6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (45): Among the Living

Aux-yeux-des-vivants-posterFrankreich 2014. Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury. Darsteller: Anne Marivin, Béatrice Dalle, Chloé Coulloud, Damien Ferdel, Fabien Jegoudez, Francis Renaud, Nicolas Giraud, Sidwell Weber, Théo Fernandez, Zacharie Chasseriaud

Offizielle Synopsis: Der letzte Sommertag vor den Ferien. Eigentlich wartet nun draußen vor dem Fenster das große Abenteuer auf Victor, Dan und Tom – zu dumm, dass die drei Freunde nicht gerade Musterschüler sind und ausgerechnet heute nachsitzen müssen. Flugs wird jedoch ein Fluchtplan geschmiedet, und nur wenig später sind die Jungs unterwegs über sonnenheiße Wiesen und Felder, hin zu dem alten verfallenen Studiogelände, dessen marode Attraktionen einen aufregenden Nachmittag versprechen. Ihr unbeschwertes Spiel findet ein jähes Ende, als die Drei plötzlich zu Zeugen eines grausamen Verbrechens werden. Im Schatten der verlassenen Bauten lauert etwas unsagbar Böses, ein unheimliches Phantom, das den Jungs auf ihrer panischen Flucht bis nach Hause folgt. Und hier erst, im vermeintlichen Schutz ihrer Familien, beginnt mit Einbruch der Nacht für Kinder und Eltern ein blutiger Kampf ums Überleben …

Kritik: Ich muss gestehen, dass ich im Subgenre “Französischer Terrorfilm” nicht sonderlich “drin” bin. Es ist mir zwar durchaus zu Ohren gekommen, dass aus unserem Nachbarland in den letzten Jahren ein paar beinharte Folterthriller gekommen sind, aber wirklich beschäftigt habe ich mich damit nie. Es ist ja bekannt, dass ich es mit Streifen in denen Leute mit sadistischer Freude gequält werden, nicht so habe.

Darum konnte ich “Among the Living” auch relativ “frisch” sehen, ohne ihn mit den Vorgängern vom gleichen Team, “Livid” und “Inside”, zu vergleichen. Zu dem Thema gab es nach der Vorstellung auch lebhafte Diskussionen.

Dass die Regisseure ihr Handwerk verstehen, daran besteht kein Zweifel: “Among the living” erzählt ebenso kompetent eine Coming of Age-Geschichte wie eine brutale “Home Invasion”, spielt mit Elementen von “Texas Chainsaw Massacre” und “Stand by me”, wechselt flüssig von “Die Drei Fragezeichen und das Geheimnis der verlassenen Westernstadt” zu “High Tension”.

Das ist aber auch leider das Problem: Während die Elemente für sich genommen funktionieren, greifen sie leider nicht ineinander. Statt EINE Coming of Age-Geschichte oder EINEN Home Invasion-Thriller zu drehen, wollen Bustillo und Maury alles in einem Kochtopf verrühren. Und das kann nicht funktionieren.

Schauen wir uns dazu nur mal kurz den Ablauf des Films an:

1) Brutales Intro der Antagonisten
2) “Stand by me”-Einführung der drei Schuljungen
3) “Die drei Fragezeichen und das Geheimnis der verlassenen Westernstadt”
4) “Home Invasion” (drei Episoden)
5) “Texas Chainsaw Massacre”, “The Hills have eyes”

Das ist zuviel und in den einzelnen Elementen dann doch wieder zu wenig.

Hinzu kommt, dass Monsterkind Klarence keine wirklich glaubwürdige Kreation ist. Seine Herkunft wird geradezu absurd unglaubwürdig transportiert und seine Kräfte sind ebenso fragwürdig wie überzogen, was “Among the living” fast schon ins nächste Genre “okkulter Killer” schubst. Irgendwann geht dann auch dem geduldigsten Zuschauer die Lust am Richtungswechsel aus.

Nun sollte man einem Film nicht vorwerfen, dass er zuviel will – es gibt mehr als genug Filme auf dem FFF, die zuwenig wollen und selbst daran scheitern. Aber letztlich wirkt “Among the living” bei aller handwerklichen Expertise einfach nicht homogen und torpediert sich damit selbst.

mitteFazit: Ein exzellent inszenierter und mit potenten Schocks ausgestatteter Hardcore-Thriller, der sich aber weder für ein Subgenre noch für ein Suspenselevel entscheiden kann und letztlich an den tonalen Diskrepanzen leidet.

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6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (44): Housebound

HB POSTER FINAL_BLEED_3Neuseeland 2014. Regie: Gerard Johnstone. Darsteller: Morgana O’Reilly, Rima Te Wiata, Glen-Paul Waru, Cameron Rhodes

Offizielle Synopsis: Kylie kann das augenscheinlich verfluchte Haus ihrer Mutter leider nicht verlassen, da ein Richter sie zum Tragen einer elektronischen Fußfessel verdonnert hat. Der Grund dafür ist der misslungene Versuch, einen Geldautomaten zu knacken. Übler gestraft als mit Einzelhaft sitzt sie nun also wieder in ihrem alten Kinderzimmer fest, wird tagsüber von ihrer nörgelnden Mutter und einem schleimigen Seelenklempner traktiert, während ihr nachts unerklärliche Ereignisse den Schlaf rauben. Könnten Kylies entnervte Blicke töten, wäre hier bereits nach 20 Minuten niemand mehr am Leben.

Kritik: “Housebound” ist ein schönes Beispiel, dass letztlich alles wiederkommt. Der Erwachsene, der widerwillig wieder bei den nervigen Eltern ins verspukte Haus einziehen muss? Hatten wir vorgestern erst in “Surburban Gothic”. Die elektronische Fußfessel, die verhindert, dass die Protagonistin vor den Geistern fliehen kann? War auch schon der Aufhänger von “100 Feet” 2008.

Ich hatte zu “Suburban Gothic” ja geschrieben, dass der Film sich im Zweifelsfall für softe Comedy statt für harten Terror entscheidet. “Housebound” ist hingegen wild entschlossen, sich auf keinen Kompromiss einzulassen und beide Genres gleichwertig zu bedienen. Das ist gar nicht so einfach, denn eine überzogene Figur, über die wir lachen können, muss gleichzeitig realistisch genug sein, dass wir uns um sie Sorgen machen.

Und das gelingt. Prächtig sogar.

Schon die Ausgangssituation ist ein Highlight: Kylie hat die Rebellion der Pubertät gegen ihr spießiges Elternhaus ins Erwachsenenleben gerettet – und ist “am System” gescheitert. Und am eigenen kriminellen Unvermögen. Hausarrest daheim ist für sie schlimmer als jeder Knast, denn der Stiefvater ist ein tumber Eigenbrötler und die Mutter eine plappernde Nervensäge. Mehr noch: Kylie muss sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, den Wurzeln ihres aktuellen Dilemmas. Damit sind die Grundkonflikte vorprogrammiert – und Regisseur Johnstone melkt sie, bis es im Euter nur noch trocken raschelt.

Während “Suburban Gothic” sich damit begnügt, die Klischee des Geisterfilms abzuhaken (vergangenes Unrecht, symbolischer Gegenstand, Seelenfrieden), schläft “Housebound” einen Haken nach dem anderen, lässt seine Protagonisten falsche Schlüsse ziehen und neue Hinweise finden. Während viele Filme auf dem FFF ihre 100+ Laufzeiten durchaus um 10 bis 20 Minute hätten rasieren können, tragen Witz und Einfallsreichtum “Housebound” tatsächlich locker über 109.

Ganz elementar ist dabei, dass auch die Gruselatmosphäre und die Schockeffekte sitzen. Natürlich verhindert die Auflockerung durch Humor und Slapstick, dass durchgehende Spannung wie bei “Let us prey” entsteht, aber wenn “Housebound” die Küchenmesser auspackt, dann haben wir Angst um Kylie und ihre Mutter – und so mancher “Buh!”-Effekt funktioniert besser, als man sich eingestehen möchte.

Schön, auf der Zielgeraden des Festivals noch mal so eine Perle zu entdecken.

hochFazit: Eine außerordentlich witzige, einfallsreiche und gut gefilmte Horror-Comedy, die bei der Balance vom Gags und Grusel nie einen falschen Schritt macht und als echter Crowdpleaser zum Pflichtprogramm des FFF 2014 gehört.

