30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (16): The Voices

the voicesUSA/D 2013. Regie: Marjane Satrapi. Darsteller: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Jacki Weaver

Offizielle Synopsis: Jerry ist ein gut aussehender, treuherziger Lagerist in einer Badewannen-Manufaktur tief in der Provinz. Man bräuchte sich keine Sorgen um ihn machen, würden ihn daheim nicht Bulldogge Bosco und vor allem Mr. Whiskers, der orangefarbene Stubentiger, derb beschwatzen wie schon der freche Bär in Kinoerfolg TED. Das Haustier-Duo macht sich nur allzu gern über Jerrys Einfältigkeit lustig. Flüstert ihm ein, wie verdorben und bösartig die Welt in Wirklichkeit ist. Gibt ihm Tipps, wie er am besten tötet. Ja, Jerry hört Stimmen – seit er seine Pillen abgesetzt hat. Seine Psychiaterin ist zunächst erfreut über das neue Auftreten ihres Patienten, das ihm im Betrieb endlich Freunde verschafft und genug Mut, sich an Kollegin Fiona (Gemma Arterton) ran zu pirschen. Die rümpft freilich insgeheim die Zickennase über den vertrottelten Mr. Niceguy. So wird ein missglücktes Date bald zum Verhängnis.

Kritik: Ich mag schwarze Komödien, bei denen ich nicht nur das “schwarz”, sondern auch das “Komödie” nachvollziehen kann. Zu oft werden im Programmheft eierlose, graugaugraue Downer als “bitterböse Komödien” oder “schwarzhumorige Perlen” angekündigt, für die man dann Bremsspuren in der Unterhose witzig finden muss.

“The Voices” hingegen ist eindeutig eine schwarze Komödie. Eine sehr schwarze. Die Story des Losers, dem die eher versehentlichen Morde außer Kontrolle geraten und der immer größere Probleme bekommt, Leichen und Requisiten verschwinden zu lassen, ist zwar nicht neu, aber in dieser Form sehr knapp und schnörkellos erzählt. Auch die Idee, dass wir Hund und Katze tatsächlich reden sehen, ist kein Gimmick aus der SFX-Abteilung – es erzeugt den notwendigen Bruch mit der Realität, in die Jerry dann und wann zurück stolpert.

Der erstaunliche Cast ist sympathisch “game”, über-spielt die Rollen nicht aus Eitelkeit und passt damit in den “kleinen” Thriller, der eigentlich nach einer B-Besetzung schreit. Es hilft, dass die Darsteller den Rollen entsprechen – Reynolds als der etwas phlegmatische “good boy”, Gemma Arterton als die üppige Betriebsschlampe, Anna Kendrick als das verhuschte “girl next door”.

Stilsicher inszeniert und sehr straff, unterhält “The Voices” problemlos über die gesamte Laufzeit, auch wenn zur Steigerung der Hysterie dann irgendwann die clevere Wende fehlt. Wir ahnen, dass Jerry mit seiner Nummer nicht durchkommen kann – und genau so ist es dann auch. Nachspann. Da wäre zum Schluss vielleicht noch ein wenig mehr gegangen.

Egal, wieder ein Crowdpleaser fürs FFF, da will ich mich gar nicht beschweren.

Man sollte allerdings auch mal den “Elefant in the Room” ansprechen – “The Voices” hat mich streckenweise an einen anderen gut besetzten Psychopathen-Film erinnert: “The Passion of Darkly Noon” mit Brendan Fraser, den ich in den 90er Jahren auf dem FFF in München gesehen habe. Der wurde in Thüringen oder Sachsen gedreht. “The Voices” entstand komplett in Berlin und Brandenburg. Obwohl der Film in den USA spielt und weder in der Story noch beim Cast irgendwelche deutschen Elemente mitbringt. Lediglich die Crew stammt aus Deutschland.

Das ist zuerst einmal Augenwischerei, Hollywood-Magic. Ob die Bowling Alley letztlich im Mittleren Westen oder im Spreewald steht, ist bedeutungslos. Es geht, was funktioniert. Und bei “The Voices” funktioniert es. Man merkt dem Film die deutschen Locations allenfalls an ein paar sehr handgemalt aussehenden Ladenschildern und Werbeplakaten an.

Aber man darf durchaus die Frage stellen, WARUM hier gedreht wurde? Es gab ja erst letztes Jahr die Diskussion über “Monuments Men” mit Clooney, der fast 10 Millionen aus deutschen Steuergeldern für Dreharbeiten im Harz und in und um Brandenburg einsacken durfte. Für die Hollywood-Buchhalter ist es eine Frage der Zahlen – wo kann ich den Film glaubwürdig am günstigsten drehen? “The Voices” hätte man auch in Kanada oder in Australien drehen können, in Mexiko oder in Irland.

“The Voices” wurde ebenfalls kräftig gefördert. Und ich wüsste zu gerne, warum. Nur weil damit ein paar deutsche Filmtechniker ein paar Monate in Lohn und Brot gehalten werden konnten? Das ist ja schön und richtig, aber doch Aufgabe der Produzenten, nicht der Steuerzahler. Ich habe kein Problem damit, wenn Filme gefördert werden, die kulturell wichtig sind oder Strukturen schaffen, aber im Fall von “The Voices” sehe ich den Benefit nicht. DAS Geld hätte man allemal besser in deutsche Produktionen stecken können und sollen.

Schade. Im Nachhinein habe ich über das Thema zuviel nachgedacht und mir die Erinnerung an einen Film getrübt, den ich eigentlich sehr spaßig fand.

hochFazit: Garfield meets Psycho in einem kleinen Comedy-Thriller, dessen A-Besetzung eher auf den Fluss fleißiger Fördergelder als auf wirklichen künstlerischen Anspruch schließen lässt – was dem Unterhaltungswert allerdings keinen Abbruch tut.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen gibt es für “The Voices” keinen Trailer auf YouTube.

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30
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (15): Starry eyes

starry eyesUSA 2014. Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer. Darsteller: Alex Essoe, Amanda Fuller,Noah Segan

Offizielle Synopsis: Hollywood: der Ort der Träume für unzählige mal mehr, mal weniger große Talente. Eins von ihnen ist Sarah. Noch hängt sie als Bedienung in einem schmierigen Diner fest und hangelt sich von einem erniedrigenden Casting zum nächsten. Bis sie das Angebot für die Hauptrolle in einem Horrorfilm erhält. Doch die Produktionsfirma erwartet von der jungen Frau mehr, als sich nur die Seele aus dem Leib zu spielen – viel mehr! Sarah lässt sich auf den Pakt mit dem Teufel ein und findet sich schon bald in der buchstäblichen Hölle wieder.

Kritik: Ich hasse es, wenn Filme in zwei qualitativ unterschiedliche Hälften zerfallen. Dann will ich der einen den Daumen rauf geben, der anderen den Daumen runter – und der pendelnde Daumen wird diesem Eindruck einfach nicht gerecht. Weil der Film eben nicht Mittelmaß ist, sondern abwechselnd großartig und scheiße.

“Starry eyes”, das sei schon verraten, ist über weite Strecken großartig. Ein per Crowdfunding teilfinanzierter Meta-Film über eine junge Schauspielerin, die für einen Horrorfilm über alle ihre Grenzen gehen muss – gespielt von einer Schauspielerin, die für diesen Horrorfilm augenscheinlich über alle ihre Grenzen gehen muss.

Alex Essoe wirft sich mit furchtloser Intensität in die Rolle der Alex, deren Dilemma sie vermutlich nur zu gut nachvollziehen kann. Jedes Mädchen in Hollywood möchte Schauspielerin werden, wenige sind berufen, an den Schaltstellen sitzen Männer, deren Gier und Skrupellosigkeit weit über das übliche Maß hinaus gehen. Wo man bereit sein muss, sich für sein Talent zu prostituieren – denn wenn nicht dafür, wofür dann?

Ich habe im Verlauf meines beruflichen Werdegangs genug Casting-Prozesse gesehen, habe genug kellnernde Schauspieler und Taxifahrer (gerade auch in LA) getroffen – diese Darstellung des Milieus in “Starry eyes” ist auf den Punkt.

Bis ins zweite Drittel hinein hält der Film auch die Spannung, zieht die emotionalen Daumenschrauben an, treibt Sarah in eine immer ausweglosere, immer isoliertere Situation, in der die Unterwerfung als einzige Chance erscheint. Ich bin sogar noch mitgegangen, als die zynische Hollywood-Welt mit Satanismus in Verbindung gebracht wurde.

