28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Ones below

The Ones below

ones_below posterEngland 2015. Regie: David Farr. Darsteller: Clémence Poésy, David Morrissey, Stephen Campbell Moore, Laura Birn, Deborah Findlay

Offizielle Synopsis: Kate und Jack erwarten ihr erstes Kind. Als neue Nachbarn ins leerstehende Erdgeschoss ihres Londoner Townhouses ziehen, scheint zunächst alles gut. Schnell erfährt Kate, dass die frisch zugezogene Theresa ebenfalls schwanger ist und die beiden werdenden Mütter haben gleich ein Gesprächsthema. Während sich Kate jedoch sorglos auf ihr Baby freut und nicht viel Wirbel um ihren Zustand macht, dreht sich Theresas Leben um nichts anderes mehr.

Kritik: Erinnert ihr euch, dass ich im Kontext von "Antibirth" vor ein paar Tagen schon mal über die Eigenheiten des Frauenhorrorfilms gesprochen habe, in dem die Angst der Protagonisten von einer Gefahr aus der eigenen Sphäre befeuert wird? "The ones below" ist ein noch perfekteres Beispiel für dieses Genre - und heuer der dritte Film, in dem der "Horror Schwangerschaft" bedient wird.

Wer sich für das Prinzip des Frauenhorrorfilms interessiert, stößt hier wirklich auf den Jackpot, denn fast alle grundlegenden Fragen, die in diesem Komplex auftreten, sind vertreten: Was, wenn mit meiner Schwangerschaft etwas nicht stimmt? Was, wenn ich meinem Mann nicht mehr vertrauen kann? Was, wenn die Nachbarn gegen mich sind? Was, wenn ich den Verstand verliere?

ones below

David Farr ist Profi genug, alle diese Elemente in eine einzige, straffe Handlung zu packen, ohne seinen Film zu überladen. Er hält sich auch bis zum (unglücklichen, da unnötig konkreten) Epilog die Möglichkeit offen, dass das "Paar von unten" überhaupt nicht bösartig hinter Kate her ist - sämtliche Erlebnisse könnten problemlos auch das Ergebnis von Kates paranoider Erschöpfung sein. An manchen Stellen erscheint das sogar wahrscheinlich.

Auf diese Weise können unserer Protagonistin die Daumenschrauben angezogen werden, ohne dass sie eine Chance auf Flucht oder Hilfe hätte. Denn wie in jedem guten "ich gegen den Psychopathen"-Film ist das Hauptproblem nicht die Einschaltung der Behörden - es ist die Frage, wer der Heldin glauben würde.

Das alles wird - ohne besondere Gewalt oder Effekte - hochgradig spannend erzählt, getragen von vier ausgesuchten zentralen Performances der Darsteller. Besonders David Morissey glänzt mal wieder als Alphamännchen mit unglaublicher Präsenz.

Natürlich erfindet "The ones below" den urbanen Nervenkitzler nicht neu, alle seine Elemente sind sattsam bekannt. Aber so komprimiert, so elegant verzahnt und so konsequent erzählt haben wir sie bisher selten gesehen.

gruenFazit: Einer dieser eleganten urbanen Yuppie-Thriller, die in den 80er und 90er Jahren sehr populär waren. Exzellent konstruiert und gespielt, aber letztlich auch sehr glatt und in seinem Drang, eine konkrete Auflösung anzubieten, etwas über das Ziel hinaus.

Philipp meint: Gut inszenierter Psychothriller, der leider der Versuchung nicht widersteht, seine eigene Geschichte komplett aufzulösen.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: We go on

We go on

we-go-on-posterUSA 2016. Regie: Jesse Holland, Andy Mitton. Darsteller: Annette O’Toole, Clark Freeman, John Glover, Giovanna Zacarius, Jay Dunn, Laura Heisler

Offizielle Synopsis: Miles Grissom ist ein einsamer junger Mann mit vielen Phobien. Seine größte Angst ist die Furcht vor einem frühen Tod, so wie er es Nacht für Nacht in immer wiederkehrenden Albträumen erlebt. Deshalb setzt Miles eine Belohnung aus: 30.000$ für denjenigen, der ihm zweifelsfrei nachweisen kann, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Neben zahlreichen Spinnern zieht seine skurrile Anzeige auch einige Leute an, die scheinbar tatsächlich in der Lage sind, den erwünschten Beweis zu erbringen. Gemeinsam mit seiner Mutter macht sich Miles auf die Suche nach der Wahrheit hinter den Behauptungen und muss voller Entsetzen erkennen, dass es da draußen eine andere Welt gibt, die unbemerkt neben der unsrigen existiert. Und diese Welt hält einige schreckliche Überraschungen für ihn bereit.

Kritik: "We go on" ist der Film, den ich nach einem Tag mit "Into the Forest", "Greasy Strangler" und "Creepy" gebraucht habe. Ein Film, der dem entspricht, was ich am ehesten als "phantastischen Film" bezeichnen würde, als Vertreter des Genres, dessen Fan ich in den 70er Jahren wurde. Ein Film, der sich nicht für besser hält als das Genre, weil er höhere Ansprüche hat - aber auch kein Film, der sich für besser hält als das Genre, weswegen er drittklassigen Trash für völlig ausreichend hält.

Erfreulich, dass "We go on" die etablierten Pfade des Geisterfilm verlässt und eben nicht von einem Haus oder einer Person handelt, die Zentrum des Konflikts sind. Er geht eher "on the road", verbringt eine sehr launige halbe Stunde damit, die Scharlatane der Geisterjäger-Branche zu entlarven. Und dann, wenn wir gerade entspannt sarkastisch glauben, alles sei nur Humbug, legt er die Daumenschrauben an...

Einen großen Anteil an der Frische haben die Figuren, die ebenfalls komplett gegen den Strich gebürstet sind. Miles ist kein Held, er ist eine von Phobien verkrüppelte arme Sau. Ihm hilft keine Freundin, kein Love Interest, sondern seine starke und selbstbestimmte Mutter, die wie ein Schild zwischen ihm und den paranormalen Schaumschlägern steht.

we go on

Die Einführung der tatsächlichen Geister baut einen ganz neuen Mythos auf, bringt Spielregeln mit, die die Dramaturgie der zweiten Filmhälfte bestimmen - und die unsere Figuren zwingen, sich mit der eigenen Vergangenheit neu auseinander zu setzen. Dabei sind alle Entwicklungen so spannend wie folgerichtig und so manche Erwartung wird clever unterlaufen.

An keiner Stelle übernimmt sich "We go on" - die Spezialeffekte sind auf das begrenzt, was die Story benötigt, die preiswerten LA Locations (Straßen in Gewerbegebieten, Industriebrachen, leerstehende Häuser) haben das Budget geschont, um sich mit Glover und Annette O'Toole zwei Charakterdarsteller leisten zu können, die dem Film Gewicht geben.

Das Ergebnis ist ein perfekter kleiner Geisterfilm mit frischen Ideen und einem sympathisch unkonventionellen Aufbau, dem ich letztlich nur den Hauptdarsteller Clark Freeman vorwerfen kann. Freeman ist seit ein paar Jahren in Hollywood als Nebendarsteller unterwegs, huscht in TV-Serien gerne als "Cop" oder "Park Ranger" durchs Bild. Für den traumatisierten Miles ist er zu attraktiv und durchtrainiert und seine Darstellung von Phobie und Panik wirkt immer wieder kindisch und plakativ. Hier hätte ein ausgezehrter, fokussierter Schauspieler vielleicht mehr rausgeholt.

gruenFazit: Ein B-Movie im besten Sinne des Wortes, das mit wenig Geld ein interessantes Konzept packend umsetzt und sich an den eigenen Twists bis zum Nachspann auch nicht verstolpert. Ein gelungener Gegenentwurf zu Ekelspektakeln und introvertierten Depri-Dramen.