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6
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (43): In Darkness we fall

In darkness we fallSpanien 2014. Regie: Alfredo Montero. Darsteller: Eva Garcia-Vacas, Jorge Paez, Marcos Ortiz, Marta Castellote, Xoel Fernandez

Offizielle Synopsis: “Das hier wäre perfekt für einen Film. Fünf Leute gehen irgendwo rein und keiner kommt lebend wieder raus”, lacht einer aus der Gruppe junger Urlauber noch, bevor er und seine Freunde sich in der dunklen Höhle verlaufen, die sie eines Morgens neben ihrem Zeltplatz entdecken. Dass er damit genau ins Schwarze getroffen hat, ist schon nach der gelungenen Eröffnungssequenz klar. Spätestens aber, wenn die Gruppe immer tiefer in die klaustrophobische Enge der Höhle kriecht, Angst und Anspannung den Abenteuerausflug zum Alptraum werden lassen. Dehydriert und entkräftet sieht sich die Gruppe bald den Grenzen der eigenen Kraft und Moral ausgesetzt.

Kritik: 80 Minuten in einer Höhle auf Formentera – und nun ist mir schlecht. So richtig. Nicht, weil der Film nichts taugte. Ich kann nur halt nicht auf die Wackelkamera. Hatte ich ja bei „Taped“ schon erwähnt. Körniges Geschwenke auf der großen Leinwand treibt mir den Kaffee wieder die Speiseröhre hoch. Nicht angenehm. Glücklicherweise habe ich eine halbe Stunde bis zum nächsten Film, um durchzuatmen.

Es ist Segen und Fluch zugleich, wenn man vorher absichtlich das Programmheft nicht liest. Dadurch erlebt man positive Überraschungen, aber eben auch ein paar Rohrkrepierer. Hättte ich gewusst, dass „In Darkness we Fall“ wieder nur einer dieser „Gruppe mit Videokamera gerät in der Pampa in Lebensgefahr“-Filme ist, hätte ich ihn vermutlich ausgelassen.

Nun klingt das bis hierher eher nach Rohrkrepierer, aber mitnichten: Auch wenn „In Darkness we fall“ sicher keine großen Ambitionen hat und der Videolook für die Leinwand absolut ungeeignet ist, kann Regisseur Montero zumindest mit einer soliden Spannungskurve überzeugen und mit einem guten Verständnis für die Mechanismen, denen eine Gruppe in einer Extremsituation unterliegt. Er zeigt, wie leicht man in so eine Situation kommt, wie schnell die Stimmung umschlägt – und wie zerbrechlich der menschliche Körper, der menschliche Geist und die menschliche Moral sind, wenn es mal ans Eingemachte geht.

Obwohl der Film aus wenig mehr als zunehmend hysterischem Gerenne und Gekrieche in dreckigen Gängen besteht, drückt er allemal die richtigen Knöpfe.

Kurzum: Im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten funktioniert „In Darkness we fall“. Und ich nerve euch wieder mal mit der häufig gestellten Frage, warum der deutsche Genrefilm nicht mal DAS schafft: Fünf Leute, eine Digi-Camera und Pauschalurlaub auf Ibiza wären alles, was es braucht. Zuviel verlangt?

mitteFazit: Ein No Budget „Found Footage“-Film, der zwar keine bahnbrechend neue Story erzählt oder neue Ideen aufbereittet, aber den „kleinen Terror“ des misslungenen Höhlenausflugs emotional und dramaturgisch folgerichtig einfängt.

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5
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (42): Suburban Gothic

Suburban gothicUSA 2014. Regie: Richard Bates jr. Darsteller: Matthew Gray Gubler, Kat Dennings, John Waters, Jeffrey Combs, Barbara Niven, Ray Wise, Sally Kirkland

Offizielle Synopsis: Der sympathische Tagträumer Raymond hat zwar gerade das College erfolgreich beendet, aber mit einem Job sieht es mau aus. Also muss der Mittzwanziger notgedrungen die Großstadt hinter sich lassen und wieder ins kleinstädtische Spießeridyll zu den stetig nörgelnden Eltern ziehen. Dort erwarten Raymond nicht nur dieselben alten Loser und Bullies, die seine Schulzeit zur Hölle machten, sondern auch die geisterhaften Schreckensvisionen, die ihn als Kind bereits quälten. Als Bauarbeiter auf dem Grundstück einen alten Sarg ausgraben und bald darauf unerklärliche Ereignisse die kleine Stadt befallen, bleibt ihm keine Wahl: Zusammen mit der reichlich selbstsicheren Barkeeperin Becca stellt sich Raymond einem jahrhundertealten Fluch …

Kritik: Lasst euch von dem punkigen Poster und dem Titel und der Nebenrolle von John Waters nichts vormachen – an “Suburban Gothic” ist nichts subversiv oder düster. Was Raymond als Hölle begreift, ist kostenfreie Kost & Logis, die mit der Forderung verbunden ist, sich zum Abendessen die Hände zu waschen.

“Suburban Gothic” ist mit seinem Fokus auf Dialogwitz und überzogenen Figuren strukturell eher der Sitcom verwandt als dem Gruselfilm und in der Tat könnte es sich hierbei auch um die spielfilmlange Halloween-Episode einer Serie wie “My name is Earl” handeln. Raymond ist ein sympathischer Slacker, der sich nicht an Spießer-Suburbia verkaufen will, mit Becca eine unangemessen scharfe Mistreiterin findet und am Ende das Scooby Doo-Mystery des verschwundenen Amuletts aufklärt. Dazu passt, dass der Epilog weitere Episoden schließen lässt. So gesehen könnte “Suburban Gothic” sogar von vorne herein als “backdoor pilot” geplant gewesen sein.

Ist das schon inhaltlich “genre light”, so werden auch bei der Umsetzung keine großen Pinsel geschwungen. Es ist alles schön bunt, es gibt ein paar einfallsreiche Überblendungen, aber wirklich Atmosphäre kommt nicht auf und die CGI-Effekte sind mit “rudimentär” noch höflich umschrieben. Hippe Hektik ist Ziel, nicht Spannung oder Gänsehaut.

Das klingt jetzt alles relativ negativ, aber so meine ich das gar nicht. Die Darsteller sind durchaus sympathisch, es gibt einige Kult-Cameos, die Gags sitzen. Er hängt sich nicht sklavisch an sattsam bekannte Vorbilder. Das wenige, was “Suburban Gothic” sich vornimmt, schafft er auch – und ist damit den meisten Festivalkollegen weit voraus.

hochFazit: Eine launige spielfilmlange Sitcom mit gut gelaunten Darstellern in schrägen Rollen, deren Horrorelemente nur Vorwand sind, Anekdoten aus “whacky suburbia” zu erzählen. Braver, als es sein will – aber auf federleichte Art unterhaltsam, was zur Mitternacht ein klarer Pluspunkt ist.

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5
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (41): Patch Town

Patch-Town-WebKanada 2014. Regie: Craig Goodwill. Darsteller: Rob Ramsay, Zoie Palmer, Julian Richings, Suresh John, Scott Thompson, Ken Hall

Offizielle Synopsis: Was haben Kohlbeete mit menschlichem Nachwuchs zu tun? Das lernt in Russland jedes Kind: Von wegen Storch, auf Feldern wachsen die kleinen Babys, umhüllt von Kohlblättern. Doch nur die Zwangsarbeiter in Yuris Spielzeugfabrik sind mit der grausigen Realität vertraut. Dies ist kein Kindermärchen! Tagein tagaus müssen sie die nackten Schreihälse aus dem Gemüse herausrupfen und zu Spielzeugpuppen schockfrieren. Mit diesen Püppchen spielen Jungen und Mädchen dann im ganzen Land Vater, Mutter, Kind. Auch Yuris Leibeigene waren einst solche Puppen, bis die Heranwachsenden sie achtlos aussortierten und sie vom geschäftstüchtigen Bonzen zur Zweitverwertung reanimiert wurden. Nur können sie sich nicht daran erinnern. Einzig dem sanftmütigen Jon blitzen noch Bilder von seiner früheren Puppenmutter auf. Kurzerhand begibt er sich mit seiner Frau und einem geschmuggelten Kohlkopf-Baby auf die abenteuerliche Suche nach einem neuen Leben. Natürlich sind ihnen Yuri (grandios als kinderhassender Fiesling: Julian Richling) und seine sadistischen Schergen dicht auf den Fersen. Ob ausgerechnet ein kleinwüchsiger Inder im Elfenkostüm und ein ganzer Lastwagen voll dicker Kaufhausweihnachtsmänner Jon helfen können?

