4
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (39): The Canal

canalIrland 2013. Regie: Ivan Kavanagh. Darsteller: Rupert Evans, Antonia Cambell Hughes, Hannah Hoekstra, Steve Oram, Kelly Byrne

Offizielle Synopsis: “Wollt ihr einen Geist sehen?” Mit diesem arglosen Scherz versucht der Film-Archivar David einer Besuchergruppe von Kindern die uralten Streifen von Anfang 1900 aus der von ihm betreuten Sammlung schmackhaft zu machen. Diese bilden natürlich keine Spukgestalten ab, sondern lediglich Menschen, die längst verstorben sind – mit Geistererscheinungen wird David sich allerdings zukünftig mehr beschäftigen, als ihm lieb ist. Denn das alte Haus am Kanal, das der sanfte David mit seiner Familie bezogen hat, birgt seine Geheimnisse. Die Geschichten der Vergangenheit nehmen immer mehr Einfluß auf den jungen Vater und scheinen sich bald schon auf grausame Weise zu wiederholen …

Kritik: Dieses Jahr ballt es sich wirklich – es gibt Tage, da kommen fast nur gute Filme, da segelt man begeistert von einem Highlight zum nächsten. Und es gibt Tage wie heute, wo sich die Gurken die Klinke in die Hand geben.

„The Canal“ ist – wie „Honeymoon“ und „The Babadook“ – ein Gruselfilm, der seine Genreelemente als Metapher für eine gescheiterte Beziehung heranzieht. Williams Visionen und Indizien für die grausige Vergangenheit des Hauses könnten genau so gut Verdrängungsmechanismen sein, um mit dem Tod seiner Frau umzugehen. Und je mehr er sich in die Wahnvorstellungen hinein steigert, desto brüchiger wird sein Kontakt zur Außenwelt, diei ihn sowieso mißtrauisch beäugt.

Das wäre selbst im besten Fall B-Ware, weil wir solche Szenarien zu oft gesehen haben, weil sie wenig Neues erzählen können. Das Genre des „Haunted House“-Films ist vergleichsweise durch und es bedarf schon besonderen Geschicks wie in „Babadook“, um noch Leben aus den Untoten zu pressen. Das gelingt „The Canal“ leider an keiner Stelle, weil er nur auf Standards setzt, niemals ausbricht oder überrascht. Schlimmer noch: William ist ein stinklangweiliger Charakter, dessen Schicksal uns null interessiert und dessen Weigerung, einfach mit seinem Sohn das Haus zu verlassen, zunehmend unglaubwürdig wirkt – was dem Ende jede Potenz nimmt. Die “große Überraschung” ist dann leider genau das, was wir schon erwartet haben.

Technisch wird auf kleiner Flamme gekocht, das einzige wirklich erkennbare Stilmittel ist eine rot/blau-Beleuchtung in diversen eng gefilmten Szenen, die an Argento erinnert. Und am Schluß gönnt sich „The Canal“ noch eine massive Ekelszene, die so unvermittelt und unangemessen wirkt, dass man vermuten könnte, das Publikum soll zum Nachspann noch mal geweckt werden. Too little, too late.

runterFazit: Ein unentschlossener Geisterfilm, der die Strukturen des Genres nur halbgar und mäßig erfolgreich bedient. Diverse dramaturgische Patzer führen außerdem zu unpassendem Gekicher. Ein banaler Programmfüller, den man bequem auslassen kann.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (38): The Rover

the roverAustralien 2014. Regie:David Michôd. Darsteller: Guy Pearce, Robert Pattinson, Anthony Hayes, David Field, Gillian Jones, Jamie Fallon, Nash Edgerton, Richard Green u.a.

Offizielle Synopsis: Guy Pearce spielt diesen Mann und sieht dabei aus, als hätte er drei Jahre nicht geschlafen und sich ebenso lang nicht mehr gewaschen. Stoisch geht er seinen Weg, weiter und weiter; steht ohne Murren wieder auf, wenn er am Boden ist. Sein Ziel: Er will sein Auto zurück, das ihm von einer Bande auf der Flucht entwendet wurde. Auch wenn dieser Kampf bedeuten sollte, dass er alles verlieren wird, in einer Welt, in der schon alles verloren ist – seit dem “Kollaps” vor zehn Jahren, wie eingangs erklärt wird. Wohin sich unser Blick richtet, liegt eine staubtrockene, ausgebombte Kriegszone. Eine triste, glücklose Einöde ohne Zuflucht.

Kritik: Manchmal wüsste ich gerne, nach welchen Entscheidungskriterien die Eröffnungsfilme ausgesucht werden. Manchmal sind es unerwartete Genreperlen (“Black Sheep”, “Severance”, “Stir of Echoes”), manchmal Mainstream, um den Saal zu füllen (“Scream”, “Kiss Kiss Bang Bang”, “American Psycho”) – die Qualität kann es vielfach nicht sein, denn eher selten sind die Eröffnungsfilme auch die wirklichen Highlights des Festivals.

Diesmal also „The Rover“, ein postapokalyptisches Australien-Roadmovie. Angesichts des bevorstehenden Reboots „Mad Max: Fury Road“ vielleicht ganz reizvoll, damit aufzumachen. Unter der Last dieser Erwartung bricht der Film allerdings schnell zusammen.

„Rover“ ist zwar sehr schick gefilmt und mit Guy Pearce und Robert Pattinson durchaus solide besetzt, aber er ist auch sehr lethargisch, wortkarg und handlungsarm – unsere Hauptfigur will letzten Endes nur seinen Wagen zurück haben, egal über wieviel Leichen er dafür gehen. Nur ist das nicht annähernd so spannungsgeladen, wie es klingt. Wann immer unser Held auf Widerstand trifft, zieht er eher beiläufig die Knarre und drückt ab – gerne auch bei Leuten, die ihn nicht wirklich provoziert haben. Am Ende (das spoilere ich einfach mal, weil es keinen Unterschied macht) bekommt er Gerechtigkeit, was in dieser Welt aber rein gar nichts bedeutet.

Natürlich hat Guy Pearce einen knorrigen Charme und Robert Pattinson ist sichtlich bemüht, das Image des „Twilight“-Schönlings loszuwerden, aber der Film besitzt selbst für ein Roadmovie einfach viel zu wenig Antrieb, bleibt in seinen Episoden inkonsequent und erzählerisch mager. Schnell wird man der ewigen australischen Ödnis überdrüssig.

Das Setting des postapokalyptischen Down Under ist zudem belanglos und hätte auch schadlos entfernt werden können – für einen Typen, der gewaltsam sein Auto wiederhaben will, braucht es keinen dystopischen Schnickschnack.

Alles was „The Rover“ mit viel Geld schlecht macht, hat „These final hours“ mit erheblich weniger Geld besser gemacht.

mitteFazit: Ein müder, mäandernder Trip durch ein sterbendes Land, in dem materieller Besitz alle anderen Werte ersetzt hat und der sich unsicher scheint, wie er die Zuschauer unterhalten soll. Als Eröffnungsfilm ein Ausfall.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (37): Extraterrestrial

ExtraterrestrialUSA 2014. Regie: Colin Minihan. Darsteller: Brittany Allen, Freddie Stroma, Melanie Papalia, Gil Bellows, Michael Ironside

Offizielle Synopsis: Eigentlich ist Kleinstadtpolizist ein ganz entspannter Job. Der Sheriff des beschaulichen Echo Lake muss sich in letzter Zeit allerdings mit einigen ungewöhnlichen Vorkommnissen herumschlagen. Nachts fliegt plötzlich eine Telefonzelle samt panischer Anruferin in die Luft und kommt Augenblicke später nur in Einzelteilen zurück. Die Farmer der Umgebung beschweren sich über seltsam sauber abgetrennte Teile ihrer Zuchttiere und eine schwer verletzte Frau warnt vor außerirdischen Entführern. Was der Sheriff zunächst nicht wahr haben will, prophezeit der örtliche Tankwart schon im Opener: “That shit was out of this world!”