Philipp meint: Funktioniert prima. Ein interessantes Setup, die Logik des Films wird sauber eingehalten. Klein aber fein.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Creepy

Creepy

Creepy-posterJapan 2016. Regie: Kiyoshi Kurosawa. Darsteller: Hidetoshi Nishijima, Yûko Takeuchi, Teruyuki Kagawa, Masahiro Higashide, Haruna Kawaguchi, Ryôko Fujino

Offizielle Synopsis: Der lange Kampf gegen Serienkiller hat den Profiler Takakura ausgebrannt. Mit Frau und Hund zieht er sich in eine ruhige Gegend zurück, wo er nun als Dozent der Kriminalpsychologie arbeitet. Während er sich auf Bitten eines Ex-Kollegen nochmal den alten Fall einer verschwundenen Familie vornimmt, versucht seine Frau Yasuko mit ihrem Nachbarn Nishino warm zu werden. Doch mit dem scheint etwas nicht zu stimmen. Yasuko fühlt sich zunehmend irritiert von der zwischen Aggression und Schmeichelei pendelnden Art. Als ihr eines Tages Nishinos Tochter heimlich ins Ohr flüstert, der Mann wäre gar nicht ihr Vater, beginnt eine markerschütternde Horrorfarce ihren Lauf zu nehmen.

Kritik: Oha, über zwei Stunden japanisch mit englischen Untertiteln zum späten Abend. Da braucht es Sitzfleisch. Und Chips. Und Cola.

Fangen wir erstmal mit den erfreulichen Nachrichten an: "Creepy" fühlt sich nicht an wie 130 Minuten. Obwohl der Film sehr gemächlich erzählt wird, lässt die permanente latente Spannung die Laufzeit kürzer wirken als bei so manchem 80 Minuten-Schlockfilm. Das wird auch dadurch erreicht, dass Kurosawa zwei Plots parallel baut und erst im letzten Drittel zusammenführt.

Darsteller und Konstrukt können ebenfalls überzeugen. Die Handlung ist durchaus westlich orientiert, die Figuren könnte man sich genau so in einem amerikanischen oder skandinavischen Setting vorstellen. Die These der Festival-Veranstalter, der Film thematisiere eine genuin japanische Isolierung und Politik der sozialen Nichteinmischung innerhalb der Nachbarschaft, teile ich nicht.

Und ja: Nishino ist wirklich "creepy", als Psychopath mit "mixed characteristics" völlig unberechenbar und damit schwer erträglich. In einem Moment herrisch, im anderen hündisch. Und perfekt gespielt dazu.

creepy

Was "Creepy" allerdings zunehmend ein Bein stellt und gegen Ende zu Fall bringt, sind die vielen Logiklöcher und unbegründeten Charakterschwenks, die nötig sind, um die Story auf Spur zu halten. Figuren enthüllen Seiten, die wir nicht kommen sehen konnten und die auch keinen Sinn ergeben. Die Polizei zeigt komplettes Desinteresse an der Expertise eines hochgelobten Kriminalpsychologen. Selbst nach diversen Morden gibt es nicht mal eine Hausdurchsuchung. All das durchlöchert die Plausibilität von "Creepy" und unterminiert die Spannung, die immer dann am stärksten ist, wenn ich als Zuschauer an die Unausweichlichkeit des Geschehens glauben kann. Das ist gegen Ende des Films einfach nicht mehr der Fall.

Die nur zur Aufrechterhaltung des Plots hinbehaupteten Twists sind umso ärgerlicher, da "Creepy" ja wirklich spannend, unheimlich und unbequem ist. Mit ein wenig mehr erzählerischer Sorgfalt hätte das einer der ganz großen Psychothriller der Gegenwart werden müssen, auf einem Level mit "Schweigen der Lämmer". Aber das wurde dann doch vergeigt.

gelbFazit: Exzellent inszenierter und Gänsehaut erzeugender Vorstadt-Serienkillerfilm, der sich leider mehr und mehr verheddert und am Ende für viele seiner Entwicklungen keine logischen Erklärungen parat hält. Man möchte eine grüne Ampel geben, kann es aber nicht guten Gewissens.

Philipp meint: Spannend und gut gespielt. Aber die Superdrogenkräfte sind zu schlecht erklärt. Dafür hätte ich durchaus noch etwas mehr Laufzeit in Kauf genommen, denn die Zeit geht erstaunlich schnell rum. Zudem eine interessante Perspektive für einen Krimi, aus deren Besonderheiten aber zu wenig gemacht wird. Irgendwie klingt das jetzt schlechter, als der Film ist...

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Greasy Strangler

The greasy Strangler

Greasy-strangler posterUSA 2016. Regie: Jim Hosking. Darsteller: Michael St. Michaels, Sky Elobar, Elizabeth De Razzo, Gil Gex, Abdoulaye NGom

Offizielle Synopsis: Ein alter Mann steht splitterfasernackt in einer Autowaschanlage und brüllt wie am Spieß. Während ihm die rotierenden Schwammwalzen altes Bratfett vom Körper rubbeln, klatscht eine unerhört große Penisprothese links und rechts auf seine bleichen Schenkel. Das ist Ronnie, der mit seinem Sohn Brayden in einem siffigen Haus lebt und sein Essen gerne "greasy" mag. Er ist auch der "greasy strangler", der ständig Leute erwürgt. Richtige Probleme gibt es allerdings erst, als Brayden sich in die dralle Janet verliebt, die ihm Ronnie schon aus Eifersucht abjagen möchte.

Kritik: Ich habe ehrlich gesagt die Schnauze voll von Filmen wie "I Origins", "Tusk", "Happy Birthday", "Follow" und jetzt "Greasy Strangler". Es kotzt mich an, dass Leute mit durchaus technischer Expertise Filme drehen, die nur noch für den Festival-Zirkel gedacht sind, auf dem sie sich als mutig, frech und innovativ beklatschen lassen können von pseudo-intellektuellem Pack, das einen Subtext nicht verstehen würde, wenn er im Lexikon nachzuschlagen wäre. Ich hasse Filmemacher, die sich für schlau halten und deren Werke nur von einem Publikum genossen werden, das sich ebenfalls für schlau hält - und beide Seiten irren. Wenn "weirdness" nicht mehr Werkzeug ist, sondern Selbstzweck.

Die Macher dieser Filme haben keine Ausrede - sie haben das Geld und die Mitarbeiter, Filme mit Inhalt zu drehen, bei denen die visuelle Umsetzung an zweiter Stelle nach der Story kommt. Wir sprechen hier nicht von geblendeten und von sich selbst besoffenen Amateuren, denen man die Egotrips nachsehen muss. Es sind Profis am Werk (Elijah Wood ist mal wieder Producer bei "Greasy Strangler"), die schlicht kein INTERESSE haben, mehr zu bedienen als Triebe und Reizschwellen, Affekt und Ekel.

greasy strangler

Natürlich ist "Greasy Strangler" schick widerlich anzusehen. Ein paar der sehr statischen Bildkompositionen sind nett anzuschauen, drei oder vier Dialoge drehen die Mundwinkel nach oben. Die Farbchoreographie sitzt, die Ausstattung ist gut gewählt, die Darsteller bringen Spielfreude und Mut mit.

Aber es ist viel Rauch um nix. Weil sich hinter all den Ferkeleien und Widerlichkeiten kein Film verbirgt, weil alles nur Show ist. Weil John Waters diese artifiziell gewachsenen Lebensentwürfe vor 40 Jahren bereits authentischer und mit mehr Empathie verfilmt hat.

Ich weiß nicht, was mich mehr anwidert - der leere Zynismus der Filmemacher oder die offensichtliche Begeisterung des Publikums für so eine Nullnummer.

rotFazit: "Greasy Strangler" ist ein Musterbeispiel für das, was auf den Festivals der Welt schief läuft - sinnloses, ausschließlich stilorientiertes Ekelkino für das Spießbürgertum, das sich unerhört frech findet, wenn es 40 Jahre alte Tabus noch mal bricht. Und das Publikum klatscht.

