichte. Der beste Beweis ist “Police Squad”, eine Parodie klassischer Polizeiserien der 50er und 60er Jahre, die gnadenlos floppte – als Kinoreihe “Die nackte Kanone” danach aber mehrere hundert Millionen Dollar einspielte. Das klassische TV-Publikum bevorzugt Klischees und ist Parodien seiner Lieblinge von jeher eher abgeneigt.

Wie dem auch sei, im Juli 1993 probierte es Fox mit dem halbstündigen

Danger Theatre

1993_Press_Photo_TV_showAn Veteranen, die sich selbst auf die Schippe nahmen, mangelte es der Serie nicht: Robert Vaughn, immerhin “The Man from U.N.C.L.E.”, gab den realitätsfremden Gastgeber der beiden 10minütigen Parodie-Episoden “Tropical Punch” mit Adam “Batman” West und “The Searcher”. In der letzten Folge wurde “Tropical Punch” durch “357 Marina del Rey” ersetzt.

“The Searcher”, eine Mischung aus “Then came Bronson” und “Dr. Kimble auf der Flucht“, entpuppte sich schnell als das beliebtere Segment der Serie und es ist anzunehmen, dass man bei einer Verlängerung der Serie komplett auf Diedrich Bader als namenlosen Fremden gesetzt hätte:

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Allerdings stellte Fox die Serie nach sieben Episoden ein.

Ich erinnere mich daran, “Danger Theatre” damals gesehen zu haben – begeistert hat mich die Serie, die meines Wissens nach nie in Deutschland lief, nicht. Das war alles ganz launig, aber die Gags zielten grundsätzlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und wiederholten sich schnell.

Das Hauptproblem von Fox und dem “Danger Theatre” war, dass der junge hungrige Sender in diesem Fall hoffnungslos hinterher hinkte – ABC selbst hatte 1988 das Polizeiserien-Genre mit “Sledge Hammer!” brillant durch den Kakao gezogen. Gegen die satirische Schärfe und die genaue Beobachtungsgabe von Alan Spencers Serie konnte “Danger Theatre” an keiner Stelle anstinken, war nur eine müde Nummernrevue.

Es ist eine sympathische Fußnote der Fernsehgeschichte, dass dem “Searcher” zwar nur ein kurzes Leben vergönnt war, das Konzept allerdings – bierernst – zu einem der größten Syndicationhits der 90er wurde:

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Morgen zückt ein B Movie-Held den Stern des Gesetzes.

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21
Juli 2014

Ich hab’ ein Haus, kein kunterbuntes Haus:
Altbau-Sanierung redux (1)

Es mag den erst in diesem Jahrzehnt hinzu gestoßenen Lesern angeraten sein, sich die volle Saga meiner letzten Altbau-Sanierung durchzulesen. Zu teuer, zu stressig – aber seitdem ist halbwegs Ruhe, die Mieterin ist nett und die Wohnung in gutem Zustand.

Neben der Wohnung in Düsseldorf besitze ich ja noch das kleine Haus in Obergiesing, in dem ich von 2002 bis 2011 gewohnt habe. Echte Wortvogel-Veteranen haben mir schon ins Wohnzimmer geschaut und werden sich zudem erinnern, dass ich oft von einer anstehenden (weil dringend notwendigen) Sanierung des Dachgeschosses schwadroniert habe, das mir als Arbeitszimmer diente. Weil ich weder Zeit noch Lust noch Expertise hatte, mich mit so etwas rumzuschlagen, habe ich das Thema 10 Jahre lang erfolgreich vor mir her geschoben.

Jetzt ist Showtime.

Wir spulen in der Zeit zurück.

Als ich das Haus 2002 kaufe, ist klar, dass es nicht in Bestzustand ist: Das Dach ist nur mäßig gedämmt, die Elektrik ist uralt. die Haustür ein verrotteter Witz, einige Bodenkacheln gebrochen – und so ziemlich alles, was der Vorbesitzer renoviert hat, wurde in Eigenarbeit ohne Rücksicht auf Verluste hingeschlampt. Von außen sieht das Haus zu seinen besten Zeiten, als ich es frisch habe malern lassen, so aus:

STA60001 (2) Ich habe mir das Häuschen auch eigenwillig, aber passend eingerichtet:

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Aber es lässt sich kaum leugnen, dass an vielen Stellen der Wurm drin ist:

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Mir gefällt auch der potthässliche Zaun nicht, der die Patio zur Straße abschließt, aber der Nachbar weigert sich, einem Austausch für ein schöneres Gestänge zu zu stimmen:

Patio 2

Nun ja, ich habe in diesen Jahren auch genug andere Sachen zu tun und als Junggeselle bin ich relativ schmerzfrei. Das kann erstmal so bleiben.

Was mich allerdings nachhaltig stört, ist die ungünstige Raumaufteilung, die den eh schon begrenzten Quadratmetern einiges abzwackt – durch die Eingangstür kommt man in einen kleinen Vorraum mit einer monströsen Stahlbeton-Treppe, die nach oben führt. Durch einen Durchgang kommt man in einen weiteren Vorraum, von dem Bad und Küche/Wohnzimmer zu erreichen sind.

Treppe 5

Es ist ein befreundeter Architekt, der mich auf eine praktikable Lösung gleich mehrerer Probleme hinweist: Warum nicht das Fenster im zweiten Vorraum (das zur Patio hinaus geht) zur Haustür umbauen und die jetzige Haustür zum Fenster mauern?

Schauen wir uns das am lebenden Objekt mal an – die Haustür direkt auf den Bürgersteig würde damit einem Fenster weichen und das Fenster in der Mitte der Längsseite wäre der neue Austritt:

STA60003 (2)

Der Effekt: Der bisherige erste Durchgangsflur würde schlagartig ein neues Zimmer werden, erstmalig ein Abstellraum in dem Haus, das mangels Unterkellerung sowieso wenig Stauraum bietet. Und von der Haustür ginge es nicht mehr direkt auf den Bürgersteig, sondern (gemütlicher) auf die Patio.

Es ist so sinnvoll, dass es fast schon erschüttert, dass in 170 Jahren niemand drauf gekommen ist. Ich mache eine mentale Notiz, das bei der großen Renovierung, die immer “nächstes Jahr” ansteht, zu berücksichtigen.

Das Dach ist eine der anderen neuralgischen Stellen – durch die mangelnde Dämmung heizt sich das Obergeschoss im Sommer zur Sauna auf, nur um im Winter zum Iglu abzukühlen. Mir kommt die Idee, das Dach nicht nur neu zu dämmen, sondern in Giebelform dem Nachbarhaus anzugleichen. Es gibt tatsächlich Pläne aus den 30er Jahren, dass das mal geplant und genehmigt worden war:

Umbaupläne3SB

Leider waren die Umbauarbeiten damals nie durchgeführt worden und im Jahr 2006 winkt die Sanierungsbehörde sofort ab: Das widerspricht dem Denkmalschutz. Denn tatsächlich unterliegt mein Haus als Bestandteil der Feldmüllersiedlung dem Ensembleschutz. Will sagen: Ich darf nicht beliebig rumdoktorn und muss ständig bei der Behörde um Erlaubnis fragen. Das macht jeden Umbau zäher und teurer, als er sein sollte.

Was mich ebenfalls abhält: Immer wieder lasse ich mir Kostenvoranschläge von Handwerkern machen. Die Kosten, mit denen ich als Laie rechne, werden dabei LEICHT übertroffen – um das Vier- bis Fünffache. Das rechnet sich nicht, auch wenn Mieter ortsüblich zahlen. So bleibt das Sanierungsprojekt weiter liegen.

Während das Projekt brachliegt, bzw. weiterhin “nächstes Jahr” ansteht, kämpfe ich für und gegen den Verfall. Durch meinen Aufenthalt verbraucht sich die Substanz natürlich weiter, der Putz bröckelt, die Billig-Armaturen im Bad geben den Geist auf, die Heiztherme zickt etc. Ich zahle auch teuer für nicht ganz so offensichtliche Versäumnisse des Vorbesitzers. Der hatte z.B. “vergessen”, beim Einbau der Heiztherme ein Stahlrohr in den Kamin einbauen zu lassen. Das rächt sich, als nach fünf Jahren eine Kombination aus Ruß und Regenwasser die Kaminsteine endgültig durchsotten hat und braune Brühe aus der Tapete quillt. Ich muss den halben Kamin neu mauern lassen – UND ein Stahlrohrsystem installieren.

Es tut mir weh, dass das schöne Haus, in dem ich sehr glücklich bin, immer mehr Macken bekommt, immer mehr Kompromisse verlangt. Ich will es retten, scheue mich aber gleichzeitig vor dem Aufwand und den Kosten. Bei einem denkmalgeschützten Haus kann man nicht einfach einen Trupp polnischer Handwerker anheuern – das muss alles professionell geplant, finanziert und genehmigt werden. Von jemandem, der sich schon mit dem Erwerb einer Monatskarte des Öffentlichen Nahverkehrs schwer tut, ist das ein bisschen viel verlangt.

Als ich 2011 mit der LvA zusammen ziehe und das Haus vermiete, fasse ich präventiv den Entschluss: Dieses Mietverhältnis wird temporär sein. Die Mieter zahlen eine für München lachhaft geringe Miete, akzeptieren dafür die Defizite (u.a. das schlecht gedämmte Dach), und müssen zum Ende des befristeten Mietvertrages, wenn es doch mal an die Renovierung geht, bereitwillig von dannen ziehen.

Aus dem einen Jahr, das ich so überbrücken will, werden insgesamt drei. Mit meinem Umzug nach Speyer will ich die Sache nun aber endlich angehen. Und erwartungsgemäß entwickelt sich daraus eine unendliche Geschichte, die sich zu erzählen lohnt…

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20
Juli 2014

Stix-Trix

Ich habe ungefähr 15 USB-Sticks. Ein paar davon habe ich legitim als Datenspeicher erworben, angefangen mit 128Mb für 55 Euro bis 32Gb für 10 Euro. Der Großteil ist allerdings bei irgendwelchen Aufträgen liegen geblieben, wurde mir geschenkt – oder kam von Firmen zum Transport unnötigen Pressematerials. Mit ihren Kapazitäten von 2 bis 8 Gigabyte haben die Sticks die Nachfolge von Disketten angetreten.

