11
April 2015

Weekend of Heroes 2: “Powers”

pow1Powers

10 Folgen für das Playstation Network – genau. Eine Superheldenserie basierend auf einer großartigen Comicserie, gedreht für die Besitzer einer Videospiel-Konsole. Gibt es eigentlich noch irgendwen, der sich nicht an der Produktion von Fiction versucht? Kann es noch lange dauern, bis Payback oder McDonald’s exklusiven Serien-Content anbieten? Seriously, folks…

Man muss vielleicht gleich einschränkend sagen, dass für “Powers” der Weg vom preisgekrönten Heftchen zur Realverfilmung ungewöhnlich lang und steinig war. Eigentlich sollte die Serie von Sony Pictures für den F/X-Kanal produziert werden. Ein Pilot mit Jason Patric, Lucy Punch und Charles S. Dutton wurde 2011 gedreht – und kam beim Sender miserabel an. Ein neuer Showrunner wurde gebucht und diverse Reshoots und Neubesetzungen sollten es richten. Katee Sackhoff mühte sich redlich, aber erfolglos, die Rolle der Deena Pilgrim zu angeln:

pow0

Aber auch die Neuausrichtung überzeugte F/X nicht und der Pilot wanderte unausgestrahlt in die Archive. Als sich kein anderer großer Abnehmer fand, entschied sich Sony, die Serie auf eigene Faust für das eigene Playstation-Network zu produzieren. Wegen der Rechte, die F/X am ursprünglichen Piloten hielt, fing man wieder bei Null an und suchte sich einen komplett neuen Cast.

Weiterlesen

Trackback-URL 7 Kommentare
11
April 2015

Weekend of Heroes 1: “Daredevil”

Zwei Herzen schlagen, ach, immer noch in meiner Brust. Ich hatte ja neulich schon geschrieben, dass die Flut an Superhelden-Filmen und Serien für mich ein Überangebot darstellt, das zu Übersättigung führt. Manche nennen das positiv “mehr Auswahl”, das kann ich auch verstehen. Vielleicht bin ich empfindlich, weil es mich schlicht ärgert, dass ich nicht mehr alles konsumieren kann, was ich konsumieren möchte. Zuletzt war ich 1997 in der Situation, dass ich mit meinem wöchentlichen Serienpensum kaum nachkam. Aktuell fällt bei mir der Durchschnitt raus, “kann man schon gucken” reicht nicht mehr. Ich filtere sehr stark das Wenige, für das ich Zeit habe. Nächste Woche z.B. nehme ich mir die Zeit für den Trip nach Frankfurt, um das Pressescreening von “Avengers 2″ zu besuchen – mein einziges in diesem Jahr bisher.

Wie zur Vorbereitung – und weil es gerade passt – habe ich gestern mal ein paar aktuelle Superheldenverfilmungen für die kleine Mattscheibe eingeworfen. Wenn Versuch kluch macht, macht Vergleich vielleicht reich?

Zuerst war der Plan, alle drei Verfilmungen in einem Triple abzufeiern. Aber dann wurde mir klar, dass das nichts bringt, weil die Kommentare sich überschneiden und mehrere Diskussionen durcheinander gehen können. Also veröffentliche ich an diesem Wochenende drei Reviews, die ihr dann auch separat besprechen könnt. Und weil ich weiß, was euch am meisten kitzelt, beginnen wir mit…

dare1Daredevil

13 Folgen von Netflix. Alle an einem Tag veröffentlicht. Weltweit ist an diesem Wochenende “Daredevil-Bingewatching” angesagt. Wer sich erstmal den Background der Figur anlesen möchte, findet hier eine gute Übersicht.

Den Kinofilm mit Ben Affleck haben wir alle noch gut in schlechter Erinnerung, den klammere ich an dieser Stelle mal aus. Aber selbst abgesehen davon ist Netflix’ “Daredevil” nicht der erste Versuch, den Dämon (so der eigentlich passendere klassisch-deutsche Titel der Figur, der mittlerweile kaum noch Verwendung findet) auf die Mattscheibe zu bringen. Nicht mal der zweite. Es ist der dritte. Walk with me down memory lane…

Weiterlesen

Trackback-URL 11 Kommentare
10
April 2015

Wann gibt’s den Wortvogel 2.0?

Gestern kommt ein neues Update-Paket für mein Macbook Air rein – das Betriebssystem wird auf den aktuellen Stand gebracht und das neue “Photos“-Programm installiert. Über 2 Gigabyte muss ich dafür aus dem Netz ziehen.

Als ich am Abend meinen Fernseher einschalte, begrüßt mich Kabel Deutschland mit der Nachricht, es gäbe ein Update für meinen Receiver. Die Installation und die danach notwendige Aktualisierung der Programmdaten verschiebt meine Abendunterhaltung um 20 Minuten nach hinten.

Zwei Stunden später stecke ich mein Telefon an die Steckdose, schaue kurz auf das Display – Android möchte gerne 12 Apps aktualisieren. Der separate Amazon Appstore zwei.

Ich könnte jetzt darüber schreiben, wie sehr es nervt, dass immer mehr Geräte in meinem Umfeld sich immer öfter aktualisieren wollen, als seien sie permanente “works in progress”. Dass in Zukunft vermutlich auch Armbanduhren und Glühbirnen permanente Wartung verlangen.