Aber in dem Augenblick, in dem Sarah den Schritt macht, in dem sie ihre Seele verkauft, in dem sie sich selbst verrät, öffnet sich wie versprochen “das Tor” – und es ist nichts dahinter. Der Film hat keine Antwort auf die vielen gestellten Fragen, zieht die unweigerliche Erkenntnis “Sarah muss ihr altes Leben zerstören und als Star neu geboren werden” weit über die erforderlichen zehn Minuten auf eine halbe Stunde, die dann ärgerlich redundant und ausgewalzt wirkt.

Schade. “Starry eyes” ist über weite Strecken so spannend und so gut beobachtet, dass man enttäuscht ist, wenn die Moral von der Geschicht’ dann doch nur das banale “Für Hollywood musst du deine Seele verkaufen” ist.

Die Wertung bitte ich demnach richtig zu verstehen – ziemlich lange ist “Starry eyes” ein echtes Highlight des Festivals, schonungslos und grausam. Ich empfehle ihn auf jeden Fall. Ich kann ihn nur nicht guten Gewissens so werten wie Filme, die sich auf der Zielgeraden keinen Patzer erlauben.

mitteFazit: Ein intensiver, verstörender Meta-Film über den Seelenausverkauf in Hollywood, der in der zweiten leider etwas auseinander fällt und damit den eigentlich verdienten “Daumen hoch” wieder verspielt.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (14): Redirected

redirectedGB/Litauen 2014. Regie: Emilis Velyis. Darsteller: Vinnie Jones, Scot Williams, Gil Darnell, Oliver Jackson, Anthony Strachan

Offizielle Synopsis: Eigentlich wollte Michael seiner Freundin heute einen Heiratsantrag machen. Doch seine drei besten Kumpel plädieren lautstark für eine Herrenpartie. Dumm nur, dass bereits der Auftakt des Abends mit einem Überfall auf ein illegales Casino und einem hektischen Anschlussflug nach Malaysia beginnt – als Michael schließlich in einem Hotelbett erwacht, findet er sich allerdings im tiefsten Litauen wieder. Von seinen Freunden vorerst keine Spur, dafür jede Menge Geldscheine und ein paar angepisste Gangster aus der Heimat. Die wollen ihre Kohle zurück, gehen dafür skrupellos über Leichen, haben ihre Rechnung aber leider ohne die berüchtigte litauische Unterwelt gemacht. Es entbrennt eine wilde Hatz durch verfallene Stadtviertel, osteuropäische Wälder und rustikale Bauerndörfer, in deren Verlauf Gangster, Polizisten, Hinterwäldler und die vier glücklosen Freunde von einem saublutigen Dilemma ins nächste stolpern.

Kritik: Hier kann ich es mir relativ kurz machen, weil “Redirected” weder ein wirklicher Genrefilm ist, noch nennenswerte neue Elemente mitbringt. Es geht halt mal wieder um britische Unterweltspacken, die sich gegenseitig reinlegen, hauen, und gerne auch mal über den Haufen schießen. Natürlich spielt Vinnie Jones des ganz harten Kerl und wirkliche “redeeming social values” sucht man vergebens.

Vom britischen Gangsterdrama der letzten 20 Jahre hebt sich “Redirected” primär damit ab, dass er nicht nur auf absurden Humor setzt, sondern direkt auf Comedy. Zentrum ist eine “I wasn’t even supposed to be here today”-Plotte mit einem Haufen “fish out of water”-Gags, wenn die Protagonisten in Litauen landen – einem Land, in dem die Stiernacken noch spackiger und die blonden Schlampen noch durchtriebener sind als in England.

Das hat Tenpo, das hat Witz, das ist angemessen brutal und ständig in Bewegung – man hat halt nur das Gefühl, eher ein Bestof the Subgenres zu sehen als einen eigenständigen Film. Und man kommt auch gerne mal durcheinander, wer in dem großen Cast gerade was und warum macht. Was endgültig den Daumen in die Schieflage drückt, ist das abrupte Ende, das nach einer Nötigung des Publikums stinkt: “Los, jetzt geht mal hin und verlangt nach einem Sequel, damit ihr erfahrt, wie es weitergeht.”

Ehrlich? Ich habe mich prächtig unterhalten, würde so etwas außerhalb des Festivals aber nicht anschauen.

mitteFazit: “Lock, stock & 2 smoking barrels” meets “Hangover” – rasant, witzig, rüde. Ein Männerfilm, bei dem man halt akzeptieren muss, dass man alle Elemente schon dutzendfach anderswo gesehen hat.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (13): Honeymoon

honeymoonUSA 2014. Regie: Leigh Janiak. Darsteller: Harry Treadway, Rose Leslie, Ben Huber, Hanna Brown

Offizielle Synopsis: Romantisch beginnt die Hochzeitsreise für Bea und Paul ins abgelegene Ferienhaus am See von Beas Eltern. Das junge Paar ist noch ganz im Liebesrausch, kuschelt und kabbelt sich heiter durch den Tag. Als Bea zufällig einen alten Jugendfreund trifft, fangen Unsicherheit und Eifersucht in Paul zu keimen an. Dann verschwindet Bea mitten in der Nacht. Paul findet sie splitternackt und völlig verstört im Wald wieder. Aus ihr ist nichts herauszubringen und Paul entdeckt seltsame Male am Körper seiner Angetrauten.

Bea ist plötzlich nicht mehr die Frau, die Paul geheiratet hat – oder verliert er seinen Verstand? Trügt ihn seine Wahrnehmung, dass sie nicht mehr sie selbst ist, oder ist es nur der banale Umstand, dass die Beziehung langsam in der Realität angekommen ist? Sind gar übernatürliche Kräfte im Spiel?

Kritik: Von dem hatte ich jetzt gar nix erwartet – weil ich “Game of Thrones” (noch) nicht gucke, ködert mich Hauptdarstellerin Rose Leslie nicht und Horrorfilme über Pärchen auf Hochzeitsreise gibt es mehr als genug. Ist ja auch immer die gleiche Soße: Die externe Bedrohung wird zur internen, die Gefahr führt zur Beziehungskrise, die entweder durch Überwindung aller Hemmnisse neue Kraft erfährt oder an ihnen zerbricht.

Umso erstaunlicher, dass “Honeymoon” deutlich mehr aus diesem Subgenre holt, als eigentlich drin sein sollte.

Das fängt damit an, dass Bea und Paul ein extrem glaubwürdiges, noch frisch verliebtes und mittlerweile frisch verheiratetes Paar sind. Ihre Welt dreht sich umeinander, um Sex, um Nähe, um schiere Lebensfreude. Treadway und Leslie transportieren das absolut stimmig. Und es ist genau das, was die Veränderung von Bea so verstörend macht. Wir sehen erste, minimale Risse zwischen den Liebenden, die sich sorgsam getaktet zu einer Krise ausweiten. Wir spüren, wie Bea von Paul weg driftet, ungewollt, verzweifelt. Er verliert sie wie eine Liebe, die an der Monotonie stirbt. Wo andere Filme sehr stoisch die “Meine Frau hat sich verändert!”-Nummer fahren, setzt “Honeymoon” seine Figuren nicht sofort gegeneinander. Bea ist mit der Veränderung nicht schlagartig die Antagonistin, über lange Zeit hoffen wir inständig, dass sie noch einmal den Weg zu Paul zurück findet.

Ungemein spannend bleibt auch über die gesamte Laufzeit, was genau passiert ist. Die verschiedenen Elemente (Beas Verlust ihres Wortschatzes, die Pusteln am Bein) passen irgendwie überhaupt nicht zusammen. Paul verliert die Kontrolle über seine Frau – aber an wen?

Auch wenn “Honeymoon” sehr viel Mühe investiert, seine Spannung über die Beziehungsebene aufzubauen, spart er nicht an den Schockeffekten. Wenn es zur Sache geht, geht es richtig zur Sache – da hat die Hälfte des Publikums sich auch mal auffällig der Polsterung der eigenen Armlehne gewidmet.

Über das Ende kann man sicher diskutieren – ich persönlich fand es trotz seines Verzichts auf eine konkrete Antwort befriedigend, weil wir zwar nicht ALLES erfahren, in meinen Augen aber GENUG.

