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August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Happy Birthday

Happy Birthday

happy birthdy posterUSA 2016. Regie: Casey Tebo. Darsteller: Matt Bush, Matthew Willig, Steven Tyler, Riley Litman, Tristin Mays, Vanessa Lengies

Offizielle Synopsis: Feliz cumpleaños, Brady! Tommy entführt seinen besten Kumpel über die Grenze nach Mexiko. Schließlich muss ihr letzter Ausflug in den Sündenpfuhl Las Vegas ja irgendwie getoppt werden. Eine wilde Zeit mit Alkohol, Stoff und willigen Chicas hat das Geburtstagskind aktuell auch dringend nötig – gerade erst hat er seine Freundin beim Fremdgehen erwischt. Die Einheimischen Mexican Cowboy und El Caballo weisen den beiden für mucho dinero den Weg ins illegale Nachtleben. Hahnenkämpfe, ordentliche Prügeleien, nackte Frauenbrüste und ganz viel Tequila – das ist ein Geburtstag nach ihrem Geschmack. Doch Mexican Cowboy warnt: „Nehmt euch in Acht vor El Gato! Der Kartellboss verschleppt am liebsten reiche American Boys auf Partytour“…

Kritik: Mal angenommen, Film wäre so etwas wie eine Wundertüte. Man greift rein und bekommt viele interessante Sachen zu greifen. Was zum Spielen, was zum Lachen, was zum Basteln. Toll, oder? Was aber, wenn man zum Kaugummi eine suppige Gurke bekommt, wenn man neben der Indianerfigur in eine Rasierklinge greift? Nicht so toll, oder?

Das klingt alles sehr krumm und wirr, macht aber (zumindest in meinem Kopf) durchaus Sinn: „Happy Birthday“ ist eine Wundertüte, die sich nicht entscheiden kann, was sie anbieten möchte, die Elemente zusammenwirft, die nicht zusammengehören, die sich sogar gegenseitig neutralisieren. Es gibt einen Grund, warum es Genres gibt, warum man bestimmte erzählerische Elemente nicht willkürlich kombinieren sollte.

Regisseur und Autor des Films ist der langjährige Konzertfilmer von Aerosmith (daher auch die Beteiligung von Steven Tyler) – und der ist offensichtlich ein echtes Kind der LA / Hollywood-Szene, die nur sich selbst erlebt, die Welt außerhalb Kaliforniens nach Klischees definiert und ihre eigene Oberflächlichkeit mit Authentizität verwechselt. Hier reden Leute nicht wie im Film, weil sie sich in einem Film befinden – sondern weil man in Santa Monica tatsächlich so redet. Man hat keinen Freund, man hat einen „bro“, ein Tag ist verloren, wenn er nicht „epic“ ist. Drogen und Huren? Letztlich wie Popcorn und Micky Maus – nur für Erwachsene. Und über allem die Erkenntnis: USA! USA! USA!

happy birthdayNur aus so einer Sphäre kann ein Film wie „Happy Birthday“ geboren werden, in dem zwei ausnehmend unsympathische Mittzwanziger aus dem Showbusiness meinen, die verarmten, verdreckten und hoch gefährlichen Städte südlich der Grenze seien ihr persönlicher Spielplatz. Und nur ein Autor, der genau das auch glaubt, kann dieses Szenario letztlich als großen Witz inszenieren. Ist doch alles nur Spaß! Es würde doch niemals jemand den „all american boys“ wirklich etwas Böses wollen!

„Happy Birthday“ tut so, als kritisiere er die kulturelle und soziale Ignoranz seiner Protagonisten – dabei feiert er sie. In dem er Humor und nackte Gewalt vermischt und als folgenlos durchwinkt. In dem er sich den Blickwinkel der Figuren zu eigen macht, nachdem Mexiko sowieso ein heruntergekommenes Drecksloch ist, in dem man sich bestenfalls Durchfall, im schlechtesten Fall Syphilis holt.

Und wisst ihr was? All das würde ich klaglos hinnehmen, wenn „Happy Birthday“ spannend, witzig oder wenigstens temporeich wäre. Aber er hängt in der Mitte durch, kann sich nicht für eine Tonart entscheiden und wird mit zunehmender Laufzeit immer unglaubwürdiger. Er möchte ein Trip sein, parallel zum Trip seiner Hauptfiguren – aber die Pilze, die er uns anbietet, sind lediglich Stinkmorcheln.

rotFazit: Selbstreferenzieller Post-Tarantino-Pulptrash, der nie so komisch oder so schockierend ist, wie er sein möchte – und dessen „Pointe“ man hübsch finden kann, auch wenn sie nach 30 Sekunden Nachdenken zerbröselt wie ein zu trockener Keks.

Philipp meint: Langweiliger Klamauk, bei dem kein Gag sitzt. Einzig der - wenig überzeugende - Doppeltwist lässt mal die Braue hochzucken.

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August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Crew

The Crew

crew posterFrankreich 2015. Regie: Julien Leclercq. Darsteller: Sami Bouajila, Guillaume Gouix, Youssef Hajdi, Redouane Behache, Kahina Carina, David Saracino

Offizielle Synopsis: „Vergesst Kohle und Weiber! Bewaffnete Schwertransporter auszurauben, das macht mir einen Steifen“, tönt Gangleader Yanis, der sich im weiteren Verlauf als wesentlich smarter entpupt, als es die rotzige Bad-Ass-Attitüde vermuten ließe. Seine Crew besteht aus 100%igen Profis, richtig stabilen Jungs. Die Coups: perfekt geplant und sauber durchgeführt. Danach verschwindet jeder sang- und klanglos, bis zum Wiedersehen beim nächsten Deal. Der nun anstehende soll aber der Letzte sein, denn Sprengstoffexperte Eric erträgt es nicht länger, seine Familie der ständigen Gefahr auszusetzen. Und Yanis selbst hat zugunsten der Verbrecherkarriere bisher seiner einzigen Liebe entsagt. Dumm nur, dass sein kleiner Bruder ausgerechnet bei diesem Überfall seine Waffe nicht protokollgemäß entsorgt, sondern an eine rivalisierende Bande verhökert. Als die Stress kriegt, weil sich die Pistole mit dem Raub in Verbindung bringen lässt, erpressen sie Yanis’ Leute auf Wiedergutmachung. Doch die sind nicht gerade Typen, die kuschen. Bald beginnt ein Unterweltkrieg mit fatalen Fehlentscheidungen und herben Verlusten auf beiden Seiten.

Kritik:  Harte Kerle, große Autos, dicke Knarren – damit können die Franzosen umgehen. Humorlose, hochgestylte Action ist mittlerweile eine Expertise unserer Nachbarn, gerne besetzt mit kantigen Muskelmännern latent arabischer Abstammung. Am Ende sind dann immer viele Leute tot, viele Autos kaputt und viele Magazine leer.