Ausgerechnet in besagtem Echo Lake richtet sich eine fröhliche Clique auf ein partyfreudiges Wochenende in einer Hütte im örtlichen Wald ein. Doch ungebetener und garantiert nicht wohlgesinnter Besuch aus dem All schickt sich an, den Freunden ihren Ausflug gehörig zu vermiesen …

Kritik: Ich gestehe, dass mir Zynismus mittlerweile ziemlich auf den Sack geht. Speziell der Zynismus, der Filmemacher dazu bringt, die immer gleichen Filme zu drehen, weil sich immer wieder Idioten finden, die die immer gleichen Filme gucken wollen. Wenn ich morgen einen Streifen mit dem Titel “Die Waldhütte” und dem Untertitel “Es sollte die Party des Jahres werden – es wurde ein Trip IN DIE HÖLLE!” bei Müller ins DVD-Regal stelle und Leuten kaufen den dann – wer ist dann der größere Arsch? Produzent oder Käufer? Henne oder Ei?

“Extraterrestrial” ist ein perfektes Beispiel für den eierlosen, hippen, zynischen und postmodernen Horrorfilm, der so lange den gleichen Plot durchkaut, bis er ihn wieder als Kult rebooten oder “reimaginen” kann. Die Nachfrage der Zielgruppe wird als Legitimität des intellektuell bankrotten Angebots gesehen – nach dem Motto: “Wenn die das kaufen, werden wir es schon richtig gemacht haben”. Und was das Schlimmste ist: Das stimmt vermutlich.

Ich hatte zum Erstling der Vicious Brothers, “Grave Encounters”, seinerzeit geschrieben:

 “Es ist nichts neu, alles sehr billig, und mit einem so leidenschaftslosen Blick auf die Vermarktbarkeit produziert, dass keine wirkliche Freude (oder gar Spannung) aufkommen kann.

Muss man sich darüber freuen, dass die “Vicious Brothers” sich treu geblieben sind?

Man sollte nicht immer vom Äußeren auf den Charakter schließen, aber schaut euch diese beiden mal an:

vicious

Die hätte ich mir auch ohne das Bild genau so vorgestellt. Es ist nur folgerichtig, dass einer der Geldgeber dieser “Vicious Brothers” der Ex-Verlobte von Paris Hilton ist.

Und so fahren also wieder eine Handvoll Freunde in den Wald zur Hütte der Eltern. Einer ist voll die Nervensäge, der immer Scheiße baut und alles mit dem Handy aufzeichnet. Die Blondine ist strunzdumm und trägt Shorts. Der grumpige Sheriff mahnt die “damn kids”, in seinem Revier keinen Unfug zu veranstalten. Joints überall. Der Strom fällt aus, ein Baum blockiert die einzige Straße. Und dann…

Ja, und dann ist es scheißegal, ob der Killer mit der Machete kommt, der Werwolf oder (wie in diesem Fall) ein Haufen Aliens, die so langweilig den Grey-Klischees entsprechen, als hätte man sie aus einem alten Buch von Erich von Däniken rauskopiert. Der Rest ist Geschrei, Geballer, Gesplatter, Gerenne und “shit!”, “fuck!”, “I don’t fucking believe this!”, “we gotta get out of here!”, “Fuck that, man!”, “OMG!” und “Jesus!”.

runterFazit: “Close Encounters of the Cabin in the Woods Kind” – ein einfallsloser, mit dummen Menschen und dummen Dialogen angefüllter D-Film, der sich wohl für irgendwie ironisch oder witzig hält, in Wirklichkeit aber nur zynisch auf die Nische schielt und lange nach dem Ende nicht weiß, wann er aufhören sollte.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (36): Time Lapse

Time LapseUSA 2014. Regie: Bradley King. Darsteller. Danielle Panabaker, Matt O’Leary, George Finn, Amin Joseph, Jason Spisak

Offizielle Synopsis: Das WG-Leben zwischen dem in einer Schaffenskrise steckenden Maler Finn, seiner Freundin Callie und ihrem verpillten Mitbewohner Jasper gestaltet sich nicht immer leicht. Auf die ultimative Probe wird es jedoch gestellt als sie auf der Suche nach einem vermissten Nachbarn, seines Zeichens Wissenschaftler, in dessen Wohnung eine riesige obskure Maschine finden. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Ungetüm als eine auf das Wohnzimmerfenster der drei gerichtete Kamera, die jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ein Foto schießt. Ein Foto, das – so stellt es sich bald heraus – Ereignisse, die exakt 24 Stunden später dort stattfinden, abbildet. Eine echte Zukunftsvision. Das eröffnet natürlich ungeahnte Möglichkeiten und Finn, Callie und Jasper erkunden mit einer gehörigen Portion jugendlichem Leichtsinn sofort Wege, aus diesem Vorsprung Kapital zu schlagen. Dass der mittlerweile von ihnen aufgefundene Nachbar offensichtlich einen sehr seltsamen Tod gestorben ist, kann zunächst verdrängt werden.

Kritik: Zeitreise-Filme sind immer tricky. Weil es halt verschiedene Theorien gibt und man schnell in einem Paradox landet, dass die ganze Story negiert. So spannend das Thema, so trügerisch der Aufbau – selbst “Terminator” ist im Grund genommen hanebüchener Unsinn, weil die Existenz des Teminators das Scheitern von Reese’ Mission beweist. Kann man auch wieder gegen argumentiere, ich weiß.

Um ein bekanntes Beispiel zu nehmen: Wenn ich in der Zeit zurück reise und meinen Großvater töte, werde ich nie geboren – kann also auch nicht in der Zeit zurück reisen und meinen Großvater töten, weshalb ich also doch geboren werden – weswegen ich dann in der Zeit zurück reisen kann… infinite loop.

Ein Weg aus diesem Dilemma ist die Einführung radikaler Restriktionen. “Time Lapse” versucht es damit, dass niemand wirklich in der Zeit reist. Die Protagonisten können lediglich sehen, was in 24 Stunden in ihrem Wohnzimmer zu sehen sein wird. Und auch das ist nur ein Anhaltspunkt, denn die Interpretation dessen, was sie sehen, ist nicht immer einfach.

Dummerweise ist diese Einschränkung auch der Grund, warum “Time Lapse” nie richtig in die Pötte kommt. Denn sie ergibt keinen Sinn. Wenn unsere Helden das Foto nicht sehen würden – wäre es dann trotzdem bindend? Warum versuchen sie nicht mit einer minimalen Änderung der Szenerie auszutesten, was passiert, wenn das Bild nicht exakt nachgestellt wird? Warum kaufen sie sich keinen fucking Funkwecker, um die Unsicherheit des analogen Weckers zur Bestimmung der Fotozeit zu kontern? Warum senden sie sich nur banalste Botschaften wie Sportergebnisse, statt mit Zeitungsschlagzeilen wirklich relevante Veränderungen in die Wege zu leiten? Woher bekommt eine ältliche Professorin eine Pistole? Warum wettet Jasper strunzdumm immer beim gleichen Buchmacher und wundert sich, dass der irgendwann drauf kommt, dass hier etwas nicht stimmen kann? Wieso ist es mittlerweile erlaubt, dass Protagonisten den elenden Trendnamen “Finn” tragen?

Die diversen inhaltlichen Patzer verderben die Folgerichtigkeit und damit auch die Spannung von “Time Lapse”. Unsere Protagonisten werden zu Sklaven des Bildes, nicht zum Schöpfer. Darüber hinaus dreht sich alles nur um Geld und die Frage, wer mit wem schlief – von der Geschichte einer Erfindung, die im Handumdrehen das Universum verändern kann, erwarte ich mir ein wenig mehr.

Was dann endgültig den Deckel drauf macht: “Time Lapse” ist zu offensichtlich ein Film, die Personen zu offensichtlich Figuren, die zu offensichtlich sorgsam geschriebene Dialoge aufsagen, um zu offensichtlich konstruierte Konflikte auszutragen. Wir glauben Finn den Maler ebenso wenig wie Callie die Journalistin. Wir glauben nicht mal die WG, in der sie leben. Das ganze Szenario wirkt so fake wie eine Holodeck-Simulation auf der Enterprise D.

mitteFazit: High Concept-SF, die aus der ansprechenden Idee nicht genug Saft pressen kann und sich über die Laufzeit in Twen-Melodrama und Logiklöchern verstolpert. Mehr theoretisch interessant als praktisch spannend.

