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Juli 2016

Summer of SciFi: The Call Up

THE-CALL-UP-POSTER

England 2016. Regie: Charles Barker. Darsteller: Morfydd Clark, Chris Obi, Parker Sawyers u.a.

Story: Eine Gruppe erfolgreicher, aber sozial isolierter Online-Gamer wird in ein Hochhaus eingeladen, um einen Virtual-Reality-Shooter zu betatesten, der nicht nur das komplette Environment simuliert, sondern auch Schmerz und Verletzungen. Dem Gewinner winken 100.000 Dollar - dass die Verlierer der Tod erwartet, stellt sich erst nach Spielstart heraus. Nun heißt es Medipaks finden, Munition, Waffen - und dabei virtuelle, aber nichtsdestotrotz tödliche Gegner abknallen. Aber wer sind die Drahtzieher, wer macht und ändert ständig die Regeln von "The Call up"?

Kritik: Irgendwie bin ich gerade "on a roll" - auch "The Call up" wurde in England mit wenig Geld, aber ordentlich Fördermitteln gedreht und präsentiert den gewaltlastigen Kampf von Soldaten gegen (in diesem Fall virtuelle) Killermaschinen - es ist ein Vertreter des "Survival Game"-Subgenres, diesmal verpackt in eine Videospiel-Welt.

Wie bei "Kill Command" ist die CGI extrem edel, perfekt in das Szenario integriert und angemessen krachend. Das sitzt. Es hilft, dass auch das Production Design jenseits der Festplatten mit erfreulicher Sorgfalt glänzt: Die Motion Capture-Anzüge, die Waffen, die Helme - man kann sich absolut vorstellen, dass die nächste Generation der High Tech-Games genau so aussehen wird. Dass uns die Helme in eine recht banale Hochhauswelt ein komplexes Spielszenario hinein gaukeln werden, wirkt an keiner Stelle unglaubwürdig. Genau genommen kombiniert "The Call up" dabei die Mechanismen der 3D-Shooter mit den sportlichen Aspekten der Laser Tag-Arenen.

Bonuspunkt dafür, dass es Regie-Debütant Charles Barker im Gegensatz zu den Kollegen von "Reconnoiter" und "Kill Command" gelingt, die Spieler von Anfang an klar unterscheidbar zu machen und ihre immer folgerichtigen Reaktionen in die Handlung einzubetten. Trotz der Menge der Protagonisten in gleichem Outfit verliert man nie die Übersicht, hat nie das Gefühl, Kanonenfutter zu zu schauen. Man wird dadurch als Zuschauer emotional erheblich mehr in das Geschehen involviert.

The_Call_Up

Auch wenn ich persönlich die Killer-Roboter und die Locations von "Kill Command" besser fand, ist "The Call up" zweifelsfrei der besser geschriebene und inszenierte Filme. Letztlich verstolpert er sich lediglich am Ende ein wenig, wenn klar wird, dass er von den Videospielen nicht nur die Struktur übernommen hat. Erinnert ihr euch an die vielen Games der 80er und 90er, die nach stundenlangen Spielesessions und endlosen Quests nur ein frustrierendes "You win! Congratulations!" anboten? Ähnlich ist es hier. "The Call up" hat ja kein größere Thema, keine wirkliche Message. Das Spiel ist vorbei, der Film ist vorbei.

Es ist ein Problem, das gerade bei Action-SF, die letztlich nur Action in einem SF-Szenario ist, häufiger vorkommt: Es wird nur das akute Problem gelöst, die akute Gefahr gebannt. Da die Utopie nie über die momentane Situation hinaus definiert wurde, gibt es auch keinen größeren Rahmen, in dem die Ereignisse irgendwelche Auswirkungen haben könnten.

Und weil mich das als Autor nervt, warne ich nun vor SPOILERN, in dem ich MEIN Ende von "The Call up" skizziere, das zumindest einen größeren Kontext angedeutet hätte. Wenn ihr den Film mal sehen solltet, könnt ihr ja kommentieren, wie ihr das findet.

SPOILER ON

Wenn Shelly am Schluss die mutmaßlichen Verantwortlichen des Spiels erledigt hat und aus dem Hochaus und damit aus dem Szenario tritt, hätte man lediglich zeigen müssen, dass ihre Tätowierungen am Arm immer noch verschwunden sind. Das hätte bewiesen, dass sie ("Inception"-mäßig) immer noch im Spiel fest sitzt, immer noch das finale Level nicht gefunden hat. Dann noch ein Shot, der ihr zeigt, dass außerhalb des Hochhauses nicht die Wirklichkeit wartet, sondern immer noch die von der Game-Engine simulierte Apokalypse - bam! A game within a game.

SPOILER OFF

Aber das sind Niggeligkeiten - der Film muss keine Leistung erbringen, die MIR gefallen hätte. "The Call up" schafft mühelos das, was er selbst sich vorgenommen hat, bietet 90 Minuten solide futuristische Action besonders für Freunde von 3D-Shootern und ist innerhalb dieses limitierten Anspruchs eine echte Entdeckung, die man ohne schlechtes Gewissen empfehlen kann.

Besser als "Gamer" - logischer als "Tron".

Fazit: Schicker, packender und smart inszenierter Action-Shooter, der am Ende lediglich das grundlegende Problem seiner Videospiel-Inspiration teilt: Er hat kein wirkliches Thema.

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P.S.: Es dürfte niemanden wundern, dass ich vor 15 Jahren schon mal ein erstaunlich ähnliches Konzept mit dem Titel "Game over" entwickelt hatte. Das las sich damals so:

Game Over

High-Tech-Actionfilm, der das „Stirb Langsam“-Genre mit Elementen populärer Videospiele zu einem zynischen Thriller kombiniert.

Richard Hart ist „LionHart“, Chefredakteur der Computerspiel-Postille „MegaAction“ und einer der besten Spieler des Landes. Mehr Geld als durch seinen Beruf verdient er bei „Quake“-Turnieren. Zusammen mit zehn anderen Journalisten ist er in ein altes Verwaltungsgebäude eingeladen worden, in dem PC-Guru Mark Romanek seinen neuen Ego Shooter „Last One Standing“ vorstellen will. Vor Ort müssen die Schreiberlinge allerdings feststellen, dass Romanek ihnen den Verriss seines letzten Spiels übel genommen hat – das gesamte Gelände ist mit Fallen, versteckten Räumen, Kameras, und Waffen bestückt. Jeder gegen jeden – und wer sich weigert, wird von automatischen Schussanlagen durchsiebt. Nur der „Last One Standing“ wird das Gebäude lebend verlassen.

Für die Journalisten beginnt eine lange Nacht. Dieses Spiel hat keine Reset-Taste und jeder Spieler hat nur ein Leben.

Richard ist entschlossen, das „Spiel“ zu knacken, und den „Endlevel-Boss“ zu stellen. Dazu braucht er alle seine Erfahrungen aus den Videospielen…

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Juli 2016

Watching (14): Angie Tribeca, Wrecked

Angie Tribeca

Ich finde Rashida Jones durchaus sympathisch, mag ihre Webvideos ebenso wie ihre Rolle in „Parks and Recreation“. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie eine eigene Serie geschrieben bekommt. „Angie Tribeca“ ist das Ergebnis dieser Bemühungen, produziert vom Kabelsender TBS und ausgestrahlt als Marathon von 10 Episoden (eine zweite Staffel ist auch schon gelaufen). Drollig ist dabei die Idee, dass man sich - wenn man so viel Zeit nicht investieren will - die Episoden auch als "hyper binge" zusammen fassen lassen kann. Hier der "hyper binge" der zweiten Staffel:

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Das ist „Sledge Hammer“ und „Naked Gun“ mit einer weiblichen Hauptdarstellerin. Kein Gag zu doof, keine Pointe zu flach. Es fliegen Torten, wirklich alles muss wortwörtlich genommen werden, jede Figur ist Karikatur. Und es funktioniert... in Maßen. Weil sich auch der Humor weiterentwickelt hat und der Slapstick von „Angie Tribeca“ meist nur zu einem Grinsen als zu einem lauten Lacher reizt. Ich bewundere den Aufwand, bewundere die Latte an bekannten Gaststars, bewundere das komödiantische Timing von Rashida Jones – aber als gesamtes Package wirkt das etwas bemüht.

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Das Hauptproblem ist aber die direkte Konkurrenz: „Brooklyn Nine-Nine“ zeigt Woche für Woche, dass man das gleiche Konzept auch ungleich frecher und frischer umsetzen kann.

Wrecked

"Wrecked" ist ebenfalls vom "Angie Tribeca"-Sender TBS und beruft sich ebenfalls auf bekannte Vorbilder. In diesem Fall lautet das Konzept simpel: "Lost" als Comedy. Klingt komisch? Ist aber so. Aus dem Drama eines Flugzeugabsturzes auf einer tropischen Insel, aus dem Schicksal Toter und Verletzter zieht "Wrecked" seine Pointen, findet es rasend komisch, wenn jemand brennend durchs Bild taumelt oder von einem Wrackteil erschlagen wird.