The Crew ist die reine Lehre dieser Sorte Brachial-Actionfilm – und geht doch darüber hinaus. Es ist schon eine Leistung, die Geschichte eines zerfallenden Gangster-Clans derart fettfrei und fix zu erzählen. Der Überfall auf einen Transporter, der als Prolog dient, braucht nur einen minimalen Fehler, um die gesamte Existenz der Beteiligten wie einen gestrickten Pulli aufzuribbeln. Es kommt zu einem Domino-Effekt: Jeder Versuch, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen, führt zur nächsten Eskalation. Weil es kein perfektes Verbrechen geben kann, solange die Verbrecher nicht perfekt sind. Und wer ist schon perfekt?

crew

Über diese exzellent bedienten Mechanismen des Genrefilms hinaus hat „The Crew“ durchaus etwas zu sagen, bedient beinahe im Vorbeigehen durchaus gewichtige Themen. Die Welt der Gangster ist eine Männerwelt – sie glauben, durch ihre Verbrechen ihre Freunde und Familien zu schützen und zu fördern. Dafür müssen sie nicht nur die vielen Leben, die sie zerstören, komplett ausblenden – sie werden auch für genau dieses Missverständnis sterben müssen. Alle. Die Freunde. Die Familie. Die von den Alphamännchen proklamierte Ehre der „Crew“, der Respekt unter Gangstern – all das sind Märchen, inhaltsleere Phrasen und Mythen von Verbrechern, die sich für Krieger und Soldaten halten. Ihr Scheitern ist ein Scheitern ihres Konzepts von Männlichkeit.

Die Frauen sind dabei nicht besser, sind „enabler“, die zwar immer wieder verlangen, dass ihre Männer die Verbrecherkarrieren an den Nagel hängen sollen – aber genauso willig deren geraubtes Geld nehmen. Ihre Heuchelei macht sie mitschuldig und wird auch sie das Leben kosten.

gruenFazit: Knallharter französischer Gangsterthriller, folgerichtig konstruiert, mit vielen gut entwickelten Erkenntnissen zum Thema Alphamännchen-Kultur und die Fragilität der kriminellen Gegengesellschaft. Hat mehr Gewicht, als die dauernden Schießereien vermuten lassen.

Philipp meint: Typisch französischer harter Thriller, der eine schonungslose Innenansicht der Verbrecherwelt bietet.

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21
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Eyes of my Mother

The Eyes of my Mother

eyes of my mother posterUSA 2016. Regie: Nicolas Pesce. Darsteller: Kika Magalhaes, Will Brill, Olivia Bond, Paul Nazak, Clara Wong, Flora Diaz, Diana Agostini

Story: Francesca lebt abgelegen mit ihren Eltern im amerikanischen Hinterland. Als ein Psychopath ins Haus eindringt und die Mutter ermordet, kettet der Vater ihn in der Scheune an. Über die Jahre nutzt Francesca den erblindeten Gewalttäter als sozialen Katalysator, nach dem Tod ihres Vaters versucht sie sogar, ihn ins Haus zu holen. Als das scheitert, greift Francesca zu zunehmend radikalen Mitteln, ihre Einsamkeit durch eine "geborgte Familie" zu ersetzen...

Kritik:  Was wurde hierfür im Vorfeld nicht alles getrommelt – SPIEGEL online verstieg sich in ein fehlgeleitetes Lob, die Veranstalter versprachen Kunst, der Regisseur trug zum eigenen Mythos bei, indem er Pressebilder oder Trailer konsequent verweigerte, um das Publikum mit seinem Film so kalt wie möglich zu erwischen. Ein schwarzweißes, existenzialistisches Familiendrama? Ein neuer „Eraserhead“ vielleicht?

Nein. Viel Lärm um nichts. „The Eyes of my Mother“ erzählt eine erschreckend banale Geschichte – und er tut es so gerade heraus, dass das Ergebnis keinen Raum für Interpretationen lässt, keine kunstvollen Leerstellen. Die kleine Francesca braucht Liebe, versucht sie zu erzwingen, mordet und foltert sich eine Familie zusammen. Die Reste ihrer immer wieder scheiternden Bemühungen werden zerlegt und ihm Kühlschrank gelagert, manchmal auch verbrannt oder verscharrt.

Das alles sind Erzählklischees des „backwood slashers“, die zurückgehen bis „Psycho“ und „Texas Chainsaw Massacre“, in dem provinzhausende, wahnsinnige Einsiedler glauben, Fremde in die eigene soziale Sphäre zwingen zu können. Und außer der Entscheidung, diese Gruselmär extrem gemächlich und in kontrastreichem Schwarzweiß zu drehen, hat Regisseur Pesce den Konventionen nicht hinzu zu fügen. Alles, was an „The Eyes of my Mother“ anspruchsvoll sein möchte, ist Oberfläche. Und selbst die ist nur hausbacken und an keiner Stelle innovativ.

eyes of my mother

Kann man so einem steifen und vom Glauben an die eigene Relevanz strangulierten Schauermärchen etwas abgewinnen? Och jo. Können kann man viel. Die 77 Minuten gehen rum, die Hauptdarstellerin macht sich mal nackig, es werde Glasscherben aus Wunden gepult. Aber das kann man auch über jeden Torture Porn-Streifen sagen.

Ich hab nix gegen Kunst – aber dann möchte ich sie bitteschön auch nicht verstehen und aus ganzem Herzen verachten können.

rotFazit: Keine Kunst – eher ein sich selbst maßlos überschätzender Filmhochschul-Abschlussfilm, der glaubt, sattsam bekannte „backwood slasher“-Motive würden durch Schwarzweißaufnahmen und eine extrem langsame Erzählweise irgendwie gewichtiger. Durchschaubar und selbst mit 77 Minuten sehr zäh.

Philipp meint: Will Kunst sein, ist aber Wunst und bleibt völlig farblos (sorry, aber an dem Wortspiel konnte ich nicht vorbei gehen).

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21
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Girl with all the Gifts

The Girl with all the Gifts

girl with gifts posterEngland/USA 2016. Regie: Colm McCarthy. Darsteller: Paddy Considine, Glenn Close, Gemma Arterton, Sennia Nanua

Offizielle Synopsis: Nach dem Ausbruch einer tödlichen Spore, die aus den Befallenen willenlose „Hungries“ mit akuter Gier auf Menschenfleisch macht, haben sich die Überlebenden in Militärbasen organisiert, wo Wissenschaftler an unfreiwilligen Testobjekten forschen. Besonders eine Gruppe von infizierten Kindern verspricht Hoffnung auf ein Heilmittel: Die können ihren Fressimpuls noch kontrollieren, weil ihr Verstand noch nicht dem Wahnsinn anheim gefallen ist. Unter ihnen ist die kleine Melanie, ein hochintelligentes und dennoch brandgefährliches Wunderkind. Gerade als sie im Namen der Forschung seziert werden soll, wird die Basis überfallen und die schon Todgeweihte befindet sich plötzlich mit ihren Peinigern und einer Lehrerin auf der Flucht. In ständiger Gefahr, bedroht von Infizierten und Marodeuren, ist Melanie nun die letzte Chance auf die Rettung der Menschheit. Aber ob sie dies aber überhaupt sein will, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Kritik: Schaut man sich die Themen und die erzählerischen Strukturen von „Cell“ und „The Girl with all the Gifts“ an, sind die beiden Filme fast Zwillinge. Beides sind Roman-Adaptionen, beide erzählen von einer Viruszombie-Epidemie ungewöhnlichen Ursprungs (Handysignal hier, Pilzsporen dort). Jeder Film müht sich, den „Zombies“ eine Backstory und eine Mythologie zu geben, die über die Menschenfresserei hinausgeht. Die Infizierten sind in beiden Filmen Herdentiere, die sich sammeln, auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Unsere kleine Gruppe muss sich mühen, dieses Ziel zu verstehen – und gegebenenfalls gewaltsam zu verhindern. Denn es droht das Ende der Menschheit.

