7
März 2015

Evil Ed on Video: Handgemachter Horror

Über meine Jugend als Horrorfan habe ich schon ausgiebig geschrieben, über meine ersten Fanzines auch. Damals gab es neben unserem “Dark Palace” ja auch das befreundete “Evil Ed”-Magazin von Dia Westerteicher, Michael Nagenborg und Peter Blumenstock. Von “Evil Ed” produzierten die fleißigen Jungs sogar ein paar “on video”-Ausgaben, um z.B. der Tatsache zu huldigen, dass sie alljährlich am großen “Brussels International Fantastic Film Festival” teilnahmen. Dort hatten sie für Impressionen und Interviews Camcorder dabei, die eben doch direktere Eindrücke lieferten als geschriebene Artikel.

Das Festival gibt es übrigens immer noch und nächsten Monat geht es ins unglaubliche 33. Jahr.

“Evil Ed on video” galt lange als verschollen – es wurden nur wenige Kopien gezogen, die Bildqualität des Masterbandes war schon nicht dolle gewesen und VHS altert nicht sehr gut. Nach 25 Jahren kommen auch die Magnetpartikel der besser gepflegten Tapes mal durcheinander.

Trotz aller Bedenken hat sich Dia Westerteicher nun von mir windelweich klopfen lassen und das Video mühsam digitalisiert und so weit als möglich restauriert. Ergebnis: Fast drei Stunden Video-Reviews, Festival-Ereignisse und Interviews aus den späten 80er Jahren.

Die Sache hat zwei Haken: Zuerst einmal stört sich YouTube an irgendeinem Tonclip und verweigert in Deutschland die Freigabe. Da müsst ihr auf einen Proxy ausweichen, z.B. über Hola oder (wie ich) ZenMate. Und dann ist da noch die Sache mit der Bild- und Tonqualität: beides jämmerlich, eigentlich sogar unguckbar jämmerlich.

ABER: Wir kämpften damals mit Videos, die sich wegen NTSC nicht auf heimischen Rekordern abspielen ließen, wir schauten auch die x-te Kopie der x-ten Kopie, so lange ungeschnittener Splatter winkte. Bildrauschen, Farbaussetzer, Tonsprünge waren unser täglich Brot! Ich habe das selbst mal so erklärt:

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Und aus genau diesem Grund ist “Evil Ed on video” vielleicht grausam anzuschauen und eine Pein für die Gehörgänge – aber damit eben auch sehr “authentisch 80er”. Uns ging’s damals (fast) immer so, nun könnt ihr das wenigstens nachvollziehen.

Ohne weitere Vorrede – Teile überspringen oder abbrechen erlaubt, denn das hier ist nur von Interesse für die ganz Harten aus dem Garten:

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Ich hoffe, dass Dia noch dazu kommt, auch die weiteren Ausgaben zu digitalisieren – dann gibt es nämlich einen aufwändigen Hollywood-Spot für den “Dark Palace” mit mir selbst in der Hauptrolle zu sehen. Und ein “Intro” von Dennis Hopper. Stay tuned.

P.S.: Wem das Gerausche und die Geräusche zu unerträglich sind, der kann sich freuen: Dieser Tage stelle ich ein weiteres Video online, an dem der Zahn der Zeit erheblich weniger genagt hat. Das Con-Video der “Braunschweiger Aktionstage Science Fiction 1998″ zeigt mich bei einer Q&A-Session, auf dem Podium in hitziger Diskussion mit Rolf Giesen und viele andere spannende Sachen. Oh, the memories…

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7
März 2015

Der Wortvogel wir memefiziert

Es war kein schönes Erlebnis: Beim Versuch, mir mit einem monströsen Messer ein Brötchen zu zerteilen, entglitt mir erst die jahrelange Expertise, dann die Klinge:

finger

Seid froh, dass ihr nur diese Aufnahme von einem Tag später seht – das hat geblutet wie Sau, wollte gar nicht aufhören, und natürlich hätte ich damit zum Arzt gehen müssen. Weshalb ich zum Apotheker ging, um ein extrastarkes Pflaster zu kaufen. Immerhin lernte ich dort, dass es Pflaster mit extralangen Klebestreifen gibt, die man um den Finger wickeln kann, um mehr Druck auf die Wunde auszuüben. Trotzdem habe ich vier von den Pflastern durchgeblutet, bis endlich Ruhe war.

So eine Verletzung ist besonders dann kritisch, wenn man mit der Tipperei sein Geld verdient – jeden neunten Buchstaben auslassen ist ja auch keine Option. Aber es geht: Der Schnitt ist nicht weit genug oben an der Fingerspitze, um meine Tastaturakrobatik nachhaltig zu beeinträchtigen. Sollte die Fingerkuppe allerdings abfaulen, müsste ich das noch mal neu durchdenken.

Gestern habe ich das obige Bild auf Facebook gepostet, weil mir auffiel, dass das fahle Fleisch mit dem roten Riss ein bisschen nach Joker aussah – und es hat keine Stunde gedauert, bis einer meiner Leser das entsprechend umsetzte:

fingaz

Ich bin entzückt!

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6
März 2015

Whatthefuckbuster Double Feature: “Vice” & “Everly”

viceVice

USA 2015. Regie: Brian A. Miller. Darsteller: Thomas Jane, Bruce Willis, Ambyr Childers, Jonathon Schaech u.a.

Offizielle Synopsis: Julian Michaels hat das ultimative Resort entworfen, “Vice”. Hier ist alles möglich, und die Kunden können mit den künstlichen Bewohnern, die wie Menschen aussehen, fühlen und denken, ihre wildesten ausleben. Doch dann gibt es einem weiblichen Cyborg eine Fehlfunktion, denn sie entwickelt ein Bewustsein und flieht aus dem Komplex. Auf der Flucht vor Julians Söldnern bekommt sie unerwartete Hilfe von einem Cop, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Vice zu schließen und die Gewalt zu beenden.

Kritik: Dieser Film war von Anfang an ein Mysterium für mich. Wie kann es einen Science Fiction-Thriller mit Bruce Willis und Thomas Jane geben, von dem ich vorher noch nie gehört habe? Wieso geht der direkt auf Scheibe und ins Streaming, mit nur einem marginalen Kino-Release?

Nach ein wenig Recherche war klar: “Vice” ist Teil des Geschäftsmodells der Firma Emmett/Furla, deren Output vor niedrig budgetierten Pseudo-Actionfilmen strotzt, die das Geld nicht auf die Leinwand bringen, sondern lediglich in einen oder zwei “name stars” investieren, die sich drei Drehtage richtig teuer bezahlen lassen. Das anämische Endergebnis mag nicht als großes Blockbusterkino taugen, aber über die globalen Märkte und neue Medien rechnet sich das Geschäftsmodell anscheinend sehr gut.

“Setup”, “Catch .44″, “Lay the Favorite”, “Fire with Fire” und “Prince” boten schon Bruce Willis auf – und selbst viele Willis-Fans dürften diese Streifen nur vom Hörensagen kennen. “Empire State” mit The Rock? “Freelancers” mit Robert de Niro? “Touchback” mit Kurt Russell? “Two Guns” mit Denzel Washington? Alles Emmett/Furla.

Das ist kein Kino, das ist Kino-Substrat, eine clevere Imitation, die wie Kino aussieht, aber “direct to Zweitverwertung” liefert.

Man muss sich klarmachen, dass dieser “Bruce Willis-Actionthriller” gerade mal 15 Millionen Dollar gekostet hat – ein Drittel der aktuellen Jason Statham-Filme. Und wenn man weiß, dass von den gerade mal 15 Millionen mindestens die Hälfte an Willis und Jane gegangen sind, dann ahnt man: Das große Effektkino hat hier kein Zuhause gefunden hat.

Und so ist es dann auch. “Vice” verstolpert sich schon mit den ersten Szenen an einem albernen “Westworld”-Plagiat, das unausgegoren wirkt und schlecht erzählt wird. Man möchte einem der großen SF-Klassiker der 70er huldigen, bringt aber nicht mehr erzählerische Eier auf als unzählige Videoheuler der 90er mit dem Präfix “Cyborg” im Titel. Um Seriosität vorzugaukeln, verkneift man sich jedoch deren sleazigere Elemente, was den Film weiter auf frühes Kabelsender-Niveau drückt und gefährlich in die Nähe solcher Gurken wie “Cyborg Agent” und “Chameleon”.

Einen interessanten Look oder aufwändige Sets sucht man vergebens – um der Fördermittel willen hat man alles in “downtown Mobile, Alabama” gedreht, was einfach nicht sonderlich futuristisch aussieht. Der Super-Vergnügungspark “Vice” ist letztlich eine Gewerbe- und Geschäftsviertel und erschreckend viele Szenen beschränken sich – wie bei Seagal und Lundgren – auf Seitenstraßen, Fabrikgebäude und verlassene Einkaufszentren.

Der gesamte Film spielt übrigens in einer Nacht, die in diesem Kontext ungefähr 36 Stunden dauern müsste (nun gut, den Fehler hat “Die Klapperschlange” auch schon gemacht) und “Science Fiction” heißt hier, dass überall große Neonröhren rumliegen und an der Straßenecke ein Autowrack brennt. Man gönnt uns nicht mal ein paar Laserstrahlen oder Hologramme oder Roboter-Eingeweide. Der Aufwand macht Hungerkur.

“Vice” hat kein interessantes Setup, keinen interessanten Quest, keinen Drive und keine interessante Figur zu bieten. Er weiß nicht, wo er hin will, darum dreht er sich im Kreis. Alle Darsteller mit Ausnahme der beiden “name stars” könnten auch aus einer aktuellen CW- oder Fox-Serie stammen. Bruce Willis schlafwandelt durch seine Rolle als “Strippenzieher im Hintergrund” und man hat das Gefühl, sein patentiertes süffisantes Grinsen ist schiere Verachtung für die Macher, den Film und letztlich das Publikum. Selten habe ich eine Performance gesehen, bei der das totale Desinteresse des Stars derart offensichtlich war. Und Thomas Jane? Der Ex-“Punisher” auf dem Sturzflug in die B-Movie-Hölle kann nicht retten, was die Pappfigur “rebellischer Cop” nicht hergibt. Das hätten auch Miles O’Keeffe oder Lorenzo Lamas spielen können.