Ich sag's ungern - das ist tatsächlich lustig. Kein brüllender Schenkelklopfer, aber besonders in Gesellschaft ist die rüde Rotzigkeit der Serie unterhaltsam, weil wie bei weiland "Airplane!" so ziemlich alle Klischees von "Lost" und anderen Katastrophenfilmen pubertär auf den Kopf gestellt werden. Dazu trägt auch der engagiert Cast bei und die angemessen aufwändige Gestaltung der Serie.

Ich weiß nicht, ob "Lost"-Fans einen Mehrwert haben oder eher empört abwinken werden, aber als Sitcom für Zwischendurch bekommt "Wrecked" meinen Daumen hoch - genau genommen funktioniert als Doppelpack dazu sogar "Angie Tribeca" prima. Weil Fernsehen ruhig mal albern sein darf.

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Juli 2016

Summer of SciFi: The Quiet Hour

The-Quiet-Horror-Stephanie-Joalland-Movie-PosterGB, Irland 2014. Regie: Stéphanie Joalland. Darsteller: Dakota Blue Richards, Karl Davies, Brigitte Millar, Jack McMullen, Liam O'Brien u.a.

Offizielle Synopsis: Aliens haben den Planeten Erde überfallen, töten erbarmungslos dessen Bewohner und vernichten sämtliche natürlichen Ressourcen. Der noch verbliebene Teil der Menschheit hungert und mutiert zu eiskalten, immer gefährlicher werdenden Plünderern. Verzweifelt kämpft die 19-jährge Sarah in dieser apokalyptischen Zeit gegen eine Gruppe von Banditen, um den Hof ihrer Familie und die Solaranlage, die die gewalttätigen Aliens zurückhält, zu beschützen.

Kritik: "The Quiet Hour" ist bei diversen Non-Genre-Festivals recht erfolgreich gelaufen, was für einen SF-Film ungewöhnlich genug ist und vorab die Vermutung nahe legt, dass hier primär die "conditio humana" im Mittelpunkt steht und nicht pew pew pew mit dem Laserblaster. Da kann die Hauptdarstellerin hundert Mal eine Schrotflinte schultern und im Hintergrund ein Raumschiff drängeln - nochmal verstärkt bei den Artworks zur Scheibenauswertung:

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Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. "The quiet hour" ist ein ultra-preiswert gedrehtes Drama von drei Menschen in einem Landhaus, die in dunkler Zeit Hoffnung und Nähe suchen. Ob die externe Gefahr eine globale Epidemie ist oder der Einmarsch der Nazis in Polen - es macht letztlich keinen Unterschied. Selbst als Western ist "The quiet hour" schon oft erzählt worden.

Ich habe lange keinen Film mehr gesehen, dem der eigene SF-Aufhänger so egal oder gar peinlich zu sein scheint, dass er ihn völlig in den Hintergrund drängt. Wir sehen von den Aliens nie mehr als statische, entfernte Shots der Raumschiffe am Himmel. Es gibt mittlerweile APPS, mit denen man solche CGI in selbst gedrehte Handy-Videos einfügen kann:

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Sieht auch nicht schlechter aus als bei Asylum.

Die Verfügbarkeit von aufwändiger CGI war also - anders als bei "Reconnoiter" und "Kill Command" - keinesfalls raison d'etre von "The quiet hour". Die Erschaffung einer plausiblen Dystopie auch nicht. Was die Aliens wollen? Wie genau sie vorgehen? Warum die Erde keiner Widerstand leisten konnte? All das ist unwichtig, weil Regisseurin und Autorin Joalland sich nur für den winzigen Ausschnitt im Landhaus interessiert - zu dem kein Alien gehört.

Kurioserweise schafft "The quiet hour" aber genau damit den turnaround - er mag keine Fans von Baller-Action hinter dem Ofen hervor locken, überzeugt aber mit funktionierenden, plausiblen Charakteren und einer durchgängigen Spannung. Wir verstehen die Bedürfnisse der Beteiligten, ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Angst voreinander und ihre Abhängigkeit voneinander. Die Geschwister, der Fremde, die Feinde - diesen Elementen gewinnt der Film zwar keine wirklich neuen Aspekte ab, doch er versteht es, zumindest in den Details immer wieder zu überraschen, die Erwartungen an die Klischees zu unterlaufen.

qhEin Schlüssel zum Film ist dabei die erstaunlich starke Darstellung von Dakota Blue Richards als Sarah.

Ist "The quiet hour" ein Geheimtipp, Kult "in the making" gar? Nein. Dafür begnügt er sich zu sehr mit einem bescheidenen erzählerischen Konstrukt, das er nur begrenzt variiert und das keine besonderen Leistungen verlangt und keine besondere Leistung darstellt. Aber in einer Zeit, in der große Anspruchsfilme auf die Fresse fallen und oft genug selbst kleine Dramen ihre gesteckten Ziele nicht erreichen, freue ich mich auch über das ansonsten kritisch zu sehende Urteil "erfolgreich im Rahmen seiner Möglichkeiten".

Fazit: Ein Belagerungs-Kammerspiel mit extrem vagem SF-Hintergrund, das zwar eine Bäume ausreißt, aber mit einem sehr guten Cast solide spannend unterhält. Eher für die Freunde von "Survivalist" als für die Fans von "Edge of Tomorrow".

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1
Juli 2016

Gaming-Nostalgie: "Return" to the past

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Es gehört zu den Nachteilen als Journalist, dass man paketeweise Kram zugeschickt bekommt, den man nicht haben will. Warenproben, Testgeräte, Rezensionsexemplare. Und es gehört zu den Vorteilen als Blogger, dass man manchmal einzelne Päckchen verdienter Leser zugeschickt bekommt mit der Bitte, ob man sich dieses oder jenes Herzensprojekt nicht mal anschauen wolle. Drehbücher, Hörspiele, Magazine, manchmal ganze Filme.

Ich bin dann immer etwas hin- und hergerissen, weil ich einerseits den kreativen Output meiner Leser bewundere und unterstützen möchte, andererseits aber damit Probleme habe, wenn mir das Endergebnis so gar nicht zusagt. Viele Leute können auch mit gut gemeinter Kritik nicht so doll umgehen, mit beinharter Wortvogel-Kritik schon gar nicht.

Glücklicherweise war ich bei Sebastian und dem "Return"-Magazin relativ sicher, mich nicht winden zu müssen. Zuerst einmal weiß ich, dass der Mann schreiben kann - und frühere Ausgaben des Retro-Magazins hatte ich auch schon in der Hand gehabt. Darum kam ich seiner Bitte, mir das Jubiläums-Heft (Ausgabe 25) mal anzuschauen, auch gerne nach.

Ich gebe zu, dass ich nie geglaubt hätte, dass die Retrogaming-Szene mal so stark wird, dass sie kommerziell produzierte und vertriebene Zeitschriften tragen kann, schon gar nicht hier in Deutschland. Es gibt z.B. auf YouTube so viele Kanäle, auf denen man über "neue alte" Hard- und Software nicht nur lesen, sondern sie auch sehen und hören kann, dass ich bedrucktes Papier eigentlich für das falsche Medium hielt. Da habe ich mich - wie so oft - geirrt, und ausnahmsweise freut mich das.

Die "Return" schafft beeindruckend mühelos den Spagat zwischen Nostalgie und Aktualität, bedient Lötkolben-Freaks genau so wie Casual Gamer und deckt die gesamte Bandbreite der Szene überraschend kompakt ab. In der Jubiläumsausgabe finden sich u.a. folgende Themen:

  • 30 Jahre NES
  • Neue Spiele für Atari und Commodore
  • Review: Robocop vs. The Terminator (SMD)
  • Selten: Les Schtroumpfs Autour Du Monde (MS)
  • Review: Alundra (Playstation)
  • Neue Hardware für Atari XL/XE: SIO2BT
  • Kolumne: Old Bits – Runde Geburtstage
  • Aus dem Tagebuch von Jo Hesse: Turrican 2
  • Rückblick: 25 Ausgaben RETURN Magazin
  • Retro-Läden in Deutschland: Com Illusion Hamburg
  • Atari-Jaguar-Event: Ejagfest
  • Neue Bücher: Retroland, Britsoft – An Oral History
  • Remix-Download: Nebulus
  • Crossover: Double Dragon
  • Pixelkunst: Canvas-Style

Natürlich schwankt die Qualität der Artikel und Rezensionen ein wenig, aber das auf hohem Niveau. Manchmal finde ich Beiträge etwas zu ausführlich für meine vom Internet geschundene Aufmerksamkeitsspanne, dann finde ich eine Spielekritik zu trocken. Aber in jedem - in wirklich jedem - Artikel hat mich etwas begeistern können, sei es das Thema, die Herangehensweise oder die lässige Schreibe. Selbst Beiträge, die inhaltlich meilenweit an mir vorbeigehen (die Geschichte des Amiga-Betriebssystems in umpfzig Teilen), sind so verfasst, dass ich sie mit Interesse gelesen habe. Und ja: Die von Sebastian verfasste Buchrezension ist auch klasse und lässt deutlich seine Expertise in diesen Dingen durchklingen.

