29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Train to Busan

Train to Busan

train to busan posterSüdkorea 2016. Regie: Yeon Sang-Ho. Darsteller: Gong Yoo, Ma Dong-Seok, Jung Yu-Mi, Choi Woo-Sik, An So-Hee, Kim Eui-Sung, Kim Su-An

Offizielle Synopsis: Seok-woo hat seiner Tochter Su-an versprochen, an ihrem Geburtstag ihre Mutter in der Küstenstadt Busan besuchen zu dürfen. Nur widerwillig besteigt er mit Su-an den pfeilschnellen KTX 406 und hofft, dass der Hochgeschwindigkeitszug ihn bis spätestens Mittag wieder zurück in die Hauptstadt bringt. Unglücklicherweise hat sich der Hauptbahnhof von Seoul über Nacht im Untergrund in eine Brutstätte blutdurstiger Zombies verwandelt und gerade als der Zug abfährt, bahnen sich die Untoten einen Weg nach oben. Unbemerkt schafft ein infiziertes Mädchen in letzter Sekunde den Aufsprung auf den Waggon und stellt damit die Weichen auf tödliches Chaos. Zuerst bemerken die Reisenden nichts von ihrem Pech, bis sich die Infektion blitzschnell ausbreitet und eine rasende Welle geifernder Zombies durch die Abteile jagt. Während die Insassen von KTX 406 verzweifelt um ihr Leben kämpfen, stellt sich schnell heraus aus welchem Holz die im Zug entstandene Schicksalsgemeinschaft geschnitzt ist. Im Angesicht des Todes zeigen die Passagiere ihr wahres Gesicht und Moral scheint für manche nur ein Hindernis, wenn es darum geht, die Endstation lebend zu erreichen. Wie weit muss Seok-woo gehen, um seine Tochter zu beschützen?

Kritik: DAS nenne ich mal den korrekten Abschlussfilm nach 10 Tagen und 51 Vorführungen und einer bevorstehenden mehrstündigen Heimfahrt durch die Nacht! War das Prequel "Seoul Station" noch generisch und langweilig, wird hier massiv auf 11 gedreht.

Das heißt nicht, dass "Train to Busan" das Genre neu erfindet. Ähnlich wie "Priests" nimmt er erstmal das, was man aus US-Zombiefilmen zur Genüge kennt und versetzt es nach Korea. Die ersten ominösen Radiomeldungen, ein paar Krankenwagen jagen durch die nächtliche Stadt, ein Hochhaus steht in Flammen. Fondsmanager Seok-woo begleitet seine Tochter eigentlich nur widerwillig zum Zug, die Geschäfte gehen vor.

Und dann bricht die Hölle los. Und sie tut es schnell. Und schmerzhaft. Wenn man anderswo gerne bildlich von "Wellen von Zombies" spricht, trifft das hier tatsächlich zu. Die Untoten vermehren sich rasend, stürmen die Straßen und Gebäude, wirken teilweise wie rauschende Massen, die sich aus Fenstern und durch platzende Türen ergießen. Die Gefahr ist derart präsent und total, dass unseren Protagonisten für den Rest der beträchtlichen Laufzeit keine Wahl bleibt: Rennt um euer Leben. Und nicht vielen wird es gelingen...

Der Zug als primäres Setting ist dabei ein genialer Schachzug, denn er zwingt die Überlebenden und die Zombies aufeinander, macht Flucht sinnlos und jedes Versteck temporär. Jeden Augenblick ist klar, dass die Menschen keine Chance haben, dass ihre Zahl sich von Minuten zu Minute verringert - sie können nur hoffen, Busan zu erreichen, bevor der Counter auf 0 steht.

train to busan

Dabei nutzt "Train to Busan" jede winzige Atempause, jeden gebrüllten und geschluchzten Dialog dazu, seine diversen Figuren plausibel zu etablieren und weiter zu entwickeln. Es gibt Helden und Feiglinge, die alten Freunde und die jungen Liebenden, das prototypische alte Arschloch und die unvermeidliche Hochschwangere. Sie alle sind mehr als nur Zombiefutter - sie sind Menschen, deren Schicksal uns am Herzen liegt und deren Tod in einigen Fällen wirklich für Beklemmungen sorgt.

Das ist vielleicht auch die größte Leistung von "Train to Busan": Dass er neben der opulenten Action und der atemlosen Dramaturgie noch Zeit und Talent hat, uns für seine Figuren zu interessieren.

Ein Rocker vor dem Herrn. Wie kann der von den gleichen Leuten sein, die "Seoul Station" verbrochen haben?!

gruenFazit: Ein druckvoll und emotional mitreißend inszenierter Zombie-Actionthriller, der wirklich alles aus dem Setting und den Figuren heraus holt. Im Genre ein absolutes Highlight, mindestens so gut wie (wenn nicht besser als) "The Girl with all the Gifts".

Philipp meint: Nach den Animations-Heulbojen "King of Pigs" und "Seoul Station" zeigt der Regisseur, dass er Realfilme durchaus kann. Auch hier fließen Tränen, aber statt Apathie gibt es zupackende Personen mit charakterlicher Entwicklung. Geht doch! Geht sogar richtig, richtig gut!

P.S.: Mit dem Abschlussfilm sind wir noch nicht durch - morgen liefere ich noch "Carnage Park" nach, den ich wegen persönlicher Verpflichtungen verschieben musste.

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Beyond the Gates

Beyond the Gates

beyond the gates posterUSA 2016. Regie: Jackson Stewart. Darsteller: Graham Skipper, Chase Williamson, Brea Grant, Barbara Crampton, Pierson Ryan, Henry LeBlanc

Offizielle Synopsis: Ein halbes Jahr nach dem rätselhaften Verschwinden seines Vaters kehrt Gordon zurück in seine Heimatstadt. Hier soll er seinem jüngeren Bruder, dem Tunichtgut John, dabei helfen, den Nachlass des Verschollenen zu verwalten. Die entsprechende Hinterlassenschaft besteht hauptsächlich aus einer verstaubten Videothek, in der entgegen jeglicher technischer Weiterentwicklung, immer noch Tausende von uralten Videokassetten ihr Dasein fristen. Bald stoßen die Brüder im Büro ihres Vaters auf ein mysteriöses Brettspiel. Als sie die dazugehörige VHS in den Recorder schieben, erwartet sie auf dem Band die geheimnisvolle Evelyn, die erklärt, dass die beiden ihren Vater nur retten können, wenn sie sich auf die Suche nach Schlüsseln begeben, die das Tor in eine andere Welt öffnen. Gordon und John bleibt keine Wahl: Widerstrebend begeben sie sich auf eine Reise, die direkt in die Hölle führt.

Kritik: Ach Gottchen, wie niedlich - ein Film, extra für Geeks wie mich. Das fängt schon beim Herzklopfen an, wenn die Hauptdarsteller durch die gigantische Videothek streifen, mit Hunderten von Regalmetern teilweise handbeschrifteter Kassetten, viele davon im Betamax-Standard. Dazu der Titel des Film und die Titelmusik, die an Fulci erinnern. Der Versuch, ein simples Gartentor mit ein bisschen Kunstnebel und ein paar blauen und roten Lampen zu einem Zugang zur Hölle zu erklären (hinter dem deutlich sichtbar ein Fahrrad steht). Barbara Crampton aus "Re-Animator" und "Castle Freak" als Videospiel-Hostess der Hölle, von der alle Beteiligten tapfer behaupten, sie sähe "totally hot" aus. Und dann diese entzückenden, handgemachten Splatterszenen, auf die stolz draufgehalten wird wie weiland bei "Tanz der Teufel".

beyond the gates

Das ist grundsympathisch, keine Frage. Man fühlt sich an den "echten" Low Budget-Film der 80er erinnert, an Fred Olen Ray und Don Dohler.