Nun ist es kein Geheimnis, dass ich kurios geformte USB-Sticks ganz lustig finde. Und es ist immer gut, eine Handvoll Sticks in der Schublade zu haben, wenn man schnell mal eine Galerie von Bildern der letzten Reportage transportieren muss oder eine Videodatei zum Fernseher drängt. Die Marketing-Sticks haben dabei den Vorteil, dass ich ihnen keine Träne nachweine, wenn sie doch mal verloren gehen.

Nicht missen möchte ich allerdings diese beiden Exemplare, weil ich sie irgendwie goldig finde:

stix

Der Merci-Stick hat tatsächlich die exakten Maße einer Merci-Schokolade und ist mit aufgestecktem Deckel von einer solchen praktisch nicht zu unterscheiden. Der Zuckerhut hingegen ist aus weichem Gummi.

Habt ihr Sticks, die euch über die Funktionalität hinaus am Herzen liegen?

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19
Juli 2014

Lost in Time (5): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Es ist kein Zufall, dass im Kontext dieser Reihe immer wieder Anthologieserien auftauchen werden – diese sind notorisch erfolglos, haben aber oft genug Gimmicks, die ihre Erwähnung rechtfertigen. Heute fasse ich drei recht ähnliche Serien zusammen, die hauptsächlich über den wiederkehrenden Cast zu punkten versuchten. Außerdem verbindet sie die kuriose Tatsache, dass sie allesamt in den letzten Jahren auf dem Grusel-Kabelsender “Chiller” wieder zu sehen waren.

Nightmare Café

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“Nightmare Café” (produziert von Wes Craven) unterscheidet sich von “Dark Realm” und “Night Visions” durch eine Rahmengeschichte, deren Figuren auch in die einzelnen Episoden eingreifen. Das orientiert sich mehr an Serien wie “Hotel” als an der “Twilight Zone”. Für Robert Englund war es ein weiterer Versuch, seine Karriere als Freddy Krueger in einen langlebigen TV-Job umzumünzen, nachdem “Freddy’s Nightmares” kaum zwei Jahre zuvor nach 44 Folgen eingestellt worden. “Nightmare Café” zielt eindeutig auf ein softeres, weniger auf Horror fokussiertes Publikum — und (üb)erlebte auf NBC gerade mal sechs Folgen.

Das Intro vermittelt einen sehr guten Eindruck vom preiswerten MAZ-Look und dem versuchten ironischen Ton der Serie.

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Wer die Serie gesehen hat, den verwundert der Misserfolg nicht: Die Skripts zu schwach, die Twists entweder zu vorhersehbar oder gar nicht vorhanden – und nichts ist armseliger, als Sarkasmus, der einfach nicht komisch ist. Hinzu kommt, dass “Nightmare Café” diesen extrem billigen Kabelsender-Look hatte, der so viele Serien Ende der 80er plagt und heute für eine Auswertung auf Scheibe fast untauglich macht. Was man damals an Budget gespart hat, rächt sich nun.

Dark Realm

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“Dark Realm” startete fast zehn Jahre nach “Nightmare Café” und kaum zwei Monate vor der deutlich aufwändigeren Network-Serie “Night Visions”. Nicht auszuschließen, dass beide der lange angekündigten “Twilight Zone”-Neuauflage zuvorkommen wollten, die im Herbst 2002 spektakulär auf die Schnauze fiel.

“Dark Realm” ist eine französisch/kanadisch/britische Produktion, produziert für den Syndication-Markt. Ich glaube es ist soweit, dass man den Begriff heute wieder erklären muss: Syndication bedeutet, dass die Serie in den USA nicht bei einem der großen, landesweit sendenden Networks läuft, sondern Stadt für Stadt an Lokalsender verkauft wird. Dafür wird ein Paket an Folgen vorfinanziert und vorproduziert, dass dann sein Geld Markt für Markt wieder herein holen muss. Es gibt Serien, die damit eine Abdeckung von 90 Prozent der US-Haushalte erreichen, andere nur 60 Prozent, einige nur die großen Metropolen wie Los Angeles, Dallas und New York. Hat man das Pech, nicht in einer dieser Regionen zu wohnen, bekommt man die Serie auch nicht zu sehen.

Die 90er waren die Hoch-Zeit der Syndication-Serien, zu denen “Hercules”, “Renegade”, “Star Trek: The Next Generation” und “Baywatch” gehörten. Aus marktregulatorischen Gründen, auf die einzugehen hier nicht der richtige Ort ist, trocknete die Oase Syndication Anfang des neuen Jahrtausends aus, “Dark Realm” gehört zu den letzten Versuchen, über die internationale Produktion noch eine Serie ohne großes Network oder ohne einen Kabelsender zu stemmen.

Dem echten Serienfan macht es durchaus Spaß, im eklektischen Cast nach vielleicht nicht berühmten, aber doch bekannten Darstellern zu suchen: Edward “Equalizer” Woodward ist ebenso dabei wie Lysette “Krull” Anthony, Cory “Lost Boys” Feldman, der Sänger von Def Leppard spielt einen untoten Rockstar, und man schlag mich tot – Axel Milberg und HOWARD CARPENDALE gehen auch mal durchs Bild!

13 Folgen schaffte “Dark Realm” mit seinem “Host” Eric Roberts – und blieb auch danach so obskur, dass ich euch nicht mal einen Clip zeigen kann. Es würde mich wundern, wenn die Serie jemals in Deutschland gelaufen wäre.

Night Visions

Night Visions

“Night Visions” war der Versuch von NBC, mit einer richtig edlen Anthologieserie zu punkten, die eher für Spannung und Atmosphäre als auf oberflächlichen Grusel setzt. Mit Dan Angel hatte man einen Produzenten an Bord, der sich mit “Goosebumps” und “X-Files” schon um das Genre verdient gemacht hatte. Zu den Regisseuren gehörten Legenden wie Tobe Hooper und Joe Dante, bei den Darstellern wurde ebenfalls aus dem Vollen geschöpft: Bridget Fonda, Jack Palance, Sherilyn Fenn, Bill Pullman, Randy Quaid.

Im Gegensatz zu “Dark Realm” gönnte man sich zwei Geschichten pro Episode, was sicher auch zum deutlich höheren Budget beigetragen haben dürfte.

Vielleicht wollte man zuviel, vielleicht überforderte man die Zuschauer mit zu wirren Geschichten ohne klares Dilemma oder Auflösung – vielleicht schalteten aber schon viele Leute ab, weil Rockpoet Henri Rollins als Host einfach sehr gelangweilt und steif wirkte. Schaut euch das hier im Intro der ersten Folge mal an:

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Der Ansatz orientiert sich sehr offensichtlich an den unaufgeregten, seminaresken Intros von Rod Serling aus der “Twilight Zone”, kann dem Original aber an keiner Stelle das Wasser reichen:

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Genau wie “Dark Realm” schaffte es “Night Visions” nicht über 13 Folgen. Aufgegeben wurde das Format der Anthologieserie damit allerdings noch lange nicht.

Am Sonntag macht diese kleine Reihe Pause – Montag sitzt ihr dafür bei der Gefahr in der ersten Reihe…

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18
Juli 2014

Lost in Time (4): 50 Serien, die ihr verpasst habt

In den frühen Jahren des Fernsehens waren historische Serien keine Seltenheit – Western natürlich, aber auch Piratenabenteuer und Geschichten aus dem Mittelalter. So verdiente sich Roger Moore seine ersten Meriten für James Bond nicht als “Simon Templar”, sondern als “Ivanhoe”:

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Mit den heran nahenden 70ern verloren die Kostümklamotten für viele Zuschauer an Reiz – Relevanz war gefragt, aktuelle Themen und moralische Ambivalenz. Erst die aufkommende Fantasy- und Rollenspiel-Welle der frühen 80er machte die Sender wieder etwas mutiger, was zu der wirklich albernen Serie “Wizards and Warriors” führte:

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Hätte eigentlich hier auch reingepasst, muss man aber nicht gesehen haben.

Anfang der 90er war das Genre wieder mal tot. Umso überraschter war ich, als ich in der alljährlich heiß erwarteten “Fall Preview”-Ausgabe des amerikanischen TV-Guide auf eine Seite über

Covington Cross

seriescastlizstolperte. Vielleicht glaubten die Amis, dem britischen Erfolg von “Robin of Sherwood” etwas entgegen stellen zu müssen. Dafür heuerten sie mit Nigel Terry und Cherie Lunghi gleich zwei Hauptdarsteller aus “Excalibur” an, um mit ihnen eine Art “Dallas” in merry old England zu drehen. An Kostümen mangelte es dabei ebenso wenig wie an Burgen und Anhöhen, über die sich prächtig galoppieren ließ. Hinter den Kulissen wurde ebenfalls nicht gespart – den Piloten drehte mit William Dear immerhin der Mann, der schon “Bigfoot und die Hendersons” und “Timerider” auf die Kinoleinwände gebracht hatte.

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Gut gemeint ist allerdings nicht gut gemacht und trotz der schauspielerischen Potenz blieb “Covington Cross” eine eher blasse Angelegenheit, die genau daran scheiterte, dass sie das Genre thematisch und dramaturgisch nicht an die Neuzeit anpasste. Es blieb alles sehr pudrig und affektiert, kein Vergleich mit heutigen Kostümepen wie “Spartacus” oder “Game of Thrones”. Und “Blackadder” war schon damals einfach lustiger. Nach sieben Folgen von dreizehn zog ABC denn auch den Stecker.

Wer trotzdem mal ausgiebiger reinschauen mag:

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Morgen gehen wir zusammen einen trinken – und das geht nicht gut aus…

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17
Juli 2014

Lost in Time (3): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Anthologieserien mit in sich abgeschlossenen Episoden gehören zu den Fundamenten der Fernsehgeschichte. Um ein verbindendes Element über die Folgen hinweg zu haben, wurde auf Erzähler und Autoren gesetzt, unter deren Schirmherrschaft die Produktionen Woche für Woche präsentiert wurden: Rod Serling bei der “Twilight Zone”, ein dicker Brite bei “Alfred Hitchcock presents”, aber auch Ellery Queen.