Aber ich musste über was anderes nachdenken. Es gibt keine Updates für Menschen. Zumindest keine automatischen.

Wann habe ich das letzte Mal neue Fähigkeiten erhalten, einen neuen Look, eine flottere Arbeitsgeschwindigkeit? Wäre das nicht toll, wenn man zur Nachtruhe ein “personal update” starten könnte und man am nächsten Morgen ohne Pickel, mit einem besseren Haarschnitt und gerade Zähnen aufwachte? Wenn man plötzlich fließend französisch spräche oder Ski fahren könnte? Wenn man einen neuen Wagen in der Garage hätte?

Wem das zu radikal ist, der könnte ja auch nur ein Update der Themes und der UI wählen – neue Kleidung, etwas mehr Charme in der Rhetorik, ein schickeres Sofa im Wohnzimmer. Und wenn es einem wider Erwarten nicht gefällt, kann man wieder downgraden auf die alte Version. Allerdings mag dann die Kompatibilität hapern, wenn die Freunde plötzlich sagen: “Alter, fährst du immer noch auf 05/2014? Was geht denn bei dir?”

Wenn ich mal abstürze, heißt es nicht “Du brauchst vielleicht einen Patch”, sondern “Du musst echt lernen, dich zu benehmen”. Eine automatische Rechtschreibprüfung kann ich mir auch nicht aufspielen.

Stars haben es da besser – die kriegen ihre Villen “in einem Rutsch” eingerichtet, die haben persönliche Chefköche und Trainer, die ihnen die gewünschten Life-Upgrades nicht problemlos, aber doch stressfreier einrichten. Abstürze bringen ihnen keinen Ärger, sondern Schlagzeilen.

Wenn ich eine neue Fähigkeit haben will, muss ich sie erlernen. Neue Kleidung muss ich kaufen. Will ich schneller und besser werden, muss ich Sport treiben und mich gesund ernähren. Eine neue Wandfarbe für mein Arbeitszimmer wähle ich nicht im Untermenü “Hintergründe”, sondern im Bauhaus.

Ich bin eben kein Sim. Im Gegensatz zu einem PC-Betriebssystem sind mein Bios und mein Kernel uralt, die gesamte aktuelle Optik basiert immer noch auf einem veralteten System von 1968. Was sich da an Datenmüll angesammelt hat, möchte ich gar nicht wissen. Defragmentieren geht nicht, einmal drüber formatieren und neu installieren auch nicht.

Im Gegensatz zur digitalen Welt sind Updates in der analogen Welt eine ziemlich mühselige Sache.

Ich tröste mich, dass ich damit eigentlich meinem guten alten C64 ähnlich bin – der bekam in seiner ganzen Lebenszeit auch keine Updates, weil sein Betriebssystem fest installiert war und die Hardware nicht ausgetauscht werden konnte. Man konnte ihm nicht immer mehr abverlangen und sagen “Brauchste halt ‘ne größere Festplatte oder eine bessere Grafikkarte”. What you see is what you get. Die Programmierer lernten, aus den Vorgaben immer mehr rauszuholen, die Software passte sich dem Gerät an und nicht umgekehrt. Die Spiele und Dienstprogramme (so nannte man das damals!) wurden immer besser, obwohl der “Brotkasten” sich nicht veränderte.

Ich glaube, damit kann ich leben. Ich brauche keine Updates. Die Welt wird besser, weil sie sich mir anpasst – und nicht umgekehrt. Ich bleibe bei meiner lahmen Betriebsgeschwindigkeit, dem veralteten Interface, der überholten Systemsprache und den immer langsameren Bootvorgängen am Morgen.

Wenn eines Tages gar nichts mehr geht, wenn auch kein “haben Sie es mit ein- und ausschalten versucht?” mehr hilft – dann kann die Welt sich gerne einen neuen Wortvogel anschaffen. Der kann sicher mehr, ist schneller, flexibler, schöner und stärker – aber ich hoffe, dass so mancher abends davor sitzt und denkt: “Ich vermisse den alten Wortvogel. Der war nicht perfekt, klar, aber der hatte was.”

Dann bin ich posthum retro-chic.

Trackback-URL 10 Kommentare
9
April 2015

FSK 16: Leseprobe – Stilfrage – Schweinkram

Ich bin auf Facebook einer Gruppe zum Thema Heftromane beigetreten. Da gibt es wunderbare Cover und Leseproben alter Schundschmöker zu bewundern und in manchen Fällen preisen die Autoren selbst die eBook-Versionen ihrer “Klassiker” an. Dazu gehört auch Walter Appel, den so ziemlich jeder eifrige Heftchenleser meiner Generation als Westernautor “Earl Warren” kennt. Oder als Horrorerzähler “Frank de Lorca”. Oder als “Zamorra”-Schreiber “Robert Lamont”. Er hat so ziemlich jedes Genre drauf und eine Karriere hinter sich, um die ich ihn beneidet hätte, wäre ich 20 Jahre früher geboren worden.

Appel postet “Leseproben” auf Facebook – und zur heutigen fühle ich mich berufen, etwas Textkritik zu betreiben. Da die Grenzen zur Pornographie in diesem “Lust-Western” mitunter klar überschritten werden, lege ich das Werk zum gegebenen Zeitpunkt hinter einen Break.


