9
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (49): Cat Run 2

Ich schummle jetzt einfach ein bisschen, um auf die 50 zu kommen. “Cat Run 2″ lief gar nicht auf dem FFF 2014. Hätte er aber sollen. Weil der Vorgänger beim FFF 2011 eine echte Überraschung war und das Sequel somit Priorität haben sollte. Zusammen mit dem zweiten, falschen “Beneath” bin ich damit auf 50. Weil ich “Cannibal” echt nicht mehr schaffe – der ist furchtbar lang und soll furchtbar langweilig sein. Nehmt’s gnädig hin und lasst mich ausschlafen.

cat-run-2-2014-sat-thu-meo-hoang-2-1409458477USA 2014. Regie: John Stockwell. Darsteller: Scott Mechlowicz, Alphonso McAuley, Winter Ave Zoli, Kamille Leai, Vanessa Branch u.a.

Die Detektei von Anthony und Julian läuft nicht gut, Anthony möchte sowieso lieber Chefkoch werden – da trifft es sich gut, dass sein Kumpel ihn bei einem TV-Wettkochen in New Orleans angemeldet hat. Im Big Easy erwartet die beiden Freunde ein bizarrer Fall: Nackte osteuropäische Nutten haben versucht, in einem Armeestützpunkt wichtige Pläne für einen Supersoldaten-Anzug zu klauen, der dann an einen internationalen Waffenhändler verhökert werden soll. Anthony kommt bei seinen Ermittlungen der schönen Tatiana näher, als ihm lieb sein kann…

Kritik: Ich mache es kurz – so ziemlich alles, was “Cat Run” richtig machte, vergeigt der Nachfolger. Es ist mir ein Rätsel, wieso man des Sequel von Erstlingsautoren hat schreiben lassen, die augenscheinlich des Appeal des Originals nicht verstanden haben.

New Orleans ist deutlich unspannender als das südosteuropäische Setting des Erstlings, weil es für unsere Helden nur sehr bedingt ein unbekanntes Feld ist. Die “fish out of water”-Elemente fehlen, zumal die angedeuteten kulturellen Unterschiede letztlich nicht bedient werden.

Die amüsanten Nebenfiguren fehlen. D.L. Hughley, Paz Vega und vor allem die großartige Janet McTeer glänzen durch Abwesenheit – der Film gibt sich praktisch keine Mühe, an das Ende des Originals anzuschließen, auch wenn es zumindest im Dialog mal aufgegriffen wird. Tatiana und der “Wolf” sind kein Ersatz, bleiben so blass, dass ich die Darstellerinnen von Szene zu Szene immer mal wieder verwechselt habe.

Die Action ist zwar wieder viel und schnell, aber auch hirnrissig und überzogen. Wo der Erstling stark auf hausgemachte Ballereien und gute Choreographie setzte, sind die Fights in “Cat Run 2″ künstlich beschleunigt und bei der Hardware regiert die CGI.

Die Chemie zwischen Anthony und Julian ist diesmal nur behauptet, die meisten Gags zünden nicht und die Subplots ergänzen nicht die Handlung, sondern stören nur.

Was das Finale angeht, bin ich mir unsicher: Dass Anthony und Julian gar nichts mit dem “boss fight” zu tun haben, ist ein absolutes no go. Und die Inszenierung ist so erbärmlich wie die Computergrafik zweitklassig ist. Andererseits: Es ist ein weiblicher “Iron Man vs. Universal Soldier”-Fight. Scheiße hin oder her, es fasziniert.

mitteFazit: Ein völlig unausgegorener Mischmasch aus Genreelementen ohne Zusammenhalt, der die hyperaktive Action des Vorgängers nachäfft, aber nie erreicht. Cast und Regie können nicht retten, was das Drehbuch vergeigt. Einzig das hohe Tempo und der Comic-Stil retten “Cat Run 2″ ins Mittelmaß.

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P.S.: Ähnlich wie bei “Nurse 3D” bin ich gespannt, ob für die internationalen Märkte verschiedene Fassungen erstellt wurden, denn in der ersten Viertelstunde fährt “Cat Run 2″ so massiv “full female frontal nudity” auf, dass es kracht.

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9
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (48): Blue Ruin

blue ruin

USA 2013. Regie: Jeremy Saulnier. Darsteller: Macon Blair, Devin Ratray, Amy Hargreaves, Bonnie Johnson, Brent Werzner, Kevin Kolack, Daniel L. Kelly, David W. Thompson, Eve Plumb

Offizielle SynopsisNach einem traumatischen Doppelmord lebt Dwight seit Jahren am Rande der Gesellschaft – ein zerzauster, verwahrloster Landstreicher, unsichtbar für die meisten Menschen, allein mit sich selbst und seinen Rachegedanken im Schutze eines rostigen blauen Pontiac. Als eines Tages der für das damalige Verbrechen verurteilte Wade Cleland aus dem Gefängnis entlassen wird, schlägt Dwights Stunde. Bewaffnet und zu allem entschlossen sucht er nach dem Mörder, doch auf seinem Kreuzweg ist die Konfrontation mit Wade nur der Beginn einer unfassbaren Tortur – ein Abstieg in die Tiefen einer Hölle, aus der es kein Zurück mehr gibt. Ohne es zu wollen, entfesselt Dwight einen Krieg, der keine Sieger kennt.

Kritik: Mein Kumpel William aus San Francisco meinte, dieser Film wäre gut beleumundet. Darum habe ich ihn mir bis zum Schluss aufgehoben.

Strukturell folgt “Blue Ruin” dem Revenge-Muster: Dwights Leben wurde zerstört, als Verbrecher seine Eltern ermordeten. Nach 20 Jahren wird der Gangster entlassen, Dwight zieht zuerst gegen ihn, dann gegen seine nicht minder skrupellose Familie zu Felde.

Aber es wird auch von Anfang an klar, dass Dwight kein brütender Racheengel ist, sondern ein von der Gesellschaft abgekoppelter Sonderling, dessen singuläres Bedürfnis nach Vergeltung nichts mit dem Wunsch nach Gerechtigkeit zu tun hat. Er ist in rein alttestamentarischer Mission unterwegs – auch wenn er keine Ahnung hat, wie er das anstellen soll. Seine Versuche, sich eine Waffe zu besorgen und seine Gegner zu besiegen, sind unbeholfen, peinlich und mitleiderregend. Es ist nur einer bizarren Menge an Glück zu verdanken, dass er nicht augenblicklich scheitert. Dwight ist nicht Held oder Antiheld – nur ein Loser.

Dwight hat seinen Feldzug zudem nicht durchdacht – mit der Ermordung des Gangsters zieht er seine eigene Familie in die Angelegenheit hinein, denn das “Auge um Auge” wird nun in den erweiterten Kreis getragen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, die Spirale wird zum Schneeball. Wenn Dwight “Two of mine, two of yours – let’s leave it at that” vorschlägt, ist es eher eine verzweifelte Bitte als eine Eastwood-eske Aufrechnung.

Das alles erzählt Saulnier langsam, aber mit einer spannenden und erschütternden Zwangsläufigkeit. Wie der Gaffer beim Unfall auf der Autobahn will man sehen, wie weit sich Dwight in die Scheiße reiten kann – und ob es für ihn überhaupt eine Chance auf Überleben gibt.