Der primäre Unterschied: „The Girl with all the Gifts“ taugt was. Er ist nicht der Ausstoß irgendeiner Koproduktionsmaschine ohne Seele, sondern ein Qualitätsprodukt auf allen Ebenen. Die Mythologie der Zombies ist sehr spannend, die Bedeutung der Kinder lange genug ein Geheimnis, die Figur der kleinen Melanie faszinierend ambivalent. Starpower ist hier nicht bloß eingekauft – besonders Glenn Close hängt sich richtig rein, gibt Doctor Calloway eine gnadenlose und doch immer verständliche Bärbeißigkeit.

girl with gifts

Hinzu kommt, dass „The Girl“ seine Welt deutlich kompetenter visualisiert. Das entvölkerte und von der Natur langsam zurückeroberte London, der überwuchte British Telecom-Tower, die Heerschaaren vor sich hin schimmelnder Zombies – das sitzt.

Und am Ende wird auch nicht gekniffen: Wie „I am legend“ hat „The Girl“ tatsächlich etwas über das Lebensrecht der neuen Spezies zu sagen, sucht sein befriedigendes Finale nicht in einer actionreichen Vernichtung von Zombiehorden. Denn letztlich geht es nicht um die Frage, ob die „Hungrys“ zu besiegen sind, wie der Satz von Melanie perfekt illustriert: „If we are alive – why do WE have to die for YOU?“. Mit diesem philosophischen Unterbau ist „The Girl“ eher „I am legend“ seelenverwandt als z.B. den Romero-Filmen oder „World War Z“.

gruenFazit: Eine clevere Variation des Zombie/Outbreak-Dramas, getragen von sorgsam gebauten Figuren und Beziehungen sowie ein paar außerordentlich guten Performances. Macht alles richtg, was „Cell“ falsch macht. Mainstream-Empfehlung.

Philipp meint: Einerseits zwar ein ganz normaler Zombiefilm. Andererseits aber passt hier einfach alles. Und andere Filme zeigen sehr deutlich, was man alles falsch machen kann, und was hier eben perfekt passt.

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August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Psycho Raman

Psycho Raman

psycho raman posterIndien 2016. Regie: Anurag Kashyap. Darsteller: Nawazuddin Siddiqui, Vicky Kaushal, Sobhita Dhulipala, Anuschka Sawhney, Mukesh Chhabra

Offizielle Synopsis: Von 1965 bis zu seiner Ergreifung im Jahr 1969 tötete der Killer Raman auf den Straßen von Bombay nach eigenen Aussagen 41 Menschen. Vermutlich waren es aber mehr, denn „Psycho Raman“, wie er von der Presse getauft wurde, empfand das Töten als so selbstverständlich, mordete so beiläufig, dass er irgendwann das Zählen aufgegeben hatte. Sein Kontrahent ist der Polizist „Raghav“, der sich dem Gesetz gegenüber erhaben fühlt und sich sein Koks selbst an den Tatorten abscheulicher Verbrechen in die Nase zieht. Zusammen ergeben sie „Raman Raghav“.

Kritik: Ich bin durchaus gewohnt, dass sich die Inder immer wieder mal in Genres versuchen, die über Sing & Tanz-Romanzen hinausgehen. Der indische Superheldenfilm ist ebenso keine Seltenheit mehr wie der indische Gruselfilm. Allerdings versuchen sich diese Streifen meistens an einer Hybridisierung, vermischen konventionelle Stilmittel mit geliehenen und noch zu erprobenden Plots.

Das ist bei „Psycho Raman“ anders. Dieser Film ist nicht bunt, nicht launig, nicht auf Tempo und maximales Entertainment ausgelegt. Er ist „Sieben“ und „Bad Lieutenant“, bringt den Nihilismus des amerikanischen Crime-Kinos in die Ghettos von Bombay. Hier gibt es keine Gerechtigkeit, keinen Schutz durch die Autoritäten. Ein Menschenleben ist nicht billig – es ist wertlos. Darum ist es auch kein Wunder, dass unsere beiden Protagonisten zwar auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen, aber letztlich kaum Unterschiede aufweisen. Sie sind empathielose Monster, nur von der paranoiden Gier nach Selbsterhalt und Bestätigung getrieben.

psycho raman

Dieser Bruch mit den indischen Erzählkonventionen ist ambitioniert, aber nicht immer erfolgreich. Es dauert zu lange, bis die Parallelen zwischen dem Killer und dem Cop klarwerden. Ihr Schicksal wird nicht konsequent und nicht früh genug verzahnt, um die böse Pointe am Schluss zu rechtfertigen. Über weite Strecken laufen die beiden Plots nebeneinander her, ohne sich nennenswert zu befruchten.

Das ändert allerdings nichts daran, dass „Psycho Raman“ mit sicherer Hand und ohne überflüssige Umwege über Humor oder Romantik inszeniert ist, dynamisch, zynisch, uneitel. In einer Filmindustrie, für die Glamour und Schauwerte existentiell sind, ist so ein Ansatz ebenso beeindruckend wie die authentischen Leistungen der Hauptdarsteller.

gruenFazit: Ein für indische Verhältnisse ungewöhnlich nihilistischer und brutaler Serienkiller-Film, der sich etwas schwertut, die beabsichtigte „Bad Lieutenant“-Variante in den Hauptplot zu integrieren. Bemerkenswert, wenn auch nicht vollends gelungen – wer allerdings gerne fröhlich aus dem Kino kommt, dem wird abgeraten.

Philipp meint: Hat ein paar Längen, aber dafür auch einige großartige Szenen. Vor allem aber plausible Charaktere, was bei einem Serienmörder nicht leicht ist.

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21
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Neighbor

The Neighbor

neighbor posterUSA 2016. Regie: Marcus Dunstan. Darsteller: Josh Stewart, Alex Essoe, Luke Edwards, Bill Engvall, Jaqueline Fleming, Ronnie Gene Blevins

Offizielle Synopsis: Seine Nachbarn kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Wäre es nämlich so, dann würden Kleinganove Johnny und seine Freundin Rosie ganz bestimmt nicht neben dem Schlapphutträger Troy wohnen. Dass der Bierfreund gerne auf dem eigenen Grundstück rumballert, ist jetzt nichts Außergewöhnliches im US-Südstaat Mississippi. Die Grube mit verrottentenden Tierkadavern im Vorgarten kommt aber vielleicht doch ein wenig extrem daher. Das findet zumindest Rosie, die den Creeper in nostalgischer DAS FENSTER ZUM HOF-Manier observiert. Wie krass Troy und seine intellektuell tiefergelegten Söhne tatsächlich drauf sind, sollen Johnny und Rosie schon bald am eigenen Leib erfahren.

Kritik: Gerade nach einem Mega-Spektakel wie „Mojin“ freut man sich über einen kleineren Film – und „The Neighbor“ liefert. Gerade mal eine Handvoll Personen in zwei Häusern irgendwo in der Pampa geraten sich in die Haare. Unschuldig ist niemand, aber was sind ein paar Drogen- und Geldwäschereien gegen professionelle Entführer und Vergewaltiger? Beide Seiten sind bis an die Zähne bewaffnet, kampferfahren – und in diesen Kreisen ist „reden wir drüber“ keine Option.