Leseprobe Jack Slade 772 – Adas Leibwächter – erscheint jetzt.

20827_965516656822444_3782725903580031167_nErklärung: Der Revolvermann Joe wurde als Leibwächter der heißblütigen Verlegerstochter Ada Preston engagiert. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, den Wilden Westen zu bereisen und eine Artikelserie darüber zu schreiben. Sie sucht die Gefahr – und den Sex, Joe hat alle Hände – und nicht nur die – um sie zu schützen, und nicht nur das.

In Salt Lake City nun, bei den Mormonen, wird ihnen ein Doppelzimmer verwehrt. Doch Joe will oder muss zu der heißen Ada.

Text:

»Kein Doppelzimmer für Miss Preston. Sie muss allein schlafen, in Keuschheit und Frömmigkeit. Wagen Sie es nicht, keiner soll wagen, sich in der Nacht zu ihr schleichen zu wollen und mit ihr der Wollust zu pflegen. Im Buch Mormon steht geschrieben…«

»Geschenkt«, sagte Joe. »Wir haben es schon kapiert. Dann werden die Hotelgänge wohl des Nachts überwacht?«

»Das Auge des Herrn ist überall.«

Joe hatte bei der Ankunft gesehen, dass an der Außenwand des Hotels ein Sims verlief. Der befand sich im dritten Stock. Der Texaner richtete es so ein, dass sie alle ihre Zimmer im dritten Stock erhielten. Er wusste weshalb. Es zog ihn zur scharfen Ada, auch wenn er dabei eine waghalsige Kletterpartie auf sich nehmen musste und seinen Hals riskierte.

Er stieg also aus dem Fenster, eine Weile nachdem sie zu Abend gegessen hatten. Ada war schon in ihrem Zimmer. Es passte den beiden, dass sie diesmal kein Doppelzimmer und keine Suite mit Brian DeForbes zusammen hatte. Joe ging barfuß, so hatte er ein besseres Gefühl auf dem schmalen Sims. Der Wind pfiff um ihn herum, und er sah die Lichter von Salt Lake City, auf den mit Gaslaternen erleuchteten Straßen Fuhrwerke und sehr wenige Reiter, dafür eine Menge Fußgänger.

Weiterlesen

Trackback-URL 27 Kommentare
24
März 2015

Wasserstandsmeldung des Wortvogels

Erst Kurzurlaub in Dublin, nun Reportagemarathon in und um München – man kommt zu nix. Wenigstens habe ich heute ein Angebot bekommen, das ich stressfrei ablehnen konnte:

angebotErwartungsgemäß habe ich mir deshalb meine guten Carnaby Boots durchwässert, was einen trockenen Fleck hinterließ, der erstaunlich an Texas erinnert:

Texas

Zum Wochenende hin schreibe ich wieder ein paar Texte für euch, versprochen. Bis dahin seid mit dieser Anekdote vertröstet:

Ich kam heute Abend sehr müde, durchfroren und gestresst im Hotel an. Hunger hatte ich auch. Also dachte ich mir: Wenn schon in München, dann doch gleich in mein Lieblingsrestaurant Sangam in Schwabing. Nach satten sechs Runden um den Block erinnerte ich mich daran, die Parkplatzsituation in der Münchner Innenstadt wie die Pest zu hassen. Um den Ärger zu verstärken, schaute ich erst dann zum Lokal – und stellte fest, dass das Sangam dicht gemacht hat!

Kaum bin ich ein Jahr weg, schon sind die pleite?!

Die Webseite der Betreiberfamilie erklärt es so:

“Das SANGAM Restaurant musste am 31. Januar seine Pforten schließen, da uns entgegen früherer Zusagen der Pachtvertrag leider nicht verlängert wurde. Wir aber sagen DANKE für die langjährige Treue unsere Gäste in Schwabing.”

Mit dem letzten Satz meinen die mich, keine Frage. Also weiter in Richtung Odeonsplatz, Richtung Schwesterlokal Sangeet.

Auch geschlossen.

Man kann die bayerische Metropole nicht mal 12 Monate aus den Augen lassen, schon geht da alles drunter und drüber…

Trackback-URL 1 Kommentar
17
März 2015

Das deutsche Horror-Fandom bläst zum Angriff!

Es ist schön, dass sich manche Dinge nie ändern. Schon in den 80ern war sehr offensichtlich, dass man mit den Fans bestimmter Filme nicht reden kann – weil die auf jede Kritik an ihren Heiligtümern aggro reagieren. Da treffen sich Nerd und Neigung in seltener Eintracht, hilflos wird mit verbalen Bierdosen geworfen und “deine Mudda!” gegrölt.

Aus dem Grund wundert es mich auch nicht wirklich, dass die Beteiligten von “German Angst” und ihre Claqueure meinen Verriss von zwei Dritteln des Werkes eher unsouverän aufnehmen:

papeBundestag, RTL, Gymnasium – die holen wirklich die ganz dicken Kanonen raus. Beim “Pape-Hasser” überschätzt Andreas Pape seine Strahlwirkung allerdings ganz gewaltig. Im Gegensatz zu ihm kann ich Mensch und Werk auseinander halten.