Dieses Genre des hochwertigen, episodischen Kurzdramas kam in den späten 60ern aus der Mode, erlebte aber in den 80ern eine Renaissance mit der neuen Version von “Alfred Hitchcock presents” und vor allem dem großartigen “Ray Bradbury Theatre”. Auch in Deutschland ließ man sich nicht lumpen und drehte über das ganze Jahrzehnt verteilt Adaptionen der Kurzgeschichten von Henry Slesar mit dem Titel “Die Krimistunde“.

Ein besonderer Erfolg war diesen meist anspruchsvollen, aber gerne unterfinanzierten Serien bei den Neuauflagen leider nicht vergönnt. Das änderte sich auch nicht, als mit “Quicksilver Highway” und “Body Bags” und “Nightmares & Dreamscapes” immerhin Clive Barker, John Carpenter und Stephen King sich an dem Genre versuchten.

Zu den unbekannteren Anthologieserien, die einen großen Namen tragen, gehört zweifelsfrei

Kurt Vonnegut’s Monkey House

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Es handelt sich hierbei um eine Umsetzung von Geschichten aus der lesenswerten Sammlung “Welcome to the Monkey House”, in Deutschland erschienen unter dem wenig reizvollen Titel “Geh zurück zu deiner lieben Frau und deinem Sohn”. die preiswert für das kanadische Fernsehen (teilweise in Neuseeland) gedreht wurden. Gerade mal sieben Episoden von knapp 30 Minuten verteilte der Sender über satte zwei Jahre. “More Stately Mansions” kann man sich – YouTube sei dank – auch heute noch zur Gänze anschauen:

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Klar ist das kein Actionfernsehen für hyperaktive Kids und auch keine Edelserie für die verwöhnten HBO-Zuschauer des neuen Jahrtausends – aber es hat Charme, die pfiffigen Geschichten sehr bescheiden uns hausbacken auf der Mattscheibe zu entdecken. Noch dazu, wenn es um einen der Titanen des Genres geht, dem wir “Schlachthaus 5″ und “Harrison Bergeron” verdanken.

Und wo ich gerade bei Vonnegut und “Harrison Bergeron” bin – die sehr gute Adaption mit Sean Astin findet man ebenfalls bei YouTube. Ich rate dringlich zur Ansicht:

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Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt: “Zu den Schwertern – für den König!”

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16
Juli 2014

Lost in Time (2): 50 Serien, die ihr verpasst habt

So, für den zweiten Beitrag hatte ich euch ein seifiges Weltraumabenteuer versprochen. Willkommen zur ersten und einzigen Daily Sci-Fi Opera:

Jupiter Moon

jmJa, man glaubt es kaum, 1990 wurden für einen britischen Satellitenkanal 150 Episoden einer Daily Soap produziert, die komplett auf einem Raumschiff im Orbit um Jupiter spielen. Im Rahmen einer Soap macht das durchaus Sinn – die Sets sind begrenzt und können beliebig oft eingesetzt werden, der Cast ist überschaubar, es müssen nicht ständig neue Planeten zusammen geschustert werden. Hinzu kommt, dass Soaps und Science Fiction zwei Genres sind, die beide sehr loyale und große Fangruppen anziehen können – die Idee, das zu kombinieren, liegt in meinen Augen näher, als man denkt.

Schaut man sich Bilder von den Modelleffekten an, wirkt das erstmal gar nicht so schlecht:

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What’s not to like? Wenn man sich vor Augen führt, dass die Science Fiction ab den 90ern immer mehr Soap-Elemente übernahm (“Babylon 5″, “Battlestar Galactica”), könnte man “Jupiter Moon” sogar als konsequenten Vorgänger von “Deep Space Nine” betrachten. Und JEDEN TAG eine neue Folge – wie geil ist das denn?

Die Macher mühten sich zudem nach Kräften, mit wissenschaftlicher Akkuratesse ans Werk zu gehen – dieser Bericht des Produzenten liest sich fast schon drollig verbissen. Hier ist auch noch ein erhellendes Making of, das sich leider nicht direkt einbinden lässt.

Doch grau ist leider alle Theorie – und in der Praxis ist “Jupiter Moon” eher so eine Art “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” mit ganz viel steifem Technobabble, ganz wenig echter Suspense und sehr peinlichen Frisuren, wie dieser (recht typische) Cliffhanger zeigt:

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Tja, sechs Millionen Pfund Budget für 130 Folgen sind halt auch nicht ganz so viel…

In den späten 90ern Jahren, als ich im Zuge meiner Recherchen für die Science Fiction TV-Guides über Berichte zu “Jupiter Moon” stolperte, war die Serie so etwas wie das goldene Einhorn der SF – fast jeder hatte davon gehört, aber praktisch niemand hatte sie gesehen. Sie wurde ja auch lange Zeit nicht wiederholt. Ihr habt es da heute einfacher – 2005 wurden mindestens die ersten 50 Episoden endlich auf DVD veröffentlicht. Ob man sich das antun sollte, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Trotz der Defizite, die “binge watching” in diesem Fall zu seiner Strafe machen dürfte, ist “Jupiter Moon” ein faszinierendes und seiner Zeit verhaftetes Relikt – und damit perfekt für diese Reihe.

Hier noch der Vorspann:

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Morgen kommt Kurt – ohne Helm und ohne Gurt. Es geht’s ins Affenhaus.

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15
Juli 2014

Lost in Time (1): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Wir alle erinnern uns an “Star Trek: The Next Generation”, an “Akte X”, an “Buffy” und an “Lost”. Serien, die ihre Generation definiert haben und denen ein ewiges Leben in der TV-Dauerschleife, als Silberling, Stream oder gar Remake vergönnt ist. Stammtischfutter, Fundament vieler “Weißt du noch”-Gespräche.

Aber für jede Kultserie, die warm ums Herz macht, gibt es zehn Flops, an die sich kaum einer erinnert, die in Standardwerken nur Fußnoten wert sind. Mutig begonnen, aber oft nach sechs Folgen entmutigt eingestellt. Produktionen, bei denen selbst die etwas obsessiven Nerds passen müssen. Während die Hits sich traditionell an einer Hand abzählen lassen, gibt es von den Misserfolgen locker 100 – pro Saison.

Ab heute werde ich täglich (so es mir zeitlich gelingt) eine Serie vorstellen, die es nicht geschafft hat, einen wirklichen Abdruck in der TV-Geschichte zu hinterlassen. Dies ist mein kleiner Beitrag zur Fernseharchäologie, zur Aufbereitung von Nischenwissen für die von “Game of Thrones” besoffene Serienjugend. Dabei gehe ich halbwegs chronologisch vor, packe aber auch immer wieder thematisch oder stilistisch verwandte Produktionen zusammen.

Fangen wir ganz soft an, mit einer Sitcom aus dem Jahr 1989:

Free Spirit

lief hierzulande Anfang der 90er unter dem Titel “Die reinste Hexerei” in einer Endlosschleife auf SAT.1 und brachte es gerade mal auf 14 Folgen:

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Ihre Existenz verdankt die Serie sowohl der Nostalgie in Sachen “Bezaubernde Jeannie” und “Verliebt in eine Hexe” als auch dem Erfolg von “ALF”, der eine kurzlebige Renaissance der Gimmick-Sitcom nach sich zog. Fettfreie, freundliche und glattgebügelte Unterhaltung für die ganze Familie – die “Auszeichnung” als “schlechteste Serie im US-TV” fand ich damals schon völlig daneben.

Die Hauptrolle der bezaubernden Hexe Winnie Goodwin spielte die süße Corinne Bohrer, die seit mehr als 20 Jahren immer wieder in Serien auftaucht (“Rude Awakening”, “Partners”, “Double Rush”, “Vereonica Mars”). Der Durchbruch zum Serienstar blieb ihr allerdings verwehrt – ganz im Gegensatz zu Alyson Hannigan, die nach “Free Spirit” erst in “Buffy” und dann in “How I met your Mother” ganz groß raus kam. Sie ist neben Alyssa Milano (“Wer ist hier der Boss?”, “Charmed”) sicher eine der erfolgreichsten TV-Schauspielerinnen ihrer Generation.

Die Pilotepisode könnte ihr euch hier komplett ansehen – mehr 80er-Familienklischees bekommt man allenfalls bei den “Cosbys”:

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Teaser-Rätsel: Morgen geht’s ins seifige Weltall…

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10
Juli 2014

Action Triple Feature: “The Raid: Redemption”,
“The Raid 2″ & “Sabotage”

Es geht weiter mit der Aufarbeitung meines Film-Backlogs. Ich gruppiere gerne ähnliche Filme, weil ich dann einen besseren “flow” finde. Gestern habe ich das “The Raid”-Doppelpack eingeworfen, weil ich dieses ständige “Hast du eigentlich die Raid-Filme gesehen?” nicht mehr hören kann. Heute kam “Sabotage” dazu, weil mich fasziniert, wie Stallone und Schwarzenegger jenseits der “Expendables”-Nostalgie so gar keinen Fuß auf die Erde bekommen.

Zieht die schusssicheren Westen über, dreht das Baseball-Cap nach hinten, synchronisiert die Uhren – we’re going in!

The-Raid-posterThe Raid: Redemption

USA/Indonesien 2011. Regie: Gareth Evans. Darsteller: Iko Uwais, Doni Alamsyah, Ananda George, Yayan Ruhian, Ray Sahetapy u.a.

Story: Es klingt alles ganz einfach: Als neues Mitglied eines verdeckt operierenden Sondereinsatzkommandos soll Rama einen brutalen Drogenbaron in dessen heruntergekommenen fünfzehnstöckigen Apartmentblock stellen und dingfest machen. Aber nicht alles ist so, wie es scheint: Die Führung der Eliteeinheit verfolgt anscheinend ihre eigenen Ziele mit dem Einsatz, während der Kopf des Kartells, Tama, offenbar längst auf die Angreifer gewartet hat. Als seine vorgewarnten Wachen die Operation gleich zu Beginn auffliegen lassen, bricht in dem Gebäude die Hölle los. Jedem Killer, Gangster und Dieb wird von Tama lebenslange Unterkunft im Austausch gegen die Köpfe der Polizisten angeboten. Und der kriminelle Abschaum lässt sich nicht lange bitten. In brutalen Stellungskämpfen wird Ramas Truppe zunehmend dezimiert, bis nur noch wenige seiner Polizisten einer gegnerischen Übermacht gegenüberstehen.