Philipp meint: Will vermutlich lustig sein, ist es aber nie. Einfach nur nervig, langweilig und nicht mal eklig.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Level up

Level up

Level-Up_posterEngland 2016. Regie: Adam Randall. Darsteller: Josh Bowman, Neil Maskell, Doc Brown, William Houston, Leila Mimmack, Christina Wolfe

Offizielle Synopsis: Matt arbeitet mit einem Kumpel am Aufbau einer neuen Tech-Firma. Zumindest sollte er das. In Wirklichkeit zocken die Jungs aber ganztags Videospiele oder schauen YouTube – sehr zum Missfallen von Matts Freundin. Als die allerdings eines Morgens entführt wird, kann sie einen Typen mit Gaming-Erfahrung gut gebrauchen. Denn von diesem Moment an ist Matt plötzlich gefangen in einer real gewordenen Spielwelt, in der es leider keine Chance auf ein Bonusleben gibt.

Kritik: Die Idee, Mechanismen der Egoshooter in die reale Welt zu versetzen, ist reizvoll - aber problembehafteter, als viele Drehbuchautoren zu denken scheinen. Weil die reale Welt eben nicht wie das Level eines Games funktioniert und hier ganz andere Motivationen gelten.

Vor gerade mal drei Monaten habe ich mit "The Call Up" ein ganz gutes Beispiel für dieses Subgenre besprochen - hier werden diverse Probleme dadurch umgangen, dass man die Figuren in eine extrem kontrolliertes Umfeld steckt und ihre Wahrnehmung dem Spiel gerecht virtualisiert. Auch in meinem eigenen Konzept "Game over" hatte ich das gemacht.

"Level up" versucht es anders. Matt wird mitten ins Londoner Leben geschubst, wird per Smartphone dirigiert, soll Aufgaben erfüllen, um das Leben seiner Freundin zu retten - alles (soviel sei verraten) unter den Augen einer Online-Zockergemeinschaft, die Wetten auf sein weiteres Verhalten abschließt.

Und genau das ist schon totaler Blödsinn.

Angeblich sind Tausende normaler Menschen eingeloggt, die über Kameras das Geschehen und das Verhalten von Matt beobachten. Bedenkt man, dass der Spieler tatsächlich Menschen umbringen soll, ist es völlig hanebüchen, dass kein Zocker zur Polizei geht, niemand sich verplappert, das Geschäftsmodell nicht augenblicklich auffliegt. Es wird nie plausibel erklärt, wer die Grundfragen für die Wetten aufruft - irgend jemand müsste in Echtzeit Matts unberechenbares Verhalten sichten, einschätzen und auf weitere Wahrscheinlichkeiten prüfen.

Level up

Dieser Film könnte kein Happy End haben, weil die Veranstalter des Spiels es sich nicht leisten könnten, dass Matt am Leben bleibt.

Wo das Grundkonzept keinen Sinn ergibt, verpufft auch jede Kritik an der Unmenschlichkeit der Spiele(r)welt. An keiner Stelle gelingt es "Level up", einen plausiblen Bezug zwischen der Verrohung durch Online-Anonymität und dem Geschehen auf der Leinwand herzustellen. Er verfehlt sein Thema und reduziert sich damit auf einen reinen "lauf um dein Leben"-Thriller, für den er nicht genug Druck macht, der aber wenigstens von schönen Londoner Locations profitiert.

Man kann natürlich auch den ganzen Online-Schnickschnack subtrahieren und festhalten, dass "Level up" nur eine schlechte Kopie von Finchers "The Game" ist.

gelbFazit: Ein konzeptionell total unausgegorener "Videogame in real life"-Thriller, dessen permanente Laufleistung und optische Eleganz nicht über die Mängel an Drive und Logik hinwegtäuschen können. Continue? No.

Philipp meint: Die Hauptperson ist zu unsympathisch, um einen abzuholen und die innerweltliche Logik funktioniert zu wenig. Computerspiel-Erzählmethode als Film gab es schon besser.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Into the Forest

Into the Forest

Frankreich/Schweden 2016. Regie: Gilles Marchand. Darsteller: Jérémie Elkaïm, Timothé Vom Dorp, Sophie Quinton, Théo Van de Voorde

Offizielle Synopsis: Etwas Schlimmes wird passieren, der kleine Tom kann es spüren. Mehr noch, er kann das Unheil in dämonischer Form manchmal sogar mit seinen eigenen Augen sehen. Die Kinderpsychologin rechnet seine Ängste allerdings der Scheidung der Eltern zu und hat keine Einwände, als Tom mit seinem großen Bruder zum Vater ins weit entfernte Stockholm reist. Daddy hat bereits den perfekten Vater-Söhne-Trip im Sinn: Mit brandneuen Schlafsäcken ausgestattet, starten François und seine Schutzbefohlenen zu einer Hütte tief verborgen in den schwedischen Wäldern. Kein Strom. Kein fließend Wasser. Keine Handyverbindung zur Mutter in Paris. Horror ist besonders grauenerregend, wenn wir ihn durch die vor Schreck geweiteten Augen eines Kindes erleben. Jedes Geräusch, jeder Schatten wird zur überlebensgroßen Bedrohung.

Kritik: Die Inhaltsangabe ist mal wieder Kappes, weil sie den Leser in eine gänzliche falsche Richtung lenkt. Und Verwirrung stiften gehört in meinen Augen nicht zur Aufgabe einer Synopsis. Ich ergänze daher: Das Problem ist Toms Papa selbst, der nachts nicht schläft, die Bilder seiner Ex zerkratzt, verdächtig viele Medikamente schluckt und überzeugt ist, dass sein jüngster Sohn telepathische Kräfte besitzt. Nicht die Familie ist in Gefahr - die Familie IST die Gefahr...

Somit ist "Into the forest" auch weniger Horrorfilm und mehr die Studie des Zerfalls einer Familie. Aus den Augen des kleinen Jungen wird beobachtet, wie der Vater mehr und mehr abdriftet, in schizophrenen Schüben den Kontakt zur Realität und damit seinen Söhnen verliert. Es ist ein schmerzhafter Prozess, denn wir verstehen erheblich früher als Tom und Ben, was passiert.

into the forest

Seine Spannung bezieht "Into the Forest" primär daraus, dass der Vater seine Söhne parallel zu deren Erkenntnissen immer weiter aus der Zivilisation heraus nimmt. Je mehr sie verstehen, dass etwas schief läuft, desto geringer werden ihre Chancen, sich der Situation zu entziehen.

Gut erzählt, gut gespielt - aber man muss schon ein Faible für langsam erzählte Dramen haben. Die Gorehounds und Phantastik-Fans kommen hier nicht auf ihre Kosten. Den Bereich Mystery bedient der Film auch nur in dem etwas vagen Ende, das sich trefflich diskutieren lässt - wer ist der verunstaltete Mann? Ich habe meine eigene Theorie, möchte aber nichts spoilern.

gelbFazit: Sehr gemächlich und aus Kindersicht erzähltes Drama über den Bruch im Urvertrauen von Vater und Sohn, über die Distanz, die eine psychische Krankheit innerhalb der Familie schaffen kann. Nicht ansatzweise so dröge, wie es klingt - aber ein Burner ist der Film auch nicht.

Philipp meint: Langsam erzähltes, auf den Kern reduziertes Drama. Kann man so machen.

Kein Poster, kein Trailer - was ist das denn für eine Scheiße? Na ja, wenigstens ein Interview zum Film mit dem Regisseur - auf französisch:

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26
August 2016

Wortvogel-Geburtstag: 10 years and a movie!

Es war schon gestern, aber ich war anderweitig beschäftigt. Außerdem werde ich das jetzt nicht groß aufplustern, weil der Wortvogel nächste Woche mit einem größeren Wortbeitrag in den Winterschlaf gehen wird.

Dennoch: Gestern vor zehn Jahren habe ich meinen ersten Blogbeitrag online gestellt.

Zehn Jahre. Zehn unglaubliche, verdammte, verrückte, schwere, spannende, (gewünschtes Adjektiv hier), zehrende, nährende Jahre.

Hätte ich mir das jemals vorstellen können? Ohne Arroganz: durchaus. Ich habe den Blog nicht gestartet, um nach sechs Monaten die Lust zu verlieren. Und so ein Outlet hatte ich mir immer schon gewünscht.