Das knallbunte Layout mit den teilweise abenteuerlich zusammen montierten Bildern und Texten mag im ersten Augenblick etwas fordern, aber es erinnert dann auch wieder sympathisch an die grafischen Exzesse der Spielmagazine aus den 80er und 90er Jahren. Dabei wird darauf geachtet, die Lesbarkeit der Textspalten zu erhalten - eine lobenswerte Sorgfalt, die manch anderes semi-professionelles Magazin vermissen lässt.

Fazit: 114 Seiten, professionell gebunden, hochklassig gedruckt auf extrem festem Papier und mit 7,50 Euro absolut angemessen bepreist - meine Kaufempfehlung hat sie, die "Return".

Danke an Sebastian für das Rezensionsexemplar.

Nein, das bekommt er nicht wieder. Pech gehabt.

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30
Juni 2016

Things to go to: Things to come

Gestern wurde im Deutschlandradio das Konzept der heute startendenden Ausstellung "Things to come" in Berlin vorgestellt:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Ich bin ein Freund der Stiftung Deutsche Kinemathek, ein Fan des Themas "Utopien in Film und Fernsehen" - und generell finde ich, dass solche Sachen unterstützt gehören. Ich werde mir das sicher vor Ort ansehen:

raum

Aus gegebenem Anlass möchte ich an dieser Stelle noch mal auf ein Interview mit mir selber hinweisen, das gleiches Territorium für eine Studentenzeitschrift beackerte.

Und schließlich gibt mir das die Gelegenheit, kurz von einem titelgleichen, aber anders gelagerten Projekt zu erzählen, das ich leider aus Zeitgründen nie verwirklichen konnte.

Wie ihr wisst, lebte ich um 2000 rum bereits 10 Jahre in München, 13 weitere sollten es noch werden. Mir fiel auf, wie viele und breit gefächerte Filmfestivals es in der Stadt gab - von Mega-Events bis zu absoluten Nischenveranstaltungen. Ein Kollege steckte mir, dass das mit der sehr großzügigen Förderung der Stadt München zu tun habe, die sich gerne mit solchen Festivals schmückt.

So kam mit die Idee, selber mal ein Filmfestival aufzuziehen. Das mythenschwere Jahr 2000 beinhaltete schon die Idee und den Titel hatte ich auch bald:

"Things to come - Die Vergangenheit der Zukunft"

Konzeptionell wollte ich dabei um die zehn futuristische Filme vorstellen, die aus den verschiedenen Epochen des Kinos stammen, aber alle eins gemeinsam haben - sie zeigen die Welt um die Jahrtausendwende. So kann der Zuschauer durch die Visionen der Filmemacher zeitreisen, bleibt auf der Leinwand aber immer am gleichen Fleck. Von kruden Ideen bis zu großen Visionen: Das Jahr 2000 aus der Sicht von Fritz Lang und John Carpenter, aber auch Wolf Gremm und Wolfgang Liebeneiner.

Was hätte das für ein kunterbunter Spaß werden können:

1. April 2000
Super
Die Klapperschlange
Die Klasse von 1999
Kamikaze 1998
Metropolis
2001 - Odyssee im Weltraum
Death Race 2000

Moderator und Erklärbär wäre natürlich ich selbst gewesen und gerne hätte ich auch ein paar illustre Gäste dazu geladen.

Leider kam ich nicht dazu, mich wirklich mal mit der Stadt, den Kinos und den Verleihern ins Benehmen zu setzen. Es blieb ein Wunschtraum, den ich alle paar Jahre neu träumte. So hätte man das Festival auch 2010 veranstalten können, mit Filmen wie

2010 - Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen
Akira
Blade Runner
2022 - Die überleben wollen
Mission to Mars
Battlequeen 2020

Tja, es hat wohl nicht soll'n sein. Eine gute Idee war's trotzdem. Oder?

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29
Juni 2016

Liebe Presse: Gedanken zum EM-Honorar-Skandal

(Disclaimer: Ich bin DWDL seit langem freundschaftlich verbunden)

Ich mache es für meine Verhältnisse kurz, weil ich gleich wieder auf Reportage muss. Background: Der kress-Report hat berichtet, die Kommentatoren wie Kahn und Scholl würden von den öffentlich-rechtlichen Sendern (und damit von unseren Gebühren) exorbitante Honorare für ihre Arbeit bei der EM beziehen. Da kress ein Branchen-Informationsdienst von nachlassender Relevanz ist, wäre das vielleicht versandet, aber DWDL hat groß damit aufgemacht, dass die genannten Ex-Spieler sich empören, die Zahlen zurückweisen und gar rechtliche Schritte prüfen. Jetzt wird landauf, landab über diesen "Skandal" berichtet - als Skandal des verantwortungslosen Mediendienstes kress, nicht als Skandal der öffentlich-rechtlichen Gebührenverschwendung.

Und damit habe ich ein Problem.

Ich weiß nicht, wie viel Geld Kahn und Scholl bekommen. Woher auch? Die Kollegen, die nun eilfertig die Empörung der Ex-Spieler in die Echokammer werfen, wissen es aber auch nicht. Für mich liegt das Problem in den Nebensätzen, den Aussagen, die immer nur indirekt zitiert werden.

Nehmen wir die oben verlinkten Artikel als Beispiel. Da wird ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky (scheinbar) ganz deutlich:

"...diese derzeit im Raum stehenden Summen entsprechen nicht annähernd der Realität und entbehren jedweder Grundlage."

Alles klar? Jein, denn eingeleitet wird der Satz mit der Bemerkung

Generell wolle man sich zu vertraglichen Inhalten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht äußern, sagte Balkasuky:

Den Zahlen von kress wird widersprochen, sie werden aber nicht widerlegt. Das ist der elementare Unterschied zwischen Behauptung und Beweis - und der ist wichtig.

Mir fällt auch auf, dass die Ex-Spieler gar nicht wirklich die konkreten Summen bestreiten. So wird sich eher darauf berufen, dass man ja mehrjährige Verträge mit den Sendern habe und deshalb die Errechnung von "Tagesgagen" Unsinn sei. Das klingt für mich nicht nach Gegenangriff, sondern nach Salami-Taktik. Vor allem habe ich das Gefühl, dass viele Kollegen den Ex-Spielern und den Sendern allzu willfährig dabei helfen, Nebelkerzen zu werfen, anstatt die einzige Frage zu recherchieren und zu beantworten, die tatsächlich Aufklärung brächte:

Wie viel Geld bekommen Kahn und Scholl eigentlich für ihre (je nach Auslegung) schlauen Sprüche?

Als öffentlich-rechtliche Sender, die von den deutschen Haushalten bezahlt werden, sehe ich hier durchaus eine Auskunftspflicht. Den Mauerbau mit den "vertraulichen Vertragsdetails" halte ich für unredlich. Das mag bei den Privaten akzeptabel sein, aber ARD und ZDF müssen Rechenschaft ablegen. Muss es jedes Mal einen Zirkus wie bei der Verpflichtung von Jauch und Gottschalk geben - bei dem fast zwangsläufig eben doch unappetitliche und zumindest fragwürdige Praktiken ans Tageslicht kommen?

Wie gesagt: Vielleicht irrt kress, vielleicht wurden die Honorare falsch berechnet. Aber das wissen (zumindest) wir nicht. Wir wissen nur, dass es von den Beteiligten, die guten Grund haben, es zu bestreiten, bestritten wird. Das kann nicht das Ende der Geschichte sein - es muss der Anfang sein.

Vielleicht ist das Problem nicht die von mir empfundene Komplizenschaft von Schreibern und Sportlern. Vielleicht ist das Problem auch einfach eine gewisse Trägheit. Twitter- und Facebook-Dementis hübsch von einem "Kahn wehrt sich:" gerahmt ins Blatt zu heben, das ist einfach. Die Mauern von ARD und ZDF zu knacken, um seriöse Zahlen zu bekommen, die den kress-Bericht vielleicht widerlegen könnten, das ist schwer. Oder anders gesagt: Journalismus.

Gebt euch ran!

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28
Juni 2016

Resi, i hol’ di mit meim Fernbus ab...

Ich habe mich mit dem Titel dieses Beitrags etwas schwergetan. Genug fußlahme Wortspiele zu finden war nicht das Problem:

  • BusGenuss
  • Mit Fernbus fahr ich gern Bus
  • Bus(s) zum Abendrot
  • Gruß und Bus, dein Julius
  • Bussi, bussi!

Aber es soll ja nicht nach einem Werbeflyer klingen. Stattdessen möchte ich nach drei Jahren und ungefähr einem halben Dutzend Fahrten auf verschiedenen Strecken mal möglichst wertfrei zusammenfassen, was mir am Konzept Fernbus gefällt – und woran noch gearbeitet werden muss.

Generell begrüße ich die Verfügbarkeit von Fernbuslinien. Ich hatte mich zeitlebens gefragt, warum es hierzulande keine Anbieter wie Greyhound gibt. Es hatte mir ja niemand gesagt, dass eine Gesetzgebung dagegenstand, deren Ziel es war, die Deutsche Bahn zu schonen. Im Rahmen der europäischen Verordnungen wurde diese politische Protektion vor ein paar Jahren gekippt. Es bildeten sich schnell ein Dutzend größerer und kleinerer Anbieter, von denen einige mittlerweile fusioniert sind (FlixBus und MeinFernbus), während bei anderen die Partner getrennte Wege gehen (aus dem ADAC Postbus wurde der Postbus). Auch die Deutsche Bahn hat eine eigene Linie namens IC Bus gegründet. Mit aggressiver Werbung und echten Kampfpreisen wird seither versucht, der Bahn Marktanteile zu stibitzen.