Somit überzeugt “Blue Ruin” als sorgfältig erzählter Thriller ebenso wie als Meta-Meditation über Filmgewalt und die Emotionen, die sie auslöst.

hochFazit: Ein Revenge-Thriller ohne schlechten Nachgeschmack, der die Selbstjustiz als leere Gewalt sozial verwirrter Außenseiter brandmarkt. Kampf ohne Katharsis, die geschickt die Eleganz der Actionästhetik unterläuft.

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P.S.: Ich habe zugegebenermaßen die Dominanz der Farbe Blau in Dwights Leben nicht verstanden. Kann jemand aushelfen?

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7
September 2014

Harter Deckel für harte Kerle

Ich bin vom Fantasy Filmfest zurück und arbeite gerade meine immerhin 25. Teilnahme (ununterbrochen seit 1990) statistisch auf. Da kommen noch ein paar interessante Beiträge auf euch zu, die zum Stöbern einladen.

Während ich in Berlin weilte, kam in Speyer ein lang erwartetes Päckchen für mich an – das Charles Band-Buch, das ich betreut und teilweise geschrieben habe, ist angesichts guter Verkaufszahlen in England nun auch als von Charles Band signiertes Hardcover erhältlich:

Empire-Promoted

Ich hab mein Sammlerstück schon, hurra:

hardcSollte jemand von euch mit dem Gedanken spielen, sich diese signierte Edition zu zu legen, der kann sie auch direkt an mich schicken lassen – dann unterschreibe ich ebenfalls und schicke sie weiter.

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6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (47): The House at the End of Time

The House at the end of timeVenezuela 2013. Regie: Alejandro Hidalgo. Darsteller: Ruddy Rodriguez, Gonzalo Cubero, Rosmel Bustamante, Guillermo Garcia

Offizielle Synopsis: Seit Dulce, die Mutter zweier Kinder, mit ihrem Mann in das geheimnisumwitterte, alte Kolonialhauses irgendwo in Venezuela gezogen ist, geschehen dort seltsame Dinge. So wie es sich für Spukhäuser gehört. Eines Tages findet sie ihren Mann erstochen auf und als kurz darauf ihr kleiner Sohn Leopoldo von dem finsteren Kellergewölbe regelrecht verschluckt wird, hat sie bei der Polizei ein Glaubwürdigkeitsproblem. Was ihr jahrzehntelange Haft einbringt, die sie unschuldig verbüßt. Und sie schließlich mit der unerschütterlichen Absicht in das Gemäuer zurückkehren lässt, dessen Rätsel endgültig zu lösen. Noch kann sie nicht ahnen, wie sich ihr Schicksal erfüllen wird an diesem rätselhaften Ort – dem Haus, das Anfang und Ende vereint.

Kritik: Ich habe dieses Jahr irgendwie einen Overkill an Spukhausfilmen. Das Thema ist einfach nicht totzukriegen (pun intended). Nach zwei Beiträgen aus den USA und einem aus Neuseeland gibt sich nun Venezuela die Ehre – ein Land, das nicht gerade für seine blühende Filmindustrie bekannt ist (Vellywood?). Aber genau wegen solcher Außenseiter gehe ich (unter anderem) auf das FFF, also Ceylon-Tee auspacken, Leberkäs-Semmel bereit legen und „Film ab!“…

„The House at the End of Time“ lebt von seiner Struktur, der Art, wie er Gegenwart und Vergangenheit über Flashbacks zusammen bringt, bis sie sich ergänzen, schließlich sogar beeinflussen. Dulce war immer da, wird immer da sein – ist damit omnipräsent. Sie ist der Fokus des Geschehens, auch wenn sie als Protagonistin wenig taugt. Sie hat Angst, ist vom Leben ausgelaugt, schweigsam und mürrisch. Für sie Sympathie aufzubauen, sei es in der Gegenwart oder in den Flashbacks, fällt vergleichsweise schwer.

Es tut mir leid, wenn ich sehr vage klinge, aber es ist ausnehmend schwer, den Film zu erklären oder zu bewerten, ohne zuviel zu verraten. Denn das Geheimnis von “The House at the End of Time“ geht weit über die Frage hinaus, was im Haus spukt. Vom Prolog an fragen wir uns, wer hier eigentlich wem etwas will. Jeder ist verdächtig und doch gleichzeitig ein Opfer. Das macht den Reiz aus, vor allem, wenn am Schluss langsam alles zusammen findet.

Ich will mich jetzt nicht weiter in wolkigen Analysen ergehen. Inhaltlich ist “The House at the End of Time“ durchaus potent, präsentiert eine Spukgeschichte, die wir so noch nie gesehen haben – und deren Ende so stimmig wie befriedigend ist. Das Finale ist es auch, dass Dulce als Protagonistin rechtfertigt, wenn auch etwas spät.

Technisch hat “The House at the End of Time“ allerdings so seine Probleme: Trotz der relativ straffen und mehrschichtigen Struktur sind viele Szenen lähmend langsam, verbringen die Figuren anödend viel Zeit damit, in Türen und dunkle Gänge zu starren. Es ist ein freudloser Film, dessen Figuren nicht mit tatsächlichem Antrieb ausgestattet sind, sondern erst aus leerer Verzweiflung in die Gänge kommen. Alle schauen ständig drein wie auf einer Beerdigung und die Hauptemotion, die “The House at the End of Time“ transportiert, ist Depression. Wirkliche Begeisterung kann da auch im Zuschauerraum nicht ausbrechen.

Angesichts der zähen Vorgänge auf der Leinwand ist die Bewunderung, die man für die raffinierte Geschichte aufbringt, denn auch eher intellektueller Natur.

mitteFazit: Ein müder, trister Geisterhausfilm, dem die sympathischen Figuren abgehen – was letztlich schade ist, weil die Grundidee spannend ist und souverän aufgelöst wird. Ein geeigneter Kandidat für ein US-Remake mit etwas mehr Fokus auf dem Entertainment.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (46): We gotta get out of this place

we gotta get out of this placeUSA 2013. Regie: Simon & Zeke Hawkins. Darsteller: Ashley Adams, Mackenzie Davis, Logan Huffman, Jeremy Allen White, Jon Gries, William Devane, Mark Pellegrino

Offizielle Synopsis: Windkraftanlagen scheinen das Einzige zu sein, was sich im texanischen Flachland bewegt. Staubige Straßen, hässliche Häuser, dazwischen ragen kümmerliche Palmen wie Klobürsten aus der spärlich bewohnten Gegend. Sue und Billy hoffen auf eine bessere Zukunft am College, deswegen überredet sie ihr Freund B.J. noch ein letztes mal einen draufzumachen. Er hat gerade den Safe seines Chefs ausgeräumt, was Sue und Billy natürlich erst später erfahren, als der wütende Boss seinen Revolver sprechen lässt und ein unschuldiger Mexikaner dran glauben muss. Um das Geld  zurückzuzahlen, sollen die drei Freunde nun den Chef vom Chef beklauen und geraten tief in den sumpfigen Mief der lokalen Mafia.

Kritik: Noch ein Südstaaten-Krimistück. Diesmal eingepackt in die Geschichte einer Freundschaft, die an der Grenze zum Erwachsensein zerbricht. Das Verbrechen ist dabei nur ein Katalysator, der beschleunigt, was sowieso nicht aufzuhalten ist.