Kritik: Okay, wie einige meiner Leser angemerkt haben – “The Raid” ist eigentlich “Dredd 3D” ohne die SF-Elemente. Die Story, die Motivationen, teilweise sogar die Twists gleichen sich aufs Haar. Harte Gesetzeshüter prügeln und schießen sich Stockwerk für Stockwerk durch ein von Gangstern verseuchtes Haus – Blut spritzt, Knochen brechen, Organe platzen. Ausverkauf in der Munitionsfabrik, am Ende gibt es keine Sieger.

Nun war “The Raid” zuerst da und verdient den Orden “das Original”. Mit deutlich weniger Mitteln wird hier mindestens genau so viel Rabatz gemacht wie in “Dredd”, der Anteil an Faustkämpfen rüdester Natur spielt noch mal eine Liga höher. Es ist beeindruckend, wie Evans und Uwais ihre Chance nutzen, den Film in ein Showcase für ihre Expertise in Sachen Dramaturgie, Choreographie und Schnitt zu verwandeln.

“The Raid” ist die reine Lehre, eine Adrenalinüberdosis für Actionjunkies, Kino ohne Kompromisse, 100 Minuten Vollgas.

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Mehr allerdings nicht.

Während man als Actionfan wirklich “die volle Packung” bekommt, bleibt man als Kinofan seltsam unbefriedigt. “The Raid” erzählt nur das Nötigste, hält sich an sattsam bekannte Klischees, baut weder Helden noch Bösewichte über die Oberfläche hinaus. Von Anfang an ist klar, dass es hier darum geht, einer Hydra den Kopf abzuschlagen, wo sofort drei weitere nachwachsen werden. Die Mission würde scheitern, auch wenn sie gelingen würde. Die Kollegen des Helden sind Kanonenfutter, die Dramaturgie Porno: rein, kräftig rumrühren, Feuerwerk, raus. Im Fall von “The Raid” empfand ich das nicht als erfrischend konzentriert, sondern ermüdend substanzlos.

Hinzu kommt, dass Iko Uwais so wenig Charisma wie Jet Li besitzt und an Ausstrahlung auch nicht mit Tony Jaa mithalten kann. Er ist ein Milchtoast, dessen Gesichtsausdruck permanent zwischen Verstopfung und Verzweiflung wechselt. Bei aller Bewunderung seiner körperlichen Fähigkeiten und der Bereitschaft, für den Film Kopf und Kragen zu riskieren – einen neuen Jackie Chan oder Donnie Yen haben wir hier nicht entdeckt.

Uwais besitzt auch nicht den Einfallsreichtum und die Kreativität von Jaa, der in den Ong Bak-Filmen immer wieder neue Requisiten und Locations ins Spiel bringt. In “The Raid” wird nur in zunehmend monotoner Weise in Kniekehlen und gegen Brustkörbe getreten, werden Arme in Richtungen gedreht, die nicht von Gott gewollt sind, und Klingen mit der Geschwindigkeit von Schlagbohrmaschinen in Weichteile gerammt. Wem’s reicht – mir nicht.

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Fazit: Komprimiertes Actionkino von hoher Körperlichkeit und maximalem Einsatz aller Beteiligten, das unter dem Titel “Dredd 3D” allerdings mehr Schauwerte und interessantere Figuren mitbrachte.

The Raid 2The Raid 2: Berandal

USA/Indonesien 2013. Regie: Gareth Evans. Darsteller: Iko Uwais,  Yayan Ruhian, Arifin Putra, Donny Alamsyah u.a.

Story: Der junge Cop Rama und seine Familie geraten ins Visier des organisierten Verbrechens. Um seine Frau und seinen kleinen Sohn zu schützen, muss sich Rama auf eine erbarmungslose Undercover-Mission in Jakartas Unterwelt einlassen. Bis in die höchsten Machtebenen ist die Stadt durchzogen von einem Netz aus Bestechlichkeit und Verbrechen. Mit neuer Identität als knallharter Kämpfer Yuda arbeitet er sich im Gefängnis innerhalb der Hierarchie der Gesetzlosen nach oben. Schließlich gelingt es ihm, die Gunst von Uco zu gewinnen: Der skrupellose Sohn eines mächtigen Gangster-Bosses ist sein Schlüssel in die engsten Kreise der indonesischen Mafia. Vollkommen auf sich allein gestellt, sagt er dem gesamten verrotteten System den Kampf an. Für Rama beginnt eine Odyssee der Gewalt durch einen Sumpf aus Korruption und Kriminalität. Seine Gegner kennen keine Gnade und am Ende kann es nur eines geben: Leben oder Tod…

Kritik: Runde 2. Ich hatte vorab gehört, dass “Raid 2″ massiv vom höheren Budget profitiert, das mehr Locations, mehr Stunts und mehr Darsteller erlaubt. Nun war allerdings das (mangelnde) Budget nicht das Problem vom “Raid” – es war der Mangel an Story-Klebstoff zwischen den Keilereien, die dünne Oberfläche der Figuren.

Zugeben, “Raid 2″ müht sich redlich, nicht bloß ein Abklatsch des Erstlings zu sein. Statt sich auf eine Location zu konzentrieren, wird diesmal ein Jakarta-weites Gangster-Melodram im Stile den neueren Hongkong-Kinos aufgebaut, neben Knochen splittern nun auch mal Karosserien, die Beteiligten prügeln sich durch Maisfelder und Designerwohnungen, durch Gefängnisse und Nachtklubs. Es gilt das alte Akte X-Prinzip: trust no 1.

Ob “Raid 2″ damit erfolgreich ist, kommt ganz darauf an, ob einem der Vorgänger gefallen hat. Wenn man bei Iko Uwais’ erstem Showcase vor Begeisterung in die Unterhose ejakuliert hat, sollte man diesmal ausreichend Mineralwasser bereit stehen haben, um nicht zu dehydrieren – und Taschentücher. Der Film ist noch deutlicher auf einzelne Actionsequenzen als Highlights hin inszeniert, hangelt sich von einem Kampf-Event zum nächsten, spart nicht an “blood & bullets”.

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Fühlte man sich (wie ich) bei “Raid” allerdings schon intellektuell und erzählerisch etwas unterfordert, dürfte “Raid 2″ wie ein All You Can Eat-Buffet wirken, das nur aus Pommes besteht. Leckeren Pommes, gut gesalzen und mit viel Ketchup – aber wieviel kann man davon essen, bevor einem schlecht wird?

Unglaubliche zweieinhalb Stunden müht sich “Raid 2″, sich permanent selbst zu übertreffen, die Knochenbrüche noch hässlicher und die Wunden des Helden noch tiefer zu zeigen. Es geht gegen fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Gegner. Höher, schneller, weiter – vor allem aber: härter.

Und da kippt “Raid 2″ dann. Aus dem Versuch, einen neuen Maßstab des Kampfsportfilms zu setzen, wird ein bizarres, gewaltgeiles Comic, nicht lustig gemeint wie “Crank”, aber absurd albern in seiner totalen Exzesse. Die tarantinoeske Verliebtheit in melodramatische Bildkompositionen, in Posing und Framing, nimmt “Raid 2″ jene rüde Redlichkeit, mit der der Vorgänger noch punkten konnte.

Der Coolness zuliebe wird jeder Versucht aufgegeben, die Geschehnisse in der realen Welt anzusiedeln – da gibt es eine taube Killerin, die in der U-Bahn mit zwei Hämmern ein ganzes Dutzend Bodyguards platt macht, die allesamt ihre Handfeuerwaffen zu Hause vergessen haben müssen. Bei den Schießereien wiederum scheint jede Toilettenfrau eine Magnum unter der Schürze zu haben. Der Effekt ersetzt die Notwendigkeit, wird zum reinen Selbstzweck – und dann ist es auch schon egal, wenn wir mittendrin unseren Helden eine halbe Stunde lang gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil gerade anderswo spektakulär gekämpft wird. Ist eh wurscht.

Und so kann ich nur monieren, was ich so oft und immer müder moniere – der immer geschliffeneren technischen Finesse des modernen Actionkinos hinkt die erzählerische Potenz der Filmemacher weit hinterher. Schade.

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Fazit: Eine überlange Aneinanderreihung brutalster Fights und Stunts der Premiumklasse, deren Kitt nicht hält und deren Hauptdarsteller nicht begeistert. Actionkino für UFC-Fans.

sabotage-posterSabotage

USA 2014. Regie: David Ayer. Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Josh Holloway, Sam Worthington, Mireille Enos, Joe Manganiello, Olivia Williams u.a.

Story: Im Mittelpunkt steht eine Elite-Einsatztruppe der Anti-Drogen-Behörde DEA, die den gefährlichsten Kartellen der Welt den Kampf angesagt hat. Nachdem die eingeschworene Truppe um Teamchef Wharton einen riskanten Angriff auf das Geheimversteck eines Kartells ausgeführt hat, erscheint die Mission zunächst erfolgreich beendet – doch dann werden immer mehr Teammitglieder nach und nach auf unerklärliche Weise ausgeschaltet. Während die Verluste weiter steigen, gerät die Loyalität eines jeden unter Verdacht.

Kritik: Alter Falter, 2013 war für die Herren Stallone und Schwarzenegger wahrlich kein gutes Jahr. Dachte man nach den ersten beiden “Expendables”-Teilen noch, die rüstigen Rentner des Actionkinos hätten noch ordentlich “pull”, musste man sich mit “Last Stand”, “Bullet to the Head” und dem Teamup “Escape Plan” eines Besseren belehren lassen. Mit “Sabotage” hat Schwarzenegger in diesem Frühjahr den Reigen der Pleiten nahtlos fortgesetzt: Armselige 17 Millionen Dollar hat der Film weltweit eingespielt, es wundert mich, dass er hierzulande nicht direkt auf Scheibe veröffentlicht wurde.