Erfreulich ist dabei, dass „The Neighbor“ sein hohes Tempo über die gesamte Laufzeit halten kann. Mit dem Ende des ersten Akts geht er quasi in Echtzeit über und dreht ohne Unterlass an der Spannungsschraube. Dabei helfen ein paar hässliche Wendungen und Überraschungen, die man auch als crime-gestählter Besucher nicht notwendigerweise kommen sieht, die aber durchaus glaubwürdig sind. Die Machtverhältnisse verschieben sich permanent, das Ende dieses Hahnenkampfes ist blutig, aber nie absehbar.

Neighbor

Erfreulich und erwähnenswert: Die relativ starken Frauenrollen. Zwar werden zwei der drei Darstellerinnen von Männern gefangen, gefoltert und am Schluss befreit, aber sie sind deutlich aktiver uns selbstbestimmter, als es dieses Genre üblicherweise zulässt.

Technisch muss man ein paar kleinere Abstriche machen. „The Neighbor“ ist mit erkennbar geringem Budget gedreht worden, was man gerade bei den Nachtaufnahmen sehen kann, deren wackeliger Videolook mitunter die Ambitionen der Macher unterläuft.

gruenFazit: Kleiner, straff konstruierter Brutalo-Thriller mit vielen überraschenden, aber plausiblem Wendungen, der den Hunger nach „southern crime“ befriedigt.

Philipp meint: Auf den Punkt gebrachter Thriller mit plausiblen Wendungen in den Machtverhältnissen.

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21
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Mojin - The Lost Legend

Mojin – The Lost Legend

mujin posterChina 2015. Regie: Wuershan. Darsteller: Chen Kun, Huang Bo, Shu Qi, Angelababy, Xia Yu, Liu Xiaoqing

Offizielle Synopsis: Hu, Wang und Shirley waren einst berühmte Grabforscher – die sogenannten Mojin. Nun hat sich das Trio in New York zur Ruhe gesetzt und hegt eigentlich keinerlei weitergehende Ambitionen. Bis ein mysteriöser Auftrag sie doch noch einmal an den Ort ihres früheren Wirkens lockt. Irgendwo in der Inneren Mongolei, versteckt im antiken Grab einer khitanischen Prinzessin, soll die Equinox Flower liegen – ein Stein, dessen magische Kraft angeblich die Toten zum Leben erweckt. Dass ein derartiges Artefakt natürlich nicht ungesichert hinterlassen wird, dürfte nachvollziehbar sein. Und so bekommen es unsere Helden bald mit Dämonen, Ghulen, Mumien und anderen Scheußlichkeiten zu tun, die sich den Forschern rachsüchtig in den Weg werfen. Wenn die Mojin dies hier überleben wollen, müssen sie kämpfen wie nie zuvor.

Kritik: Ich habe mir den chinesischen Film über die Jahre abgewöhnt – zu lautes Schwertgeklapper, zu viele schwer durchschaubare Konflikte kaum unterscheidbarer Armeen in vage definierten Dynastien. Da fehlt mir der Zugang, da scheinen die Chinesen auch erstmal dringend ein paar Sachen aus ihrem System spülen zu müssen.

Allerdings habe ich mir ja vorgenommen, diesmal wirklich alle Filme zu sehen, also durften auch Vorspänne voller Wangs, Chens und Lings mich nicht schrecken. Erfreulicherweise verrieten schon Cover und Besetzung, dass „Mojin – The Lost Legend“ eher in den Bereich Fantasy als in den Bereich Historiendrama fällt.

Und tatsächlich: „Mojin“ ist eine ganz große Packung Entertainment, allemal Langnasen-tauglich und mit beeindruckenden Schauwerten aufgeladen. Das „tomb raiding“ ist hier Programm – 80 Prozent der Laufzeit bestehen aus actionreichen Höhlenabenteuern, bei denen eigentlich dauernd was explodiert, zusammenstürzt oder sonst wie das Leben unserer Protagonisten in Gefahr bringt. Der kulturelle Einschlag erinnert auch ein wenig an den verunglückten dritten „The Mummy“-Film.

Dass die Effekte bombastisch und in leinwandsprengendem 3D inszeniert sind, wundert nicht. Es erstaunt aber die Lernkurve der chinesischen Filmemacher – über weite Strecken ist nicht zu erkennen, was physisches Set und was CGI ist. Die Tricks sind hier wirklich allererste Güte, eine gewisse artifizielle Atmosphäre ist nicht der mangelnden Expertise geschuldet, sondern stilistisch gewünscht. Als Fantasy-Action-Achterbahn ist „Mojin“ damit schon mal auf der sicheren Seite und verdammt nah an Hollywood dran.

Mujin

Nun ist asiatische Fantasy Geschmackssache. Die Macher von „Mojin“ haben aber augenscheinlich auch beim Skript und den Protagonisten auf den internationalen Markt geschielt und ihren ganzen Plot nach westlichen Mustern gebaut. So wird das Grabräuber-Trio ordentlich eingeführt, wir bekommen Backstorys zu sehen, es gibt Liebeleien und Freundschaften – so dass uns die Figuren wirklich ans Herz gewachsen sind, wenn es ihnen ans Leder geht. Der Mythos um die Equinox-Blüte ist ebenso nachvollziehbar wie die Motivation der Schurken.

Besonderer Bonus sind Rückblicke in die Zeit der Kulturrevolution, als alle Chinesen begeistert dem großen Mao Heldenlieder sangen und Kultstätten mit proletarischem Eifer vernichteten. Das wird so hinreißend propagandös dargestellt, dass man aus dem Grinsen kaum noch herauskommt.

Auch die Darsteller sind nicht so austauschbar, wie man das manchmal bei Asia-Produktionen reklamiert – ganz besonders Shu Qui hat hier einen „star turn“, begeistert als chinesische Lara Croft im Format von Kylie Minogue. Das Ex-Nackmodell und Eye Candy aus Filmen wie Jackie Chans „Gorgeous“ ist zu einer überzeugenden Darstellerin gereift. Sie gibt dem Film Herz und Humor.

gruenFazit: Effektgeladenes, aber nicht überladenes Fantasy-Spektakel in bester „Tomb Raider“-Manier, das in seiner Figurenkonstellation erfreulich westlich orientiert und damit auch für ein non-asiatisches Publikum über die reinen Schauwerte hinaus funktioniert. Der Wortvogel würde sich über weitere Abenteuer des sympathischen Trios freuen.

Philipp meint: Spannend, mit guten Effekten, plausiblen Charakteren und wunderbarer Einbindung der Mao-Zeit und kultureller Besonderheiten in den Rätseln. Ok, der nerv-Sidekick nervt. Aber das gehört halt so.

