2
Juli 2015

Micro-Reviews (4): Kickass TV-Filme

Ich bin ein totaler Fan von Fernsehfilmen als eigene Kunst-, bzw. Erzählform. Nicht so sehr heute, wo die Produktionen in Sachen Budget und Cast locker mit Kinofilmen mithalten können. Ich rede von früher, als 15-20 Drehtage ausreichen mussten und Millionenbudgets nicht mal träumbar waren. Damals behalf man sich mit guten, fettfreien Drehbüchern und arrivierten Schauspielern. Darum blättere ich auch so gerne in dem Band „Movies made for Television„. Ich habe die großartige Hardcover-Erstausgabe von 1980. Da fehlen zwar alle neueren TV Movies der späteren Jahre, aber dafür gibt es Hunderte extrem seltene Fotos der Produktionen von 1964 bis 1979. Ein Wiedersehen mit so vielen bekannten Gesichtern – und die Entdeckung so vieler toller Stories. Entzückenderweise kann man sich viele der vorgestellten Streifen mittlerweile auf YouTube ansehen.

Heute möchte ich euch zehn TV-Filme aus 30 Jahren vorstellen, die mich begeistert haben, weil sie vielleicht nicht immer das Format durchbrachen, es aber zumindest an seine Grenzen brachten. 10 Filme, die so gut sind, dass sie durchaus im Kino hätten laufen können – und teilweise auch liefen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass es nicht zu allen TV-Filmen Trailer gibt. In diesen Fällen habe ich euch die kompletten Filme verlinkt. Auf eigene Gefahr.

Vorgabe: Keine spielfilmlangen Pilotepisoden von TV-Serien.

Duel (1971)

Ein sehniger, schwitziger und staubiger Roadmovie-Thriller, inhaltlich wie stilistisch bis zum Anschlag hochgedreht. 90 Minuten Adrenalin von einem jungen Nachwuchstalent, das uns noch „Der weiße Hai“, „E.T.“, „Indiana Jones“, „Schindler’s List“ und „Jurassic Park“ schenken sollte.

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Gargoyles (1972)

Ein „kleiner“ Monsterfilm, hinter dem wir in den 90ern vor allem deshalb her waren, weil er Creature Designs des sehr jungen Stan Winston versprach. Aber auch darüber hinaus kann der Film überzeugen, denn er müht sich sichtlich und recht erfolgreich, seinen Schreckgestalten Identität und Background zu geben.

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Der eiskalte Tod (1973)

„A cold night’s death“, gerade mal 74 Minuten lang (um mit Werbung auf 90 zu kommen), lief in den 70er und 80er Jahren auch mehrfach im deutschen Fernsehen. In Sachen Location und Spannungskurve durchaus mit Carpenters „The Thing“ vergleichbar, kann dieser niedrig budgetierte Suspenser in Sachen Gänsehaut und Grusel ordentlich punkten. Genau die Sorte Film, die auch deutsche Sender in Auftrag geben könnten – aber nicht wollen.

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Brimstone and Treacle (1976)

Wenn der Teufel zu Besuch kommt, müssen alle Rechnungen beglichen werden. Lange Zeit als gotteslästerlich und unmoralisch in den Schubladen des Senders versteckt, funktioniert „Brimstone and Treacle“ des großen britischen Skandalautors Dennis Potter auch heute noch als böse Abrechnung mit dem britischen Bürgertum.

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The Day After – Der Tag danach (1983)

Es ist für Spätgeborene kaum nachvollziehbar, welche kontroversen Diskussionen der TV-Film seinerzeit auslöste – bei uns lief er noch dazu in den Kinos. So wie uns „Roots“ die Greuel der Sklaverei und „Holocaust“ die Monstrosität der Naziverbrechen nahe brachte, so lernten wir von „The Day After“, dass es nicht damit getan war, die Bombe zu lieben. Die Reagan-Administration hat den Film gehasst – und in vielen Schulen wurde er zum Pflichtprogramm. Sicher, vieles ist hysterische Propaganda, aber wer mal sehen will, wie ein TV-Film die Welt in Aufruhr versetzen konnte, ist hier richtig.

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Condition Red (1990)

„Condition Red“ ist die Tom Clancy-Version von „The Day After“, konzentriert sich auf die politischen und militärischen Mechanismen bei einer versehentlichen nuklearen Auseinandersetzungen. Mit viel Aufwand und beeindruckendem Cast produziert, kann dieses frühe HBO-Highlight mit den Kinofilmen seiner Zeit mithalten – weshalb der deutsche Videoverleih dem Streifen seinerzeit sogar eine Pressevorführung im Kino spendierte.

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Wedlock (1991)

Ein Mann und eine Frau flüchten aus einem futuristischen Knast – und dürfen sich wegen ihrer mit Sprengstoff beladenen Halsbänder niemals mehr als ein paar Schritte voneinander entfernen. Eine Variation von „The Defiant Ones“, falls sich unter den Lesern ein paar echte Cineasten verstecken sollten.

Keine große Science Fiction, nicht mal großes Drama – aber „Wedlock“ ist ein schönes Beispiel für solide B-SF, wie sie HBO Anfang der 90er produzieren und dann weltweit in die Videotheken pumpen konnte. Für Lewis Teague („Cujo“, „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“) nur eine Fingerübung, die schon drei Jahre später als „Deadlocked“ neu verfilmt werden soll.

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Hexenjagd in LA (1991)

Bei „Cast a Deadly Spell“ wurde nicht gespart: Die aufwändige Vermählung von Film Noir und Lovecraft-Horror wurde von „GoldenEye“-Regisseur Campbell mit einem gute Auge für die Balance von Kitsch und Coolness inszeniert. Fred Ward und Julianne Moore haben sichtlich ihren Spaß an der Melange aus „Malteser Falke, „Dick Tracy“ und „Dr. Mordrid“. Ein üppiger, kinotauglicher Gruselspass, dessen Chance auf eine serielle Fortsetzung von einem erheblich schlechteren Sequel („Witch Hunt“ – von Paul Schrader!) zunichte gemacht wurde.

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12:01 (1993)

Nochmal Jack Sholder (siehe „Condition Red“), der hier – wie Lewis Teague bei „Wedlock“ – temporeich und ohne größeren Schnickschnack eine SF-Romanze erzählt, bei der angeblich „Und täglich grüßt das Murmeltier“ geklaut hat. Der sich ständig wiederholende Tag dient hier mehr der Spannung als dem Slapstick, die Besetzung mag etwas zu blass sein, aber ein hübsches Gedankenspiel ist „12:01″ dennoch.

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Failsafe – Befehl ohne Ausweg (2000)

Zum Abschluss eigentlich ein Doppeltipp: „Failsafe – Angriffsziel Moskau“ (1964) von Sidney Lumet ist bis heute einer der eindrucksvollsten Antikriegs-Filme, so eine Art „Dr. Seltsam“ ohne den Humor, dafür mit einem präzisen Verständnis für die Mechanismen einer globalen Katastrophe und mit einem schockierenden Ende.

Im Jahr 2000 drehte Stephen Frears ein Remake. Als TV-Film. In schwarzweiß. Live gespielt und in Echtzeit ausgestrahlt. Eine echte Hommage an die Frühzeit des TV-Dramas und hochkarätig besetzt mit George Clooney, Brian Dennehy, Sam Elliott, Harvey Keitel, Noah Wyle, Richard Dreyfuss und Don Cheadle. Und tatsächlich gelang es der ambitionierten Produktion, die Magie des „frühen Fernsehens“ noch einmal einzufangen. Die DVD ist preiswert erhältlich und sei euch allen ans Herz gelegt.

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30
Juni 2015

Micro-Reviews (3): Fantasy Filmfest-Nachlieferung

Ich würde im Laufe der nächsten Monate glatt noch Reviews aller Filme nachliefern, die ich vor meiner Bloggerzeit auf dem FFF gesehen habe. Blöd nur: An die meisten kann ich mich bestenfalls rudimentär erinnern. Darum picke ich mir im Rahmen der Micro Reviews ein paar raus, die halbwegs Eindruck hinterlassen haben. Die Vorgabe diesmal: Nichts nachschlagen, alles aus dem Kopf erzählen.

Blue Steel

Nach „Near Dark“ dachte ich, Kathryn Bigelow könnte die erste relevante weibliche Stimme des Genrefilms werden. Aber sie wollte nur die Respektabilität Hollywoods und lieferte als nächstes einen vorgeblich frauenstarken, aber in Wirklichkeit alle Klischees bedienenden „Thriller“ über eine Polizistin, die sich in einen Fetischisten verknallt. Gelacktes, aber auch ziemlich leeres Designerkino. Mit „Point Break“ hat sie sich aber gleich im Anschluss wieder rehabilitiert.

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Darkman – Der Mann mit der Gesichtsmaske

Der deutsche Untertitel ist so scheiße, dass er schon wieder gut ist. Als Anti-Superhelden-Film (so eine Art Mischung aus „Batman“ und „Das Phantom der Oper“) geht „Darkman“ in Ordnung, auch wenn man ihm ansieht, wie sehr er mit einem zu geringen Budget kämpft. Für Sam Raimi war er die Bewerbung für größere Aufträge und letztlich „Spider-Man“. Bei der letzten Szene („… call me Darkman!“) haben wir Geeks uns seinerzeit vor Begeisterung ins die Hosen gepieselt. Einer der ersten Kinofilme, der zeitnah „direct to video“-Sequels nach sich zog. Die kann man knicken.

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Marquis de Sade

Schauspieler mit Tiermasken, ein sprechender Penis: „Marquis de Sade“ ist wahrlich nicht das, was man von einer filmischen Biographie des ollen Frauenverstehers erwartet. Vor allem aber ist der Film erstaunlich humorvoll und zart, mehr am melancholischen Sinnieren über die Natur der Lust interessiert als an schweinischen oder schmerzhaften Details. Hat mich seinerzeit sehr beeindruckt.

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Dellamorte Dellamore

Genau genommen keine freie Adaption von „Dylan Dog“, wenn auch vom gleichen Autor und mit dem Darsteller, der Dylan Dog als Vorbild galt. Stattdessen eine turbulente wie schwermütige, mit Splatter und Sex aufgebohrte Friedhofsfarce, die gegen Ende etwas aus der Bahn gerät, das Publikum im Kino aber durch die Bank begeisterte.

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Surviving the Game – Tötet ihn!