Dreh-und Angelpunkt für alle, die eine Fernbusreise unternehmen wollen, ist die Webseite Busliniensuche. Dort kann man extrem komfortabel Datum, Start und Ziel der gewünschten Reise eingeben und bekommt eine übersichtliche Auflistung aller Anbieter, Fahrzeiten und Preise. Dabei konkurrieren nicht nur Buslinien, sondern auch die neue Mitfahrzentrale blablacar und die Deutsche Bahn selbst, die hier mit rabattierten Tickets einsteigt.

Generell gilt: blablacar ist (bei 1 Euro pro 20 Kilometer Strecke und ohne Vermittlungsgebühr) sicher persönlicher, oft schneller und in Sachen Haltestellen auch flexibler als die Buslinien – aber das unberechenbare Miteinander muss man mögen. Ich hatte schon Touren mit Rauchern in Wagen ohne Klimaanlage bei 30 Grad. Und mal eben aufstehen und sich im Gang die Beine vertreten ist auch nicht drin.

Wenn die Bahn ein vertretbares Angebot macht (oft 19 Euro für eine einfache Fahrt), würde ich generell eher die Bahn empfehlen – die hat ihre eigene „Straße“, was für deutlich höhere Zuverlässigkeit und Zeitsicherheit steht. Generell bieten Züge (sofern sie nicht brechend voll sind) mehr Komfort und mehr Luxus:

zug

(Meine folgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf die Anbieter IC Bus und FlixBus/MeinFernbus, weil ich bisher nur mit denen gefahren bin.)

Und wenn man sich nun für einen Trip mit dem Fernbus entschieden hat? Was darf man als Kunde erwarten? Zunächst einmal ist der Buchungsvorgang geradezu lachhaft einfach, da könnten sich Anbieter wie die Deutsche Bahn ein paar Scheiben von abschneiden. Das können auch Laien in wenigen Sekunden meistern, bezahlt wird u.a. mit Paypal. Das PDF-Ticket wird mit einem QR-Code in der Mail verschickt, ausdrucken muss es also nicht unbedingt. Das Ticket selbst ist ein Musterbeispiel an Userfreundlichkeit: übersichtlich, leicht zu lesen, mit wirklich ALLEN relevanten Informationen (sogar einer Umgebungskarte des Busbahnhofs, damit man ihn leichter findet):

FLIX-Buchung

Die Preise sind (von den Kampfpreisen der rabattierten Bahntickets abgesehen) ziemlich konkurrenzlos: 11 Euro von Karlsruhe nach München, 22 von München nach Berlin, 9 von Mannheim nach Nürnberg. Immer wieder gibt es Aktionen, bei denen man Ticketgutscheine für weniger horten kann. Wer gerne sein Fahrrad mitnimmt, kann das problemlos machen – von München nach Berlin kostet das gerade mal 9 Euro Aufpreis.

Man darf übrigens bis 15 Minuten vor Reisebeginn über das Web kostenfrei stornieren, woran die Bahn sich ebenfalls ein Beispiel nehmen könnte.
Die Busbahnhöfe befinden sich oft an oder in der Nähe von Hauptbahnhöfen, in München ein paar Gehminuten davon entfernt bei der Hackerbrücke, in Berlin etwas außerhalb beim ICC. Generell ist für gute Nahverkehrsanschlüsse gesorgt. Die Terminals schwanken in Qualität und Ausstattung. In Berlin ist ausreichend Platz, in München ist alles sehr modern, Mannheim ist sehr übersichtlich strukturiert, aber in Karlsruhe balgen sich die vielen Busse um zu wenig Standplätze und es wird manchmal hektisch, wenn man nicht genau weiß, wo der eigene Bus nun steht oder abfährt.

Die durch die Bank sehr gut geschulten und sehr freundlichen Busfahrer helfen dabei, das Gepäck einzuladen und scannen das Reiseticket. Sie helfen auch, das Fahrrad auf einem Träger hinten am Bus einzuklinken.

Wer schon einmal mit einem Airport Express-Bus gefahren ist, weiß ungefähr, was ihn in einem ICE Bus oder FlixBus erwartet: der Reisekomfort und das Platzangebot entsprechen ungefähr einer Billig-Airline, üppig ist anders. Unbequem aber auch. Aktuell sind die Busse (noch) modern, sauber und geruchsfrei. Außerdem ist es schon sehr auffällig, dass die Busanbieter können, was die Bahn nicht kann – Snacks und Getränke zu wirklich günstigen Preisen anbieten. Angesichts der Flaschen und Schokoriegel ist es tatsächlich unnötig, sich vorher billig im Supermarkt einzudecken.

Bei meinen Touren waren die Busse nie voll belegt, in diesem Moment (von Karlsruhe nach München) sind circa zwei Drittel der Plätze voll, das ist Rekord. Es gab auch Fahrten, da waren gerade mal ein Dutzend Fahrgäste im Doppeldecker. So kann man sich oft auf zwei Plätzen breit machen.

Oberflächlich lassen es die Anbieter auch an Entertainment-Komfort nicht mangeln – mit Unterhaltungsangeboten auf dem eigenen kleinen Schirm und WLAN wird geworben. Aber darauf sollte man im Zweifelsfall kein Geld wetten – ich habe bisher noch auf keiner Fahrt einen zuverlässigen Internetzugang hinbekommen. Ich empfehle ein Laptop oder ein Tablet (natürlich mit Kopfhörern), um sich die Zeit zu vertreiben.

Klar habe ich im eigenen Auto mehr Komfort, bestimme die Geschwindigkeit und bin am Zielort flexibler. Aber zusätzlich zu den erheblich höheren Kosten muss ich konzentriert fahren und kann nicht nebenher Filme anschauen oder Blogbeiträge schreiben.

Ein paar Worte zum Publikum: sehr gemischt, was Altersklassen und soziale Schichten angeht. Viele preisbewusste Touristen aus dem Ausland (Amerikaner, Indonesier, Spanier), aber auch Wochenendheimfahrer und Fernbeziehungshälften. Keinen Deut lauter oder unangenehmer als bei der Bahn.

Und damit kommen wir zu einem der großen Probleme der Fernbuslinien, das ich oben schon angedeutet habe: Fernbusse benutzen die öffentlichen Verkehrswege. Und die sind tückisch. Ein Unfall, ein Stau, eine Sperrung – schon sind alle Fahrzeiten Makulatur. Bei einem Maximaltempo von 100 km/h kann man schon im Normalfall nur auf Ausnahmestrecken (z.B. Mannheim nach Nürnberg) mit der Bahn mithalten. Bei Fahrten zur Stoßzeit an Metropolen vorbei sollte man seine Termine nach der Ankunft nicht zu eng gelegt haben. Ich rechne mit einer Stunde möglichem Puffer. Braucht man nicht immer (ab und an geht es sogar schneller als geplant), aber so vermeidet man Wut und Stress.

Man sollte sich auch genau anschauen, wie lange ein Bus für eine Strecke braucht, weil das mitnichten von der Entfernung abhängt. So kann man von München nach Berlin in soliden sechs Stunden fahren, während man für die fast gleich lange Strecke von Düsseldorf nach München über zehn braucht. Warum? Weil der Bus aus der niederrheinischen Metropole unterwegs einen Haufen Zwischenstopps einlegt, während der Kollege aus München nur einmal eine kurze Pause macht.

Natürlich gehen auch mal Sachen schief, gerade heute zum Beispiel. Eigentlich sollte mein Bus um 16.05 Uhr gehen. Der fiel aber (vielleicht wegen Buchungsmangel) aus. Zumindest wurde die Streichung von FlixBus bestmöglich geregelt: Ich bekam gestern eine Email den relevanten Informationen und einer automatischen Umbuchung für 16.40 Uhr. Außerdem kam heute Vormittag noch eine SMS mit den gleichen Informationen. Das Problem: Um 16.40 war kein FlixBus auf der Südseite des Karlsruher Hauptbahnhofs zu sehen. Ich rief die Hotline an, die meine Nummer und damit meine Reiseabsichten erkannte. Der Computer sprach: „Ihre. Busfahrt. Um. 16.40. Uhr. Ist. Pünktlich.“. Um 16.50 Uhr. Als ein anderer FlixBus kam, bat ich den Fahrer um Hilfe. Er kontaktierte die Zentrale, von der die Information kam, dass der Bus weitere zehn Minuten Verspätung haben würde. Die Fernbusse haben halt keine Lautsprecher und interaktive Hinweistafeln. Aber wir landeten am Ende alle im richtigen Bus – auch ein älterer Herr, der keine Umbuchung hatte und dem ich half, auch mit dem „falschen“ Ticket an Bord genommen zu werden. Um 17.12 Uhr ging es dann los. Angesichts des Verkehrschaos rund um Karlsruhe zum Berufsverkehr verschmerzbar.