Kritik: Wow, was für ein Blindgänger! Nach einem drolligen, pseudo-dokumentarischen Start gelingt es “Patch Town”, so ziemlich alles zu vergeigen, was man an einem dystopischen Musical vergeigen kann. Und das ist nicht wenig.

Fangen wir mal mit der grundlegenden Story an: Die monströse “Patch Town”, in der aus Kohlbabys Puppen gemacht werden, würde ich vielleicht glauben – wenn sie in einem Universum spielen würde, in dem so eine Fabrik nicht weiter auffällt. Aber Goodwill behauptet, diese Horrorversion einer kapitalistischen Ausbeutungsmaschine stünde irgendwo in Nord-Kanada, umgeben von der Welt, wie wir sie kennen.

Jon will seine Mutter finden, aus der Knechtschaft ausbrechen, ein Heim für sich und seine Familie bauen – nur leider hat nichts, was er tut, irgend etwas mit diesen Zielen zu tun. Wir erfahren nie, warum die Arbeiter von “Patch Town” keine Kinder haben sollen (ist nicht so, dass das Sinn macht), Kanada wird als nicht weniger lebensfeindlich dargestellt als Patch Town – und am Ende und völlig unmotiviert entscheidet Jon, dass er mit Frau und Kind doch eigentlich schon ein “Heim” hat. Vermutlich deshalb, weil Goodwill in einem Drehbuch-Lehrbuch gelesen hat, dass eine der Grunderkenntnisse in anrührenden Familienfilmen “The magic was inside you all along!” sein muss. Passt hier nicht, ist aber wurscht.

“Patch Town” ist voll von solchen Erkenntnissen und Wendungen, die keinerlei Kontext besitzen. So verkündet Sly an einer Stelle, dass sie zum Sturm auf “Patch Town” dringend Verstärkung brauchen – in Form einer Armee von Kaufhaus-Weihnachtsmännern. Die dann im Verlauf des Film nicht mehr vorkommen und dementsprechend auch nichts zur Story beitragen.

Noch ein Beispiel: Jon drängt seine Frau, durch eine Ansprache an die tumben Arbeiter eine Revolution auszulösen. Abgesehen davon, dass er das besser können sollte als sie, singt sie lediglich ein paar langweilige Zeilen zum Thema “Frei sein ist schon schön” in das Mikro – prompt erhebt sich die Arbeiterklasse. Das ist so lahm und unglaubwürdig, dass es nicht mal durch die erste Drehbuchfassung hätte kommen dürfen.

Es gibt auch keine echten Konflikte oder Widerstände. Jons Flucht ist ebenso simpel und folgenlos wie der Sturm auf “Patch Town”. Ihm fällt so ziemlich alles in den Schoß, wirkliches Drama findet sich an keiner Stelle.

Die Figuren sind durchweg blass und selten sympathisch. Jons primäre Eigenschaft ist seine so beeindruckende wie erschreckende Leibesfülle, die allerdings keinerlei Herleitung aus der Story besitzt (und in einer Welt, in der die Arbeit angeblich hungern, wenig Sinn macht).

Ach ja: Auch aus männlichen Babys werden anscheinend weibliche Puppen. Das ist auch nicht plausibel erklärt.

Den Deckel drauf macht die Musik. Einen vollständigen Soundtrack hat “Patch Town” nicht, es werden nur ein paar suppige Balladen mit banalen Texten für ein paar Zeilen angesungen, bevor es weitergeht. Kein Ohrwurm in Hörweite.

Ich bin gewöhnt, dass solche eigenwilligen Filme von Regisseuren mit Leidenschaft gemacht werden, die eine ganz persönliche Vision verteidigen. Noch nie ist mir ein derart experimentelles Fantasy-Musical untergekommen, dessen Macher so offensichtlich kein Interesse daran hatten, mehr als Magerquark abzuliefern.

Die IMDB vermerkt zum Regisseur:

“Goodwill’s career as a narrative writer/director launched with his debut feature film Patch Town.” 

No.

runterFazit: Fazit: „Fat People -The Movie“ als so bizarres wie mainstreamiges dystopisches Musical mit einer Non-Story, miserablem Soundtrack und völliger Absenz von Logik oder sympathischen Figuren. „Brazil“ aus der Behindertenwerkstatt.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (40): The Strange colour of your body’s tears

Strange ColourBelgien/ Frankreich/ Luxemburg 2013. Regie: Helene Cattet, Bruno Forzani. Darsteller: Klaus Tange, Jean-Michel Volk, Sylvia Camarda, Sam Louwyck, Anna D’Annunzio

Offizielle Synopsis: Ein Mann kehrt nach einer Geschäftsreise nach Hause zurück und stellt fest, dass seine Frau verschwunden ist, obwohl die Wohnung von innen verriegelt ist. Als er die Nachbarn befragt, beginnt eine labyrinthische Entdeckungstour durch seine sexuellen Fantasien auf der Suche nach seiner Frau in einem fantastischen Jugendstil-Gebäude in Brüssel.

Kritik: Oh Mann. Was für eine Pleite. Was hatten wir uns gefreut. Donnerstag Abend, voller Saal, Kettensägen-Horst dabei, Regisseure anwesend, die ganz große Leinwand für den ganz großen Film, dessen Titel und Poster uns schon ganz wuschig gemacht hatten.

Und dann das.

Der Moderator des Q & A mühte sich hinterher sichtlich, unverfänglich zu bleiben, bezeichnete den Film mehrfach als „insane“. Was ja genau genommen keine Wertung ist. Cattet und Forzani betonten, ihr Film sei ein „schlimmer Alptraum“ und ein „wahr gewordener schöner Traum“. Außerdem ein „Labyrinth“, in dem man sich verlieren soll. Dass es ein Film ist, bei dem man sich gut unterhält, davon haben sie nichts gesagt. Besser so.

„The Strange Colour“ beginnt ganz interessant, verliert den Weg aber schon nach 10 Minuten, wenn klar wird, dass er weder ein Interesse hat, seine grundlegende Story (das Verschwinden der Frau) noch die Charaktere dauerhaft zu verfolgen. Stattdessen Nahaufnahmen von Augen, Kaleidoskop-Bilder, hochgedrehte Geräusche (Atmen, Schleifen, Knarzen), Schatten, Glas und immer wieder Träume.

Klar sind das alles Markenzeichen des “Giallo”, den das Team Cattet/Forzani in “Amer” und “The ABCs of Death” so brillant auf seine grundlegenden Elemente reduziert hat. Aber es sind auch nur die Mittel, mit denen die italienischen Regisseure der 70er und 80er ihre fiebertraumhaften Geschichten erzählt haben. Konzentriert sich “Amer” auf die inhaltlichen Grundlagen des Genres, so ist “The Strange Colour” lediglich eine Sammlung der Stilmittel, eine Art Grabbelkiste von Kameraeinstellungen, Filtern und Soundeffekten ohne Anfang und Ende.

Ähnlich wie “Berberian Sound Studio” spielt dieser Film auf hohem technischen Niveau, übersieht aber, dass das oft fahrige Storytelling beim “Giallo” mitnichten bedeutete, dass die Story letztlich irrelevant war. Man kann sie nicht subtrahieren, kann nicht unterstellen, der italienische Sleaze-Krimi bestünde letztlich nur aus avantgardistischen Kamera- und Soundtricks. Wenn “The Strange Colour” irgendeinen Verdienst hat, dann diesen: Er rehabilitiert den ramponierten Ruf von Argento, Bava & Co. als Storyteller.