Die Kehrseite der Medaille ist: Wer nicht nostalgisch dem Schrottschrecker der 80er nachhängt, ist hier total falsch. Die Story ist banane und macht an keiner Stelle Sinn, die Darsteller sind bestenfalls okay und das düster daher behauptete Tor zur Hölle ist eben doch nur der Keller eines Vorstadthauses (vermutlich von Freunden oder Verwandten der Macher). Echte Suspense, eine propere Entwicklung der Figuren oder eine innere Logik sucht man hier vergebens. "Beyond the Gates" ist nicht nur formell, sondern auch erzählerisch ein Rückgriff auf ein Jahrzehnt, in dem Dramaturgie oft noch mit der Axt erzwungen wurde. Wer das nicht kennt und daran nicht gewöhnt ist, der wird in Jackson Stewarts Film nur krudes Gerümpel sehen.

gelbFazit: Ein Liebesbrief an den Low Budget-Horror und die Geeks der 80er, der für die heutige Generation erheblich zu grobschlächtig und simpel sein dürfte, der Generation 45+ aber sicher das Herz aufgehen lässt.

Philipp meint: Niedliche Geschichte, die ihre innere Logik weitgehend durchhält und aus wenig Budget einiges macht.

P.S.: Kurios übrigens, dass Miss Crampton sich als Executive Producerin wieder eine eigene, unnötige Post Credits-Sequence gönnt...

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29
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Priests

Priests

Priests_posterSüdkorea/Italien 2015. Regie: Jang Jae-Hyun. Darsteller: Kim Yun-Seok, Gang Dong-Won, Park So-Dam, Kim Eui-Sung, Son Jong-Hak, Nam Il-Woo, Lee Ho-Jae

Offizielle Synopsis: Sechs Monate ist es her, dass sich die kleine Young-shin aus dem Fenster und ins Koma gestürzt hat. Vater Kim, ihr Priester, ist der felsenfesten Überzeugung, dass ein Dämon von seinem Schützling Besitz ergriffen hat. Der Seouler Erzdiözese ist der unorthodoxe Kim nicht erst seit diesem Vorfall ein Dorn im Auge. Sie stellt ihm den jungen Diakon Choi zur Seite – auch zum Spitzeln. Choi ist begeistert, bis er erfährt, dass alle früheren Assistenten Kims dem Wahnsinn anheim gefallen sind. Schon bald macht auch Choi die Begegnung mit den Herrschern der finsteren Welt. Sie führen ihn tief an den Rand des Verstandes und zu einem nie überwältigten Kindheitstrauma zurück.

Kritik: Manche Leser könnten mir nach der geballten Lektüre der Reviews Heuchelei vorwerfen, weil ich teils widersprüchliche Thesen inbrünstig vertrete. Ist es besser, wenn ein Film an seinen Ambitionen scheitert, als wenn er keine hat? Reicht es, sattsam bekannte Erzählmuster lediglich kompetent aneinander zu reihen? Ist es der Mainstream oder ist es der Außenseiterfilm, der das Genre voran bringt? Das scheint je nach Kritik zu wechseln. Und das stimmt auch. Weil letzten Endes einzig das Bauchgefühl zählt - und das kann mein Urteil auch bei sehr gleich gelagerten Filmen verschieden ausfallen lassen.

"Priests" ist ein Streifen, den ich - rein objektiv betrachtet - gut finden müsste. Er versetzt die klassische Exorzisten-Mär in ein frisches Umfeld, bringt neue Details ein, überzeugt mit guten Darstellern, effektiv inszenierten Schockszenen und einem überraschenden Actionanteil. Außerdem kommt ein süßes Ferkel drin vor.

Aber es reicht nicht. Ich kam unzufrieden (und übermüdet, aber daran lag es nicht) aus dem Kino. Und es dauerte eine Weile, bis ich den Finger drauf legen konnte, wieso.

priests

Zuerst einmal baut "Priests" einen größeren Film, als er letztlich zu liefern bereit ist. Die erste Stunde wird an Verwicklungen im Vatikan verschwendet, an frühere Exorzisten, an eine Geisterglocke, an politisches Gerangel im katholischen Bistum von Seoul - doch all' diese Dan Brown'schen Elemente haben mit dem eigentlich Plot nichts zu tun, der wirklich nur einen banalen Exorzismus im Stile von "the power of Christ compels you!" darstellt.

Was hingegen nicht ordentlich gebaut wird, ist die Figur des besessenen Mädchens, das erst ins Spiel kommt, als es bereits in den Klauen des Dämons steckt. Zu ihr, deren Schicksal das Leben vieler Menschen kosten wird, haben wir praktisch keinerlei Beziehung, sie ist uns schnurz. Genau diese Fokusänderung zu Friedkins "Exorzist" schadet dem emotionalen Mehrwert.

Angesichts dieser Tatsachen kann sich der Film zu Ende hin nicht steigern, weil die Vorarbeit sich nicht auszahlt und die Figuren den kümmerlichen Rest nicht tragen. Es wird nur schneller und lauter, nicht spannender.

Respekt allerdings für die finale Fahrt durch die Stadt, die wirklich klasse ausgedacht und umgesetzt ist. Die allein zieht den Film in die gelbe Ampel.

gelbFazit: Eine durchaus schicke und actionreiche Variante von "Der Exorzist" mit einem dynamischen Finale, die aber dem Subgenre nicht Neues hinzufügt und die bekannten Klischees mit zu viel unnötiger und unbediener Backstory auffüllt, statt zeitig in die Puschen zu kommen.

Philipp meint: Bietet ein bisschen nettes Lokalkolorit, vergisst aber leider die früh angedeuteten innerkirchlichen Intrigen. Mit etwas Abstand merklich schlechter als im Ersteindruck.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Another Evil

Another Evil

another evil posterUSA 2016. Regie: Carson D. Mell. Darsteller: Steve Zissis, Mark Proksch, Jennifer Irwin, Dax Flame, Steve Little, Dan Bakkedahl

Offizielle Synopsis: Maler Dan, der mit simplen schwarzen Kreisen Erfolg hat, entdeckt Geister in seinem Ferienhaus. Er engagiert ein Medium, das wie Al Bundy im Muscle Shirt aussieht und beim Dosenbier verkündet: Ja, die Hütte wird heimgesucht. Aber nur von freundlichen Geistern, im Prinzip ganz harmlose Seelen – lernt damit zu leben! Da holen sich Dan und Familie dann doch lieber eine zweite Meinung. Der ebenfalls schräge Os diagnostiziert ETD – evil totally determined – und rät dazu, die gemeingefährlichen Dämonen zu vernichten. Und zwar möglichst brutal. Das Problem: Os hat mehr Probleme mit der Realität und den Menschen als alle Geister, die sich in Dans Haus herum treiben - und er ist potenziell auch gefährlicher...

Kritik: Ihr habt es bei mir schon öfters gelesen - die meisten richtig guten Filme lassen verschiedene Lesarten zu, sind mehr als nur eine Abfolge von eskalierenden Gruselereignissen. Da kann ein Zombie für das Ende einer Ehe stehen, ein Poltergeist für die Abnabelung des Teenagers von der Familie. Manche Filme lassen das als Subtext mitlaufen, andere stellen es in den Vordergrund.

Auch "Another Evil" erzählte letztlich zwei Geschichten in einer. Ja, das Haus von Dan ist definitiv von Geistern verseucht und ja - Os ist durchaus in der Lage, etwas dagegen zu tun. Auf dieser Ebene wird ein klassischer Poltergeist-Plot erzählt mit allen üblichen Klischees: Die erste Sichtung, die erste Attacken, die ersten Erfolge, die verfrühte Freude, der Gegenangriff, das Finale.