Wer unbedingt mit dem Fernbus fahren und dabei unbedingt so schnell wie möglich sein will, sollte eine Nachtfahrt buchen, die meistens besser durchkommt. Während ich das hier tippe, fahren wir auch schon bei Stuttgart-Degerloch in den zu dieser Zeit unvermeidbaren Stau. Andererseits: Mit meinem eigenen Wagen wäre mir das jetzt auch passiert. Außerdem habe ich bei der Deutschen Bahn ebenso oft genug Ausfälle, Verspätungen und Fehlplanungen erlebt. Da sollte man die Fernbusse nicht an zu hohen Maßstäben messen.

Ich habe für die Fahrt mit dem Regional-Express von Baden-Baden nach Karlsruhe und für die Fahrt mit dem Bus von Karlsruhe nach München insgesamt 18,10 Euro bezahlt.

Ist die Fernbusreise der Bahnfahrt vorzuziehen? Nein. Zumindest nicht generell. Wie üblich wird der billige Preis mit einem Defizit an Komfort und Zuverlässigkeit bezahlt. Für enge Termine oder wenn man es grundsätzlich sehr berechenbar mag, sollte man weiterhin auf die Schiene setzen.

Ist man aber etwas flexibel, ein klein wenig abenteuerlustig und liegt die Verbindung günstig, dann kann ich den Fernbus als weitere Option in Sachen Reisen durchaus empfehlen.

Es gilt wie in so vielen Dingen: Keiner muss. Aber es ist schön, dass man kann. Wenn man will.

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28
Juni 2016

Summer of SciFi: Electra Woman and Dyna Girl

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USA 2016. Regie: Chris Marrs Piliero. Darsteller: Grace Helbig, Hannah Hart, Andy Buckley, Christopher Coutts, Clayton Chitty u.a.

Story: Electra Woman und Dyna Girl sind seit Schulzeiten beste Freundinnen - und als Superheldinnen unterwegs. Dummerweise gibt es seit einem großen Sieg der vereinten Helden über das Böse kaum noch Arbeit für kostümierte Verbrecherjäger. Wer etwas werden will, lässt sich stattdessen von der Agentur CMM vermarkten. Als auch EW und DG unter Vertrag genommen und zur publizistischen Ausschlachtung aufgehübscht werden, kommt es zum Streit zwischen den Freundinnen: Dyna Girl will nicht immer in der zweiten Reihe stehen - und auch nicht als Sidekick bezeichnet werden. Und gerade jetzt taucht der erste Superbösewicht seit Jahren auf...

Kritik:
Hier braucht es ein wenig Background: "Electra Woman and Dyna Girl" war eine schauderhafte Kinderserie in den 70ern, völlig unguckbar, wenn man aus den Windeln schon raus war. Die beiden "Heldinnen" machten sich nicht mal die Mühe, ihre Superheldenexistenz irgendwie zu tarnen. Das Budget war unterirdisch, ein Fahrstuhl wurde mit flackernden Lichtern simuliert. Kein Wunder, dass es nur acht Episoden gab. Und ebenso wenig Wunder, dass es Leute gab, die diesen Schrott in den 80er und 90er Jahren zu Kult erklärten - irgendwann schreibe ich mal was zu diesem ekligen Trend, Dinge nostalgisch zu verklären, bloß weil man sich an sie erinnert.

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Wo ein Kult ist, ist ein Remake nicht weit. 2001 wurde eine neue Pilotfolge von "Electra Woman and Dyna Girl" produziert - als Sitcom. Die erstaunlich rüde und zynische Produktion wollte allerdings niemand sehen, weshalb man sie heute auf YouTube bewundern kann. Ich fand die Sitcom zwar etwas besser als die Original-Serie, habe mich aber damals schon gefragt. warum jemand das Remake zu etwas produziert, das er augenscheinlich verachtet.

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Und damit kommen wir zur 2016er-Fassung von EW und DG, produziert als Webserie mit Spielfilm-Plot. Und die Spielfilm-Version ist es auch, die ich mir angesehen habe. Man verzeihe mir, dass ich nicht so tief in der Materie stecke, aber die beiden Hauptdarstellerinnen sind wohl YT-Persönlichkeiten mit eigenen Webshows, die sich nun als Schauspielerinnen versuchen. Immerhin schlagen sie sich dabei (pun intended) besser als ihre deutschen Kollegen mit "Kartoffelsalat" und "Bruder vor Luder".

Erfreulicherweise ist "Electra Woman and Dyna Girl" als "echter" Film produziert worden und nicht als episodischer Mischmasch, auch wenn man durchaus noch merkt, dass alle paar Minuten ein Break gesetzt werden konnte. Darüber hinaus haben wir es aber mit einer "normalen" milden Superhelden-Parodie zu tun, deren Kern ein sehr oft durchgespieltes Szenario bildet: Erfolg droht, eine langjährige Freundschaft zu zerbrechen.

Der betriebene Aufwand ist dabei solide auf dem Niveau eines sauber produzierten Low Budget-Films oder eines TV Movies: Action, Kostüme und Spezialeffekte können sich sehen lassen, erzählerische wie technische Bäume werden allerdings nicht ausgerissen.

Letztlich setzt EW and DG voll auf das Interplay der beiden Hauptfiguren, was auf beiden Ebenen erfreulich gut funktioniert - Electra Woman und Dyna Girl beherrschen den mühelosen Schlagabtausch echter BFF's und Helbig und Hart können vielleicht keine Oscars gewinnen, haben aber einen sehr natürlichen Charme, der von viel Kameraerfahrung in den Social Media-Sphären zeugt. Helbig wirkt zeitweise wie eine etwas massenkompatiblere Variante von Tina Fey. Beide Darstellerinnen sehen in ihren Kostümen gut aus und treten auch ordentlich Arsch.

Natürlich muss die ganze Chose furchtbar "self aware" sein, Electra Woman versichert Dyna Girl gleich zu Beginn, ihre Arbeit mit CMM würde "sicher nicht zu einem Plot zweiter Freundinnen führen, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln und deshalb verkrachen". Es werden so ziemlich alle Superheldenklischees durch den Kakao gezogen, Fan-Conventions inklusive. Aber das bleibt im besten Fall harmlos, im schlimmsten Fall zahnlos - gerade der Geek-Zielgruppe mangelt es ja mitunter an der Fähigkeit, Sarkasmus nicht persönlich zu nehmen.

Die Verbindung zur Originalserie ist nur oberflächlich, es könnte hier genau so gut um "Starlight Princess und Justice Lass" gehen. Es bräuchte nicht mal Superheldinnen: Die Handlung könnte auch von Cheerleadern oder Hochzeitstorten-Bäckerinnen handeln, ohne nennenswert umgestrickt werden zu müssen.

So wandelt "Electra Woman and Dyna Girl" den schmalen Pfad zwischen Heldenverehrung und Selbstparodie, ohne sich wirklich für eine Seite zu entscheiden.

So what? Ich habe mich amüsiert, die knapp 90 Minuten gingen schnell rum und es hat durchaus seinen Reiz, mal eine Superheldenparodie aus der weiblichen Perspektive zu sein. Nicht jeder Comic-Film muss Blockbuster oder die zynische Negierung eines solchen sein. Und da sich viele aktuelle Heldenserien sowieso zu ernst nehmen, hat mir die knallbunte Fluffigkeit von "Electra Woman und Dyna Girl" prima gefallen.

Fazit: Launige, gagreiche und augenzwinkernde, wenn auch etwas vorhersehbare Parodie auf Superhelden und die Marketing-Maschine. Kann man zu hip und selbstreferenziell finden, muss man aber nicht.

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27
Juni 2016

Welcome to the neighborhood!

Es ist schön, wenn man seine Nachbarn kennenlernt. Nicht so schön, wenn das z.B. so abläuft.

Ich rollere in unsere Straße und stelle meinen Scooter 50 Meter neben unserem Haus ab, wo der Gehweg erheblich breiter ist und er im Winkel von Hauswand und Eckmauer keinen Platz weg nimmt.

Ich habe den Motor noch nicht aus, da tönt es aus dem vierten Stock: "Sie dürfen Ihren Roller da nicht hinstellen!". Ich schaue hoch - eine verkniffen wirkende ältere Dame hat mich abgepasst.

Da ich keinen verkehrsrechtlichen Grund sehe, meinen Roller dort nicht abzustellen (und keine Alternative), frage ich freundlich nach: "Sagt wer?"

Ihr Kopf verschwindet für ein paar Sekunden, dann ist sie wieder da: "Es ist verboten, da zu parken!"

Das hilft mir nicht weiter, also nochmal: "Sagt wer?"

Sie stockt, ruft dann triumphal: "Wir haben schon die Polizei gerufen!"

Man hätte mir ruhig sagen können, dass es hier noch Blockwarte gibt...