Sollte ich angesichts dieser dumpfen Wut meine Meinung zum Film nochmal überdenken? Nö. Zumal eigentlich alle, mit denen ich nach dem Film gesprochen habe, so ziemlich einer Meinung waren. Meiner. Allenfalls die Buttgereit-Episode wurde hier und da etwas wohlwollender gesehen.

Wahrlich, das deutsche Fandom ist mal wieder genau so, wie es ständig behauptet, eben nicht zu sein. QED.

Nachtrag: Zumindest Kosakowski scheint Peilung zu haben – auch wenn danach wieder ein Buttgereit-Fan mit Penis-Fixierung zu Wort kommt:

kosa

Trackback-URL 87 Kommentare
16
März 2015

Fantasy Filmfest Nights 2015: Die Reviews (2)

poster_marshlandMarshland

Spanien 2014. Regie: Alberto Rodriguez. Darsteller: Raul Arévalo, Javier Gutierrez, Antonio de la Torre, Nerea Barros u.a.

Story: Zwei Polizisten sollen das Verschwinden zweier Schwestern in der spanischen Provinz des Jahres 1980 aufklären. Bald gibt die weite Sumpflandschaft die Leichen frei und es geht um Mord. Um mehrere Morde. Und schließlich um die Frage, wie weit eine Gemeinschaft zu gehen bereit ist, um vergangene Sünden und nie bestrafte Täter zu schützen. Dabei verläuft der Graben nicht nur zwischen den Dörflern und der Polizei, sondern auch zwischen den Beamten selbst…

Kritik: Man kann “Marshland” für einen entsetzlich mäandernden Krimi halten, der seine zu komplizierte Geschichte zu spannungslos und mit trüben Bildern erzählt, in dem durchschwitzte Polyesterhemden und schlechte Haarschnitte regieren und geraucht und gesoffen wird, als gälte es Rekorde zu brechen. Zähes Männerkino, wie es auch aus Chile oder Mexiko kommen könnte. Man läge nicht mal wirklich falsch damit.

Hat man allerdings rudimentäre Ahnung von den historischen Zusammenhängen, dann wird schnell klar, dass “Marshland” unterschwellig vibriert, dass jede Szene aufgeladen ist mit schmerzhafter Geschichte und gerade bei uns Deutschen die entsprechenden Knöpfe drücken kann. Hier wird eine Mordserie erzählt, die weit zurück greift in einen über Jahrzehnte tumb hingenommenen Unrechtsstaat, der immer noch lautstarke Verteidiger hat und dessen schmierigste Vertreter weiterhin an den Schnittstellen der Macht sitzen. Wo aus folternden “Sicherheitskräften” brave Polizisten werden und aus Diktatoren Demokraten, als müsse dafür nur das Hemd gewechselt werden, als habe das System nicht unter der Erde noch seine Wurzeln erhalten.

Sound familiar?

“Marshland” schafft es, mit einer großen Bandbreite von klar gezeichneten Figuren die Spannungsverhältnisse in der noch wackeligen Demokrat über den Kriminalfall zu erzählen, ohne in simples Schwarzweiß zu verfallen. Hier tun gute Menschen Böses, und böse Menschen Gutes. Das alles ist in großartig-deprimierenden Bildern eingefangen, in denen sogar die Häuser und Autos zu schwitzen scheinen und die ewig präsenten Staub- und Matschflecken bis in die Seelen reichen.

Sicher kein leichter Film, keiner, der sich dem Publikum anbiedert oder es mit einfachen Erklärungen bei der Stange hält. Aber ein schöner Beweis, dass anspruchsvolle Krimikost auch außerhalb Skandinaviens und Großbritanniens serviert wird.

YouTube Preview Image

Fazit: Langsamer, drückender Krimi vor der Kulisse des nach dem Tode Francos neu demokratisierten Spaniens. Ein Film, der von seinem Zeitkolorit und seinen gut beobachteten Figuren lebt, die sich mit einer gänzlich neuen Kultur arrangieren müssen.

springSpring

USA 2015. Regie: Justin Benson, Aaron Moorhead. Darsteller: Lou Taylor Pucci, Nadia Hilker, Francensco Carnelutti, Nick Nevern, Jeremy Gardner u.a.

Story: Evan hat seine krebskranke Mutter verloren, seinen Job auch, und ein dumpfer Schläger will ihm die Fresse polieren. Auf den Rat einer Freundin hin kauft er sich spontan ein Flugticket nach Europa, um Kopf und Gemüt auszulüften. Er landet schließlich im malerischen Italien, wo er sich prompt in die so hübsche wie eigenwillige Louise verliebt. Was er nicht ahnt: Louise ist ein Jahrhunderte altes Monstrum, das in jeder Generation geschwängert werden muss, um sich aus den Stammzellen des Fötus zu regenerieren. Doch auch für Louise ist die Liebesgeschichte nicht das, was sie erwartet hat…

Kritik: Durch einen kurzen Vorabplausch mit Onkel Filmi ging ich diesen Film eher negativ belastet an – die Macher sind wohl aus der Indie/Mumblecore-Ecke, für die ich wenig Leidenschaft hege. Darum dauerte es auch eine Weile, bis ich die improvisiert wirkende Kameraarbeit und die unaufdringlichen Dialoge als Stilmittel und nicht als Unfähigkeit identifizieren konnte. Ab da ging’s dann geradewegs bergauf.