Aber viel wichtiger und wuchtiger ist die Geschichte von Os und Dan, denn hier liegt der emotionale Kern: Dan will eigentlich nur seine Ruhe, leistet Os aus Skepsis und Pflichtbewusstsein Gesellschaft. Der Geisterjäger - durch Alkoholismus und Ehekrise am Anschlag - will mehr: er will Ansprache, Sympathie, Freundschaft, Liebe sogar. Er projiziert seine Wunschvorstellung eines "best buddy" in den damit völlig überforderten Dan - und als sich nach anfänglich erfolgreich erbettelten Sympathiebekundungen nicht die gewünschte Gegenseitigkeit einstellt, wird er zunehmend aggressiv, wirr, realitätsfremd. Seine Entschlossenheit, die Geister zu stellen, ist in Wirklichkeit ein Kampf um Dan, den er nicht gewinnen kann.

another evil

Diese Geschichte erzählt Regisseur Mell preiswert, ohne große Schaueffekte oder einen mühsam herbei gefilmten "Look". "Another Evil" ist Low Budget-Kino, bei dem das Konzept trägt, was das Budget nicht leisten kann. Und das gelingt auch ganz hervorragend. Der zunehmend eskalierende Konflikt zwischen Dan und Os ist nicht nur folgerichtig, sondern auch gut beobachtet. Hier lohnt es sich wirklich, auf die Details in den Performances zu achten. Sie verraten sehr viel über das Innenleben der Figuren.

So ist der Film trotz tatsächlicher okkulter Präsenz mehr Psychothriller als Geisterheuler, mehr "Mann gegen Mann" als "Mann gegen Spuk". Und das macht ihn außergewöhnlich und spannend, auch wenn man dafür in der ersten Stunde durchaus Sitzfleisch mitbringen muss.

gruenFazit: Was als preiswerter Geisterfilm anfängt und dann in schräge Komödie umschlägt, endet in einem Zweikampf ungleicher Protagonisten, der auch etwas über die Einsamkeit der Männlichkeit im 21. Jahrhundert aussagt. Nicht schnell, nicht schick, aber mit vielen interessanten Ideen gepolstert.

Philipp meint: Schöne Idee. Man hätte den Film ein kleines bisschen straffen können. Aber auch so durchaus gelungen.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Similars

The Similars

similars posterMexiko 2015. Regie: Isaac Ezban. Darsteller: Gustavo Sánchez Parra, Cassandra Ciangherotti, Humberto Busto, Fernando Becerril, Carmen Beato, Santiago Torres

Offizielle Synopsis: Der Wartesaal des Grauens! Tagelanger Dauerregen hat den Verkehr lahm gelegt. Minenarbeiter Ulisses und eine hochschwangere Frau sitzen in einem gottverlassenen Busbahnhof am Arsch von Mexiko fest. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein Radio, durch das beunruhigende Berichte über ein brutales Studentenmassaker (!) und das für Experten unerklärliche Wetterphänomen dringen. Da tauchen weitere Reisende auf: eine vor sich hin brabbelnde Schamanin, ein höchst aggressiver Medizinstudent und eine Frau mit einem kranken Kind. Alle wollen nur endlich weg von hier. Als urplötzlich verstörende Gesichtsmutationen ausbrechen, wächst die Panik unter den Eingeschlossenen. Ist es ein Virus? Stecken Außerirdische dahinter? Oder sind die Wartenden womöglich Testobjekte eines geheimen Regierungsprogramms?

Kritik: Oberflächlich ist "The Similars" genau die Sorte Film, wegen derer ich (auch) zum Fantasy Filmfest fahre. Aus einem Land mit aktuell begrenztem Horror-Output, schön schräg, sich den billigen Klischees des Genres verweigernd - und damit die perfekte Ergänzung zu sympathischen, aber sehr kommerziellen Krachern wie "Don't kill it".

Leider war mir nach fünf Minuten klar, dass praktisch alles, was "The Similars" interessant macht, dreist geklaut ist: Der irreal wirkende Schauplatz, die schwarzweiße Kamera, die sonore Erzählerstimme, die seltsam artifiziell wirkenden Figuren. Das ist nicht dem kreativen Geist von Isaac Ezban entsprungen, sondern dem von Rod Serling.

"The Similars" ist letztlich ein mexikanisches, spielfilmlanges "Twilight Zone"-Remake, ästhetisch, visuell und erzählerisch an die ursprüngliche Serie aus den 60ern angelehnt. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass Ezban sich hier an einer Homage versucht.

similars

Nun gibt es Schlimmeres, als eine der besten und genreprägendsten Serien zu kopieren, zumal Ezban durchaus die Mittel und das Talent hat, sich dabei nicht zu verstolpern. Aber es gibt einen Grund, warum die "Twilight Zone" meistens eine halbe Stunde, manchmal eine Stunde lang waren: Es sind keine auserzählten Geschichten, sondern Schnappschüsse von Kurzgeschichten, erzählte Snacks mit Pointe. Sie sind weder gedacht noch geeignet, auf Spielfilmlänge gestreckt zu werden, weil weder ihre Charaktere noch ihre Handlungsbögen darauf ausgelegt sind. Aus dem Grund enthielt ja auch das Spielfilm-Remake 1983 von Spielberg (u.a.) seinerzeit vier kürzere Geschichten.

Und genau deshalb ist "The Similars" sehr zäh - das anfängliche Interesse an den Geschehnissen im Busbahnhof nimmt mit der Erkenntnis ab, dass es vermutlich keine klare Erklärung geben wird. Und ohne einen klaren Protagonisten hält sich auch die Empathie mit den Figuren in Grenzen.

Eine Bewertung ist deshalb schwierig: Wer nicht - wie ich - ein großer Fan der "Twilight Zone" ist und sich über den dreisten Abklatsch ärgert, der mag "The Similars" deutlich frischer finden und frecher. Aber Filme existieren eben nicht im luftleeren Raum.

gelbFazit: Ein surreales Gruselstück mit viel Auge für Optik, das primär damit hadert, dass es als dreiste, aber unausgesprochene Kopie klassischer Twilight Zone-Motive (besonders der Episoden "It's a good life" "Five characters in search of an exit") nicht ausreichend Saft und Story für die Laufzeit mitbringt.

Philipp meint: Zu The Similars kann ich irgendwie nichts mehr schreiben, nachdem ich weiß, dass es so stark inspiriert wurde, ohne die Originale gesehen zu haben.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Don't kill it

Don’t kill it

dont kill it posterUSA 2016. Regie: Mike Mendez. Darsteller: Dolph Lundgren, Kristina Klebe, Aaron McPherson, Billy Slaughter, Michael Aaron Milligan

Offizielle Synopsis: Ein Provinznest in Mississippi, nicht weit weg vom Arsch der Welt. Hilflos steht die örtliche Polizei einer rätselhaften Mordserie gegenüber, die wie aus dem Nichts über das Kaff hereinbricht und bereits neun Opfer in einer Woche gefordert hat. Als die FBI-Agentin Evelyn Pierce eintrifft, um die blutigen Geschehnisse zu untersuchen, sieht sie sich mit einem Verbrechen konfrontiert, das scheinbar in kein Muster passt. Auf die Hilfe der überforderten Einheimischen kann sie sich schon gar nicht verlassen. Auftritt Jebediah Woodley. Der hünenhafte Blonde stellt sich als Dämonenjäger vor und auch wenn ihm Evelyn zunächst kein Wort glaubt, findet sie sich bald an Woodleys Seite im Kampf gegen ein übernatürliches Monster wieder, das keine Grenzen kennt. Denn der uralte Dämon hat die Fähigkeit munter von Körper zu Körper zu springen und beileibe nicht die Absicht, sich einfangen zu lassen. So gerät die Jagd auf die Bestie für das ungleiche Duo zu einer Achterbahnfahrt des Schreckens. Die Anzahl der Besessenen und kurz darauf Eliminierten droht unübersichtlich zu werden und ein Regen aus Blut und Körperteilen prasselt auf die verschlafene Kleinstadt hernieder.