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27
Juni 2016

Liebes Mimikama: Der gefährliche Passwort-Unsinn

Es gibt kaum eine Webseite, die angesichts allgemeiner Medien-Unmündigkeit so wichtig ist wie Mimikama. Auch wenn Sascha Pallenberg das anders sieht - es ist leider nötig, die Leute wieder und wieder auf die immer gleichen und immer dummen Lügen, Gerüchte und Betrügereien im Netz aufmerksam zu machen. Weil sie wöchentlich wiederkehren - und wöchentlich wieder geteilt werden.

Mimikama ist wichtig. Mimikama dient der guten Sache. Mimikama steht auf unserer Seite. Das vorab.

Heute macht sich Mimikama allerdings in meinen Augen zum wiederholten Male genau der Sache schuldig, die man eigentlich anprangert - der Verbreitung gefährlichen Unfugs.

Es geht um die tausendfach geteilte Aufforderung, Kindern ein Passwort beizubringen, um sie vor dem "bösen Onkel" zu schützen.

Im Kern sind es solche Kettenbriefe, die in leicht variierender Form in den sozialen Netzwerken kursieren:


An Alle Eltern! – Bitte TEILEN!

Einen 8-jähriger Junge wurde von einem fremden Mann angesprochen, der meinte, er solle sofort mitkommen, es sei was passiert und seine Mutter hätte gesagt er solle ihn holen.
Darauf fragte der Junge nach dem PASSWORT!
Die Verwirrung des fremden Mannes nutze der Junge aus, um wegzulaufen.
Er hatte mit seiner Mutter ein Passwort ausgemacht, das als “Code” dienen sollte, falls sie jemals jemanden schicken würde, um ihn abzuholen, den der Junge nicht kennt.
Vielleicht hat das dem Jungen das Leben gerettet.
SO EINFACH – SO SIMPEL!!!

Bitte macht mit Euren Kindern auch ein “PASSWORT” aus!
Vielleicht macht es die Welt eurer Kinder ein wenig sicherer.


Ihr ahnt es schon - was "SO EINFACH – SO SIMPEL!!!" ist, ist selten auch so schlau.

Seit geraumer Zeit empfiehlt Mimikama diese Methode - mittlerweile erweitert um andere Sicherheitstipps für besorgte Eltern. Ich finde das bestenfalls albern, im schlimmsten Fall gefährlich, weil die so gepriesene "Passwort-Methode" Sicherheit suggeriert, die es nicht gibt.

Ich habe bestimmt schon ein Dutzend mal (durchaus mit Erfolg) in Kommentarspalten darauf hingewiesen, auf welchen Denkfehlern dieser Ratschlag basiert, aber weil ich nicht vorhabe, damit meinen Lebensabend zu verbringen, schreibe ich es nun hier auf.

Fangen wir mal mit dem Kettenbrief an:

"Darauf fragte der Junge nach dem PASSWORT!
Die Verwirrung des fremden Mannes nutze der Junge aus, um wegzulaufen."

Lassen wir mal außen vor, dass das völlige Fehlen von Orts- und Zeitangaben auf einen fiktiven Bericht schließen lässt: Ein Sexualstraftäter, der sich von einem Achtjährigen austricksen lässt? Der einem Achtjährigen nicht problemlos nachlaufen könnte? Wer soll diesen Unfug denn glauben?

Vor allem aber: So funktioniert das nicht. Nie im Leben.

Stellen wir uns für einen Moment mal vor, ich wäre ein Sexualstraftäter auf der Suche nach minderjährigen Opfern. Ich spreche in einer Gegend, wo gerade keiner so genau hinschaut, einen Jungen an:

"Komm schnell mit, deiner Mama ist was passiert! Ich soll dich zu ihr bringen!"

Der Junge ist schlau und hat gut aufgepasst:

"Was ist das Passwort?"

Bin ich dann verwirrt, überfordert, lasse ich den Jungen spontan ziehen? NEIN. Ich antworte z.B.:

"Das konnte sie mir nicht sagen, weil sie ohnmächtig geworden und ganz schlimm blutet! Komm mit!"

Oder:

"Das Passwort heißt Schnitzel."

Darauf der Junge:

"Stimmt ja gar nicht!"

Ich halte dagegen:

"Doch, deine Mama hat's doch gestern geändert - hast du denn wieder nicht zugehört?!"

Glaubt irgendjemand ernsthaft, dann wäre nicht der Junge, sondern der Sexualstraftäter überfordert? Es liegt in der Natur der Sache, dass man Kindern eine gewisse Vorsicht antrainieren kann - aber es fehlt ihnen die Reife, eine zunehmend komplexer werdende Stresssituation korrekt einzuordnen. Das Passwort schafft keine Sicherheit, sondern Unsicherheit, weil es dem Kind eine Verantwortung auferlegt, die es gar nicht komplett erfassen kann.

In meinen Augen liegt der Passwort-Methode der typische Trugschluss zu Grunde, man könne Kinderproblemen mit Erwachsenenlösungen begegnen. Aber so drollig und schlau die Kleinen auch sein mögen (IHR Kind ganz besonders, natürlich!) - sie können einer Person, die ihnen etwas Böses will, weder körperlich NOCH intellektuell nennenswert etwas entgegen setzen. Den Eindruck zu erwecken, mit einem Passwort wäre das zu ändern, ist brandgefährlich.

Das Problem hat Nebenaspekte, auf die ich gar nicht näher eingehen will, weil sie nicht so schwer wiegen wie der fatale Glaube an die falsche Sicherheit:

Was, wenn das Kind z.B. in einer Gefahrensituation tatsächlich von einer Autoritätsperson angesprochen wird, dieser aber - wie abgesprochen - nicht Folge leisten will?

Was, wenn das Kind das Passwort vergessen hat und sich hilflos und unsicher fühlt?

Schüren wir nicht eine statistisch vergleichsweise unbegründete Angst vor der Welt, erziehen wir nicht Heerscharen kleine Paranoiker, in dem wir selber glauben und unseren Kindern einreden, auf den Straßen würden nur potenzielle Sexualverbrecher herum laufen?

Für mich zählen darüber hinaus zwei Tatsachen:

Die meisten Missbräuche geschehen im Familien- und Bekanntenkreis, die übertriebene Sorge vor dem "schwarzen Mann" ist eine leichtsinnige Sozialmär.

Kinder sollen sich von Fremden GAR NICHT ansprechen/anfassen lassen, keine Fragen beantworten, sich sofort wegdrehen. Das Prinzip lautet "do not engage". The only winning move is not to play. Und genau DIESES Level an Interaktionskomplexität können sich Kinder merken.

Ich weiß, warum diese Meldung nicht totzukriegen ist. Weil Eltern Angst um ihre Kinder haben, und Angst ist irrational. Weil es unbequemer ist, sich klarzumachen, dass der sexuelle Missbruch vom Freund, Bruder, Onkel oder Lebensgefährten ausgehen könnte. Der fremde, abstrakte Sexualverbrecher ist eine bequeme, aber diffuse Bedrohung, die mit immer neuen Geschichten in den sozialen Netzwerken befeuert wird. Die "Passwort-Methode" verspricht Abhilfe, Sicherheit, Beruhigung - und dem Weiterleiter das Gefühl, ein guter Mensch zu sein.

Eine win/win-Situation.

Bloß nicht für die Kinder.

Und darum bitte ich Mimikama an dieser Stelle: Hört auf, diese Non-Lösung eines größtenteils Non-Problems zu verbreiten.

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26
Juni 2016

Summer of SciFi: Kill Command aka Identify

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England 2016. Regie: Steven Gomez. Darsteller: Vanessa Kirby, Thure Lindhardt, David Ajala, Deborah Rosan, Tom McKay u.a.

Offizielle Synopsis: Eine Eliteeinheit von Marinesoldaten wird für eine Routineübung auf eine weit abgelegene Insel abkommandiert. Die Technikspezialistin Mills, deren Gehirn mit einem Computer verbunden ist, begleitet die Mission. Auf der Insel merken die Soldaten schnell, dass die Übung alles andere als ein harmloses Training ist: Sie werden zu lebenden Zielscheiben für hochentwickelte militärische Kampfroboter. Nur Mills kann der Einheit helfen zu überleben - doch ist sie, wer sie vorgibt zu sein?

Kritik: Den hier habe ich mal wieder gar nicht kommen sehen - das ist zwar generell keine Überraschung (ich halte mich bei neuen Releases ja nicht anstrengend up to date), aber die Tatsache, dass eine so vergleichsweise aufwändige Produktion mir erst nach der deutschen Scheibenveröffentlichung unter die Augen kommt, ist verwunderlich. Von "Kill Command" (onscreen title: "Identify") hatte ich bis gestern nicht mal ein Poster gesehen.

Interessant ist, dass dieser Streifen viele strukturelle Ähnlichkeiten zu "Reconnoiter" aufweist - beide wurden mit limitiertem Cast in der englischen Provinz gedreht, beide beziehen ihre primären Schauwerte aus der kompetenten Darstellung futuristischer Hardware per CGI, beide handeln vom Kampf gegen außer Kontrolle geratenes Kriegsgerät.

Vorab: Was ich nun schreibe, ist wahr, aber unfair - angesichts der Tatsache, dass "Kill Command" vermutlich das zehnfache Budget von "Reconnoiter" hatte. Dennoch: "Kill Command" unterscheidet sich von "Reconnoiter" hauptsächlich dadurch, dass er fast alles richtig macht.