Anfänglich wirken die Schwächen von “Sabotage” offensichtlich: Eine deutlich an “Expendables” angelehnte Supergroup von Muskelspacken sitzt in der Freizeit mit Bierflaschen rum, redet viel vom Ficken und tätowiert sich gegenseitig Schweinkram. Kein Team – eine Familie. Weil, Ehre und so. Und Arnie ist der strenge, aber immer väterliche Oberboss. Klischees, Klischees, Klischees.

Es gelingt “Sabotage” nicht, uns emotional an die Figuren zu koppeln. Sie sind unsympathisch, dreckig, grunzend. Die für Schwarzenegger auffällig in den Plot gepresste Backstory mit der entführten Familie, der er immer noch nachtrauert, scheint Restmaterial aus einem anderen Film zu sein.

Und dann der Fokuswechsel. Wo es bei Stallone zu einer neuen Mission geht, wird die Truppe in “Sabotage” plötzlich Ziel von Killerkommandos. Olivia Williams als taffe Polizistin startet ihre Ermittlungen – als wäre es kein Actionfilm mit und um Schwarzenegger, sondern eine Folge “CSI: Atlanta”. Natürlich steigt Arnie mit der “stuck up bitch” ins Bett – gleich, nachdem er vom tragischen Tod seiner Frau erzählt hat. Ein Mann mit Charakter.

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Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Film eigentlich schon abgehakt. Er etabliert die Mechanismen der üblichen Söldner/Soldaten/SWAT-Filme, zeigt aber ein völliges Desinteresse, diese anständig zu bedienen. Es ist ein Actionfilm ohne nennenswerte Action (abgesehen vom Prolog und dem Finale), aber auch ein bisschen Krimi, ein bisschen Drama über den Zerfall einer dysfunktionalen Familie. Genau die Sorte Mischmasch, die ich als misslungenen Brei in drei, vier Absätzen verreissen kann.

Nur: Irgendwann ging mir auf, dass genau das vom Autor von “Training Day” und dem Regisseur von “End of Watch” beabsichtigt ist. “Sabotage” will kein Actionfilm sein – er will den Actionfilm demaskieren. Seine Figuren sind so unsympathisch, weil sie durch und durch korrupt sind. Jeder Versuch, sich an einen Protagonisten zu binden, ist eine wohl geplante Finte. Die typischen Werte des Männerkinos sind einen Dreck wert, Ehre ist eine Lüge. Ayer weiß genau, was die Fans sehen wollen – und er pisst genüsslich drauf.

Aber bis es dazu kommt, ist es eigentlich schon zu spät. Der Verzicht auf einen klar gezeichneten Helden macht in der ersten Hälfte das andocken schwer, das übliche Schwarzenegger-Publikum dürfte sich verarscht vorkommen – und Cineasten mit Respekt für die Umkehr der Vorzeichen lassen sich von der Aussicht auf “Action mit Arnie” kaum ködern. Der Weg zum interessanten Richtungswechsel, zum Bruch der Regeln ist zu lang und holperig.

Schwarzenegger, auch wenn er als Archetyp des hier reflektierten Actionfilm-Heldens eigentlich Idealbesetzung sein sollte, ist keine Hilfe. Der Mann sieht geil aus, hat ein Gesicht wie eine verschlissene Saloontür – aber der Nimbus des späten Eastwoods geht flöten, sobald er den Mund aufmacht. Ich kann mich an keinen Film erinnern, in dem sein schwerer Akzent derart gegen die Figur arbeitet.

Am Ende ist “Sabotage” keine Kopie von “Expendables”, er ist gleichzeitig “The real Expendables” und der Anti-”Expendables”. Und weil er kein Interesse hat, uns die Eier zu schaukeln, kann er uns im letzten Drittel mehrfach ziemlich gekonnt in selbige treten. Hier werden Konventionen auf den Kopf gestellt, dass ihnen das Blut in den Ohren rauscht. Das muss man nicht mögen – kann man aber. Ich selbst war mehr beeindruckt als begeistert.

Dieser Trailer verkauft einen Film, der “Sabotage” nicht ist:

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Fazit: Eine clevere Dekonstruktion aller Schwarzenegger/Expendables-Klischees, die genau das falsche Publikum anziehen und dementsprechend enttäuschen dürfte.

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Juli 2014

Science Fiction Triple Feature: “Under the Skin”, “Transcendence” & “Jodorowsky’s DUNE”

under_the_skin_posterUnder the Skin

USA/GB 2013. Regie: Jonathan Glazer. Darsteller: Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Jessica Mance, Krystof Hádek u.a.

Offiziell Synopsis: Ihr Zuhause ist die Straße, die Nacht ihr Verbündeter: In einem Lieferwagen fährt Laura allein durch Schottland. Pechschwarzes Haar, blutrote Lippen, ständig auf der Suche nach Beute. In grellen Clubs, auf Parkplätzen und in dunklen Gassen findet sie immer willige Opfer: einsame, gelangweilte Männer, die auf schnellen Sex hoffen und der überirdischen Schönheit nichtsahnend in die Falle gehen. Wenn sie begreifen, was sie erwartet, ist es bereits zu spät: Die verführerische Vagabundin ist nicht von dieser Welt…

Kritik: Um “Under the Skin”, das neuste Werk des “Sexy Beast”-Regisseurs, ist so etwas wie ein Kulturstreit entbrannt. Er soll wohl auf dem FFF 2014 laufen, dafür aber nicht regulär im Kino ausgewertet werden. Cineasten sehen das als Verrat an einem Kunstwerk, dem das natürliche Zuhause verweigert wird, der Verleih verweist auf die miserablen Einspielergebnisse in den USA, wo “Under the Skin” gerade mal 2 Millionen Dollar gemacht hat.

Schaut man sich den Film vorurteilsfrei an, sind die Bedenken des Verleihs durchaus nachvollziehbar: “Under the skin” ist ein Low Budget-Roadmovie, dessen einziger Appeal über die Hipster-Crowd hinaus aus der Besetzung der Protagonistin erwächst – und der Tatsache, dass Frau Johansson sich erstmals, dafür aber konsequent, häufig und vollständig nackig macht. Dass man damit keine Säle voll bekommt, kann ich durchaus nachvollziehen.

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Lässt man den Versuch, mit Scarlett Johanssons Besetzung kommerziellen Appeal zu erzeugen, außen vor, ist “Under the Skin” tatsächlich ein ziemlich geeigneter FFF-Kandidat, ein Film für die etwas anspruchsvollere Midnight Crowd. Jonathan Glazer macht keinen wirklichen Versuch, die Hauptfigur oder ihren Background zu erklären, auch die in der Romanvorlage angedeuteten Zusammenhänge lässt er unerzählt. Was wir sehen, müssen wir uns zusammen reimen, was wir verstehen, müssen wir erahnen.

“Under the Skin” baut keine Geschichte, erlaubt nicht das Zusammenfügen der Teil zum ganzen Bild. Die Kamera ist nur Begleiter, nie Beobachter, es gibt keinen Erzähler und zwischen uns und der Protagonistin ist eine unsichtbare Wand, die Empathie fast unmöglich macht. Wir schauen ihr zu, suchen nach Schlüsseln zu ihrem seltsamen Verhalten, nach Motiven, nach Methoden – und bleiben letztlich allein. Manchmal fühlt sich der Platz auf dem Beifahrersitz des Lasters tatsächlich so an, als wäre man als Tramper in einen Wagen gestiegen, dessen Fahrer nun stur nach vorne auf die Straße schaut und den man vergeblich zu lesen versucht.

Die Frau als Alien im wahrsten und im übertragenen Sinne.

Dazu passt, dass Glazer kein Interesse hat, andere Figuren zu zeichnen. Wir erleben die Menschen dieser Welt nur über ihre Phrasen, ihre stockenden Versuche, zu kommunizieren, sich darzustellen. Sie sind nur Form und Funktion.

Es ist ein Zeugnis von Glazers Expertise als Regisseur und Johanssons darstellerischer Furchtlosigkeit, dass “Under the Skin” trotz dieser wenigen Handreichungen an den Zuschauer eine beträchtliche Sogwirkung entwickelt und nie dazu reizt, sich aus dem seltsam leblosen Geschehen auszuklinken. Wir verstehen die Unfähigkeit der Hauptfigur, Menschen zu verstehen, zunehmend als Hilflosigkeit, als fehlende Definition der eigenen Persona. Und die Täter/Opfer-Mechanik ist ein brüchiges Konstrukt, ein zwangsläufiges Pendel, das zurückschlagen muss.

Am Ende bleibt ein Film, der fasziniert, ohne mitzureißen, der zum Nachdenken anregt, nicht aber notwendigerweise zu Diskussionen. Er ist sich als singulärer Event genug, verweigert sich auch einem filmhistorischen Kontext. Kino für den Kopf – und nachdem es im Genre davon nicht mehr allzuviel gibt, ist das schon eine Empfehlung für sich.

Under-the-Skin1Fazit: Ein vages, sprödes Filmessay über die Unmöglichkeit von Kommunikation ohne Emotion, das am Ende zu viel Raum für Interpretationen lässt, um wirklich zu befriedigen. Und das ist gut so.

transcendence-prize-posterTranscendence

USA 2014. Regie: Wally Pfister. Darsteller: Johnny Depp, Kate Mara, Morgan Freeman, Cillian Murphy, Rebecca Hall

Offizielle Synopsis: Der renommierte Wissenschaftler Dr. Will Caster arbeitet gemeinsam mit seiner Frau Evelyn auf dem Gebiet der technologischen Singularität. Durch die Erschaffung eines Computersystems, dessen komplexe Verschaltungen wie menschliche Gehirne funktionieren, streben sie die Transzendenz künstlicher Intelligenz an. Ein technologischer Quantensprung, der ihnen zwar viel Lob einbringt, sie jedoch auch zur Zielscheibe von fanatischen Technik-Skeptikern macht. Bei einem Überfall auf das Labor wird Will tödlich verletzt. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Forscherdrang führt Evelyn eine drastische Maßnahme durch: Gemeinsam mit dem Forscher Max Waters, einem engen Freund und Kollegen ihres Mannes, verbindet sie Wills unversehrtes Gehirn mit dem Computersystem und überträgt seine Informationen auf den Rechner.