Aber eure Resonanz, eure Beteiligung und eure Meinungsstärke haben mich umgeworfen und... ja, auch entzückt. Ob die Diskussionen hart aber fair oder auch mal säbelrasselnd verliefen, es war immer ein echter Kick. Klar, ohne mich gäbe es den Wortvogel nicht - aber ohne euch auch nicht.

Ihr habt einige meiner Filmpremieren (und die zugehörigen Kontroversen) miterlebt, meine vielen Beiträge für Hyperland, die Video-Reports vom DOK.Leipzig, ein paar Romane, das neuste Sachbuch, meine Arbeit für die LandIdee, meinen Umzug zur Liebes Land. Mittlerweile habe ich fast 200 Reportagen für die Magazine geschrieben. Seit zehn Jahren bespreche ich das Fantasy Filmfest, mit den White Nights am Ende des Jahres sollte ich die 400 Filme-Marke knacken. Ihr wart mit mir in England, Südafrika, Amerika, Tschechien, Österreich, Spanien, Italien, der Türkei und Irland.

Nicht zehn Jahre - die ersten zehn Jahre.

Oder anders gesagt:

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Bed of the Dead

Bed of the Dead

bed of the dead-posterKanada 2016. Regie: Jeff Maher. Darsteller: Colin Price, Alysa King, Gwenlyn Cumyn, Dennis Andres, George Krissa, Hamza Fouad

Offizielle Synopsis: Vier Freunde erhoffen sich eine heiße Nacht im kinky Burlesque Club, als sie dort ein Zimmer für ihre Orgie buchen. Nur entwickelt das antike Bett, auf dem die Party steigen soll, ein höllisches Eigenleben. So sitzen Ren, Fred, Sandy und Nancy entsetzt auf zwei mal zwei Metern Matratze fest – dahinter, davor, daneben und darunter lauert der Tod.

Kritik: Es sollte mittlerweile bekannt sein, dass ich sehr unbeleckt in die Filme gehe. Die Reviews stelle ich vorab blind zusammen, kopiere die Inhalts- und Stabangaben, ohne sie zu lesen. Zum Start des Films weiß ich selten mehr als den Titel und das Herkunftsland, manchmal (dank des Szenenfotos) einen Darsteller oder zwei. Das sorgt für Unvoreingenommenheit und verhindert überzogene Erwartungen.

Es gibt natürlich eine Kehrseite: Manchmal freue ich mich auf einen Film und ahne beim Vorspann schon: "DER hat den gemacht? Uh oh, das verheißt nichts Gutes". So sieht "Bed of the Dead" dem Konzept und dem Poster nach wie ein solider B-Horrorfilm aus, der eigentlich als "Death Bed" besser fahren würde, wenn dieser Titel nicht schon an zwei andere Filme vergeben gewesen wäre. Aber die Erkenntnis, dass hier ein paar Crewmitglieder des verunglückten Cronenberg-Ripoffs "Bite" am Werk sind, lässt das Herz in die Hose rutschen.

Und tatsächlich: "Bed of the Dead" ist das, wofür man früher den Begriff "schlock cinema" verwendet hat. Eine dubiose Grundidee, die mehr den finanziellen Beschränkungen (ein Zimmer, ein Bett) der Macher folgt als der kreativen Potenz, ein paar mäßig begabte Knallchargen, ein paar Eimer Kunstblut. Was es an Story, Charakteren und Dialogen braucht, wird eigentlich nur zwischen den begrenzten Möglichkeiten aufgefüllt wie Sand zwischen Pflastersteinen.

Hier stimmt wirklich gar nichts: Weder glauben wir, dass diese vier Menschen zwei Paare sein können, so offensichtlich ist ihre Abneigung. Noch weniger glauben wir, dass die zynische und emanzipierte Sandy allen Ernstes mit ihrem speckigen Boyfriend in einen Bumsclub gehen würde - den ich als Konzept lachhaft finde. Entweder haben die Macher des Films in ihrem Leben keinen Club gesehen oder sie haben sich gedacht: "Wir haben nun mal nur dieses Set, das aussieht wie aus einem viktorianischen Dracula-Film - dann ist das eben jetzt ein Bumsclub!"

bed of the dead

Bevor sich einige Herren der Schöpfung nun begeistert die Hände warm reiben - wie üblich bei dieser Sorte Film ist Gewalt kein Problem, Sex aber schon. Und darum darf in diesem Bumsclub gerade mal eine Statistin für eine Sekunde topless an der Kamera vorbei laufen. Das muss reichen. Sorry.

Ist schon das Setup komplett Banane, wird es fortschreitend nicht besser: Wie in "Bite" verhalten sich alle Personen in jedem Augenblick komplett irrational, weil das zusammen gefaselte Drehbuch sonst mit der Geschichte nicht voran käme. Nach dem ersten Todesfall trauen sich die Überlebenden nicht mehr vom Bett - auch wenn an keiner Stelle etabliert wurde, dass genau darin die Gefahr liegen könnte. Warum das Bett, das seine Opfer blutig meucheln möchte, dieses nicht kann, wenn die Opfer GENAU DARAUF SITZEN, ist ebenso einfach mal der dramaturgischen Notwendigkeit geschuldet. Und obwohl sämtliche Charaktere wissen, dass das Bett sie mit Visionen foppen will, fallen sie noch williger drauf rein als die Besatzung der "Quest" (Bonusverweis für die echten Geeks).

Weil der Plot bestenfalls für 20 Minuten Laufzeit reichen würde, wird eine Parallelhandlung aufgebaut - zwei Stunden später versucht ein verlotterter Cop, die Ereignisse im herunter gebrannten Zimmer zu rekonstruieren. Was im ersten Moment redundant und zeitschindend wirkt, führt letztlich zur einzigen guten Idee von "Bed of the Dead" - die komplett bei "Frequency" geklaut ist und so schlecht umgesetzt wird, dass man unterstellen darf, dass die Macher sich nur vage an die Vorlage erinnern konnten.

Ich war eine Weile lang unsicher, ob ich hier einen B-Schundfilm ungerecht abqualifziere, weil ich mehr verlange, als die Macher beabsichtigt haben. Oder ob ich nicht stärker werten sollte, dass es wenigstens nicht um Zombies oder Serienkiller geht. Schließlich habe ich auch Gruselstücken wie "Hybrid" und "Ghostmaker" Gnade walten lassen, weil sie im begrenzten Rahmen ihr Ziel erreichen.

Aber "Bed of the Dead" erreicht das Ziel eben nicht, er reißt die niedrig gelegte Messlatte. Man ärgert sich permanent über die strunzdummen Figuren, die willkürlichen Wendungen und die extrem blassen Darsteller mit ihren zu offensichtlich auswendig gelernten Monologen.

rotFazit: Ein schon konzeptionell sehr dünner Film versucht sich mit allerlei Flashbacks, Visionen und Zeitverschiebungen irgendwie über 85 Minuten zu retten, kann aber trotz tapferen Splattereinsatzes die völlige Beliebigkeit von Szenen, Figuren und Dialogen nicht auffangen. Billiges Schockerkino auf einer rappeligen Achterbahn.

Philipp meint: Macht aus seiner Zeitverknüpfungsidee zu wenig, um über die allgemeinen Schwächen hinwegzutrösten.

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Trash Fire

Trash Fire

trash fire posterUSA 2016. Regie: Richard Bates Jr. Darsteller: Adrian Grenier, Angela Trimbur, Fionnula Flanagan, AnnaLynne McCord, Matthew Gray Gubler, Sally Kirkland

Offizielle Synopsis: Isabel hat mit ihrem Partner Owen einen ganz besonderen Fang gemacht. Wenn der Bulimiker nicht gerade seine Psychiaterin in den Schlaf quatscht, beschimpft er Isabels Freunde und stößt ihren Bruder vor den Kopf. Von seinen eigenen Angehörigen will Owen schon seit Jahren nichts mehr wissen. Doch da hat der Zyniker die Rechnung ohne die resolute Isabel gemacht! Um ihre Beziehung zu retten, muss eine Familienaussöhnung her. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Owen noch der sozial kompatibelste Spross der Sippe ist. Die Eltern sind einst bei einem Hausbrand ums Leben gekommen, die von den Flammen gezeichnete Schwester Pearl ist schwer traumatisiert. Auch nicht gerade als Sonnenschein erweist sich Großmutter Violet, eine im religiösen Wahn gefangene Furie, die die Besucher aus der Großstadt mit dem Schrotgewehr begrüßt.