“Honeymoon” funktioniert nicht über den Horror, erzeugt nicht Angst oder Ekel – es ist ein Film, dem es beispielhaft gelingt, uns über die gesamte Laufzeit beunruhigt zu halten, verstört und verunsichert. Das schaffen nicht mehr viele FFF-Beiträge.

hochFazit: Ein Bodysnatcher-Horrorfilm, erzählt als intensives Beziehungsdrama. Eines der besten diesjährigen Beispiele, wie großartig auch kleine Filme sein können – und wofür man als echter Fan gerne zum FFF kommt.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (12): Dark House

dark houseUSA 2014. Regie: Victor Salva. Darsteller: Luke Kleintank, Tobin Bell, Alex McKenna, Anthony Rey Perez, Lesley-Anne Down

Offizielle Synopsis: Bevor Nick von seiner verrückten Mutter die Wahrheit über seine mysteriöse Gabe und damit einhergehend die Identität seines Erzeugers erfährt, fällt sie einem obskuren Brand in der Irrenanstalt zum Opfer. Antworten scheint aber das marode Anwesen zu beherbergen, das sie ihm vermacht hat und das Nick seit seiner Kindheit wie besessen zeichnet – ohne es je gesehen zu haben. Legenden ranken sich um dieses fluchbeladene Haus. Das schreit natürlich nach einem Road-Trip ins Herz der Finsternis samt bestem Kumpel und schwangerer Freundin. Als Empfangskomitee stehen argwöhnische Rednecks bereit, eine Handvoll Landvermesser zur Erhöhung der Body-Count-Schlagzahl.

Kritik: Ich fange jetzt nicht schon wieder eine Diskussion über Victor Salva an. Ob der mal kleine Jungs angefasst hat, ist für mich irrelevant bei der Bewertung seiner Filme (würde ich ihn auf einer Party treffen, wäre das sicher was anderes). Und von seinen Filmen habe ich gerade mal „Jeepers Creepers“ gesehen, der nach einem mordsmäßig spannenden Anfang völlig auseinander fiel. Ungefähr so etwas hatte ich mir von „Dark House“ auch erwartet – sorgsam gesetzte Schocks in einem letztlich redundanten Okkult-Slasher.

Aber „Dark House“ ist tatsächlich anders . Zuerst einmal ist der Titel irreführend – das „dunkle Haus“ ist zwar der McGuffin des Films und ein schöner optischer Aufhänger, aber nicht Kern der Geschichte. Es geht um die Bewohner des Hauses und um die alte Schlacht, die sie austragen. Bis es dazu kommt, dauert es allerdings eine Weile, weil Salve anscheinend alles, was er in den letzten 10 Jahren an inszenatorischen Gruselideen hatte, unbedingt in die 100 Minuten Laufzeit packen wollte. Auf einem Festival, bei dem sich viele Filme mühen, abgelutschten Plotten irgendwie Spielfilmlänge abzuringen, fällt wirklich auf, wie randvoll „Dark House“ an kruden Ideen, Nebenplots, visuellen Augenwischereien und hübschen Tricks ist. Woraus andere Regisseure einen ganzen Film stricken würden, das verpulvert Salva in einer einzigen Szene.

Natürlich erlaubt dieser Wundertüten-Ansatz keine wirklich stringente Geschichte und die schiere Menge an Figuren und Elementen führt zu einem wilden Hin und Her, das auch nicht in der Tradition typischer Okkult-Grusler steht, die hier häufig zitiert werden (von „Amityville Horror“ über „Rosemary’s Baby“ bis „Das Omen“ ist eigentlich alles dabei). „Dark House“ ist eher eine rasante, gut geölte Achterbahn, die immer genau weiß, wann sie eine Kurve zu nehmen hat und wann der Zuschauer mit einern plötzlichen Talfahrt zum Kreischen gebracht werden muss. Dabei schwenkt Salva gekonnt um – sieht der Film anfangs noch nach einer launigen Gruselkomödie aus, kippt er in der zweiten Hälfte in durchaus potenten Actionhorror. Respekt.

Bin ich froh – nach einem sehr dürftigen Einstieg kommen wir so langsam zu den ersten Highlights der 2014er Saison. Es gibt sie noch, die sehenswerten Festivalfilme. Ein echter Crowdpleaser.

hochFazit: Ein wilder Mix aus Scooby Doo, einer Doppelfolge „Supernatural“ und der „God’s Army“-Reihe, tonal unausgegoren, aber von soviel Energie, Enthusiasmus und schrägen Einfällen platzend, dass man sich allemal prächtig amüsiert. Ein zweiter Teil ist in diesem Fall willkommen.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (11): Cold in July

cold in julyUSA/Frankreich 2014. Regie: Jim Mickle. Darsteller: Michael C. Hall, Don Johnson, Sam Shepard, Vinessa Shaw, Nick Damici

Inhalt: Texas, 1989. Bilderrahmen-Verkäufer Richard überrascht des nachts im Haus einen Einbrecher und erschießt ihn. Kein Problem, laut Polizei war der Gauner ein hoffnungsloser Fall, dessen einziger Verwandter – sein Vater – ebenfalls den größten Teil seines Lebens im Knast verbracht hat. Dummerweise taucht dieser Vater pünktlich zur Beerdigung seines Sohnes auf und schwört Richard Rache. Glücklicherweise kann Russel festgenommen werden, bevor er der Familie des aufrechten Texaners etwas antut. Aber warum hat Richard langsam das Gefühl, dass an der ganze „Akte zu, Affe tot“-Routine der Polizei irgendwas nicht stimmt? Und warum sah der erschossene Einbrecher so gar nicht wie der Mann aus, den Richard laut Fahnungsposter auf dem Gewissen hat?

Kritik: That’s more like it! Es lohnt sich halt doch, wenn man sich bei den Klassikern bedient, in diesem Fall bei Hardboiled-Ikone Joe R. Lansdale. Sein Roman “Kalt brennt die Sonne über Texas” ist die Vorlage für diesen überlegenen Crime Thriller, in dem ein unbescholtener Bürger durch eine Notwehr-Tat in ein weitreichendes Komplott gezogen wird, mit seinen Feinden gemeinsame Sache machen muss – und am Ende „Texas justice“ mit dem ganz großen Kaliber verteilt. Glaubt man anfangs noch, den ganzen Plot vorhersagen zu können, weil Lansdale das typische „Bürger muss sich gegen Psychpath wehren und wächst dabei über sich hinaus“-Szenario wie in „Cape Fear“ baut, dreht „Cold in July“ schon nach 40 Minuten in eine völlig andere Richtung. Das kommt so unvermutet und doch so folgerichtig, dass man schlagartig wieder gebannt mitfiebert. Und dann führt Lansdale noch einen Charakter ein, den ich euch nicht spolern möchte, weil er prädestiniert ist, zur Kultfigur des Festivals zu werden.

Michael C. Hall, Sam Shepard und Don Johnson sind so ziemlich das geilste Protagonisten-Trio, das man sich vorstellen kann – und der Beweis, dass es eben doch einen Unterschied zwischen Schauspielern und Schauspiel-Legenden gibt. Mickle inszeniert straff und schnörkellos, präsentiert beeindruckende, aber nie gelackt wirkende Bilder, getragen von einem fast schon carpenter-esk minimalistischen Soundtrack.

Vorwerfen kann man „Cold in July“ allenfalls, dass es sich um einen waschechten Selbstjustiz-Streifen handelt, der allen NRA-Mitgliedern und stolzen Verfechtern des zweiten Verfassungszusatzes das Höschen feucht werden lassen dürfte. In dieser Welt ist das System korrupt und manche Schweinereien klärt ein echter Mann selbst, am besten mit einer doppelläufigen Schrotflinte. Ob diese sehr auffällig zur Schau getragene Moral vom Genuss des Films subtrahiert, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich konnte damit leben.

hochFazit: Ein großartiger, konstant vor sich hinköchelnder Crime Thriller mit einer herausragenden Besetzung und einigen Plot Twists, die jeder Voraussage trotzen. Streng genommen kein Genrefilm, aber auf jeden Fall ein lohnenswerter Kinobesuch. Don Johnson verdient sich abermals Kultstatus.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (10): Stage Fright

Stage FrightKanada 2014. Regie: Jerome Sable. Darsteller: Minnie Driver, Allie MacDonald, Douglas Smith, Kent Nolan, Meat Loaf Aday

Offizielle Synopsis: Für die einen der Himmel auf Erden, für andere sicher Horror pur: ein Ferienlager für musicalliebende Jugendliche. Hier können sie – unter der Leitung eines abgehalfterten Ex-Musicalproduzenten – einmal im Jahr nach Herzenslust in Tanz und Gesang ausbrechen, ohne von ihren Klassenkameraden verprügelt zu werden. Dieses Jahr soll ausgerechnet THE HAUNTING OF THE OPERA einstudiert werden, ein Stück, das unter keinem guten Stern steht: Bei der Premiere hatte sich eine Broadway-Diva nicht nur fast die Kehle aus dem Leib gesungen – ein Killer im Phantom-Kostüm hatte noch nachgeholfen und die Sängerin mit der Engelsstimme brutal ins Jenseits befördert. Nun versucht Tochter Camilla ihr Kindheitstrauma zu überwinden und in Mamas musikalische Fußstapfen zu treten. Keine gute Idee, denn das ruft einen maskierten Mörder mit deutlich anderem Musikgeschmack auf den Plan …

Kritik: Es ist bisher ein hartes Festival, massenhaft inkompetente bis zynische Scheibenware, die auf der großen Leinwand nichts zu suchen hat, verkleistert mir das Hirn und verdirbt mit die Laune. Weder inszenatorisch noch inhaltlich gibt es bisher ausgerissene Bäume zu besichtigen, das aktuelle Programm duckt sich, um in den kleinsten gemeinsamen Nenner zu passen. Kein Vergleich mit den Filmen der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights, die nicht nur breiter aufgestellt, sondern auch deutlich mutiger waren.