Wenn ihr jetzt fragt, warum ich trotzdem noch den Wackeldaumen gebe – gleich kommt der Review zu “Extraterrestrial”…

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P.S.: So drollig wie absurd – John Rhys-Davies wird im Nachspann unter “Cast” ganz weit oben genannt, ist aber gerade mal auf einem Foto zu sehen.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (35): Faults

faultsUSA 2014. Regie: Riley Stearns. Darsteller: Leland Orser, Mary Elizabeth Winstead, Chris Ellis, Lance Reddick, Jon Gries, Leonard Earl Howze, Beth Grant

Offizielle Synopsis: Der einst renommierte Sektenexperte Ansel Roth, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Deprogrammierung von Abtrünnigen, ist am Ende: Seine Fernsehshow wurde abgesetzt, seine Frau hat ihn vor die Tür gesetzt und er ist so pleite, dass er in seinem Auto wohnen muss. Sein aktuelles Buch floppt und sogar sein Manager hetzt ihm einen Geldeintreiber auf den Hals, weil er den Vorschuss zurückhaben will. Überdies wird er auch noch für den Tod eines ehemaligen Sektenmitglieds verantwortlich gemacht, das durch Roths berüchtigte Umkehrmethode dem Wahnsinn verfiel. In dieser verzweifelten Lage entschließt er sich, das Angebot eines besorgten Elternpaares anzunehmen, ihre Tochter Claire aus den Fängen der “Faults”-Gemeinschaft zu befreien. Kurzerhand wird die junge Frau auf offener Straße entführt und in ein miefiges Motelzimmer gesperrt. Dort beginnt der Spezialist in völliger Abgeschiedenheit auf die besessene Claire einzuwirken und setzt ein unheilvolles Kräfteringen in Gang.

Kritik: Manchmal ist es schwer, ein Urteil zu fällen. Wenn ein Film sehr viel richtig macht, wenn er beste Absichten mitbringt, wenn die meisten Teile stimmen und passen – und dann doch irgendwie nichts “klickt”. Es tut weh, dem Regisseur gleichzeitig anerkennend auf die Schulter klopfen und “Das war nix, Alter” ins Ohr flüstern zu müssen.

Zunächst einmal ist die Idee von “Faults” gut. Das Thema der Deprogrammierung war in den 70ern schwer aktuell (ich erinnere mich vage an einen Film, der mich als Teenager schwer verstört hat – der hier, glaube ich). Aber es ist auch heute noch relevant. Manche Menschen werden in Sekten derart mental umgepolt, dass es eine nicht minder radikale Gehirnwäsche braucht, um die grundsätzlichen Funktionen des gesunden Menschenverstandes wieder in Gang zu setzen.

Weil es “klassische” Deprogrammierungs-Filme aber schon gibt, dreht “Faults” unsere Erwartungen um: Der Deprogrammierer als desillusionierter Loser, der erheblich mehr Hilfe braucht als das entspannte und mental überlegene “Opfer”. Die Umkehr der Machtverhältnisse. Die Idee, dass die Sekte auf die Deprogrammierung vielleicht besser vorbereitet ist als der Deprogrammierer.

Dazu im Kern zwei ganz exzellente Performances von Charakterdarsteller Leland Orser und der unglamourös attraktiven, perfekt zwischen schutzbedürftig und beschützend oszillierenden Mary Elizabeth Winstead.

Aber es klickt eben nicht. Zu lange dauert es, bis die Deprogrammierung wirklich in die Gänge kommt, zu lange, bis sie augenscheinlich eine unerwartete Wendung nimmt – und dann tappt Roth, der trotz seiner privaten Probleme immer noch die intellektuellen Kapazitäten haben sollte, die billigen rhetorischen Tricks von Claire zu durchschauen, sehr schnell in die Falle. Die Mühe, einen Menschen zu programmieren, wird nicht als äquivalent schwierig zur Deprogrammierung dargestellt. Roths Unterwerfung ist nicht schockieren, weil sie in etwa so plausibel wirkt wie eine Konvertierung von Richard Dawkins zum Islam.

Genau genommen fehlt eine weitere Wendung: Die “Wiederauferstehung” von Roth, der im psychischen wie physischen Kampf mit Claire seine Werte wiederfindet, sich selbst aus der Verzweiflung heraus deprogrammiert und die Taktiken der Sekte entlarvt.

Ein wenig besser getaktet, ein wenig mehr Tauziehen zwischen den Protagonisten – aus “Faults” hätte eine bitterböse Komödie über den ewigen Drang nach Bestätigung werden können. So ist er nur ein kurioses Kabinettstückchen.

mitteFazit: Ein Deprogammierungs-Kammerspiel, das zwar eine unerwartete Wendung nimmt – leider aber in die völlige Obskurität. Sehr gute darstellerische Leistungen können nicht darüber hinweg täuschen, dass zur guten Idee die gute Struktur fehlt.

Leider kein Trailer vorhanden, sorry.

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3
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (34): The Treatment

treatmentBelgien 2014. Regie: Hans Herbots. Darsteller: Geert van Rampelberg, Ina Geerts, Johan van Assche, Laura Verlinden

Offizielle Synopsis: Zwei Jungen spielen an der Bahntrasse. Ein älterer Herr kommt dazu. Alles scheint harmlos, bis der Mann den Jüngeren im Indianerkostüm plötzlich packt und mit sich zieht. Es sollte damals das letzte Mal gewesen sein, dass Inspektor Nick Cafmeyer seinen kleinen Bruder sah.

Nun wirft die schreckliche Entführung einer Familie, und der barbarische Tod ihres auf eine Astgabel gefesselten Kindes, Jahrzehnte später neues Licht auf den Cold Case von Cafmeyers Bruder, was den Ermittler emotional an seine Grenzen treibt. Doch für private Trauer und Wut bleibt keine Zeit, schon schwebt eine weitere Familie in Lebensgefahr. Wer ist der unheimliche “Troll”, auch genannt “der Beißer”, vor dem sich die Kinder der Umgebung fürchten? Cafmeyer muss tief in das kriminelle Untergrund-Netzwerk der Entführer vordringen und droht sich darin zu verlieren …

Kritik: Mein Agent hat mir jahrelang gesagt, ich solle doch mal einen Krimi oder Thriller schreiben. Da sei der Markt, da sei das Publikum, da sei die Kohle. Aber immer, wenn ich mal die Bestseller im Buchladen per Backcover quergelesen haben, verging mir sofort wieder die Lust daran. Weil das immer die gleichen und elend langweiligen Klischees bedient: Der “einsame Wolf” Cop mit dem Trauma, der Fall aus der Vergangenheit, die brutale Mordserie, der verdächtige Einzelgänger, der Verweis auf eine größere Verschwörung, der Übertritt von Gesetz zu Selbstjustiz – und Regen. Viel Regen. Ich denke, es gibt genug solcher Romane.

Sehe ich allerdings die Buchcharts, dann muss ich konstatieren, dass andere Kollegen sehr viel Geld damit verdienen, das anders zu sehen. Es scheint, als ließen sich die Leser – ähnlich wie bei den schundigen Liebesromanen – mit Begeisterung immer den selben regurgitierten Brei vorsetzen. Mein Anspruch an einen guten Roman steht mir augenscheinlich im Weg.

Und damit sind wir bei “The Treatment”, einem Film nach dem gleichnamigen Bestseller von Mo Hayder, der die oben genannten Elemente derart lustlos und fintenfrei abhakt, als würde er in der Schule ein Verb konjugieren. Alle Figuren sind Klischees und verhalten sich auch so. Kinderpornographie ist der bequemste, weil absolute Aufreger, die Verdächtigen sind arm, hässlich, degeneriert – sie mit allen Mitteln auszulöschen, ist ein Dienst an der “gesunden” Gesellschaft, die hier von weißer Mittelklasse mit Chardonnay und BMW repräsentiert wird. Ein widerliches Szenario, das die düsteren Triebe und die Gaffernatur der angestrebten Leserschaft so geschickt wie zynisch bedient.

Auch inszenatorisch regiert die Mittelklasse, Kamera, Darsteller, Musik und Dramaturgie bewegen sich auf solide öffentlich-rechtlichem Niveau. Ich würde sagen, dass man dafür nicht ins Kino gehen braucht – aber ich würde dafür ja auch den Fernseher nicht einschalten.