Janes Rolle zeigt zudem exemplarisch die Schwächen des Skripts: Cop Roy ermittelt rein gar nichts, ist (wie weiland Indiana Jones in “Raiders”) für die Handlung komplett irrelevant. Schlimmer noch: Wie weiland Indiana Jones in “Raiders” ist es seine Dummheit, die es der Evil Corporation ™ erlaubt, die Replikantin Kelly problemlos zu finden. Er ist eine Figur, die nur existiert, weil das Skript einen Helden braucht – nicht aber die Story.

Und wo die Story, die Darsteller und das Budget nichts reißen, ist auch die Regiearbeit von Brian A. Miller exakt so einzigartig wie sein Nachname. Hier wird Dienst nach Vorschrift geleistet, als ginge es nicht um einen Bruce Willis-Film, sondern um eine beliebige Episode von “Ein Colt für alle Fälle”.

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Fazit: Ein eierloser und hirntoter “Westworld”-Abklatsch ohne jeglichen Unterhaltungswert, ein seelenloses Produkt für die Regale. Watch Bruce Willis not giving a shit.

everlyEverly

USA 2014. Regie: Joe Lynch. Darsteller: Salma Hayek, Akie Kotabe, Jennifer Blanc, Masashi Fujimoto, Togo Igawa, Gabriella Wright, Caroline Chikezie, Laura Cepeda, Hiroyuki Watanabe u.a.

Story: Als Everlys Zuhälter und hochrangiger Yakuza-Boss Taiko herausfindet, dass sie eine FBI-Informantin ist, wird Everlys luxuriöse Bleibe zur tödlichen Falle. Um das vom Boss versprochene Kopfgeld zu kassieren, steht bald eine ganze schwer bewaffnete Armada von Profikillern vor der Tür. Gefangen in ihrer Wohnung, wehrt sich die unbedarfte Everly mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und kennt dabei keine Gnade…

Kritik: “Everly” ist ein Film, der nicht funktionieren sollte – und dem man umso höher anrechnen muss, dass er eben doch funktioniert. Gerade nach dem gelebten “leck mich doch” von “Vice” beweist Joe Lynchs Film, dass es auch in die andere Richtung geht: Statt getürktem Großkino eine Konzentration auf das Wesentliche, sehnige Action mit üppigem Splatter und rotzigem Humor, die eigenen Grenzen kennend – und dann lässig sprengend.

Man hat das Gefühl, “Everly” könnte als besoffener Scherz begonnen haben:

“Alder, ich hab’s – wenn wir kaum Kohle haben, aber fette Action machen wollen, dann lassen wir das alles eben IN EINEM RAUM spielen. Stirb langsam meets Cocktail für eine Leiche!”.

Und alle Beteiligten waren zu hackedicht, um rechtzeitig zu widersprechen.

Wenn man den Anspruch hat, einen harten, aber durchaus emotional packenden Actionfilm abzuliefern, dann ist es schon sehr mutig oder sehr dumm, diesen in das Korsett einer einzigen Location zu zwängen. Schließlich ist es mit Helden und Action wie mit dem Prophet und dem Berg – kommt der eine nicht zum anderen, muss der andere zum einen kommen. Die Beschränkungen müssen genutzt werden, als Bonus und nicht als Malus. Da trennt sich die Spreu vom Weizen – und das Drehbuch von (hauptberuflich Script Coordinator bei TV-Serien) Yale Hannon ist knackigster goldgelber Weizen.

“Everly” packt genügend Shootouts, Explosionen, Killer-Charaktere und hässliche Wendungen in 90 Minuten, um nicht auf geschwätzige Pseudo-Suspense zurückgreifen zu müssen. Und er bietet Salma Hayek die Gelegenheit, nach Jahren als kurvenstarkes Helden-Gspusi oder augenbrauige Drama-Queen ganz im Zentrum des Geschehens zu stehen – und da schlägt sie sich hervorragend. Ebenso liebende Mutter wie arschtretender Racheengel, legt sie Everly deutlich breiter an als eine typische männliche Variante dieser Spezies. “Everly” ist nicht nur die Geschichte eines bleischwangeren Ausbruchs aus einem belagerten Apartment – es ist auch die Geschichte eines Ausbruchs aus männlicher Unterdrückung, ein splatteriges Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung und den Vorrang von Mutterschaft vor Promiskuität. All das – plus knappe Tops und Yoga-Pants.

Natürlich versucht “Everly” an keiner Stelle, so etwas wie Realität aufkommen zu lassen. Er ist ein zynisches Comic, das sich in der Übersteigerung des Absurden gefällt, dabei aber nie den Griff um den Hals der Zuschauer verliert. Die Gewalt und die Geschmacklosigkeit haben etwas Pubertäres, erinnern an “Cat Run” und “Julia X“.

Ich hatte Joe Lynch (der mit Adam Green auch in der unsäglichen Horror-Sitcom “Holliston” auftritt) bisher in das Umfeld der minder talentierten Neo-Horror-Kultregisseure wie Ti West und Eli Roth eingeordnet. Aber wie bei Adam Wingard muss ich das revidieren – Lynch hat ein präzises Auge für gut choreographierte Action auf kleinem Raum, weiß Schauspieler zu führen und die Spannungsschraube anzuziehen. Respekt.

Eine echte Entdeckung – und in einer gerechten Welt der Beginn einer zweiten Karriere von Salma Hayek.

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Fazit: Knallhartes Comic-Kino als Bastard von Tarantino und Miike, ein perfektes Showcase für Salma Hayek, ein hochoktaner feministischer Actionthriller im Experimentalfilm-Gewand – und big fun for everyone!

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5
März 2015

Der Funk Uhr Serientäter schlägt wieder zu!

FU CoverDie Pointe von letzter Woche funktioniert ja leider nicht noch einmal, also sage ich es frei heraus: Das große sechsseitige Special über Filmbiographien (neudeutsch Bio-Pics) ist von mir. Auch hier plaudere ich aus dem Nähkästchen und gehe das Thema von allen Seiten an: Die Geschichte der Filmbiographien, große Blockbuster über große Menschen, die Schauspieler in den besten Bio-Pic-Rollen, legendäre Mehrteiler und die kommenden Events werden abgefeiert. Außerdem schreibe ich darüber, was den Reiz der Filmbiographie ausmacht, wo die Gefahren liegen, warum immer Nico Hoffmann dahinter steckt und von wem ich gerne mal ein Bio-Pic sehen würde. Kompakt und trotzdem unterhaltsam, finde ich. Aber ich bin da parteiisch.

Man entschuldige die etwas freudlosen Farben dieses Fotoscans:

FU Filmbios

Jetzt ist aber erstmal Ruhe im Karton, ich schmiede gerade fleißig Texte für die “Liebes Land” uns muss ja auch mal wieder auf Reportage…

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5
März 2015

Neue Postgeschichten

Zur Einstimmung (auf Leserhinweis ausgetauscht):

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Meinen Bücher-Basars ist es zu verdanken, dass ich in den letzten Tagen viel mit Paketen und Päckchen, mit Porto und Postkästen zu tun hatte. Es wird niemanden wundern, dass ich auch dabei wieder ein ums andere mal mit den Tücken des Systems zu kämpfen hatte.

Zur Erklärung: Es gibt (seit einer Vereinfachung des Tarifsystems) nur noch zwei Sorten von Büchersendungen: bis 500 Gramm für 1 Euro, bis 1000 Gramm für 1,65 Euro. Kann man sich also auch auf Vorrat holen, damit man dafür nicht immer in die Filiale muss.

Vorrat ist gut, denn vor ein paar Wochen hatte ich bemerkt, dass der Briefmarkenautomat im Vorraum der Postfiliale – die ja keine Postfiliale ist – zwar funktionierte, aber in kleiner Rotschrift auf dem Display verkündete, “momentan” keinerlei Zahlung per Geldchip auf der EC-Karte zu akzeptieren. Das ist schade, da ich grundsätzlich münzgeldfrei durch die Welt marschiere und die bargeldlose Zahlung deshalb bevorzuge.

Letzte Woche war der Vorrat aufgebraucht und ich so: Auf zur Post!

Nun denke ich mir: In sechs Wochen werden die das Problem wohl behoben haben. Ich Tor! Ich Narr! Natürlich zeigt der Automat IMMER NOCH die Fehlermeldung und verweigert die Herausgabe der gewünschten Postwertzeichen.

Also gehe ich an den Schalter und sage der dort stehenden Dame

“Ich hätte gerne 10 Marken zu 1 Euro und 10 Marken zu 1,65 Euro, bitte.”

Sie schaut mich kurz an und nickt in Richtung Vorraum:

“Die kriegen Sie draußen am Automaten.”

Ich schüttele den Kopf und erkläre ihr, dass ich leider kein Bargeld bei mir habe und der Automat die Annahme der EC-Karte verweigere. Ich sehe schon, wie sie erneut den Kopf schütteln und zur Maßregelung ansetzen will, dass ich wohl zu dumm zur Bedienung des Briefmarkenautomaten sei, als ein Kollege von der Seite verbal herein grätscht:

“Das stimmt, das geht gerade nicht.”

Ich murmele eher für mich

“Gerade ist gut. Seit sechs Wochen.”

Zumindest sieht die Mitarbeiterin nun ein, dass sie mir zu Diensten sein muss und fragt emotionslos:

“Was für Marken möchten Sie denn?”

“Ich hätte gerne 10 Marken zu 1 Euro und 10 Marken zu 1,65 Euro, bitte.”

Vier, fünf Sekunden lang denkt sie vor sich hin. Dann:

“Die habe ich nicht.”

Ich bin zugegeben ein wenig baff und hake nutzlos nach:

“Wie? Die haben Sie nicht?”

Sie geht sofort wieder in die Verteidigungsstellung:

“Das sind keine Standardwerte, die gibt es nicht als Marken.”

Ich weiß, dass es keinerlei Sinn macht, diese Diskussion zu führen, aber ich kann es mir nicht verkneifen:

“1 Euro und 1,65 sind Kosten für Buchversand. Das sind damit NATÜRLICH von der Post festgelegte Standardwerte!”

Ich verstehe, dass sie nichts dafür kann und dass Logik in diesem Fall ein stumpfes Schwert ist, darum nehme ich ihr das

“Die haben wir aber nicht als Briefmarken.”

nicht übel. Allerdings verlange ich nun Fachwissen:

“Und wie komme ich an das Porto für meine Buchsendungen?”

Sie rechnet mit Ihrem Kollegen ein paar Sekunden lang nach, dann hat sei eine Lösung:

“Kaufen Sie einfach jeweils zwei 45er und eine 10er für die 1 Euro, sowie eine 1,45er und zwei 10er für die 1,65.”