Wenigstens von “Stage Fright” hatte ich mir Abwechslung erhofft. Ein Slasher-Musical? Eigentlich eine geile Idee. Mit Minnie Driver schauspielerisches Gewicht dabei, mit Meat Loaf die Rocklegende. Kann doch nicht so schwer sein, dieses Baby schadfrei in den Hafen zu bringen.

Ihr ahnt es: “Stage Fright” ist ein weiterer Totalausfall. Nach einem hübschen, giallo-esken Intro und ein paar durchaus launigen und selbstironischen Musiknummern beschließt Regisseur, Autor und Komponist Sable, voll auf die Musical-Elemente und das emotionale Backstabbing zu setzen, der erhoffte und wiederholte Dolchstoß besteht aus Intrigen und Klüngeleien, wie wir sie aus Highschool-Serien kennen.

Wo der Killer fehlt und der Cast nicht ausgedünnt wird, tritt natürlich auch die Spannung auf der Stelle. Der zweite Akt von “Stage Fright” ist fast schon empörend träge, gerade weil das Intro einiges versprochen und die Idee ja durchaus Pfiff hat. Auch der Cast schlägt sich wacker. Die Elemente sind da, allein mit der Anwendung hakt’s.

Wenn zum Finale dann endlich wieder von Teen-Melodram auf Slasher umgeschaltet wird, beweist Sable, dass er wirklich gar keine Ahnung hat, wie Horror geht. Die Motivation des Mörders ist abstrus, seine Sprüche unpassend, elementare Hinweise werden erst jetzt per Flashback gegeben und der Gegenschnitt von großer Attacke und vergeigter Vorführung raubt auf der Zielgerade alles Tempo.

Grundgütiger, nicht mal die Tagline auf dem Plakat hat irgendeine erkennbare ironische Brechung oder Doppelbedeutung!

Vor allem aber: Die Mischung von Musik und Massaker erfüllt nicht ansatzweise ihr schwarzhumoriges Potenzial. Der Gegensatz produziert keinen Bruch, keine unterhaltsame Absurdität.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es Filmemacher Sables Herzenswunsch war, ein Musical zu inszenieren. So etwas lässt sich aber im Low Budget-Bereich praktisch nicht vermarkten, weshalb er auffällig widerwillig einen Horror-Aufhänger bedient. Das funktioniert zwar nicht im Film, aber bei der Vermarktung – immerhin läuft “Stage Fright” auf dem FFF, gelle?

mitteFazit: Ein anfänglich drolliger Versuch, Elemente von “Scream” und “Glee” unter einen Hut zu bringen, der aber mit zunehmender Laufzeit nervt, weil er nur die Mechanismen des Musicals, nicht aber des Horrorfilms versteht. Ganz knapp am Daumen runter vorbei geschrappt.

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29
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (9): Coherence

coherenceUSA 2013. Regie: James Ward Byrkit. Darsteller: Hugo Armstrong, Nicholas Brendon, Emily Foxler, Lauren Maher, Elizabeth Gracen

Offizielle Synopsis: Alarm schlagende Smartphones kündigen in COHERENCE einen Kometen an, der für einige Stunden sehr dicht an der Erde vorbeifliegt und dadurch eine Raum-Zeit-Anomalie hervorruft. Oder wurde Em und ihren Freunden, welche sich gerade zum Dinner zusammengefunden haben, bewussseinserweiternde Substanzen untergemischt? Schon bevor der kosmische Ausnahmenzustand eintritt, wird wüst über die Auswirkungen des Himmelskörpers spekuliert. Die Nacht nimmt nicht nur eine, sondern gleich dutzende unvorhersehbare Wendungen: Auf einen Stromausfall folgen Erkundungstouren in der Nachbarschaft und eine schockierende Erkenntnis, welche das einzige noch beleuchtete Haus in der Straße bereithält. Darüber hinaus beginnen sich an den vier Paaren gewisse Verhaltensauffälligkeiten zu zeigen.

Kritik: Ahhh, Konzept-SF. Das mag ich, da kann ich drauf, da freue ich mich drüber. Simple Vorgabe, limitiertes Spielfeld – go!

Mehrere Leute treffen sich zum gepflegten Abendessen, das eine ganz unerwartete Wendung nimmt und das bisherige Lebensverständnis in Frage stellt. Ich hatte drauf gehofft, einen neuen “The Man from Earth” zu sehen oder wenigstens einen neuen “Premonition“.

Nix da.

“Coherence” ist Schwätzerkino, das sehr offensichtlich nicht mit einer Storyidee begann, sondern mit einem (dem Dinner des Films vermutlich nicht unähnlichen) Gespräch zum Thema Quantenphysik und Multiversum. Was, wenn du in einer schwarzen Nacht zwischen den vielen Varianten deines Lebens wechseln könntest? Wenn da draußen unendlich viele Häuser mit unendlich vielen Dinnerparties wären, die sich mal mehr, mal weniger von deiner Wirklichkeit unterscheiden?

Tja – was dann?

Was sich hier am grünen Tisch vielleicht ganz spannend liest, ist auf der Leinwand eine Abfolge endloser Gespräche der immer gleichen Handvoll Protagonisten, die in einem Wohnzimmer in Dauerschleife diskutieren, wer nun mit welchem Leuchtstab und welchem Zettelchen in die Nacht hinaus geht, um an das Fenster des nächsten, identischen Hauses zu klopfen – und die panisch werden, sobald an ihr eigenes Fenster geklopft wird.

Es ist weder nachvollziehbar, wie die Figuren so schnell herausfinden können, was sich um sie herum abspielt – noch, warum sie die offensichtlichsten Möglichkeiten, sich mit ihren “alter egos” auseinander zu setzen, unterlassen. Direkte Konfrontation wird vermieden – einfach nur deshalb, weil dann das ganze Konstrukt des Films kollabieren würde. Der ganze Cast benimmt sich in keiner Sekunde plausibel, sondern weiß, sagt und tut nur das, was notwendig ist, um zum gewünschten Finale zu kommen. Es sind leblose Konzeptfiguren, keine Protagonisten aus Fleisch und Blut.

Mich hat auch das belanglose, improvisiert wirkende durcheinander Brabbeln der Figuren genervt. Das mag die Gespräche beim gemeinsamen Dinner durchaus realistisch imitieren, aber für Kino-Dialoge gelten nicht ohne Grund andere Regeln. Man hat permanent das Gefühl, die Charaktere reden arrogant nuschelnd am Zuschauer vorbei. Diverse Male wollte ich der Leinwand “Was hast du gesagt? Kannst du das noch mal wiederholen?” zurufen.

Wenn dann klar wird, dass wir selbst nicht wissen, welche Varianten der Figuren wir gerade sehen oder in welchem der unendlich vielen und gleichen Häuser wir sind, schaltet das Gehirn endgültig ab. Und im Gegensatz zu “Patema inverted” nicht, um zu genießen, sondern um seine Ruhe zu haben.

Am ehesten hat mich “Coherence” an den Film “+1″ erinnert, den ich zwar gesehen, aber aus Zeitgründen nicht besprochen habe:

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Teens statt Mittdreißiger, Party statt Dinner, Zeitverschiebungen statt Multiversen – aber letztlich die gleiche Soße sich immer wieder begegnender Charaktere in verschiedenen Varianten aus Quanten.

Versteht mich nicht falsch: “Coherence” hat seine Momente und gegen Ende, wenn man endlich eine Ahnung hat, wie alles zusammen hängt, mag die Auflösung auch halbwegs befriedigend sein. Aber bis dahin wedelt sich Regisseur Byrkit zu offensichtlich einen von der Palme, während er mit Excel-Charts und Diagrammen ein Multiversum baut, in das wir keinen wirklichen Einblick haben und das vor allem komplett langweilig ist.

Ein Film wie ein Abendessen mit theoretischen Physikern, die Diskussionen über Stringtheorie für akzeptable Tischgespräche halten.

mitteFazit: “White people problems” als Kammerspiel-Konzept-SF, wie sie nicht sein sollte – verkopft, eitel, wirr und zu wenig interessiert, den Zuschauer mitzunehmen. Dass das aktuell gutes Mittelmaß ist, sagt Beängstigendes über die FFF-Saison 2014 aus.