Hier ist die Landschaft nicht einfach dröge abgefilmt, sondern wirkt wie ein bedrohlicher Schauplatz, ein gerneriertes Environment für die letzte Schlacht zwischen Mensch und Maschine. Obwohl Wald und Feld das vertraute Terrain des Menschen sind, scheinen sie sich mit dem Gegner gegen ihn zu verbrüdern.

Wo "Reconnoiter" hauptsächlich aus rumsitzen, rumstapfen und verstecken besteht, weiß "Kill Command", dass Action ein unverzichtbares Element eine Action-SF-Films ist und gönnt uns eine Truppe Marines, die mit hoch gezüchteten Waffen wild in der Gegend herum ballern - zu wummerndem Sound und mit pfeifenden Projektilen. Hier trifft "Aliens" auf "Predator", winkt "Starship Troopers", während im Hintergrund "Gunhed" respektvoll den Daumen hebt. Ein Film für Jungs.

Und dann die CGI - Mann, diese CGI. Klar, es ist nicht revolutionär, weil es kaum möglich ist, im Bereich futuristische Action noch etwas Revolutionäres auf die Beine zu stellen, aber DIESE Qualität in Sachen animierte Kampfmaschinen kennen wir bisher eigentlich nur von Big Budget-Produktionen wie "Edge of Tomorrow". Leider konnte ich nicht heraus finden, wie viel Geld die Produktion zur Verfügung hatte - verschiedenen Quellen zufolge soll es aber eher weniger als mehr gewesen sein. Und dafür wird hier wirklich absolute Oberliga abgeliefert:

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Dabei ist die CGI nicht auf ein paar "beauty shots" beschränkt, mit denen man den Trailer bestückt. Von der ersten bis zur letzten Minute ist "Kill Command" förmlich getränkt in absolut authentischer, unaufdringlicher Computergrafik, die erheblich dazu beiträgt, das Szenario so glaubwürdig wie spannend zu halten.

Ihr ahnt, was jetzt kommt: Natürlich muss ein Low Budget-Film, der primär als Showcase für Effekte dient, diese auch bedienen. Und natürlich müht sich gerade ein Effektexperte, der erstmals einen Spielfilm schreibt und inszeniert, mit den dramaturgischen Feinheiten einer Geschichte, die primär aus "ballern, bis keiner übrig ist" besteht.

Und da stolpert "Kill Command" dann auch. Er investiert am Anfang zu wenig Zeit, um uns die Figuren so präzise vorzustellen, dass uns ihr Scheitern im Verlauf des Film wirklich schert. Während Cyborg Mills noch relativ gut zwischen Pflicht und Verantwortung oszilliert und damit einen emotionalen Bogen besitzt, bleiben die Marines komplett Kanonenfutter - was umso ärgerlicher ist, da die Darsteller mit dem wenigen, was man ihnen anbietet, durchaus glänzen können.

kill comand

Auch der Vorwärtsdrang des Films stottert immer wieder: Zwischen den Actionszenen sackt die Spannung weg, wird immer wieder fünf Minuten Zigarettenpause gemacht. Start, Stopp, Start, Stopp. Da müsste mehr Drive rein, eine Eskalation des Einsatzes. Es bleibt einfach zu vage, was der zentrale Konflikt ist, um was es geht. Ich sage das nicht oft: "Kill Command" ist einer der Filme, denen etwas MEHR Exposition gut getan hätte.

Nichtsdestotrotz ist es selten genug, dass aus der Low Budget-Ecke ein so kompetenter und schön anzusehender Kracher kommt, deshalb werden die Defizite an dieser Stelle verziehen und die Empfehlung ausgesprochen.

Fazit: In Kameraführung, Schauspielerei, Sound und vor allem Effekten erstaunlich fette Militaria-SF, die trotz viel Action nicht ausreichend in die Gänge kommt und letztlich mehr beeindruckt als befriedigt. Aber im Lande der Asylums ist jeder "Kill Command" der König, verstehste?

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25
Juni 2016

Watching (13): Micro Men, Kindergarten Cop 2

Micro Men

Anfang der 80er Jahre hatten die Briten im heimischen Computermarkt mit Marken wie Amstrad, Acorn, und vor allem Sinclair die Nase vorn. Der TV-Film von 2009 thematisiert die Konkurrenz von Clive Sinclair und seinem ehemaligen Mitarbeiter Chris Curry, der Acorn gründete. Da ich in der fraglichen Zeit ein echter Homecomputer-Enthusiast war, interessierte mich diese fiktionalisierte Aufarbeitung naturgemäß mehr als die diversen Filme über Steve Jobs.

Leider versagt „Micro Men“ auf ganzer Linie, weil er letzten Endes nur eine Reihe von Schlagzeilen fiktional umsetzt, ohne jemals glaubwürdig in die Köpfe der Figuren zu schauen oder die Mechanismen der Branche zu entlarven. Alles ist Oberfläche, jeder gezeigte Konflikt wäre bei einem Bier im Pub lösbar – und genau so endet der Film dann auch.

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Aber „Micro Men“ schafft dann noch den Abstieg vom seelenlosen TV-Film zur Farce, wenn er Sir Clive Sinclair als neurotischen, cholerischen Idioten darstellt, der noch dazu von Alexander Armstrong in einer katastrophal unglaubwürdigen Maske dargestellt wird. So stelle ich mir die Figur eher in einem Benny Hill-Sketch vor. Statt mit Latex und Perücke an der exakten Äußerlichkeit zu feilen, hätte man lieber versuchen sollen, die Essenz des Charakters darzustellen. Und damit ist dieser Aspekt auch eine perfekte Analogie für das Scheitern des gesamten Film.

 

Kindergarten Cop 2

Niemand, wirklich niemand hat sich eine Fortsetzung der Arnold Schwarzenegger-Komödie „Kindergarten Cop“ gewünscht. Aber das Label Universal 1440 ist darauf spezialisiert, billige Scheiben-Sequels zu Kinoproduktionen zu liefern und man hatte die Lizenz wohl gerade brachliegen. Weil Schwarzenegger erwartungsgemäß nicht mal in einem Cameo den Rest seines Marktwertes verbrennen möchte, muss Dolph Lundgren ran – der freut sich vermutlich, endlich mal wieder in Anzug und Krawatte agieren zu dürfen. Drei Wochen Dreharbeiten ohne Explosionen an jeder Ecke – ist doch auch schön.

Leider ist „Kindergarten Cop 2“ so ziemlich die eier- und einfallsloseste Ausschlachtung einer existierenden Lizenz, die ich seit langem gesehen habe. Es ist eine Neuerzählung von „Kindergarten Cop“ auf dem untersten Niveau, mit wenig Geld und wenig Gags schlampig hingerotzt. Der gesamte Plot dreht sich um den ältesten McGuffin der Welt – angeblich furchtbar wichtige Daten, die gefunden werden müssen. In den 70ern war so was eine Akte, in den 80ern eine Diskette, in den 90ern eine CD – heute ist es ein USB-Stick. Die Bemühungen um den Stick sind dabei überschaubar, die Gags rund um die kleinen Racker, mit denen Dolph sich abmüht, ebenfalls. Träge und ohne wirkliche Begeisterung schleppt sich der Film über die Laufzeit, ohne auch nur eine tatsächliche Emotion zu bedienen. Kein Film – Füllmaterial.

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Wie „Micro Man“ schafft es „Kindergarten Cop 2“ allerdings, durch ein einziges Detail noch eine Stufe tiefer zu steigen. Hier ist es Product Placement. Der Schokoriegel Twix wird derart penetrant immer wieder beworben und in die Kamera gehalten, dass man unterstellen muss, dass Mars 80 Prozent des Budgets zugeschossen hat. Kann einem eigentlich wurscht sein, mich nervt es allerdings massiv.

Ich bin mit Universal 1440 aber damit noch nicht fertig - schließlich kommt demnächst aus dem gleichen Haus "Hard Target 2" mit Scott Adkins:

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24
Juni 2016

Brexit: Going, going, gone.

Meine Frau hat mich mit der Nachricht geweckt: "Die Briten sind draußen".

Unfassbar. Brexit.

Streit mit der Türkei, neuer kalter Krieg mit Russland, Nordafrika instabil, die Chance einer Trump-Präsidentschaft - was passiert mit der Welt?! Wir waren doch schon so viel weiter...

Treten die Schotten aus dem United Kingdom aus? Soll man Pfund horten? Premierminister Boris Johnson? Was denkt die Queen? Keep calm and carry on?

Das ist nicht mein Europa. Ich habe keine Antworten, nicht mal Ideen. Heute ist hier Pause.