“Einfach”. Ich komme mir vor wie in einem Loriot-Sketch. Mangels Alternativen lasse ich mich auf den Deal ein – und bemerke erst draußen vor der Tür, dass die Frau mir nur einen Bogen 45er gegeben hat, nicht die benötigten zwei. Aber ich habe nicht den Nerv, nochmal rein zu gehen.

Das war letzte Woche. Heute morgen musste ich wieder ein paar Umschläge in den Briefkasten vor dem noch geschlossenen Postamt werfen. Vom Vorraum lächelt mich der Automat an. Ich schaue nach:

“Momentan leider keine Zahlung per EC-Geldchip möglich.”

Erwartbar. Aber der Automat druckt “Wunschwerte”, da kann ich die 7 Euro-Marke für die Briefpost nach Amerika mitnehmen. Geld habe ich diesmal frisch dabei, man lernt ja, mit der deutschen Service-Qualität umzugehen.

Ich bemerke eine zweite Meldung im Display:

“Automat gibt kein Rückgeld.”

Okay, denke ich so bei mir, das ist kundenunfreundlich und auch nicht wirklich logisch – technisch ist ein Rückgeld-System problemlos einzurichten und es ist nicht einzusehen, warum ich mir das Wechselgeld als Marken aufdrängen lassen muss. Ich bin ziemlich sicher, dass das einer konsequenten Klage auch nicht standhalten würde.

Egal, ich hab’s ja passend – ein 5 Euro-Schein und eine 2 Euro-Münze.

Ich suche ungebührlich lange, weil es einfach nicht in meine Vorstellungswelt passt, dass der Automat, der meine EC-Karte nicht will und kein Rückgeld ausgibt, auch keinen Annahme-Schlitz für Geldscheine besitzt.

Nur Münzen.

Und 7 Euro in Münzen habe ich nicht dabei.

Als ich den Rückweg nach Hause antrete, habe ich das Gefühl, der Automat lacht mir hinterher. Wie sein Kollege in Nürnberg.

Jetzt mag man mich fragen, warum ich nicht weiterhin konsequent bei der eFiliale im Netz die benötigten Marken ausdrucken. Ganz simpel: Weil die Nutzung des Automaten, wenn ich sowieso an ihm vorbeikomme, einfacher ist. Oder sein sollte. Und weil ich vor ein paar Wochen erst eine Ladung Internet-Marken online gekauft und ausgedruckt habe, woraufhin die Post sofort das Porto erhöht hat, was mir erlaubte, dieses schöne Satzkonstrukt zu lernen:

“Eine Mischfrankatur ist bei Internetmarken leider nicht möglich.”

Das heißt schlicht, dass ich die Internet-Marken nicht mit anderen Marken kombinieren kann, um den neuen Wert zu erreichen. Ich muss sie erstatten lassen. Der Link zur Seite, wo dieser Vorgang erklärt wird, ist allerdings tot.

Kommen wir zum Fazit: Es ist mal wieder der letzte Scheiß und ganz typisch – dem Kunden wird zugemutet, sich den wechselnden und unsteten Bedürfnissen der Maschinen unterzuordnen oder gleich den Anforderungen des Postsystems. Dass die Post als Dienstleister zuerst einmal die Pflicht hätte, die Automaten so zu gestalten, dass sie größtmögliche Flexibilität bieten? Geschenkt. Dass auch die Mitarbeiter hinter dem Tresen in der Lage sein sollten, Wunschwerte auszudrucken? Das wäre ja fast wie im 21. Jahrhundert. Und dass Online-Marken mehr und nicht weniger Komfort bieten sollten als analoge Marken? Science Ficton!

9.50 Uhr. Ich habe schon wieder die Schnauze voll.

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3
März 2015

Landfreundschaften

Ich mache gerne Reportagen mit Johannes Geyer, weil er nicht nur als Fotograf ein echter Profi ist, sondern weil er frei von Allüren ist und die Chemie einfach stimmt. Er hängt sich sich immer zu 150 Prozent rein, “geht nicht” gibt’s nicht, und wenn er sich in ein Motiv verbeisst, muss man ihn manchmal mit strengen Worten wegzerren. Das mag ich.

joge

Was die meisten von euch nicht wissen: Johannes war nicht immer Fotograf. Der hat sein Berufsleben als Kameramann verbracht, war für den “Pumuckl” ebenso mitverantwortlich wie für “Rohe Ostern”, hat dem “Tatort” die Bilder gegeben und Serien wie “Die Cleveren”. So manche Stunde im Auto verbringen wir mit Anekdoten aus dem deutschen Film- und Fernsehbusiness. Wir kennen und hassen oft genug die gleichen Arschlöcher und die gleichen Arschlöchrigkeiten. Das schweißt zusammen.

Johannes hat eine sehr dezente und geschmackvolle Webseite, auf die ich euch heute mal hinweisen möchte. Sie dient nämlich ihm und mir – und damit auch euch: Hier könnt ihr sehr viele der Reportagen lesen, die ich in den letzten Jahren mit Johannes machen durfte. Was noch schwerer wiegt: Hier könnt ihr die Bilder genießen, die Johannes gemacht hat:

jogey

Manchmal, wenn wir vor Ort einen alten Handwerker besuchen, dann merke ich, wie Johannes ein Foto mit besonderer Sorgfalt vorbereitet: Eine Nahaufnahme der Hände bei der Arbeit. Das ist nämlich nicht nur ein Shot für das Heft – das ist einer für Johannes’ persönliche Sammlung. Diese Bilder sind ihm wichtig, die möchte er festhalten.

Auch diese Impressionen findet ihr auf seiner Webseite.

Warum ich euch das erzähle? Weil mir gerade heute aufgefallen ist, wie wunderschön ich die Bilder finde, wie gerne ich an diese spannenden Menschen zurück denke, und wie stolz ich darauf bin, dafür Texte schreiben zu dürfen. Aus dem Kontext des Heftes genommen haben die Reportagen einen ganz eigenen Reiz, stehen in einem ganz eigenen Licht.

Ob Reifendreher oder Ziegen-Flori, Stockmacher oder vegane Patisserie – ich bin beschenkt mit dem Beruf, der meine Berufung ist.

Wenn mich jemand fragt “Was machst du eigentlich bei der Liebes Land so?”, dann verweise ich ihn auf diese Webseite.

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2
März 2015

Bodensatz-Double Feature: “Alien Outpost” &
“Jurassic City”

Outpost-37Alien Outpost

GB/SA 2015. Regie: Jabbar Raisani. Darsteller: Adrian Paul, Reiley McClendon, Douglas Tait, Darron Meyer, Rick Ravanello u.a.

Story: Irgendwann in naher Zukunft starten Aliens, die “heavies” genannt werden, eine Invasion auf der Erde. Unter großen Verlusten gelingt es, sie zurück zu schlagen. Außenposten weltweit sollen die letzten Außerirdischen finden und vernichten. Ein paar Jahre nach Kriegsende fährt ein Kamerateam mit Soldatennachschub zum abseits gelegenen Außenposten 37, um den herum sich etwas zu rühren scheint.

Kritik: Titel und Poster-Artwork (in Grenzen auch der Trailer) erwecken den Eindruck, es hier mit einer Art “Neill Blomkamp light” zu tun zu haben. Dicht am Boden bleibende, fast dokumentarische SF, die sich auf das menschliche Drama vor dem futuristischen Hintergrund fokussiert.

Tatsächlich ist “Alien Outpost” ein Propagandavideo aus der Bush/Cheney-Denkfabrik, das für Terroristen Aliens einsetzt, ansonsten aber der SF keinen Fußbreit Boden gibt. Dies hier ist ein Kriegsfilm, und ein ganz besonders schmieriger obendrein.

Es ist schwer zu begreifen, wie konsequent “Alien Outpost” seine Metapher durchzieht, die gar eine ist, weil eine Metapher eben nicht aus dem simplen Austausch von Taliban gegen Aliens besteht. Es geht an keiner Stelle um mehr als um eine Handvoll Infanteristen, die im Nahen Osten in einer Barracke hocken und vereinzelte Angriffe von meist schwer auszumachenden Gegnern abwehren. Auf die lokale Bevölkerung ist kein Verlass, weil die gerne mal mit dem Feind gemeinsame Sache macht und wenn es hart auf hart kommt, ruft man Luftunterstützung, um pakistanische Dörfer plattbomben zu lassen.

Der Science Fiction-Gehalt von “Alien Outpost” ist damit nur behauptet und äußerlich, besteht aus ein paar wenigen Raumschiffaufnahmen und ein paar “heavies”, dir wir aber nie genau zu sehen bekommen. Der Rest ist Waffen-Fetisch, gegrunzte Befehle und wirre Gefechtsituationen. Es fällt schwer, die Charaktere auseinander zu halten – und noch schwerer, sich auch nur einen Dreck um sie zu scheren.

Auch wenn behauptet wird, es handele sich um eine globale Streitmacht, ist “Outpost 37″ so amerikanisch, dass es kracht. Es geht auch ausschließlich um die amerikanische Weltsicht, das amerikanische Verständnis von “might makes right”, von Männerfreundschaften und Soldatenpflicht. Wie wenig die Autoren der Rest der Welt schert, erkennt man schon daran, dass der einzige deutsche Soldat allen Ernstes “Alderich “Hans” Heilbronner” heißt. Das erinnert an Til Schweiger als “Beau Brandenburg” in “Driven”.

Kleine Randbemerkung: In vielen Datenbanken und Artikeln wird Adrian “Highlander” Paul als Hauptdarsteller gelistet. Im Nachspann steht er an ZWANZIGSTER Stelle – und ich habe ihn im Film nicht gesehen. Erstaunlich.

Mich ärgert aber letztlich weniger die verkackt-militaristische Einstellung des Films oder das “USA! USA! USA!”-Szenario – es ist die Tatsache, dass hier viel mehr schaffbar gewesen wäre. Man hat die Locations, man hat die Darsteller, man hat die Ausrüstung, man hat die Pyrotechnik, man hat die Effekte – es fehlt am Willen, nicht an den Möglichkeiten. “Alien Outpost” stirbt an mangelnder Inspiration wie ein Inneneinrichter, dem man eine halbe Million gibt, dem aber doch nicht mehr einfällt als Raufaser und IVAR-Regale. Mit ein bisschen mehr Mut, das SF-Szenario auch in der Handlung zu spiegeln, hätte “Alien Outpost” tatsächlich in der Liga vom “Screamers 2“, “Starship Troopers 3” oder “Hunter Prey” spielen können.