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28
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (8): Patema inverted

paterna invertedJapan 2013. Regie: Yasuhiro Yoshiura

Offizielle Synopsis: Die Welt steht Kopf … und zwar auf beiden Seiten: Tief unter der Erde verstecken sich die Menschen nach der alles vernichtenden Katastrophe in einem verschachtelten Tunnelsystem. Darunter das kleine Mädchen Patema, das immer wieder in der verbotenen Zone der unterirdischen Stadt herumforscht. Als sie eines Tages auf einen der sagenumwobenen Fledermaus-Menschen trifft, stürzt sie in einen Schacht, an dessen Ende der Oberflächenbewohner Age auf sie wartet und mit ihm eine große Überraschung: Auf Ages Seite der Welt wirkt die Schwerkraft auf Patema genau entgegensetzt und plötzlich steht für sie und den Zuschauer alles Kopf. Schnell finden die zwei Gefallen aneinander und an der verrückten Situation, die jedoch nicht ganz ungefährlich ist. Denn nur ein einziger falscher Schritt genügt und Patema würde in die unendlichen Weiten des Himmels hinauffallen.

Eng umklammert befinden sich beide auch schon bald auf der Flucht vor Ages Mentoren, denn in seiner Welt, die rein funktional und technisiert angelegt ist, gelten die sogenannten Inverts als Sünder.

Kritik: Jahaa, sowas können wirklich nur die Japaner – “Patema inverted” erfindet eine Welt, die an unsere erinnert, und doch völlig anders ist. “Wings of Honneamise“, “Sky Crawlers“, “Ace Attorney” – vertraut und doch seltsam fremd. Keine realistische Darstellung einer anderen Realität, sondern ein Konzeptuniversum, eine Art Baukasten, in dem man auch die größeren Teile mal testweise umdrehen oder rausnehmen kann. Im Fall von “Patema inverted” ist das die Schwerkraft.

Es braucht eine Weile, bis man in den Film reinkommt. Unser Gehirn versucht ständig, oben und unten in einen nachvollziehbaren Kontext zu setzen, irgendeine Welt als die “richtige” zu identifizieren. Doch Yoshiura verweigert uns Referenzpunkte. So sehen wir nie die Erde “von außen”, die Unterwelt nie in direktem Verhältnis. Wie groß ist Aiga? Wer hat die Unterwelt gebaut?

Irgendwann gibt man auf – es gibt keine Erklärung für das Szenario auf der Leinwand, wo zwei gleiche Dinge hinauf und hinunter fallen können und der Boden des einen das Dach des anderen ist. Erst wenn es gelingt, den Muster suchenden Teil des Verstandes halbwegs an den Rand zu drängen, gelingt der Connect mit “Patema inverted” auf der emotionalen Ebene.

Dafür wird man dann aber auch mit dem bisher schönsten Film des Festivals belohnt.

“Patema inverted” ist Träumerkino, für den Kopf in den Wolken und die Füße im kristallklaren Bach. Seine Geschichte ist einfach, kindlich, wenn auch sicher nicht kindisch – aber betrachtet durch eine einzigartige Linse. Es geht im wahrsten Sinne um den ständigen Perspektivwechsel, um die Erkenntnis, dass (um einen alten Sponti-Spruch zu strapazieren) oben immer da ist, wo wir sind. Und wie falsch das ist. Es geht um die Angst vor den Anderen, um Traumata nach einer Katastrophe, um das Bedürfnis nach Heilung.

Nur die japanische Gesellschaft, die sehr stark im Spannungsfeld zwischen Eskapismus und Konformität lebt, kann so einen Film produzieren, der von den Kindern verlangt, gegen alle Restriktionen nach oben zu schauen, das Konzept der Sünde zu hinterfragen, über alle Grenzen zu gehen.

hochDer Gorehound mag abwinken – aber das hier ist der Film, in den man Frau und Kind mitnehmen kann, ohne sich selber zu langweilen.

Fazit: Ein bezauberndes Gleichnis über die Notwendigkeit, nicht loszulassen.

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August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (7): All Cheerleaders die

All Cheerleaders dieUSA 2013. Regie: Lucky Mckee, Chris Siverton. Darsteller: Caitlin Stasey, Sianoa Smit-McPhee, Brooke Butler, Thomas Williamson

Synopsis: Crazy Wicca Bullshit: Lucky McKees aktueller Mädchenalptraum fängt unschuldig an, abgesehen vielleicht vom Genickbruch einer Cheerleaderin, festgehalten auf Video von Maddy. Sie dreht eine Doku über die selbsternannten Bitches, hat ihre nerdige Ex-Geliebte Leena abgeschüttelt und ist neben der strahlenden Vortänzerin Tracy nun das It-Girl der Schule. Doch das neue Selbstbewußtsein der eigentlich nur als Jock-Matratzen gedachten Mädels führt erst zur Katastrophe, dann zum gnadenlosen Geschlechterkampf an der Highschool. Wie gut, dass die Girls mit Leena auch magische Kräfte auf ihrer Seite haben, die dem groben Machismo der Sportler mehr als gewachsen sind…

Kritik: Man sollte eigentlich meinen, dass ein Film über lesbische sexy Zombie-Cheerleader nur schwer zu vergeigen ist. Das Duo Lucky Mckee und Chris Siverton hat sich zur Aufgabe gemacht, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Step right up!

“All Cheerleaders die” geht gleich vom Intro an in die Hose – und das nicht auf eine gute, porno-eske Art. Maddy filmt eine Doku über Cheerleaderin Lexi – warum? Keine Ahnung. Vermutlich irgendein Schulprojekt. Wird auch nie wieder erwähnt. Lexi stirbt bei einer Cheerleading-Übung. Maddy will sich nun an Lexis Freund rächen – warum? Auch nicht klar. Sie verrät es aber der Webcam ihres Macbooks – für ein Videotagebuch? Weiß kein Mensch. Maddy schafft es stressfrei, in den Cheerleader-Corps aufgenommen zu werden – mit welchen Hintergedanken? Bleibt im Nebel.

Und das sind nur die ersten sieben Minuten.

Der Rest sind Saufgelage, Schlägereien, happige Vergewaltigungen und dümmlicher Softsex, der uns einen “boob shot” gönnt, der schmerzhaft offensichtlich nachträglich in den Film geschnitten wurde, um wenigstens IRGENDWAS in Sachen T&A präsentieren zu können. Es lässt sich an dieser Stelle schwer vermitteln, wie hanebüchen es ist, wenn in eine jugendfreie Pimperszene plötzlich kontextfrei, falsch beleuchtet und statisch dieser Shot zwei Sekunden lang eingeblendet wird:

boobs

Wäre der Film darüber hinaus auch nur einen Tacken smarter, würde ich unterstellen, dass es sich nicht um einen besonders auffälligen Fall von grober Pflichterfüllung in Sachen Tittenquote handelt, sondern um einen beeindruckenden filmischen Kommentar zu genau diesem Thema. Andererseits – näh, nie im Leben.

Und dann diese Figuren. Himmel, diese Figuren!

Man muss sich schon Mühe geben, einen Film zu schustern, dessen gesamter Cast derart arschlöchrig ist, dass man einem Highschool-Massaker das Wort redet, um diese Spacken loszuwerden. In der Welt von “All Cheerleaders die” gibt es keine Kinder, keine Erwachsenen – nur pubertäres amoralisches Pack, das sich durch Geld und Aussehen den Status “fickbar” verdienen will. Pimpern und gepimpert werden ist das höchste Glück auf Erden.

Es gibt hier keine Protagonisten, weil das unterstellen würde, dass wir jemanden auf unserer Seite haben, dessen Konflikte zu unseren Konflikten werden. Einen Held, einen Antiheld, irgendwen. “All Cheerleaders die” besteht aber nur aus Antagonisten – die Personen auf der Leinwand sind verachtenswerte Minusexistenzen, denen wir lange vor dem Schluss in toto die Pest an den Hals wünschen.

Ihr merkt es: Ein Film, der mich wütend gemacht hat.

An keiner Stelle macht “All Cheerleaders die” auch nur den Versuch, einen roten Faden in die Geschehnisse auf der Leinwand einzuführen. Dafür verwendet er den Großteil seiner Laufzeit damit, sich in Gewalt gegen Frauen zu suhlen, während er sie vordergründig anprangert. Er ist besoffen von einer bizarren “Die saublöde Schlampe hat es nicht verdient, respektlos behandelt zu werden”-Attitüde, die auf psychologisch tiefgehendere Probleme der Macher schließen lässt.