Soll ich den Film rundweg ablehnen oder zumindest Fans dieses Genres empfehlen? Letztlich muss ich den Daumen senken, weil ich nicht einmal verstehe, was man an einem drögen Malen nach Zahlen-Krimi wie “The Treatment” finden kann. Zumal man eine solche Thematik intelligenter und dynamischer angehen kann.

runterFazit: Ganz tief in der Klischeekiste buddelnder Kinderschänder-Krimi, den man mittlerweile nach Schema F zusammen bauen kann. Das Ende wirkt nur so lange zynisch und schockierend, bis einem klar wird, wie dumm es ist.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (33): Let us prey

Let us preyGB/Irland 2014. Regie: Brian O’Malley. Darsteller: Liam Cunningham, Bryan Larkin, Pollyanna McIntosh, Douglas Russell, Hanna Stanbridge, Jonathan Watson, Niall Greig Fulton

Offizielle Synopsis: Wild peitschende Wellen, ein unheilvoll aufziehender Sturm und das drohende Krächzen von Raben, deren Schwingen den Himmel verdunkeln: Es scheint in der Tat eine apokalyptische Nacht zu werden, die dem kleinen schottischen Städtchen Inveree bevorsteht, als Rachel Heggie zu ihrer ersten Schicht im örtlichen Polizeirevier aufbricht. In den gespenstisch leeren Gassen wird sie Zeuge eines Autounfalls, dessen Opfer scheinbar spurlos verschwindet. Wenig später taucht der selbe Mann im Revier auf, nistet sich ein zwischen Rachels gleichgültigen Kollegen und dem Abschaum, der in den Zellen im Keller hinter Gittern sitzt – und bald beginnt für alle Beteiligten ein schicksalhafter Albtraum, dessen mörderisches Finale nur die wenigsten überleben werden.

Kritik: Dafür, dass ich ein Atheist bin, habe ich es ziemlich mit Verdammnis und Vergebung. Ich mag religiöse Horrorschocker wie “Das Omen”, “18th Angel”, “God’s Army” und “Hellraiser”. Weil Engel und Dämonen mit inhärenten moralischen Ansprüchen und Konflikten kommen, vielleicht. Weil sie nicht nur eine Spezies repräsentieren, sondern eine Philosophie. Und weil ihre Existenz zwangsläufig von den Menschen Introspektion verlangt. Sie sind nie nur “die Monster” – sie sind ein Scheideweg.

“Let us prey” ist ein perfektes Beispiel dafür. Man hätte auch einen Film drehen können, in dem schottische Hochland-Werwölfe die Polizeistation belagern und die Insassen nach und nach massakrieren (ein bisschen wie “Dog Soldiers”). Das wäre spannend geworden, aber letztlich ohne Konsequenz. Die Attacke der Werwölfe hätte kein Innehalten der Menschen bedeutet, keine Auseinandersetzung mit den eigenen Verfehlungen. Die Tatsache, dass es hier um Judgement Day geht, dass das Böse von innen kommt, dass hier die Opfer allesamt Täter sind – DAS macht den Unterschied.

O’Malleys Film zeigt außerdem, wie klein man große Themen erzählen kann. Zwei, drei Locations, eine Handvoll Darsteller – der Rest ist Atmosphäre, Dialoge, Darsteller.

Von der ersten Szene an besitzt “Let us prey” (nettes Wortspiel, btw) ein Attribut, das ich auf dem FFF nur noch selten vergebe und das in seiner antiquierten Bedeutung perfekt passt: er ist unheimlich. Inveree ist ein toter Ort, die Polizeistation unheilig – nicht nur die Menschen haben die Gemeinde anscheinend aufgegeben, auch die Hoffnung auf das Gute gibt es hier nicht mehr. Es ist kein Zufall, dass das Auftauchen der traumatisierten Rachel als Katalysator wirkt. Es geschieht, was überfällig ist – der Teufel macht Kassensturz.

Das Drehbuch ist angenehm fettfrei und hetzt die Personen beinahe augenblicklich aufeinander. Es gibt keine großen Fragen nach dem Warum, seine Spannung generiert “Let us prey” ausschließlich aus dem Jetzt und Hier. Kleine Gewalt- und Action-Explosionen entladen den Druck, gebären allerdings auch Tod und Vernichtung.

Und hinter allem steht “Six”, der Mann aus Zelle 6: Liam Cunningham ist ein britischer Charakterkopf, der so wenig schauspielern muss wie Robert de Niro oder Mario Adorf. Seine Präsenz ist so dezent wie unübersehbar. Er ist das Auge des Sturms, Richter und Henker, ohne auch nur eine Hand zu erheben.

Das düstere Kammerspiel schafft dann auch noch, was viele Filme vergeigen: ein perfektes Ende, das Abschluss und Aufbruch zugleich ist. Weil die Urteile in Inveree gefällt sind, die Welt aber voller Inverees ist…

hochFazit: Ein kleiner, großartiger apokalyptischer Thriller über das Jüngste Gericht, das eine winzige Polizeistation in einem schottischen Kuhkaff heimsucht. Für Fans okkulten Grusels eine echte Perle mit überzeugenden Darstellern und einem angemessen nihilistischen Weltbild. Der perfekte FFF-Film!

Nicht verwirren lassen – dieser Trailer verkauft “Let us prey” als Actionfilm, der er definitiv nicht ist:

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (32): These final hours

these final hoursAustralien 2014. Regie: Zak Hilditch. Darsteller: Angourie Rice, Nathan Phillips, Daniel Henshall, David Field, David Partridge, Jessica de Gouw, Kathryn Beck, Korum Ellis, Lynette Curran

Offizielle Synopsis: Einer der zweifelhaften Vorteile des Weltuntergangs durch einen Meteoriteneinschlag ist, dass einem vor dem Aufprall genug Zeit bleibt, um Pläne für die letzten Stunden zu schmieden. James möchte den großen Knall möglichst zugedröhnt beim finalen großen Rave der Menschheit erleben und lässt dafür seine heulende Freundin allein zurück.

Als er auf dem Weg dorthin allerdings ein kleines Mädchen namens Rose vor zwei Widerlingen rettet, hat er plötzlich eine Beifahrerin im Auto, die er vor der Party noch loswerden muss. Gemeinsam fahren die beiden durch die brennende Hitze der australischen Vorstadtwüste, während von der anderen Seite des Planeten bereits die todbringende Feuerwand auf sie zurast. Rose ist auf der Suche nach ihrem Vater und James auf der Suche nach jemandem, der ihn von seiner Verantwortung befreit. Doch mit umso mehr Wahnsinn und Narzissmus das unfreiwillige Paar angesichts des tickenden Countdowns auf ihrem Trip konfrontiert wird, desto mehr wird James klar, dass er sich entscheiden muss, was ihm im Auge des Todes wirklich wichtig ist.

Kritik: Ich mag „kleine“ Apocalypse-Streifen, die den Niedergang der Menschheit bescheiden, aber doch umfassend bebildern. Es gefällt mir, wenn Regisseure mit begrenzten Mitteln die ganz große Leinwand bepinseln. In dieser Hinsicht finde ich „Carriers“ oder „The Last Days“ beeindruckender als Emmerichs „2012“ oder „Deep Impact“. Weil sie zeigen, dass es nur wenige Details braucht, um den Zuschauer glauben zu lassen. Ein ausgebrannter Wagen hier, ein Hitzeflimmern dort, leere Straßen übersät von Zeitungen, Rauschen im Fernseher, den niemand mehr abstellt.

Ich mag auch Filme, denen es nicht mehr darum geht, wie sich die Apocalypse noch aufhalten lässt. Diesen ewige Wettlauf mit der Zeit und der Technik, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, finde ich ungleich unspannender als die simple Erkenntnis, dass Stunde X vor der Tür steht – und wir alle nun unseren Frieden damit machen müssen. Was würdet IHR tun?

Aus diesem Grund hatte „These final hours“ ein leichtes Spiel mit mir, denn er bedient genau diese Narrative. James ist ein Taugenichts, der in seinem Leben nicht viel zustande gebracht hat. Mit der Familie verkracht, gerne auf Drogen, die langjährige Freundin mit einer anderen betrogen, die nun auch noch schwanger ist – zehn Stunden vor dem unaufhaltsamen Untergang. James willl sich nach eigenen Worten nur zuknallen und nix mehr merken – auf der großen letzten, von Sex und Drogen geprägten Party seines Kumpels Freddy. Aber die Fahrt dorthin wird für ihn ein Weg zu sich selbst, eine Rückbesinnung auf den besten Mann, den er sein kann, der er aber nie war. Als nichts mehr zählt, findet er das, was wirklich zählt.