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Fazit: Ein zur SF umgepinselter Low Budget “Hurra Krieg!”-Film, den sein stolz zur Schau getragenes konservativ-imperialistisches Weltbild für jedes Zielpublikum außerhalb der USA unerträglich macht.

Jurassic_City_PosterJurassic City

USA 2015. Regie: Sean Cain, DarstellerRay Wise, Kevin GageDana Melanie, Vernon Wells u.a.

Story: Ein Forschungsanstalt der Regierung in Los Angeles muss ein paar (wohl künstlich gezüchtete) Velociraptoren kurzfristig anderweitig unterbringen. Man fährt die Bestien kurzerhand in ein benachbartes Gefängnis, wo an diesem Abend auch ein lange gesuchter Killer und drei Studentinnen eingeknastet werden. Schon bald sind die Saurier frei und hinter den Gefangenen her und machen standesgemäß… na ja, keine Gefangenen.

Kritik: Oh boy. The things we do for love.

Muss man “Alien Outpost” primär das dramaturgische Konzept und die unterliegende Ideologie vorwerfen, schießt man bei “Jurassic City” damit ins Leere. Der Film hat keine Agenda, kein Thema, keine Botschaft – er will einfach nur als Mockbuster ein paar Kröten einfahren, bevor “Jurassic World” ins Kino kommt. Das wird ihm gelingen.

Nun lassen sich Horrorfans seit Jahren mit billigem Schund aus der “CobraGator”-Ecke mästen, was macht “Jurassic City” da zu einem besonders ablehnenswerten Beispiel? Nichts, eigentlich. Und alles.

Es ist eine Sache, wenn ein Film an seinem Mangel an Möglichkeiten scheitert, an zu wenig Geld und zu wenig Zeit, vielleicht auch an zu schlechten Darstellern. Das gehört beim aktuellen C-Movie zum Spiel, das subtrahiert man als Kritiker so unbewusst wie automatisch. Aber Sean Cain (eigentlich Editor bei nicht weniger schrottigen Produktionen) legt selbst angesichts dieser Maßstäbe einen besonders rotzigen Zynismus an den Tag. “Jurassic City” zeichnet sich durch eine zur Schau getragene “Scheiß drauf, die Leute werden’s schon fressen”-Einstellung aus, die den Zuschauer auslacht, von dem sie sich bezahlen lässt. Es ist Dreck, der nie mehr als Dreck sein will, der Dienst nach Vorschrift leistet und Vorschrift dabei als Minimalleistung definiert. Es gibt nicht eine Rolle, nicht einen Dialog, nicht eine Szene oder auch nur einen Effekt, der über das hinaus geht, was als “gerade noch” durchgeht.

Das fängt bei der Story an oder besser gesagt deren Mangel. Warum das M1-Institut Raptoren züchtet? Keine Ahnung. Warum man glaubt, diese seien ausgerechnet in einem Gefängnis gut aufbewahrt? Beats me. Warum Sorority-Girls wegen eines Parkunfalls gleich im Knast landen? Weil Autor Cain es so bestimmt hat. Die Elemente werden einfach zusammen geführt und aufeinander los gelassen. Der Rest ist Geschrei, Rennerei und billigster Digitalsplatter, mit dem man nicht mal mehr bei einem Browserspiel durchkommen sollte.

Die Menge der Figuren und Subplots dient nicht etwa der Vertiefung des menschlichen Dramas, es muss nur mit endlosen statischen Dialogszenen kaschiert werden, dass mehr als fünf Minuten grottiger Dino-CGI einfach nicht drin waren. Der Rest muss gefüllt werden.

Überhaupt die Dinos: Echt? 20 Jahre nach “Jurassic Park” ist das C-Kino immer noch auf dem Stand von “Raptor Island”? Das geht wirklich nicht besser, auch wenn man nur wenig Kohle hat? Es ist erschütternd.

Am meisten ins Bein schießt sich “Jurassic City” aber damit, dass der Film vor lauter Figuren vergisst, einen Protagonisten zu etablieren. Wir schalten permanent zwischen einem Dutzend Charaktere hin und her, von denen jeder zwischen zwei und zehn Minuten Screentime bekommt. Weder gibt es einen Helden, noch eine Hauptfigur mit irgendeinem definierten Ziel. Es gibt nur Dino-Futter. Mechanisch reiht sich plumpe Exposition an schlecht inszenierte “action”, bis die Laufzeit rum ist.

Während Genre-Gesichtsverleiher Ray Wise sich auf Autopilot aus der Affäre zieht, wirkt “Mad Max”-Bösewicht Vernon Wells, als lese er mühsam und leicht betrunken Textkarten ab, die hinter der Kamera hoch gehalten werden. Und auch der Rest der No Name-Besetzung hat anscheinend keinerlei Hinweise bekommen, in welchem emotionalen Kontext man seine Szenen spielen soll. Das wechselt teilweise mit der Kameraperspektive.

Die Tatsache, dass die produzierende Entität laut Nachspann “Jurassic Block” heißt, lässt darauf schließen, dass “Jurassic City” eben nie stadtweites Drama sein sollte, sondern immer als Knastfilm mit Dinos angelegt war. Dann hat man sich (auch angesichts des Titels “Jurassic World”) wohl entschlossen, dass das zu kurz gedacht war und Zuschauer mehr Spektakel wünschen. Nun gibt man ihnen zwar nicht mehr Spektakel, aber immerhin die Behauptung desselben.

Um’s mit einer Videospiel-Analogie zu erklären: Es gab Pac-Man. Es gab Ms. Pac-Man. Es gab Jr. Pac-Man. Wenn man das mit “Jurassic Park” gleich setzt, dann ist “Jurassic City” das schrabbelige Modul mit dem nordkoreanischen Ripoff “Snuckman”, das man ohne Verpackung für drei Euro auf dem Polen-Trödelmarkt gekauft hat und das beim dritten Level grundsätzlich abstürzt. Ich rate zum Original.

Aber wie gesagt: alles Wumpe. Der Film wird seine Zielgruppe finden, weil es auch dem Trailer empörend und doch beneidenswert gelingt, erheblich mehr dicke Hose vorzutäuschen, als im Film drin ist (praktisch alle Szenen städteweiter Verwüstung stammen aus dem Epilog):

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Fazit: Sinn- und spaßfreier Regalfüller, für den sich alle Beteiligten schämen müssten, wenn sie nicht gut an den Spacken verdienen würden, die das mit dem Argument “geil schlecht, ey” trotzdem kaufen. Sogar Jim Wynsorki würde sich schämen – und der schämt sich für nix!

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1
März 2015

Bücher-Bazar (2): Special Edition

Der erste wortvogelsche Buch-Flohmarkt ist super gelaufen, darum heute gleich Schwung Nummer 2. Diesmal habe ich mich unter anderem an meine Kisten mit Belegexemplaren begeben. Zu jedem Buch, das man schreibt oder übersetzt, bekommt man vom Verlag nämlich mindestens 10 Exemplare geschickt – gerne auch mehr. Da sammelt sich was an, vor allem wenn man bedenkt, dass ich sicher um die 20 “Charmed”-Romane zu verantworten habe, sei es als Übersetzer oder als Autor. Praktisch alles vom vgs-Verlag ist Hardcover, vieles sogar noch druckfrisch eingeschweißt und nur vom Sonnenlicht an den Kanten etwas angegilbt.

Als kleinen Bonus erkläre ich mich bereit, alle Bücher aus meinem direkten Umfeld auch signiert zu verschicken.

Und wer blind ein Paket von fünf verschiedenen “Charmed”-Romanen kauft, bekommt die komplett für 10 Euro!

Grundsätzlich bleiben die Spielregeln wie gehabt – ich würde euch diesmal nur bitten, bei Paypal grundsätzlich drei Informationen preiszugeben:

  • Die erworbenen Bücher
  • Eure Adresse
  • Der Name, unter dem ihr hier zugeschlagen habt

Es hat mich letztes Mal Stunden gekostet, das alles zusammen zu fieseln.

Genug der Vorrede – Vorhang auf für 45 28 25 22 15 neue Angebote:

Charmed: Die Macht der Gefühle

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Hardcover, nagelneu. Zwei Geschichten, eine von mir. Gerne signiert. 3 Euro.

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28
Februar 2015

10 Alben der 80er, 10 Alben meines Lebens

In der RP ist gerade ein lesenswerter Artikel zu lesen, der ein wenig mit dem Gerücht aufräumt, die 80er seien musikalisch ein dürftiges Jahrzehnt gewesen. Das ist natürlich Unfug. Für Menschen meines Alters waren die 80er prägend – die Filme, die Ideen, und damit natürlich auch die Musik.

Man konnte noch mit Punk in die 80er gehen oder dem Bombast von Barclay James Harvest, aber auch schon als New Romantic. Als Teenager gab es die heilige Dreifaltigkeit aus Poppern, Punks und Teds, auch wenn gerne übersehen wird, das 90 Prozent der Kids keiner dieser Gruppen wirklich zugehörig waren (in den späten 60ern waren ja auch nicht alle Hippies). Metalheads waren eher Außenseiter, kamen in den 80ern dann aber deutlich stärker. Mit der Neuen Deutschen Welle kam die neue deutsche Befindlichkeit, wir wollten Spaß und gaben Gas, waren gegen Volkszählung und für Jute statt Plastik.

Vor allem aber waren die 80er Pop, was leicht mit mangelnder Tiefe verwechselt wird. Es gab eine erstaunliche, vielleicht nie mehr so globale und spielfreudige Bandbreite kommerzieller Musik, von Dada bis Mini-Musical, von Zimbabwe bis Australien. Jeder machte sein Ding, ob man nun die neue Scheibe von Nena kaufte oder den Talking Heads.

Das hier sind zehn Alben, die vielleicht nicht besten waren, die ich je gehört habe, oder die mutigsten – aber sicher die prägendsten. Sie drehten sich auf dem Plattenteller, bis die Nadel unten durchkam.

(Klick auf Titel und Interpret führt zu Wikipedia)

Black – Comedy (1988)

Colin Vearncombes zweites Album nach “Wonderful Life” war deutlich stärker als der Erstling, mit einer guten Mischung aus Melancholie und Uptempo. Leider war es kein großer Erfolg und ein mäßiges drittes Album sorgte dafür, dass Black auf ewig für “Wonderful Life” stehen wird – ein Song, den ich seit dem Wechsel in die 90er nicht mehr hören kann.