Kritik: Mit “Transcendence” wollte Wally Pfister, Stamm-Kameramann von Christopher Nolan, auch als Regisseur reüssieren. Mit nicht mal 90 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit (bei 100 Mio. Budget) ist das ziemlich in die Hose gegangen – vor allem wenn man bedenkt, dass Pfister mit einem sehr kommerziellen Thema und einem Haufen etablierter Stars arbeiten durfte.

Was ging schief? Einige Branchenexperten meinen, dass “Transcendence” zu smart für das Blockbuster-Publikum sei, zu anspruchsvoll in einem Sommer, der auf “Transformers 4″ und “Godzilla” setzt.

I call Bullshit. “Inception” war ungleich komplexer, mit frischeren Ideen ausgestattet. Gleiches gilt für “Looper“, für “District 9“. Es ist billig, sich im Zweifelsfall auf die angebliche Dummheit des Publikums heraus reden zu wollen, als hätte man versehentlich nicht ausreichend auf das niedrigste Niveau gezielt. Besonders hier, denn “Transcendence” erzählt weder eine neue Geschichte – noch erzählt er sie auf bemerkenswert neue Art und Weise. Ich neige eher zu der Meinung, dass Pfisters Erstling an Eiermangel leidet, dass er über die schönen Bilder und plakativen Kontroversen hinaus keine wirkliche Substanz besitzt.

Was macht den Mensch zu Menschen? Kann ein Bewusstsein in eine Maschine übertragen werden, ohne dass die Humanität darunter leidet? Darf man die Menschheit zu ihrem Glück zwingen? All das sind Fragen, die teilweise schon vor über 40 Jahren in Filmen wie “Colossus” gestellt und relativ ausführlich beantwortet wurden.

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Versteht mich nicht falsch: “Transcendence” ist ein schicker Film, gut getaktet, über die gesamte Laufzeit ausreichend spannend. Er springt nur nicht ein einziges Mal aus der Spur, traut sich keinerlei erzählerische Finten oder Richtungswechsel. Er läuft exakt so ab, wie es nach dem ersten Akt zu erwarten ist.

Es hilft auch nicht, dass der Cast bestenfalls durch Anwesenheit glänzt, aber komplett unterfordert bleibt. Die Rollen von Cillian Murphy und Morgan Freeman sind so lachhaft unterentwickelt, dass man sie auch von Statisten hätte spielen lassen können, die Frauenrollen sind geradezu beschämend banal als Gegenpols zum technisch-männlichen Fortschrittswahn skizziert. Wirklich rund ist keine der Figuren – weshalb sie uns auch nicht scheren.

Trotz der Vorhersehbarkeit bleibt “Transcendence” relativ hohl. Die Elemente, aus denen man Saft hätte ziehen können (Ist der Computer-Caster WIRKLICH Caster? Was treibt ihn an? Ist er böse oder nur frei jeglicher Moral? Ist das freie Elend dem unfreien Glück vorzuziehen?), werden übergangen, die Handlung spielt mit Themen, ohne diese wirklich zu bedienen.

Am Ende bleibt ein SF-Thriller, dem es an inhaltlichen Reizen mangelt, die Zuschauer ins Kino ködern könnten und der als TV-Zweiteiler vermutlich besser funktioniert hätte.TRANSCENDENCE

Fazit: Ein Science-Thriller im Crichton-Stil, der bekannte Fragen interessant neu stellt, aber sich sträflich wenig um die Diskussionen schert, die dem Zuschauer eigene Antworten ermöglichen würden.

jodorowskys_dune_xlgJodorowsky’s DUNE

USA 2013. Regie: Frank Pavich. Mitwirkende:  Alejandro Jodorowsky, Michel Seydoux, H. R. Giger, Chris Foss, Nicolas Winding Refn, Amanda Lear, Richard Stanley u.a.

Story: Jahre vor David Lynch’s eigensinnigem, aber letztlich kraftlosen Versuch, die “Wüstenplanet”-Saga von Frank Herbert für die Leinwand einzudampfen, gehörten die Rechte für eine Verfilmung dem französischen Produzenten Michel Seydoux. Er war entschlossen, den epischen Stoff mit dem chilenischen Künstler und Filmemacher Alejandro Jodorowsky (“Montana Sacra”, “El Topo”) umzusetzen. Das wahnwitzige Projekt, an den Mick Jagger ebenso beteiligt war wie Salvador Dalí, Pink Floyd ebenso wie H.R. Giger, scheiterte letztlich an der Furcht Hollywoods vor den exzentrischen Fantasien des Regisseurs. 30 Jahre lang blieb “Jodorowsky’s DUNE” ein Mythos, festgehalten nur in wenigen Artworks und Vorankündigungen. In dieser Dokumentation öffnen Jodorowsky und Seydoux ihre Archive, kommen die überlebenden Beteiligten zu Wort – und malen ein breites Bild vom vielleicht ambitioniertesten Film, der nie gedreht wurde.

Kritik: Es gibt immer wieder unproduzierte oder unveröffentlichte Filme, die einen Mythos entwickeln, ein untotes Eigenleben. Über die man diskutiert, obwohl es nichts zu diskutieren gibt. Das gilt für die “Astro Saga” ebenso wie für die erste “Apt Pupil”-Verfilmung mit James Mason, das gilt für Jerry Lewis’ “The Day the Clown Cried” ebenso wie für “Mr. Boogie”. Die Leerstellen in der Filmgeschichte werden mit Legenden gefüllt, Halbwahrheiten, Vermutungen und Sehnsüchten. In den meisten Fällen sind diese Produktionen, wenn sie dann (und sei es nur in Fragmenten) doch noch das Licht der Welt erblicken, eine herbe Enttäuschung. Weil sie den heißen Erwartungen der Filmfans kaum gerecht werden können.

Jodorowskys “Der Wüstenplanet” ist so etwas wie ein Platzhirsch unter den unproduzierten Legenden. Das liegt nicht nur an den Beteiligten, sondern an dem Anspruch, den Jodorowsky selbst hatte – sein “Wüstenplanet” sollte ein “game changer” sein. Eine neue Epoche einleiten. Das Medium Film neu definieren.

Schaut man sich die Dokumentation “Jodorowsky’s DUNE” an, glaubt man das sofort.

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Obwohl der Großteil der Doku von “talking heads” bestritten wird, sind ihre 90 Minuten durchdrungen von der ursprünglichen wie urwüchsigen Kraft, mit der Jodorowsky einst sein opus magnum geplant hatte. Es gelingt ihm mühelos, uns heute wieder so dafür zu begeistern, wie es ihm mit der gesamten kulturellen Elite der 70er gelang. Er ist ein Zauberer, ein Visionär, der Hunger macht, aus dem Banalen auszubrechen, der grauen Realität den bunten Traum entgegen zu stellen. So, wie sein “DUNE” eine Reise werden sollte, nimmt uns Jodorowsky in Pavichs Film mit auf eine Reise zurück in die Zeit. Am Ende kapituliert man fassungslos vor dem Desaster, das uns den vielleicht schönsten, vielleicht wichtigsten Film der 70er Jahre vorenthalten hat. Kollektiv möchte man “DUNE” durch schiere Willenskraft in die Existenz zwingen. Weil die Welt ein besserer Ort wäre. Oder zumindest Hollywood.

Sein Zauberstab bei diesem Zaubertrick ist das monströse Produktionsbuch zu “DUNE”, in dem alle Entwürfe und Storyboards gebunden sind. Es wurde seinerzeit von Studio zu Studio geschickt, um für den Film zu trommeln – vergeblich. Und heute, 40 Jahre später, hat dieses Buch den Ruch des Heiligen, einer Bibel für Cineasten. Wer nach “Jodorowsky’s DUNE” nicht lautstark nach einem Reprint des Buches für den Massenmarkt schreit, sollte kein Kino mehr betreten dürfen. Taschen, make it so!

Jodorowsky-MoebiusFazit: Neben “Lost in La Mancha” die beste Dokumentation über ein gescheitertes Filmprojekt und ein faszinierender Einblick in Ego und Epos von Jodorowsky.

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Juli 2014

Deutschland balla balla: Eine kleine Geschichte von Vorfreude und Nachsicht

Freitag, 4.7.2014, 17.15 Uhr. Ich bin allein in Speyer, ein familiäres Problem hat die LvA nach Marburg gezwungen. Dabei spielt Deutschland. Gegen Frankreich. Und ich habe es nicht so mit Public Viewing.

Also allein vor dem Fernseher. Na ja, so allein, wie man mit zwei Katzen sein kann. Wenigstens hat auch Becky ihr Interesse am Fußball mittlerweile entdeckt, sie schaut gerne zu, wie der Ball auf dem Bildschirm hin und her gekickt wird.

Noch knapp eine Stunde bis zum Anpfiff und plötzlich denke ich: Scheiß drauf. Ich ziehe den Cheat Day vor und mache mir einen brutal ungesunden Abend. Im Unterhemd vor der Glotze, Pizza und Eiskrem, Flips und eiskaltes Radler!

Nur – woher nehmen? Der Kühlschrank hält aus weiser Voraussicht nichts davon auf Vorrat, die wenigen Pizzaservices der Stadt haben Wartezeiten von mehr als einer Stunde.

Egal. Die Supermärkte haben noch auf, mit dem Roller sollte das eine Sache von 20 Minuten sein. Ich genieße den Fahrtwind, der die stehende Hitze kühlend über meine schweißklebende Haut schiebt.

Dem LIDL gewähre ich heute meine Gunst, die Pizza Quattro Stagioni ist schnell gefunden (Salami habe ich noch zu Hause), ebenso Flips und Radler. Von der Hausmarke nehme ich das “Cookie Dough”-Eis mit – wenn schon, denn schon. Schließlich spielt heute Deutschland. Gegen Frankreich.

Mir fällt auf, dass jetzt, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, eine ganz andere Klientel ein ganz anderes Produktsortiment kauft als sonst. Es ist ein hektisches Last Minute-Shopping des Vergessenen, aber Unverzichtbaren, vergleichbar vielleicht mit Heiligabend, nur prolliger. Da stapeln sich billige Whiskyflaschen auf dem Kassen-Rollband, Zigarettenschachteln in Mengen, die man gerade noch so in die Handtasche stopfen kann. Viel Bier. Und Süßigkeiten. Ich passe mit meiner Auswahl genau in die Mischung.