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21
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Five after Midnight (3)

Heute war ein guter Tag - nicht zum Sterben, aber immerhin. Filme aus Indien, China, Amerika und England, ein Wiedersehen mit Schnuckelchen Shu Qi und Splattergewalt gegen Kinder. Viel mehr kann man nicht wollen:

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Cell

Cell

cell posterUSA 2016. Regie: Tod Williams. Darsteller: John Cusack, Samuel L. Jackson, Isabelle Fuhrman, Clark Sarullo, Ethan Andrew Casto

Offizielle Synopsis: Comiczeichner Clay ist gerade am Boston Airport gelandet, um Ex-Frau und Sohn zu besuchen. Da kippen plötzlich alle am Flughafen um, die gerade ihr Handy am Ohr haben. Tja, und dann stehen sie wieder auf und laufen Amok. Die Smartphone-Zombies auf Speed attackieren und massakrieren jeden, der bisher unversehrt geblieben ist. Als ein Jet in die Gateway kracht, kann Clay sich in eine U-Bahn retten. Von dort sucht er gemeinsam mit Schaffner Tom einen Fluchtweg. Auf den Straßen herrscht Chaos. Und all das scheint von einem mysteriösen Funksignal auszugehen. Wie Freiwild gejagt, schlagen sich Tom, Clay und Nachbarin durch die winterkalten Wälder Neuenglands.

Kritik: In den 80ern war Stephen King mal eine relativ sichere Bank. Auch wenn einige der Filme billig produziert waren, versprachen sie doch immer relativ anspruchsvolles Horror-Entertainment in relativ anspruchsloser Zeit. In den 90ern machte sich der Meister den Namen mit unzähligen Sequels und TV-Produktionen weitgehend kaputt. So langsam scheint sich die "Marke King" wieder etwas zu fangen, denn nun wird ja endlich die "Dark Tower"-Saga verfilmt. Und "Cell" landete auch in den Kinos der Welt, mit Samuel L. Jackson und John Cusack gar nicht schlecht besetzt. Beide waren ja schon in der King-Adaption "1408" zu sehen gewesen.

Doch leider, leider: "Cell" ist ein erbärmlicher Totalausfall, gerade angesichts des involvierten Talents eine Frechheit und gehört selbst in King-DVD-Box-Sets bestenfalls auf die Bonus-Disk mit den Resten. Was hier als Kinofilm angepriesen wird, ist drittklassiger Zombieschrott, der nicht mal mit der Asylum-Serie "Z Nation" mithalten kann.

Die Tatsache, dass es statt eines Virus ein Handy-Signal ist, das die Menschen zu Zombies macht, ist letztlich irrelevant. Es sind Zombies. Und eine größere Mythologie im Hintergrund wird zwar angedeutet, aber nie ausgespielt. Es sind Zombies. Der gesamte Vorwärtsdrang der Geschichte beruht auf der ausgelutschten Idee, dass Clay wissen will, ob sein Sohn noch lebt - die anderen Charaktere laufen nebenher. Das muss für 98 Minuten reichen. Es sind Zombies.

Cell

Nun sollte man meinen, dass für so ein Projekt ein bisschen Geld in die Hand genommen wird. Falsch gedacht. Die CGI von "Cell" ist teilweise lachhaft schlecht, viel Action passiert off-screen, größere Mengen an Statisten müssen digital simuliert werden und Nachtaufnahmen sind erschütternd offensichtlich "day for night" gedreht worden. Als Auftraggeber hätte ich den Endschnitt wegen formaler Mängel abgelehnt.

Es ist sehr offensichtlich, dass die Hauptdarsteller wissen, in was für einem Stinker sie gelandet sind. Samuel L. Jackson ist nicht mehr als anwesend - und John Cusack spielt Nicolas Cage mit miesem Kajal und wirrer Frisur. Das fällt fast schon unter Arbeitsverweigerung und ist nicht mal als "train wreck" lustig.

Gut, der Film hatte eine sehr problematische Produktionsgeschichte, die man bei Mark Tinta nachlesen kann. Aber das entschuldigt nicht die völlige Lahmarschigkeit der Regie, das Desinteresse der Darsteller und die allumfassende visuelle Wurstigkeit des Films.

Man möchte den Eingang zum Kino versperren und interessierte Besucher anbellen: "Gehen Sie weiter - hier gibt es nichts zu sehen!"

rotFazit: Eine mit mäßigem Aufwand auf mäßigem Niveau erzählte mäßige Zombie-Mär, die mehr Gelächter als Gänsehaut verursacht und bei der die Beteiligung von Samuel L. Jackson und Stephen King wie Legendenschändung wirkt. Von den bekannten Namen nicht täuschen lassen - das hier ist strikte C-Ware.

Philipp meint: Macht aus einer netten Idee rein garnichts. Wirkt wie lieblos runtergeschrieben und nie korrekturgelesen und dann ebenso verfilmt. Und wahrscheinlich ist genau das passiert.

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Yoga Hosers

Yoga Hosers

yoga hosers posterUSA 2016. Regie: Kevin Smith. Darsteller: 
Lily-Rose Depp, Harley Quinn Smith, Johnny Depp, Vanessa Paradis, Haley Joel Osment, Genesis Rodriguez, Austin Buttler, Justin Long

Offizielle Synopsis: Die beiden Colleens haben nicht nur den gleichen Vornamen, sondern sind auch seit frühester Kindheit unzertrennliche Freundinnen. Inzwischen arbeiten Colleen C. und Colleen M. nach der Schule im Laden von Colleen C.‘s Vater – wenn sie den Shop nicht gerade zusperren, um im Hinterzimmer mit ihrer Band zu proben oder ihre Smartphones zu malträtieren. Ansonsten ist das Leben in der kanadischen Kleinstadt aber alles andere als aufregend für die Mädchen. Bis direkt unter ihren Füßen das pure Böse erwacht: Übellaunige, kniehohe Nazi-Bratwürste wollen ihnen und der ganzen Stadt an den Kragen (und ans Rektum). Mit Hilfe der vielfältigen Tricks ihres hoch verehrten Yoga-Gurus schlagen die Colleens zurück. Doch erst als der frankokanadische Kopfgeldjäger Guy Lapointe erscheint, wird die Provinz endgültig zum Schauplatz einer epischen Schlacht.

Kritik: Kevin Smiths Filme waren mal so richtig witzig - mittlerweile sind sie ein Witz. Das einstige Wunderkind der Independent-Comedy hat den Traum aufgegeben, große Hollywoodfilme zu drehen und produziert nun bierselige Klamotten für sein Stammpublikum. "Yoga Hosers" geht, genau wie "Tusk", auf einen beiläufig gemachten Witz in einem Podcast zurück. Mehr Substanz braucht es nicht - oder doch?

Das Setting ist "vintage Smith" - ein kleiner Supermarkt, in dem diverse schräge Figuren auftauchen, um sich vom Personal abschätzig begutachten zu lassen. Diesmal nicht zynisch-amerikanisch wie in "Clerks", sondern pubertär-neugierig, weil "Yoga Hosers" als Bestandteil der geplanten Kanada-Trilogie in einer bizarren Comic-Version des nordischen Nachbarn der USA spielt. Jedes Klischee wird auf 11 gedreht, alles ist Hockey und Ahornsirup und als Akzent geht durch, wenn die Darsteller "aboot" statt "about" sagen.

Handlung hat's auch nicht viel: Die beiden Colleens möchten auf eine Party, müssen aber arbeiten, die angehimmelten Jungs entpuppen sich als Satanisten, der Supermarkt ist auf dem Labor eines Nazi-Wissenschaftlers gebaut und am Ende wuseln überall Nazi-Bratwürste mit Sauerkraut-Füllung umher. Just a regular Friday night up north...

yoga hosers

Machen wir uns nichts vor: Die Idee zu "Yoga Hosers" und die Rückkehr ins "Clerks"-Territorium sind lame, Kevin Smith nicht würdig - und die Kanada-Trilogie sowie ein totaler Schwachsinn. Alle Elternteile helfen mit, um die Töchter der befreundeten Paare Smith und Depp ins Rampenlicht zu schieben. Was an Story fehlt, wird mit Cameos und Running Gags aufgefüllt. Der Rest ist Fananbiederung.