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Vearncombe ist immer noch unterwegs und hat optisch durch das Alter gewonnen:

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Joe Jackson – Body and Soul (1984)

Musik für lange, einsame Nächte in der Großstadt – oder das, was ich mit 16 dafür hielt. Ich durfte ja nicht so lange raus. Jedes Stück eine kleine Perle, weigert sich “Body and Soul” wie Joe Jacksons anderes Meisterwerk “Night and Day”, zu einem Album zu verschmelzen. Neben bezaubernd traurigen Balladen enthält die Scheibe zwar kein weiteres “Steppin’ out”, aber Knaller wie das hier:

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Paul Young – No parlez (1983)

Mit diesem Album verbinde ich die CD, denn diese hatte im Gegensatz zur LP einen Bonus-Track und satte fünf Maxi-Versionen drauf. Man wollte halt das neue Medium CD pushen. Großartige Stimme, absolut Teenieparty-tauglich, und auf ewig mit typischen 80er Videos wie diesem verbunden:

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Fun Boy Three – Waiting (1983)

Einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner musikalischen Sozialisation habe ich meinem Bruder zu verdanken. Er stand auf Punk und Reggae, hatte irgendwann diese Platte im Schrank. Ich fand sie hypnotisch, verstörend – und entdeckte durch sie Terry Hall, einen der begnadetsten Songschreiber und Sänger Englands.

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Und hier der Meister noch mal solo:

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Cutting Crew – Broadcast (1986)

Ein Album, dass ich mit erster Liebe verbinde und mit Partys, mit MTV und “Formel Eins”. Gitarrenpop der ganz polierten Sorte, jeder Song ein Treffer.

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Richard Marx – Repeat Offender (1989)

Easy Listening-Poprock aus den USA, ein “guilty pleasure” und ein Kind seiner Zeit. Vielleicht auch, weil “Right here waiting” damals für mich eine sehr private Bedeutung hatte. Sein bestes Stück fand man allerdings auf Marx’ nächster Scheibe:

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Billy Joel – Storm Front (1989)

Billy Joel war für die Jungs meiner Generation kein Begriff. Das war ein amerikanischer Poprocker der 70er, der zwar ein paar Radioklassiker geschrieben hatte – aber wer von uns hörte damals schon Radioklassiker? Umso erstaunlicher, dass er 1989 sein bestes Album veröffentlichen sollte, vollgepackt mit großartigen Songs.


Billy Joel – I Go To Extremes von jpdc11

Spandau Ballet – True (1983)

In den 80er waren die Mädchen “Spans” oder “Duranis” (später auch “Brosettes”). Da teilte sich die Spreu vom Weizen. Ich fand Duran Duran immer mutiger und einfallsreicher, aber auf meinem Plattenteller drehte sich deutlich häufiger der Output von Spandau Ballet. Genau genommen finde ich den Nachfolger “Parade” besser als “True “- aber hier drauf befinden sich “True” und “Gold”, und da gibt es einfach keine zwei Meinungen zu.

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Sade – Diamond Life (1984)

Diese Besprechung aus dem Musik-Express von 1984 sagt es immer noch besser, als ich es je könnte:

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Sade – Your Love is King von aakira009

Ultravox – Quartet (1982)

Die besten Singles von Ultravox aus der Midge Ure-Ära sind nicht auf “Quartet”, weder “Vienna” noch “Dancing with tears in my eyes” oder das ungewöhnlich muntere “Love’s great adventure”. Aber mit “Reap the wild wind”, “Visions in blue”, “We came to dance” und natürlich “Hymn” ist es das rundeste, durchweg hörbarste Album der Band. Und Midge Ure ist auf ewig eine coole Sau:

Das ist die Musik, die mich durch die 80er und durch meine Jugend gebracht hat – und die mich (for better or for worse) geprägt hat. Ich bereue nichts.

Die 80er waren gut – mit den 90ern zog die Pest in der Popmusik ein.

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27
Februar 2015

Die “Funk Uhr” gibt den Serienexperten

FU 1Die “Funk Uhr” ist ein echtes Urviech auf dem Marke der vollpreisigen TV-Zeitschriften, die gibt es schon seit mehr als 60 Jahren – wie auch “Gong” und “Bild & Funk” weist der Name darauf hin, dass dieses Blatt kein Kind von Farbfernsehen und Internet ist.

In der neuen Ausgabe wirbt die Zeitschrift mit einem großen und noch dazu exklusiven “Serien-Report” auf satten fünf Seiten. Kaum zu erwarten, dass man damit einen exklusiven Set-Report von “Sherlock” meint oder ein Interview mit den Machern der “12 Monkeys”-Serie. Schauen wir uns die Sache doch mal an.

Das mit den fünf Seiten ist schon mal nicht gelogen:

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Auffällig ist, dass es sich hierbei genau genommen nicht um EINEN Report handelt – die Hauptgeschichte ist relativ knapp, das Thema wird in verschiedene Bereiche aufgeteilt, teils in Kästen, teils auf eigenen Seiten. Da werden die TV-Trends aus den USA ebenso abgehandelt wie neue deutsche Serien und der Hang der öffentlich-rechtlichen Sender zu spielfilmlangen Reihen. Besonderes Interesse der TV-Junkies dürfte eine Seite über deutsche Kopien von englischen und amerikanischen Serien erregen, bei denen der Autor korrekt zwischen offiziellen Adaptionen und dreisten Abklatschen unterscheidet.

Nicht minder lesenswert: Ein eigener Text zu der Lieblosigkeit, mit der deutsche Sender selbst Erfolgsserien behandeln – hier geht der Griff in die Geschichte bis “Raumpatrouille” und “Sesamstraße” zurück.

Mit Kritik an den Sendern wird zwar nicht gespart, aber dank einer flotten Schreibe artet dieses faktendichte “Special” auch nicht in infantiles “deutsches Fernsehen ist sowieso scheiße”-Bashing aus.

Erstaunlich – ich finde an dem großen Serien-Report eigentlich nichts zu kritisieren. Der ist gut geschrieben, informativ und von erfreulicher Bandbreite. Woran könnte das bloß liegen?! Ach so, klar, da steht’s ja:

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25
Februar 2015

Digitale Lesereise

Ich bin noch ganz hibbelig vom Erfolg des Bücherbazars am Wochenende. 46 von 50 Büchern sind weg, 20 Päckchen bringe ich heute zur Post. Ich verdiene nichts dran, aber der Gedanke, dass die Bücher neue glückliche Besitzer finden, freut mich außerordentlich. Da ist es nur ein Bonus, dass meine Leser am Ende sogar Geschmack beweisen und der unverkaufte Rest aus Twilight, Guido Knopp und Diana Gabaldon besteht. Respekt!

Ein neuer Batzen Bücher steht vermutlich ab Sonntag wieder zum Verkauf. Es sind erneut ein paar echte Schätzchen dabei.

Mir ist allerdings aufgefallen, dass ich meine Leselisten vernachlässigt habe, obwohl mein Evernote-Archiv aus der Richtung mittlerweile fast 500 Einträge umfasst. Und darum gibt es heute ein paar digitale Delikatessen gegen den kleinen Lesehunger – chronologisch rückwärts von neu nach alt.

Ich werde übrigens künftig versuchen, auf eine solide Mischung aus englischen und deutschen Beiträgen zu achten – und die englischen zu markieren, damit weniger anglophile Leser sich den Klick sparen können.

52 Shades of Grey (englisch): Alle Welt redet von “50 Shades of Grey” – ich nicht. Für mich punktet in diesem Fall eher Asylum, deren Mockbuster “Bound” nicht mit der langweiligen Dakota Johnson aufwartet, sondern mit dem “Buffy”-Leckerchen Charisma Carpenter. Und ob man es glaubt oder nicht: Es gibt auch eine christlichen Mockbuster zum Thema - The Dissolve hat sich beide Abklatsche mal angesehen und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen.

Taschengeld-Kino (englisch): Ein Film, der viel kostet, muss viel einspielen. Ein Film, der wenig kostet, muss wenig einspielen. Ein Film, der fast gar nichts kostet, muss fast gar nichts einspielen? Leider falsch, wie das Beispiel des Microbudget-Dramas “Layover” beweist. Auf Slashfilm erzählt der Produzent, dass auch in Zeiten von Streaming-Portalen und VOD 6000 Dollar eine ziemliche Hürde sein können.

Keine Macht den Drögen: Größenwahn ist eine Tugend, mit der ich spiele, ohne sie ernsthaft zu verinnerlichen. Allerdings lesen sich Teile dieses sehr guten Artikels aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, als wären sie von meinem eigenen Essay zum Thema “Entkriminalisierung harter Drogen” inspiriert worden.

Bored of the Rings (englisch): Ich habe neulich ja schon geschrieben, dass man als Nerd in den 80ern schlechte Filme besser fand, weil es keine Alternativen gab. Bei Unshaved Mouse dient diese These als Aufhänger für eine erneute, kritische Betrachtung von Ralph Bakshi’s Trickfilm-Umsetzung von “Lord of the Rings”, die in den 70ern zwar an den Kinokassen gefloppt war, aber immer wieder von Fans unangemessen gelobt wurde.

Fat is the new salad (englisch): Cholesterin, Kalorien, Kohlehydrate, Fett, Zucker – was genau die Mechanismen von Gewichtszu- und Abnahme angeht, gibt es immer neue Theorien und immer neue Trends. Aktuell scheint Fett wieder in Mode zu kommen, es gibt sogar eine Bewegung, die Kaffee mit einer großen Portion Butter zum idealen Frühstück erklärt hat. Dieser Artikel auf Vox erklärt sehr schön, warum das zu wirken scheint – und warum das die Sache nicht besser macht.

Für immer Verstummtfilme (englisch): Ich habe mal gelesen, dass 95 Prozent aller Stummfilme unrettbar verloren sind – vielfach war es einfach so, dass man Anfang der 30er dachte, dass nach Einführung des Tonfilms niemand mehr Stummfilme würde sehen wollen. Etwas genauer setzt sich die wunderbare Seite Silentology mit der Frage auseinander, warum Stummfilme verloren gehen.

Facebook lügt (englisch): Zuviel Zeit bei Facebook geht drauf, Leuten zu erklären, warum die schockierenden und empörenden “Nachrichten”, die sie teilen, Bullshit sind. Natürlich könnte das soziale Netzwerk mit simplen Algorithmen die Verbreitung von Unfug zumindest drastisch einschränken – aber “Wahrheit” ist kein Teil des Geschäftsmodells, wie ein Artikel auf Slate sehr schön erklärt.