Zak Hilditch erzählt diese charakterliche Wiedergeburt ohne Happy End und doch irgendwie mit Happy End straff, als episodisches Roadmovie in einer zerbrechenden Welt. Wir sehen die vielen, zumeist verzweifelten Versuche, mit den letzten Stunden umzugehen, die Verzweiflung, den Wahnsinn. Und wir sehen das Ende der Welt – umgesetzt in einer erstaunlich potenten CGI-Feuerwalze, die schön und schrecklich zugleich ist.

Getragen wird „These final hours“ zudem von ein paar beendruckenden Performances, insbesondere von der kleinen Angourie Rice und Nathan Phillips, dem ich nach fünf Minuten verziehen habe, dass er ein wenig wie Don Swayze aussieht.

Vielleicht nicht der Film, wegen dem der FFF-Splatterfan zum Festival anreist – aber genau das, was ICH hier gerne sehe. Und wieder ein Film, bei dem ich mich frage, warum so etwas hierzulande nicht möglich ist. In „These final hours“ läuft alles auf einen Kommentar über die „human condition“ hinaus – im vergleichbaren deutschen Pendant „Hell“ beschäftigt man sich zum Ende der Zivilisation nur noch mit Kannibalen-Bauern.

hochFazit: Ein bescheiden produzierter, aber inszenatorisch absolut überzeugender Film vom Ende der Welt und dem Anfang der Hoffnung. Sehr emotional, sehr berührend und allemal auch für die Freundin tauglich, die hinter garantiert fragen wird: „Würdest du für mich auch zurückkommen?“. Antwortet einfach „Ich würde dich gar nicht erst verlassen.“

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (31): Open Windows

open windowsFrankreich/Spanien/USA 2014. Regie: Nacho Vigalondo. Darsteller: Elijah Wood, Sasha Grey, Neil Maskell, Adam Quintero

Offizielle Synopsis: Nick hat sich auf ein Date mit der launischen Schauspielerin Jill gefreut, das er bei einer Online-Verlosung gewonnen hatte. Doch die Diva sagt kurzerhand grundlos ab. Da hackt sich der mysteriöse Chord – angeblich ihr Manager – in Nicks Rechner ein und macht dem Fan ein seltsames Angebot: “Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du Jill auch gegen ihren Willen sehen können – über ihre Webcam.” Dem kann der gekränkte Nick nicht widerstehen, und lässt sich auf das undurchdringliche Spiel ein, bei dem er schnell schmerzlich zu verlieren droht.

Kritik: Ich lese ja bekanntlich die Programmtexte nicht und schaue mir auch keine Trailer an, damit ich die Filme vom FFF “frisch” zu sehen bekomme. Darum hatte ich auch keine Ahnung, was mich bei “Open Windows” erwartet. Elijah Wood? Punkt Abzug, den kann ich nicht leiden. Ex-Pornostar Sasha Grey? Zwei Pluspunkte. Gekauft.

“Open Windows” ist zuerst einmal ein Konzeptfilm, der vollständig über das Geschehen auf einem Laptop-Bildschirm erzählt wird. Wir sehen nur, was sich in den diversen Fenstern abspielt – da allerdings einige Webcams zugeschaltet sind, ist das durchaus ausreichend. Oft genug ist die eigenwillige Perspektive sogar irrelevant – was die Webcams zeigen, könnte auch eine normale Kameraeinstellung sein.

Am Anfang haben wir noch das Gefühl, die mysteriöse Stimme, die Nick nach und nach die Kontrolle über Jills Hardware und dann über ihr Leben gibt, könnte uns in einen sleazigen Torture Porn führen. Nick bekommt Macht über die Frau, die er aus der Ferne bewundert – und beginnt langsam, sie sadistisch auszuleben.

Aber das ist nicht der Weg, den “Open Windows” geht. Sehr schnell zeigt sich, dass Nick nur Handlanger von Chord ist, dessen Ziele im Dunkeln bleiben. Es gelingt dem jungen Mann, sich eine zweite Kommunikationsebene mit einer französischen Hackergruppe aufzubauen, die ihn für einen der besten Cybersoldaten der Welt hält. Langsam beginnt Nick, die totale Überwachung gegen den mysteriösen Erpresser einzusetzen.

Das könnte ein bierernster, böser Thriller über die 1000 Augen der modernen Mediengesellschaft sein, in der wirklich alles kontrolliert werden kann: Überwachungskameras, Handys, Verkehrsampeln, Polizeifunk. Aber Pustekuchen: “Open Windows” ist schon nach zehn Minuten so abgedreht, dass jede Glaubwürdigkeit aus dem Fenster fliegt. Die Fähigkeit Chords, wirklich alles zu überwachen und alles vorherzusehen, kennt keine Grenzen und überschreitet fast augenblicklich die Grenze zum Absurden. Jedes noch so komplizierte System ist mit zwei, drei Tastenkombinationen weltweit auszuhebeln, auf Nicks Laptop stapeln sich irgendwann Echtzeit-Informationen, dass die NSA feuchte Augen vor Begeisterung bekäme.

Das Verständnis, das die Macher für moderne Überwachungstechnik haben, entspricht ungefähr dem von Daniel Düsentrieb. Die Software hat was von Yps (mit Gimmick!) und ihre Möglichkeiten machen den “CSI”-Serien alle Ehre. Wenn man den Computer nicht versteht, kann man ihm umso schamloser huldigen.

“Open Windows” wird im Laufe des zweiten Akts immer lauter, schneller, abstruser und unlogischer. Aber dahinter steckt keine Inkompetenz, sondern Konzept – der Film rast förmlich von einem Twist in den nächsten und nimmt bewusst in Kauf, dass der Zuschauer den Quatsch zwar erkennt, vor lauter Entertainment aber nicht dazu kommt, sich darüber an den Kopf zu fassen. Das Finale ist mit “an den Haaren herbei gezogen” nicht ansatzweise adäquat beschrieben – aber man hat zuviel Spaß, um sich davon in die Suppe spucken zu lassen.

Elijah Wood ist dabei erwartungsgemäß solide, und Sasha Grey ist schlicht sensationell. Sie ist nicht nur eine sehr gute Schauspielerin – auch ihre Vergangenheit als Pornostar schimmert immer noch durch. Sie ist es gewohnt, Macht über Männer zu haben, was selbst in den Szenen, in denen sie das Opfer ist, subtil durchscheint.

Ähnlichkeiten mit “The Voices” sind übrigens nicht zu übersehen – “Open Windows” spielt in Austin/Texas, wurde aber praktisch komplett mit spanischer Crew in und um Madrid gedreht.

hochFazit: Alberner Cyberthriller trifft “Saw” – plus Sasha Greys Brüste. Wem das nicht reicht, der kann sich von einer flotten Inszenierung, vielen Wendungen und einer hanebüchenen Darstellung von High Tech begeistern lassen, die den Kopf platzen lässt.

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P.S.: Wer den Prolog gesehen hat, wird mir zustimmen – ich will “Dark Skies” sehen!

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (30): Go Goa Gone

Go Goa GoneIndien 2013. Regie: Krishna Dk, Raj Nidimoru. Darsteller: Saif Ali Khan, Kunal Khemu, Vir Das, Anand Tiwari, Puja Gupta

Offizielle Synopsis: Freundin weg. Job weg. Geld haben sie sowieso noch nie gehabt. In dieser ausweglosen Situation gibt es für die Kiffer-Kumpel Hardik und Luv nur eines: Paaaarrrrrtttttyyyyy!!!!! Am besten auf einer abgeschiedenen Tropeninsel mit vielen süßen Babes, bunten Pillen, der Russenmafia – und Zombies. Wir haben es ja schon immer gewusst: Techno + Drogen = Hirntote. Jetzt kommen auch noch Untote dazu.

Kritik: “Erkan & Stefan gegen die Untoten” – ungefähr das haben sich die Inder als Maßstab genommen, um gänzlich untypisch für die lokale Filmindustrie mal einen Fun-Gruselfilm ohne jeglichen Liebeskitsch zu drehen. Dem Vernehmen nach war der Streifen 2013 in Indien ein absoluter Renner im Kino. Ich rechne das aber eher mal der Tatsache an, dass “Go Goa Gone” Neuland ist und viele Besucher nicht nur wegen des Genres, sondern auch wegen der fast schon provokanten Preisung von Hasch, Alkohol und Spontansex gelockt hat. Wobei Spontansex sich natürlich in Ankündigungen und Nacherzählungen erschöpft – tatsächlich zu sehen gibt es nix.