Es gibt VIELE offizielle und inoffizielle Varianten des „Most dangerous game“-Stoffes, auch als Actionthriller mit Stars wie van Damme und Dudikoff. Dass ausgerechnet der Kameramann von Spike Lee eine der besten Spielarten stemmen würde, hat uns damals überrascht. Klasse gefilmt, mit einem großartig aufgelegten B-Cast (Ice-T! Rutger Hauer! John C. McGinley! Gary Busey! F. Murray Abraham! Charles S. Dutton!). Always check the barrel, bitch!

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Fist of the North Star – Der Erlöser

In den 90ern waren Mangas und Animes Kult, da war es kein Wunder, dass diverse westliche Filmer versuchten, die Stoffe für ihr Publikum zu adaptieren. Die Umsetzung des hirntoten, aber dafür ultrabrutalen Comics „Fist of the North Star“ (so eine Art „Streetfighter 2″ meets „Story of Ricky“) wurde weitgehend verrissen. Zu billig, zu blöd, zu banal. Aber in meinem Herzen hat sie einen ganz besonderen Platz, denn Regisseur Tony Randel holt wirklich alles aus den paar Piepen raus, die ihm zur Verfügung standen und der Cast ist ein feuchter Traum für Badmovie-Freunde:

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Die Passion des Darkly Noon

Gedreht in der ehemaligen Ostzone, ist „Darkly Noon“ ein schönes Beispiel dafür, dass Deutschland durchaus Backdrop für internationale Filme sein kann. Eine sehr erotische Ashley Judd verdreht einem sehr verstörten Brendan Fraser den Kopf, und Viggo Mortensen ist auch dabei. Ein kleiner, brutaler und doch wunderschöner Thriller. Warum Philip Ridley danach zehn Jahre bis zu seinem nächsten Projekt brauchte, ist mir ein Rätsel.

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Barb Wire – Flucht in die Freiheit

Nenn‘ sie nicht Babe – Schlampe wäre angemessener. Die futuristische „Casablanca“-Variante nach Comic-Vorlage wurde damals freudig erwartet, vor allem von chronischen Masturbanten. Pamela Anderson gibt sich sich sichtlich Mühe, aber letztlich reicht ihr Strip im Vorspann für die Zielgruppe aus und der Rest ist eher C-Ware, die von vorne herein auf Video gehört hätte.

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Crying Freeman – Der Sohn des Drachen

Noch eine Anime-Realverfilmung, diesmal vom sehr populären „Crying Freeman“. Wir fanden den seinerzeit alle geil, toll gefilmt und mit Marc Dacascos perfekt besetzt. Rückblickend fällt einem dann schon auf, dass der Großteil der Laufzeit angeberisches Posing ist und sich das morbide moralische Vakuum der Vorlage nicht adäquat erzählen lässt. Gut gemeint, aber nicht gut gealtert.

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Ultimate Chase – Die letzte Jagd

Albert Pyuns erster Versuch, so etwas wie einen Echtzeit-Film zu drehen, war einer der Totalausfälle des FFF 1996 – und es müht einem fast schon Bewunderung ab, dass Natasha Henstridge nach ihren viel beachteten (ähem) Debüt „Species“ binnen eines Jahres in der C-Movie-Hölle gelandet war. Na ja, Christopher Lambert konnte sie einweisen, der kannte sich damals schon dort aus. Der Film selbst in eine lahme Abfolge von Verfolgungsjagden in Tunneln und Industriebrachen, die ständig irgendwelche futuristischen Konzepte verspricht, aber aus Budgetmangel nie zeigt.

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29
Juni 2015

Ein Handschlag über das Jahrhundert hinweg

Es ist eine Binsenweisheit, dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird. Eine weitere, dass historische Ereignisse greifbarer und realer sind, wenn man einen persönlichen Bezug zu ihnen hat. Das hat sich heute bewiesen – auf eine mich bewegende Weise, die ich teilen möchte.

Mein Großvater hieß Nikolaus Plotes. Er war im Zweiten Weltkrieg als Belgier von den Deutschen nach Düsseldorf zwangsverschoben worden, um dort zu arbeiten – als Uhrmacher konnte man seine feinmechanischen Fähigkeiten gut brauchen. Nach der Kapitulation des Dritten Reiches kehrte er für ein paar Jahre in das heimatliche St. Vith zurück.

Mitte der 50er – verheiratet mit einer Düsseldorferin – zog er dann mit Sack und Pack (und drei Kindern) erneut an den Rhein, diesmal freiwillig. Nach einiger Suche fand die Familie ein geeignetes Haus in der Richardstraße, das er über die nächsten 20 Jahre in kompletter Eigenarbeit aus- und umbaute:

richardIch war noch ein Kleinkind, als meine Eltern Anfang der 70er mit uns dort auszogen. Mein (angeheirateter) Vater und mein Großvater unter einem Dach – das ging nicht gut. Dennoch steht das Haus für viele prägende Erinnerungen: Hier wurden die Familienfeste gefeiert, hier lebten neben meinem Opa und meiner Oma auch mein Onkel und meine Tante, hier hatte ich jahrelang ein Keller-Apartment als „zweiten Wohnsitz“, wenn ich von München aus zu Besuch kam. Geburtstage, Weihnachten, Beerdigungen – „our house in the middle of our street“.

Im Treppenhaus, direkt vor der Wohnungstür meines Großvaters, hing ein Ölbild. Ich nenne es nicht Ölgemälde, das würde Stil und Qualität überfordern. Ein einfacher Hof auf dem Land, gemalt aus der Fernsicht von einem Waldrand aus. Einfache Striche, eine einfache Darstellung eines einfachen Lebens.

Der Luxhof. In der Nähe von St. Vith in Belgien. Opa erzählte mir, dass die Familie viele Generationen dort gelebt und gearbeitet hatte. Sozusagen unser Stammsitz. Das, was für die Ewings Southfork ist. Hier ein altes Foto, das dem Bild sehr ähnlich ist:

Luxhof

Ich war nie da. Selbst bei den Besuchen in St. Vith kam keiner auf die Idee, noch mal beim Luxhof vorbei zu fahren. Nach dem Verkauf des Hofes in den 50ern hatte die Familie damit abgeschlossen. Das ist auch der Grund, warum Düsseldorf für mich immer die Keimzelle der Familie war und Opa ihr ältester lebender Vertreter. Reini, ein entfernter Cousin, hatte sich zwar mal die Mühe gemacht, einen Stammbaum bis weit ins 18.Jahrhundert zurück zusammen zu stellen, aber dazu konnte ich keinen Bezug aufbauen.

Das war nicht meine Welt, die Belgier waren nicht wirklich meine Familie.

So lautet meine Erklärung – nicht Entschuldigung -, warum ich über meinen Großvater hinaus fast nichts über die Familie mütterlicherseits weiß. Es waren… Belgier.

Vor ein paar Tagen rief mich dann meine Mutter an. Sie hat deutlich mehr Verbindungen zur Verwandtschaft, verbringt im Alter viel Zeit in St. Vith. Da gibt es Onkels und Tanten, Cousins und Cousinen. Und eben Reini, der sich immer noch mit der Familiengeschichte beschäftigt. Mutti erzählte mir, dass Reini im Magazin eines historischen Vereins der Gegend einen Artikel veröffentlich hätte, den sie mir gerne mal schicken würde. Heute morgen war er in der Post und ich habe ihn für euch gescannt.

ÜberschriftDas ist nicht mein Großvater. Es ist mein Urgroßvater. Ein Mann, von dem ich bis heute noch rein gar nichts gehört hatte. Zeit, das nachzuholen.

Der Artikel, den Reini geschrieben hat, ist so faktenreich wie familiär, zeigt den kleinen Ausschnitt im Großen Krieg, das hilflose Rädchen, das sich die Seite nicht aussuchen konnte, für die es sich drehen musste. Und er hat mir gezeigt, dass mein Großvater seinen Namen nicht aus Zufall trug.

Es hat Tradition, die Männer in meiner Familie Nikolaus zu nennen. Schon der erste Stammvater, den Reini dokumentiert fand, hieß so. Es war allerdings nicht üblich, den Namen direkt an den Sohn weiter zu geben. Sonst hätte es ja auch zuviel Verwirrung gegeben. Aber dazu gleich mehr.

Nun weiß ich also, wie mein Urgroßvater vor 100 Jahren aussah:

Nikolaus Plotes

Das langgezogene Gesicht, das große aber weiche Kinn – ja, ich sehe da eine Familienähnlichkeit, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Garderegiment zu Fuß? Was für ein scheiß Job.

Mein Großvater musste für die Deutschen an die Front. Von der Familie mit vier Kindern getrennt (ein fünftes unterwegs), sollte er von Berlin aus gegen den Feind im Osten ziehen.

Es braucht euch nicht interessieren. Was geht euch ein belgischer Grenadier an, der vor 100 Jahren gegen den Russen marschierte? Nicht mal eine Fußnote der Geschichte. Keine Spuren im Sand. Und doch würde ich euch bitten, den Artikel von Reini zu lesen, weil er nicht nur von meiner Familie erzählt, sondern auch von einem Schicksal, das so sicher Tausende Male durchlitten wurde:

LauftextJetzt weiß ich, warum mein Großvater direkt nach seinem Vater benannt wurde – weil es keine Verwechslungsmöglichkeiten gab. Der kleine Nikolaus hat Nikolaus senior nie gesehen, der Vater seinen Sohn nie gehalten. Die Grausamkeit des Krieges offenbart sich für mich in diesen ganz privaten Schicksalen deutlicher als in aufwändigen Schlachtgemälden.

Und noch verzweifelter und hoffnungsloser als der Bericht von Reini ist der Feldpostbrief meines Urgroßvaters, der für diesen Artikel erstmals in die moderne Schrift übertragen wurde. Ich kann euch auch hier nur ans Herz legen, ihn mal in Ruhe zu lesen – versucht, dabei nicht das Schlagen von Stiefeln auf Kopfsteinpflaster zu hören, das Schmieröl der Gewehre zu riechen, das Kratzen der rauen Uniformhose auf der Haut zu spüren:

Plotes Brief

„So Gott will, sehen wir uns bald wieder in der lieben, lieben Heimat“ – er hatte noch gut zwei Monate zu leben.