Letztlich geht es nicht um viel: Sue, Billy und BJ sind auf dem Sprung aus dem Kuhkaff heraus, haben ein letztes Mal Scheiße gebaut, müssen für den Kleinstadtgauner Gif nun einen „Job“ erledigen, der verdächtig einfach klingt. Aber wie Sue bei Jim Thompson gelernt hat: „Nichts ist so, wie es scheint“. Der Job ist nicht so einfach, wie er scheint, BJ nicht so loyal, wie er scheint – und die Beziehung von Sue und Billy ist sowieso von Unausgesprochenem und Unerfüllbarem geprägt. Es ist die Mischung aus kleinen Lügen und banalen Geheimnissen, die zu einer Katastrophe führen werden.

So etwas kann ganz schnell schief gehen, wenn man bei den Charakteren nur auf Klischees und bei den Dialogen nur auf Banalitäten zurückgreifen kann. Das ist hier glücklicherweise nicht der Fall.

Ich kann euch nicht sagen, wie erfrischend es ist, nach einem Rotz wie „Extraterrestrial“ und „Rufus“ mal wieder einen FIlm zu sehen, der seine jugendlichen Charaktere mit Leben füllen kann. Sue, Billy und BJ sind Alltagsgeschöpfe einer trostlosen Gegend und nicht billige Dekoration. In Zeichnung und Darstellung sind sie so präzise, dass man ihnen ansieht, woher sie kommen und wo sie in fünf Jahren sein werden – ohne dass der Film es zeigen müsste. Wir verstehen, warum sie befreundet sind, was sie aneinander bindet – und was sie letztlich auseinander treibt. Die Dynamiken sind zu 100 Prozent plausibel.

Es ist eine Sache, Figuren gut zu schreiben – eine andere, dann auch noch die perfekten Darsteller für sie zu finden. Die Hawkins-Brüder setzen ganz auf sympathisch ungelackte 70er Jahre-Gesichter, die trotz der Jugend schon geprägt sind, reif und verloren zugleich.

Angesichts die gut beobachteten Figuren und Situationen verzeiht man dem Film auch, dass er letztlich nicht wirklich knallt und am Schluss genau den Twist verweigert, den man eigentlich erwarten durfte. Bonuspunkt allerdings für Szene beim Sheriff, die ist eine wunderbar Miniatur und sollte dem Drehbuchnachwuchs mal als Beispiel dienen, wie man „um den heißen Brei reden“ zu einer Kunst macht.

hochFazit: Ein fast schon intimer Film, der sich für die Spannungen in der kleinen Gruppe interessiert und weniger für das Verbrechen, das begangen werden soll – was tatsächlich funktioniert, weil die Hawkins-Brüder mit Hilfe ihrer Darsteller und dem Drehbuch von Dutch Southern sehr präzise und glaubwürdige Figuren zeichnen.

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6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (45): Among the Living

Aux-yeux-des-vivants-posterFrankreich 2014. Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury. Darsteller: Anne Marivin, Béatrice Dalle, Chloé Coulloud, Damien Ferdel, Fabien Jegoudez, Francis Renaud, Nicolas Giraud, Sidwell Weber, Théo Fernandez, Zacharie Chasseriaud

Offizielle Synopsis: Der letzte Sommertag vor den Ferien. Eigentlich wartet nun draußen vor dem Fenster das große Abenteuer auf Victor, Dan und Tom – zu dumm, dass die drei Freunde nicht gerade Musterschüler sind und ausgerechnet heute nachsitzen müssen. Flugs wird jedoch ein Fluchtplan geschmiedet, und nur wenig später sind die Jungs unterwegs über sonnenheiße Wiesen und Felder, hin zu dem alten verfallenen Studiogelände, dessen marode Attraktionen einen aufregenden Nachmittag versprechen. Ihr unbeschwertes Spiel findet ein jähes Ende, als die Drei plötzlich zu Zeugen eines grausamen Verbrechens werden. Im Schatten der verlassenen Bauten lauert etwas unsagbar Böses, ein unheimliches Phantom, das den Jungs auf ihrer panischen Flucht bis nach Hause folgt. Und hier erst, im vermeintlichen Schutz ihrer Familien, beginnt mit Einbruch der Nacht für Kinder und Eltern ein blutiger Kampf ums Überleben …

Kritik: Ich muss gestehen, dass ich im Subgenre “Französischer Terrorfilm” nicht sonderlich “drin” bin. Es ist mir zwar durchaus zu Ohren gekommen, dass aus unserem Nachbarland in den letzten Jahren ein paar beinharte Folterthriller gekommen sind, aber wirklich beschäftigt habe ich mich damit nie. Es ist ja bekannt, dass ich es mit Streifen in denen Leute mit sadistischer Freude gequält werden, nicht so habe.

Darum konnte ich “Among the Living” auch relativ “frisch” sehen, ohne ihn mit den Vorgängern vom gleichen Team, “Livid” und “Inside”, zu vergleichen. Zu dem Thema gab es nach der Vorstellung auch lebhafte Diskussionen.

Dass die Regisseure ihr Handwerk verstehen, daran besteht kein Zweifel: “Among the living” erzählt ebenso kompetent eine Coming of Age-Geschichte wie eine brutale “Home Invasion”, spielt mit Elementen von “Texas Chainsaw Massacre” und “Stand by me”, wechselt flüssig von “Die Drei Fragezeichen und das Geheimnis der verlassenen Westernstadt” zu “High Tension”.

Das ist aber auch leider das Problem: Während die Elemente für sich genommen funktionieren, greifen sie leider nicht ineinander. Statt EINE Coming of Age-Geschichte oder EINEN Home Invasion-Thriller zu drehen, wollen Bustillo und Maury alles in einem Kochtopf verrühren. Und das kann nicht funktionieren.

Schauen wir uns dazu nur mal kurz den Ablauf des Films an:

1) Brutales Intro der Antagonisten
2) “Stand by me”-Einführung der drei Schuljungen
3) “Die drei Fragezeichen und das Geheimnis der verlassenen Westernstadt”
4) “Home Invasion” (drei Episoden)
5) “Texas Chainsaw Massacre”, “The Hills have eyes”

Das ist zuviel und in den einzelnen Elementen dann doch wieder zu wenig.

Hinzu kommt, dass Monsterkind Klarence keine wirklich glaubwürdige Kreation ist. Seine Herkunft wird geradezu absurd unglaubwürdig transportiert und seine Kräfte sind ebenso fragwürdig wie überzogen, was “Among the living” fast schon ins nächste Genre “okkulter Killer” schubst. Irgendwann geht dann auch dem geduldigsten Zuschauer die Lust am Richtungswechsel aus.

Nun sollte man einem Film nicht vorwerfen, dass er zuviel will – es gibt mehr als genug Filme auf dem FFF, die zuwenig wollen und selbst daran scheitern. Aber letztlich wirkt “Among the living” bei aller handwerklichen Expertise einfach nicht homogen und torpediert sich damit selbst.

mitteFazit: Ein exzellent inszenierter und mit potenten Schocks ausgestatteter Hardcore-Thriller, der sich aber weder für ein Subgenre noch für ein Suspenselevel entscheiden kann und letztlich an den tonalen Diskrepanzen leidet.