Kritik: Richard Bates jr. scheint ein Interesse zu haben, ein FFF-Veteran zu werden. Seit vier Jahren liefert er zuverlässig im Zwei Jahres-Takt einen Genrefilm ab. 2012 begeisterte er das Publikum mit dem Teenager-Ekelfilm "Excision", 2014 fuhr er mit "Suburban Gothic" deutlich softer. Und nun kommt "Trash Fire". Hat sich der Mann positiv weiter entwickelt?

Zuerst einmal fällt auf, dass Bates sich wieder ein eigenes Universum gebaut hat, das mit unserem nur oberflächliche Ähnlichkeiten aufweist. Die Menschen sind so überzeichnet und für den gewünschten Konflikt definiert, die Beziehungen so jenseits von Gut und Böse, dass der Vorwurf, die daraus resultierenden Szenen und Dialoge seien unrealistisch, ins Leere läuft. Bates immunisiert damit seine Extreme - kann man machen, finde ich als Autor persönlich aber faul und durchschaubar. Letztlich ist das ein Problem vieler aktueller junger Hollywoodautoren (siehe auch "Happy Birthday" und "War on everyone"): Ihnen ist entweder das Gespür und das Gehör für echte Menschen abhanden gekommen - oder echte Menschen interessieren sie nicht. Das ist nur leider in dem Augenblick ein Problem, in dem man sich als Zuschauer mit seinem Protagonisten identifizieren will.

trash fire

Ich hatte eigentlich gehofft, Bates würde sich in dieser Beziehung weiterentwickeln, würde eine etwas stimmigere Figurenkonstellation bauen - aber nein. "Trash Fire" (ein letztlich sinnloser Titel) ist ein deutlicher Rückschritt, weil er zwar die gleichen Exzentrismen reitet wie "Excision", das aber in einem deutlich begrenzteren Umfeld, mit weniger spannenden Figuren und einer reduzierteren Bildsprache. Er wirkt, als hätte man versehentlich die Reihenfolge umgedreht: "Trash Fire" wäre als Erstling plausibler gewesen, dem "Excision" als reiferes Werk nachfolgt.

Es hat bestenfalls voyeuristischen Schauwert, den vier Figuren dabei zu zu schauen, wie sie sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen, statt einfach auseinander zu gehen. Befeuert wird die Narrative von der bigotten Großmutter Violet, der die (erneut) großartige Fionnula Flanagan allerdings auch keine neuen Seiten jenseits von "religiöse Furie" abgewinnen kann.

Weil die Figuren letztlich keinen plausiblen Klebstoff haben, der sie aneinander bindet, ist es frustrierend konsequent, dass Bates statt eines erzählten Endes die Handlung bei Erreichen der notwendigen Laufzeit an einer willkürlichen Stelle mit einer Schrotflinte beendet.

rotFazit: Ein frustrierend selbstverliebter und zynischer Filme ohne wirklichen Kern, der in wenigen gelungenen Szenen und Dialogen zeigt, dass Bates sich deutlich mehr auf Comedy als auf Psychoterror konzentrieren sollte.

Philipp meint: Solide, aber nichts besonderes - und gegenüber "Excision" ein eindeutiger Rückschritt. Aber eine grandiose Eröffnungsszene, die als eigener Superkurzfilm funktionieren würde.

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Seoul Station

Seoul Station

seoul station posterSüdkorea 2016. Regie: Yeon Sang-ho. Sprecher: Ryu Seung-ryong, Lee Joon, Shim Eun-kyung

Offizielle Synopsis: Die rebellische Hyun-suen ist von zu Hause ausgerissen und lebt mit ihrem nichtsnutzigen Freund in einem kleinen Apartment, für das ihr mittlerweile das Geld ausgeht. Als der Freund plötzlich gewalttätig wird und sie zur Prostitution zwingen will, bleibt ihr keine Wahl, als erneut die Flucht zu ergreifen. Zeitgleich ist ihr sich sorgender Vater auf der Suche nach Hyun-suen, verpasst sie aber um Haaresbreite. Verzweifelt läuft er auf der Suche nach seiner Tochter durch das Herz der koreanischen Hauptstadt. Doch im Untergrund des großen Bahnhofs, dort wo das Elend kaum noch Steigerung kennt, regt sich plötzlich eine neue Gefahr. Eine Epidemie, die Horden von Untoten hervorbringt.

Kritik: Wieder mal ein wenig einordnende Vorabinfo: Die Macher von "Seoul Station" sind vor ein paar Jahren mit dem Bully-Zeichentrickdrama "King of Pigs" auf dem Festival vertreten gewesen, das ich nicht gesehen habe, das aber wohl sehr gemischt aufgenommen wurde. Der Nachfolger ist zwar in sich geschlossen, aber dennoch ein Prequel für den Realfilm "Train to Busan", der als Abschlussfilm läuft.

Ladies and Gentlemen - Zombie-Invasion!

Seufz...

Das ist der sechste oder siebte Film, der in diesem Jahr dieses Feld beackert - und es wird nicht der letzte sein. Kein anderes Subgenre ist aktuell derart ausgeleiert und ausgelutscht. Was an neuen Facetten gewonnen werden kann, sorgt zwar mitunter für Unterhaltung, wirklich innovative Filme kommen dabei allerdings nicht mehr rum. Vom intimen Drama wie "Battery Park", "Here alone" und "Maggie" bis zum Blockbuster wie "World War Z" - die schlurfenden Untoten sind durch.

Und das ist dann auch eins von drei massiven Problemen, die den Genuss von "Seoul Station" torpedieren. Der Film hat weder dem Genre etwas hinzuzufügen, noch kann er mit interessanten Figuren oder Situationen punkten. Es sind die üblichen Kleingruppen (in diesem Fall zwei ungleiche Paare), die vom Ausbruch überrascht werden und sich durch die urbane Apokalypse schlagen. Türen verbarrikadieren, Mauern erklimmen, Freunde bei der Verwandlung sehen - 08/15 im Handbuch für Zombie-Drehbuchschreiber, das ich wirklich mal in Angriff nehmen sollte.

seoul station

Problem 2 ist die Tatsache, dass es wirklich gar keine Rechtfertigung gibt, "Seoul Station" als Trickfilm zu erzählen. Man müht sich redlich, photorealistisch zu sein, paust Bilder von Gebäuden und Autos durch und rotoskopiert die Figuren, damit ihre Bewegungen so echt wie möglich aussehen. Das Ergebnis ist ein Film, der sein Medium nicht nutzt, aus den Fähigkeiten des Trickfilms keine Ideen zieht. Genau so gut hätte man einen Realfilm mit einem Trickfilter umwandeln können.

Problem 3 ist ein sehr spezifisches, das ich - soweit ich mich erinnern kann - bisher in keinem meiner Reviews thematisiert habe. Es ist die Kombination aus der koreanischen Sprache und der Tatsache, dass praktisch alle Figuren immer wieder in Weinkrämpfe ausbrechen. Über weite Strecken ist "Seoul Station" mit seiner Jammerei und den (besonders bei Hyun-suen) nach Klageliedern klingenden, schluchzenden Ausbrüchen extrem nervig und für westliche Ohren kaum zu ertragen. Man wird das Gefühl nicht los, dass Koreaner der Zombie-Apokalypse primär mit Luschigkeit begegnen würden - und dazu passt, dass die aktivste und pragmatischste Figur im Film ein Schwarzer ist.

Dass der große Twist am Ende rückblickend keinen wirklichen Sinn ergibt, ist da noch das geringere Problem. Wenigstens sieht der Trailer für "Train to Busan" etwas besser aus - und weniger weinerlich.

rotFazit: Ein generischer Zombieheuler (see what I did there?), der beliebige Klischees des Genres durchkaut und am Ende keinerlei neue Aspekte findet. Er kann sich aber zumindest rühmen, im Alleingang das Subgenre des Heulsusen-Horrorfilms begründet zu haben.