Und plötzlich bin ich doch mehr als ein Dewi, bin ich AUCH ein Plotes. Sehe über den Großvater hinaus, die Familie mit den Kindern bangen, den Hof unbestellt, den Winter als Drohung voraus. Ich begreife mich als Teil einer Geschichte, die viel weiter zurück reicht als die alten Fotos. Hinter den Fenstern auf dem Ölbild vom Luxhof, da war Leben. Leben, das weiter gegeben wurde, an der Wiege UND am Sarg – und am Ende: Ich. Heute. Hier.

Und wieder, wie ich es so gerne tue, stelle ich mir eine Zeitreise ins Jahr 1915 vor, suche den Kasernenhof in Berlin, finde den strammen schlanken Mann, wie er seine Stiefel wichst, auf einem umgedrehten Zinkeimer sitzend. Ich hocke mich hin, wir nicken einander zu. Er weiß, woher ich komme. Keine Ahnung wieso, aber er weiß es. Und er ist klug genug, nicht nach seinem Schicksal zu fragen, von dem er weiß, dass ich es kenne.

„Meine Frau…?“

Ich lächle so mild mir das möglich ist.

„Hält sich tapfer. Zur Weihnacht hast du noch einen Sohn.“

Er zu stolz, um zu weinen, aber es ist ein Kampf. Wie zur Ablenkung legt er die Bürste beiseite und zerrt er die glänzenden Stiefel über Unterschenkel.

„Ein guter Junge?“

Bilder meines Großvaters flackern in meinem Kopf auf.

„Ein guter Junge, ein aufrechter Mann, ein anständiger Vater.“

Nikolaus muss jetzt lachen – so weit hatte er nicht gedacht.

„Enkel?“

„Und Urenkel.“

Er blickt mich an, hat mich erkannt. Im Hintergrund schreit ein Offizier, Unruhe treibt die versprengten Soldaten auf die Füße. Zwei, drei Sekunden, dann steht Nikolaus auf und reicht mir die Hand.

„Es ist Zeit für mich.“

Ich nehme die Hand, zum ersten und zum letzten Mal.

„Für mich auch.“

Er geht, das Gewehr über der Schulter. Dann dreht er sich doch noch einmal um und zieht umständlich eine Postkarte aus der Rocktasche.

„Die habe ich heute morgen noch geschrieben. Ein paar Worte für Maria und die Kinder. Gibst du sie für mich bei der Post ab?“

Ich nicke, obwohl ich weder weiß, wo hier ein Postamt ist, noch wie ich eine Briefmarke im Berlin des Jahres 1915 bezahlen soll. Es ist auch egal – es ist mein Wunsch, meine Realität. Und so wird die Karte ankommen und noch hundertfach gelesen, bevor sie in der kleinen Blechkiste landet, die Sohn Nikolaus in den 50ern mit nach Düsseldorf nimmt.

Postkarte 1

Postkarte 2Ich möchte noch etwas Bewegendes sagen, etwas Profundes, aber Grenadier Nikolaus Plotes ist schon außer Hörweite und die Wirklichkeit dieses drückenden Sommertages verschwimmt bereits.

Bevor ich in meine Zeit – meine Welt – zurückkehre, muss ich seltsamerweise daran denken, dass in München jetzt gerade die kleine Rosel eingeschult wird. In fast 100 Jahren wird sie meine Nachbarin sein – und eine erstaunlich direkte Verbindung in die Zeit meines Urgroßvaters.

Dann schüttel ich den Kopf, finde mich albern und sentimental zugleich – und wundere mich, wie aus einem dokumentarisch angedachten Blogbeitrag über Artefakte aus den Schubladen meiner Großtanten wieder so ein melodramatischer Kappes werden konnte. Ich denke einen Moment lang darüber nach, den fiktiven Kram im letzten Drittel wieder zu löschen. Dann lasse ich ihn drin, klicke auf „speichern“ und beschließe, dass nun ein Glas Wein angebracht ist.

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27
Juni 2015

Micro-Reviews (2): B-Kino der 80er

Heute bespreche ich mal völlig willkürlich und sehr knapp ein paar Filme aus der Zeit, als Kino noch Taschengeld und Eiskonfekt war, Straßenbahn und Nachmittagsvorstellung. Was damals so alles in die großen Säle des Rex kam, in die kleineren des Residenz-Centers, ins Savoy…

Grundbedingung für diese Liste: Alle Filme habe ich mir damals tatsächlich beim Erst-Release auf der großen Leinwand gegönnt. Nicht später auf Video, nicht in den letzten Jahren auf YouTube. Meine Erinnerungen sind damit absolut unverfälscht und authentisch.

Timerider – Mit der Cross-Maschine auf Zeitreise

Ein launiger Action/Western/SF-Hybrid, der mich mit Fred Ward bekannt machte und dessen depperte Grundidee (ein Motocross-Fahrer landet durch ein Zeitexperiment im Wilden Westen) vom Skript voll erkannt und ausgeschlachtet wird. Ein Film, über den niemals Magisterarbeiten geschrieben werden und der bei Retrospektiven der 80er konsequent ausgelassen wird. Trotzdem big fun.

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Mutant – Das Grauen im All

Klar fanden wir „Planet des Schreckens“ damals cooler, weil der mehr so Konzept-SF mit viel Mystery war. Aber „Mutant“ hatte die besseren Boobies – für einen 15jährigen der Vor-Internet-Ära ein unschlagbares Argument. Außerdem ist „Mutant“ für mich bis heute der beste „Alien“-Ripoff. Viele dunkle Gänge, viele blutige Tode, viele eklige Tentakel: So sah damals gutes Kino aus.

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Hercules

Die Aushangfotos sahen toll aus, Ferrigno hatte den perfekten Look für die Rolle und „Conan“ hatte ich wegen der Altersfreigabe ja sowieso ausfallen lassen müssen. Leider entpuppte sich Cozzis „Hercules“ als Mogelpackung, die versprochenen Heldentaten des Plakates kamen im Film nicht vor und generell herrschte eine Atmosphäre der allgemeinen Inkompetenz, die auch das Dekolleté von Sybil Danning nicht wettmachen konnte:

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Octagon

Noch vor „Enter the Ninja“ der erste amerikanische Ninja-Film – und meine erste Begegnung mit Chuck Norris. Für damalige B-Verhältnisse knackige Action, coole Stunts, Martial Arts – und was soll ich sagen? Boobies! Alles in allem einer meiner Lieblings-Norris-Filme neben „Cusack“ und „McQuade“ – sollte ich mir digital remastered noch mal geben:

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Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis

Ein Neo-Noir-Vampirfilm, beeinflusst von MTV und der Werbefilmästhetik der 80er. Was ich damals nicht verstanden habe: Auch ein Film über den Drang nach Zugehörigkeit, die Suche nach der Familie außerhalb der Familie. Exzellente Dialoge lassen „Near Dark“ auch heute noch frisch wirken und ich halte ihn für unfair der Vergessenheit anheim gefallen.

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Krull

Wurde als „next big thing“ der Fantasy angekündigt, verstolperte sich an diesem Anspruch wie schon „Willow“. Vieles wirkt heute unausgegoren und peinlich, von den „pew pew“-Effekten über die blassen Charaktere bis zur extrem generischen Story. Aber ich mochte den Film damals – weil Ken Marshall einen eher untypischen Heldenlook pflegte und das Fünfklingenschwert (so absurd es konzeptionell auch sein mochte) eine geile Waffe war. Mit 15 kann man viel verzeihen.

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Firefox

Streng genommen kein B-Movie, aber dem Cannon-Spirit absolut verpflichtet. Clint Eastwood ist wahrlich kein Genre-Schauspieler und hat sich von Spezialeffekten immer nach Möglichkeit fern gehalten. Trotzdem passt es in die Zeit, dass er mit „Firefox“ einen hochoktanen Kalter Krieg/Actionthriller ablieferte, dessen Flugverfolgungsjagden nicht ohne Grund an „Star Wars“ erinnerten. War damals ziemlich knackig – heute ist das präsentierte Weltbild extrem veraltet und es dauert halt doch sehr lange, bis man zur Action im letzten Drittel kommt.

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Starfight

Oberflächlich ein typisches Teenager-Abenteuer aus der Spielberg/Dante/Zemeckis-Ecke, seinerzeit vom „Lexikon des SF-Films“ als empörende Lobpreisung von Videospielen verdammt, mit einem guten Gespür für die Sensibilitäten der 80er inszeniert. Sein Vermächtnis ist allerdings die Vorreiterrolle als erster Kinofilm, der bei den Weltraumschlachten komplett auf CGI setzte. Das war damals Neuland, sicher nicht perfekt – aber irgendwie saucool.

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Sprengkommando Atlantik

Roger Moore als schrulliger Anti-Bond gegen ein paar Terroristen, die eine Ölplattform gekapert haben. Genau genommen von 1979, kam bei uns aber erst 1980 ins Kino. In Regie, Story und Besetzung mehr ein Kind des 70er-Kriegsfilms à la „Die Wildgänse/Seewölfe kommen“ und „Flucht nach Athena“ sowie der vormals trendigen Katastrophenfilme, als der 007-Reihe. Teilweise hochgradig zynisch und frauenfeindlich, aber auch sympathisch englisch in seiner Arroganz.

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Moontrap – Gefangen in Raum und Zeit

Bruce Campbell war cool, Walter Koenig war Star Trek, Monsterroboter auf dem Mond: all systems go! Leider entpuppte sich „Moontrap“ schnell als lieblos herunter geschludertes, inhaltlich inakzeptables C-Filmchen, bei dem man auf dem Mond im Hintergrund die Studiovorhänge sehen konnte und das zum Lachen gewesen wäre, wenn man nicht vollends damit beschäftigt gewesen wäre, fassungslos zu sein. Vielleicht wäre ich gnädiger gewesen, wenn der Film am Anfang und nicht am Ende meiner Geek–Jugend herausgekommen wäre:

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P.S.: Bonusinfo: Der deutsche Wikipedia-Eintrag versucht den Film deutlich wertiger erscheinen zu lassen, als er ist, und versteigt sich sogar in die Behauptung (natürlich ohne Beleg), der erheblich aufwändigere „Apollo 18″ wäre davon inspiriert worden. Kein Wunder: Autor dieser Passagen ist Ekmar, der erkenntnisresistente Steigbügelhalter von Bernd P. Kammermeier, der ja dereinst die Fortsetzung von „Moontrap“ realisieren wollte…

Es war ein tolles Jahrzehnt. Vielleicht kein wirklich gutes, aber ein tolles.