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6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (44): Housebound

HB POSTER FINAL_BLEED_3Neuseeland 2014. Regie: Gerard Johnstone. Darsteller: Morgana O’Reilly, Rima Te Wiata, Glen-Paul Waru, Cameron Rhodes

Offizielle Synopsis: Kylie kann das augenscheinlich verfluchte Haus ihrer Mutter leider nicht verlassen, da ein Richter sie zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verdonnert hat. Der Grund dafür ist der misslungene Versuch, einen Geldautomaten zu knacken. Übler gestraft als mit Einzelhaft sitzt sie nun also wieder in ihrem alten Kinderzimmer fest, wird tagsüber von ihrer nörgelnden Mutter und einem schleimigen Seelenklempner traktiert, während ihr nachts unerklärliche Ereignisse den Schlaf rauben. Könnten Kylies entnervte Blicke töten, wäre hier bereits nach 20 Minuten niemand mehr am Leben.

Kritik: “Housebound” ist ein schönes Beispiel, dass letztlich alles wiederkommt. Der Erwachsene, der widerwillig wieder bei den nervigen Eltern ins verspukte Haus einziehen muss? Hatten wir vorgestern erst in “Surburban Gothic”. Die elektronische Fußfessel, die verhindert, dass die Protagonistin vor den Geistern fliehen kann? War auch schon der Aufhänger von “100 Feet” 2008.

Ich hatte zu “Suburban Gothic” ja geschrieben, dass der Film sich im Zweifelsfall für softe Comedy statt für harten Terror entscheidet. “Housebound” ist hingegen wild entschlossen, sich auf keinen Kompromiss einzulassen und beide Genres gleichwertig zu bedienen. Das ist gar nicht so einfach, denn eine überzogene Figur, über die wir lachen können, muss gleichzeitig realistisch genug sein, dass wir uns um sie Sorgen machen.

Und das gelingt. Prächtig sogar.

Schon die Ausgangssituation ist ein Highlight: Kylie hat die Rebellion der Pubertät gegen ihr spießiges Elternhaus ins Erwachsenenleben gerettet – und ist “am System” gescheitert. Und am eigenen kriminellen Unvermögen. Hausarrest daheim ist für sie schlimmer als jeder Knast, denn der Stiefvater ist ein tumber Eigenbrötler und die Mutter eine plappernde Nervensäge. Mehr noch: Kylie muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, den Wurzeln ihres aktuellen Dilemmas. Damit sind die Grundkonflikte vorprogrammiert – und Regisseur Johnstone melkt sie, bis es im Euter nur noch trocken raschelt.

Während “Suburban Gothic” sich damit begnügt, die Klischee des Geisterfilms abzuhaken (vergangenes Unrecht, symbolischer Gegenstand, Seelenfrieden), schläft “Housebound” einen Haken nach dem anderen, lässt seine Protagonisten falsche Schlüsse ziehen und neue Hinweise finden. Während viele Filme auf dem FFF ihre 100+ Laufzeiten durchaus um 10 bis 20 Minute hätten rasieren können, tragen Witz und Einfallsreichtum “Housebound” tatsächlich locker über 109.

Ganz elementar ist dabei, dass auch die Gruselatmosphäre und die Schockeffekte sitzen. Natürlich verhindert die Auflockerung durch Humor und Slapstick, dass durchgehende Spannung wie bei “Let us prey” entsteht, aber wenn “Housebound” die Küchenmesser auspackt, dann haben wir Angst um Kylie und ihre Mutter – und so mancher “Buh!”-Effekt funktioniert besser, als man sich eingestehen möchte.

Schön, auf der Zielgeraden des Festivals noch mal so eine Perle zu entdecken.

hochFazit: Eine außerordentlich witzige, einfallsreiche und gut gefilmte Horror-Comedy, die bei der Balance vom Gags und Grusel nie einen falschen Schritt macht und als echter Crowdpleaser zum Pflichtprogramm des FFF 2014 gehört.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (43): In Darkness we fall

In darkness we fallSpanien 2014. Regie: Alfredo Montero. Darsteller: Eva Garcia-Vacas, Jorge Paez, Marcos Ortiz, Marta Castellote, Xoel Fernandez

Offizielle Synopsis: “Das hier wäre perfekt für einen Film. Fünf Leute gehen irgendwo rein und keiner kommt lebend wieder raus”, lacht einer aus der Gruppe junger Urlauber noch, bevor er und seine Freunde sich in der dunklen Höhle verlaufen, die sie eines Morgens neben ihrem Zeltplatz entdecken. Dass er damit genau ins Schwarze getroffen hat, ist schon nach der gelungenen Eröffnungssequenz klar. Spätestens aber, wenn die Gruppe immer tiefer in die klaustrophobische Enge der Höhle kriecht, Angst und Anspannung den Abenteuerausflug zum Alptraum werden lassen. Dehydriert und entkräftet sieht sich die Gruppe bald den Grenzen der eigenen Kraft und Moral ausgesetzt.

Kritik: 80 Minuten in einer Höhle auf Formentera – und nun ist mir schlecht. So richtig. Nicht, weil der Film nichts taugte. Ich kann nur halt nicht auf die Wackelkamera. Hatte ich ja bei „Taped“ schon erwähnt. Körniges Geschwenke auf der großen Leinwand treibt mir den Kaffee wieder die Speiseröhre hoch. Nicht angenehm. Glücklicherweise habe ich eine halbe Stunde bis zum nächsten Film, um durchzuatmen.

Es ist Segen und Fluch zugleich, wenn man vorher absichtlich das Programmheft nicht liest. Dadurch erlebt man positive Überraschungen, aber eben auch ein paar Rohrkrepierer. Hättte ich gewusst, dass „In Darkness we Fall“ wieder nur einer dieser „Gruppe mit Videokamera gerät in der Pampa in Lebensgefahr“-Filme ist, hätte ich ihn vermutlich ausgelassen.

Nun klingt das bis hierher eher nach Rohrkrepierer, aber mitnichten: Auch wenn „In Darkness we fall“ sicher keine großen Ambitionen hat und der Videolook für die Leinwand absolut ungeeignet ist, kann Regisseur Montero zumindest mit einer soliden Spannungskurve überzeugen und mit einem guten Verständnis für die Mechanismen, denen eine Gruppe in einer Extremsituation unterliegt. Er zeigt, wie leicht man in so eine Situation kommt, wie schnell die Stimmung umschlägt – und wie zerbrechlich der menschliche Körper, der menschliche Geist und die menschliche Moral sind, wenn es mal ans Eingemachte geht.

Obwohl der Film aus wenig mehr als zunehmend hysterischem Gerenne und Gekrieche in dreckigen Gängen besteht, drückt er allemal die richtigen Knöpfe.

Kurzum: Im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten funktioniert „In Darkness we fall“. Und ich nerve euch wieder mal mit der häufig gestellten Frage, warum der deutsche Genrefilm nicht mal DAS schafft: Fünf Leute, eine Digi-Camera und Pauschalurlaub auf Ibiza wären alles, was es braucht. Zuviel verlangt?

mitteFazit: Ein No Budget „Found Footage“-Film, der zwar keine bahnbrechend neue Story erzählt oder neue Ideen aufbereittet, aber den „kleinen Terror“ des misslungenen Höhlenausflugs emotional und dramaturgisch folgerichtig einfängt.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (42): Suburban Gothic

Suburban gothicUSA 2014. Regie: Richard Bates jr. Darsteller: Matthew Gray Gubler, Kat Dennings, John Waters, Jeffrey Combs, Barbara Niven, Ray Wise, Sally Kirkland

Offizielle Synopsis: Der sympathische Tagträumer Raymond hat zwar gerade das College erfolgreich beendet, aber mit einem Job sieht es mau aus. Also muss der Mittzwanziger notgedrungen die Großstadt hinter sich lassen und wieder ins kleinstädtische Spießeridyll zu den stetig nörgelnden Eltern ziehen. Dort erwarten Raymond nicht nur dieselben alten Loser und Bullies, die seine Schulzeit zur Hölle machten, sondern auch die geisterhaften Schreckensvisionen, die ihn als Kind bereits quälten. Als Bauarbeiter auf dem Grundstück einen alten Sarg ausgraben und bald darauf unerklärliche Ereignisse die kleine Stadt befallen, bleibt ihm keine Wahl: Zusammen mit der reichlich selbstsicheren Barkeeperin Becca stellt sich Raymond einem jahrhundertealten Fluch …

Kritik: Lasst euch von dem punkigen Poster und dem Titel und der Nebenrolle von John Waters nichts vormachen – an “Suburban Gothic” ist nichts subversiv oder düster. Was Raymond als Hölle begreift, ist kostenfreie Kost & Logis, die mit der Forderung verbunden ist, sich zum Abendessen die Hände zu waschen.