Wenn der Film dann nach der Hälfte in Comic-Trash abrutscht und mit leuchtenden Zaubersteinchen an “The Craft” erinnert, hat man wenigstens noch mal die Gelegenheit, ihn auszulachen.

runterFazit: Ein wirrer, dummer, zynischer und zugleich eierloser Teenhorror, bevölkert von Arschlöchern und Schlampen, mit denen man nicht das Kino teilen möchte. Gebt mir ein D! Gebt mir ein R! Gebt mir ein E! Gebt mir ein C! Gebt mir ein K!

Der Trailer ist ausnahmsweise mal eine ziemlich treffende Repräsentation des Film – wer sich hiernach denkt “Wow, muss ich sehen!”, dem ist nicht zu helfen:

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28
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (6): Wer

werUSA 2013. Regie: William Brent Bell. Darsteller: AJ Cook, Stephanie Lemelin, Brian Scott O’Connor, Simon Quarterman, Sebastian Roche, Vik Sahay

Offizielle Synopsis: Wer hat die Porter-Familie massakriert? Die Polizei hält sich nicht lange auf und verhaftet medienwirksam den geistig unterentwickelten Hinterwald-Hünen Talan Gwynek. Seine junge, ambitionierte Anwältin jedoch will nicht in den Shitstorm einstimmen, der über Talan und seine Mutter hereinbricht. Im Gegenteil: Sie findet heraus, dass ihr Mandant an einer seltenen Krankheit leidet, die es ihm unmöglich macht, eine solch kraftraubende Bluttat überhaupt zu begehen! Was sie nicht ahnt: Diese Anomalie sorgt einmal im Monat für eine folgenreiche Transformation – immer bei Vollmond …

Kritik: Als Jung-Nerd fand ich Werwölfe immer viel cooler als Vampire, Zombies oder Mumien. “Der Fluch des Siniestro”, “Full Eclipse”, “Howling”, “Wolfen”, das war meine Welt. Aber irgendwann fiel mir auf, dass Filmemacher erstaunliche Schwierigkeiten haben, aus dem Mythos immer wieder neue Aspekte heraus zu kitzeln. Während es haufenweise Streifen gibt, die Untote und Blutsauger in neuem Licht erscheinen lassen, sind Werwölfe längst zu Sidekicks und Comedy Relief degeneriert. Das kann viele Gründe haben – vielleicht scheuen Filmemacher das Thema auch nur, weil Werwölfe schon technisch schwerer umzusetzen sind als Vampire und Zombie. Doppelt, wenn sie nicht peinlich wirken sollen.

Sei’s drum. Ich freue mich, wenn das FFF was aus der Lykanthropen-Ecke ins Programm nimmt – auch wenn die Ergebnisse nicht immer überzeugen.

“Wer” (ein Titel, der für den deutschen Verleih kaum geeignet ist) versucht wenigstens, mal anders an die Sache ranzugehen. Zottelfell und Plastikreißzähne bleiben im Schrank, Vollmond spielt eine untergeordnete Rolle, niemand schmilzt das Amulett der Großmutter ein, um eine Silberkugel draus zu gießen. Stattdessen inszeniert Regisseur Bell ein “crime procedural”, einen Thriller im skandinavischen bzw. französischen Stil. Grausame Morde, ein grimmiger Cop, eine entschlossene Anwältin, Ermittlungen an den Außenrändern der Gesellschaft. Grau in grau, eine triste Welt, in der die Gewinner nicht glücklicher sind als die Verlierer. Hätte Henning Mankell “Howling” erfunden, hätte es vielleicht so ausgehen. “Werlander”?

Das Problem: Die Genres mischen sich nicht, meiden einander wie Öl und Wasser. Der Werwolf-Mythos muss derart gewaltsam umdefiniert werden, um in einem “realistischen” Thriller nicht albern zu wirken, dass er jede Potenz verliert. Und wenn es dann doch zu (immer nur behaupteten) übernatürlichen Ereignissen kommt, wirkt die ganze Polizeiplotte komplett dämlich. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Bell das auch gemerkt hat – weswegen er für das Finale auf überraschende und heftige Splattereffekte setzt, die den Film bis zu den Credits über die Runden bringen sollen.

Kurioserweise ist das Finale auch der einzige Teil des Films, der halbwegs funktioniert – wenn alle Prätention aus dem Fenster geschmissen wird und halbnackte Wolfmänner sich grunzend im Sumpf prügeln. Action kann Bell nämlich. Das hat einen gewissen Schmiss, wenn auch nur geringen erzählerischen Mehrwert.

So ist “Wer” weniger ein funktionierender Film als ein cineastisches “non-proof of concept”, ein gescheiterter Versuch, etwas zusammen wachsen zu lassen, was nicht zusammen gehört. Da passt es dann auch, dass die blassen Charaktere nur die dünnsten Klischees bedienen, mehr als Platzhalter auf Bells Spielwiese fungieren.

runterFazit: Ein misslungener, fußlahmer Versuch, einen Werwolf-Film zum realistischen Crime Thriller umzustricken. Substanzlose Charaktere und haufenweise Logikfehler machen endgültig den Deckel drauf.

Die inhaltliche Schlusspointe ist so albern, dass der Trailer sie verrät, ohne dass es auffällt:

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Den deutliche besseren “Full Eclipse” könnt ihr euch in guter Bildqualität und vollständig gleich hier ansehen – Patsy Kensit rawr…:

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August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (5): Beneath & Beneath

BeneathUSA 2013. Regie: Ben Ketai. Darsteller: Kelly Noonan, Brent Briscoe, David Shackleford, Eric Etebari, Jason Masek, Jeff Fahey, Joey Kern

Offizielle Synopsis: Ausgerechnet an dem Tag, an dem Sam ihren Vater ins Bergwerk begleitet, weil sie endlich mal miterleben will, wie hart die Arbeit da unten wirklich ist, kracht der Stollen über ihnen ein. Der Berg knurrt böse, Felsbrocken poltern auf sie herab und als sich der Staub gelegt hat, geht der Horror erst wirklich richtig los.

Die Studentin für Umweltrecht weiß um die Gefahren, wenn giftige Gase aus dem Gestein austreten und die bislang klaren Köpfe der Kumpel korrumpieren. Mit der Spitzhacke ist dagegen nicht anzukommen, doch nach der wird trotzdem gegriffen, wenn die Angst in der stickigen Hölle aus Staub und Stein überhand nimmt. Die Lichtkegel der Stirnlampen zerschneiden die Dunkelheit wie Laserschwerter und treffen auf Chaos im Stakkato-Rhythmus: vorbeihuschende Schatten, heraushängende Gedärme, klaffende Felsspalten. Nie ist klar, woher Gefahr droht. Die Kamera folgt hektisch jedem angsterfüllten Blick und jedem Hilfeschrei bis in die dunkelsten und entferntesten Gänge des unterirdischen Labyrinths.

Kritik:

Liebe Macher von “Beneath”,

ich möchte euch nicht so von oben herab belehren, in dem ich einen vernichtenden Review zu eurem dünnen und doofen Film schreibe. Stattdessen versuche ich es mal mit konstruktiver Kritik, so einer Art 1&1 des Horrorfilms, das ihr offensichtlich nicht kennt. Angesichts der Tatsache, dass ihr euch echte Schauspieler leisten könnt und euer Equipment (besonders Kamera und Beleuchtung) augenscheinlich nicht kaputt sind, hapert es wohl nur am Inhalt – oder der Fähigkeit,, diesen umzusetzen. Aber dafür bin ja ich nun da.

Aaaalso… wenn man einen Film über Bergleute dreht, die nach einem Unglück verschüttet sind und dann gemeuchelt werden, gilt es eine straffe Timeline zu halten. So kompliziert ist der Plot ja nicht. Oberflächlich macht ihr auch genau das, was die Lehrbücher empfehlen: Intro in der Kneipe, um die Charaktere zu setzen (Veteran, Rookie, Love Interest, Vater & Tochter), danach Einführung der Hauptlocation und kräftiger WUMMS, um in Akt 2 zu gehen.

Nur leider ist nicht der Einsturz der Wendepunkt für Akt 1. Der ist nur Setup, nicht Kern des Konflikts. Der Kern des Konflikts ist das “There ist something else down here!”. Und das wird erstmals konkret nach EINER STUNDE angesprochen! Ihr ahnt schon, dass das ein wenig zu spät ist, oder?

Die Natur des “Bösen” ist auch eher vage. Ich habe das Gefühl, ihr wolltet das so. Diese Balance aus “da ist was!” und “bilde ich mir das nur ein?”. Eigentlich keine schlechte Idee – nur sollte halt IRGENDWANN mal klar werden, ob da was ist. Man spürt die ganze Laufzeit, dass ihr euch zu sehr bemüht, euch die Möglichkeit von simplen Halluzinationen durch Sauerstoffmangel offen zu halten. Die es dann wohl auch gewesen sind. Hä?