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24
Juni 2015

Ripoffs: The Italian Job (mit Gewinnspiel!)

executorNachfolgend ein (gekürzter) Text, den ich Ende Oktober 2014 für das Booklet von „The Executor – Der Vollstrecker“ geschrieben habe. Weil er mit leichten Änderungen einen – wie ich finde – ziemlich guten Abriss der italienischen Trittbrettfilmer-Geschichte darstellt, wollte ich ihn euch nicht vorenthalten.

Die DVD/Blu-ray-Box ist mittlerweile auch erschienen – und wird am Ende dieses Beitrages verlost.

Die italienische Filmgeschichte ist seit jeher ein schmerzlicher Kompromiss von Kunst und Kommerz. Nach frühen Erfolgen wie „Cabiria“ (1914) litt die Industrie – ähnlich wie in Deutschland unter Hitler – unter dem kunstfeindlichen Diktat eines faschistischen Systems, wenn auch nicht ganz so totalitär. Doch mit dem Ausklang des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich der italienische Neorealismus als moderne, zeitgemäße Filmsprache noch vor der französischen Nouvelle Vague und dem deutschen Autorenfilm. Auch im Bereich der Komödie konnten sich italienische Produktionen weltweiten Respekt verschaffen.

In den 50er und 60er Jahren kam es dann zu einem Boom, der Fluch und Segen der italienischen Filmindustrie werden sollte. Die Amerikaner, die für ihre historischen Epen auf der Suche nach realistischen und preiswerten Drehorten waren, verlagerten viele Produktionen nach Italien. Die Ruinen des Alten Rom wurden ebenso attraktiv wie die schroffen Mittelmeer-Küsten, die kargen Steppen. Meist sandten die Hollywood-Studios nur ihre Produzenten, Regisseure, Kameramänner und Hauptdarsteller, den Großteil der Arbeit vor Ort erledigten preiswertere italienische Handwerker. So entstanden „Ben Hur“ (1959) und „Quo Vadis“ (1951).

odysseusDas führte zu einer Professionalisierung der Filmindustrie in und um Rom. Hinzu kam, dass die US-Produktionen oft genug prächtige Kulissen und tausende aufwändiger Kostüme und Requisiten nach Abschluss der Dreharbeiten einfach zurück ließen. Da bot es sich an, Arbeitskraft und Material einzusetzen, um mit preiswerteren einheimischen Trittbrett-Produktionen auf dem internationalen Markt zu punkten. Es war die Geburtsstunde des – wie man heute salopp sagt – „italienischen ripoffs“.

Der Ripoff lebt von klar fixierten, leicht vermarktbaren Genres ebenso wie von namhaften Stars, die ihren Zenith ca. fünf bis zehn Jahre überschritten haben und die italienische Honorare mit einem mondänen Urlaub verbinden wollen. So drehte Kirk Douglas „Odysseus“ (1955), Anthony Quinn „Attila“ (1954), und in „Kreuz und Schwert“ (1958) spielte Yvonne de Carlo die Hauptrolle.

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23
Juni 2015

Und wo ich gerade Wutvogel bin: Wertstoffhof München, du mich auch…

kaminofenVor neun Jahren habe ich den ersten mutigen Lesern meines Blogs mal gezeigt, wie das ist, wenn der Single-Vogel in seinem Obergiesinger Häuschen zum Winter den Kaminofen anfeuert. Kuschelig, aber auch nötig, denn gut gedämmt war das Haus ja nie und so manches Mal war der Platz vor dem prasselnden Feuer der einzig wa(h)r(m)e.

Aber die Zeit, sie geht ins Land – der Wortvogel ist verheiratet, lebt in Speyer, das kleine Häuschen wird mühsam saniert, wochenweise wird Bauschutt zum Wertstoffhof gekarrt. Kehraus.

Es zeigte sich schon vor Monaten, dass der Ofen nicht mehr gebraucht wird. Er hat auch eine zu hohe Leistung, das ist in der Form gar nicht mehr erlaubt. Wenn die neuen Mieter einen Ofen haben wollen, können sie sich gerne einen anschaffen. Ich bin da raus.

Längst hätten wir den alten Ofen entsorgt, aber der ist sickig schwer und so wurde das immer wieder verschoben, während er vor der Wohnungstür stand und Rost ansetzte.

kaminAls ich vor drei Wochen am Haus war, fiel die Entscheidung: jetzt soll er weg. Doch bevor wir das mordsschwere Biest in den Wagen hieven konnten, warf mein Bruder die nicht unclevere Frage in den Raum, ob es angesagt wäre, vorher beim Wertstoffhof nachzufragen, ob die solche Kamine überhaupt nehmen. Also doch erstmal wieder Bauschutt ins Auto und ab zur Sammelstelle.

Emotional stelle ich mich darauf ein, dass es mit so einem Monster ist wie mit der Kondomfreiheit bei den Prostituierten: kostet extra. Das ist dann halt so. Bin ich gewöhnt. Auf dem Wertstoffhof. Nicht bei den Prostituierten.

Vor Ort schnappe ich mir einen jungen Mann im orangenen Overall und konfrontiere ihn mit meinem Anliegen: „Kann ich hier meinen alten Kaminofen loswerden?“

Die Antwort ist so erfreulich wie niederschmetternd:

„Den Ofen theoretisch ja – die Schamottsteine, die drin sind, nicht.“

Ich lasse mir erklären, dass die Schamottsteine über die Jahre und Jahrzehnte bei der Verbrennung im Ofen Giftstoffe aufnehmen. Das fällt unter Sondermüll, der eben nicht so leicht zu entsorgen ist.

Faktisch heißt das: Ich muss den Ofen komplett auseinander bauen, die Schamottsteine entfernen, den Rest zum WSH bringen – und was mache ich dann mit dem Schamott-Schrott?

Er zuckt mit den Schultern. Weiß er auch nicht. Er weiß nur, dass der WSH die Dinger nicht nimmt. Vielleicht gäbe es ja Privatunternehmen, die so etwas kostenpflichtig entsorgen. Googeln würde helfen.

Nun bin ich doch ein wenig baff. Ist die Stadt nicht wenigstens dafür zuständig, mir entsprechende Entsorgemöglichkeiten zu stellen? Ist ja nicht so, dass ich Atommüll loswerden will. Er verweist darauf, dass die Abfallgebühren in München vergleichsweise gering seien – auch, weil man so komplizierte Sachen nicht annehme. Darauf kann ich mir in dem Moment natürlich ein Ei braten.

Ich bin nicht wütend oder sauer, nur verwirrt. Ich wäre problemlos bereit, für den Problemmüll zu zahlen. Extra kostet extra. Oder ihn zu einer speziellen Sammelstelle zu bringen.

Aber „Pech gehabt“? Das KANN doch nicht sein.

Ich bleibe sehr freundlich, auch und gerade weil es alles nichts ändern wird, und stelle dem jungen Mann die neuralgische Frage:

„Ihnen ist schon klar, dass Sie mit dieser Einstellung Leute geradezu provozieren, ihren Sondermüll einfach im Wald zu verklappen, oder?“

Seine Rechtfertigung ist eher schwach:

„Nein, wieso? Die Abfallgebühren sind niedrig, dafür müssen sich die Leute eben um so etwas selber kümmern.“

Ich halte dagegen:

„Eben. Aber Sie geben ihnen keine Chance dazu. Wenn Sie den Leuten nicht wenigstens ein Flugblatt in die Hand drücken, wo private Firmen sitzen, die sich um solche Ausnahmefälle kümmern – dann können Sie sich doch denken, worauf das hinaus läuft.“

Er gibt zu, dass da im System etwas „hakt“ und dass es in der Tat nicht der vernünftigste Weg ist, Leute mit Ladungen Sondermüll, aber ohne Hilfestellung, wieder vom Hof zu scheuchen. Aber was soll er machen? Er macht ja nicht die Regeln.

Und das ist das Problem, genau wie gestern bei der DHL. Allen Beteiligten tut furchtbar leid, wie das läuft, alle sehen ein, dass es so eigentlich nicht geht. Aber sie sind alle Teil eines Systems, das sich offensichtlich vom Menschen wegrationalisiert hat und als unantastbar empfunden wird. Es gibt einen Disconnect, das System wäre getrennt von den Menschen, die es betreiben. Dabei ist das System nur eine Reihe von Regeln für den Umgang zwischen den Menschen. Es ist mit einem Gedanken, einem Federstrich, einer individuellen Entscheidung revidierbar.

Es ist eine Erkenntnis, so alt wie die griechischen Philosophen und in so verschiedenen Romanen wie „Der Hauptmann von Köpenick“ und „1984“ verewigt: Der Mensch IST das System und gleichzeitig sein Herr. Es ist sein Ausdruck, nicht sein Käfig. Wenn das System aufhört, fluide zu sein, weil die Menschen in ihm der Faulheit erliegen, drehen sich die Machtverhältnisse um. Dann geben nicht wir dem System die Regeln, sondern umgekehrt.

Nun zeigt sich hier auch schön der Unterschied zwischen intellektueller Rebellion und pragmatischer Problemlösung. Ich schwadroniere und schreibe gegen das System an, verweise auf seine Schwächen und Ungerechtigkeiten, schwinge das große Wort in Wut und Wallung.

Mein Bruder setzt den Ofen bei Ebay-Kleinanzeigen für Selbstabholer rein.

Nach einer Stunde ist er weg.

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22
Juni 2015

DHL, leck mich am Arsch!

Ist eine Beleidigung, ich weiß. Ist mir aber gerade auch egal.

Kurze Backstory: Ich habe 25 Spezialumschläge bei Amazon bestellt, damit wir endlich unsere Hochzeits-Fotobücher verschicken können. Sollten vom Seller per DHL heute geliefert werden.

Um 14.08 Uhr bekomme ich eine Email:

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Das ist verwunderlich. Unser Haus ist aus dem 17. Jahrhundert und hat – soweit ich weiß – nie den Standort gewechselt. Unser Name steht gleich zweifach an der Tür: Am Postfach und auf dem Klingelschild. Sämtliche bisherigen DHL/Fedex/UPS/Hermes-Boten haben sowohl unsere Adresse als auch uns problemlos lokalisieren können.