Netzbeschiss: Dass viele Kritiken im Netz Fakes sind, ist keine neue Erkenntnis. Datum hat aber mal ein sehr konkretes Beispiel nachrecherchiert, wie Firmen Marketingagenturen anheuern, die wiederum Heimarbeiter bezahlen, Produkte, Dienstleistungen und politische Entscheidungen zu loben. Eine Reportage aus Österreich, die wohl problemlos auf Deutschland übertragen werden kann.

Bullshit Babe (englisch): Food Babe Hani Vari ist mein neues erklärtes Feindbild – und damit stehe ich nicht allein, wie dieser Bericht auf NPR belegt. Aber so sehr ich die “Food-Aktivistin für ein gesünderes Leben” für die Jenny McCarthy der Futterphobiker halte, so wichtig finde ich trotzdem, wofür sie steht: Etiketten lesen, nachfragen, aufklären und selbst die großen Lebensmittel-Konzerne zwingen, notfalls Alternativen einzuführen.

Burger für alle!: Kommen wir nun zu etwas Leckerem. Wer auch mal aus dem Haus geht, der hat’s gemerkt – teure Burger-Läden sind in, wo man für den Whopper statt 3 auch mal 8 Euro zahlt. Ich selbst probiere diese Lokalitäten gerne aus (und empfehle in Berlin Burger de Ville). Aber es ist nicht der einzige Food Trend, der Deutschland in den letzten Jahren überrollt hat – und dann einen leisen Tod gestorben ist. Jetzt hat sich an eine Übersicht gewagt.

Farce Filmförderung: Mit der Seite bereitsgetestet.de ist der Wortvogel freundschaftlich verbunden. Darum freut es mich umso mehr, auf einen exzellent recherchierten Artikel zur deutschen Förderungspraxis hinweisen zu dürfen, der schlau und gleichzeitig wütend macht. Wer nach der Lektüre nicht der Meinung ist, dass das ganze System von Grund auf reformiert gehört, der hat es nicht verstanden.

Der Mittelstand in Gefahr (englisch): Der Trend ist auch für mäßig interessierte Filmfans unübersehbar – das Angebot an neuen Filmen teilt sich immer mehr in Big Budget und Low Budget auf, die einst breite Masse der solide finanzierten B-Movies stirbt aus. Wo Horrorfilme früher 2 bis 5 Millionen Dollar kosteten und ihr Geld international auch wieder einspielten, gilt heute ein siebenstelliger Betrag schon als unkalkulierbares Risiko. Das gefährtet auch den größten Markt für diese Filme, den AFM, wie der Hollywood Reporter berichtet.

Be afraid, be very afraid (englisch): Ich gehöre zu den Autoren, die manchmal nur ein Bild brauchen, um eine ganze gruselige Geschichte zu konstruieren. EarthPorm hat gleich 20 davon zusammen getragen. Wer also Inspiration für einen Roman oder einen Alptraum braucht, ist hier genau richtig.

Freiheit, die ich meine (englisch): Verlassen wir zum Abschluss mal die digitale Welt und beschäftigen uns einem Verständnis von Eigenständigkeit, das heute fast komplett verloren gegangen ist. Christopher Thomas Knight hat fast 30 Jahre als Einsiedler im Wald, von der Natur und von kleinen Diebstählen gelebt. Nun ist er in die Zivilisation zurück gekehrt. Unfreiwillig. GQ hat ein großartiges, mitfühlendes Porträt eines Mannes produziert, der Empathie sehr schwer macht.

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22
Februar 2015

Bücherbazar, erster Versuch

Ich hatte es schon angekündigt – heute geht es los. Obwohl ich konzeptionell immer noch etwas überfordert bin, wie das laufen soll.

Hier ist eine Galerie mit 50 28 19 17 12 6 Büchern:

100 Jahre

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Buch zur TV-Reihe, Hardcover. 3 Euro.

Wenn ihr eins haben wollt: In den Kommentaren vermelden und dann bezahlen. 2 Euro für Taschenbücher und Kleinformate, 3 Euro für Großformate und Hardcover. Wer nicht über Paypal zahlen kann oder will, hat Pech gehabt – ich lasse mir allerdings alternative Lösungen vorschlagen, solange sie keinen zusätzlichen Aufwand für mich bedeuten. Porto und Verpackung gehen auf mich, Rückgaberecht gibt’s keins, Beschwerden sind für die Tonne – ich bin schließlich nicht Amazon.

Die Adresse bei Paypal lautet

torsten.dewi@gmail.com

Meine Bücher, die nicht nur ideell oder intellektuell noch richtig was wert sind, findet ihr hier.

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21
Februar 2015

Das Konzept Wochenende

Ich wollte gerade einen Kommentar zu einem Facebook-Beitrag von Daniel S. schreiben – aber nach einem halben Satz plingte eine kleine Glühbirne über meinem ungewaschenen Kopf und ein Engelschor schmetterte zum Leidwesen meiner Katzen: “BLOGIDEEEEEEE!!!”

Keine Ahnung, ob das hier für einen richtigen Artikel reicht, aber ich versuche es einfach mal ad hoc, ohne das zu planen.

Wochenende also. Daniel S. freut sich. Wochenende. Endlich Ruhe, endlich keine Arbeit. 48 Stunden Freiheit.

Aber ist das wirklich so? Oder ist das wirklich NOCH so? Oder nur bei mir?

Für mich hat sich das Wochenende in den letzten 30 Jahren massiv verändert. Gewicht und Definition sind mutiert, auch das Verhältnis zu den Werktagen ist nicht mehr das, was es 1990 war.

Es hat natürlich viel damit zu tun, dass ich 15 Jahre lang Freiberufler war und auch heute noch nicht im Büro sitzen muss, um zu arbeiten. Das allein verringert den gefühlten Bruch zwischen Werktagen und Wochenende. Ich sitze eigentlich immer mit dem Macbook auf dem Sofa.

Eine konkrete Arbeitsstruktur habe ich nicht – es kann also sei, dass ich mal einen ganzen Werktag verschlumpfe, aber den Sonntag damit verbringe, eine Reportage zu schreiben. Weil ich ein kreatives Sensibelchen bin, das dann am besten schreibt, “wenn mir danach ist”.

Damit verschwimmen Wochenenden und Werktage, weil die Arbeit und der Aufenthaltsort nicht die definierenden Faktoren sind. Primär “bemerke” ich das Wochenende daran, dass es für zwei Tage keine beruflichen Anrufe gibt, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ob jemand Deadlines abfragt. Was ich am Wochenende arbeite, empfinde ich als deutlich weniger fremdgesteuert. Es ist Bonus-Arbeitszeit, die ich einsetzen kann, um die kommende Woche zu entlasten oder Nachlässigkeiten der vergangenen Woche aufzuholen. Oder ich lasse es bleiben.

Die Kehrseite der “außer Betrieb”-Zeit des Wochenendes ist natürlich, dass sie auch für alle anderen Menschen gilt. Hätte ich am Wochenende endlich mal die Zeit, Behörden anzurufen oder privater Organisation zu frönen, so scheitert manche Erledigung an der Tatsache, dass ich niemanden erreichen kann.

Zweiter Problemfaktor: Ladenschluss. Am Wochenende fällt mir gerne ein, was ich mal wieder kochen könnte. Meistens 10 Sekunden, bevor mir einfällt, dass die Läden zu haben und die frischen Zucchini von der Tankstelle vermutlich nicht meinen Ansprüchen genügen.

Bis in die 90er war das zugegebenermaßen noch schlimmer. Da machten die Geschäfte Samstag Mittag zu und die Bankfilialen waren sowieso geschlossen. Heute kann ich am Samstag bis 22.00 Uhr hier in Speyer beim Rewe einkaufen gehen und Bankgeschäfte mache ich seit 2003 ausschließlich online. Das ist praktisch und bequem – aber schon wieder eine Auflösung der Unterscheidung von Werktag und Sonntag.

Auch mein Medienkonsum richtet sich nicht nach linearen Vorgaben. Welche Filme und Serien ich schaue, entscheide ich aus dem Moment. Sonntag ist für mich nicht “Tatort”, Werktag ist für mich nicht “Gute Zeiten Schlechte Zeiten”.

Der Samstag war für mich traditionell nie ein Tag der Entspannung. Schon zu Zeiten fester Anstellung nutzte ich ihn, um gegen jede Vernunft einkaufen zu gehen und die Wohnung zu putzen. Es brauchte eine regelrechte Deprogrammierung, um mich dazu zu bringen, lieber am Mittwoch oder Donnerstag einzukaufen. Der Samstag hatte damals noch so was Hektisches im Sinne von “Hast du auch ja alles beisammen, bevor heute Mittag das ganze Land die Schotten dicht macht?!”

Heute sehe ich den Samstag entspannter. Die Läden haben lange auf, putzen muss ich nicht mehr selber und den Katzen ist es auch egal. Außer der Duftmarke “Wieder eine Woche geschafft” hat er für mich keine nennenswerte Bedeutung.

Es ist also nur der Sonntag mit seinen begrenzten Ladenschlusszeiten, der für mich das Wochenende definiert. Und den finde ich nicht mal so angenehm. Weil er irgendwie tot ist, weil ich Entspannung als den Verzicht auf Aktion sehe und nicht das mangelnde Angebot an Aktion. Und weil er irgendwie doch schon davon versaut wird, dass ihm der Montag folgt. Wie soll man dabei entspannen?

Demzufolge wäre eine völlige Aufgabe des Wochenendes im Sinne von Ladenschluss denkbar und eventuell erstrebenswert. Alles kann, nichts muss. Aber das ist auch keine Lösung. Weil der Mensch – unabhängig von der Frage, was er damit macht – eine Taktung braucht. Ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr. Ich bin überzeugt, dass es dem Wohlbefinden nicht zuträglich wäre, wenn wir die kalendarischen Rhythmen einfach aufgeben würden, wenn es jenseits der Jahreszeiten nur noch einen Tages-Counter gäbe.

Stellt es euch mal vor: Keine Wochentage, kein Wochenende, keine Monate, keine Jahreszahlen. Wir befinden uns lediglich am Tag 735.475 nach Christus (oder nach irgendeinem anderen beliebigen Startpunkt). Gestern war 735.474, morgen ist 735.476. Meine Mutter ist demnach alt, weil sie vor 730.000 geboren wurde. Keine Epochen mehr, keine Jahrzehnte, keine Jahrhunderte – alles löst sich in einfachen ganzen Zahlen auf. Wir arbeiten nicht mehr auf das Wochenende hin, sondern im täglichen Trott auf die Rente mit 23.000 (Tagen). Es gäbe keinen zu feiernden Geburtstag mehr, weil der einen wiederkehrenden Jahreswechsel als Grundlage bräuchte. Überhaupt keine Jahrestage mehr, keine Feiertage, kein Weihnachten, kein Silvester.