100 Minuten Rorschach-Test und Bilderrätsel, LSD-Trip und Kunstvideo-Installation. Kann man sich (zumindest auf dem FFF) mal geben, muss man aber nicht.

runterFazit: Die Enttäuschung des Festivals. 100 Minuten selbstverliebte Giallo-Stilelemente, die schnell ermüden und am Ende keinerlei kohärenten Eindruck hinterlassen. Wegen der Ambition und der handwerklichen Fertigkeiten der Macher keine Zuschauerbeleidigung wie „Rufus“ oder „Extraterrestrial“, aber ein Rückschritt nach dem großartigen „Amer“.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (39): The Canal

canalIrland 2013. Regie: Ivan Kavanagh. Darsteller: Rupert Evans, Antonia Cambell Hughes, Hannah Hoekstra, Steve Oram, Kelly Byrne

Offizielle Synopsis: “Wollt ihr einen Geist sehen?” Mit diesem arglosen Scherz versucht der Film-Archivar David einer Besuchergruppe von Kindern die uralten Streifen von Anfang 1900 aus der von ihm betreuten Sammlung schmackhaft zu machen. Diese bilden natürlich keine Spukgestalten ab, sondern lediglich Menschen, die längst verstorben sind – mit Geistererscheinungen wird David sich allerdings zukünftig mehr beschäftigen, als ihm lieb ist. Denn das alte Haus am Kanal, das der sanfte David mit seiner Familie bezogen hat, birgt seine Geheimnisse. Die Geschichten der Vergangenheit nehmen immer mehr Einfluß auf den jungen Vater und scheinen sich bald schon auf grausame Weise zu wiederholen …

Kritik: Dieses Jahr ballt es sich wirklich – es gibt Tage, da kommen fast nur gute Filme, da segelt man begeistert von einem Highlight zum nächsten. Und es gibt Tage wie heute, wo sich die Gurken die Klinke in die Hand geben.

„The Canal“ ist – wie „Honeymoon“ und „The Babadook“ – ein Gruselfilm, der seine Genreelemente als Metapher für eine gescheiterte Beziehung heranzieht. Williams Visionen und Indizien für die grausige Vergangenheit des Hauses könnten genau so gut Verdrängungsmechanismen sein, um mit dem Tod seiner Frau umzugehen. Und je mehr er sich in die Wahnvorstellungen hinein steigert, desto brüchiger wird sein Kontakt zur Außenwelt, diei ihn sowieso mißtrauisch beäugt.

Das wäre selbst im besten Fall B-Ware, weil wir solche Szenarien zu oft gesehen haben, weil sie wenig Neues erzählen können. Das Genre des „Haunted House“-Films ist vergleichsweise durch und es bedarf schon besonderen Geschicks wie in „Babadook“, um noch Leben aus den Untoten zu pressen. Das gelingt „The Canal“ leider an keiner Stelle, weil er nur auf Standards setzt, niemals ausbricht oder überrascht. Schlimmer noch: William ist ein stinklangweiliger Charakter, dessen Schicksal uns null interessiert und dessen Weigerung, einfach mit seinem Sohn das Haus zu verlassen, zunehmend unglaubwürdig wirkt – was dem Ende jede Potenz nimmt. Die “große Überraschung” ist dann leider genau das, was wir schon erwartet haben.

Technisch wird auf kleiner Flamme gekocht, das einzige wirklich erkennbare Stilmittel ist eine rot/blau-Beleuchtung in diversen eng gefilmten Szenen, die an Argento erinnert. Und am Schluß gönnt sich „The Canal“ noch eine massive Ekelszene, die so unvermittelt und unangemessen wirkt, dass man vermuten könnte, das Publikum soll zum Nachspann noch mal geweckt werden. Too little, too late.

runterFazit: Ein unentschlossener Geisterfilm, der die Strukturen des Genres nur halbgar und mäßig erfolgreich bedient. Diverse dramaturgische Patzer führen außerdem zu unpassendem Gekicher. Ein banaler Programmfüller, den man bequem auslassen kann.

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4
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (38): The Rover

the roverAustralien 2014. Regie:David Michôd. Darsteller: Guy Pearce, Robert Pattinson, Anthony Hayes, David Field, Gillian Jones, Jamie Fallon, Nash Edgerton, Richard Green u.a.

Offizielle Synopsis: Guy Pearce spielt diesen Mann und sieht dabei aus, als hätte er drei Jahre nicht geschlafen und sich ebenso lang nicht mehr gewaschen. Stoisch geht er seinen Weg, weiter und weiter; steht ohne Murren wieder auf, wenn er am Boden ist. Sein Ziel: Er will sein Auto zurück, das ihm von einer Bande auf der Flucht entwendet wurde. Auch wenn dieser Kampf bedeuten sollte, dass er alles verlieren wird, in einer Welt, in der schon alles verloren ist – seit dem “Kollaps” vor zehn Jahren, wie eingangs erklärt wird. Wohin sich unser Blick richtet, liegt eine staubtrockene, ausgebombte Kriegszone. Eine triste, glücklose Einöde ohne Zuflucht.

Kritik: Manchmal wüsste ich gerne, nach welchen Entscheidungskriterien die Eröffnungsfilme ausgesucht werden. Manchmal sind es unerwartete Genreperlen (“Black Sheep”, “Severance”, “Stir of Echoes”), manchmal Mainstream, um den Saal zu füllen (“Scream”, “Kiss Kiss Bang Bang”, “American Psycho”) – die Qualität kann es vielfach nicht sein, denn eher selten sind die Eröffnungsfilme auch die wirklichen Highlights des Festivals.

Diesmal also „The Rover“, ein postapokalyptisches Australien-Roadmovie. Angesichts des bevorstehenden Reboots „Mad Max: Fury Road“ vielleicht ganz reizvoll, damit aufzumachen. Unter der Last dieser Erwartung bricht der Film allerdings schnell zusammen.

„Rover“ ist zwar sehr schick gefilmt und mit Guy Pearce und Robert Pattinson durchaus solide besetzt, aber er ist auch sehr lethargisch, wortkarg und handlungsarm – unsere Hauptfigur will letzten Endes nur seinen Wagen zurück haben, egal über wieviel Leichen er dafür gehen. Nur ist das nicht annähernd so spannungsgeladen, wie es klingt. Wann immer unser Held auf Widerstand trifft, zieht er eher beiläufig die Knarre und drückt ab – gerne auch bei Leuten, die ihn nicht wirklich provoziert haben. Am Ende (das spoilere ich einfach mal, weil es keinen Unterschied macht) bekommt er Gerechtigkeit, was in dieser Welt aber rein gar nichts bedeutet.

Natürlich hat Guy Pearce einen knorrigen Charme und Robert Pattinson ist sichtlich bemüht, das Image des „Twilight“-Schönlings loszuwerden, aber der Film besitzt selbst für ein Roadmovie einfach viel zu wenig Antrieb, bleibt in seinen Episoden inkonsequent und erzählerisch mager. Schnell wird man der ewigen australischen Ödnis überdrüssig.

Das Setting des postapokalyptischen Down Under ist zudem belanglos und hätte auch schadlos entfernt werden können – für einen Typen, der gewaltsam sein Auto wiederhaben will, braucht es keinen dystopischen Schnickschnack.

Alles was „The Rover“ mit viel Geld schlecht macht, hat „These final hours“ mit erheblich weniger Geld besser gemacht.

mitteFazit: Ein müder, mäandernder Trip durch ein sterbendes Land, in dem materieller Besitz alle anderen Werte ersetzt hat und der sich unsicher scheint, wie er die Zuschauer unterhalten soll. Als Eröffnungsfilm ein Ausfall.

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3
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (37): Extraterrestrial

ExtraterrestrialUSA 2014. Regie: Colin Minihan. Darsteller: Brittany Allen, Freddie Stroma, Melanie Papalia, Gil Bellows, Michael Ironside

Offizielle Synopsis: Eigentlich ist Kleinstadtpolizist ein ganz entspannter Job. Der Sheriff des beschaulichen Echo Lake muss sich in letzter Zeit allerdings mit einigen ungewöhnlichen Vorkommnissen herumschlagen. Nachts fliegt plötzlich eine Telefonzelle samt panischer Anruferin in die Luft und kommt Augenblicke später nur in Einzelteilen zurück. Die Farmer der Umgebung beschweren sich über seltsam sauber abgetrennte Teile ihrer Zuchttiere und eine schwer verletzte Frau warnt vor außerirdischen Entführern. Was der Sheriff zunächst nicht wahr haben will, prophezeit der örtliche Tankwart schon im Opener: “That shit was out of this world!”