Um 14.30 Uhr rufe ich erstmals die DHL-Hotline an – das „erstmals“ ist dabei natürlich ein süffisanter Spoiler. Ich bekomme einen jungen Mann zu sprechen, der sich nach Angabe der Lieferungsnummer baff zeigt: Laut seiner „Laufliste“ wäre das Paket unterwegs. Von „Adresse nicht gefunden“ stünde da nichts. Und weil da nichts steht, kann er auch nichts tun.

„weitere Bemühungen unsererseits“ bestehen bei DHL offensichtlich aus schultzerzucken und vertrösten. Vielleicht noch nasepopeln.

Zwei Stunden später – die Sendungsverfolgung zeigt immer noch an, dass der Bote um 13.51 Uhr die Unauffindbarkeit unserer Adresse in sein Pad getippt hat. Ich rufe wieder DHL an. Vielleicht kann man ja auf kurzem Dienstweg dafür sorgen, dass nochmal versucht wird, mir das Paket zu zu stellen. An die Adresse, die auf dem Paket steht. An die Person, die auf dem Paket steht.

Diesmal habe ich eine Dame dran, die zuerst einmal bestätigt – hurra! -, dass nun auch in ihrem System angekommen sei, dass der Bote die Adresse nicht habe finden können. Vielleicht sei ja unser Türschild abgefallen?!

Den Versuch, die Verantwortung auf mich zu schieben, kenne ich schon aus der Email:

dhl2

Übersetzung: Wir haben zwar keine Ahnung, was passiert ist, aber passen Sie in Zukunft gefälligst etwas besser auf.

Ich fühle mich veralbert und frage die Dame, was DHL denn nun als „weitere Bemühungen unsererseits“ ansehe.

Ich mache es unspannend: nix.

Das Paket ist an den Absender zurück gegangen, an den solle ich mich bitteschön wenden. Sie bietet mir noch an, eine Beschwerde über den Fahrer aufzunehmen. Ich lasse mich darauf ein, stelle aber dann eine wohl fatale Frage: „Rückmeldung, was diese Beschwerde angeht, werde ich aber keine bekommen, oder? Was der Fahrer sagt oder was das für Konsequenzen hat?“

Nein, werde ich belehrt, Rückmeldung gibt es da keine. Und wenn der Fahrer einen Fehler gemacht hat – ist DHL dann in irgendeiner Form haftbar? Ihr ahnt es: nein. Die Beschwerde ist letztlich ein wirkungsloses Placebo, eine folgenlose Möglichkeit, Dampf abzulassen.

Soviel zu „weitere Bemühungen unsererseits“ – es gibt keine. Ich frage sie, warum man mir eine Email schicken konnte, dass ich nicht zu finden sei, darin aber keine Möglichkeit vorsehe, mit DHL Kontakt aufzunehmen und das Problem zu lösen. Ich frage sie, wie es sein kann, dass mein Paket nun unwiderruflich an den Absender zurück geht, obwohl es vermutlich immer noch im Laster durch Speyer spazieren gefahren wird? Wieso hat die Hotline keinerlei Möglichkeit, die Fahrer zu kontaktieren? Wieso kann im Paketzentrum keine Notiz hinterlassen werden, die zur erneuten Zustellung auffordert?

Meine Fragen gehen ihr hörbar auf die Nerven. Es ist nicht Ihre Schuld, es ist nicht Ihre Firma, sie kann ja auch nichts dafür. Man merkt, dass sie rechtschaffen verwundert ist, dass ich nicht locker lasse – schließlich habe man doch die Adresse nicht lokalisieren können UND die Beschwerde gegen den Fahrer aufgenommen. Die Tatsache, dass ich einfach nur mein Paket will, scheint für sie eine anmaßende Bonusforderung, die weit über meine Rechte als DHL-Kunde hinausgeht.

Irgendwann lege ich auf. Schnauze voll.

Mich nervt nicht die Frau. Nicht das fehlende Paket. Mich nervt das System, das darauf ausgerichtet ist, selbst simpelste Fehlerkorrekturen unmöglich zu machen. In dem ein einmal eingeleiteter Vorgang mit einer Gottergebenheit bis zum bitteren Ende durchgezogen wird, wie widersinnig und erkennbar falsch er auch sein mag. Es gibt keinen „Plan B“, es gibt keine Möglichkeit menschlichen Eingriffs, keinen kurzen Dienstweg, kein „ich kümmere mich drum“. Nur ein gnadenloses Streamlining des Ablaufs zum Schaden des Kunden.

Computer says no.

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21
Juni 2015

Sci Fi TV-Quartett: „The Last Man on Earth“,
„Other Space“, „Dark Matter“ & „Killjoys“

Ich bespreche eher ungern SF-Serien, die sowieso jeder kennt und jeder guckt, weil sie auf den großen Sendern laufen und fett beworben werden. Die kleineren Produktionen sind mir lieber, die Außenseiter, die schrägen Nummern. Heute habe ich gleich vier davon im Gepäck. Zwei Comedys, zwei Dramen.

The Last Man on Earth

last man on earthEine postapokalyptische Comedy-Serie auf einem der großen US-Networks, das ist wahrlich eine ungewohnte Erfahrung. Wenn ich mich recht erinnere, wurde das zuletzt mit „Woops!“ 1992 versucht – kurioserweise auch von Fox. Das Ergebnis wurde unter die Top 50 der schlechtesten Serien aller Zeiten gewählt.

In „The Last Man on Earth“ geht es um Phil Miller, der zumindest anfänglich glaubt, der letzte Überlebende einer nicht näher spezifizierten Katastrophe zu sein. Angesicht mangelnder sozialer Kontakte verlottert er sehr schnell und wird zur ultimativen Couchkartoffel – bis er Carol trifft, die er zwar nicht wirklich leiden kann, mangels Alternativen aber doch flach legen würde. Leider hat Carol relative strikte Vorstellungen, was eine Partnerschaft angeht und weitere Überlebende komplizieren die geplante Wiederbevölkerung des Planeten noch weiter.

Ich hätte Geld drauf gesetzt, dass dieses Konzept nicht funktioniert. Als „Last Man on Earth“ tut es das auch nicht. Erst als das titelgebende Konstrukt für andere Figuren aufgeweicht wird, kommt im wahrsten Sinne des Wortes Leben in die Bude. Am Ende der 13 Episoden ist der „Last Man“ schon Teil einer Achtergruppe. Das gibt ausreichend Konflikte und Dynamiken, aus denen die Autoren auch reichlich schöpfen – sei es in Sachen Romantik, Drama, aber auch absurdes Theater und Farce.

Dreh- und Angelpunkt ist Ex-SNL-Dauermitglied Will Forte, dessen Phil hauptsächlich daran krankt, dass er ein rückgratloser, sexgeiler Feigling ist, der mit erstaunlicher Konsequenz jede Situation noch schlimmer macht und für jedes Problem die ungeeignetste Lösung findet. Das ist nicht nur ziemlich lustig, sondern mitunter auch sehr schmerzhaft anzuschauen. Manchmal droht die Sympathie zu kippen und wir sind haarscharf dran, Phil als Protagonisten der Serie zu hassen. Aber es gelingt ihm immer wieder, sich in unser Herz zu schlawinern – vielleicht auch, weil er in seiner Unfähigkeit und Schlunzigkeit uns ähnlicher ist, als wir glauben wollen. Die Apokalypse bringt schließlich nicht zwangsweise nur Helden hervor.

Unterstützt wird Forte von einem erstaunlich respektablen Cast, u.a. der grandiosen Kirsten Schaal, „Mad Men“-Hottie January Jones, Mary Steenburgen und SNL-Mitstreiter Jason Sudekis.

Optisch und erzählerisch scheint „The Last Man“ ein paar Jahre zu spät dran, die eskalierenden Plots, die vielen Außenaufnahmen und die Single Camera-Technik erinnern an „My name is Earl“ und „United States of Tara“.

Mich hat überrascht, dass dieses doch recht eigenwillige Konzept über die ganze Staffel gesehen prima funktioniert – mehr noch, dass ausreichend Zuschauer diese Meinung teilen und dass „The Last Man on Earth“ eine zweite Staffel bekommen wird.

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Fazit: Eine erstaunlich oppulente und breit angelegte  „End of the World“-Comedy, der man den Ursprung als Kinofilm-Konzept noch anmerkt und die sich langsam, aber kontinuierlich zum Ende der Staffel hin steigert.

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19
Juni 2015

„Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“:
Kloakentauchen in der deutschen Kinokomödie

juckenIch kann es nicht bestreiten – ich habe Blut geleckt. Die Analyse von „Zärtliche Chaoten 2″ hat mir bewiesen, dass die deutsche Kinokomödie der 70er und 80er einer Neubewertung harrt. In sträflicher Leichtfertigkeit – gespeist aus akademischer Arroganz – haben die Filmhistoriker dieses Segment bisher vernachlässigt. Ausnahmen bestätigen die Regel und zu diesen Ausnahmen gehört das launige nebenstehende Werk des unvermeidlichen Martin Hentschel, der aber – ebenso hormongesteuert wie vorhersehbar – primär der deutschen Bumskomödie das Wort redet.

Genug davon!

Es ist Zeit, zurück zu schauen! Es ist Zeit, die Lücken zwischen den Schulmädchen und den Supernasen zu füllen. Und an wem bleibt’s hängen? Ihr ahnt es schon…

Begeben wir uns also auf eine Safari in die kreative Wüste des glatzköpfigen Stammesfürsten Otto W. Retzer. Der hat in seinen bisher knapp 70 Jahren so ziemlich alles produziert, was nicht bei 3 auf den Bäumen war, von Schlager/komödien/romanzen wie „Kinderarzt Dr. Fröhlich“ (mit Roy Black) über Ferkelfilme wie „Drei Schwedinnen in Oberbayern“ bis hin zu Sleaze („Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo“), Horror („Die Säge des Todes“), Martial Arts („Royal Destiny„) und schließlich „Das Schloss am Wörthersee“ (wieder Roy Black). Retzer produziert, schreibt, dreht, spielt auch selber gerne mal den Fiesling. Ein Tausendsassa in Sachen Trash.

Und ja, für so etwas kann man das Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen bekommen.

Ich habe mir aus Retzers Lebenswerk einen Film ausgesucht, der auf den ersten Blick wenig bemerkenswert scheint, der nur eine Fußnote seines cineastischen Schaffens darstellt, aber gerade in seiner Flüchtigkeit als Zeitdokument dienen kann.