Wenn als “da” nichts “ist”, dann habt ihr auch nix, was die Handlung voran bringt. Das mag euch jetzt enttäuschen, aber halluzinierende Bergarbeiter geben keinen wirklich spannenden Film ab. Es gibt zu den Protagonisten keine Antagonisten, darum auch keinen Konflikt. Aus genau dem Grund müsst ihr auch immer externe Problemchen erfinden (Sauerstoff, Einsturz, Verletzungen), die wenigstens ein bisschen Laufzeit schinden. All sizzle, no steak, ein filmischer Donut – fetter Rand, aber keine Mitte.

Und wo wir gerade bei Spannung sind: Ja, Dunkelheit und Klaustrophobie können der Spannung förderlich sein. Hat man in “Das Boot” genau so gesehen wie in “The Descent”. Aber daraus kann man keine Faustregel nach dem Motto “Je dunkler, desto spannender” machen. Weil irgendwann aus “scheiße, ist das gruselig dunkel” eben doch “scheiße, ich seh’ nix mehr” wird. Und das ist bei euch dann ziemlich oft der Fall.

Wenn der Plot durch Abwesenheit mangelt, kann man einiges durch die Entwicklung der Figuren wett machen. Das habt ihr am Anfang ja auch alles prima eingeführt. Eine mögliche romantische Beziehung, eine Überforderung (oder Reifeprüfung?) des Rookie, der Ausbruch lang schwelender Vater/Tochter-Konflikte. Wird alles gesetzt. Und dann vergessen. Weil ihr augenscheinlich meint, hysterisch schreiend in Mienenschächten rumzurennen würde ausreichen. Dem ist nicht so, sorry.

Wir fassen also zusammen: Vorher entscheiden, was das “big bad” sein soll. Nach zehn Minuten Setup eintüten, spätestens bei Minute 20 den ersten Kill. Wollt ihr den Streifen an das US-Fernsehen verkaufen, den ersten Kill auf Minute 15 vorziehen. Danach ungefähr alle zehn Minuten ein weiteres Suspense-Setpiece. Den Cast konsequent ausdünnen, dazwischen alte Konflikte aufbrechen, die gelöst werden oder durch Tod Entschuldigung finden. Am Ende kein Schocktwist mit Schwarzblende, das macht man seit 1996 nicht mehr. Vielleicht habt ihr das Memo nicht bekommen.

runterOkay so? Nächstes Mal besser? Danke.

Fazit: Ein Film ohne Kern, der mit Brüllerei und Buh-Effekten seine Laufzeit nur mühsam rum bringt.

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“This is what happened”. No.

Bonus-Review: “Beneath”

BENEATH-POSTERUSA 2013. Regie: Larry Fessenden. Darsteller: Daniel Zovatto, Bonnie Dennison, Chris Conroy, Jonny Orsini

Im Vorfeld des Festivals hatte ich mir diverse Filme besorgt, die schon anderswo auf dem Markt sind, darunter “Beneath”. Erst als ich den Review schreiben wollte, ging mir auf, dass ich den FALSCHEN “Beneath” angeschaut hatte. Easy mistake to make – Regisseur Larry Fessenden ist ja auch schon mehrfach auf dem FFF vertreten gewesen und “mein” “Beneath” wäre hier ebenfalls nicht falsch.

Im “falschen” “Beneath” geht es um ein paar Teenager, die zum Ende der Highschool-Zeit noch mal ordentlich Party im Wald machen wollen….

… echt jetzt? Teenager fahren in den Wald, um Party zu machen? Mit der Plotte traut sich noch jemand aus dem Gebüsch? Ich bin fassungslos.

Und weil “Beneath” schon im Ansatz einfallslos ist, kann man den Rest erwartungsgemäß auch knicken: Der Jock, der Nerd, der Andersfarbige (diesmal ein Indianer, kein Schwarzer), die Schlampe, das Mauerblümchen – also der übliche Baukasten-Cast – fährt mit dem Ruderboot auf einen See hinaus. Es kommt ein Monsterfisch, Ruder putt, die Zeit des händischen Paddelns ans Ufer verbringt man damit, nach und nach die besten Freunde als Fischfutter aus dem Boot zu werfen – was nicht schwer fällt, weil jeder von diesen ekligen Spacken den Tod mehr als verdient hat.

Hier stimmt wirklich gar nichts, es herrscht Hysterie, die Inszenierung ist billig, der Plot voller Löcher und Twists oder überraschende Charakterentwicklungen sucht man vergebens. Eigentlich wartet man nur drauf, dass der Monsterfisch sie endlich kriegt.

Der Monsterfisch ist übrigens das Einzige, was “Beneath” sympathisch macht: Statt billiger CGI à la Asylum und UFO wird hier corman-esk mit einem mechanischem Fisch gearbeitet, dessen Plastikaugen sogar blinzeln können (was echte Fische allerdings NICHT tun!). Das ist nicht überzeugend, aber fast schon drollig.

runterFazit: D-Ware, die nur nachahmt, ohne eine einzige eigene Idee zu haben – und nicht mal das befriedigend hinbekommt. Ein Film, dem die Verachtung für die Zielgruppe aus allen Poren tropft.

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27
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (4): Oculus

OculusUSA 2014. Regie: Mike Flanagan. Darsteller: Karen Gillan, Brenton Thwaites, Katee Sackhoff, Rory Cochrane, Annalise Basso

Offizielle Synopsis: Durch einen Türspalt beobachten die zwei blutverschmierten Kinder, wie der Mann mit der Waffe an ihrem Versteck vorbeigeht. Als er langsam um eine Ecke verschwindet, versuchen die beiden zu fliehen und stürzen verzweifelt in Richtung Ausgang. Doch vor der verschlossenen Tür sehen sie sich einem Grauen gegenüber, dem sie nicht mehr entkommen können.

Elf Jahre ist es her, dass Tims Familie an ihren Wahnvorstellungen auseinander gebrochen und er als Kind zum Mörder wurde. Seitdem hat er in einer psychiatrischen Einrichtung wieder und wieder gelernt, dass er selbst und nicht die übernatürlichen Kräfte eines antiken Spiegels für seine Taten verantwortlich ist. Leider ist seine Schwester Kaylee immer noch vom Gegenteil überzeugt und schleppt den gerade aus der Therapie entlassenen Tim sofort zurück an den Ort des Geschehens. Mit Kameras und Zimmerpflanzen versucht sie im Haus ihrer Eltern die dämonische Macht im Spiegel nachzuweisen, und während sich Tim erst noch bemüht, sie zur Vernunft zu bringen, werden die zwei schon bald von lebhaften Erinnerungen an ihre Vergangenheit heimgesucht und die Grenze zwischen Realität und Irrsinn verwischt von Neuem.

Kritik: Ich freue mich jedes Jahr auf die “sanften” Grusler, die sich auf die Traditionen des Genres besinnen, deren Geister verfluchte Gegenstände im Gepäck haben, die “zur Spannung noch die Gänsehaut” liefern, ohne im Blutmatsch zu baden. Sowas wie “Awakening” oder “Haunter“. “Oculus” schien mir ein guter Kandidat zu sein, denn der Film hatte in den USA einen echten Kinorelease und mit Doctor Who-Gefährtin Karen Gillan auch eine Hauptdarstellerin, die sich wohl kaum für Trashfilme hergibt.

Tatsächlich baut “Oculus” einen Rahmen für eine durchaus tragfähige Schauergeschichte: Eine Familientragödie, ein traumatisiertes Geschwisterpaar, ein verlassenes Haus, ein alter Spiegel mit anscheinend magischen Kräften, eine einzige Nacht der Entscheidung.

In dem Rahmen hängt dann nur leider nichts. Schon sehr früh etabliert Regisseur Flanagan, dass alles Gesehene subjektiv ist, eine Täuschung sein könnte. Es gibt keine Möglichkeit, weder für die Hauptdarsteller noch für die Zuschauer, Wahn von Wirklichkeit zu unterscheiden. Drastische Ereignisse können sich in der nächsten Sekunde als Halluzination erweisen – oder auch nicht. Wir werden allein gelassen mit immer wieder Haken schlagenden Events, die keinerlei Zusammenhang aufweisen, die die Narrative aufbröseln wie ein Knäckebrot, das sich hinterher ja auch nicht wieder zusammen kleben lässt.

Ebenfalls keinen Gefallen tut sich der Film damit, die Vorgeschichte nicht in ein paar Rückblenden zu packen, sondern als permanente zweite Handlungsebene präsent zu halten. Statt sich zu ergänzen, bremsen sich die Stränge permanent aus, reißen den Zuschauer aus den sowieso nicht gerade leicht durchschaubaren Abläufen.