Aber was soll ich sagen? Es funktioniert. Die niedrig gesetzte Messlatte wird nicht gerissen, die Laufzeit wird sehr flott rumgebracht und es gibt launige Gags am laufenden Band, die auch über die unsägliche Erneut-Präsenz von Johnny Depps schlechtem Witz "Guy Lapointe" hinweg sehen lassen. Da macht es auch nichts, dass die digitalen "Bratzis"-Effekte bestenfalls C-Niveau haben und diverse Anspielungen auf "Clerks" ("I wasn't even supposed to be here today!") eher bemüht wirken.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist dabei Lily-Rose Depp, die in einer wenig herausfordernden Roller erstaunliche Starpower zeigt und mit ziemlicher Sicherheit ihren Weg machen wird - sei es als Model, Schauspielerin oder whatever. Das kommt davon, wenn man die Gene von Johnny Depp und Vanessa Paradis in die Wiege gelegt bekommt. Von Kevin Smiths Tochter kann man Vergleichbares nicht sagen.

Ist "Yoga Hosers" ein toller Film? Nein. Er ist Smith lite, mehr Sitcom als Spielfilm, pubertär und dem eigenen Kult verpflichtet. Aber nach Eimern von Wandfarbe wie "Shelley" und "Under the Shadow" ist man verdammt froh, einfach mal launiges Entertainment ohne Durchhänger zu sehen. Und das kann Smith auch auf Autopilot.

gruenFazit: Eine Teengirl-Variante von "Clerks" mit ausreichend debil-drolligen Ideen, um darüber hinweg zu täuschen, dass Kevin Smith Filme mittlerweile nur noch für (und mit) "friends & family" dreht. Nach dem entsetzlichen "Tusk" ist man für so eine Fingerübung dankbar - und wenn auch nichts sonst, schenkt uns "Yoga Hosers" zumindest die Entdeckung von Lily-Rose Depp als nächste Keira Knightley. Mark my words.

Philipp meint: Unterhaltsam, ohne irgendwelchen Anspruch zu erheben. Kann man sich ohne Schmerzen ansehen. Das ist nicht toll, aber bei der Konkurrenz an diesem Tag tatsächlich schonmal etwas.

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Under the Shadow

Under the Shadow

under-the-shadow posterIran/Jordanien/Katar 2016. Regie: Babak Anvari. Darsteller: Narges Rashidi, Avin Manshadi, Bobby Naderi, Arash Marandi, Ray Haratian, Hamidreza Djavdan, Soussan Farrokhnia

Offizielle Synopsis: Shideh ist eine Mutter in Teheran Mitte der 80er Jahre. Ihre Zukunft als Medizinstudentin wurde vom System verbaut und allabendlich muss sie mit ihrer Tochter in einen Bunker fliehen. Es herrscht Krieg zwischen Irak und Iran. Eines Nachts durchschlägt sogar eine Rakete Shidehs Hausdach. In diese widrigen Umstände kracht nun auch noch ein Dämon. Und als Shideh und ihre Tochter von ihm heimgesucht werden, ist die Bedrohung auch deshalb so greifbar, weil der Dämon Ausdruck ihrer Lebenssituation ist.

Kritik: Filme aus Ländern, die zum Genre bisher praktisch nichts beigetragen haben, sind immer schwierig zu bewerten. Gilt Welpenschutz? Muss man jede Kritik im Kopf mit einem wohlwollenden "immerhin..." beginnen oder darf man ganz objektiv konstatieren, dass sich auch das iranisch-jordanische Kino an den Maßstäben Hollywoods oder der Hammer-Studios messen lassen muss?

Gerade im Kontext des Festivals neige ich zur Milde, freue mich über Abwechslung, nicht über Perfektion. Da müssen die "klassischen" Horrorelemente nicht perfekt sitzen, wenn andere, bisher unbekannte Schauwerte geboten werden. "Under the Shadow" ist ein gutes, wenn auch letztlich gescheitertes Beispiel dafür.

Ähnlich wie "Shelley" traut sich Anvaris Film eine ganze Stunde lang nicht, überhaupt das Genre zu bedienen. Schämt man sich, einen Gruselfilm drehen zu wollen? Stattdessen: Spannungen und Familiendrama in einem Wohnhaus der gebildeten Mittelklasse Teherans in den 80er Jahren. Shideh muss seit der Kulturrevolution den Traum begraben, Ärztin zu werden. Der Mann wird zum Frontdienst abkommandiert. Die Tochter lässt sich von einem traumatisierten Nachbarskind Schauergeschichten erzählen. Dazwischen: Heimliche Aerobic vor dem verbotenen Videorekorder mit dem verbotenen Jane Fonda-Tape.

Das alles wäre wieder völlig uninteressant, gäbe nicht das Setting Auge und Hirn neues Futter. Einen Film, der die iranische Mittelschicht im Krieg gegen den Irak erzählt, der Luftangriffe in der (fast) Gegenwart zeigt? Den erzwungenen, nur halb gelungenen Schwenk von der inszenierten säkularen Schah-Gesellschaft zum menschenfeindlichen Ayatollah-Regime? Das ist in der Tat bisher ungesehen und hilft auch über die Längen beim Aufbau hinweg.

under the shadow

Erst im letzten Drittel konkretisiert "Under the Shadow" die Gefahr endlich, etabliert den Djinn als tatsächliche übernatürliche Existenz. Das erhöht zwar das Tempo, bietet aber keine neuen Aspekte mehr - was nun kommt, haben wir schon in Dutzenden billiger US-Streifen gesehen, da kann man bis in die Stummfilmzeit zurück greifen. Das Setting ist zwar frisch, die Mechanismen des Spukfilms sind es allerdings nicht.

Und na ja, der Djinn... ich denke nicht, dass die Genremagazine und Webseiten mit Schlagzeilen aufmachen werden wie: "Erst die Cenobiten! Dann die Zombies! Jetzt kommt - das verfluchte TISCHTUCH!!!"

Neue Verpackung - alter, fader Inhalt.

Hinzu kommt, dass Protagonistin Shideh EXTREM unsympathisch gezeichnet wird. In ihrem Wunsch, Ärztin zu werden, ist sie empathielos, sie zeigt wenig Verständnis für ihren Mann, ist herrisch zum Kind, herablassend zu den Nachbarn. Das scheint mir dem kulturellen Background der Macher geschuldet zu sein - die weltlich/westlich geprägte Frau ist egoistisch und für Tradition und persische Werte blind.

Leider ist sie damit auch als Sympathieträgerin nur bedingt geeignet.

rotFazit: Ein schwach konstruierter, sehr banaler "Haunted House"-Streifen, der sich über viele Längen mit einem bisher unbekannten Setting und interessantem Zeitkolorit hinweg schummelt, letztlich aber keine tragende Substanz besitzt. Als Kuriosität gäbe das noch die gelbe Ampel, objektiv betrachtet reicht es dafür (knapp) nicht.