Willkommen zu:

1614

Ja, das ist Jürgen „König von Mallorca“ Drews. Ja, der Film heißt völlig sinn- und kontextfrei „Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon“. Ja, der SPIEGEL bezeichnete den Streifen in einem lesenswerten Artikel von 1982 als „Schrott“. Das ist richtig, aber längst nicht erschöpfend.

Ich habe mich entschlossen, diesen „Kaktus“ quasi als chronologischen Fotoroman zu besprechen, denn in der Tat – die Bilder müssen für sich sprechen, keine ausschweifenden Erklärungen würden ihnen gerecht.

Aufblende:

Kaktus 00001Ist er nicht, in der Tat. Erkenntnisgewinn? Fehlanzeige. Dazu Bumsmusik und die samtene Stimme von Drews: „Keep smiling! Jaaa, so ist’s gut…“. Überraschenderweise dreht „Axel Adam“ gerade keinen Amateurporno mit einem Münchner Society-Groupie, sondern er fotografiert seinen Kumpel, den lustig-doofen Bruno, als Höhlenmenschen.

„Du siehst aus wie Hilde Knef vor’m Liften!“

Warum er das tut? Axel braucht Vorlagen für eine Comic-Serie, die er für das seltsam benamste Bumsblatt „Play-Me“ zeichnet und schreibt:

Kaktus 00004Trotz der Zuhilfenahme von Referenzfotos ist es mit den handwerklichen Fähigkeiten Axels nicht weit her, wenn man dem kurzen Blick auf „Als die Bayern noch Schwänze hatten“ glauben darf:

Kaktus 00002Das sieht eher nach Tijuana Bible als nach Männermagazin aus, die eindeutig pornographischen Kritzeleien müssen der Bundesprüfstelle anno 1980 entgangen sein:

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Etwas seltsam erscheint mir dabei, dass der Film einen darauf Bezug nehmenden Alternativtitel hat, nämlich (und jetzt kommt’s) „Als die TIROLER noch Schwänze hatten“. Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass keine Szene im Film in Tirol spielt. Bayern, ja. Tirol, nein.

„Dann geh doch zum Film, die stehen doch auf Porno mit Vergangenheitsbewältigung. Als die Bayern noch Schwänze hatten – auch ein Kapitel deutscher Geschichte.“

„Und besser als die Blechtrommel.“

Man darf sich übrigens durchaus wundern, dass so eine Rammelpublikation sogar auf dem Cover die kruden Figürchen von Axel Adam zeigt statt eines knackigen Models.

Axel ist aber nicht nur Zeichner, sondern wohl generell so Fotograf, Grafiker, Werbedesigner, etc. Und in diesem Kontext schuldet er einem Reisebüro einen Auftrag – einem Reisebüro, das gerade eine Mitarbeiterin mit zwei Aufträgen losgeschickt hat:

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18
Juni 2015

Auch mal was Nettes sagen

Auf unserer Hochzeitsreise in die Cotswolds waren wir auch im Blenheim Palace, der bescheidenen Hütte, in der Winston Churchill geboren wurde:

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Da ist was los, es gibt auch mächtig was zu sehen. Bevor man aber in den Genuss des altbritischen Prunks und der Parkanlagen vom Ausmaß des Englischen Gartens in München kommt, muss man durchs Tor:

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Da wird – wenig verwunderlich – abkassiert. Von jungen Männern, die sich damit ein Zubrot verdienen. Gut gekleidet, ausgesucht höflich, mit kleinem Messing-Namensschild an der gänzlich schwarzen Dienstkleidung.

Um zu verstehen, warum ich mit unserem Gebührenknecht eine kurze launige Plauderei anfing, müsst ihr euch zuerst einmal diesen Trailer von „Ein Fisch namens Wanda“ ansehen:

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John Cleese als „Archie Leach“. Alles klar? Echte Filmfans kennen den Witz im Charakternamen: So hieß eigentlich Cary Grant bürgerlicherweise.

Und nun ratet mal, was auf dem Namensschild des jungen Mannes stand, der an meiner Fahrertür auftauchte.

Archie Leach.

Die folgende Konversation lief auf englisch, ich habe sie aber der Einfachheit halber für euch übersetzt.

Ich so: „Sie heißen nicht wirklich Archie Leach.“

Er so (grinsend): „Doch, das ist mein Name.“

Ich so (lachend): „Sie wissen, warum ich lache.“

Er so: „Ich weiß.“

Ich so: „War Ihrer Mutter nicht klar, was Sie ihnen damit antut?“

Er so: „War die Idee meiner Oma. Sie schwört, sie hätte es nicht gewusst.“

Ich so: „War wohl ein Fan von Cary Grant.“

Er so: „Da möchte ich drauf wetten.“

Ich so: „Und später in der Schule?“

Er so: „Dachten alle, ich wäre nach John Cleese benannt worden.“

Ich so: „Gibt es irgendeinen Witz, den ich darüber machen könnte, den Sie noch nicht gehört haben?“

Er so: „Ich glaube eher nicht.“

Ich so: „Dann versuche ich es gar nicht erst. Mr. Leach, es war ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen. Schönen Tag noch.“

Er so: „Danke. Ihnen auch.“

Das war nett. Und es zeigt: Der Wortvogel kann auch nett.

Ich hatte den Rest des Tages eine unübersehbare Granatenlaune:

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17
Juni 2015

Facebooker, Sie sind raus!

Ich bin ein sehr toleranter Mensch. Da mögt ihr jetzt lachen und euch denken „Der Wortvogel tolerant? Siiiicher…“. Aber es stimmt. Ich ertrage diese Welt, Dieter Bohlen, die BILD-Zeitung und RTL2 genau so wie Kreationisten, Mückenstiche und Hotels mit WLAN für 15 Euro am Tag. Zen. Ich.

Auf Facebook bin ich zwar „nobody’s fool“, aber ich gehöre auch nicht zu denen, die fanatisch regelmäßig ihre Freundeslisten säubern oder gar Tools anwenden, um im Freundeskreis irgendwelche „unerhörten“ Likes zu lokalisieren, um die Schuldigen dann zu blocken. Finde ich albern, ehrlich gesagt. Wenn einer sich anständig verhält, gut diskutieren kann und meinen Geburtstag nicht vergisst, dann ist es mir schnurzpiepe, ob er mal Pegida den Daumen hoch gegeben hat. Leben und leben lassen.

Es gibt allerdings ein paar Leute, die ich jetzt geblockt habe. Weil mir ihre Postings Kopfschmerzen machen und ich Kopfschmerzen nicht brauchen kann. Weil es nicht um politische Einstellungen oder Meinungsverschiedenheiten geht, sondern um schiere Spackigkeit. Oder Pfostigkeit.

Fangen wir mit den Frauen an.

Schon lange raus aus meiner Timeline ist eine Reihe Damen, die augenscheinlich nur drei oder vier Themenbereiche kennen, aus diesen nur Fremdcontent posten, bestenfalls versehen mit einem „SO IST ES!!!“ oder einem „UNGLAUBLICH!!!“. Die einen zuballern mit „inspirierenden“ Sprüchen nicht minder spackiger Seiten, die Kalenderweisheiten auf Kindergartenniveau verbreiten: „Sei wie die Sonne – strahle den ganzen Tag, dann machst du die Menschen glücklich.“

Den Spruch habe ich gerade erfunden – aber genau so läuft das.

Share if you like. Oder um es mit Reiser zu sagen:

96Schweinepriester

Zumal ich keine Sekunde glaube, dass diese Menschen glücklich sind. Glückliche Menschen brauchen keine Kalendersprüche.

Dann sind da die Frauen (immer und ausschließlich Frauen!), die Facebook als Mischung aus persönlichem Pranger und Polizeirevier sehen. Die posten Bilder von geschlachteten Lämmern (weil vegan), entlaufenen Hunden (weil tierlieb) und Ausländerwohnheimen, die man abfackeln sollte (weil scheiße). Deren Tenor ist „Wie kann die Welt nur so schlecht sein?“ und ihr Ziel ist die totale Zerstörung deiner guten Laune.

Und glaubt mir, die debilen „erbaulichen Weisheiten“ der ersten Gruppe heben nicht die schlechte Laune der zweiten auf.

Ein besonderes Sub-Set der nervenden Facebook-Frauen sind die nervenden Facebook-Mütter. Die, die jeden Furz ihres Nachwuchses, jede Geburtstagstorte und jeden Krikelkrakel posten müssen, gefolgt von erpresserischen Aufrufen wie: „Teilt das, wenn ihr auch der Meinung seid, dass KINDER unsere ZUKUNFT sind!!!!!!“

Der willkürliche und furchtlose Einsatz von Großschreibung und Ausrufezeichen ist gewöhnlich Programm.

Und natürlich die Spiele-Mamas, die es schaffen, zwischen gefühlten 200 täglichen Updates ihrer Candy Crush und Farmville-Sessions noch Respekt dafür zu verlangen, dass sie es als Hausfrauen und Mütter ja auch nicht leicht hätten.

Ich will nicht wissen, ob ihr Level 36 geschafft hat. Es ist mir scheißegal, ob ihr einen roten Rubinpfeil entdeckt habt. Die Information, dass ihr einen Tatort durchsucht habt, ist wertlos.

Eine ganz besondere Spezies von Nervensägen auf Facebook sind die sozial Untalentierten, die einem Diskussionen aufdrängen wollen, weil sie meinen, ihr Halbwissen würde ihnen den Sieg garantieren. Und die dann furchtbar bös werden, wenn ich ihnen mitteile, dass ich über Gender-Politik nicht mit Leuten diskutiere, die auf Facebook weder Gesicht noch Namen zeigen. Deren sämtliche Versicherungen, sie „arbeiten in Wissenschaft“ unüberprüfbar sind und die auf meine Weigerung, mich in meinem eigenen Thread mit ihnen auseinanderzusetzen, mit völliger und sehr schnell aggressiver Fassungslosigkeit reagieren.