Subtrahiert man die Tatsache, dass es sich um einen für Indien sehr ungewöhnlichen Film handelt, stolpert man schnell darüber, dass “Go Goa Gone” für den Rest der Welt eine Ansammlung sattsam bekannter Klischees darstellt. Freunde reisen zum Rave, eine Zombie-Epidemie bricht aus, den Rest der Laufzeit verbringt man kreischend und rennend. Die Regisseure haben dem Muster absolut nichts hinzu zu fügen.

Die Zombie sind von der langsam schlurfenden Sorte, das bisschen CGI-Splatter fast schon kindergartentauglich und der Bodycount bei den Protagonisten pendelt sich bei 0 ein – man will ja niemandem den Spaß verderben. Horror lite.

Ist “Go Goa Gone” dann wenigstens lustig? Sagen wir mal so – er hält sich wacker auf halber Strecke zwischen “Shaun of the Dead” und “Blubberella”. Ich musste nur einmal wirklich grinsen, als einer unserer Helden sich fragt, wo die Zombies herkommen, und sein Kumpel im Brustton der Überzeugung ausruft “Globalisierung!”.

mitteFazit: “Die drei Stooges” treffen “House of the Dead” in einem knallbunten, albernen, aber letztlich doch sehr soften Grundkurs in Sachen Bollywood-Zombiefilm. Echter Horror bleibt uns erspart, aber auch die typischen Gesangs- und Tanzszenen.

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P.S.: Drollig ist, dass der Fokus auf das Kiffen der Protagonisten bedingt, dass vor Filmstart in vier verschiedenen Clips vor den Gefahren des Rauchens gewarnt werden muss. Da verstehen die vom Subkontinent keinen Spass!

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (28): Nurse 3D

Nurse 3DUSA 2013. Regie: Douglas Aarniokoski. Darsteller: Paz de la Huerta, Katrina Bowden, Corbin Bleu, Kathleen Turner, Judd Nelson, Boris Kodjoe

Offizielle Synopsis: Sie ist eine Krankenschwester mit besonderer Mission. Tagsüber ist sie zum Wohle der Menschheit unterwegs, doch nachts als Serienkillerin. Ihre Motivation? Irgendwas mit untreuen Ehemännern, die bestraft werden müssen. Am meisten dürfen sich Schwester Abby und Schwester Danni bekriegen. Die hatten nämlich Sex miteinander und das führt am Arbeitsplatz bekanntlich zu Konflikten. Also holt Abby die Knochensäge raus und spritzt die Reizwäsche rot. Danni hat ihre liebe Mühe, ihr Umfeld von Abbys tödlichen Neurosen zu überzeugen.

Kritik: Dieses Plakat, der Titel, 3D, Paz de la Huerta, Katrina Bowden – “Nurse 3D” ist ein einziges schwülstiges Versprechen, ein Zelluloid gewordenes Milo Manara-Comic, das Blut und Sex enthusiastisch zu verbinden gelobt.

Weil dahinter aber der Macher des spektakulär vergeigten “Highlander: Endgame” steckt und nur wenige Regisseure es verstehen, den schmalen Grad zwischen Tease und Terror zu wandeln, ging ich mit entsprechenden Vorbehalten in den Kinosaal.

Und siehe da – “Nurse 3D” ist wie “Wolfcop” genau das, was er sein will – und was er sein will, ist verdammt wenig. Katrina Bowden in Unterwäsche und kurzem Schwesternkittel, CGI-Splatter, ein paar Skalpelle, die auf die Kamera zufliegen (3D!) – der Rest ist Paz de la Huerta nackt. Und man sollte nicht glauben, wie schnell das langweilig wird.

Paz de la Huerta ist Existenzberechtigung und Sinnkrise des Film, sie lockt den Zuschauer ins Kino – und treibt ihn auch wieder hinaus. Das üppige Ex-Model zieht sich so verlässlich und nebensächlich aus, dass “Nurse 3D” auch den Titel “Full Frontal Nudity – The Movie” hätte tragen können. Es gibt kaum eine respektable Schauspielerin, die für einen billigen Horrorfilm mit derartiger Nonchalance den Kittel hätte fallen lassen (Katrina Bowden vermeidet sogar den kleinsten Nipple Slip).

Aber de la Huerta sieht hier entsetzlich aus, die Augen leer und von Ringen umgeben, die Haut ungesund orange, der Mund im permanenten “duck face” eingefroren, die Frisur einer monströsen Perücke ähnelnd. Obwohl sie in New York geboren und aufgewachsen ist, hat sie einen schweren, lallenden Akzent – und ich werde das Gefühl nicht los, dass ihre Off-Stimme nachsynchronisiert wurde.

Die Frau wirkt permanent völlig breit – und das ist kein schöner Anblick. Nackt hin oder her, ihre Verführungskünste wirken aufgesetzt und unehrlich, ohne Spielfreude oder Spaß an der Kontrolle. Sie hat den Sexappeal einer osteuropäischen Prostituierten, die sich jeden Abend mit einer Spritze auf die Schicht vorbereitet.

Weil der Film darüber hinaus nur sattsam bekannte Thriller-Klischees mehr schlecht als recht abspult, beschränkt sich der Reiz auf die Midnight Crowd, die auch bei “Zombie Hunter” oder “Wolfcop” begeistert mitjohlt.

Vor 20 Jahren hätte Julie Strain die “Schwester Abby” gespielt – und alles wäre gut gewesen.

runterFazit: Comic-Trash, weder gut geschrieben noch gut inszeniert, der primär pubertierende Krankenschwestern-Fetisch-Inhaber und chronische Paz de la Huerta-Masturbanten begeistern dürfte, auch wenn die neurotische Nudistin hier eine bestenfalls komatöse Performance abliefert.

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P.S.: Complex hat das de la Huerta-Problem auch schön auf den Punkt gebracht:

de la Huerta delivers all of her unabashedly tongue-in-cheek dialogue (mostly heard in voiceover narration) as if she’s reading off sloppily written cue cards while strung out on Valium. Abby Russell is a human slow-motion machine.”

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (29): The November Man

the november manUSA 2014. Regie: Roger Donaldson. Darsteller: Pierce Brosnan, Luke Bracey, Olga Kurylenko, Eliza Taylor, Will Patton, Patrick Kennedy

Offizielle Synopsis: Peter Devereaux ist zurück für eine letzte Mission. Der einstige Vorzeige-Agent der CIA mit dem Decknamen “November Man” ist der schmutzigen Arbeit als Spion eigentlich längst überdrüssig. Zu viele Menschen hat er kaltblütig abknallen, zu viele Rekruten zu eiskalten Killern trainieren müssen und zu viele Unschuldige sterben sehen. Ein Zyniker ist er mit der Zeit geworden, einer, der noch nie jemandem vertraute, und mit den Jahren gelernt hat, dass er damit auch bestens beraten ist. Doch nun steht viel auf dem Spiel. Man munkelt, ein Maulwurf in der Agency würde zwischen den Fronten intrigieren und den anstehenden Korruptionsprozess gegen ein hohes Tier im Staatsdienst gefährden. Devereaux soll die junge Alice beschützen. Die engagierte Sozialarbeiterin, die minderjährigen Mädchen zum Ausstieg aus der Sexsklaverei verhilft, markiert zur Zeit die einzige Spur zu der vermissten Kronzeugin Mira Filipova in besagtem Justizskandal. Als Gegenspieler sieht sich der November Man ausgerechnet dem völlig skrupellosen Agenten David Mason gegenüber, der als Devereaux’ persönlicher Protégé alle Tricks vom alten Haudegen gelernt hat. Eine wilde Jagd mit undurchsichtigem Ziel beginnt, in der alle Beteiligten ihre ganz persönliche Agenda verfolgen …

Kritik: Ich will gar nicht groß auf die Inszenierung und die technischen Details von „November Man“ eingehen. Es ist ein grundsolider Agentenfilm von Roger Donaldson mit Pierce Brosnan, da ist die Expertise selbstverständlich.

Spannender finde ich die Interpretationsmöglichkeiten und die Frage, für was der Film steht und stehen könnte.