Kritik: Was für eine hübsche Geste auf der Zielgeraden des Festivals - die Veranstalter baten mich, auf der Bühne ein paar Worte zu Mike Mendez und seiner FFF-Historie zu sagen. Und wo eine Bühne ist, lässt der Wortvogel sich nicht lange bitten. Ich stellte mich also als Mike Mendez vor (was mir nicht geglaubt wurde - vielleicht war der niederrheinische Akzent schuld) und plauderte ein wenig über den Spaß am Monstermassaker, über die Grandiosität von "Big Ass Spider!", aber auch "Lavalantula" und natürlich "Gravedancers". Hey, der Mann hat seine Karriere bei Charles Band und seinem "Bimbo Movie Bash" begonnen!

Und jetzt das - ein Dämonenhorrorfilm mit Dolph Lundgren. Dolph. Fucking. Lundgren. Weihnachten und Ostern an einem Tag quasi.

Die Kopie war noch so frisch, dass zwar nicht gerade die Entwicklungsemulsion vom Zelluloid tropfte, aber einige Effekte waren noch nicht fertig. So müssen in den nächsten Wochen noch ein paar Augen schwarz eingefärbt werden, ein paar Zugseile raus retuschiert werden. Die finale Farbkorrektur fehlte auch.

dont kill it

Ich bin erfreut, vermelden zu dürfen: Mendez liefert mal wieder. Mit etwas mehr Dunkelheit und Knochenhärte als in seinen letzten beiden Filmen erzählt er von der Odyssee des knarzigen Jebediah Woodley, der als "tall dark stranger" in die Stadt kommt, um sie vom Bösen zu befreien. Und schon da bricht Mendez mit den Konventionen des Genres und erfüllt, was ich seit Jahren fordere: Das Horrorkino braucht mehr Helden, mehr proaktive Protagonisten, die vor dem Bösen nicht fliehen, sondern es suchen und vernichten. Leute wie Ash in "Tanz der Teufel" oder Pater Vassey in "Bram Stoker's Shadowbuilder" oder Jack Crow in "Vampires".

Jebediah Woodley ist so einer - und er ist perfekt. Gekleidet wie ein Schamanen-Cowboy, gelingt ihm gleich in den ersten fünf Minuten die heilige Dreifaltigkeit des pubertären Genrefilms: er säuft, er prügelt, er bumst. Durchaus anzunehmen, dass Lundgren schon nach der Lektüre von Seite 2 des Drehbuchs seinen Agenten angerufen und gesagt hat: "Bin dabei!"

Wenn das so war, dann hat er ein paar Seiten weiter die Stelle verpasst, an der er einen hysterisch komischen Monolog halten muss, der ihm vermutlich mehr Text beschert als sämtliche seiner Filme in den 80er und 90er Jahren zusammen genommen. Selten hat sich Dolph so sehr auf die Schippe genommen - und ist sich dabei doch so treu geblieben.

Der Rest des Films läuft - wie eigentlich immer bei Mendez - strikt in den Grenzen des Genres, allerdings getragen von einem hohen Tempo, viel Einfallsreichtum und einem Sinn für das Absurde. "Don't kill it" nimmt sich nie völlig ernst - aber immer ernst genug.

Wie auch bei den bisherigen Mendez-Filmen gilt: Mehr Spaß kann man beim Festival kaum haben, ohne die Hand in die Hose zu stecken. Are you Dolph enough for this movie?

gruenFazit: Ein perfekte Balance aus preiswerter Dämonenaction und sarkastischer Horrorkomödie mit einem gut aufgelegten Lundgren, dessen Jebediah Woodley gefälligst zum neuen Horror Hero aufsteigen und in Fortsetzungen weiter gefeiert werden muss.

Philipp meint: Deutlich ernster als "Big Ass Spider" und "Lavalantula", aber zwischendurch auch brüllend komisch. Grandios.

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28
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: The Ones below

The Ones below

ones_below posterEngland 2015. Regie: David Farr. Darsteller: Clémence Poésy, David Morrissey, Stephen Campbell Moore, Laura Birn, Deborah Findlay

Offizielle Synopsis: Kate und Jack erwarten ihr erstes Kind. Als neue Nachbarn ins leerstehende Erdgeschoss ihres Londoner Townhouses ziehen, scheint zunächst alles gut. Schnell erfährt Kate, dass die frisch zugezogene Theresa ebenfalls schwanger ist und die beiden werdenden Mütter haben gleich ein Gesprächsthema. Während sich Kate jedoch sorglos auf ihr Baby freut und nicht viel Wirbel um ihren Zustand macht, dreht sich Theresas Leben um nichts anderes mehr.

Kritik: Erinnert ihr euch, dass ich im Kontext von "Antibirth" vor ein paar Tagen schon mal über die Eigenheiten des Frauenhorrorfilms gesprochen habe, in dem die Angst der Protagonisten von einer Gefahr aus der eigenen Sphäre befeuert wird? "The ones below" ist ein noch perfekteres Beispiel für dieses Genre - und heuer der dritte Film, in dem der "Horror Schwangerschaft" bedient wird.

Wer sich für das Prinzip des Frauenhorrorfilms interessiert, stößt hier wirklich auf den Jackpot, denn fast alle grundlegenden Fragen, die in diesem Komplex auftreten, sind vertreten: Was, wenn mit meiner Schwangerschaft etwas nicht stimmt? Was, wenn ich meinem Mann nicht mehr vertrauen kann? Was, wenn die Nachbarn gegen mich sind? Was, wenn ich den Verstand verliere?

ones below

David Farr ist Profi genug, alle diese Elemente in eine einzige, straffe Handlung zu packen, ohne seinen Film zu überladen. Er hält sich auch bis zum (unglücklichen, da unnötig konkreten) Epilog die Möglichkeit offen, dass das "Paar von unten" überhaupt nicht bösartig hinter Kate her ist - sämtliche Erlebnisse könnten problemlos auch das Ergebnis von Kates paranoider Erschöpfung sein. An manchen Stellen erscheint das sogar wahrscheinlich.

Auf diese Weise können unserer Protagonistin die Daumenschrauben angezogen werden, ohne dass sie eine Chance auf Flucht oder Hilfe hätte. Denn wie in jedem guten "ich gegen den Psychopathen"-Film ist das Hauptproblem nicht die Einschaltung der Behörden - es ist die Frage, wer der Heldin glauben würde.

Das alles wird - ohne besondere Gewalt oder Effekte - hochgradig spannend erzählt, getragen von vier ausgesuchten zentralen Performances der Darsteller. Besonders David Morissey glänzt mal wieder als Alphamännchen mit unglaublicher Präsenz.

Natürlich erfindet "The ones below" den urbanen Nervenkitzler nicht neu, alle seine Elemente sind sattsam bekannt. Aber so komprimiert, so elegant verzahnt und so konsequent erzählt haben wir sie bisher selten gesehen.

gruenFazit: Einer dieser eleganten urbanen Yuppie-Thriller, die in den 80er und 90er Jahren sehr populär waren. Exzellent konstruiert und gespielt, aber letztlich auch sehr glatt und in seinem Drang, eine konkrete Auflösung anzubieten, etwas über das Ziel hinaus.

Philipp meint: Gut inszenierter Psychothriller, der leider der Versuchung nicht widersteht, seine eigene Geschichte komplett aufzulösen.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: We go on

We go on

we-go-on-posterUSA 2016. Regie: Jesse Holland, Andy Mitton. Darsteller: Annette O’Toole, Clark Freeman, John Glover, Giovanna Zacarius, Jay Dunn, Laura Heisler

Offizielle Synopsis: Miles Grissom ist ein einsamer junger Mann mit vielen Phobien. Seine größte Angst ist die Furcht vor einem frühen Tod, so wie er es Nacht für Nacht in immer wiederkehrenden Albträumen erlebt. Deshalb setzt Miles eine Belohnung aus: 30.000$ für denjenigen, der ihm zweifelsfrei nachweisen kann, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Neben zahlreichen Spinnern zieht seine skurrile Anzeige auch einige Leute an, die scheinbar tatsächlich in der Lage sind, den erwünschten Beweis zu erbringen. Gemeinsam mit seiner Mutter macht sich Miles auf die Suche nach der Wahrheit hinter den Behauptungen und muss voller Entsetzen erkennen, dass es da draußen eine andere Welt gibt, die unbemerkt neben der unsrigen existiert. Und diese Welt hält einige schreckliche Überraschungen für ihn bereit.