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Ehrlich? Ich diskutiere nicht deswegen nicht mit diesen Leuten, weil ich die Diskussion meide oder eine Niederlage fürchte. Meistens brauche ich nicht mal auf deren Argumente einzugehen, weil schon die Denkansätze, auf denen ihre Meinungen beruhen, fehlerhaft sind. Die auseinanderzunehmen ist eine Fingerübung. Eine langwierige, repetitive, blutige Fingerübung. Macht Spaß. Tatsächlich meide ich die Diskussion in einem solchen Fall, weil ich immer das Gefühl habe, dem Gegenüber den Kopf tätscheln und einen Lolli anbieten zu müssen. In meinem Kopf stampfen die bei jedem zweiten Satz, den sie schreiben, wütend auf den Boden. Und ich dann so:

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Diese Nervensägen habe ich alle schnell aussortiert. Nach der ersten Facebook-Euphorie muss man halt mal feucht durchwischen. Und seitdem war eigentlich relative Ruhe. Ich stimme zwar mit vielen Leuten, die auf meiner Freundesliste stehen, nicht in allem überein, manchmal gibt es auch kräftig getippte Kloppe, aber ich bin nicht im Fratzenbuch, um Applaus zu bekommen. Da kann man mitunter tatsächlich klasse Diskussionen führen. Und das geht nur mit Leuten, die anderer Meinung sind als man selber.

In den letzten Tagen habe ich allerdings drei Leute aus ganz individuellen Gründen geblockt. Männer.

Da war zuerst mal der intellektuell Unredliche – einer, der nie auf die Idee käme, Pegida zu liken, aber ständig Pegiderasten verteidigt nach dem Motto: „Die Politik muss diesen Menschen endlich mal zuhören!“. Muss sie nicht. Und ich muss mir so einen Käse nicht anhören. Wech damit.

Next on my list: Der sorglose Idiot. Einer von der Sorte, der alles glaubt, solange ein YouTube-Video „voll schwört“, dass das ein Geheimnis ist, was sonz keiner wissen tut:

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Seht, wie er auf Facebook das Video teilt, „Hammer!!!“ schreibt und bei seinem Samsung gleich mal die NFC-Antenne rausrupft. Auf den Hinweis, dass er damit lediglich die NFC-Fähigkeiten seines Handys geschrottet habe, zuckt er virtuell mit den Schultern: „Ich zahle eh immer bar.“

Weil mangelnde Einsicht in die eigene Dummheit keine Besserung verspricht, ist die Entfreundung kein schmerzhafter Schritt.

Und dann ist da dieser geniale Trick, keine Rundfunkgebühren zahlen zu müssen, den der planlose Rebell verbreitet. Ich lasse gelten, dass man vor ein, zwei Wochen noch gedacht hat „Mag da was dran sein?“. Als die Story neu war. Als man noch keine Gelegenheit hatte, Statements von Rechtsexperten oder wenigstens Mimikama zu lesen. Aber ehrlich: Wer jetzt noch damit kommt, die „Idee“ genial nennt und glaubt, mit der Nummer es dem Staat „mal so richtig zu zeigen“, der gehört mit der Eselsmütze in die Klassenecke, aber nicht auf meine Freundesliste.

Das Problem? Das Prinzip „soziales Netzwerk“ funktioniert zu gut. Es ist zu leicht, wirklich jeden Schrott zu teilen – und anscheinend zu schwer, dabei erstmal den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Simpelste Quellenprüfung? Überflüssig – „das stand so im Netz“. Die gleichen Leute, die sich einen Ast lachen, wenn ein Politiker einen Postillon-Artikel für bare Münze nimmt, verbreiten im gleichen Atemzug hanebüchensten Eso-Unfug, „weil eine Studie herausgefunden hat…“. Welche? Wo? Unter welchen Bedingungen? Egal. Eine Studie halt.

Ich verbringe zuviel Zeit, Leute auf Denkfehler und Leichtgläubigkeit hinzuweisen, auf Offensichtlichkeiten und Abstrusitäten.

Warum ich mir das trotzdem antue? Weil das nur 3 von 300 sind. Weil der Anteil an Idioten, mit dem ich auf Facebook konfrontiert werde, immer noch unter dem Anteil an Idioten liegt, mit dem ich auf der Straße konfrontiert werde. In der Fußgängerzone kann ich nämlich leider niemanden blocken und keine besoffenen Updates ausblenden.

Passt schon.

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10
Juni 2015

Food Future

London Heathrow ist dank diverser Modernisierungen mittlerweile ein sehr fortschrittlicher Flughafen, dessen Shoppingmeile es mit den Einkaufszentren der edelsten Innenstädte aufnehmen kann. Kein Wunder, dass hier auch bei der Verpflegung keine halben Sachen gemacht werden. So gibt es einen Automaten für „Ben & Jerry’s“-Eis:

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Dieser wirft für drei Pfund zwar nur einen lächerlich kleinen Becher aus, aber der Vorgang beeindruckt: Man kann durch die Glasscheibe einen Saugrüssel sehen, der auf den Deckel des Bechers aufsetzt, schmatzend ein Vakuum erzeugt und das Eis damit aus der Kühlbox zieht.

In vielen Flughäfen sehe ich in letzter Zeit auch die Edelkette „Caviar House“. Keine Ahnung, wer der Meinung ist, sich „on the go“ mit Fischeiern und Bubbelwasser auffüllen zu müssen, aber das ist auch nicht mein Problem. In Heathrow hat „Caviar House“ eine Bar mit Tablets ausgestattet und so futuristisch gestylt, dass sie auch in ein Remake der „Raumpatrouille“ passen würde:

DSC02284

Bunter und profaner dagegen der Kuchen, den ich in einer Spezialitätenbäckerei in Oxford entdeckt habe:

avku

Das Kind, dass das Stück mit dem Hammer heben kann, gewinnt, nehme ich an?!

In Oxford waren wir auch in einer französischen Brasserie-Kette namens „Paul“, in der leckere Macaroons zu Smoothies verarbeitet werden:

paul

Gewinner des Urlaubs war aber die Vodka-Marke Smirnoff, der es erfreulich egal ist, mit welcher sexuellen Präferenz man sich die Birne wegballert:

smirnoff Kopie

In diesem Sinne…. prost!

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9
Juni 2015

Ei zum Frühstück?

Ein kleines bisschen Kontext: Wir haben eine sehr große, aber gefangene Terrasse. Das heißt, sie ist auf allen vier Seiten entweder von unserer Wohnung oder Mauern umgeben. Sehr privat, sehr angenehm.

Heute saß ich auf dem Sofa, das Macbook auf dem Schoß, und tippte einen Artikel in ein InDesign-Layout. Da höre ich draußen ein „flatsch!“. Kein Problem, wir haben Katzen, die werden schon irgendwas angestellt haben, was sich dem Geräusch zuordnen lässt.

Aber Becky schläft neben mir auf dem Sofa und Rufus höre ich in der Küche mit Trockenfutter knuspern. Unsere Vierbeiner sind es also (ausnahmsweise) mal nicht gewesen. Ich bin aber auch zu faul, um nachzuschauen – es hat ja weder gekracht noch geklirrt, der Sachschaden wird sich in Grenzen halten.

Erst eine Stunde später bin ich auf der Terrasse und was sehe ich?

Eier

Ein Ei. Kleiner als ein Hühnerei, dünnere Schale, aber definitiv ein Ei. Es ist vom Himmel gefallen.

Hat da ein Räuber seine Beute verloren? Ein Vogel den Umzug seines Nests zu schlampig gestaltet? Ein Segelflieger einen Teil seiner Brotzeit aus dem Fenster geworfen? Es ist ein Mysterium. Ich mache ein Foto – als Blogger ist man gewöhnt, sein Leben zu dokumentieren. Zum Wegmachen der Sauerei kann ich mich allerdings nicht aufraffen. Vielleicht regnet es ja heute noch.

Es wird Abend, ich sitze immer noch auf dem Sofa, immer noch am Macbook. Rufus kommt entspannt an mir vorbei spaziert, peilt den Läufer unter dem Esstisch an. Das ist sein Spielplatz, da bringt er alles hin, was er unter „meins!“ einordnet. Im Maul hat er etwas Weißes.

Ich brauche ein paar Sekunden. Dann stehe ich auf, gehe zum Esstisch, schaue darunter, und nehme Rufus die Eierschalen weg. Er schaut beleidigt, eben „meins!“.

Ein Ei. Sachen gibt’s.

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9
Juni 2015

Neue alte SF aus den deutschen Sender-Archiven gerettet (aka raubkopiert)

Nach „Cherie mir ist schlecht“ und „Datenpanne – das kann uns nie passieren“ habe ich noch eine weitere öffentlich-rechtliche Dystopie für euch ausgebuddelt, diesmal aus dem Jahr 1982 und basierend auf Jewgeni Samjatins Roman „Wir“, der deutliche Ähnlichkeiten mit Orwells „1984“ aufweist.

Den Film habe ich als 14jähriger bei der Erstausstrahlung tatsächlich gesehen. Er hat mich damals ziemlich verstört, auch wenn ich in der Zeit nach „Star Wars“ und „Star Trek“ die Effekte als sehr krude empfand. Meine Begeisterung hielt sich – auch angesichts meines intellektuellen Unvermögens, die Geschichte in ihrer gesamten Breite zu erfassen – in Grenzen. Aber vergessen habe ich das Erlebnis „Wir“ niemals. Und darum sei das ZDF gescholten, dass es den Film nie einer neuen Generation zugänglich machte. Das übernehmen mal wieder die halblegalen fleißigen Uploader von YouTube.

Hier die offizielle Inhaltsangabe des Senders von 1982:

Mit Abscheu betrachtet D-503 seinen Handrücken – unübersehbar zieht sich ein leichter Flor dunkler kleiner Härchen hinauf bis zu den Armen. „Fell“ hätte man früher dazu gesagt. Jetzt – gegen ende des klinisch zivilisierten dritten Jahrtausends – wirkt es wie ein „wildes Echo der Affen“.

Die alte Natur hat nicht irgend jemanden befallen: D-503 ist Erfinder des ersten intergalaktischen Raumschiffes Integral, dessen Probeflug unmittelbar bevorsteht. Er ist ein Exponent jener neuen Klasse Mensch im Einzigen Staat, der glänzend aus dem Chaos des hundertjährigen Krieges hervorgegangen ist. Unter dem Joch des großen Wohltäters huldigt man dem Prinzip der Zahl. Man ist eine Nummer. Man trägt sich aufgestickt über der Brust. Man wohnt in Glas, jenem politischen neuen Rohstoff, der nicht verbirgt und die Gemeinsamkeit weithin sichtbar macht – schlafen, lesen, essen, arbeiten nach Minutenplan.