Ausgerechnet in besagtem Echo Lake richtet sich eine fröhliche Clique auf ein partyfreudiges Wochenende in einer Hütte im örtlichen Wald ein. Doch ungebetener und garantiert nicht wohlgesinnter Besuch aus dem All schickt sich an, den Freunden ihren Ausflug gehörig zu vermiesen …

Kritik: Ich gestehe, dass mir Zynismus mittlerweile ziemlich auf den Sack geht. Speziell der Zynismus, der Filmemacher dazu bringt, die immer gleichen Filme zu drehen, weil sich immer wieder Idioten finden, die die immer gleichen Filme gucken wollen. Wenn ich morgen einen Streifen mit dem Titel “Die Waldhütte” und dem Untertitel “Es sollte die Party des Jahres werden – es wurde ein Trip IN DIE HÖLLE!” bei Müller ins DVD-Regal stelle und Leuten kaufen den dann – wer ist dann der größere Arsch? Produzent oder Käufer? Henne oder Ei?

“Extraterrestrial” ist ein perfektes Beispiel für den eierlosen, hippen, zynischen und postmodernen Horrorfilm, der so lange den gleichen Plot durchkaut, bis er ihn wieder als Kult rebooten oder “reimaginen” kann. Die Nachfrage der Zielgruppe wird als Legitimität des intellektuell bankrotten Angebots gesehen – nach dem Motto: “Wenn die das kaufen, werden wir es schon richtig gemacht haben”. Und was das Schlimmste ist: Das stimmt vermutlich.

Ich hatte zum Erstling der Vicious Brothers, “Grave Encounters”, seinerzeit geschrieben:

 “Es ist nichts neu, alles sehr billig, und mit einem so leidenschaftslosen Blick auf die Vermarktbarkeit produziert, dass keine wirkliche Freude (oder gar Spannung) aufkommen kann.

Muss man sich darüber freuen, dass die “Vicious Brothers” sich treu geblieben sind?

Man sollte nicht immer vom Äußeren auf den Charakter schließen, aber schaut euch diese beiden mal an:

vicious

Die hätte ich mir auch ohne das Bild genau so vorgestellt. Es ist nur folgerichtig, dass einer der Geldgeber dieser “Vicious Brothers” der Ex-Verlobte von Paris Hilton ist.

Und so fahren also wieder eine Handvoll Freunde in den Wald zur Hütte der Eltern. Einer ist voll die Nervensäge, der immer Scheiße baut und alles mit dem Handy aufzeichnet. Die Blondine ist strunzdumm und trägt Shorts. Der grumpige Sheriff mahnt die “damn kids”, in seinem Revier keinen Unfug zu veranstalten. Joints überall. Der Strom fällt aus, ein Baum blockiert die einzige Straße. Und dann…

Ja, und dann ist es scheißegal, ob der Killer mit der Machete kommt, der Werwolf oder (wie in diesem Fall) ein Haufen Aliens, die so langweilig den Grey-Klischees entsprechen, als hätte man sie aus einem alten Buch von Erich von Däniken rauskopiert. Der Rest ist Geschrei, Geballer, Gesplatter, Gerenne und “shit!”, “fuck!”, “I don’t fucking believe this!”, “we gotta get out of here!”, “Fuck that, man!”, “OMG!” und “Jesus!”.

runterFazit: “Close Encounters of the Cabin in the Woods Kind” – ein einfallsloser, mit dummen Menschen und dummen Dialogen angefüllter D-Film, der sich wohl für irgendwie ironisch oder witzig hält, in Wirklichkeit aber nur zynisch auf die Nische schielt und lange nach dem Ende nicht weiß, wann er aufhören sollte.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (36): Time Lapse

Time LapseUSA 2014. Regie: Bradley King. Darsteller. Danielle Panabaker, Matt O’Leary, George Finn, Amin Joseph, Jason Spisak

Offizielle Synopsis: Das WG-Leben zwischen dem in einer Schaffenskrise steckenden Maler Finn, seiner Freundin Callie und ihrem verpillten Mitbewohner Jasper gestaltet sich nicht immer leicht. Auf die ultimative Probe wird es jedoch gestellt als sie auf der Suche nach einem vermissten Nachbarn, seines Zeichens Wissenschaftler, in dessen Wohnung eine riesige obskure Maschine finden. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Ungetüm als eine auf das Wohnzimmerfenster der drei gerichtete Kamera, die jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit ein Foto schießt. Ein Foto, das – so stellt es sich bald heraus – Ereignisse, die exakt 24 Stunden später dort stattfinden, abbildet. Eine echte Zukunftsvision. Das eröffnet natürlich ungeahnte Möglichkeiten und Finn, Callie und Jasper erkunden mit einer gehörigen Portion jugendlichem Leichtsinn sofort Wege, aus diesem Vorsprung Kapital zu schlagen. Dass der mittlerweile von ihnen aufgefundene Nachbar offensichtlich einen sehr seltsamen Tod gestorben ist, kann zunächst verdrängt werden.

Kritik: Zeitreise-Filme sind immer tricky. Weil es halt verschiedene Theorien gibt und man schnell in einem Paradox landet, dass die ganze Story negiert. So spannend das Thema, so trügerisch der Aufbau – selbst “Terminator” ist im Grund genommen hanebüchener Unsinn, weil die Existenz des Teminators das Scheitern von Reese’ Mission beweist. Kann man auch wieder gegen argumentiere, ich weiß.

Um ein bekanntes Beispiel zu nehmen: Wenn ich in der Zeit zurück reise und meinen Großvater töte, werde ich nie geboren – kann also auch nicht in der Zeit zurück reisen und meinen Großvater töten, weshalb ich also doch geboren werden – weswegen ich dann in der Zeit zurück reisen kann… infinite loop.

Ein Weg aus diesem Dilemma ist die Einführung radikaler Restriktionen. “Time Lapse” versucht es damit, dass niemand wirklich in der Zeit reist. Die Protagonisten können lediglich sehen, was in 24 Stunden in ihrem Wohnzimmer zu sehen sein wird. Und auch das ist nur ein Anhaltspunkt, denn die Interpretation dessen, was sie sehen, ist nicht immer einfach.

Dummerweise ist diese Einschränkung auch der Grund, warum “Time Lapse” nie richtig in die Pötte kommt. Denn sie ergibt keinen Sinn. Wenn unsere Helden das Foto nicht sehen würden – wäre es dann trotzdem bindend? Warum versuchen sie nicht mit einer minimalen Änderung der Szenerie auszutesten, was passiert, wenn das Bild nicht exakt nachgestellt wird? Warum kaufen sie sich keinen fucking Funkwecker, um die Unsicherheit des analogen Weckers zur Bestimmung der Fotozeit zu kontern? Warum senden sie sich nur banalste Botschaften wie Sportergebnisse, statt mit Zeitungsschlagzeilen wirklich relevante Veränderungen in die Wege zu leiten? Woher bekommt eine ältliche Professorin eine Pistole? Warum wettet Jasper strunzdumm immer beim gleichen Buchmacher und wundert sich, dass der irgendwann drauf kommt, dass hier etwas nicht stimmen kann? Wieso ist es mittlerweile erlaubt, dass Protagonisten den elenden Trendnamen “Finn” tragen?

Die diversen inhaltlichen Patzer verderben die Folgerichtigkeit und damit auch die Spannung von “Time Lapse”. Unsere Protagonisten werden zu Sklaven des Bildes, nicht zum Schöpfer. Darüber hinaus dreht sich alles nur um Geld und die Frage, wer mit wem schlief – von der Geschichte einer Erfindung, die im Handumdrehen das Universum verändern kann, erwarte ich mir ein wenig mehr.