Kritik: "We go on" ist der Film, den ich nach einem Tag mit "Into the Forest", "Greasy Strangler" und "Creepy" gebraucht habe. Ein Film, der dem entspricht, was ich am ehesten als "phantastischen Film" bezeichnen würde, als Vertreter des Genres, dessen Fan ich in den 70er Jahren wurde. Ein Film, der sich nicht für besser hält als das Genre, weil er höhere Ansprüche hat - aber auch kein Film, der sich für besser hält als das Genre, weswegen er drittklassigen Trash für völlig ausreichend hält.

Erfreulich, dass "We go on" die etablierten Pfade des Geisterfilm verlässt und eben nicht von einem Haus oder einer Person handelt, die Zentrum des Konflikts sind. Er geht eher "on the road", verbringt eine sehr launige halbe Stunde damit, die Scharlatane der Geisterjäger-Branche zu entlarven. Und dann, wenn wir gerade entspannt sarkastisch glauben, alles sei nur Humbug, legt er die Daumenschrauben an...

Einen großen Anteil an der Frische haben die Figuren, die ebenfalls komplett gegen den Strich gebürstet sind. Miles ist kein Held, er ist eine von Phobien verkrüppelte arme Sau. Ihm hilft keine Freundin, kein Love Interest, sondern seine starke und selbstbestimmte Mutter, die wie ein Schild zwischen ihm und den paranormalen Schaumschlägern steht.

we go on

Die Einführung der tatsächlichen Geister baut einen ganz neuen Mythos auf, bringt Spielregeln mit, die die Dramaturgie der zweiten Filmhälfte bestimmen - und die unsere Figuren zwingen, sich mit der eigenen Vergangenheit neu auseinander zu setzen. Dabei sind alle Entwicklungen so spannend wie folgerichtig und so manche Erwartung wird clever unterlaufen.

An keiner Stelle übernimmt sich "We go on" - die Spezialeffekte sind auf das begrenzt, was die Story benötigt, die preiswerten LA Locations (Straßen in Gewerbegebieten, Industriebrachen, leerstehende Häuser) haben das Budget geschont, um sich mit Glover und Annette O'Toole zwei Charakterdarsteller leisten zu können, die dem Film Gewicht geben.

Das Ergebnis ist ein perfekter kleiner Geisterfilm mit frischen Ideen und einem sympathisch unkonventionellen Aufbau, dem ich letztlich nur den Hauptdarsteller Clark Freeman vorwerfen kann. Freeman ist seit ein paar Jahren in Hollywood als Nebendarsteller unterwegs, huscht in TV-Serien gerne als "Cop" oder "Park Ranger" durchs Bild. Für den traumatisierten Miles ist er zu attraktiv und durchtrainiert und seine Darstellung von Phobie und Panik wirkt immer wieder kindisch und plakativ. Hier hätte ein ausgezehrter, fokussierter Schauspieler vielleicht mehr rausgeholt.

gruenFazit: Ein B-Movie im besten Sinne des Wortes, das mit wenig Geld ein interessantes Konzept packend umsetzt und sich an den eigenen Twists bis zum Nachspann auch nicht verstolpert. Ein gelungener Gegenentwurf zu Ekelspektakeln und introvertierten Depri-Dramen.

Philipp meint: Funktioniert prima. Ein interessantes Setup, die Logik des Films wird sauber eingehalten. Klein aber fein.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Creepy

Creepy

Creepy-posterJapan 2016. Regie: Kiyoshi Kurosawa. Darsteller: Hidetoshi Nishijima, Yûko Takeuchi, Teruyuki Kagawa, Masahiro Higashide, Haruna Kawaguchi, Ryôko Fujino

Offizielle Synopsis: Der lange Kampf gegen Serienkiller hat den Profiler Takakura ausgebrannt. Mit Frau und Hund zieht er sich in eine ruhige Gegend zurück, wo er nun als Dozent der Kriminalpsychologie arbeitet. Während er sich auf Bitten eines Ex-Kollegen nochmal den alten Fall einer verschwundenen Familie vornimmt, versucht seine Frau Yasuko mit ihrem Nachbarn Nishino warm zu werden. Doch mit dem scheint etwas nicht zu stimmen. Yasuko fühlt sich zunehmend irritiert von der zwischen Aggression und Schmeichelei pendelnden Art. Als ihr eines Tages Nishinos Tochter heimlich ins Ohr flüstert, der Mann wäre gar nicht ihr Vater, beginnt eine markerschütternde Horrorfarce ihren Lauf zu nehmen.

Kritik: Oha, über zwei Stunden japanisch mit englischen Untertiteln zum späten Abend. Da braucht es Sitzfleisch. Und Chips. Und Cola.

Fangen wir erstmal mit den erfreulichen Nachrichten an: "Creepy" fühlt sich nicht an wie 130 Minuten. Obwohl der Film sehr gemächlich erzählt wird, lässt die permanente latente Spannung die Laufzeit kürzer wirken als bei so manchem 80 Minuten-Schlockfilm. Das wird auch dadurch erreicht, dass Kurosawa zwei Plots parallel baut und erst im letzten Drittel zusammenführt.

Darsteller und Konstrukt können ebenfalls überzeugen. Die Handlung ist durchaus westlich orientiert, die Figuren könnte man sich genau so in einem amerikanischen oder skandinavischen Setting vorstellen. Die These der Festival-Veranstalter, der Film thematisiere eine genuin japanische Isolierung und Politik der sozialen Nichteinmischung innerhalb der Nachbarschaft, teile ich nicht.

Und ja: Nishino ist wirklich "creepy", als Psychopath mit "mixed characteristics" völlig unberechenbar und damit schwer erträglich. In einem Moment herrisch, im anderen hündisch. Und perfekt gespielt dazu.

creepy

Was "Creepy" allerdings zunehmend ein Bein stellt und gegen Ende zu Fall bringt, sind die vielen Logiklöcher und unbegründeten Charakterschwenks, die nötig sind, um die Story auf Spur zu halten. Figuren enthüllen Seiten, die wir nicht kommen sehen konnten und die auch keinen Sinn ergeben. Die Polizei zeigt komplettes Desinteresse an der Expertise eines hochgelobten Kriminalpsychologen. Selbst nach diversen Morden gibt es nicht mal eine Hausdurchsuchung. All das durchlöchert die Plausibilität von "Creepy" und unterminiert die Spannung, die immer dann am stärksten ist, wenn ich als Zuschauer an die Unausweichlichkeit des Geschehens glauben kann. Das ist gegen Ende des Films einfach nicht mehr der Fall.

Die nur zur Aufrechterhaltung des Plots hinbehaupteten Twists sind umso ärgerlicher, da "Creepy" ja wirklich spannend, unheimlich und unbequem ist. Mit ein wenig mehr erzählerischer Sorgfalt hätte das einer der ganz großen Psychothriller der Gegenwart werden müssen, auf einem Level mit "Schweigen der Lämmer". Aber das wurde dann doch vergeigt.

gelbFazit: Exzellent inszenierter und Gänsehaut erzeugender Vorstadt-Serienkillerfilm, der sich leider mehr und mehr verheddert und am Ende für viele seiner Entwicklungen keine logischen Erklärungen parat hält. Man möchte eine grüne Ampel geben, kann es aber nicht guten Gewissens.

Philipp meint: Spannend und gut gespielt. Aber die Superdrogenkräfte sind zu schlecht erklärt. Dafür hätte ich durchaus noch etwas mehr Laufzeit in Kauf genommen, denn die Zeit geht erstaunlich schnell rum. Zudem eine interessante Perspektive für einen Krimi, aus deren Besonderheiten aber zu wenig gemacht wird. Irgendwie klingt das jetzt schlechter, als der Film ist...