Die Krankheit nimmt rapide zu. D-503 missfällt der vorgeschriebene Partner für den wöchentlichen Geschlechtstag. Bei den täglichen Taylor-Exerzitien auf dem Platz des Gläsernen Würfels hat ihn eine gewisse I-330 gegen alle Vernunft in ihren Bann gezogen. „Bei Ihnen hat sich das gebildet, was man früher eine Seele genannt hat“, sagt der Arzt. Fast Marionette an ihren Fäden, verführt sie den Erfinder zu Liebe und Empfindung. Ort dieser frevlerischen Handlungen wird das „Alte Haus“, eine Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert, die man als abschreckendes Beispiel für individualistischen Bau- und Lebensstil unter einer Glasglocke konserviert hat.

Was bezweckt die exzentrische I-330? Sie ergibt sich verbotenen Stimulanzien – Rauchtabak und giftfarbenem Likör. Auffällig ist ihre Frage nach dem Start des Raumschiffes Integral, dessen Sternenflug die Dimensionen des Einzigen Staates vergrößern wird.Im Tiefkeller des Alten Hauses schließlich folgt D-503 einem gewundenen Gang. Am Ende eine stählerne Tür. Verschlossen. Doch der Spion gibt den Blick nach draußen frei. Man sieht: Für Fossilien gehaltene Menschen im Kostüm des Neunzehnten Jahrhunderts. Sie essen, was und wie sie wollen, trinken, Musik erklingt. In der Luft zwitschern tatsächlich noch Vögel…

Als sich die schöne I-330 ohne Zeichen von Abscheu unter das barbarische Gesindel mischt, fällt es D-503 wie Schuppen von den Augen: Sie paktiert mit den Waldmenschen. Rebellion! Der Einzige Staat ist in Gefahr. D-503 sollte handeln, bevor die Krankheit völlig von ihm Besitz ergriffen hat…

Es wird Leser Mencken gefallen, dass „Wir“ deutlich als unverhohlene Kritik an diktatorischen Systemen seiner Gegenwart zu verstehen ist, und weniger als ernsthafter Zukunftsentwurf im Sinne der SF.

Die ZDF-Verfilmung des Stoffes ist – obwohl sperrig und verkopft – aus mehreren Gründen interessant. Offensichtlich ist, dass das Fernsehspiel hier klar aus seinen Theaterwurzeln schöpft. Artifizielle Sets, „in camera“-Effekte, kaum Musik, lange Dialoge und Monologe dominieren die Laufzeit, verlangen vom Zuschauer Konzentration und Kompromissbereitschaft. Doch im Gegensatz zu vielen anderen mager budgetierten TV-Film profitiert „Wir“ von dieser begrenzten, beschränkten und tiefenleeren Darstellung – schließlich ist die Dystopie des Romans geprägt von Begrenzung und Beschränkung.

Einige der gebotenen Effekte sind vielleicht nicht überzeugend, aber durchaus einfallsreich – und in seinem geradezu streberhaften Bemühen, der Vorlage gerecht zu werden, gelingen Vojtech Jasný immer wieder eindringliche Momente. Weiterlesen

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8
Juni 2015

Steuerk(r)ampf

Als Selbstständiger hat man es nicht leicht – als Angestellter mit selbstständigen Nebentätigkeiten und Immobilienbesitz noch weniger. Rein steuerlich gesehen. Es gibt einen Grund, warum ich seit 1994 einen Steuerberater habe, dem ich alle drei Monate meine sortierten Belege und Kontoauszüge schicke. Da steckt der Teufel im Detail und man sollte sich keine Fehler erlauben.

Fehler passieren aber. Weil das Leben – im Gegensatz zur Mathematik – nicht immer eindeutig ist. So hatte ich zehn Jahre lang das Dachgeschoss meines Hauses in München korrekt als Arbeitszimmer abgesetzt. Eine Ersparnis, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Habe ich auch nicht.

Das Problem: Meine Angaben zur genauen Größe und damit zum Wert des Arbeitszimmers basierend auf dem Gesamtwert des Hauses waren bestenfalls grob geschätzt. Es gab keinen genauen Grundriss und „dank“ der Dachschräge und des trapezförmigen Zuschnitts war das auch nicht einfach mit den Zollstock zu eruieren. Ich gab das „pi mal Daumen“ an.

Nach meinem Auszug 2011 wurde das Haus vermietet und (da mag ich mich in der Begrifflichkeit falsch erinnern) das Arbeitszimmer aus dem Betriebsvermögen entnommen. Nach zehn Jahren entschied eine (frisch in die Planstelle gerutschte, so meine ich gehört zu haben) Finanzbeamtin, dass man den Wert des Hauses doch mal ganz neu berechnen könne. Also nicht basierend auf dem tatsächlich bezahlten Preis oder dem Zustand (der ziemlich marode war – darum wird ja jetzt kernsaniert), sondern basierend auf allgemeinen Tabellen zum Thema Hauspreise in München. Weil statistische Wahrscheinlichkeiten ja viel aussagekräftiger sind als die Tatsachen vor Ort.

All das bekam ich erst mit, als mir auffiel, dass zwar die Steuererklärung 2012 durch war, aber bei 2011 in meinem Aktenordner eine Lücke klaffte. Mein Steuerberater hakte nach – und ich bekam ein Schreiben, dass man mein Haus (und damit das Arbeitszimmer) neu bewertet habe und für 2011 mit einer Nachforderung von 25.000 Euro zu rechnen sei.

Ja, da freut sich das Konto, da lacht die Portokasse.

Schon ein kurzer Überblick über die vom Amt zur Verfügung gestellten Berechnungsgrundlagen zeigte, dass hier Zustand, Größe und Wert des Hauses völlig an den Realitäten vorbei aus einer Tabelle gepult worden waren. Und bei 25.000 Euro habe ich auch keine Skrupel, meinen Steuerberater zum Widerstand anzustiften. Wir legten also Einspruch ein – mit Schreiben von Handwerkern und Architekten, die den 2011 maroden Zustand des Hauses bestätigten.

Es kam zu einer höchst seltsamen Antwort des Finanzamtes (aus dem Kopf zitiert): Meine Belege seien nicht stichhaltig, die Tabellen des Amtes glaubwürdiger:

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Das hat so etwas von Mafia-Sprech. Halt die Klappe, wenn du weißt, was gut für dich ist. Gleichzeitig war es für mich ein Indiz, wie dünn die Faktenlage beim Amt war und wie sehr man eine genaue Prüfung der Nachforderung vermeiden wollte. Ich legte also erneut Einspruch ein, wieder mit Belegen, diesmal Fotos von gebrochenem Parkett, leckender Badewanne, fehlender Dachisolierung, etc.

Die Sache zog sich – wie ihr am aktuellen Datum sehen könnt, über fast vier Jahre. Das Finanzamt zögerte eine Entscheidung hinaus, verwies auf Urlaube und die Prüfung meiner Einwände durch die nächsthöhere Instanz.

Was ich nicht wusste: Das Finanzamt war anscheinend derart versessen darauf, meinen Einspruch nicht hinzunehmen, dass ein umfangreiches Gutachten in Auftrag gegeben wurde. Satte 17 Seiten lang analysierte man den Häusermarkt, die Entwicklung des Viertels, den Zustand meines Hauses vor und nach meinem Auszug, etc. 17 Seiten und vermutlich tausende Euro an Steuergeldern, um eine Forderung zu untermauern, die man vielleicht erst NACH einem solchen Gutachten hätte stellen sollen.

Es ist dabei nur eine Randnotiz, dass man sich auch im Rahmen des prallen Gutachtens keine Mühe machte, das Haus mal zu besichtigen.

Und so kam das Gutachten der „Fachstelle für Grundstückswertermittlung für Oberbayern I beim Finanzamt München, Abteilung Körperschaften“ zum Schluss, dass ich zwar die Quadratmeterzahl des Dachgeschosses zu ungenau und schwankend angegeben hatte (mittlerweile gab es für die Sanierung ja einen Grundriss) und dass der Wertverlust durch meine Anwesenheit geringer als gedacht sei, aber dass die ursprüngliche Forderung des Amtes letztlich doch etwas zu hoch ausgefallen sei.

Ende vom Lied: Das eine Amt bescheinigte dem anderen Amt, dass man nicht 25.000, sondern maximal 7.000 Euro nachfordern könne.

Ich besprach das mit meinem Steuerberater. Ich war zwar immer noch der Meinung, dass die Nachforderung gänzlich ungerechtfertigt sei, aber da das Haus fast fertig saniert ist, kann ich den Ist-Zustand von 2011 nicht mehr durch ein neues Gutachten belegen lassen – und das sollte ich haben, wenn ich die Sache vor Gericht ausfechten möchte. Zudem bestand keine Garantie, dass ich tatsächlich gewinnen würde. Es winkten hohe Kosten und jahrelanger Ärger. Also machte ich mental ein Häkchen hinter die Sache und ließ dem Finanzamt mitteilen, dass ich mit der reduzierten Nachforderung einverstanden sei. Im Juni 2015 konnte damit der Steuerbescheid 2011 endlich wirksam werden.

So etwas wirft Fragen auf: Wie kann ein Finanzamt solche Forderungen am grünen Tisch stellen, ohne auf die konkreten Fakten eingehen zu müssen? Kann man solche Beamten nicht wegen Amtsmissbrauchs haftbar machen? Müsste es, wenn ein anderes Amt die Fehleinschätzung belegt, nicht so etwas wie eine Entschädigung geben? Eine Entschuldigung wenigstens? Eine Übernahme der Kosten meines Steuerberaters?

Nein nein, andersrum wird ein Schuh draus: Auf die letztlich zu zahlenden 6.500 Euro muss ich tatsächlich satte 6,5 Prozent Zinsen zahlen, alles in allem noch mal 399 Euro. Ich habe das Geld dem Amt ja quasi seit 2011 vorenthalten. „Ein laufendes Verfahren“ scheint hier nicht zu gelten.

Was lernen wir daraus? Der Staat ist frech und gierig. Aber er ist nicht unangreifbar, der Steuerbescheid kein unanfechtbares Urteil, der Weg durch die Instanzen nicht immer hoffnungslos. Choose your battles – don’t start them, but always finish them.

Wäre ich ein Pessimist, würde ich mich über die fast 7000 Euro ärgern.

Als Optimist würde ich mich freuen, 18.000 Euro weniger als ursprünglich veranschlagt zahlen zu müssen.

Als Realist bin ich einfach nur wieder fassungslos.

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