Es klingt logisch, vernünftig, einfach – und doch leer und mechanisch. So eklig, dass es nicht mal Spaß macht, darüber nachzudenken. Und das meine ich, wenn ich sage, dass Menschen Rhythmen brauchen, die ihnen ein Gefühl von Leistung geben. Die Woche geschafft, das Jahr ist rum, schon wieder Weihnachten. Ein Zyklus schafft Vertrauen, weil er durch die Wiederkehr die Tage und Monate vertraut macht. Die Bindung historischer Ereignisse an wiederkehrende Daten bindet uns an diese Ereignisse. Sie erzeugt Geschichte, die wir festhalten können, derer wir gedenken.

Über die Logik der aktuellen Einteilung können wir aber durchaus diskutieren. Warum sieben Tage? Warum 12 Monate? Wäre es nicht z.B. deutlich vernünftiger, eine Zehn-Tage-Woche mit vier Tagen Wochenende einzuführen? Oder einen freien Tag alle drei Tage? Wären zehn Monate mit konstant 36 Tagen nicht vernünftiger als 12 mit Längen von 28 bis 31?

Ich merke schon, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste, das Thema Wochenende rückt zugunsten esoterischer Gedankenspiele in weite Ferne – dabei wollte ich auf Facebook bloß das hier kommentieren:

“Lumm, Lumm, Lumm,
Daniel hüpft herum
Lumm, Lumm, Lumm,
Wochenendium…”

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20
Februar 2015

Durch die USA mit Jason Statham: “Safe” & “Parker” & “Wild Card”

1. Station: New York!

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USA 2013. Regie: Boaz Yakin. Darsteller: Jason Statham, Chris Sarandon, Robert Burke, James Hong u.a.

Offizielle Synopsis: Mei ist kein gewöhnliches chinesisches Mädchen. Das begnadete Mathematik-Wunderkind wurde von Han Jiao, dem Oberhaupt einer kriminellen Triaden-Vereinigung, nach Amerika entführt und dort aufgrund ihrer außergewöhnlichen Gedächtnisfähigkeiten mit einem komplizierten, streng geheimen Code betraut. Unwiderruflich gerät sie dadurch auch ins Visier der russischen Mafia. Denn der Code ist für einen prall gefüllten Safe bestimmt, den die gefährliche Untergrundorganisation für sich beansprucht. Nachdem Mei nur knapp einer erneuten Entführung entkommt, trifft sie bei ihrer Irrfahrt durch New York auf den verzweifelten Kampfsportler und Ex-Cop Luke Wright, dessen Frau ebenfalls Opfer der russischen Mafia geworden ist. Intuitiv nimmt der sich des Mädchens an, um es zu beschützen. Mit der geheimen Zahlenkombination im Kopf und kampferprobtem Adrenalin in den Adern beginnt für beide ein erbarmungsloser Kampf im amerikanischen Großstadtdschungel…

Kritik: Es ist schön, einen solide finanzierten Actionfilm zu sehen, der nicht in Osteuropa oder irgendwo in der Wüste von New Mexico oder im thailändischen Regenwald spielt, sondern in New York. Und zwar nicht in dem Fake-New York der Nu Boyana-Studios in Bulgarien, sondern im Big Apple selbst. Das ist teuer, das braucht Commitment, das ist eine Aussage.

Ich finde es auch erfreulich, dass Boaz Yakin, der sich in vielen Genres zu Hause fühlt, mal wieder auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Dem Mann verdanken wir immerhin das Drehbuch zu Lundgrens Sternstunde “Punisher” UND “Dirty Dancing 2″!

Der Einstieg ist allerdings etwas holperig: Yakin erzählt drei, vier Segmente chronologisch durcheinander und dichtet Statham eine wirklich banane Vorgeschichte an, um die Figur gebrochener und isolierter zu zeigen, als nötig ist. Glücklicherweise wird der Versuch, mit “Safe” den Genrefilm zu dekonstruieren, mit dem Ende des ersten Akts wieder fallen gelassen.

Danach zeigt Yakin, dass er weiß, was Statham und seine Fans wollen – und er liefert. Der Film setzt seine Ziele und Motivationen zügig und bleibt dann immer “on the move”. Was sich entwickelt, was gesagt werden muss – alles in Bewegung. Schlägereien, Schießereien und Verfolgungsjagden geben sich die Klinke in die Hand.

Nicht nur deshalb wirkt “Safe”, als sei das Skript 1985 für Cannon geschrieben worden. Politiker korrupt, das ganze NYPD korrupt, kriminelle Großgeschäfte von Chinesen und Russen – hier wird das New York von Clint Eastwood und Charles Bronson bedient, nicht das gelackte Kommerz-New York des neuen Jahrtausends, in dem gerade 12 Tage ohne Mord vergangen sind. “Safe” schafft keine 12 Minuten ohne gewaltsamen Exitus. Sogar der Cast scheint aus der Zeit gefallen: Chris Sarandon? James Hong? Robert Burke?

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Ebenso altbacken wie das Setting ist auch der Aufhänger – die chinesische Mafia braucht ein kleines Mädchen mit super Zahlengedächtnis? Echt jetzt? Machen wir uns nichts vor: Aus Mei könnte man alle nötigen Informationen jeder Zeit heraus foltern. Wird ja auch oft genug angedroht. Es wäre heutzutage erheblich einfacher, die Informationen verschlüsselt zu speichern, den Zugangscode auf mehrere Leute zu verteilen.

Statham selbst ist nicht gerade ein Bonus. Er kann die Action, er passt in den Film – aber genau deshalb verschwindet er auch in ihm. Seine Figur hat weder Ecken noch Kanten, bringt keine Motivation mit, kämpft sich stoisch durch die austauschbaren Bösewichte, um ein Mädchen zu schützen, zu dem er keine erkennbare Beziehung besitzt. Da fehlt die Eleganz des “Transporter” oder der Irrwitz von “Crank”. Man spürt Stathams Drang, sich nicht auf das Niveau von Lundgren und van Damme zu begeben, lieber seriös wie Eastwood zu werden – aber die Seriosität von “Safe” ist zu poliert und risikolos.

So bleibt bei aller Professionalität der Inszenierung immer das laue Gefühl zurück, “Safe” wäre 1985 als “Dirty Harry”-Sequel abgelehnt worden und hätte irgendwo Staub angesetzt, bis Statham drüber stolperte.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

2. Station: Palm Beach, Florida!

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USA 2014. Regie: Taylor Hackford. Darsteller: Jason Statham, Jennifer Lopez, Michael Chiklis, Bobby Cannavale, Patti LuPone, Emma Booth, Nick Nolte, Daniel Bernhardt u.a.

Offizielle Synopsis: Parker ist ein professioneller Dieb und, wenn nötig, auch ein Killer. Der Vater seiner Freundin verschafft ihm einen neuen “Job” mitsamt neuen Partnern. Doch nach dem Überfall wird Parker von diesen vermeintlichen Partnern nicht nur um seinen Anteil erleichtert, sondern auch fast getötet. Parker, ein Mann mit Prinzipien, schwört Rache. Er folgt seinen Killern, die einen millionenschweren Coup planen, nach Palm Beach. Im Mekka der Reichen gibt sich Parker als vermögender Texaner aus, der eine Villa kaufen will. Dabei hilft ihm die verschuldete und gelangweilte Immobilienmaklerin Leslie Rodgers, die seinem Schwindel schnell auf die Spur kommt und ganz eigene Interessen an Parker hat …

Kritik: Ach… der Titel “Parker”, das Plakat, die Besetzung – das weckt Sehnsucht nach einem nihilistischen Gangsterdrama im Stil von “Get Carter” oder “Point Blank”, nach Helden aus Groschenromanen und einer Welt ohne Ideale.

Tatsächlich wirkt “Parker” eher wie eine Doppelfolge der Serie “Burn Notice” und nutzt die fast lego-eske Luxuskulisse von Palm Beach für einen Film, der sich zwischen Caper- und Rachedrama nicht entscheiden kann.

Statham spielt Statham, wie immer. Dreitageglatze, Dreitagebart, den Gesichtsausdruck leichter Magenkrämpfe, die Stimme einer Handvoll Kies im Rachen. So reduziert und überlegen, dass er aus jeder Menge heraus sticht wie Bozo, der Clown. Wie üblich ist seine eigene Kriminalität zweitrangig und irgendwie durch die “Gangsterehre” gedeckt, während der Versuch, ihn zu bescheißen, gottgerechten Mord und Totschlag nach sich zieht. It’s the Statham way.

Weiche Knie angesichts seiner aus allen Poren strömenden Männlichkeit muss diesmal Jennifer Lopez kriegen, die ebenfalls ein total korrupter Charakter ist – was mit der Gemeinheit ihrer Bürokollegen gerechtfertigt wird. Es ist wirklich erstaunlich, wie nonchalant das Skript die Welt in “gute” und “böse” Verbrecher unterteilt.

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Fragwürdig ist dabei die erhoffte Beziehung Statham/Lopez – da Statham als glücklich vergeben dargestellt wird, ist jede Chemie hinfällig und der Versuch von La Hintern, den stoischen Stetson-Träger aufzureißen, hat von vorne herein etwas peinlich Verzweifeltes. Es mag ja dem Klischee widersprechen, die beiden Hauptfiguren letztlich nicht miteinander in die Kiste springen zu lassen – aber warum baut man sie dann erst als Paar auf? Und wieso impliziert man ein Dreieck mit dem von Bobby Cannavale gespielten Cop, das genau deshalb nicht funktionieren kann?

Und so lässt Regie-Veteran Taylor Hackford (“Ein Offizier und Gentleman”, “Im Auftrag des Teufels”) seinen Helden alle Gegenwehr brechen, die Verräter über die Klinge springen und am Ende – wie so oft – schwer durch den Wolf gedreht, aber zufrieden mit sich und der Welt von dannen ziehen. Fast so, als hätte die Gerechtigkeit gesiegt und nicht der Gangster mit dem besten Durchhaltevermögen.