Was dann endgültig den Deckel drauf macht: “Time Lapse” ist zu offensichtlich ein Film, die Personen zu offensichtlich Figuren, die zu offensichtlich sorgsam geschriebene Dialoge aufsagen, um zu offensichtlich konstruierte Konflikte auszutragen. Wir glauben Finn den Maler ebenso wenig wie Callie die Journalistin. Wir glauben nicht mal die WG, in der sie leben. Das ganze Szenario wirkt so fake wie eine Holodeck-Simulation auf der Enterprise D.

mitteFazit: High Concept-SF, die aus der ansprechenden Idee nicht genug Saft pressen kann und sich über die Laufzeit in Twen-Melodrama und Logiklöchern verstolpert. Mehr theoretisch interessant als praktisch spannend.

Wenn ihr jetzt fragt, warum ich trotzdem noch den Wackeldaumen gebe – gleich kommt der Review zu “Extraterrestrial”…

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P.S.: So drollig wie absurd – John Rhys-Davies wird im Nachspann unter “Cast” ganz weit oben genannt, ist aber gerade mal auf einem Foto zu sehen.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (35): Faults

faultsUSA 2014. Regie: Riley Stearns. Darsteller: Leland Orser, Mary Elizabeth Winstead, Chris Ellis, Lance Reddick, Jon Gries, Leonard Earl Howze, Beth Grant

Offizielle Synopsis: Der einst renommierte Sektenexperte Ansel Roth, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Deprogrammierung von Abtrünnigen, ist am Ende: Seine Fernsehshow wurde abgesetzt, seine Frau hat ihn vor die Tür gesetzt und er ist so pleite, dass er in seinem Auto wohnen muss. Sein aktuelles Buch floppt und sogar sein Manager hetzt ihm einen Geldeintreiber auf den Hals, weil er den Vorschuss zurückhaben will. Überdies wird er auch noch für den Tod eines ehemaligen Sektenmitglieds verantwortlich gemacht, das durch Roths berüchtigte Umkehrmethode dem Wahnsinn verfiel. In dieser verzweifelten Lage entschließt er sich, das Angebot eines besorgten Elternpaares anzunehmen, ihre Tochter Claire aus den Fängen der “Faults”-Gemeinschaft zu befreien. Kurzerhand wird die junge Frau auf offener Straße entführt und in ein miefiges Motelzimmer gesperrt. Dort beginnt der Spezialist in völliger Abgeschiedenheit auf die besessene Claire einzuwirken und setzt ein unheilvolles Kräfteringen in Gang.

Kritik: Manchmal ist es schwer, ein Urteil zu fällen. Wenn ein Film sehr viel richtig macht, wenn er beste Absichten mitbringt, wenn die meisten Teile stimmen und passen – und dann doch irgendwie nichts “klickt”. Es tut weh, dem Regisseur gleichzeitig anerkennend auf die Schulter klopfen und “Das war nix, Alter” ins Ohr flüstern zu müssen.

Zunächst einmal ist die Idee von “Faults” gut. Das Thema der Deprogrammierung war in den 70ern schwer aktuell (ich erinnere mich vage an einen Film, der mich als Teenager schwer verstört hat – der hier, glaube ich). Aber es ist auch heute noch relevant. Manche Menschen werden in Sekten derart mental umgepolt, dass es eine nicht minder radikale Gehirnwäsche braucht, um die grundsätzlichen Funktionen des gesunden Menschenverstandes wieder in Gang zu setzen.

Weil es “klassische” Deprogrammierungs-Filme aber schon gibt, dreht “Faults” unsere Erwartungen um: Der Deprogrammierer als desillusionierter Loser, der erheblich mehr Hilfe braucht als das entspannte und mental überlegene “Opfer”. Die Umkehr der Machtverhältnisse. Die Idee, dass die Sekte auf die Deprogrammierung vielleicht besser vorbereitet ist als der Deprogrammierer.

Dazu im Kern zwei ganz exzellente Performances von Charakterdarsteller Leland Orser und der unglamourös attraktiven, perfekt zwischen schutzbedürftig und beschützend oszillierenden Mary Elizabeth Winstead.

Aber es klickt eben nicht. Zu lange dauert es, bis die Deprogrammierung wirklich in die Gänge kommt, zu lange, bis sie augenscheinlich eine unerwartete Wendung nimmt – und dann tappt Roth, der trotz seiner privaten Probleme immer noch die intellektuellen Kapazitäten haben sollte, die billigen rhetorischen Tricks von Claire zu durchschauen, sehr schnell in die Falle. Die Mühe, einen Menschen zu programmieren, wird nicht als äquivalent schwierig zur Deprogrammierung dargestellt. Roths Unterwerfung ist nicht schockieren, weil sie in etwa so plausibel wirkt wie eine Konvertierung von Richard Dawkins zum Islam.

Genau genommen fehlt eine weitere Wendung: Die “Wiederauferstehung” von Roth, der im psychischen wie physischen Kampf mit Claire seine Werte wiederfindet, sich selbst aus der Verzweiflung heraus deprogrammiert und die Taktiken der Sekte entlarvt.

Ein wenig besser getaktet, ein wenig mehr Tauziehen zwischen den Protagonisten – aus “Faults” hätte eine bitterböse Komödie über den ewigen Drang nach Bestätigung werden können. So ist er nur ein kurioses Kabinettstückchen.

mitteFazit: Ein Deprogammierungs-Kammerspiel, das zwar eine unerwartete Wendung nimmt – leider aber in die völlige Obskurität. Sehr gute darstellerische Leistungen können nicht darüber hinweg täuschen, dass zur guten Idee die gute Struktur fehlt.

Leider kein Trailer vorhanden, sorry.

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3
September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (34): The Treatment

treatmentBelgien 2014. Regie: Hans Herbots. Darsteller: Geert van Rampelberg, Ina Geerts, Johan van Assche, Laura Verlinden

Offizielle Synopsis: Zwei Jungen spielen an der Bahntrasse. Ein älterer Herr kommt dazu. Alles scheint harmlos, bis der Mann den Jüngeren im Indianerkostüm plötzlich packt und mit sich zieht. Es sollte damals das letzte Mal gewesen sein, dass Inspektor Nick Cafmeyer seinen kleinen Bruder sah.

Nun wirft die schreckliche Entführung einer Familie, und der barbarische Tod ihres auf eine Astgabel gefesselten Kindes, Jahrzehnte später neues Licht auf den Cold Case von Cafmeyers Bruder, was den Ermittler emotional an seine Grenzen treibt. Doch für private Trauer und Wut bleibt keine Zeit, schon schwebt eine weitere Familie in Lebensgefahr. Wer ist der unheimliche “Troll”, auch genannt “der Beißer”, vor dem sich die Kinder der Umgebung fürchten? Cafmeyer muss tief in das kriminelle Untergrund-Netzwerk der Entführer vordringen und droht sich darin zu verlieren …

Kritik: Mein Agent hat mir jahrelang gesagt, ich solle doch mal einen Krimi oder Thriller schreiben. Da sei der Markt, da sei das Publikum, da sei die Kohle. Aber immer, wenn ich mal die Bestseller im Buchladen per Backcover quergelesen haben, verging mir sofort wieder die Lust daran. Weil das immer die gleichen und elend langweiligen Klischees bedient: Der “einsame Wolf” Cop mit dem Trauma, der Fall aus der Vergangenheit, die brutale Mordserie, der verdächtige Einzelgänger, der Verweis auf eine größere Verschwörung, der Übertritt von Gesetz zu Selbstjustiz – und Regen. Viel Regen. Ich denke, es gibt genug solcher Romane.

Sehe ich allerdings die Buchcharts, dann muss ich konstatieren, dass andere Kollegen sehr viel Geld damit verdienen, das anders zu sehen. Es scheint, als ließen sich die Leser – ähnlich wie bei den schundigen Liebesromanen – mit Begeisterung immer den selben regurgitierten Brei vorsetzen. Mein Anspruch an einen guten Roman steht mir augenscheinlich im Weg.

Und damit sind wir bei “The Treatment”, einem Film nach dem gleichnamigen Bestseller von Mo Hayder, der die oben genannten Elemente derart lustlos und fintenfrei abhakt, als würde er in der Schule ein Verb konjugieren. Alle Figuren sind Klischees und verhalten sich auch so. Kinderpornographie ist der bequemste, weil absolute Aufreger, die Verdächtigen sind arm, hässlich, degeneriert – sie mit allen Mitteln auszulöschen, ist ein Dienst an der “gesunden” Gesellschaft, die hier von weißer Mittelklasse mit Chardonnay und BMW repräsentiert wird. Ein widerliches Szenario, das die düsteren Triebe und die Gaffernatur der angestrebten Leserschaft so geschickt wie zynisch bedient.