“Suburban Gothic” ist mit seinem Fokus auf Dialogwitz und überzogenen Figuren strukturell eher der Sitcom verwandt als dem Gruselfilm und in der Tat könnte es sich hierbei auch um die spielfilmlange Halloween-Episode einer Serie wie “My name is Earl” handeln. Raymond ist ein sympathischer Slacker, der sich nicht an Spießer-Suburbia verkaufen will, mit Becca eine unangemessen scharfe Mistreiterin findet und am Ende das Scooby Doo-Mystery des verschwundenen Amuletts aufklärt. Dazu passt, dass der Epilog weitere Episoden schließen lässt. So gesehen könnte “Suburban Gothic” sogar von vorne herein als “backdoor pilot” geplant gewesen sein.

Ist das schon inhaltlich “genre light”, so werden auch bei der Umsetzung keine großen Pinsel geschwungen. Es ist alles schön bunt, es gibt ein paar einfallsreiche Überblendungen, aber wirklich Atmosphäre kommt nicht auf und die CGI-Effekte sind mit “rudimentär” noch höflich umschrieben. Hippe Hektik ist Ziel, nicht Spannung oder Gänsehaut.

Das klingt jetzt alles relativ negativ, aber so meine ich das gar nicht. Die Darsteller sind durchaus sympathisch, es gibt einige Kult-Cameos, die Gags sitzen. Er hängt sich nicht sklavisch an sattsam bekannte Vorbilder. Das wenige, was “Suburban Gothic” sich vornimmt, schafft er auch – und ist damit den meisten Festivalkollegen weit voraus.

hochFazit: Eine launige spielfilmlange Sitcom mit gut gelaunten Darstellern in schrägen Rollen, deren Horrorelemente nur Vorwand sind, Anekdoten aus “whacky suburbia” zu erzählen. Braver, als es sein will – aber auf federleichte Art unterhaltsam, was zur Mitternacht ein klarer Pluspunkt ist.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (41): Patch Town

Patch-Town-WebKanada 2014. Regie: Craig Goodwill. Darsteller: Rob Ramsay, Zoie Palmer, Julian Richings, Suresh John, Scott Thompson, Ken Hall

Offizielle Synopsis: Was haben Kohlbeete mit menschlichem Nachwuchs zu tun? Das lernt in Russland jedes Kind: Von wegen Storch, auf Feldern wachsen die kleinen Babys, umhüllt von Kohlblättern. Doch nur die Zwangsarbeiter in Yuris Spielzeugfabrik sind mit der grausigen Realität vertraut. Dies ist kein Kindermärchen! Tagein tagaus müssen sie die nackten Schreihälse aus dem Gemüse herausrupfen und zu Spielzeugpuppen schockfrieren. Mit diesen Püppchen spielen Jungen und Mädchen dann im ganzen Land Vater, Mutter, Kind. Auch Yuris Leibeigene waren einst solche Puppen, bis die Heranwachsenden sie achtlos aussortierten und sie vom geschäftstüchtigen Bonzen zur Zweitverwertung reanimiert wurden. Nur können sie sich nicht daran erinnern. Einzig dem sanftmütigen Jon blitzen noch Bilder von seiner früheren Puppenmutter auf. Kurzerhand begibt er sich mit seiner Frau und einem geschmuggelten Kohlkopf-Baby auf die abenteuerliche Suche nach einem neuen Leben. Natürlich sind ihnen Yuri (grandios als kinderhassender Fiesling: Julian Richling) und seine sadistischen Schergen dicht auf den Fersen. Ob ausgerechnet ein kleinwüchsiger Inder im Elfenkostüm und ein ganzer Lastwagen voll dicker Kaufhausweihnachtsmänner Jon helfen können?

Kritik: Wow, was für ein Blindgänger! Nach einem drolligen, pseudo-dokumentarischen Start gelingt es “Patch Town”, so ziemlich alles zu vergeigen, was man an einem dystopischen Musical vergeigen kann. Und das ist nicht wenig.

Fangen wir mal mit der grundlegenden Story an: Die monströse “Patch Town”, in der aus Kohlbabys Puppen gemacht werden, würde ich vielleicht glauben – wenn sie in einem Universum spielen würde, in dem so eine Fabrik nicht weiter auffällt. Aber Goodwill behauptet, diese Horrorversion einer kapitalistischen Ausbeutungsmaschine stünde irgendwo in Nord-Kanada, umgeben von der Welt, wie wir sie kennen.

Jon will seine Mutter finden, aus der Knechtschaft ausbrechen, ein Heim für sich und seine Familie bauen – nur leider hat nichts, was er tut, irgend etwas mit diesen Zielen zu tun. Wir erfahren nie, warum die Arbeiter von “Patch Town” keine Kinder haben sollen (ist nicht so, dass das Sinn macht), Kanada wird als nicht weniger lebensfeindlich dargestellt als Patch Town – und am Ende und völlig unmotiviert entscheidet Jon, dass er mit Frau und Kind doch eigentlich schon ein “Heim” hat. Vermutlich deshalb, weil Goodwill in einem Drehbuch-Lehrbuch gelesen hat, dass eine der Grunderkenntnisse in anrührenden Familienfilmen “The magic was inside you all along!” sein muss. Passt hier nicht, ist aber wurscht.

“Patch Town” ist voll von solchen Erkenntnissen und Wendungen, die keinerlei Kontext besitzen. So verkündet Sly an einer Stelle, dass sie zum Sturm auf “Patch Town” dringend Verstärkung brauchen – in Form einer Armee von Kaufhaus-Weihnachtsmännern. Die dann im Verlauf des Film nicht mehr vorkommen und dementsprechend auch nichts zur Story beitragen.

Noch ein Beispiel: Jon drängt seine Frau, durch eine Ansprache an die tumben Arbeiter eine Revolution auszulösen. Abgesehen davon, dass er das besser können sollte als sie, singt sie lediglich ein paar langweilige Zeilen zum Thema “Frei sein ist schon schön” in das Mikro – prompt erhebt sich die Arbeiterklasse. Das ist so lahm und unglaubwürdig, dass es nicht mal durch die erste Drehbuchfassung hätte kommen dürfen.

Es gibt auch keine echten Konflikte oder Widerstände. Jons Flucht ist ebenso simpel und folgenlos wie der Sturm auf “Patch Town”. Ihm fällt so ziemlich alles in den Schoß, wirkliches Drama findet sich an keiner Stelle.