90 Prozent der Laufzeit ist “Spring” eine Urlaubs-Liebesgeschichte zweier junger Menschen, deren Leben sich im Umbruch befindet. Das erinnert an die “Before”-Trilogie von Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke, und natürlich ist das “exotische” Europa der Katalysator.

Benson und Moorhead verstehen es dabei hervorragend, das aneinander Herantasten der beiden Protagonisten glaubwürdig zu inszenieren, Evans Faszination, Louises’ Distanz. Da findet sich kein Kitsch, kein Melodrama. Hier finden sich zwei, die erst ihre Rezeptoren öffnen müssen. Nähe zulassen, wenn man das Klischee bedienen möchte.

Die Atmosphäre Apuliens verstärkt die traum-hafte Qualität des Sommermärchens, in die eher beiläufig nach einer Stunde der Horror von Louises’ immer unkontrollierbareren Verwandlungen einbricht. Aber auch dann dreht “Spring” nicht in die Genrestandards, hält sich weiter an der Liebesgeschichte fest, die sich von der lovecraftschen Unbeschreiblichkeit nicht zerstören lassen möchte. Das Monster in Louise – es könnte auch ein gewalttätiger Exfreund sein, eine Drogenabhängigkeit, eine tödliche Krankheit. Es ist nicht wirklich Fokus, sondern nur das Hemmnis, das die Liebenden überwinden müssen.

Die bewusst dokumentarische begleitende Kamera ergänzt sich hervorragend mit den wenigen, aber exzellent umgesetzten Spezialeffekten, die bei größerer Käsigkeit den Zuschauer leicht aus der Filmwirklichkeit hätten reißen können.

Als besonderen Pluspunkt muss man zudem die deutsche Nadia Hilker nennen, die nach Auftritten in “Soko” und “Alarm für Cobra 11″ als Louise ein ganz starkes internationales Debüt hinlegt. Sinnlich und scharfsinnig, schlagfertig und sehnsüchtig – das könnte (sollte!) der Beginn einer beeindruckenden Karriere sein.

Gut, insgesamt könnte “Spring” Kürzungen von 10 bis 20 Minuten in den ersten beiden Akten vertragen und das Finale ist zwar folgerichtig, aber auch etwas unspektakulär – das tut der Frische und der Vitalität der Liebesgeschichte jedoch keinen Abbruch.

YouTube Preview Image

Fazit: Eine dialoglastige Independent Love Story, in der die Tatsache, dass es nicht nur um „boy meets girl“, sondern auch um „boy meets monster“ geht, eher nebensächlich bleibt. Das grundsympathische und gut gespielte Stück verdient ein Publikum weit über das Horrorfilm-Genre hinaus.

wyrmwood-posterWyrmwood: Road of the Dead

Australien 2014. Regie: Kiah Roache-Turner. Darsteller: Jay Gallagher, Bianca Bradley, Leon Burchill, Keith Agius, Catherine Terracine u.a.

Story: Die Zombie-Apokalypse kommt schnell, gnadenlos und unerwartet. Mechaniker Barry muss sogar seine Frau und seine Tochter erschießen, bevor er sich auf den Weg macht, um wenigstens seine Schwester Brooke zu retten, die sich allerdings schon in den Fängen eines außerordentlich madden scientists befindet. Doch man kann ja auch mal Glück im Unglück haben und als Barry im gepanzerten Wagen seine Schwester befreien kann, hat diese durch ungefragt an ihr durchgeführte Experimente ein paar Fähigkeiten, die sich beim Kampf gegen die Zombies als durchaus nützlich erweisen.

Kritik: Kann die Zombiewelle ENDLICH mal wieder abebben? Haben wir neben Dutzenden von B-Movies, Blockbustern wie “World War Z”, den diversen “Resident Evil”-Sequels UND TV-Serien wie “Z Nation” und “The Walking Dead” nicht ENDLICH mal genug schlurfende Untote gesehen? Wie wär’s mal wieder mit Dämonen, Vampiren oder meinetwegen auch Mumien?

“Wyrmwood” ist weniger ein Film, mehr ein verfilmtes Armutszeugnis. Eine Handlung gibt es nicht: Die Seuche bricht aus, Barry will seine Schwester retten. Nicht mal der Weg von diesem mageren A zu diesem mageren B ist möglich – letztlich stoßen die beiden durch puren Zufall aufeinander. Es gibt auch keine “character arcs”, niemand entwickelt sich oder lernt dazu. “Wyrmwood” führt lediglich ca. 10 Figuren ein, von denen am Schluss nur noch zwei übrig bleiben. Der Rest ist großkalibriges Zerplatzen von Zombieschädeln.

Es ist völlig egal, ob die Action halbwegs flüssig inszeniert ist oder ob Bianca Bradley im durchgeschwitzten BH gut aussieht – “Wyrmwood” ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der nicht mal ein Basisgerüst mitbringt und allen Ernstes glaubt, 100 Minuten könne man auch mit schierer Freude am Schmodder totschlagen. Und dem ist halt nicht so.

So gehalt- und stilvoll wie australisches Dosenbier.

YouTube Preview Image

Fazit: Zombie-Splatteraction ohne nennenswerte Story oder Charakterentwicklung, die zwar flüssig inszeniert ist und zwei oder drei nette Ideen mitbringt, der aber auch spätestens in der zweiten Hälfte die Puste ausgeht und die den Rest der Laufzeit mit Schießereien und Zombie-Zähnefletschen rumbringt.