Auch die Kunden wirken rauer, ungepflegter, grenznäher. Es sind die, die ihren Kühlschrank nicht planen, die nicht zu klugen Zeiten kaufen, was benötigt wird. Aldiletten, ärmellose Shirts, zu viele Shorts, die über die Knie reichen. Gekauft wird, was Triebe befriedigt, die keinen Aufschub dulden. Weil Deutschland spielt. Gegen Frankreich.

Ich komme gerade zur ersten Kasse, als die zweite Kasse dicht macht. Keine gute Idee angesichts der Nähe zum Anstoss und der wartenden Kundenmenge. Aber da muss man durch. Wir sitzen alle in einem Boot und den Anpfiff hören wir dann daheim. Oder im Schrebergarten. Oder in der Kneipe des Vertrauens. Gut geölte Stimmbänder fürs Schland.

Trotz der einzigen geöffneten Kasse geht es voran. Noch ist niemand nervös. Im Gegenteil – das gemeinsame Ziel muss nicht ausgesprochen werden, um zusammen zu schweißen. Man lächelt sich zwischen den Partytonnen Kartoffelchips verschwörerisch zu. 3:1 steht in den Blicken. Mindestens.

Dann kommt sie.

Blond, Mitte 40 vielleicht, anständig gekleidet, so neutral, dass es schon fast eine Beleidigung ist. Die hat bestimmt keine Fahne am Autofenster. Wo doch Deutschland spielt. Gegen Frankreich. Sie geht von hinten zur einzigen Kassiererin, legt ein Bund Kräuter hin und hält einen Kassenbon hoch: “Sie haben falsch abgerechnet.”

Nur nicht nervös werden. Reklamation ist normal,  ist erlaubt, würde ich ja auch machen. Falsch abrechnen geht nicht. Korrektur sollte fix gehen. Noch 25 Minuten. Schaffe ich locker. Nur nicht nervös werden.

Die Kassiererin guckt auf den Bon, sagt: “Kräuter, ja, 79 Cent”. Die Kundin schüttelt energisch den Kopf: “Aber am Stand vorne steht 65 Cent.”

Es geht um 14 Cent. Ich spüre das dünne Eis meiner eingeredeten Geduld ächzen, knirschen, in der mühsam gekühlten Luft des Supermarktes an diesem zu heißen Tag rissig werden. Ich versuche mir vorzustellen, warum jemand die Heimfahrt vom Einkauf unterbricht und zum LIDL zurück kommt, um 14 Cent zu reklamieren. Ich ahne die Antwort: Es ist eine Prinzipfrage.

Die Kassiererin gibt noch einmal die Kräuter ein, die Kasse beharrt auf 79 Cent. Die Kundin beharrt auf 65. 14 Cent Differenz, während die Uhr tickt. Höflich, sehr bemüht stellt die Kassiererin die Möglichkeit in den Raum, dass die Kundin ein Preisschild gelesen hat, das für ein anderes Produkt galt?! No go. Die Kundin wird patzig: “Da steht hinten an den Kräutern 65 Cent. Schauen Sie doch nach!”

“Schauen sie doch nach”. Es kommt Unruhe in die Schlange, Blicke werden auf Uhren und Smartphones geworfen, deutliches Schnaufen ist zu hören.

Die Kassiererin weiß auch nicht weiter. Sie kann das Ansinnen der Kundin schlecht ignorieren, andererseits sieht sie die Schlange und WEISS, um was es gerade geht. Um Deutschland. Gegen Frankreich. Sie erhebt sich halb aus dem Drehstuhl und blickt in Richtung Gemüseabteilung: “Wo haben Sie denn die 65 Cent gelesen?”

Es ist eindeutig, dass sie erreichen möchte, dass die Kundin selbst noch mal den Preis prüft. Aber die Kundin ist entschlossen, in der Service-Wüste Deutschland die Früchte einer Service-Oase zu ernten und wedelt nur ungeduldig mit der Hand zum hinteren Teil des Supermarktes: “Da hinten irgendwo.”

Ich bin kein Meckerer, kein Faust-in-der-Tasche-Macher. Ich bin ein Problemlöser. Also greife ich nach meiner Geldbörse. Aber der Mann, der seit drei Minuten eigentlich dran wäre, kommt mir zuvor: “Wissen Sie was, ich zahle Ihnen die 14 Cent. Kein Problem.”

“Ich auch”, sagt der junge Bengel hinter ihm. Seine Waden zeigen, dass er vermutlich selber Fußball spielt. Er tänzelt auf den Füßen wie beim Dribbling. Er will heim.

Das Problem: Einem Prinzipienreiter geht es nicht um Problemlösung – es geht ums Recht, um die Durchsetzung der als Gerechtigkeit empfundenen Praxis. Unsere 14 Cent sind nicht die 14 Cent, die die Kundin haben will, was sie auch prompt bestätigt: “Darum geht es nicht. Kräuter sind 65 Cent.”

Ich rechne im Kopf kurz durch und stelle fest, dass ich hier noch 10 Minuten lang festhängen kann, bevor es eng wird. Das ist ausreichend für einen Testballon, den ich nun mit kräftiger Stimme vom Ende der Schlange loslasse: “Ich erhöhe auf mehr als das Doppelte! 30 Cent, wenn Sie es gut sein lassen!”

Gekicher geht durch die Schlange. Einer klatscht. Trotz oder vielleicht wegen der steigenden Unruhe funktioniert meine Aussage als Ventil, wenn auch nicht als Lösung, denn die Kundin schüttelt den Kopf. Eine Annahme meines Geldes wäre “außerhalb des Systems”, das kommt für sie nicht in Frage. Die Kassiererin weiß auch nicht weiter, sagt schließlich seufzend: “Ich rufe mal den Chef, der soll sich drum kümmern. Sie sehen ja, was hier los ist.”

Zumindest ist die Kundin schlau genug, nun beiseite zu treten, während sie auf “den Chef” wartet. Der reguläre Kassenbetrieb wird wieder aufgenommen. Der Mann, der zuerst 14 Cent als Lösegeld für uns alle angeboten hatte, bekommt seine Waren. Er schaut uns alle an und grinst: “Gutes Spiel”. Jeder in der Schlange, wir mögen zu sechst sein, murmelt “Gutes Spiel” zurück.

Es wiederholt sich. Die Kundin hat uns zu einem Team gemacht. Deutschland. Nicht gegen Frankreich, aber gegen die Blondine. 5, 4, 3, 2, 1 – “Gutes Spiel”. “Gutes Spiel”. Einer ruft noch “3:1!”, bevor die automatischen Schiebetüren ihn in die Hitze des späten Nachmittags entlassen.

Als ich dran bin, taucht “der Chef” auf. Er ist maximal 25. Wahrscheinlich ein Azubi, der bei der Auslosung der Schicht den falschen Strohhalm gezogen hat. Ich packe meine Pizza, das Eis, die Flips und das Radler ein, während die Kassiererin ihm das “Problem” der Kundin erklärt. Er schaut kurz auf den Kassenbon, sagt dann: “Kräuter sind 79 Cent.”

Die Kundin, verunsichert von der spürbaren Ablehnung der versammelten Kundschaft, versucht es ein letztes Mal: “Da stand 65 Cent”. Der Chef schüttelt den Kopf: “Da irren Sie sich. Schauen Sie ruhig mal nach”.

Er lässt sie stehen. Ich möchte klatschen, ihm vielleicht auf die Schulter klopfen. Stattdessen mache ich mich auf den Weg zu meinem Roller. Als ich die Kundin passiere, schaue ich ihr in die Augen und sage: “Gutes Spiel”. Sie antwortet nicht. Sie ist keine von uns.

Dann fahre ich heim, mit Pizza und Eis zu zwei Katzen. Ich werde pünktlich sein. Meine Laune ist intakt. Deutschland. Gegen Frankreich.

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Juli 2014

The Comics come to Town: “The Flash” , “Constantine” & “Stan Lee’s Mighty 7″

Es ist ein gutes Jahr für Superhelden-Fans. Neben den erwartbaren Blockbustern wie “Captain America 2” und “X-Men: Days of Futures Past” bekommen die kostümierten Gutmenschen auch auf dem heimischen Flachbildschirm wieder einen Fuß in die Tür. Mit “Agents of SHIELD” und “Arrow” ist es gleich zwei relativ aufwändigen Serien gelungen, sich nicht etwa bei den kleinen Spartensendern zu etablieren, sondern bei den Networks. Fast wie früher, zu den Zeiten den “Incredible Hulk” und der üppigen 70er Jahre-”Wonder Woman”.

Es gab aber auch wahrlich aufwändige Fehlstarts in der letzten Zeit – so konnte weder der “Smallville”-Ableger “Aquaman” noch der beleidigend beschissene Versuch, “Wonder Woman” als feministische Firmenchefin neu zu erfinden, irgendwen überzeugen. Beide Varianten schafften es nicht über die Pilotepisoden hinaus. Und über “Birds of Prey” decken wir auch besser das Mäntelchen des Schweigens.

Besonders DC ist nun entschlossen, an Marvel verlorenen Boden wieder gut zu machen. Was “Green Lantern” und “Man of Steel” im Kino nur begrenzt gelungen ist, soll nur die Helden-B-Liga in Serie richten. Gleich drei Serien wirken wie der gewaltsame Versuch, endlich aufzuschließen – 2014 erwarten uns “Gotham”, “Constantine” und “The Flash”.

Schauen wir doch mal, wie das anläuft.

The-Flash-TV-Show-Costume

“The Flash” ist ist ein Spinoff von “Arrow” – und Barry Allen wurde konsequenterweise in einer Episode der Mutterserie eingeführt. Die Pilotepisode der eigenständigen Serie erzählt dementsprechend vieles noch einmal, was wir längst wissen. Barry wird vom Blitz getroffen, landet im Koma, hat nach dem Aufwachen die Fähigkeit, superschnell zu laufen. Ein kleiner Kreis von Freunden und Förderern ist eingeweiht, eine neu entwickelte Uniform für Feuerwehrleute dient als Basis des Kostüms. Die notwendigen Bösewichte werden aus der Tatsache rekrutiert, dass die Explosion der STAR Labs auch noch andere Menschen mit unberechenbaren Kräften ausgestattet hat. In der ersten Episode ist das ein Verbrecher, der das Wetter manipulieren kann.