Auch inszenatorisch regiert die Mittelklasse, Kamera, Darsteller, Musik und Dramaturgie bewegen sich auf solide öffentlich-rechtlichem Niveau. Ich würde sagen, dass man dafür nicht ins Kino gehen braucht – aber ich würde dafür ja auch den Fernseher nicht einschalten.

Soll ich den Film rundweg ablehnen oder zumindest Fans dieses Genres empfehlen? Letztlich muss ich den Daumen senken, weil ich nicht einmal verstehe, was man an einem drögen Malen nach Zahlen-Krimi wie “The Treatment” finden kann. Zumal man eine solche Thematik intelligenter und dynamischer angehen kann.

runterFazit: Ganz tief in der Klischeekiste buddelnder Kinderschänder-Krimi, den man mittlerweile nach Schema F zusammen bauen kann. Das Ende wirkt nur so lange zynisch und schockierend, bis einem klar wird, wie dumm es ist.

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (33): Let us prey

Let us preyGB/Irland 2014. Regie: Brian O’Malley. Darsteller: Liam Cunningham, Bryan Larkin, Pollyanna McIntosh, Douglas Russell, Hanna Stanbridge, Jonathan Watson, Niall Greig Fulton

Offizielle Synopsis: Wild peitschende Wellen, ein unheilvoll aufziehender Sturm und das drohende Krächzen von Raben, deren Schwingen den Himmel verdunkeln: Es scheint in der Tat eine apokalyptische Nacht zu werden, die dem kleinen schottischen Städtchen Inveree bevorsteht, als Rachel Heggie zu ihrer ersten Schicht im örtlichen Polizeirevier aufbricht. In den gespenstisch leeren Gassen wird sie Zeuge eines Autounfalls, dessen Opfer scheinbar spurlos verschwindet. Wenig später taucht der selbe Mann im Revier auf, nistet sich ein zwischen Rachels gleichgültigen Kollegen und dem Abschaum, der in den Zellen im Keller hinter Gittern sitzt – und bald beginnt für alle Beteiligten ein schicksalhafter Albtraum, dessen mörderisches Finale nur die wenigsten überleben werden.

Kritik: Dafür, dass ich ein Atheist bin, habe ich es ziemlich mit Verdammnis und Vergebung. Ich mag religiöse Horrorschocker wie “Das Omen”, “18th Angel”, “God’s Army” und “Hellraiser”. Weil Engel und Dämonen mit inhärenten moralischen Ansprüchen und Konflikten kommen, vielleicht. Weil sie nicht nur eine Spezies repräsentieren, sondern eine Philosophie. Und weil ihre Existenz zwangsläufig von den Menschen Introspektion verlangt. Sie sind nie nur “die Monster” – sie sind ein Scheideweg.

“Let us prey” ist ein perfektes Beispiel dafür. Man hätte auch einen Film drehen können, in dem schottische Hochland-Werwölfe die Polizeistation belagern und die Insassen nach und nach massakrieren (ein bisschen wie “Dog Soldiers”). Das wäre spannend geworden, aber letztlich ohne Konsequenz. Die Attacke der Werwölfe hätte kein Innehalten der Menschen bedeutet, keine Auseinandersetzung mit den eigenen Verfehlungen. Die Tatsache, dass es hier um Judgement Day geht, dass das Böse von innen kommt, dass hier die Opfer allesamt Täter sind – DAS macht den Unterschied.

O’Malleys Film zeigt außerdem, wie klein man große Themen erzählen kann. Zwei, drei Locations, eine Handvoll Darsteller – der Rest ist Atmosphäre, Dialoge, Darsteller.

Von der ersten Szene an besitzt “Let us prey” (nettes Wortspiel, btw) ein Attribut, das ich auf dem FFF nur noch selten vergebe und das in seiner antiquierten Bedeutung perfekt passt: er ist unheimlich. Inveree ist ein toter Ort, die Polizeistation unheilig – nicht nur die Menschen haben die Gemeinde anscheinend aufgegeben, auch die Hoffnung auf das Gute gibt es hier nicht mehr. Es ist kein Zufall, dass das Auftauchen der traumatisierten Rachel als Katalysator wirkt. Es geschieht, was überfällig ist – der Teufel macht Kassensturz.

Das Drehbuch ist angenehm fettfrei und hetzt die Personen beinahe augenblicklich aufeinander. Es gibt keine großen Fragen nach dem Warum, seine Spannung generiert “Let us prey” ausschließlich aus dem Jetzt und Hier. Kleine Gewalt- und Action-Explosionen entladen den Druck, gebären allerdings auch Tod und Vernichtung.

Und hinter allem steht “Six”, der Mann aus Zelle 6: Liam Cunningham ist ein britischer Charakterkopf, der so wenig schauspielern muss wie Robert de Niro oder Mario Adorf. Seine Präsenz ist so dezent wie unübersehbar. Er ist das Auge des Sturms, Richter und Henker, ohne auch nur eine Hand zu erheben.

Das düstere Kammerspiel schafft dann auch noch, was viele Filme vergeigen: ein perfektes Ende, das Abschluss und Aufbruch zugleich ist. Weil die Urteile in Inveree gefällt sind, die Welt aber voller Inverees ist…

hochFazit: Ein kleiner, großartiger apokalyptischer Thriller über das Jüngste Gericht, das eine winzige Polizeistation in einem schottischen Kuhkaff heimsucht. Für Fans okkulten Grusels eine echte Perle mit überzeugenden Darstellern und einem angemessen nihilistischen Weltbild. Der perfekte FFF-Film!

Nicht verwirren lassen – dieser Trailer verkauft “Let us prey” als Actionfilm, der er definitiv nicht ist:

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (32): These final hours

these final hoursAustralien 2014. Regie: Zak Hilditch. Darsteller: Angourie Rice, Nathan Phillips, Daniel Henshall, David Field, David Partridge, Jessica de Gouw, Kathryn Beck, Korum Ellis, Lynette Curran

Offizielle Synopsis: Einer der zweifelhaften Vorteile des Weltuntergangs durch einen Meteoriteneinschlag ist, dass einem vor dem Aufprall genug Zeit bleibt, um Pläne für die letzten Stunden zu schmieden. James möchte den großen Knall möglichst zugedröhnt beim finalen großen Rave der Menschheit erleben und lässt dafür seine heulende Freundin allein zurück.

Als er auf dem Weg dorthin allerdings ein kleines Mädchen namens Rose vor zwei Widerlingen rettet, hat er plötzlich eine Beifahrerin im Auto, die er vor der Party noch loswerden muss. Gemeinsam fahren die beiden durch die brennende Hitze der australischen Vorstadtwüste, während von der anderen Seite des Planeten bereits die todbringende Feuerwand auf sie zurast. Rose ist auf der Suche nach ihrem Vater und James auf der Suche nach jemandem, der ihn von seiner Verantwortung befreit. Doch mit umso mehr Wahnsinn und Narzissmus das unfreiwillige Paar angesichts des tickenden Countdowns auf ihrem Trip konfrontiert wird, desto mehr wird James klar, dass er sich entscheiden muss, was ihm im Auge des Todes wirklich wichtig ist.

Kritik: Ich mag „kleine“ Apocalypse-Streifen, die den Niedergang der Menschheit bescheiden, aber doch umfassend bebildern. Es gefällt mir, wenn Regisseure mit begrenzten Mitteln die ganz große Leinwand bepinseln. In dieser Hinsicht finde ich „Carriers“ oder „The Last Days“ beeindruckender als Emmerichs „2012“ oder „Deep Impact“. Weil sie zeigen, dass es nur wenige Details braucht, um den Zuschauer glauben zu lassen. Ein ausgebrannter Wagen hier, ein Hitzeflimmern dort, leere Straßen übersät von Zeitungen, Rauschen im Fernseher, den niemand mehr abstellt.