Trackback-URL 8 Kommentare
16
März 2015

Fantasy Filmfest Nights 2015: Die Reviews (1)

Cub-poster1Cub

Belgien 2014. Regie: Jonas Govaerts. Darsteller: Gill Eeckelaert, Maurice Lujiten, Stef Aerts, Titus de Voogdt u.a.

Story: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern – so stellt sich ein Pfadfinder-Ausflug nur in Donald Duck-Comics dar. In der Realität von „Cubs“ ist der Mikrokosmos der Ferien-Waldläufer seitens der Kids wie der Aufseher geprägt von Animositäten, Bösartigkeiten und keimender Geilheit. Die zur Gänsehauterzeugung erzählte Wildkind-Lagerfeuerstory macht die Sache nicht besser, zumal das ferale wie brutale Wildkind Kai tatsächlich existiert und sich über diverse Untaten mit dem unsicheren Sam „anfreundet“. Der Bodycount eskaliert und bald sind Zwei- und Vierbeiner auf der Flucht durch einen mit geradezu albern aufwändigen Fallen gespickten nächtlichen Wald. Nicht einer für alle – jeder für sich lautet nun die Devise…

Kritik: „Cubs“ ist der ideale Einstieg in die Fantasy Filmfest Nights – nicht, weil er bahnbrechend gut ist, sondern weil er perfekt repräsentiert, wofür das Festival steht: Kleine Filme aus Ländern, die man vielleicht sonst nicht auf dem Schirm hat, untertitelt und manchmal etwas sperrig, aber voller Überraschungen und frischen Gesichtern.

„Automata“, der im Anschluss kam, wird nie das Problem haben, dass man ihn in der DVD-Abteilung des Drogeriemarktes übersieht: Aus Amerika, Science Fiction, mit Killerrobotern UND Antonio Banderas. Aber „Cubs“ schafft es vermutlich nicht mal bis in die DVD-Regale und wird bestenfalls mit ein oder zwei Exemplaren ganz unten auf dem Wühltisch liegen. Und genau darum ist es wichtig, dass das Fantasy Filmfest solche Streifen zeigt, die Macher fördert und das Genre jenseits des Mainstream am Leben erhält.

Dass „Cubs“ darüber hinaus eine ziemlich sehenswerte Killercomedy ist, kann als erfreulicher Bonus gewertet werden. Die Idee, statt der üblichen geilen Teenager einfach mal einen Trupp Pfadfinder in den Wald zu schicken, ist ziemlich clever, gerade weil die Spiegelung der typischen Charaktere in die Pubertät (der Dicke, der Mitläufer, das Großmaul) entlarvt, wie unreif und eindimensional diese Figuren gewöhnlich sind. Die psychische wie physische Bedrohung Minderjähriger hat zudem deutlich mehr Potenz als das willkürliche Abschlachten von College-Absolventen, die wir sowieso nicht leiden können. So, wie Sam eine Art verkleinerter Held ist, ist Kai sein pubertierender Gegenpart. I was a (barely) teenage leatherface.

Dabei ruht sich „Cubs“ nicht auf dem Gimmick aus, Protagonist und Antagonist zehn Jahre jünger als üblich zu präsentieren – Regisseur Govaerts macht auch richtig was aus dieser Prämisse. Immer wieder wird deutlich, dass Kai auch charakterlich das Spiegelbild von Sam ist, seine wütende pubertierende Seite, die es entweder anzunehmen oder zu überwinden gilt. Die schrecklichen Ereignisse sind eine Reifeprüfung, die Sam den Rest seines Lebens prägen wird. Bis zum Schluss ist damit nicht nur unklar, wer überlebt – sondern auch als was…

Hinzu kommen ein paar hübsch absurde Szenen, diverse solide Splattereffekte und eine gefällige Kameraarbeit, die gut damit zurecht kommt, dass „Cubs“ fast ausschließlich nachts im stockfinsteren Wald steht. Und im Cast sind es ebenfalls die Darsteller von Sam und Kai, die überzeugen können – nicht zu amateurhaft, aber auch nicht zu hyperprofessionell haftet ihrem Spiel eine Authentizität an, die man sich bei den meisten Splatterfilmen vergeblich wünscht.

Ach joh, manchmal hapert es ein wenig an der Logik, diverse Nebenfiguren dienen nur der Streckung der Laufzeit und man kann die Verbindung von Aktion und Reaktion mitunter für brüchig halten, aber das stört nur, wenn man den Film mit überkritischem Studienratsblick seziert. Und das sollte man sich bei einem Crowdpleaser wie „Cubs“ verkneifen.

YouTube Preview Image

Fazit: Fähnlein Fieselschweif meets „The Hills have Eyes“ als kleine, fiese Splattergroteske, die zwar nicht in jeder Szene logisch oder inszenatorisch überzeugt, aber als Beispiel für gelungenen Euro-Horror allemal erneut die Frage aufwirft, warum wir Deutschen so etwas nicht zustande bringen.