Philipp meint: Genauso ein Heulsusenfilm wie "King of Pigs". Man freut sich über jeden, der endlich von den Zombies gefressen wird. Auffällig ist die Antriebslosigkeit und Unselbständigkeit der meisten Charaktere.

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: They call me Jeeg Robot

They call me Jeeg Robot

jeeg robot posterItalien 2015. Regie: Gabriele Mainetti. Darsteller: Claudio Santamaria, Luca Marinelli, Stefano Ambrogi, Ilenia Pastorelli, Maurizio Tesei, Francesco Formichetti, Daniele Trombetti, Antonia Truppo, Gianluca Di Gennaro

Offizielle Synopsis: Auf der Flucht vor der Polizei kommt der Kleinkriminelle Enzo mit radioaktivem Abfall in Berührung und entwickelt übermenschliche Kräfte, die er zunächst konsequent zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Wozu auch in der Schlange stehen, wenn man Superkräfte hat? So wird der Bankautomat einfach gleich aus der Wand gerissen und mitgenommen. Die Begegnung mit der psychisch instabilen Alessia bringt den Menschenfeind jedoch an seine Grenzen. Sie ist überzeugt, in ihm die fleischgewordene Mangafigur Jeeg Robot zu erkennen und will Enzo dazu bringen, seine Kräfte für einen guten Zweck einzusetzen. Der brutale Gangleader Fabio setzt derweil alles daran, dem Neuling zu zeigen, wer in den römischen Vorstadtslums das Sagen hat.

Kritik: Ich sage ja immer wieder gerne, dass es gefährlich ist, sich nicht für ein Genre zu entscheiden oder gar verschiedene Genres zu mixen. Um das erfolgreich durchzuziehen, braucht es große erzählerische und inszenatorische Sicherheit, damit die einzelnen Elemente sich nicht gegenseitig neutralisieren, wie das heuer z.B. bei "War on everyone" der Fall war.

Das macht es umso überraschender, dass es Gabriele Mainetti mühelos schafft, bei seinem Erstling gleich drei Gattungen zu bedienen: "They call me Jeeg Robot" ist als Superheldenfilm (inklusive Origin Story und Superbösewicht) ebenso stimmig wie als kleines italienisches Gangsterdrama und als Außenseiter-Liebesgeschichte. Es gelingt Mainetti, die Elemente so ineinander zu verzahnen, dass sie sich befruchten, dass sie voneinander Aspekte übernehmen und dadurch ungewöhnlich frisch wirken.

jeeg robot

Dass "Jeeg Robot" funktioniert, liegt erstmal an der tonalen Stimmigkeit. Egal, welche Elemente er bedient, er bleibt bei sich selbst, erzählt Enzo als fast autistischen Kleinkriminellen ohne Lebensplan, der erst durch Alessia und die Superkräfte lernt, dass man im Leben auch für größere Dinge stehen kann. Das ist nicht glamourös oder episch - Enzo verstolpert sich denn auch mehrfach bei dem Versuch, ein Held zu sein, teilweise schmerzhaft.

Und wie in "Unbreakable" (an den "Jeeg Robot" mehrfach erinnert) ist es letztlich das Auftauchen des Superbösewichts Fabio, das Enzos Persona als Superheld formt und festigt. Er ist die große Aufgabe, die der kleine Gauner gebraucht hat. Held und Bösewicht bedingen, brauchen einander.

Nun wäre ein Film über einen Kleinkriminellen mit plötzlichen Superkräften vermutlich zuallererst mal eine Komödie - es ist die Liebesgeschichte von Enzo und Alessia, die "Jeeg Robot" das Gewicht gibt, gerade weil sie so unkomfortabel und mühsam ist. Alessia hat sich wie Enzo in eine eigene Welt zurückgezogen, definiert ihr Dasein und ihre Mitmenschen als Teile des Animes "Jeeg Robot", um sich nicht mit dem Tod ihrer Mutter und später ihres Vaters auseinander setzen zu müssen. Enzo ist für sie der Superheld aus der Serie und für ihren kindlichen Verstand ist es undenkbar, dass dieser Strahlemann niedere Triebe wie Sex haben kann. So befindet sich das Paar in einem Spannungsfeld, dass manchmal ungut nach Pädophilie und Vergewaltigung riecht - und das auch thematisiert.

Wen's interessiert - das ist hier der "Jeeg Robot", auf dem der von Alessia erträumte Mythos basiert:

Am Ende ist es der narrative Fokus der Superheldengeschichte, die vereinfachte Weltsicht der Comics, die "Jeeg Robot" wieder aus der Melancholie reißt und zu seinem sehr unterhaltsamen Ende bringt. Enzo mag praktisch alles verloren haben, mag vieles falsch gemacht haben - aber er ist Jeeg Robot. Und Jeeg Robot ist der Beschützer seiner Stadt.

Der Film ist visuell nicht knallig, sondern eher im Stil von schmutzigen Mafiafilmen der 70er inszeniert - das, was er an Spezialeffekten mitbringt, macht er aber überzeugend und bruchlos in die Umgebung eingebettet. Die starke, straffe Regie sorgt dafür, dass es keine Durchhänger gibt und die überzeugenden Darsteller (der tumbe Enzo, die Kindfrau Alessia, der Italo-Joker Fabio) überhöhen ihre authentischen Figuren gerade genug, um auch die Comic-Aspekte bedienen zu können.

Sicherlich eine der ganz großen Überraschungen des Festivals und die perfekte Erklärung dafür, warum ich möglichst unvorbereitet ins Kino gehe und immer versuche, wirklich ALLE Filme zu sehen.

gruenFazit: "Allein gegen die Mafia" meets "Unbreakable" im Schatten einer zarten, aber schwierigen Liebesgeschichte. Neben "We are the Flesh" und "Swiss Army Man" der sicher beste Beweis, dass das phantastische Genre trotz aller Zombie-Invasionen und Spukhäuser noch lange nicht auserzählt ist.

Philipp meint: Erstaunlich gelungenes Genremix, das sich nicht zu ernst nimmt.

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25
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Toro

Toro

toro_posterSpanien 2016. Regie: Kike Maíllo. Darsteller: Mario Casas, Luis Tosar, José Sacristán, Ingrid García Jonsson, José Manuel Poga, Nya de la Rubia

Offizielle Synopsis: Fünf Jahre nach einem misslungenen Raubüberfall stellt sich wieder Normalität in Toros Leben ein: Er ist dabei, mit der jungen Lehrerin Estrella eine Familie zu gründen und verdient sein Geld als Taxifahrer. Dann jedoch steht eines Tages sein Bruder Lopez vor der Tür und steckt nicht nur in Schwierigkeiten mit dem örtlichen Gangsterboss Romero, sondern ist von diesem auch kurzerhand seiner Tochter Diana beraubt worden. Toro zögert nicht, als Lopez um Hilfe fragt. Vereint im Zorn ziehen die beiden Brüder los, um Diana aus den Klauen Romeros zu befreien und legen dabei halb Spanien in Schutt und Asche.

Kritik: Lest die Inhaltsangabe noch mal. Alles, was darin steht, ist richtig - und in letzter Konsequenz doch falsch. Weil es nicht um den Rachefeldzug zweier Brüder geht, die im Stile von Schwarzenegger und Willis eine Spur der Verwüstung hinterlassen. "Toro" ist ein Film über einen Mann, der aussteigen will und doch nicht kann, dem jeder Versuch, die Fehde zu einem Ende zu bringen, entgleitet - und dessen unglaubliche Renitenz und Professionalität die Gewaltspirale immer weiter dreht.

"Toro" ist daher kein Actionfilm - es ist ein Familiendrama, das Action als primäres Erzählelement verwendet. Kein Stunt, keine Schlägerei, keine Verfolgungsjagd ist Selbstzweck. Im Gegenteil - Kike Maíllo hält die Action extrem straff und verweigert das voyeuristische Auge. Weiter weg vom US-Stil mit seiner Spektakelsucht kann man nicht sein.