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Greasy Strangler

The greasy Strangler

Greasy-strangler posterUSA 2016. Regie: Jim Hosking. Darsteller: Michael St. Michaels, Sky Elobar, Elizabeth De Razzo, Gil Gex, Abdoulaye NGom

Offizielle Synopsis: Ein alter Mann steht splitterfasernackt in einer Autowaschanlage und brüllt wie am Spieß. Während ihm die rotierenden Schwammwalzen altes Bratfett vom Körper rubbeln, klatscht eine unerhört große Penisprothese links und rechts auf seine bleichen Schenkel. Das ist Ronnie, der mit seinem Sohn Brayden in einem siffigen Haus lebt und sein Essen gerne "greasy" mag. Er ist auch der "greasy strangler", der ständig Leute erwürgt. Richtige Probleme gibt es allerdings erst, als Brayden sich in die dralle Janet verliebt, die ihm Ronnie schon aus Eifersucht abjagen möchte.

Kritik: Ich habe ehrlich gesagt die Schnauze voll von Filmen wie "I Origins", "Tusk", "Happy Birthday", "Follow" und jetzt "Greasy Strangler". Es kotzt mich an, dass Leute mit durchaus technischer Expertise Filme drehen, die nur noch für den Festival-Zirkel gedacht sind, auf dem sie sich als mutig, frech und innovativ beklatschen lassen können von pseudo-intellektuellem Pack, das einen Subtext nicht verstehen würde, wenn er im Lexikon nachzuschlagen wäre. Ich hasse Filmemacher, die sich für schlau halten und deren Werke nur von einem Publikum genossen werden, das sich ebenfalls für schlau hält - und beide Seiten irren. Wenn "weirdness" nicht mehr Werkzeug ist, sondern Selbstzweck.

Die Macher dieser Filme haben keine Ausrede - sie haben das Geld und die Mitarbeiter, Filme mit Inhalt zu drehen, bei denen die visuelle Umsetzung an zweiter Stelle nach der Story kommt. Wir sprechen hier nicht von geblendeten und von sich selbst besoffenen Amateuren, denen man die Egotrips nachsehen muss. Es sind Profis am Werk (Elijah Wood ist mal wieder Producer bei "Greasy Strangler"), die schlicht kein INTERESSE haben, mehr zu bedienen als Triebe und Reizschwellen, Affekt und Ekel.

greasy strangler

Natürlich ist "Greasy Strangler" schick widerlich anzusehen. Ein paar der sehr statischen Bildkompositionen sind nett anzuschauen, drei oder vier Dialoge drehen die Mundwinkel nach oben. Die Farbchoreographie sitzt, die Ausstattung ist gut gewählt, die Darsteller bringen Spielfreude und Mut mit.

Aber es ist viel Rauch um nix. Weil sich hinter all den Ferkeleien und Widerlichkeiten kein Film verbirgt, weil alles nur Show ist. Weil John Waters diese artifiziell gewachsenen Lebensentwürfe vor 40 Jahren bereits authentischer und mit mehr Empathie verfilmt hat.

Ich weiß nicht, was mich mehr anwidert - der leere Zynismus der Filmemacher oder die offensichtliche Begeisterung des Publikums für so eine Nullnummer.

rotFazit: "Greasy Strangler" ist ein Musterbeispiel für das, was auf den Festivals der Welt schief läuft - sinnloses, ausschließlich stilorientiertes Ekelkino für das Spießbürgertum, das sich unerhört frech findet, wenn es 40 Jahre alte Tabus noch mal bricht. Und das Publikum klatscht.

Philipp meint: Will vermutlich lustig sein, ist es aber nie. Einfach nur nervig, langweilig und nicht mal eklig.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Level up

Level up

Level-Up_posterEngland 2016. Regie: Adam Randall. Darsteller: Josh Bowman, Neil Maskell, Doc Brown, William Houston, Leila Mimmack, Christina Wolfe

Offizielle Synopsis: Matt arbeitet mit einem Kumpel am Aufbau einer neuen Tech-Firma. Zumindest sollte er das. In Wirklichkeit zocken die Jungs aber ganztags Videospiele oder schauen YouTube – sehr zum Missfallen von Matts Freundin. Als die allerdings eines Morgens entführt wird, kann sie einen Typen mit Gaming-Erfahrung gut gebrauchen. Denn von diesem Moment an ist Matt plötzlich gefangen in einer real gewordenen Spielwelt, in der es leider keine Chance auf ein Bonusleben gibt.

Kritik: Die Idee, Mechanismen der Egoshooter in die reale Welt zu versetzen, ist reizvoll - aber problembehafteter, als viele Drehbuchautoren zu denken scheinen. Weil die reale Welt eben nicht wie das Level eines Games funktioniert und hier ganz andere Motivationen gelten.

Vor gerade mal drei Monaten habe ich mit "The Call Up" ein ganz gutes Beispiel für dieses Subgenre besprochen - hier werden diverse Probleme dadurch umgangen, dass man die Figuren in eine extrem kontrolliertes Umfeld steckt und ihre Wahrnehmung dem Spiel gerecht virtualisiert. Auch in meinem eigenen Konzept "Game over" hatte ich das gemacht.

"Level up" versucht es anders. Matt wird mitten ins Londoner Leben geschubst, wird per Smartphone dirigiert, soll Aufgaben erfüllen, um das Leben seiner Freundin zu retten - alles (soviel sei verraten) unter den Augen einer Online-Zockergemeinschaft, die Wetten auf sein weiteres Verhalten abschließt.

Und genau das ist schon totaler Blödsinn.

Angeblich sind Tausende normaler Menschen eingeloggt, die über Kameras das Geschehen und das Verhalten von Matt beobachten. Bedenkt man, dass der Spieler tatsächlich Menschen umbringen soll, ist es völlig hanebüchen, dass kein Zocker zur Polizei geht, niemand sich verplappert, das Geschäftsmodell nicht augenblicklich auffliegt. Es wird nie plausibel erklärt, wer die Grundfragen für die Wetten aufruft - irgend jemand müsste in Echtzeit Matts unberechenbares Verhalten sichten, einschätzen und auf weitere Wahrscheinlichkeiten prüfen.

Level up

Dieser Film könnte kein Happy End haben, weil die Veranstalter des Spiels es sich nicht leisten könnten, dass Matt am Leben bleibt.

Wo das Grundkonzept keinen Sinn ergibt, verpufft auch jede Kritik an der Unmenschlichkeit der Spiele(r)welt. An keiner Stelle gelingt es "Level up", einen plausiblen Bezug zwischen der Verrohung durch Online-Anonymität und dem Geschehen auf der Leinwand herzustellen. Er verfehlt sein Thema und reduziert sich damit auf einen reinen "lauf um dein Leben"-Thriller, für den er nicht genug Druck macht, der aber wenigstens von schönen Londoner Locations profitiert.

Man kann natürlich auch den ganzen Online-Schnickschnack subtrahieren und festhalten, dass "Level up" nur eine schlechte Kopie von Finchers "The Game" ist.

gelbFazit: Ein konzeptionell total unausgegorener "Videogame in real life"-Thriller, dessen permanente Laufleistung und optische Eleganz nicht über die Mängel an Drive und Logik hinwegtäuschen können. Continue? No.

Philipp meint: Die Hauptperson ist zu unsympathisch, um einen abzuholen und die innerweltliche Logik funktioniert zu wenig. Computerspiel-Erzählmethode als Film gab es schon besser.