Die Figuren sind durchweg blass und selten sympathisch. Jons primäre Eigenschaft ist seine so beeindruckende wie erschreckende Leibesfülle, die allerdings keinerlei Herleitung aus der Story besitzt (und in einer Welt, in der die Arbeit angeblich hungern, wenig Sinn macht).

Ach ja: Auch aus männlichen Babys werden anscheinend weibliche Puppen. Das ist auch nicht plausibel erklärt.

Den Deckel drauf macht die Musik. Einen vollständigen Soundtrack hat “Patch Town” nicht, es werden nur ein paar suppige Balladen mit banalen Texten für ein paar Zeilen angesungen, bevor es weitergeht. Kein Ohrwurm in Hörweite.

Ich bin gewöhnt, dass solche eigenwilligen Filme von Regisseuren mit Leidenschaft gemacht werden, die eine ganz persönliche Vision verteidigen. Noch nie ist mir ein derart experimentelles Fantasy-Musical untergekommen, dessen Macher so offensichtlich kein Interesse daran hatten, mehr als Magerquark abzuliefern.

Die IMDB vermerkt zum Regisseur:

“Goodwill’s career as a narrative writer/director launched with his debut feature film Patch Town.” 

No.

runterFazit: Fazit: „Fat People -The Movie“ als so bizarres wie mainstreamiges dystopisches Musical mit einer Non-Story, miserablem Soundtrack und völliger Absenz von Logik oder sympathischen Figuren. „Brazil“ aus der Behindertenwerkstatt.

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5
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (40): The Strange colour of your body’s tears

Strange ColourBelgien/ Frankreich/ Luxemburg 2013. Regie: Helene Cattet, Bruno Forzani. Darsteller: Klaus Tange, Jean-Michel Volk, Sylvia Camarda, Sam Louwyck, Anna D’Annunzio

Offizielle Synopsis: Ein Mann kehrt nach einer Geschäftsreise nach Hause zurück und stellt fest, dass seine Frau verschwunden ist, obwohl die Wohnung von innen verriegelt ist. Als er die Nachbarn befragt, beginnt eine labyrinthische Entdeckungstour durch seine sexuellen Fantasien auf der Suche nach seiner Frau in einem fantastischen Jugendstil-Gebäude in Brüssel.

Kritik: Oh Mann. Was für eine Pleite. Was hatten wir uns gefreut. Donnerstag Abend, voller Saal, Kettensägen-Horst dabei, Regisseure anwesend, die ganz große Leinwand für den ganz großen Film, dessen Titel und Poster uns schon ganz wuschig gemacht hatten.

Und dann das.

Der Moderator des Q & A mühte sich hinterher sichtlich, unverfänglich zu bleiben, bezeichnete den Film mehrfach als „insane“. Was ja genau genommen keine Wertung ist. Cattet und Forzani betonten, ihr Film sei ein „schlimmer Alptraum“ und ein „wahr gewordener schöner Traum“. Außerdem ein „Labyrinth“, in dem man sich verlieren soll. Dass es ein Film ist, bei dem man sich gut unterhält, davon haben sie nichts gesagt. Besser so.

„The Strange Colour“ beginnt ganz interessant, verliert den Weg aber schon nach 10 Minuten, wenn klar wird, dass er weder ein Interesse hat, seine grundlegende Story (das Verschwinden der Frau) noch die Charaktere dauerhaft zu verfolgen. Stattdessen Nahaufnahmen von Augen, Kaleidoskop-Bilder, hochgedrehte Geräusche (Atmen, Schleifen, Knarzen), Schatten, Glas und immer wieder Träume.

Klar sind das alles Markenzeichen des “Giallo”, den das Team Cattet/Forzani in “Amer” und “The ABCs of Death” so brillant auf seine grundlegenden Elemente reduziert hat. Aber es sind auch nur die Mittel, mit denen die italienischen Regisseure der 70er und 80er ihre fiebertraumhaften Geschichten erzählt haben. Konzentriert sich “Amer” auf die inhaltlichen Grundlagen des Genres, so ist “The Strange Colour” lediglich eine Sammlung der Stilmittel, eine Art Grabbelkiste von Kameraeinstellungen, Filtern und Soundeffekten ohne Anfang und Ende.

Ähnlich wie “Berberian Sound Studio” spielt dieser Film auf hohem technischen Niveau, übersieht aber, dass das oft fahrige Storytelling beim “Giallo” mitnichten bedeutete, dass die Story letztlich irrelevant war. Man kann sie nicht subtrahieren, kann nicht unterstellen, der italienische Sleaze-Krimi bestünde letztlich nur aus avantgardistischen Kamera- und Soundtricks. Wenn “The Strange Colour” irgendeinen Verdienst hat, dann diesen: Er rehabilitiert den ramponierten Ruf von Argento, Bava & Co. als Storyteller.

100 Minuten Rorschach-Test und Bilderrätsel, LSD-Trip und Kunstvideo-Installation. Kann man sich (zumindest auf dem FFF) mal geben, muss man aber nicht.

runterFazit: Die Enttäuschung des Festivals. 100 Minuten selbstverliebte Giallo-Stilelemente, die schnell ermüden und am Ende keinerlei kohärenten Eindruck hinterlassen. Wegen der Ambition und der handwerklichen Fertigkeiten der Macher keine Zuschauerbeleidigung wie „Rufus“ oder „Extraterrestrial“, aber ein Rückschritt nach dem großartigen „Amer“.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (39): The Canal

canalIrland 2013. Regie: Ivan Kavanagh. Darsteller: Rupert Evans, Antonia Cambell Hughes, Hannah Hoekstra, Steve Oram, Kelly Byrne

Offizielle Synopsis: “Wollt ihr einen Geist sehen?” Mit diesem arglosen Scherz versucht der Film-Archivar David einer Besuchergruppe von Kindern die uralten Streifen von Anfang 1900 aus der von ihm betreuten Sammlung schmackhaft zu machen. Diese bilden natürlich keine Spukgestalten ab, sondern lediglich Menschen, die längst verstorben sind – mit Geistererscheinungen wird David sich allerdings zukünftig mehr beschäftigen, als ihm lieb ist. Denn das alte Haus am Kanal, das der sanfte David mit seiner Familie bezogen hat, birgt seine Geheimnisse. Die Geschichten der Vergangenheit nehmen immer mehr Einfluß auf den jungen Vater und scheinen sich bald schon auf grausame Weise zu wiederholen …

Kritik: Dieses Jahr ballt es sich wirklich – es gibt Tage, da kommen fast nur gute Filme, da segelt man begeistert von einem Highlight zum nächsten. Und es gibt Tage wie heute, wo sich die Gurken die Klinke in die Hand geben.

„The Canal“ ist – wie „Honeymoon“ und „The Babadook“ – ein Gruselfilm, der seine Genreelemente als Metapher für eine gescheiterte Beziehung heranzieht. Williams Visionen und Indizien für die grausige Vergangenheit des Hauses könnten genau so gut Verdrängungsmechanismen sein, um mit dem Tod seiner Frau umzugehen. Und je mehr er sich in die Wahnvorstellungen hinein steigert, desto brüchiger wird sein Kontakt zur Außenwelt, diei ihn sowieso mißtrauisch beäugt.