Die Figuren sind Archetypen, wie sie mittlerweile auch in Spielen wie "Grand Theft Auto" und "Mafia" vorkommen: Der kunstsinnige, leise, aber eiskalte Gangsterboss. Der schmierige Unterling, der immer lügt und immer andere braucht, um seine Scheiße aufzuwischen. Der Austeiger aus dem System, das keine Aussteiger erlaubt. Die vielen gesichtslosen Mitläufer, Kanonenfutter, die es in der Hierarchie des Verbrechens nicht mal ins mittlere Management schaffen, bevor sie eine Kugel erwischt. Und die Frauen - Mütter und Huren.

toro

"Toro" ist dabei aufgeteilt in einen knalligen Prolog, eine kurze Ruhe vor dem Sturm-Phase - und in einen Tag, der zunehmend wahnwitziger, ausufernder und hoffnungsloser wird. Weil ein Ende des Kampfes nicht möglich ist, wenn jede Aktion eine Reaktion hervor ruft, wenn beide Seiten nur Eskalation als Mittel zum Machterhalt kennen.

Das Ergebnis ist erstaunlich: Wir nehmen die Figuren augenblicklich an, lassen uns auf sie ein - und die zu erbringenden Opfer rühren auch das Publikum. Am Ende stehen alle Protagonisten vor den Scherben ihres Lebens, müssen Verantwortung übernehmen, einen schmerzhaften Neuanfang wagen. Wie sehr uns das berührt, zeigt die Qualität von "Toro" weit über das Actiongenre hinaus.

Das ist exzellent beobachtet, phantastisch gespielt, besonders von Luis Tosar, der an einen tragischen Helge Schneider erinnert und nach "Shrew's Nest" und "To steal from a Thief" erneut beweist, warum er zu den Top-Schauspielern seines Landes gehört.

gruenFazit: Familienehre gegen Gangsterehre in einem perfekt austarierten, ständig eskalierenden Actiondrama. Ein Film, dessen US-Remake die Karriere von Jason Statham wieder auf Spur bringen könnte.

Philipp meint: Spannender, schlüssiger Thriller mit typisch spanischer intensiver Bildsprache.

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25
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Night of the Living Deb

Night of the Living Deb

night of the living deb posterUSA 2015. Regie: Kyle Rankin. Darsteller: Maria Thayer, Michael Cassidy, Ray Wise, Chris Marquette

Offizielle Synopsis: Für die tollpatschige Deb wird ein One-Night-Stand zum Horrortrip. Schlimm genug, im Bett des Traummannes Ryan aufzuwachen und keine Erinnerung zu haben, was genau eigentlich zwischen den beiden gelaufen ist. Noch peinlicher, wenn Mr. Right am Morgen danach nur eines will: Deb möglichst schnell loswerden und ohne Frühstück hinauskomplimentieren. Der Walk of Shame wird für die Abservierte jedoch noch ätzender als sie begreift, was in der Zwischenzeit außerhalb des Betts passiert ist. Über Nacht ist in dem Kaff die Zombieapokalypse ausgebrochen. Haben die beiden als vielleicht einzige Überlebende nun die Pflicht, durch Fortpflanzung den Fortbestand der Menschheit zu sichern? Debs Herz schlägt höher. Doch noch ist die Epidemie örtlich begrenzt und die Stadt zur Quarantänezone erklärt. Unter den weiteren Nichtinfizierten befinden sich Ryans zwielichtiger Vater, sein schießwütiger Bruder und die zickige, aber optisch ziemlich perfekte Verlobte von Debs Flamme. Die Chance, Ryans Herz zu erobern scheint wesentlich geringer, als es an wütende Beißer zu verlieren.

Kritik: Ich bin ein offener Mensch. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, gehe ich nicht primär zum FFF, um eine bestimmte Sorte Film zu sehen. Ich bin weder Splatterfan noch SF-Nerd, es muss nicht knallhart sein, aber auch nicht mainstream und mit Sandra Bullock besetzt (obwohl das hilft). Es muss nicht mal GUT sein - ANDERS reicht oft schon und manche Krücke habe ich mir als "interessanten Teil der Mischung" schön geredet.

Ich sage das nur, damit es keinen Bruch in eurem Verständnis meiner Person gibt, wenn ich zugebe, dass ich "Night of the Living Deb", die wohl softeste Zombie-Komödie der Kinogeschichte, genau so gerne mag wie "We are the Flesh". Kunst und Kommerz, von ganz hart bis ganz weich - ich bin ein Mensch der Extreme.

Die Tatsache, dass "Deb" da funktioniert, wo "House Harker" scheitert, obwohl beide mit Crowdfunding finanziert wurden, ist recht leicht zu erklären: Kyle Rankin ist ein Profi, der seine Eignung als Regisseur in der US-Serie "Project Greenlight" bewiesen hat. Wer diese harte Schule durchlaufen hat, weiß nicht nur, wie man einen Film stemmt, sondern auch, wo das Publikum sitzt. Und darum hat er klugerweise eine so massenkompatible Zombie-Comedy wie irgend möglich gedreht.

night of the living deb

Soll ich "Deb" allen Ernstes mal mit "Desierto" in einen Topf schmeißen? Soll ich? Kann ich machen. Beide Filme haben sich für ein Thema entschieden, für einen singulären Fokus, den sie präzise entwickeln und dem sie alles unterordnen. So wie "Desierto" sich ganz auf das knallharte Katz & Maus-Spiel in der Wüste konzentriert, ist "Deb" nicht weniger aufmerksam bei der Entwicklung der Romanze von Deb und Ryan und dem Fortschreiten der Zombie-Apokalypse. Da gibt es keine Szene ohne Gag, keinen überflüssigen Nebencharakter, keinen Subplot ohne Bedeutung. Diese Filme kennen ihr Thema, kennen ihr Genre, ihre Zielgruppe.

Die Tatsache, dass "Deb" federleichtes Entertainment bietet, sollte man nicht unterschätzen - federleicht ist sehr schwer. Weil es bedeutet, dass man die Mechanismen dahinter vergisst, dass es keine Brüche gibt, keine Durchhänger.

Eine gewichtigen Anteil an der Sympathie, die "Deb" einfährt, haben wir Deb zu verdanken - nicht primär der Schauspielerin Maria Thayer. Die ist sweet and bubbly, aber das hätten viele andere Schauspielerinnen auch gekonnt. Es ist die Figur, die überzeugt: herzensgut, ein bisschen durchgedreht, nerdy, unsicher, aber patent. Ihre tollpatschige Art ist unwiderstehlich. Deb ist wie Shaun.

Und so hangelt sich "Deb" von einer hübschen Szene nur nächsten wie Tarzan an den Lianen, bis es zum erwarteten Happy End kommt. Und das wäscht dann den Schmutz von "Antibirth" und "We are the flesh" wieder von der Seele, während man mit einem leisen Seufzen den letzten Rest Cola aus dem Becher schlürft...

gruenFazit: Eine dem Mainstream geradezu zwanghaft verpflichtete Zombiekomödie mit Herz, die wirklich keinerlei Risiken eingeht und dem Publikum ergeben gute Laune machen möchte - und das auch schafft. Das filmische Equivalent zu YouTube-Videos von schlafenden Kätzchen.

Philipp meint: Niedliche romantische Komödie mit Zombies. Sehr wohltuend, endlich mal wieder richtig was gelungenes zum Lachen zu bekommen.

P.S.: Es sei noch angemerkt, dass auch Marcus Dunstan mit "The Neighbor" bereits bewiesen hat, dass "Project Greenlight" durchaus beachtliche Talente findet und fördert.