Philipp meint: Die Thematisierung der Bombardierungssituation in Teheran im ersten Golfkrieg ist sehr gelungen. Die Genreelemente wirken hingegen eher aufgesetzt.

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Shelley

Shelley

Shelley-posterDänemark/Schweden 2016. Regie: Ali Abbasi. Darsteller: Ellen Dorrit Petersen, Cosmina Stratan, Peter Christoffersen, Björn Andrésen

Offizielle Synopsis: Um endlich eine Wohnung für sich und ihren Sohn kaufen zu können, nimmt die Rumänin Elena eine Stelle als Haushaltshilfe bei einem Ehepaar in Dänemark an. Kasper und Louise haben sich an einem See im Wald in den reduziertesten Verhältnissen eingerichtet, pflanzen ihr eigenes Gemüse an und verzichten auf Strom und fließend Wasser. Louise leidet stark darunter, dass sie nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen kann. Weil sie so schneller an das benötigte Geld kommt, willigt die mitfühlende Elena ein, das lang ersehnte Kind des Paares als Leihmutter auszutragen. Keine gute Idee, wie sie schnell am eigenen Leib erfahren muss. Ihre Schwangerschaft wird zum Horrortrip aus verstörenden Visionen und Albträumen. Elena wird das Gefühl nicht los, dass es das ungeborene Kind auf ihr Leben abgesehen hat.

Kritik: "Ihre Schwangerschaft wird zum Horrortrip aus verstörenden Visionen und Albträumen." - manchmal frage ich mich, was die Autoren des Programmhefts rauchen. Oder wie sie ihre kackfrechen Schönfärbereien daheim vor Mama rechtfertigen. Schon bei "Havenhurst" war vieles in der Synopsis frech daher behauptet, um Zuschauer zu ködern. In Aussicht zu stellen, "Shelley" sei in irgendeiner Form ein "Horrortrip", das ist schon dreist. Es sei denn, man definiert quälende Langeweile als Horrortrip.

Zuerst einmal ist "Shelley" langsam im Sinne von laaaangsaaaam. Menschen stehen rum, Menschen schweigen, Holz knarzt, Wasser plätschert. Die dominante Farbe des Films ist "bewölkt". Elena wird schwanger, um sich und Louise einen Gefallen zu tun. Sie hat Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Hautausschläge.

shelley

Der Zuschauer verharrt ebenso in lähmender Starre - passiert da noch was? Wo sind die "verstörenden Visionen"? Läuft das vielleicht auf eine "Rosemary's Baby"-Nummer hinaus? Ist Louise eine Hexe? Aber das sind Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Man nimmt ein Bad. Man isst Suppe. 92 Minuten wie drei Stunden.

Ein Film, dessen Ende man mit müder Erschöpfung und Schulterzucken begrüßt. Nicht ganz so unsäglich wie der völlig plotfreie "End of Animal", eher von einer alles durchdringenden Langeweile wie "Jamie Marks is dead". Man fragt sich, wie die Veranstalter bei der Sichtung ernsthaft "den nehmen wir!" denken konnten.

rotFazit: Ein unendlich dröges und typisch skandinavisch deprimierendes Schwangerschaftsdrama, das sich bis zur letzten Minute nicht entscheiden mag, ob es überhaupt ein Genrefilm sein will. Ich habe schon Backsteinmauern mit mehr Vorwärtsdrang gesehen.

Philipp meint: Man kann sinnvollere Dinge mit seiner Zeit anfangen, als sich diesen Film anzusehen. Zum Beispiel Tannennadeln nach Größe und Gewicht sortieren.

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Lesson

The Lesson

lesson-posterEngland 2015. Regie: Ruth Platt. Darsteller: Robert Hands, Evan Bendall, Dolya Gavanski, Michaela Prchalová, Rory Coltart, Tom Cox

Offizielle Synopsis: Fins Eltern haben sich längst aus dem Staub gemacht. Gemeinsam mit seinem ruppigen Bruder haust er in einer trostlosen Ecke Englands, in der Provinzfrust tägliches Gesprächsthema ist. Stets auf Krawall gebürstet, zieht der Teenager mit seinen Jungs umher, quält die Mitschüler, demoliert Autos und schikaniert am allerliebsten seinen Lehrer Mr. Gale. Was urplötzlich folgt: Das schlimmste Nachsitzen aller Zeiten.

Kritik: In Großbritannien muss Schule der Horror sein - im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist erstaunlich, wie viele Serien und Filme die Tatsache thematisieren, dass britische Schüler eigentlich nur tumbe, gewaltgeile Bastarde ohne jegliches Mitleid sind. Schicke Uniformen hin oder her - was da heranwächst, ist vom Tier kaum zu unterscheiden, ein Ergebnis nicht nur verfehlter Bildungspolitik, sondern auch der gewachsenen sozialen Verrohung über zwei, drei Generationen. Prügeln, pimpern, pöbeln bestimmen den Alltag. Haben wir ja auch bei "F" schon gesehen.

Nun also "The Lesson". Der setzt seinen Konflikt sehr früh und sehr schnell: Ein desillusionierter Lehrer am Ende seiner Kräfte, ein Schülertrio ohne Gnade und Impulskontrolle. Ein Pulverkessel, in dem schon zu lange das Streichholz brennt. Die Explosion wird, muss Gewalt sein. Und so beschließt der getriezte Pädagoge, es mit "real tough love" zu versuchen.

Bevor es aber dazu kommt, unterläuft "The Lesson" dieses banale Konstrukt bereits - während der Lehrer als Figur nur angerissen wird, begleiten wir Schüler Fin in seinem trostlosen Alltag. Seine Befindlichkeiten, so stellen wir fest, sind nicht Resultat eines schlechten Charakters, sondern einer völlig verrotteten Umwelt ohne Vorbilder oder Anreize. Die Mutter an Krebs gestorben, der gewalttätige Vater irgendwann abgehauen, der Bruder dominant und gnadenlos - Fin ist so, weil er nicht anders sein kann. Und die hilflose Schwärmerei für die polnische Freundin des Bruders deutet durchaus an, dass ihm nur die Bezugsperson fehlt, um zu einem zumindest funktionsfähigen Mitglied der Gesellschaft zu reifen.

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Potenzial, die einfache "sensibler Lehrer dreht gegen brutale Schüler den Spieß um"-Plotte wieder und wieder in Frage zu stellen, hat "The Lesson" also. Er macht nur rein gar nichts draus.

"The Lesson" zerfällt letztlich in zwei Teile. Die erste Hälfte, die unseren Protagonisten begleitet, ist zwar sehr gut beobachtet und absolut stimmig, wird aber zu lange gezogen und überstrapaziert das Interesse des Zuschauers an den wenig sympathischen Figuren. Wenn Fin und sein Kumpel dann dem Lehrer in die Hände fallen, kommt es nicht zu dem erwarteten (und Spannung versprechenden) Machtkampf der Bildungsschichten - sondern zu einem elend langen "rant" des Lehrers, der eine halbe Stunde lang über Aufklärung und Zivilgesellschaft schwadroniert, während Fin sich in Schmerzen windet. Es findet kein Konflikt statt, keine Auseinandersetzung, es gibt keine Twists, die Machtpositionen verschieben sich nicht. Es gibt nicht einmal einen nennenswerten Versuch von Fin, der grausamen "Nachhilfestunde" zu entfliehen. So funktioniert Dramaturgie leider nicht.