Speaking of which…

angstGerman Angst

Deutschland 2015. Regie: Jörg Buttgereit, Michael Kosakowski, Andreas Marschall. Darsteller: Lola Gave, Anderas Pape, Annika Strauss, Axel Holst, Matthan Harris, Daniel Faust, Denis Lyons, Milton Welch, Katja Bienert u.a.

Story: Drei Geschichten aus Berlin. In Buttgereits „Final Girl“ wird die blutige Rache eine Mädchens an einem (vermutlichen) Peiniger mit einem Schulaufsatz über die Kastration von Meerschweinchen begleitet. Michael Kosakowskis „Make a wish“ illustriert die brutale Folter eines taubstummen Pärchens durch Neonazi-Schläger – und widmet sich der Frage, ob Opfer- und Täterrollen jemals austauschbar sein können. Andreas Marschalls Mini-Spielfilm „Alraune“, der den großen Teil der Laufzeit beansprucht, erzählt von einem frustrierten Fotografen, der im nächtlichen Exzesse/Extase-Berlin einen Club findet, der scheinbar totale Erfüllung verspricht.

Kritik: Ich habe Buttgereit zuletzt 1991 oder so gesehen, als er beim „Howl Weekend of Fear“ seinen Streifen „Nekromantik 2“ vorstellte (was dank der Unfähigkeit des Projektors, die Tonspur abzutasten, deutlich daneben ging). Meinen damaligen Eindruck, dass hier ein Szene-Nerd nur deshalb, weil er keinen dumpfen Proll-Splatter dreht, fälschlich in die Kunst/Kult(ur)-Schublade gesteckt wurde, hat sich in den folgenden Jahren bestätigt: Buttgereit schreibt Theaterstücke und Hörspiele, in denen er sein Nerdtum ausleben kann, was aber immer irgendwie meta oder ironisch gemeint ist.

Und so beweist “Final Girl” dann auch, dass das “Ende” der “Karriere” des “Regisseurs” Jörg Buttgereit vor mehr als 20 Jahren kein Verlust war. Die technischen Mittel haben sich (minimal) verbessert, die erzählerischen Werkzeuge sind immer noch pubertär und grobschlächtig: Ha ha, Pimmel! Kastrationsangst, kennt man ja! Die Frau als Opfer wird zum Täter, der Mann ist schmierig, die Welt gemein. Das soll wohl irgendein Statement sein, nur welches, das bleibt buttgereitesk im Dunkeln. Auch die Gleichsetzung mit den Meerschweinchen ist nur im ersten Moment charmant, letztlich aber inhaltsleer. Die spröde inszenierte und mäßig nachvertonte Episode macht immer wieder den Mund auf, ohne was zu sagen.

Wenigstens ist Buttgereit Buttgereit – augenblicklich identifizierbar und damit für die Zielgruppe der Buttgereit-Kultisten auch empfehlenswert. Was man von Kosakowskis “Make a wish” allerdings nicht sagen kann. Ein paar Nazi-Hooligans (oder Skins oder Punks, wer weiß das schon?) foltern ein taubstummes polnisches Pärchen. Voll der Kommentar, weißte, weil Weltkrieg Zwo und so. Nur leider sind die gewaltgeilen Schläger ungefähr so realistisch wie die Bewohner von Tromaville und man muss dem Macher unterstellen, dass er weder die Mechanismen von Aggression noch die Chiffren der Szene verstanden hat. Diese unsägliche Suhlerei in Gewalt bei gleichzeitiger Oberlehrerhaftigkeit erinnert an das Projekt einer Film-AG zum Tag gegen Rassismus an einem mittelgroßen Gymnasium.

Rausreißen muss es Andreas Marschall, der einst Buttgereits Filmplakate pinselte und seit “Masks” als deutsche Giallo-Hoffnung gilt (wenn man so etwas für möglich und/oder erstrebenswert hält). Konsequenterweise macht sich Marschall frei von den Restriktionen des Episodenfilms und liefert einen Mini-Spielfilm ab, der als Einzelstück auf Scheibe sicher eine größere Chance auf Anerkennung hätte als auf dem Dreirad mit den zwei erzählerisch gehandicappten Miniaturen der Herren Buttgereit und Kosakowski.

“Alraune” ist ein Fiebertraum zwischen Wave-Film und Giallo, spielt mit den Obsessionen von Jess Franco und dem Urbösen Lovecrafts. Ein Blick in die Seele wird zum Abstieg in die Hölle. Nichts ist neu, aber es ist verwegen erzählt und mit großer Souveränität inszeniert. Auch darstellerisch wird ausnahmsweise mal keine Wassersuppe gereicht. Im Gegensatz zu den anderen Episoden brüllt nicht jede Szene das Klagelied des nicht vorhandenen Budgets, sondern schwelgt in Farben, Bewegung, malerisch zerfallenden Locations und schwitzenden Körpern.

Wenn ich Kosakowski (der den Film auch produziert und finanziert hat) einen Rat geben dürfte, würde er lauten: “Alraune” als singulären Film vermarkten (lang genug ist er) und “Final Girl” und “Make a wish” als Boni auf die DVD packen. Es macht einfach keinen Sinn, den Zuschauern zuerst mit zwei hilflosen Amateurfilmchen die Laune zu verderben, bevor sie zum Filet kommen. Das hat Marschalls intensives Erzählstück nicht verdient.