Da ist zuerst einmal Brosnan selbst, der zehn Jahre nach seinem letzten Bond-Film das tut, was Bond-Schauspieler gerne vermeiden: er spielt noch mal einen Superagenten. Das erlaubt einen interessanten Vergleich: Connery war 52, als er in „Sag niemals nie“ einen als deutlich zu alt geltenden Bond spielte. Moore wirkte aufgeschwemt und unbeweglich, als er die Rolle mit 57 abgab. Brosnan war während der Dreharbeiten von „November Man“ schon 60 – und wirkt so fit, als könne er die britische Krone auch noch weitere zehn Jahre verteidigen, ohne in Schweiß auszubrechen. Der Mann ist in einem Maße fit und attraktiv, dass es unheimlich ist – und „November Man“ ist ausreichend Grund, die Verjüngung der Franchise durch Daniel Craig zu verfluchen, gerade weil es interessant gewesen wäre, wie man Bond mit seinem Alter hätte konfrontieren können.

Damit kommen wir zum zweiten Ansatz: Man kann „November Man“ problemlos zum Bond-Abschlussfilm umdenken. Ein paar Namen austauschen, MI5 statt CIA, schon passt der Plot zur Franchise und zu einem Agenten, der sich eigentlich zurückgezogen hat und noch einmal in das dreckige Spiel der Geheimdienste hinein gezogen wird. Dabei hilft, dass mit Olga Kurylenko sogar ein echtes Bond-Girl and Brosnans Seite kämpft.

„November Man“ wäre damit ein hervorragender introspektiver, „kleiner“ Bond-Film, der sich (wie auch „Living Daylights“) mehr auf die komplexen Mechanismen der Geheimdienste konzentrert als auf spektakuläre Action-Setpieces, der mehr auf Spannung als auf Speed setzt. Die Tatsache, dass er nicht das Budget von Bond/Bourne/Missiom Impossible hat, ist dabei sogar ein Vorteil. Es geht nicht mehr um die wolkige Bedrohung der freien Welt, sondern um das hässliche Kleinklein in den verlorenen Gegenden der zivilisierten Welt.

Und dann lässt sich noch einer draufsetzen: Es gibt unter Bond-Fans ja die These, „James Bond“ sei nicht der Name einer Person, sondern eine Marke, der Code für den aktuell besten Agenten seiner Majestät. Das erklärt vergleichsweise elegant, warum Bond seit den 60ern dabei ist und immer wieder ein neues Gesicht hat. Tritt ein „James Bond“ ab, wird der Name einem Nachfolger vermacht. In der Komödienversion von „Casino Royal“ in den 60ern gab es ja auch gleich ein halbes Dutzend „James Bonds“.

So lässt sich auch „November Man“ lesen. Mason ist der junge Hotshot-Agent, der von Deveraux/Bond persönlich ausgebildet wird, zuerst aber als ungeeignet abgelehnt wird. Im Laufe von Deveraux’ Reaktivierung kann er sich bewähren und wird am Schluss als neuer Superagent dessen Nachfolge antreten. Im Rahmen meiner Theorie wird dann aus Mason der neue 007.

Abegsehen von der Tatsache, dass „November Man“ für sich genommen ein guter, harter und sehr unterhaltsamer Agententhriller ist, machen ihn diese Denkmodelle noch mal auf einer Meta-Ebene interessant, finde ich.

hochFazit: Eine solide Rückkehr in die Welt der Geheimdienste für Brosnan, der zeigt, dass er immer noch die Intensität und die Körperlichkeit für Actionrollen hat.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (27): What we do in the Shadows

what we do in the shadowsNeuseeland/USA 2014. Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi. Darsteller: Jemaine Clement, Taika Waititi, Jonny Brugh, Cori Gonzalez-Macuer, Stu Ruthrford

Offizielle Synopsis: Es war für Viago zwar noch nie besonders leicht, ein Vampir zu sein, aber in den letzten drei Jahrhunderten hat er sich mit den unangenehmsten Nebenwirkungen einigermaßen arrangiert. Im Augenblick jedoch würde er lieber herzhaft in eine Knoblauchknolle beißen, als den Buhmann für seine WG-Kumpels Deacon, Vlad und Petyr zu spielen, von denen keiner in den letzten fünf Jahren auch nur einen einzigen blutigen Abendbrotteller abgespült hat. Im Gegenteil: In der Küche türmt sich das Geschirr, im Flur hängen Spinnweben, im Keller liegt noch ein Haufen alter Knochen – da ist es Zeit für ein paar ernste Worte auf der abendlichen Mitbewohner-Versammlung. Nur Petyr darf sich drücken, weil er mit seinen 8.000 Jahren halt doch schon ein bisschen gebrechlich ist …

Kritik: Eine Fake-Vampirdoku – hatten wir das vor zwei, drei Jahren nicht schon mal? Irgendwas aus Belgien? Ich erinnere mich nur vage, weil ich es selber nicht gesehen habe. Wie dem auch sei: „What we do in the Shadows“ ist ein launiges Stück Pseudo-Dokumentarismus über über vier Vampire, die in Wellington in einer WG leben und auf Grund ihrer Altersunterschiede (die von 90 bis 8000 Jahren reichen) so manchen freundschaftlichen Zwist aushalten müssen. So hat einer seit fünf Jahren die blutigen Kelche nicht gespült, der andere hat die Hypnose verlernt – und der uralte Nosferatu ist nur noch ein alter Stinker, mit dem keine Party zu machen ist. Mit dem jungen Nick kommt etwas frisches Blut in die Clique und am Ende freundet man sich sogar mit dem örtlichen Rudel Werwölfe an – auch wenn die stinken und sich gegenseitig am Hintern schnüffeln.

SO ist es richtig! „What we do in the shadows“ ist genau die Form von introspektiver Genrekomödie, die ich mir erhofft hatte. Nicht der billige Klamauk von „Wolfcop“, sondern eine grundsympathische „Vampire sind auch nur Menschen“-Erzählung, die Absurdität und Slapstick mit einem Sinn für das Groteske paart. Vampire sind nämlich nicht auch nur Menschen – sind sind vor allem faule Gewohnheitstiere, vom ewigen Leben unsäglich gelangweilt und ohne wirklich solides Einkommen.

Die Liebe zum Detail begeistert – alte Fotos, Requisiten, Wortspiele, Verweise auf die verschiedensten Vampirmythen. Die Darsteller lieben ihre Figuren, geben ihnen Leben und Sympathie trotz des komplett hirnrissigen Umfelds. Und wenn dann mal ein Opfer blutigst aufgefressen werden muss – na ja, es läuft halt nicht immer perfekt. Sie meinen es ja nicth so.

Als bunte und volle Packung Entertainment kann man „What we do in the shadows“ in einem Rutsch weggucken, ohne sich auch nur eine Sekunde zu langweilen. Der Film verträgt sicher auch zwei oder drei Sichtungen. Klar hätte man darüber hinaus noch etwas mehr Augenmerk auf einen „echten“ Plot legen können und die Einbindung des Dokumentar-Teams ist eher halbgar. Aber wie sage ich immer? Niggeligkeiten.

hochFazit: Bezaubernd sympathische und spielfreudige „Vampir-Doku“ von einer Hälfte der „Flight of the Conchords“. Mehr Biss als „Twilight“, mehr Blut als „True Blood“, mehr Lacher als „Bloodrayne 3“.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (26): The Babadook

The BabadookAustralien 2014. Regie: Jennifer Kent. Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Daniel Henshall, Hayley McElhinney, Barbara West, Ben Winspear

Offizielle Synopsis: Mister Babadook ist die Schreckensgestalt aus einem Kinderbuch, das der kleine Sam seiner Mutter Amelia zum Vorlesen gibt. Er trägt einen schwarzen Umhang, einen verbeulten Zylinder und hat Hände wie Murnaus NOSFERATU, fast sieht er aus, als wäre er aus Edward Goreys Werken entwichen. Amelia klappt das Buch entsetzt zu. Doch wenn Babadook erst mal da ist, lässt er sich nicht mehr vertreiben. So steht es geschrieben.