Grundgütiger, da hat DC aber ganz tief in der Klischeekiste gegrabbelt und eine Serie dermaßen nach Schema F für das Publikum des Senders CW gestrickt, dass man sämtliche Figurenkonstellationen und Konflikte von der ersten Minute an voraussagen kann. Diese Mischung aus Krimi und Soap mit einem leichten Genreeinschlag kennen wir seit “Charmed” zur Genüge, mit “Smallville” wurde sie zum Rezept – seither kochen alle Köche diesen Brei. Es ist eine softe Seifenoper, in der eigentlich nur zufällig Superhelden auftauchen – es könnte genau so gut um Aliens oder Vampire gehen.

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Obwohl “The Flash” aufwändig produziert ist, gute Effekte mitbringt und seine Laufzeit auch vergleichsweise straff über die Runden bringt, fehlt einfach der starke zentrale Charakter – Barry ist ein Bubi, vergleichbar mit Andrew Garfield als Spider-Man. Dem mangelt (bis jetzt) die Gravitas, eine ganze Serie zu tragen. Und Gottchen, er ist in seine Jugendfreundin verknallt, die steht aber auf den coolen Bullen – geht’s noch platter?

Wie müde und tausendmal durchgekaut die Storyelemente sind, sieht man auch daran, dass “The Flash” sich massiv bei der “Flash”-Serie aus den 90ern bedient: Vom fast identisch inszenierten Blitzeinschlag über die Trainingssequenz bis zum Wirbelsturm im Finale – alles nur Update, und unnötig obendrein. Wenn schon dem Pilot nichts Neues einfällt, dürfte der Serie ziemlich schnell die Luft ausgehen.

Bonuspunkt aber für das Casting von Barry Allens Vater – mit John Wesley Shipp, dem “Flash” der 90er. Er sieht mittlerweile aus wie ein schlecht gealterter Jason Statham. Nerds approve.

Geht man davon aus, dass ich mir von “The Flash” gar nichts erwartet und mich um die Sichtung zwei Wochen gedrückt habe, ist der Pilot zumindest akzeptables Kaugmmi-Fernsehen. Da mich allerdings weder “Smallville” noch “Aquaman” noch “Arrow” begeistern konnten, wird dieser vierte Aufguss der immer gleichen Elemente es kaum in meine “must see TV”-Liste schaffen.

Erheblich mehr erwartet habe ich mir da schon von “Constantine”, dem Reboot der “Hellblazer”-Franchise, die von einem katastrophal fehlbesetzten Keanu Reeves seinerzeit im Kino an die Wand gefahren worden war.

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Und tatsächlich: “Constantine” macht erheblich mehr richtig als der Kinofilm oder der “Flash”-Pilot. Es geht angemessen düster zu, die Schocks testen durchaus an, was man sich im Network-Fernsehen aktuell erlauben darf – und vor allem: Mit Matt Ryan hat man den perfekten John Constantine gefunden. Ein hardboiled detective in einer von Dämonen verseuchten Welt, der immer versucht, die Apokalypse ein paar Minuten in der Zukunft zu halten und sich des verlorenen Postens, auf dem er kämpft, durchaus bewusst scheint.

“Constantine” arbeitet deutlich weniger nach Baukasten als “Flash”, wirkt frischer, gruseliger, angenehm pulpig. Erinnerungen werden wach an “Dresden Files” und “Supernatural”, den großartigen TV-Film “To cast a deadly spell”, an “Dylan Dog” und “John Sinclair”. Vor allem aber an die zu Unrecht fast vergessene Serie “Brimstone” von 1998, die wie ein nichtlizensierte Version von “Constantine” wirkt – und vor 15 Jahren vieles besser gemacht hat.

Denn auch wenn “Constantine” ein ungleich spannenderes Universum aufbaut als “The Flash” und deutlich mehr Spektakel mitbringt – die Pilotepisode hat mit eigenen massiven Problemen zu kämpfen. Es fehlt der zentrale Konflikt, der die 45 Minuten am Laufen halten sollte, das Geschehen wirkt seltsam fahrig und willkürlich. Nach diversen Suspense-Sequenzen scheinen die Charaktere stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass ihnen das Skript – wie ein Navi – Anweisungen gibt, wo sie nun hin müssen. A ergibt nicht B ergibt nicht C, wie das in einem guten Drehbuch der Fall sein sollte.

Es fehlt die eine fette Idee, der Motor, der Hook.

“Brimstone” war seinerzeit erheblich besser darin, den Grundkonflikt und den Antrieb des Helden zack zack zack zu definieren.

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Auch in den Details leistet sich “Constantine” ein paar unnötige Patzer.  So nimmt Lucy Griffiths as Liv Aberdine den Einbruch des Übernatürlichen in ihr Leben mit erstaunlicher Nonchalance hin, gerät bei Angriffen von Dämonen kaum außer Fassung und stellt auch nie ihren Verstand in Frage. Sie wirkt emotional an keiner Stelle involviert. Und Constantine selber hätte man durchaus eine stärkere Motivation verpassen können als ein kleines Mädchen, das er nicht retten konnte. Schließlich gehören Opfer zu seinem täglich Brot.

Das größte Lob, dass ich “Constantine” machen kann, ist dieses: Die Serie ist Gold im Vergleich zu “Dominion” (einer Serie, die auf dem Kinofilm “Legion” basiert), wo ähnliche Themen beackert werden – und ich erstmals seit langer Zeit nach der Hälfte der Laufzeit das Handtuch geschmissen habe. Das ist einfach zu wirr und spannungslos erzählt.

So sind “The Flash” und “Constantine” unfertige, in Ansätzen interessante Serien, die beide Potential haben, aber auch Fehler ausmerzen müssen. Sie gehen die Aufgabe, über Dutzende Folgen unterhalten zu müssen, sehr unterschiedlich an – “The Flash” versucht es mit einer extrem bekannten, aber bewährten Struktur, während “Constantine” eher was von einem Groschenroman hat, der bei einem Durchhänger einfach mal laut “BUH!” schreit. Wer damit durchkommt, wird man sehen. Es ist Luft nach oben.

Ich hätte diesen Doppelreview gerne als Triplereview mit “Gotham” abgeliefert, aber die spannendste der neuen DC-Serien liegt mir leider noch nicht vor:

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Völlig unerwartet lief mir dann noch “Stan Lee’s Mighty 7″ über den Weg, ein Zeichentrick-Superheldenfilm für den Kabelsender “The Hub”, Start einer Trilogie (und Adaption einer erfolglosen Heftchenreihe) . Weil das hier irgendwie ganz gut rein passt, habe ich mich kurzfristig entschlossen, damit auch noch abzurechnen.

Stan-Lees-Mighty-7-post

Mir tut Stan Lee leid. Der Mann hat mal die größten Superhelden aller Zeiten im Dutzend erfunden, ist absoluter Kult – und kann es einfach damit nicht gut sein lassen. Seit Jahren produziert er Reality TV-Shows, TV-Filme (“Lightspeed”) und drittklassige Trickfilme, die lediglich als Beweis dienen, dass man manche Leute um ihrer selbst willen in die Rente prügeln sollte.

Im Vergleich zu “The Condor” und “Mosaic” sind die “Mighty 7″ wenigstens technisch im neuen Jahrtausend angekommen. Mit viel Lensflare und Wischeffekten wird die solide 2D-Animation aufgepeppt, das Ergebnis ist eine knallbunte Poser-Welt, die an die Image-Comics der 90er erinnert und erfreulich unbeschwert Actionszene an Actionszene reiht, mit ein wenig Kitt in Form von lahmen Kalauern dazwischen. Das Voice Casting ist diesmal auch deutlich besser: An den Mikrofonen im Tonstudio tummelten sich Sean Astin, James Belushi, Mayim Bialik, Flea, Armie Hammer, Teri Hatcher, Michael Ironside, und Christian Slater.

Ach, wäre der Aufwand, wären die Stars nur nicht so verschwendet!

An dieser Stelle käme jetzt der Teil, wo ich mich maßlos über das einfallslose und strunzdumme Skript aufrege, über die grässlich banalen Dialoge, die völlig undefinierten Charaktere, die ungute Verquickung von Comicuniversum und Realuniversum (schließlich spielt Stan Lee hier – Stan Lee). Das ist wirklich Kindertheater.

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Aber nach 30 Minuten brodelndem Unmut vor dem Fernseher wurde mir klar: Das ist Kindertheater, weil es Kindertheater sein SOLL. “Mighty 7″ ist nicht für uns Nerds gemacht, sondern für den rotznasigen Nachwuchs, der die Coolness des Helden nach der Farbkombi des Kostüms beurteilt und dem es primär wichtig ist, dass voll klasse Energiestrahlen aus Fäusten geschossen werden. Pew pew pew!

Und auf diesem Level funktioniert “Mighty 7″ sogar. Es ist eine Hommage an die “Super Friends”, bedient ein Publikum, das von der Industrie in den letzten 30 Jahren zunehmend ignoriert wurde. Comics waren mal für Kids, nicht für Nerds. Bis in die 80er waren die Helden nicht gebrochen, sahen die Frauen nicht wie Masturbationsvorlagen aus, ging es nicht in jedem Heft gleich ums ganze Universum. Bösewichte mussten nur böse sein – eine komplizierte Backstory war schlicht unnötig. Es ist dieser Spirit, dem sich “Mighty 7″ verpflichtet fühlt. Er will keine Meta-Ebene haben, will weder Nostalgie noch Ironie bedienen. Das schränkt die Zielgruppe zwar im einstelligen Altersspektrum ein, aber das ist ja nichts schlechtes.

Für Erwachsene ist “Mighty 7” allerdings nur wieder eines der saft- und kraftlosen Trittbrettprodukte mit austauschbaren Kostümträgern und austauschbaren Superkräften.

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