Einzig nennenswert ist der Fight Statham vs. Bernhardt – dammit, wenn Scott Adkins der Ben Affleck des Martial Arts-Films ist, sollte Bernhardt (“Bloodspoort 2″) endlich als George Clooney des Kloppergenres wieder Hauptrollen bekommen. Der war schon in “Wick” eine echte Schau.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

P.S.: Wow, Nick Nolte verdient sich die Miete nun als wrackiger Nebendarsteller. How the mighty have fallen.

3. Station: Las Vegas!

wild-card-poster-debutWild Card

USA 2015. Regie: Simon West. Darsteller: Jason Statham, Michael Angarano, Dominik Garcia-Lorido, Milo Ventimiglia, Hope Davis, Stanley Tucci

Offizielle Synopsis: Nick Wild hat es satt: Seit Jahren schlägt sich der ehemalige Söldner als Detektiv und Gelegenheitsbodyguard im Zockerparadies Las Vegas durch, obwohl er doch am liebsten sofort nach Korsika auswandern würde. Dafür fehlt allerdings das nötige Kleingeld. Als ihn eines Tages seine Ex-Flamme Holly übel zugerichtet um Hilfe anfleht, wird er schneller als ihm lieb ist in ein schmutziges Spiel mit dem einflussreichen Danny DeMarco hineingezogen. Die Männer DeMarcos im Nacken, stürzt sich Nick Wild tief in die Abgründe von Las Vegas und entfesselt eine gefährliche, alte Leidenschaft.

Kritik: Was sich in “Safe” andeutete, bestätigt sich in “Wild Card” – Jason Statham hat kein Interesse, sich bei Lundgren, Adkins oder Seagal unterzuhaken. Er will seinen Charakter zur Marke machen und damit im Mainstream punkten. Trotz seiner Martial Arts-Fähigkeiten setzt er immer mehr auf die reine Präsenz, die es völlig egal macht, ob er im Film Wright, Parker oder Wild heißt – er ist immer Statham. So wie Eastwood immer Eastwood ist, Bronson immer Bronson war, und James Caan immer James Caan.

Das Problem dabei: Stathams stoische Art erinnert of an Lundgrens und Seagals patentiertes Non-Acting, wirkt eher als Maske denn als gut gemeißelte Skulptur. War ich in den ersten Jahren noch von seinem potenten Charisma begeistert, frage ich mich mittlerweile, ob er nicht nuancenreicher spielen will – oder tatsächlich nicht kann? Ist er womöglich der männliche Megan Fox – exzellent in einem streng limitierten Rahmen?

Auch “Wild Card”, eine fast deckungsgleiche Neuverfilmung des Burt Reynolds-Films “Heat”, müht sich gar nicht erst, Statham einen neuen Charakter zu schneidern: Unrasiert, knallhart, schweigsam, aber mit einer weichen Schale, rechnet er mit all denen ab, die es verdienen – die Tatsache, dass er dabei selber zum Mörder wird, kann hinreichend ignoriert werden. Er praktiziert “frontier justice”, die von normaler Verbrechensbekämpfung unberührt bleibt.

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Das führt mitunter zu komischen, absurden Situationen. Holly hätte deMarco problemlos wegen Körperverletzung und Vergewaltigung anzeigen können – in Vegas-Hotels ist jedes Pissoir videoüberwacht. Und aus genau dem Grund ist auch Wilds Racheaktion dumm: deMarco hätte ihn sofort wegen des Verstümmelung seiner Handlanger einknasten lassen können. Aber in der Welt von “Wild Card” existiert keine Polizei, kein Gesetz – man macht sowas unter sich aus.

Immerhin macht Actionprofi Simon West (“Con Air”, “Tomb Raider”) das Beste aus der Glitzerwelt von Vegas (obwohl kaum in Vegas gedreht wurde), erzählt die relativ dünne Geschichte flüssig und lässt Fightlegende Corey Yuen dafür sorgen, dass die wenigen Kampfszenen flüssig-brutale Knackigkeit besitzen. Da schaut man gerne hin, davon hätte man sich mehr gewünscht. Brian de Palma, der den Stoff eigentlich verfilmen sollte (Statham in einem de Palma-Film – crazy times, indeed!), wird nicht vermisst.

Fazit: Hochprofessioneller, aber etwas zu kantenfreier Statham-Actioner im Stile der 80er, der mit aufwändigen Locations-Shoots und Stars in Nebenrollen glänzt, aber Statham zu wenig abverlangt.

3 Filme, 1 Statham

Ihr habt’s vermutlich gemerkt: Es ist kein Edit-Fehler, dass ich allen drei Filmen die exakt gleiche Bewertung gegeben habe.

Ich muss leider konstatieren, dass mir Statham-Filme nichts mehr geben. Zu Zeiten von “Crank” und “Transporter” war ich ein echter Fan, aber das gewaltsame Bemühen Stathams, sich im Mainstream einzurichten, nervt. Seine Filme sind aufwändig, aber vorhersehbar, edel, aber aseptisch. Der besondere Touch fehlt, sprichwörtlich und manchmal auch tatsächlich der Kick. Die Filme sind nicht schlecht, dafür ist das Budget zu hoch und die Crew zu professionell. Sie sind aber furchtbar blah.

Statham will nicht mehr unten mit den Schmuddelkindern spielen, obwohl er noch längst nicht oben angekommen ist (wie auch die unbefriedigenden Einspielergebnisse aller drei Filme belegen). “Safe”, “Parker”, “Wild Card” – alles primär Statham-Showcases nach dem immer gleichen Strickmuster. Die Locations wechseln, aber nicht die Abläufe. Harter Kerl spielt nach eigenen Regeln, wird aufs Kreuz gelegt, gerne auch verprügelt und angeschossen, baut eine Bindung zu einem schwachen Charakter auf (Frau/Kind/Weichei), räumt gnadenlos unter den Gangstern ab, humpelt in den Sonnenuntergang.

Das kann man einmal schauen, zweimal, dreimal. Aber irgendwann wünscht man sich, das Mädchen in “Safe” wäre ein Alien, “Parker” hätte einen bösen Zwilling oder “Wild Card” handele von einem Casino in Vegas, das illegale Kampfturniere veranstaltet. So’n Scheiß halt, über den man sich bei B-Movies freut, wie Statham sie augenscheinlich nicht drehen mag.

Ich sag’s ungern, aber die Präsenz von Jennifer Lopez, Nick Nolte, Stanley Tucci und Chris Sarandon ist für Statham keine Aufwertung – es ist für die Stars eine Abwertung.

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Februar 2015

Kleines Update zum Ausweis-App-Debakel

Ich geb’s ja zu – in lauen Stunden lese ich gerne mal in meinen alten Beiträgen. Immerhin gibt es den Wortvogel seit fast neun Jahren, da kann ich mich an vieles nicht erinnern und so manche Pointe ist nach fünf Jahren wieder lustig.

Eben stieß ich durch einen Klick auf den Zufall-Button auf diese Geschichte. Ein echtes Herzschmerz-Drama über den Versuch, mit der App zum neuen Personalausweis IRGENDWAS Produktives anzustellen. Das scheiterte nicht nur an der instabilen Software und der unglaublich beschissenen Nutzerführung, sondern auch daran, dass es die Ausweis-App ein Jahr nach Einführung der Online-Funktion immer noch nicht für den Mac gab.

Ich zitiere mich mal selbst:

Windows. Ubuntu. Debian. Mac-Download? Kein Mac-Download. Kann doch eigentlich nicht sein. Ich finde eine andere offizielle Seite, die sich mit “Ausweis App Installation Mac” anpreist. Dort findet sich ein erstaunlicher Absatz, der mit diesen Worten beginnt:

“Ausweis App Installation unter Mac: Sicher ist schon jetzt, dass es für Mac OS X die Ausweis App geben wird. Eine Installation kann standardmäßig über einen Installationsassistenten erfolgen. Diesen muss man mittels eines Doppelklicks öffnen.”

Unfassbar – die beschreiben seelenruhig die Installation einer Software, DIE ES NICHT GIBT! Seit 2010 gibt es die Online-Funktion, im Sommer 2011 gibt es IMMER NOCH keine Mac-Version!

Folgte man damals dem Link zur Download-Seite, fand man folgenden Hinweis:

“Die AusweisApp-Version für Mac OS wird zum Sommerende erwartet.”

Wie gesagt: Das war 2011.

Eben kam ich auf die Idee, mal nachzuschauen, wie es mit der OS-App aussieht. Das könnte wichtig werden, weil mein Macbook Air keine Windows-Partition mehr hat, auf die ich ausweichen könnte.

Ich finde auf der Webseite folgenden Hinweis:

“Ausweis App Installation unter Mac: Sicher ist schon jetzt, dass es für Mac OS X die Ausweis App geben wird. Eine Installation kann standardmäßig über einen Installationsassistenten erfolgen. Diesen muss man mittels eines Doppelklicks öffnen.”

Und beim Download-Link steht nun:

“Die AusweisApp-Version für Mac OS wird zum Sommerende erwartet.”

Un-fucking-believable!

Da hat sich in VIER JAHREN nichts getan, nach fünf Jahren gibt es immer noch keine Mac-Software zur Benutzung der Ausweis-App. Man hat sich nicht mal die Mühe gemacht, die Webseite zu aktualisieren (ist ja schön, dass “kommt im Sommer” jedes Jahr aufs Neue wahr sein könnte).

Und wie zur langen Nase der Verarsche gibt es einen Eintrag im eID-Blog, dass seit Mai 2014 die Software für den Mac eben doch verfügbar sei – einen Link zu dieser hat man aber anscheinend vergessen. Kein Wunder, denn auch der Text stammt offenbar von einem Minderbegabten:

“Seit heute dem (23.05.2014) steht die offizielle AusweisApp des Bundes als Version 1.13 die Mac-OS-Betriebssysteme (10.6 bis 10.9) zum Download bereit.”

Es wäre ein Klischee, wenn es nicht wahr wäre: Die pumpen Millionen Steuergelder in die glorreiche Ausweis-Online-Funktionalität, ohne die geringste Ahnung zu haben, was das eigentlich bringen soll – oder ob die dahinter stehende Infrastruktur stemmbar ist. Und dann lassen sie das einen leisen Tod sterben.

Steuerverschwendung, Bürgerüberwachung, Bürokratie-Irrsinn: Das wäre doch mal eine lohnenswerte Sache, gegen die alle PEGIDA-Spacken einig auf die Straße gehen könnte. Sie können sich ja in PUGIDA (Patriotische User Gegen die Idiotie der Ausweis-App) umbenennen.

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