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27
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Into the Forest

Into the Forest

Frankreich/Schweden 2016. Regie: Gilles Marchand. Darsteller: Jérémie Elkaïm, Timothé Vom Dorp, Sophie Quinton, Théo Van de Voorde

Offizielle Synopsis: Etwas Schlimmes wird passieren, der kleine Tom kann es spüren. Mehr noch, er kann das Unheil in dämonischer Form manchmal sogar mit seinen eigenen Augen sehen. Die Kinderpsychologin rechnet seine Ängste allerdings der Scheidung der Eltern zu und hat keine Einwände, als Tom mit seinem großen Bruder zum Vater ins weit entfernte Stockholm reist. Daddy hat bereits den perfekten Vater-Söhne-Trip im Sinn: Mit brandneuen Schlafsäcken ausgestattet, starten François und seine Schutzbefohlenen zu einer Hütte tief verborgen in den schwedischen Wäldern. Kein Strom. Kein fließend Wasser. Keine Handyverbindung zur Mutter in Paris. Horror ist besonders grauenerregend, wenn wir ihn durch die vor Schreck geweiteten Augen eines Kindes erleben. Jedes Geräusch, jeder Schatten wird zur überlebensgroßen Bedrohung.

Kritik: Die Inhaltsangabe ist mal wieder Kappes, weil sie den Leser in eine gänzliche falsche Richtung lenkt. Und Verwirrung stiften gehört in meinen Augen nicht zur Aufgabe einer Synopsis. Ich ergänze daher: Das Problem ist Toms Papa selbst, der nachts nicht schläft, die Bilder seiner Ex zerkratzt, verdächtig viele Medikamente schluckt und überzeugt ist, dass sein jüngster Sohn telepathische Kräfte besitzt. Nicht die Familie ist in Gefahr - die Familie IST die Gefahr...

Somit ist "Into the forest" auch weniger Horrorfilm und mehr die Studie des Zerfalls einer Familie. Aus den Augen des kleinen Jungen wird beobachtet, wie der Vater mehr und mehr abdriftet, in schizophrenen Schüben den Kontakt zur Realität und damit seinen Söhnen verliert. Es ist ein schmerzhafter Prozess, denn wir verstehen erheblich früher als Tom und Ben, was passiert.

into the forest

Seine Spannung bezieht "Into the Forest" primär daraus, dass der Vater seine Söhne parallel zu deren Erkenntnissen immer weiter aus der Zivilisation heraus nimmt. Je mehr sie verstehen, dass etwas schief läuft, desto geringer werden ihre Chancen, sich der Situation zu entziehen.

Gut erzählt, gut gespielt - aber man muss schon ein Faible für langsam erzählte Dramen haben. Die Gorehounds und Phantastik-Fans kommen hier nicht auf ihre Kosten. Den Bereich Mystery bedient der Film auch nur in dem etwas vagen Ende, das sich trefflich diskutieren lässt - wer ist der verunstaltete Mann? Ich habe meine eigene Theorie, möchte aber nichts spoilern.

gelbFazit: Sehr gemächlich und aus Kindersicht erzähltes Drama über den Bruch im Urvertrauen von Vater und Sohn, über die Distanz, die eine psychische Krankheit innerhalb der Familie schaffen kann. Nicht ansatzweise so dröge, wie es klingt - aber ein Burner ist der Film auch nicht.

Philipp meint: Langsam erzähltes, auf den Kern reduziertes Drama. Kann man so machen.

Kein Poster, kein Trailer - was ist das denn für eine Scheiße? Na ja, wenigstens ein Interview zum Film mit dem Regisseur - auf französisch:

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26
August 2016

Wortvogel-Geburtstag: 10 years and a movie!

Es war schon gestern, aber ich war anderweitig beschäftigt. Außerdem werde ich das jetzt nicht groß aufplustern, weil der Wortvogel nächste Woche mit einem größeren Wortbeitrag in den Winterschlaf gehen wird.

Dennoch: Gestern vor zehn Jahren habe ich meinen ersten Blogbeitrag online gestellt.

Zehn Jahre. Zehn unglaubliche, verdammte, verrückte, schwere, spannende, (gewünschtes Adjektiv hier), zehrende, nährende Jahre.

Hätte ich mir das jemals vorstellen können? Ohne Arroganz: durchaus. Ich habe den Blog nicht gestartet, um nach sechs Monaten die Lust zu verlieren. Und so ein Outlet hatte ich mir immer schon gewünscht.

Aber eure Resonanz, eure Beteiligung und eure Meinungsstärke haben mich umgeworfen und... ja, auch entzückt. Ob die Diskussionen hart aber fair oder auch mal säbelrasselnd verliefen, es war immer ein echter Kick. Klar, ohne mich gäbe es den Wortvogel nicht - aber ohne euch auch nicht.

Ihr habt einige meiner Filmpremieren (und die zugehörigen Kontroversen) miterlebt, meine vielen Beiträge für Hyperland, die Video-Reports vom DOK.Leipzig, ein paar Romane, das neuste Sachbuch, meine Arbeit für die LandIdee, meinen Umzug zur Liebes Land. Mittlerweile habe ich fast 200 Reportagen für die Magazine geschrieben. Seit zehn Jahren bespreche ich das Fantasy Filmfest, mit den White Nights am Ende des Jahres sollte ich die 400 Filme-Marke knacken. Ihr wart mit mir in England, Südafrika, Amerika, Tschechien, Österreich, Spanien, Italien, der Türkei und Irland.

Nicht zehn Jahre - die ersten zehn Jahre.

Oder anders gesagt:

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Bed of the Dead

Bed of the Dead

bed of the dead-posterKanada 2016. Regie: Jeff Maher. Darsteller: Colin Price, Alysa King, Gwenlyn Cumyn, Dennis Andres, George Krissa, Hamza Fouad

Offizielle Synopsis: Vier Freunde erhoffen sich eine heiße Nacht im kinky Burlesque Club, als sie dort ein Zimmer für ihre Orgie buchen. Nur entwickelt das antike Bett, auf dem die Party steigen soll, ein höllisches Eigenleben. So sitzen Ren, Fred, Sandy und Nancy entsetzt auf zwei mal zwei Metern Matratze fest – dahinter, davor, daneben und darunter lauert der Tod.

Kritik: Es sollte mittlerweile bekannt sein, dass ich sehr unbeleckt in die Filme gehe. Die Reviews stelle ich vorab blind zusammen, kopiere die Inhalts- und Stabangaben, ohne sie zu lesen. Zum Start des Films weiß ich selten mehr als den Titel und das Herkunftsland, manchmal (dank des Szenenfotos) einen Darsteller oder zwei. Das sorgt für Unvoreingenommenheit und verhindert überzogene Erwartungen.

Es gibt natürlich eine Kehrseite: Manchmal freue ich mich auf einen Film und ahne beim Vorspann schon: "DER hat den gemacht? Uh oh, das verheißt nichts Gutes". So sieht "Bed of the Dead" dem Konzept und dem Poster nach wie ein solider B-Horrorfilm aus, der eigentlich als "Death Bed" besser fahren würde, wenn dieser Titel nicht schon an zwei andere Filme vergeben gewesen wäre. Aber die Erkenntnis, dass hier ein paar Crewmitglieder des verunglückten Cronenberg-Ripoffs "Bite" am Werk sind, lässt das Herz in die Hose rutschen.

Und tatsächlich: "Bed of the Dead" ist das, wofür man früher den Begriff "schlock cinema" verwendet hat. Eine dubiose Grundidee, die mehr den finanziellen Beschränkungen (ein Zimmer, ein Bett) der Macher folgt als der kreativen Potenz, ein paar mäßig begabte Knallchargen, ein paar Eimer Kunstblut. Was es an Story, Charakteren und Dialogen braucht, wird eigentlich nur zwischen den begrenzten Möglichkeiten aufgefüllt wie Sand zwischen Pflastersteinen.