Dass Regisseurin/Autorin Platt (ich verkneife mir jedes Wortspiel) über die soziale Studie hinaus kein Interesse hat, einen sauber durchstrukturierten Film zu drehen, erkennt man auch daran, dass die zweite Hälfte eigentlich nur noch aus bequemen Zufällen besteht, die den Plot vorantreiben. Hier wird nichts ordentlich oder zwingend entwickelt, die Dinge passieren, weil sie für das gewünschte Ende passieren müssen.

Dass die Machart zudem erkennbar "low budget" ist und das Ende wieder mal total albern, macht endgültig den Deckel drauf.

rotFazit: Ein als Sozialstudie über das hässliche britische Prekariat gut beobachteter Film, der sich mangels Plot und Figurenentwicklung in Geschwätzigkeit und Hysterie verliert. Da mühen sich auch die durchweg guten und authentischen Darsteller vergeblich.

Philipp meint: Erst werden die Charaktere durchaus interessant aufgebaut. Dann aber kommen sie entweder nicht mehr vor, oder ihre Charakterisierung spielt keine Rolle mehr. Was soll das sein? Ein Hochgesang auf den Frontalunterricht?

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20
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Five after Midnight (2)

Zweiter Tag, erster Tag mit Vollprogramm. Fünf Filme aus fünf Ländern, erfreulicherweise kaum Überlängen (die dieses Jahr sowieso Seltenheitswert haben - die 90 Minuten-Marke wird wieder ernstgenommen). Das Fazit der heutigen Screenings wird euch überraschen - ich nehme es im Video vorweg.

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19
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Havenhurst

Havenhurst

havenhurst posterUSA 2016. REGIE: Andrew C. Erin. DARSTELLER: Julie Benz, Danielle Harris, Currie Graham, Fionnula Flanagan, Belle Shouse, Josh Stamberg

Offizielle Synopsis:

Mitten in New York steht eines der größten und ältesten Apartmentgebäude der Stadt, das Havenhurst. Das Haus hat eine bewegte Geschichte, viele düstere Legenden ranken sich um den wuchtigen Wohnkomplex. Die junge Jackie, gerade frisch aus der Rehaklinik entlassen, zieht in genau das Apartment, das bis zuletzt noch von ihrer nun spurlos verschwundenen Freundin Danielle bewohnt wurde. Bereits beim Einzug spürt sie, dass etwas mit dem Haus und vor allem seiner harschen Managerin Eleanor nicht stimmt. Und schon bald häufen sich die mysteriösen Vorfälle, die darauf schließen lassen, dass die vermisste Danielle Havenhurst in Wirklichkeit niemals verlassen hat. Als Jackie tiefer in die Geschichte des Gebäudes eintaucht und dabei dunkle Mächte weckt, gerät auch ihr Leben in ernsthafte Gefahr.

Kritik: Die Idee, ein Wohnhaus zum Zentrum des Bösen zu machen, die ungewohnte Umgebung als Feindesland zu enttarnen, ist nicht neu. Auch nicht, diese "old dark house"-Klischees in einen modernen, urbanen Kontext zu setzen, um den Kontrast zu erhöhen. "Rosemary's Baby" gehört ebenso in diese Kategorie wie "Columbus Circle" vor ein paar Jahren oder "Corridor". Es gab auch vor nicht allzu langer Zeit mit "666 Park Avenue" den Versuch, aus der Idee eine ganze Serie zu stricken. Das liegt auch daran, dass die Erzählmuster (die so genannten tropes) relativ gut etabliert und damit auch leicht zu kopieren sind. Jeder kennt das ungute Gefühl, sich im Haus nicht auszukennen, unbekannte Nachbarn zu treffen, unerklärliche Geräusche zu hören. Die Angst, in der eigenen Wohnung fremd und nicht sicher zu sein - es ist eine Urangst, an die sich der Zuschauer leicht andocken kann. Ich bin durchaus ein Fan dieser Sorte Film.

Umso bedauerlicher, dass "Havenhurst" aus dem üppig dargebotenen Potenzial so erschreckend wenig Potenz zu schöpfen weiß.

Der Film verstolpert sich schon bei den ersten Versuchen, seine Mythologie zu etablieren: Wie plausibel ist es, dass eine alte Gönnerin ein mondänes Wohnhaus im Schatten des Chrysler-Buildings exklusiv für Ex-Süchtige bereit stellt und niemand die Vorgänge in dem Haus auch nur flüchtig im Auge behält? Wie können Dutzende von Menschen verschwinden, alle am selben Ort, ohne dass die Polizei mit einer Hundertschaft anrückt?

havenhurst

Mit zunehmender Laufzeit wird es nicht besser, sondern schlimmer. Statt die Zusammenhänge zu erklären, setzt "Havenhurst" immer mehr Absurditäten obendrauf, scheißt auf jede innere Logik oder Glaubwürdigkeit seiner Figuren. Ständig passieren Dinge, die von großer Bedeutung sein sollten, aber völlig folgenlos bleiben. Es ist nicht mal klar, wer am Ende der Bösewicht war/ist.

Besonders hart trifft es die Protagonistin Jackie, gerade weil ihr eine relativ plausible Backstory und ein solider Charakter-Bogen in den Schoß gelegt werden. Als Ex-Alkoholikerin ist sie von vorne herein schwach, für ihre Umwelt unglaubwürdig und allein. Die Schuld am Tod ihrer Tochter zerfrisst sie, in der kleinen Sarah findet sie eine Chance, ihre Seele zu retten, einen neuen Anfang zu finden, ihre inneren Dämonen zu besiegen. Das ist nicht neu, das kaut auch Elemente von "Aliens" durch, aber es ist durchaus stimmig.

Nur leider beschließen die Autoren, Jackie diverse Male zu verraten. Die meisten Hinweise auf die Geschehnisse im Havenhurst fallen ihr in den Schoß und ihre geniale Idee zur Provokation der bösen Mächte? Wieder saufen. Und was ein emotionaler Einbruch der Figur sein sollte, ein Versagen ihres Versuchs, nüchtern zu bleiben, endet folgenlos mit einem angedeuteten Kater am nächsten Morgen.

Hinzu kommt, dass "Havenhurst" technische Probleme hat, mit teilweise schlampigen Soundeffekten arbeitet und die Apartments zu sehr nach Studio-Set aussehen. Die Inszenierung ist suppig und das Ende eine Frechheit.

Aber aus genau diesen Gründen habe ich mich auch gefreut, den Film am Eröffnungstag zu sehen - er ist das perfekte Gegenstück zu "Swiss Army Man", zeigt die verstaubten, lustlosen und billig zusammen gerührten Klischees des phantastische Genres. So dient er zumindest als Kontrastprogramm.

rotFazit: Ein leider völlig in veralteten Erzählmustern gefangener Thriller, der gute Darsteller und soliden Aufwand mit einer löchrigen und hirnrissigen Story und schwacher Regie hängen lässt. Das Potential eines patenten Gruselfilms alter Schule wird an einen halbgaren Groschenroman verschenkt.

Philipp meint: Hat eine nette Settingidee, die er aber total grottig umsetzt. Eine innere Logik des Films ist nie erkennbar.

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