Kritik: Wie „Honeymoon“ sich des Horrors als Metapher bedient, die zerbrechende Beziehung zweier frisch Vermählter zu zeigen, so ist in „Babadook“ die okkulte Bedrohung auch nur ein Platzhalter für das drohende Auseinanderbrechen von Mutter und Sohn. Amelia ist als Witwe und allein erziehende Mutter vollig überfordert, aus der Affenliebe zu ihrem Sohn Sam wird langsam Frustration, dann Wut, schließlich sogar Hass. Kein Wunder: Sam bräuchte eine Mutter mit viel Kraft – und hat eine, deren Reserven aufgebraucht sind. Schnell entwickelt sich ein Teufelskreis: Je mehr Sam um Aufmerksamkeit bettelt, desto unerträglicher wird er für Amelia. Sie will nur noch Ruhe, Ruhe, Ruhe – und sei es durch Kindsmord.

Es fällt vielleicht auf, dass ich in dieser kleinen Zusammenfassung des Themas von „Babadook“ die titelgebende Horrorfigur nicht erwähnt habe. Das liegt daran, dass der Babadaook letztlich eine untergeordnete Rolle spielt. Würde man den Film um zehn Minuten kürzen, könnte er rausfliegen – und nichts wäre verloren. Denn die Stärke von Jennifer Kents Psychodrama liegt nicht im Paranormalen, sondern in der schwer erträglichen, weil leicht nachvollziehbaren Folgerichtigkeit, mit der Amelia in den Wahnsinn abzurutschen droht. Was ihr passiert, ist so vorhersehbar wie unvermeidlich. Das Schicksal hat ihr eine Schlinge um den Hals gedreht und zieht langsam zu…

In seinem Rückgriff auf psychologischen Terror erinnert „The Babadook“ an Polanski, „Der Mieter“ und „Rosemary’s Baby“. Unser größter Feind sind wir selbst und unsere Einbildung ist Werkzeug und Folterwerkzeug zugleich. Der Babadook ist hierbei nur eine Externalisierung, vielleicht konkret, vielleicht aber auch nur eine Wahnvorstellung. Wie in „Oculus“ BRAUCHT Amelia eine personifizierte externe Gefahr, um sich nicht selbst als Gefahr wahrzunehmen. Er rechtfertigt ihr Verhalten, das schon lange nicht mehr zu rechtfertigen ist. Der Babadook ist in dieser Interpretation nur eine Kanalisierung ihres steigenden Drangs zu Selbst- und Kindermord.

Liest man „Babadook“ traditioneller, ist die Figur nicht weniger hochspannend: Getragen von düsteren Kinderreimen und anscheinend einer expressionistischen Fantasie wie „Caligari“ entsprungen, kombiniert er Elemente von Nosferatu und Freddy Krueger, von Lon Chaneys „London after Midnight“ und Tim Burtons faszinierend-fürchterlichen Stop Motion-Figuren. Seine Stärke liegt nicht in dem, was er dir antun wird – sondern in der Gräuletat, die er dir vorhersagt und die du selbst begehen wirst.

Persönlich hätte es mir gefallen, wenn man den Babadook doch etwas aktiver gemacht hätte, wenn man ihm eine klare Herkunft, eine klare Motivation und einen klaren Modus Operandi gegeben hätte. In seiner Unberechenbarkeit ist er zwar umso furchtbarer, aber es verhindert halt auch, dass Amelia sich aktive Strategien ausdenken kann, um gegen ihn vorzugehen – und sei es nur, vergangenes Unrecht (und damit die Ursache für das Auftauchen des Babadook) zu tilgen. So bleibt ihr am Ende nur der Widerstand ihrer Rest-Mutterliebe, um das Biest in seine Schranken zu weisen. Und was dann mit dem Babadook passiert, kann auch wieder psychologisch oder paranormal interpretiert werden.

Ob der Film nun mehr Babadook vertragen hätte oder nicht – „The Babadook“ ist davon abgesehen ein „echter“ Horrorfilm, der verstört und verängstigt, den Zuschauer fast unerträglich unter Druck setzt. Die Urängste, die er bedient, sind extrem potent und so manches Mal hatte ich den Drang, das Kino zu verlassen – um das (emotional) grausame Geschehen auf der Leinwand nicht mehr mit ansehen zu müssen. Zu „verdanken“ ist das neben der exzellenten Regie und der makellosen Kameraarbeit vor allem Essie Daivs, die als Amelia locker die beste Performance des Festivals gibt (und ja, ich weiß, was ich zu „Starry eyes“ gesagt habe). Sie ist verlebt, verzweifelt, verloren – und nach und nach auch verrückt. Wie tief die Schauspielerin in sich reingreifen musste, um das herauszuholen, mag ich gar nicht wissen.

hochFazit: Oldschool-Psychohorror, der ganz tief in die Eingeweide geht und sich als einzige winzige Kritik gefallen lassen muss, dass er die tolle titelgebende Figur nicht genug in die Handlung einbindet und damit etwas verschenkt.

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August 2014

Fantasy Filmfest 2014 (25): Wolfcop

wolfcopKanada 2014. Regie: Lowell Dean. Darsteller: Leo Fafard, Amy Matysio, Jonathan Cherry, Sarah Lind, Aidan Devine

Offizielle Synopsis: Lou Garou ist sicherlich nicht der korrekteste Polizist unter der Sonne: Selbst nach den Maßstäben seines miefigen Heimatnests Woodhaven ist seine Leck-mich-am-Arsch-Attitüde mindestens so gewöhnungsbedürftig wie sein Hang zu hochprozentigen Problemlösern. Als ob das nicht genug wäre, stolpert der verpeilte Gesetzeshüter eines Abends auch noch mitten in ein satanisches Ritual – mit schwerwiegenden Folgen für zukünftige Vollmondnächte: Lou wird zum Werwolf! Gut, dass sein bester Kumpel Willie ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, denn ab sofort muss der sonst eher arbeitsunwillige Cop tatsächlich Recht und Gesetz mit Nachdruck in die eigenen haarigen Pfoten nehmen, um Woodhaven vor kriminellem Abschaum und einer okkulten Apokalypse zu bewahren. Wenn nur die obligatorische Transformation nicht immer so verdammt unangenehm wäre…

Kritik: Es ist immer gefährlich, wenn Filme im Vorfeld als “garantierte Crowdpleaser” gehandelt werden – weil “garantiert” auch immer “kleinster gemeinsamer Nenner” und “berechenbar” bedeutet. Außerdem sind die besten Crowdpleaser die, die überraschend kommen (siehe “Julia X”).

“Wolfcop” klingt auch einfach zu lecker – ein fauler Cop wird zum Werwolf und räumt unter einem Haufen Satanisten auf.

Dummerweise hat sich die Kreativität der Beteiligten mit dem tollen Poster und der grandiosen Tagline erschöpft – “Wolfcop” ist letztlich ein “one trick pony”, ein gespielter Witz, dessen Lacher schal und offensichtlich bleiben. Weil über den Gimmick hinaus nichts passiert, was von nennenswertem Interesse wäre.

Lou Garou ist als Figur total langweilig, auch als Werwolf bekommt er nicht nennenswert Charakter. Der Plot um das Shoot & Drink-Festival ist unlogisch und irrelevant, Details wie die Bürgermeisterwahl dienen augenscheinlich nur zum Laufzeit schinden Wie das halt so ist, wenn man eine prima Idee für einen Fake-Trailer einfach nur aufbläst, statt sie auszuarbeiten.

Auch technisch kann “Wolfcop” keine Miezekatze hinter dem Ofen hervor locken: So sympathisch oldschool das Makeup zuerst auch sein mag, so billig wirkt es auch. Die überschminkten Lippen und die auffällig falschen Zähne lassen den Verdacht aufkommen, dass die Macher wohl bei einer Komödie keine Pflicht zur Sorgfalt sahen.

Vor allem aber: “Wolfcop” will zu dringend ein Comic-Film sein, ein Crowdpleaser mit Kultstatus. Er ist in seiner Anbiederung an das Fanpublikum peinlich und unehrlich. Vergleicht man ihn mit “An American Werewolf in London”, wird sehr schnell klar, dass hier ein Didi Hallervorden gegen die Monty Pythons des Lykanthropenkinos antritt – und abstinkt.

mitteFazit: Eine mäßig launige, aber sehr substanzfreie Werwolf-Komödie, die als Sketch besser funktioniert hätte und der man wünschen darf, dass sie in der angekündigten Fortsetzung etwas mehr Biss entwickelt (pun intended).

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