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25
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Kingsglaive: Final Fantasy XV

Kingsglaive: Final Fantasy XV

kingsglaive-final-fantasy-posterJapan 2016. Regie: Takeshi Nozue. Sprecher: Sean Bean, Lena Headey, Aaron Paul, Liam Mulvey, Adrian Bouchet

Offizielle Synopsis: Zwischen Niflheim und Lucis herrscht seit Jahren ein gewaltiger Krieg, nur die Hauptstadt Insomnia kann den Angriffen der Niflheimer noch standhalten. Plötzlich kommt von den Aggressoren ein Angebot: Für dauerhaften Frieden soll Lady Lunafreya Kronprinz Noctis ehelichen. Doch im Reich Lucis ist ein Komplott in Gange. Nur Ritter Nyx Ulric und seine Königsgetreuen sehen die Gefahr und machen sich auf, den Verrat zu zerschlagen.

Kritik: Nein, ihr habt die Teil 2 bis 6 und 8 bis 14 nicht verpasst. "Final Fantasy XV" ist nach "The Spirits within" und "The Advent Children" erst der dritte Film zu einer Videospielreihe, die aktuell bei Teil 15 angelangt ist und mit diesem Werk beworben werden soll.

Und da liegt auch schon der Hase im Pfeffer: Auch wenn "Kingsglaive" von der Story ungleich verständlicher und straighter ist als "Advent Children", ändert das nichts daran, dass sich Nicht-Videospieler in diesem Universum nicht auskennen, dass ihnen die Konflikte, die Figuren und die Mythologie nichts sagen. Einem Noob diesen Final Fantasy-Film zu zeigen ist vergleichbar mit der Idee, einem SF-Neuling "Star Trek Beyond" zu zeigen. Man mag sich am Geschehen auf der Leinwand amüsieren und die Effekte bewundern, aber der Impact, den eine intime Beziehung zur Franchise garantiert, stellt sich nicht ein.

kingsglaive

Und so ist es bei mir dann auch gewesen: Ich habe die erstaunlich detaillierten, geradezu gigantischen digitalen Bauten bewundert, die elegante Action-Choreographie, die gleichzeitig verstörende wie stimmige Mischung aus Fantasy, Science Fiction und Gegenwartstechnologie (man fährt Audi - product placement much?). Ich konnte auch durchaus dem "Quest" (letztlich "rette die Prinzessin") etwas abgewinnen und finde die teilweise photorealistische Darstellung der Figuren zwar nicht perfekt, aber doch erstaunlich. Die gesamte Schlacht zum Finale wirkt wie eine Hochzeit von Transformers und Godzilla - in der digitalen Welt gibt es kein Limit für Sachschäden.

Aber es holt mich eben doch nur begrenzt ab, macht mich nicht zum Fan. Die großen dramatischen Momente verpuffen, weil mir Final Fantasy nicht erklärt, warum sie dramatisch sind. Da wird am Anfang eine junge Frau ermordet, die wir bis dahin in zwei Szenen gesehen habe. War die wichtig? Hat die in früheren Teilen eine größere Rolle gespielt? Löst das nun was aus? Ich weiß es schlicht nicht.

Man sollte auch mal über die Abmischung sprechen. Ich weiß nicht, ob es ein Problem der Kopie oder der Projektion zwar, aber über weite Strecken waren die Dialoge unter der krachenden Musik praktisch nicht zu verstehen. Daran muss noch mal geschraubt werden.

gelbFazit: Als Tech-Demo und simple Fantasy-Schlachtenmär beeindruckendes CGI-Spektakel für die größtmögliche Leinwand, das ohne den Background des FF-Universums aber oberflächlich und nur begrenzt packend bleibt.

Philipp meint: Unübersichtliches CGI-prügelt-auf-CGI-Spektakel, das mich nicht abgeholt hat.

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25
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: We are the Flesh

We are the Flesh

we are the flesh posterMexiko/Frankreich 2015. Regie: Emiliano Rocha Minter. Darsteller: Noé Hernández, María Evoli, Diego Gamaliel

Offizielle Synopsis: Einsiedler Mariano besetzt eines der letzten unzerstörten Gebäude in einer völlig kaputten Welt. Lucio und Fauna, beide jünger und weniger ranzig, wollen bei ihm Unterschlupf suchen. Er wird ihnen gewährt, wenn sie sich Marianos Bedingungen fügen. Aus seinen Augen sprüht der nackte Irrsinn. Sie willigen ein.

Kritik: Endlich! ENDLICH!!! Ein Film, der die Konventionen sprengt, das Publikum spaltet und die Frage, was im Kino erträglich und/oder erlaubt sein sollte, mit großer Wut und viel Eiern neu stellt. Er macht Angst - auch und vor allem vor den eigenen Reaktionen auf Geschehnisse auf der Leinwand.

Dieser Film ist KEIN Kinderspielplatz. Es ist ein Horrorfilm für Erwachsene, wie ich ihn seit der Ära des transgressiven Kinos der 70er nicht mehr gesehen habe. Damit meine ich nicht nur die amerikanischen Kino-Rebellen: "We are the Flesh" verweist auch auf Pasolini, auf Franco, auf Arthouse-Pornographie und Greenaway. Ein Film, der schwer zu ertragen ist - aber wichtig.

Damit ihr nicht denkt, der Wortvogel bauscht seine eigene Empörung auf, hier mal ein kurzer Abriss der explizit gezeigten Handlungen: Oralverkehr, Masturbation, Vergewaltigung, Inzest, Nekrophilie. Dazu diverse Nahaufnahmen von Geschlechtsteilen und Orgasmen. Hier ist nichts Fake, auch nicht der Geschlechtsverkehr.

we are the flesh

Nun gehöre ich eher zu denen, die Tabubruch für einen albernen Raison d'Être halten, die sich über die Ekelhaftigkeiten bei Buttgereit und Ittenbach lauthals lustig machen. Das scheint widersprüchlich, ist es aber nicht. Weil "We are the Flesh" keine pubertäre Angeberei ist, keine Mutprobe, weil seine in traumhaften und bildstarke Szenen verpackten Angriffe auf den etablierten Kino-Geschmack nie Selbstzweck sind. Dieser Kaiser hat Kleider. Es geht um etwas.

Was dieses "etwas" ist, darüber lässt sich trefflich diskutieren. Ist es eine politische Allegorie, eine soziale? Über weite Strecken könnte der Film als biblische Gleichung und Schöpfungsgeschichte gesehen werden. Genau so funktioniert er als Kommentar zur destruktiven Kraft der Zivilgesellschaft. Ich selbst neige dazu, ihn als interne Ansicht eines sexuellen Kults à la Manson zu interpretieren.

Ich hatte mich dazu bereit erklärt, nach dem Film die Benotungskarten für den Fresh Blood-Award zu sammeln. "We are the Flesh" bekam praktisch ausschließlich 1/2 oder 6 von den Zuschauern. Es ist kein Film, der eine Wischiwaschi-Meinung erlaubt. You are either in or out.

Nach dem Screening habe ich Matthias von Rosebud Entertainment übrigens gebeten, die Zuschauer bei den anderen FFF-Vorstellungen vorab explizit auf die zu erwartenden sexuellen Darstellungen hinzuweisen. Ich halte es für selbstverständlich, dass man ein Publikum, das für ein Fantasy-Festival angereist ist, nicht unvorbereitet mit eindeutig pornographischen Szenen konfrontiert.

Wer sich entscheidet, "We are the Flesh" zu schauen, tut das auf eigene Gefahr - und dann möchte ich dringend eure Meinung dazu hören und diskutieren.

gruenFazit: Ein schwerer, langsamer, verstörender, sexuell expliziter Film, der sich einer einfachen Interpretation verweigert, aber damit noch lange nicht willkürlich ist, sondern das Ergebnis einer singulären erzählerischen Vision. Selten genug, aber - der Begriff "Kunst" ist hier als Empfehlung wie als Warnung angebracht.

Philipp meint: Ich will dem Film nicht absprechen, dass andere Deutungen als "wenn erstmal das Inzest-Tabu gefallen ist, wird deine Schwester zur sexhungrigen Schlampe" möglich sind, aber das ist in meinen Augen die naheliegenste. Gute Darsteller und dergleichen helfen nicht darüber hinweg, dass die explizite Darstellung von Vergewaltigungen in einer so nicht-negativen Konnotation für mich nicht angeht.

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