Hier stimmt wirklich gar nichts: Weder glauben wir, dass diese vier Menschen zwei Paare sein können, so offensichtlich ist ihre Abneigung. Noch weniger glauben wir, dass die zynische und emanzipierte Sandy allen Ernstes mit ihrem speckigen Boyfriend in einen Bumsclub gehen würde - den ich als Konzept lachhaft finde. Entweder haben die Macher des Films in ihrem Leben keinen Club gesehen oder sie haben sich gedacht: "Wir haben nun mal nur dieses Set, das aussieht wie aus einem viktorianischen Dracula-Film - dann ist das eben jetzt ein Bumsclub!"

bed of the dead

Bevor sich einige Herren der Schöpfung nun begeistert die Hände warm reiben - wie üblich bei dieser Sorte Film ist Gewalt kein Problem, Sex aber schon. Und darum darf in diesem Bumsclub gerade mal eine Statistin für eine Sekunde topless an der Kamera vorbei laufen. Das muss reichen. Sorry.

Ist schon das Setup komplett Banane, wird es fortschreitend nicht besser: Wie in "Bite" verhalten sich alle Personen in jedem Augenblick komplett irrational, weil das zusammen gefaselte Drehbuch sonst mit der Geschichte nicht voran käme. Nach dem ersten Todesfall trauen sich die Überlebenden nicht mehr vom Bett - auch wenn an keiner Stelle etabliert wurde, dass genau darin die Gefahr liegen könnte. Warum das Bett, das seine Opfer blutig meucheln möchte, dieses nicht kann, wenn die Opfer GENAU DARAUF SITZEN, ist ebenso einfach mal der dramaturgischen Notwendigkeit geschuldet. Und obwohl sämtliche Charaktere wissen, dass das Bett sie mit Visionen foppen will, fallen sie noch williger drauf rein als die Besatzung der "Quest" (Bonusverweis für die echten Geeks).

Weil der Plot bestenfalls für 20 Minuten Laufzeit reichen würde, wird eine Parallelhandlung aufgebaut - zwei Stunden später versucht ein verlotterter Cop, die Ereignisse im herunter gebrannten Zimmer zu rekonstruieren. Was im ersten Moment redundant und zeitschindend wirkt, führt letztlich zur einzigen guten Idee von "Bed of the Dead" - die komplett bei "Frequency" geklaut ist und so schlecht umgesetzt wird, dass man unterstellen darf, dass die Macher sich nur vage an die Vorlage erinnern konnten.

Ich war eine Weile lang unsicher, ob ich hier einen B-Schundfilm ungerecht abqualifziere, weil ich mehr verlange, als die Macher beabsichtigt haben. Oder ob ich nicht stärker werten sollte, dass es wenigstens nicht um Zombies oder Serienkiller geht. Schließlich habe ich auch Gruselstücken wie "Hybrid" und "Ghostmaker" Gnade walten lassen, weil sie im begrenzten Rahmen ihr Ziel erreichen.

Aber "Bed of the Dead" erreicht das Ziel eben nicht, er reißt die niedrig gelegte Messlatte. Man ärgert sich permanent über die strunzdummen Figuren, die willkürlichen Wendungen und die extrem blassen Darsteller mit ihren zu offensichtlich auswendig gelernten Monologen.

rotFazit: Ein schon konzeptionell sehr dünner Film versucht sich mit allerlei Flashbacks, Visionen und Zeitverschiebungen irgendwie über 85 Minuten zu retten, kann aber trotz tapferen Splattereinsatzes die völlige Beliebigkeit von Szenen, Figuren und Dialogen nicht auffangen. Billiges Schockerkino auf einer rappeligen Achterbahn.

Philipp meint: Macht aus seiner Zeitverknüpfungsidee zu wenig, um über die allgemeinen Schwächen hinwegzutrösten.

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26
August 2016

Fantasy Filmfest 2016: Trash Fire

Trash Fire

trash fire posterUSA 2016. Regie: Richard Bates Jr. Darsteller: Adrian Grenier, Angela Trimbur, Fionnula Flanagan, AnnaLynne McCord, Matthew Gray Gubler, Sally Kirkland

Offizielle Synopsis: Isabel hat mit ihrem Partner Owen einen ganz besonderen Fang gemacht. Wenn der Bulimiker nicht gerade seine Psychiaterin in den Schlaf quatscht, beschimpft er Isabels Freunde und stößt ihren Bruder vor den Kopf. Von seinen eigenen Angehörigen will Owen schon seit Jahren nichts mehr wissen. Doch da hat der Zyniker die Rechnung ohne die resolute Isabel gemacht! Um ihre Beziehung zu retten, muss eine Familienaussöhnung her. Sie konnte ja nicht ahnen, dass Owen noch der sozial kompatibelste Spross der Sippe ist. Die Eltern sind einst bei einem Hausbrand ums Leben gekommen, die von den Flammen gezeichnete Schwester Pearl ist schwer traumatisiert. Auch nicht gerade als Sonnenschein erweist sich Großmutter Violet, eine im religiösen Wahn gefangene Furie, die die Besucher aus der Großstadt mit dem Schrotgewehr begrüßt.

Kritik: Richard Bates jr. scheint ein Interesse zu haben, ein FFF-Veteran zu werden. Seit vier Jahren liefert er zuverlässig im Zwei Jahres-Takt einen Genrefilm ab. 2012 begeisterte er das Publikum mit dem Teenager-Ekelfilm "Excision", 2014 fuhr er mit "Suburban Gothic" deutlich softer. Und nun kommt "Trash Fire". Hat sich der Mann positiv weiter entwickelt?

Zuerst einmal fällt auf, dass Bates sich wieder ein eigenes Universum gebaut hat, das mit unserem nur oberflächliche Ähnlichkeiten aufweist. Die Menschen sind so überzeichnet und für den gewünschten Konflikt definiert, die Beziehungen so jenseits von Gut und Böse, dass der Vorwurf, die daraus resultierenden Szenen und Dialoge seien unrealistisch, ins Leere läuft. Bates immunisiert damit seine Extreme - kann man machen, finde ich als Autor persönlich aber faul und durchschaubar. Letztlich ist das ein Problem vieler aktueller junger Hollywoodautoren (siehe auch "Happy Birthday" und "War on everyone"): Ihnen ist entweder das Gespür und das Gehör für echte Menschen abhanden gekommen - oder echte Menschen interessieren sie nicht. Das ist nur leider in dem Augenblick ein Problem, in dem man sich als Zuschauer mit seinem Protagonisten identifizieren will.

trash fire

Ich hatte eigentlich gehofft, Bates würde sich in dieser Beziehung weiterentwickeln, würde eine etwas stimmigere Figurenkonstellation bauen - aber nein. "Trash Fire" (ein letztlich sinnloser Titel) ist ein deutlicher Rückschritt, weil er zwar die gleichen Exzentrismen reitet wie "Excision", das aber in einem deutlich begrenzteren Umfeld, mit weniger spannenden Figuren und einer reduzierteren Bildsprache. Er wirkt, als hätte man versehentlich die Reihenfolge umgedreht: "Trash Fire" wäre als Erstling plausibler gewesen, dem "Excision" als reiferes Werk nachfolgt.

Es hat bestenfalls voyeuristischen Schauwert, den vier Figuren dabei zu zu schauen, wie sie sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen, statt einfach auseinander zu gehen. Befeuert wird die Narrative von der bigotten Großmutter Violet, der die (erneut) großartige Fionnula Flanagan allerdings auch keine neuen Seiten jenseits von "religiöse Furie" abgewinnen kann.

Weil die Figuren letztlich keinen plausiblen Klebstoff haben, der sie aneinander bindet, ist es frustrierend konsequent, dass Bates statt eines erzählten Endes die Handlung bei Erreichen der notwendigen Laufzeit an einer willkürlichen Stelle mit einer Schrotflinte beendet.

rotFazit: Ein frustrierend selbstverliebter und zynischer Filme ohne wirklichen Kern, der in wenigen gelungenen Szenen und Dialogen zeigt, dass Bates sich deutlich mehr auf Comedy als auf Psychoterror konzentrieren sollte.

Philipp meint: Solide, aber nichts besonderes - und gegenüber "Excision" ein eindeutiger Rückschritt. Aber eine grandiose Eröffnungsszene, die als eigener Superkurzfilm funktionieren würde.

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