Das wäre selbst im besten Fall B-Ware, weil wir solche Szenarien zu oft gesehen haben, weil sie wenig Neues erzählen können. Das Genre des „Haunted House“-Films ist vergleichsweise durch und es bedarf schon besonderen Geschicks wie in „Babadook“, um noch Leben aus den Untoten zu pressen. Das gelingt „The Canal“ leider an keiner Stelle, weil er nur auf Standards setzt, niemals ausbricht oder überrascht. Schlimmer noch: William ist ein stinklangweiliger Charakter, dessen Schicksal uns null interessiert und dessen Weigerung, einfach mit seinem Sohn das Haus zu verlassen, zunehmend unglaubwürdig wirkt – was dem Ende jede Potenz nimmt. Die “große Überraschung” ist dann leider genau das, was wir schon erwartet haben.

Technisch wird auf kleiner Flamme gekocht, das einzige wirklich erkennbare Stilmittel ist eine rot/blau-Beleuchtung in diversen eng gefilmten Szenen, die an Argento erinnert. Und am Schluß gönnt sich „The Canal“ noch eine massive Ekelszene, die so unvermittelt und unangemessen wirkt, dass man vermuten könnte, das Publikum soll zum Nachspann noch mal geweckt werden. Too little, too late.

runterFazit: Ein unentschlossener Geisterfilm, der die Strukturen des Genres nur halbgar und mäßig erfolgreich bedient. Diverse dramaturgische Patzer führen außerdem zu unpassendem Gekicher. Ein banaler Programmfüller, den man bequem auslassen kann.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (38): The Rover

the roverAustralien 2014. Regie:David Michôd. Darsteller: Guy Pearce, Robert Pattinson, Anthony Hayes, David Field, Gillian Jones, Jamie Fallon, Nash Edgerton, Richard Green u.a.

Offizielle Synopsis: Guy Pearce spielt diesen Mann und sieht dabei aus, als hätte er drei Jahre nicht geschlafen und sich ebenso lang nicht mehr gewaschen. Stoisch geht er seinen Weg, weiter und weiter; steht ohne Murren wieder auf, wenn er am Boden ist. Sein Ziel: Er will sein Auto zurück, das ihm von einer Bande auf der Flucht entwendet wurde. Auch wenn dieser Kampf bedeuten sollte, dass er alles verlieren wird, in einer Welt, in der schon alles verloren ist – seit dem “Kollaps” vor zehn Jahren, wie eingangs erklärt wird. Wohin sich unser Blick richtet, liegt eine staubtrockene, ausgebombte Kriegszone. Eine triste, glücklose Einöde ohne Zuflucht.

Kritik: Manchmal wüsste ich gerne, nach welchen Entscheidungskriterien die Eröffnungsfilme ausgesucht werden. Manchmal sind es unerwartete Genreperlen (“Black Sheep”, “Severance”, “Stir of Echoes”), manchmal Mainstream, um den Saal zu füllen (“Scream”, “Kiss Kiss Bang Bang”, “American Psycho”) – die Qualität kann es vielfach nicht sein, denn eher selten sind die Eröffnungsfilme auch die wirklichen Highlights des Festivals.

Diesmal also „The Rover“, ein postapokalyptisches Australien-Roadmovie. Angesichts des bevorstehenden Reboots „Mad Max: Fury Road“ vielleicht ganz reizvoll, damit aufzumachen. Unter der Last dieser Erwartung bricht der Film allerdings schnell zusammen.

„Rover“ ist zwar sehr schick gefilmt und mit Guy Pearce und Robert Pattinson durchaus solide besetzt, aber er ist auch sehr lethargisch, wortkarg und handlungsarm – unsere Hauptfigur will letzten Endes nur seinen Wagen zurück haben, egal über wieviel Leichen er dafür gehen. Nur ist das nicht annähernd so spannungsgeladen, wie es klingt. Wann immer unser Held auf Widerstand trifft, zieht er eher beiläufig die Knarre und drückt ab – gerne auch bei Leuten, die ihn nicht wirklich provoziert haben. Am Ende (das spoilere ich einfach mal, weil es keinen Unterschied macht) bekommt er Gerechtigkeit, was in dieser Welt aber rein gar nichts bedeutet.

Natürlich hat Guy Pearce einen knorrigen Charme und Robert Pattinson ist sichtlich bemüht, das Image des „Twilight“-Schönlings loszuwerden, aber der Film besitzt selbst für ein Roadmovie einfach viel zu wenig Antrieb, bleibt in seinen Episoden inkonsequent und erzählerisch mager. Schnell wird man der ewigen australischen Ödnis überdrüssig.

Das Setting des postapokalyptischen Down Under ist zudem belanglos und hätte auch schadlos entfernt werden können – für einen Typen, der gewaltsam sein Auto wiederhaben will, braucht es keinen dystopischen Schnickschnack.

Alles was „The Rover“ mit viel Geld schlecht macht, hat „These final hours“ mit erheblich weniger Geld besser gemacht.

mitteFazit: Ein müder, mäandernder Trip durch ein sterbendes Land, in dem materieller Besitz alle anderen Werte ersetzt hat und der sich unsicher scheint, wie er die Zuschauer unterhalten soll. Als Eröffnungsfilm ein Ausfall.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (37): Extraterrestrial

ExtraterrestrialUSA 2014. Regie: Colin Minihan. Darsteller: Brittany Allen, Freddie Stroma, Melanie Papalia, Gil Bellows, Michael Ironside

Offizielle Synopsis: Eigentlich ist Kleinstadtpolizist ein ganz entspannter Job. Der Sheriff des beschaulichen Echo Lake muss sich in letzter Zeit allerdings mit einigen ungewöhnlichen Vorkommnissen herumschlagen. Nachts fliegt plötzlich eine Telefonzelle samt panischer Anruferin in die Luft und kommt Augenblicke später nur in Einzelteilen zurück. Die Farmer der Umgebung beschweren sich über seltsam sauber abgetrennte Teile ihrer Zuchttiere und eine schwer verletzte Frau warnt vor außerirdischen Entführern. Was der Sheriff zunächst nicht wahr haben will, prophezeit der örtliche Tankwart schon im Opener: “That shit was out of this world!”

Ausgerechnet in besagtem Echo Lake richtet sich eine fröhliche Clique auf ein partyfreudiges Wochenende in einer Hütte im örtlichen Wald ein. Doch ungebetener und garantiert nicht wohlgesinnter Besuch aus dem All schickt sich an, den Freunden ihren Ausflug gehörig zu vermiesen …

Kritik: Ich gestehe, dass mir Zynismus mittlerweile ziemlich auf den Sack geht. Speziell der Zynismus, der Filmemacher dazu bringt, die immer gleichen Filme zu drehen, weil sich immer wieder Idioten finden, die die immer gleichen Filme gucken wollen. Wenn ich morgen einen Streifen mit dem Titel “Die Waldhütte” und dem Untertitel “Es sollte die Party des Jahres werden – es wurde ein Trip IN DIE HÖLLE!” bei Müller ins DVD-Regal stelle und Leuten kaufen den dann – wer ist dann der größere Arsch? Produzent oder Käufer? Henne oder Ei?

“Extraterrestrial” ist ein perfektes Beispiel für den eierlosen, hippen, zynischen und postmodernen Horrorfilm, der so lange den gleichen Plot durchkaut, bis er ihn wieder als Kult rebooten oder “reimaginen” kann. Die Nachfrage der Zielgruppe wird als Legitimität des intellektuell bankrotten Angebots gesehen – nach dem Motto: “Wenn die das kaufen, werden wir es schon richtig gemacht haben”. Und was das Schlimmste ist: Das stimmt vermutlich.