Ich mag auch Filme, denen es nicht mehr darum geht, wie sich die Apocalypse noch aufhalten lässt. Diesen ewige Wettlauf mit der Zeit und der Technik, um dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, finde ich ungleich unspannender als die simple Erkenntnis, dass Stunde X vor der Tür steht – und wir alle nun unseren Frieden damit machen müssen. Was würdet IHR tun?

Aus diesem Grund hatte „These final hours“ ein leichtes Spiel mit mir, denn er bedient genau diese Narrative. James ist ein Taugenichts, der in seinem Leben nicht viel zustande gebracht hat. Mit der Familie verkracht, gerne auf Drogen, die langjährige Freundin mit einer anderen betrogen, die nun auch noch schwanger ist – zehn Stunden vor dem unaufhaltsamen Untergang. James willl sich nach eigenen Worten nur zuknallen und nix mehr merken – auf der großen letzten, von Sex und Drogen geprägten Party seines Kumpels Freddy. Aber die Fahrt dorthin wird für ihn ein Weg zu sich selbst, eine Rückbesinnung auf den besten Mann, den er sein kann, der er aber nie war. Als nichts mehr zählt, findet er das, was wirklich zählt.

Zak Hilditch erzählt diese charakterliche Wiedergeburt ohne Happy End und doch irgendwie mit Happy End straff, als episodisches Roadmovie in einer zerbrechenden Welt. Wir sehen die vielen, zumeist verzweifelten Versuche, mit den letzten Stunden umzugehen, die Verzweiflung, den Wahnsinn. Und wir sehen das Ende der Welt – umgesetzt in einer erstaunlich potenten CGI-Feuerwalze, die schön und schrecklich zugleich ist.

Getragen wird „These final hours“ zudem von ein paar beendruckenden Performances, insbesondere von der kleinen Angourie Rice und Nathan Phillips, dem ich nach fünf Minuten verziehen habe, dass er ein wenig wie Don Swayze aussieht.

Vielleicht nicht der Film, wegen dem der FFF-Splatterfan zum Festival anreist – aber genau das, was ICH hier gerne sehe. Und wieder ein Film, bei dem ich mich frage, warum so etwas hierzulande nicht möglich ist. In „These final hours“ läuft alles auf einen Kommentar über die „human condition“ hinaus – im vergleichbaren deutschen Pendant „Hell“ beschäftigt man sich zum Ende der Zivilisation nur noch mit Kannibalen-Bauern.

hochFazit: Ein bescheiden produzierter, aber inszenatorisch absolut überzeugender Film vom Ende der Welt und dem Anfang der Hoffnung. Sehr emotional, sehr berührend und allemal auch für die Freundin tauglich, die hinter garantiert fragen wird: „Würdest du für mich auch zurückkommen?“. Antwortet einfach „Ich würde dich gar nicht erst verlassen.“

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September 2014

Fantasy Filmfest 2014 (31): Open Windows

open windowsFrankreich/Spanien/USA 2014. Regie: Nacho Vigalondo. Darsteller: Elijah Wood, Sasha Grey, Neil Maskell, Adam Quintero

Offizielle Synopsis: Nick hat sich auf ein Date mit der launischen Schauspielerin Jill gefreut, das er bei einer Online-Verlosung gewonnen hatte. Doch die Diva sagt kurzerhand grundlos ab. Da hackt sich der mysteriöse Chord – angeblich ihr Manager – in Nicks Rechner ein und macht dem Fan ein seltsames Angebot: “Wenn du tust, was ich dir sage, wirst du Jill auch gegen ihren Willen sehen können – über ihre Webcam.” Dem kann der gekränkte Nick nicht widerstehen, und lässt sich auf das undurchdringliche Spiel ein, bei dem er schnell schmerzlich zu verlieren droht.

Kritik: Ich lese ja bekanntlich die Programmtexte nicht und schaue mir auch keine Trailer an, damit ich die Filme vom FFF “frisch” zu sehen bekomme. Darum hatte ich auch keine Ahnung, was mich bei “Open Windows” erwartet. Elijah Wood? Punkt Abzug, den kann ich nicht leiden. Ex-Pornostar Sasha Grey? Zwei Pluspunkte. Gekauft.

“Open Windows” ist zuerst einmal ein Konzeptfilm, der vollständig über das Geschehen auf einem Laptop-Bildschirm erzählt wird. Wir sehen nur, was sich in den diversen Fenstern abspielt – da allerdings einige Webcams zugeschaltet sind, ist das durchaus ausreichend. Oft genug ist die eigenwillige Perspektive sogar irrelevant – was die Webcams zeigen, könnte auch eine normale Kameraeinstellung sein.

Am Anfang haben wir noch das Gefühl, die mysteriöse Stimme, die Nick nach und nach die Kontrolle über Jills Hardware und dann über ihr Leben gibt, könnte uns in einen sleazigen Torture Porn führen. Nick bekommt Macht über die Frau, die er aus der Ferne bewundert – und beginnt langsam, sie sadistisch auszuleben.

Aber das ist nicht der Weg, den “Open Windows” geht. Sehr schnell zeigt sich, dass Nick nur Handlanger von Chord ist, dessen Ziele im Dunkeln bleiben. Es gelingt dem jungen Mann, sich eine zweite Kommunikationsebene mit einer französischen Hackergruppe aufzubauen, die ihn für einen der besten Cybersoldaten der Welt hält. Langsam beginnt Nick, die totale Überwachung gegen den mysteriösen Erpresser einzusetzen.

Das könnte ein bierernster, böser Thriller über die 1000 Augen der modernen Mediengesellschaft sein, in der wirklich alles kontrolliert werden kann: Überwachungskameras, Handys, Verkehrsampeln, Polizeifunk. Aber Pustekuchen: “Open Windows” ist schon nach zehn Minuten so abgedreht, dass jede Glaubwürdigkeit aus dem Fenster fliegt. Die Fähigkeit Chords, wirklich alles zu überwachen und alles vorherzusehen, kennt keine Grenzen und überschreitet fast augenblicklich die Grenze zum Absurden. Jedes noch so komplizierte System ist mit zwei, drei Tastenkombinationen weltweit auszuhebeln, auf Nicks Laptop stapeln sich irgendwann Echtzeit-Informationen, dass die NSA feuchte Augen vor Begeisterung bekäme.

Das Verständnis, das die Macher für moderne Überwachungstechnik haben, entspricht ungefähr dem von Daniel Düsentrieb. Die Software hat was von Yps (mit Gimmick!) und ihre Möglichkeiten machen den “CSI”-Serien alle Ehre. Wenn man den Computer nicht versteht, kann man ihm umso schamloser huldigen.

“Open Windows” wird im Laufe des zweiten Akts immer lauter, schneller, abstruser und unlogischer. Aber dahinter steckt keine Inkompetenz, sondern Konzept – der Film rast förmlich von einem Twist in den nächsten und nimmt bewusst in Kauf, dass der Zuschauer den Quatsch zwar erkennt, vor lauter Entertainment aber nicht dazu kommt, sich darüber an den Kopf zu fassen. Das Finale ist mit “an den Haaren herbei gezogen” nicht ansatzweise adäquat beschrieben – aber man hat zuviel Spaß, um sich davon in die Suppe spucken zu lassen.

Elijah Wood ist dabei erwartungsgemäß solide, und Sasha Grey ist schlicht sensationell. Sie ist nicht nur eine sehr gute Schauspielerin – auch ihre Vergangenheit als Pornostar schimmert immer noch durch. Sie ist es gewohnt, Macht über Männer zu haben, was selbst in den Szenen, in denen sie das Opfer ist, subtil durchscheint.

Ähnlichkeiten mit “The Voices” sind übrigens nicht zu übersehen – “Open Windows” spielt in Austin/Texas, wurde aber praktisch komplett mit spanischer Crew in und um Madrid gedreht.

hochFazit: Alberner Cyberthriller trifft “Saw” – plus Sasha Greys Brüste. Wem das nicht reicht, der kann sich von einer flotten Inszenierung, vielen Wendungen und einer hanebüchenen Darstellung von High Tech begeistern lassen, die den Kopf platzen lässt.

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P.S.: Wer den Prolog gesehen hat, wird mir zustimmen – ich will “Dark Skies” sehen!

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