Das Casting ist ein weiteres Problem: Thwaites ist blass, Gillan (gewohnt) kalt, Cochrane charismafrei – Katee Sackhoff überzeugt allerdings mit einer Bandbreite und Intensität, die sie für größere Genrerollen empfiehlt. Go, Starbuck! Auch Annalise Basso begeistert – in dem sie ihr “älteres Ich” Karen Gillan problemlos an die Wand spielt.

Immer wieder hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl, vage zu erahnen, was hier eigentlich versucht wird – “Oculus” erzählt nicht die Geschichte eines teuflischen Spiegels, sondern die Geschichte eines traumatisierten Geschwisterpaares, das verzweifelt versucht, die eigenen widersprüchlichen Gefühle und Erlebnisse in einen Gegenstand zu externalisieren, um einen Abschluss zu finden. Es geht um die Sicht der Dinge – und da ist der gebrochene Spiegel ein perfektes Symbol. Aber dieser hehre Ansatz geht in der völligen Willkür des Ablaufs unter und ergibt sich letztlich der Unfähigkeit Flanagans, auch nur eine einzige Suspense-Szene korrekt zu inszenieren.

So etwas gehört “direct to DVD”, aber nicht ins Kino. Aber was verstehe ich schon davon? Bei gerade mal fünf Millionen Dollar Budget (die man dem Film in Sachen Ausstattung und Effekte leider ansieht) hat “Oculus” bisher weltweit 40 Millionen Dollar eingespielt. Go figure.

runterFazit: Ein wirrer Mix aus Grusel und modernem J-Horror, schlecht inszeniert und mit mäßigen Hauptdarstellern.

Der Trailer verkauft “Oculus” unangemessen stringenter und traditioneller, als er letztlich ist:

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27
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (3): 13 Sins

13 sins

USA 2014. Regie: Daniel Stamm. Darsteller: Mark Webber, Ron Perlman, Pruitt Taylor Vince, Rutina Wesley, Devon Graye u.a.

Offizielle Synopsis: Als Elliot wegen schlechter Verkaufsquote überraschend aus dem Job gekickt wird, ist er kurz vorm Verzweifeln. Schließlich lastet mit seiner bevorstehenden Hochzeit, einem Baby auf dem Weg und dem Unterhalt für seinen behinderten Bruder finanziell mächtig was auf seinen Schultern. Da meldet sich wie aus dem Nichts ein anonymer Anrufer und verspricht ihm viel Geld für 13 bewältigte Aufgaben vor versteckter Kamera für eine Gameshow – wer würde da nein sagen? Zuerst geht es nur um Albernheiten: Eine Fliege töten. Die tote Fliege essen. Ein kleines Mädchen durch irgendeine Gemeinheit zum Heulen bringen. Doch dann werden die Herausforderungen brutaler. Leib, Leben und vor allem Moral stehen nun auf dem Spiel. Die mysteriöse Stimme dirigiert Elliot dabei wie eine Marionette und verwandelt den einstigen Gutmenschen mit jeder Prüfung mehr in ein Monster. Es gibt kein Zurück bis zur letzten Aufgabe! 

Kritik: Ich hoffe mal, das gibt keinen neuen Trend – wie auch “Life after Beth” bemüht “13 Sins” einen Grundplot, der nicht halb so frisch ist, wie die Macher wohl glauben möchten – ein Mann unter Druck muss fremdgesteuert ein paar Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad erledigen…

Auch hier stimmen die Äußerlichkeiten: Die Besetzung ist solide, Kamera und Regie haben ihr Handwerk augenscheinlich nicht auf der Volkshochschule gelernt und die Steigerung der Schwierigkeit der Aufgaben ist verführerisch genug, um “13 Sins” durchaus plausibel zu halten. Im Gegensatz zu vielen anderen Streifen auf dem FFF und anderswo darf man die Autoren beglückwünschen, dass sie den langen zweiten Akt ohne jeglichen Durchhänger meistern. Im Gegenteil – die traditionell schwache Mitte ist bei “13 Sins” das Highlight. Die Story ist in Gang gekommen, aber noch nicht so abstrus, dass es den Zuschauer aus der Glaubwürdigkeitskurve trägt.

Gegen Ende häufen sich dann aber die Fragen, die Widersprüche und die bizarren Zufälle, wenn “das Spiel” auf einmal zur Jahrhunderte alten, globalen Verschwörung der Supermächtigen erklärt wird, ohne damit die Details von Elliots Dilemma aufzulösen. Hier verzettelt sich “13 Sins” endgültig.

Wäre ich generell geneigt, den Film noch als handwerklich soliden, kleinen Thriller durchzuwinken, so muss ich doch allein deshalb härter urteilen, weil mit “Cheap Thrills” letztes Jahr bereits eine deutlich überlegenere, stimmigere und schmerzhaftere Variation des Themas auf den Markt gekommen ist.

mitteFazit: Durchaus spannend und gut gefilmte Variante der alten “Was würdest du tun?”-Nummer, die letztlich an einem inkonsequenten und überhitzten dritten Akt und besseren Vorbildern scheitert.

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27
August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (2): Life after Beth

Wer sich wundert, warum die Reviews mit der Zahl 2 anfangen – Review 1 war vor einigen Wochen schon “Under the Skin”.

trailer-fo-the-zombie-comedy-life-after-beth-with-aubrey-plazaUSA 2014. Regie: Jeff Baena. Darsteller: Aubrey Plaza, Dane DeHaan, Anna Kendrick, John C. Reilly, Molly Shannon, Cheryl Hines, Paul Reiser

Offizielle SynopsisDer junge Zach versucht zu verkraften, dass seine Freundin Beth an einem Schlangenbiss gestorben ist. So oft es geht besucht er ihre Eltern, die ihm näherstehen als die eigenen. Denn Zuhause wird Zachs extremer Trauer mit einem gewissen Unverständnis begegnet. Dass Beth aber plötzlich wieder da ist (von Daddy vorsorglich im Keller weggeschlossen), ist zunächst weniger beunruhigend, als vielmehr eine Überraschung, eine Art ersehnte Fügung des Schicksals. Auch wenn sich die Gute an wenig erinnert, an eine Beerdigung schon gar nicht. Doch dann erscheinen Risse an der Oberfläche: Das Mädchen wird von wüsten Aggressionsschüben gebeutelt, und wenn im Radio Smoth Jazz von Kenny G läuft, beginnt sie sich in wilder Ekstase zu winden. Und nicht nur Beths Verhalten wird zunehmend erratischer. 

Kritik: Eine beeindruckende Garde von Hollywood-Comedygrößen hat sich zusammen gefunden für eine dieser ironischen “Zombie muss in die Familie integriert werden”-Geschichten, die vielleicht vor zehn Jahren noch ein amüsanter Bruch mit Genreklischees waren, mittlerweile aber nur noch ermüden. “Portrait of a Zombie“, “The Revenant“, “Fido“, “Deadheads“, “Retornados” – was mal als neue Facette des Zombiefilms galt, schmeckt schal, ob als Komödie oder als Drama.

Jeff Baenas Film profitiert zwar vom hochkarätigen Cast, bei dem man durchaus auch ein Auge auf die Nebenrollen haben sollte, stottert aber in der Struktur ganz gewaltig – die Beziehung von Beth und Zach und die beginnende Zombie-Apokalypse verschmelzen nie in einer einzigen Handlung, beide Teile scheinen sich gegenseitig den Fokus zu rauben. Das ist fahrig erzählt und auch in der Balance Comedy/Drama nicht immer standsicher.

Hinzu kommt, dass Dane DeHaan als Wiedergeburt von Brad Dourif deutlich überzieht und geradezu messianisch versucht, die Leidensgeschichte seiner Figur zu verkaufen, während der Rest der Besetzung um ihn herum erheblich klarer sieht, dass es sich bei “Life after Beth” um eine Komödie handelt.

Natürlich kann und soll man das alles als Parabel verstehen – Beth ist das Mädchen, das sich in der Beziehung gewandelt hat, langweilig und häuslich geworden ist (demnach “tot” in Zachs Augen). Das wird besonders deutlich, als sie einen geraumen Teil des Finales an eine Waschmaschine gekettet verbringt. Die Eltern wollen es nicht sehen, auch die Freunde drücken beide Augen zu – sie sind doch ein so schönes Paar! Aber am Ende muss Zach einsehen, dass er unter die Lebenden gehört, dass nur der Ausbruch aus der Beziehung einen wirklichen Neuanfang ermöglicht.

Aber so schön sich das auf dem Papier liest, so halbgar und unentschlossen ist es auf der Leinwand umgesetzt.

mitte

Fazit: Überdurchschnittlich besetzte schwarze Beziehungscomedy, der es letztlich an Drive, Fokus und an echter Empathie mangelt. Für FFF-Veteranen ungeeignet, nicht aber für den Kinoabend mit der Freundin, die “auch mal was mit Zombies” sehen will.

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