Ich hatte zum Erstling der Vicious Brothers, “Grave Encounters”, seinerzeit geschrieben:

 “Es ist nichts neu, alles sehr billig, und mit einem so leidenschaftslosen Blick auf die Vermarktbarkeit produziert, dass keine wirkliche Freude (oder gar Spannung) aufkommen kann.

Muss man sich darüber freuen, dass die “Vicious Brothers” sich treu geblieben sind?

Man sollte nicht immer vom Äußeren auf den Charakter schließen, aber schaut euch diese beiden mal an:

vicious

Die hätte ich mir auch ohne das Bild genau so vorgestellt. Es ist nur folgerichtig, dass einer der Geldgeber dieser “Vicious Brothers” der Ex-Verlobte von Paris Hilton ist.

Und so fahren also wieder eine Handvoll Freunde in den Wald zur Hütte der Eltern. Einer ist voll die Nervensäge, der immer Scheiße baut und alles mit dem Handy aufzeichnet. Die Blondine ist strunzdumm und trägt Shorts. Der grumpige Sheriff mahnt die “damn kids”, in seinem Revier keinen Unfug zu veranstalten. Joints überall. Der Strom fällt aus, ein Baum blockiert die einzige Straße. Und dann…

Ja, und dann ist es scheißegal, ob der Killer mit der Machete kommt, der Werwolf oder (wie in diesem Fall) ein Haufen Aliens, die so langweilig den Grey-Klischees entsprechen, als hätte man sie aus einem alten Buch von Erich von Däniken rauskopiert. Der Rest ist Geschrei, Geballer, Gesplatter, Gerenne und “shit!”, “fuck!”, “I don’t fucking believe this!”, “we gotta get out of here!”, “Fuck that, man!”, “OMG!” und “Jesus!”.

runterFazit: “Close Encounters of the Cabin in the Woods Kind” – ein einfallsloser, mit dummen Menschen und dummen Dialogen angefüllter D-Film, der sich wohl für irgendwie ironisch oder witzig hält, in Wirklichkeit aber nur zynisch auf die Nische schielt und lange nach dem Ende nicht weiß, wann er aufhören sollte.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (36): Time Lapse

Time LapseUSA 2014. Regie: Bradley King. Darsteller. Danielle Panabaker, Matt O’Leary, George Finn, Amin Joseph, Jason Spisak

Offizielle Synopsis: Das WG-Leben zwischen dem in einer Schaffenskrise steckenden Maler Finn, seiner Freundin Callie und ihrem verpillten Mitbewohner Jasper gestaltet sich nicht immer leicht. Auf die ultimative Probe wird es jedoch gestellt als sie auf der Suche nach einem vermissten Nachbarn, seines Zeichens Wissenschaftler, in dessen Wohnung eine riesige obskure Maschine finden. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Ungetüm als eine auf das Wohnzimmerfenster der drei gerichtete Kamera, die jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ein Foto schießt. Ein Foto, das – so stellt es sich bald heraus – Ereignisse, die exakt 24 Stunden später dort stattfinden, abbildet. Eine echte Zukunftsvision. Das eröffnet natürlich ungeahnte Möglichkeiten und Finn, Callie und Jasper erkunden mit einer gehörigen Portion jugendlichem Leichtsinn sofort Wege, aus diesem Vorsprung Kapital zu schlagen. Dass der mittlerweile von ihnen aufgefundene Nachbar offensichtlich einen sehr seltsamen Tod gestorben ist, kann zunächst verdrängt werden.

Kritik: Zeitreise-Filme sind immer tricky. Weil es halt verschiedene Theorien gibt und man schnell in einem Paradox landet, dass die ganze Story negiert. So spannend das Thema, so trügerisch der Aufbau – selbst “Terminator” ist im Grund genommen hanebüchener Unsinn, weil die Existenz des Teminators das Scheitern von Reese’ Mission beweist. Kann man auch wieder gegen argumentiere, ich weiß.

Um ein bekanntes Beispiel zu nehmen: Wenn ich in der Zeit zurück reise und meinen Großvater töte, werde ich nie geboren – kann also auch nicht in der Zeit zurück reisen und meinen Großvater töten, weshalb ich also doch geboren werden – weswegen ich dann in der Zeit zurück reisen kann… infinite loop.

Ein Weg aus diesem Dilemma ist die Einführung radikaler Restriktionen. “Time Lapse” versucht es damit, dass niemand wirklich in der Zeit reist. Die Protagonisten können lediglich sehen, was in 24 Stunden in ihrem Wohnzimmer zu sehen sein wird. Und auch das ist nur ein Anhaltspunkt, denn die Interpretation dessen, was sie sehen, ist nicht immer einfach.

Dummerweise ist diese Einschränkung auch der Grund, warum “Time Lapse” nie richtig in die Pötte kommt. Denn sie ergibt keinen Sinn. Wenn unsere Helden das Foto nicht sehen würden – wäre es dann trotzdem bindend? Warum versuchen sie nicht mit einer minimalen Änderung der Szenerie auszutesten, was passiert, wenn das Bild nicht exakt nachgestellt wird? Warum kaufen sie sich keinen fucking Funkwecker, um die Unsicherheit des analogen Weckers zur Bestimmung der Fotozeit zu kontern? Warum senden sie sich nur banalste Botschaften wie Sportergebnisse, statt mit Zeitungsschlagzeilen wirklich relevante Veränderungen in die Wege zu leiten? Woher bekommt eine ältliche Professorin eine Pistole? Warum wettet Jasper strunzdumm immer beim gleichen Buchmacher und wundert sich, dass der irgendwann drauf kommt, dass hier etwas nicht stimmen kann? Wieso ist es mittlerweile erlaubt, dass Protagonisten den elenden Trendnamen “Finn” tragen?

Die diversen inhaltlichen Patzer verderben die Folgerichtigkeit und damit auch die Spannung von “Time Lapse”. Unsere Protagonisten werden zu Sklaven des Bildes, nicht zum Schöpfer. Darüber hinaus dreht sich alles nur um Geld und die Frage, wer mit wem schlief – von der Geschichte einer Erfindung, die im Handumdrehen das Universum verändern kann, erwarte ich mir ein wenig mehr.

Was dann endgültig den Deckel drauf macht: “Time Lapse” ist zu offensichtlich ein Film, die Personen zu offensichtlich Figuren, die zu offensichtlich sorgsam geschriebene Dialoge aufsagen, um zu offensichtlich konstruierte Konflikte auszutragen. Wir glauben Finn den Maler ebenso wenig wie Callie die Journalistin. Wir glauben nicht mal die WG, in der sie leben. Das ganze Szenario wirkt so fake wie eine Holodeck-Simulation auf der Enterprise D.

mitteFazit: High Concept-SF, die aus der ansprechenden Idee nicht genug Saft pressen kann und sich über die Laufzeit in Twen-Melodrama und Logiklöchern verstolpert. Mehr theoretisch interessant als praktisch spannend.

Wenn ihr jetzt fragt, warum ich trotzdem noch den Wackeldaumen gebe – gleich kommt der Review zu “Extraterrestrial”…

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P.S.: So drollig wie absurd – John Rhys-Davies wird im Nachspann unter “Cast” ganz weit oben genannt, ist aber gerade mal auf einem Foto zu sehen.

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