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23
Juni 2016

Watching (12): He never died, Zootopia

He never died

Dass Rock-Poet Henry Rollins das Charisma und den Look für eine Filmkarriere hat, gilt als Binsenweisheit. Trotzdem hat er sich bisher nur in kleineren Rollen und in kleineren Filmen sehen lassen. „He never died“ ist ihm dagegen so sehr als Hauptrolle auf den Leib geschrieben, dass man unterstellen darf, dass er hier eine mythologisierte Version von sich selbst spielt. Er ist Cain, also Kain, der aus der Bibel. Nie gestorben, lebt er als eine Art depressiver Highlander in seiner runtergekommenen Bude und hat nach ein paar Tausend Jahren und Dutzenden von Berufen keine Idee mehr, wie er sich die Zeit vertreiben soll. Vor allem hat er von den Menschen die Nase voll – was sich erst ändert, als er seine Tochter trifft, die ihm mit pubertärer Gewalt wieder ins Leben zerren will.

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„He never died“ bemüht sich zwar, so etwas wie eine Handlung aufzubauen (Cains Tochter wird entführt, er bekommt es mit Gangstern zu tun), aber das ist nur eine schwache Anbiederung an die Publikumserwartung. Letztlich lebt Rollins als Cain anderthalb Stunden lang Askese vor, Isolation, das Leid des Intellekts an der tumben Welt. Er ist ein Beobachter, der die Menschheit so gut kennt, dass er sie endgültig nicht mehr versteht. Aus seiner autistischen Sicht sehen wir Fragmente einer Zivilisation aus ewiger Nacht, kleinen Kneipen und kleinen Zielen. Cain weiß, wie sinnlos das alles ist – und will sich eigentlich auch nicht mehr involvieren. Das ist mehr ein filmischer Essay, ein lang gezogenes Musikvideo ohne Soundtrack als ein klassischer Genrefilm. Rollins ist als Schauspieler auch tatsächlich mehr Charisma als Talent. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein breites Publikum begeistern kann.

Aber was soll ich sagen? Mir hat er gefallen, und sei es nur als Abwechslung zu den gelackten, perfekt ausbalancierten und emotional manipulativen Blockbustern, die sonst über meinen Bildschirm laufen.

Zootopia / Zoomania

Wo wir gerade bei gelackten, perfekt ausbalancierten und emotional manipulativen Blockbustern sind – „Zootopia“ (in Deutschland „Zoomania“) ist so einer. Gerade als Drehbuchautor kann man jeden Plotbeat förmlich leuchten sehe, jeden Character Arc jeder Nebenfigur, die Heldenreise ist in einem Maße offensichtlich, dass man daraus nicht nur ein Lehrbuch machen könnte – man sieht regelrecht das Lehrbuch, aus dem sie entnommen wurde. Hier ist nichts Zufall, nichts kreatives Wagnis oder einfach sympathische Kuriosität. „Zootopia“ ist ein Reißbrett-Blockbuster, dessen Professionalität an Bayern München erinnert und an Tiger Woods (vor dem Sex-Skandal), an McDonalds und Porsche.

Und es ist deshalb und dennoch ein grandioser, bezaubernder und für die ganze Familie nicht nur tauglicher, sondern wertvoller Film, der seine Message gleichzeitig penetrant UND unaufdringlich präsentiert. „Zootopia“ ist vollgestopft mit entzückenden Charakteren, großen und kleinen Gags, Feuerwerk für die Augen und Jauchzer fürs Herz. Mühelos begeistert er nicht nur Kinder, sondern webt eine Noir-Krimistory in die bonbonbunte Welt, die auch Erwachsene mitreißt. Man muss die Disney-Maschine nicht mögen – aber man kann auch nicht bestreiten, dass sie läuft wie geschmiert. Und wie bei „Oben“ und „Findet Nemo“ darf man anerkennend feststellen, dass hier nicht einfach „der Mutigste gewinnt“, sondern dass Rasse, Geschlecht und/oder körperliche Gebrechen keine Rolle spielen, wenn man an sich glaubt. Das ist vielleicht nicht wahr, aber glaubenswert.

Weil es tatsächlich interessant sein kann, der Perfektion von „Zootopia“ mit gesundem Sarkasmus zu begegnen, präsentiere ich euch hier mal nicht den normalen Trailer, sondern den „honest trailer“:

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23
Juni 2016

Summer of SciFi: Absolutely Anything

Absolutely Anything-thumb-300xauto-58619England, USA 2016. Regie: Terry Jones. Darsteller: Simon Pegg, Kate Beckinsale, Robin Williams (Stimme), Joanna Lumley, Rob Riggle, Eddie Izzard

Offizielle Synopsis: In den Weiten einer entfernten Galaxy hat ein fieser Pulk Aliens beschlossen, den Planeten Erde samt seiner Bewohner ein für alle mal zu vernichten. Bevor Derartiges angeordnet werden kann, muss jedoch den Einwohnern des betreffenden Planeten die Chance gegeben werden, sich noch einmal zu beweisen - so verlangt es das Gesetz. Ein Wesen soll per Zufall ausgewählt und mit außerordentlichen Kräften ausgestattet werden. Dass die Wahl ausgerechnet auf den desillusionierten Lehrer Neil im Londoner Norden fällt, könnte sich als fatal für die Menschheit erweisen. Es dauert eine Weile, bis Neil klar wird, dass er nun im Besitz der Macht ist, einfach alles zu tun und jeden Wunsch Realität werden zulassen  - und es dauert noch länger, bis diese Macht halbwegs unter Kontrolle gebracht ist, sprich: jeder Wunsch so präzise formuliert ist, dass unerwünschte Nebenwirkungen ausbleiben. Und so versucht er zunächst das Herz seiner schönen Nachbarin Catherine zu gewinnen und schlittert von einer bizarren Situation in die nächste...

Kritik: Wer sich in der SF-Geschichte auskennt und die Inhaltsangabe liest, der ahnt, woher sich Ex-Python Terry Jones die Idee geliehen hat:

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Außerdem ist "Absolutely Anyting" natürlich eine Variante von "Bruce Almighty" - in Deutschland heißt er ja auch "Zufällig allmächtig".

Aber es ist gar nicht nötig, diese federleichte Komödie mit zuviel Ballast zu behängen - die Vorgänger sind unwichtig, das fertige Produkt steht sicher auf eigenen Beinen. Simon Pegg spielt den patentierten Underdog mit der bildhübschen Nachbarin, nutzt seine neue Kräfte zur Besserung der eigenen Situation, nur um am Ende zu begreifen, dass Glück keine Frage von Allmacht ist - und Liebe schon gar nicht.

Zugegeben, im Vergleich zu "Approaching the Unknown" und "Reconnoiter" ist das wirklich keine "harte" SF und die Wells-Vorlage beruft sich auf Gottheiten, nicht auf Außerirdische als "deus ex machina" - aber Science Fiction ist ein großer Sack, in den man viele verschiedene Subgenres stopfen kann. Und wenn ich einen "Summer of SciFi" feiere, brauche ich zum Erhalt meines gesunden Menschenverstandes die Abwechslung.

"Absolutely Anything" macht es dem Zuschauer sehr leicht - hier sind wirklich nur sympathische Figuren unterwegs, selbst die "Bösen" sind eher schräg als wirklich eeevil. Aus dem Gimmick der Wunderwünsche lassen sich viele hübsche Sketche zimmern und man darf auch mal nostalgisch seufzen, wenn die überlebenden Pythons das intergalaktische Konzil sprechen oder Robin William in einer seiner letzten Darstellungen den Hund Dennis. Die zentrale Liebesgeschichte von Neal und Catherine mag keine Bäume ausreißen, ist aber ausreichend pärchentauglich erzählt.

Obwohl es in diesem Rahmen nicht nennenswert wichtig ist, sind sogar die Spezialeffekte überzeugend (und kurioserweise komplett aus China).

Müsste ich mäkeln, wären das höchsten Kleinigkeiten: So scheut sich der Film, auch nur ansatzweise echtes Drama zu erzählen. Keiner der Konflikte ist substanziell, was ihm etwas den emotionalen Impact nimmt. Man muss bereit sein, seinen Figuren weh zu tun, sie in Gefahr zu bringen - das fehlt hier ein wenig. Der Monty Python-Biss, so präsent noch in "Ein Fisch namens Wanda", hat sich bis auf winzige Details verflüchtigt. Und einige der an sich hübschen Nebenstränge werden in der zweiten Hälfte des Films vergessen - so verschwinden sehr drollige Figuren wie Eddie Izzard als bärbeißiger Schuldirektor und Joanna Lumley als bissige Buchrezensionistin einfach. Da wäre etwas mehr "Aufräumarbeit" im Finale hilfreich gewesen.

Nichtdestotrotz: Als verspielte Effektkomödie mit dem Herz am rechten Fleck taugt "Absolutely Anything" allemal. Warum der Film international gefloppt ist und nicht mal 5 Millionen Dollar eingespielt hat? Keine Ahnung. Er ist nicht schlechter als viele andere romantische Komödien, aber durchaus besser als so einige. Langsam habe ich das Gefühl, dass der Versuch, britische Komiker als romantic leading men zu etablieren, eine Sisyphos-Arbeit ist (siehe neben Simon Pegg auch Ricky Gervais und Martin Freeman).

Fazit: Sehr sympathische, gut getrickste und gespielte romantische Komödie mit SF-Aufhänger, die ein wenig mehr Gewicht vertragen könnte und etwas mehr Sorgfalt bei der Auflösung der diversen Subplots.

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