YouTube Preview Image

Fazit: Kann man sich die Episode von Buttgereit als „typisch Buttgereit“ noch schönreden, ist Michael Kosakowskis hanebüchenes Gewaltcomic von allen guten Geistern verlassen. Highlight ist Andreas Marschalls fiebriger Giallo-Traum, der ihn nach „Masks“ erneut als großes deutsches Talent empfiehlt, das für höhere Budgets entdeckt gehört.

A-girl-walks-home-posterA Girl walks home alone at Night

USA 2014. Regie: Ana Lily Amirpour. Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Mozhan Marnò, Dominic Rains, Marshall Manesh u.a.

Story: Arash ist jung, ehrlich und bemüht, aber im Teheran des Jahres 2014 hat er wenig Chancen auf eine menschenwürdige Existenz – das Mädchen seiner Träume spielt außerhalb seiner Liga, sein Vater ist heroinabhängig und ein Zuhälter nimmt ihm den geliebten Wagen. Doch in der Nacht taucht das Mädchen auf, ein melancholischer Vampir wie aus einem Traum von Coco Chanel. Sie wird die reinigende Kraft in der bösen Stadt, Arashs Anker und Ausweg, auch wenn das einige Opfer fordern wird…

Kritik: “A girl” (ich kürze den so ab) zeigt exemplarisch, wie interessant es sein kann, wenn man (wie ich) ohne jegliche Vorkenntnisse ins Kino geht und den Film komplett “at face value” nehmen muss. Es zahlt sich aus, weil es ein Erlebnis ohne Altlasten ist, ein faire Chance auch für Filmemacher oder Genres, die man vielleicht ablehnt.

Aus der Sicht des “Unwissenden” ist “A girl” ein bezaubernd poetischer Film in kontraststarkem Schwarzweiß, auf der Suche nach Schönheit in einer hässlichen Welt, zugleich dem italienischen Neorealismus verwandt und der harschen Nachtgier eines Coffin Joe. Der Junge, dessen Unschuld an der gemeinen Wirklichkeit aufgerieben wird, findet ausgerechnet in der Blutsaugerin seine Madonna, seine Erlösung aus dem Mikrokosmos von vier, vielleicht fünf Figuren, die einander das Leben unerträglich machen.

Langsam, schleichend, betörend, ein Film wie eine blutige Feder.

Das. Ist. Kunst.

Und wenn es keine Kunst ist, dann ist es zumindest verdammt kunstvolles Avantgarde-Kino, wie man es auf dem Fantasy Filmfest sucht und zu wenig findet. Das iranische Genrekino als aufregend neue Stimme im “world cinema”, wer hätte es gedacht?

Doch diese Sicht hält nur so lange, bis man den Wikipedia-Eintrag zum Film liest und feststellt, dass er u.a. von Elijah Wood produziert wurde, die Regisseurin in Los Angeles lebt, der Film in Kalifornien gedreht wurde und der heroinsüchtige Vater vom Limousinenfahrer aus “How I met your Mother” gespielt wird.

Die Authentizität von “A girl” ist komplett behauptet, die Bildsprache und Erzählweise nicht der iranischen Filmkultur entsprungen, sondern als Substitut für eine solche erfunden. Der Film hat kein Fundament, stellt kein Erbe und keine Weiterentwicklung dar. Es handelt sich um einen am Reissbrett entwickelten Versuch, gerade die Eigenständigkeit des “world cinema” zum Bestandteil der Hollywood-Maschine zu machen. Das alles inkludierende System erzählt sogar seine Exklusion. Wie eine Diktatur, die ihre eigene Revolution anzettelt, weil sie das nicht dem Pack überlassen mag.

Ich möchte wieder zur Unwissenheit zurück. Ich will nicht wissen, dass der Frodo Beutlin aus “Open Windows” dahinter steckt, dass “Death” von den White Lies gar kein übersehenes Pop-Kleinod der 80er ist, dass die Ölfelder nicht südlich von Teheran, sondern nördlich von Santa Barbara stehen oder dass Hauptdarsteller Arash Marandi mal im “Großstadtrevier” mitgespielt hat. Ich will, dass “A girl” wieder die Ausnahme ist und nicht nur die clever verpackte Regel.

YouTube Preview Image

Fazit: Ein Film, dessen Bewertung nur anhand der Einstellung des Zuschauers getroffen werden kann: Akzeptiert man den Ursprung des Films in Hollywoods Hipster Horrorcommunity, ist er ein wunderschönes, elegisches, neorealistisches Vampirmärchen. Erwartet man vom „world cinema“ kulturelle Authentizität, muss man den Streifen zwangsläufig als „fake wie Sau“ einstufen.

Andererseits…

the-lazarus-effect_1424378817The Lazarus Effect

USA 2015. Regie: David Gelb. Darsteller: Mark Duplass, Olivia Wilde, Donald Glover, Jennifer Floys, Ray Wise u.a.

Story: Ein Team von Wissenschaftlern arbeitet an einem Serum, dass die Gehirntätigkeit im Falle des Todes strecken soll, um Wiederbelegung zu ermöglichen. Die Testergebnisse sind spektakulär: Ein längst verstorbener Hund ist auf einmal wieder lebendig und sein Grauer Star is vollständig geheilt. Als ein Pharmakonzern sich die Formeln unter den Nagel reißt, kommt es zu einer folgenschweren Verkettung unglücklicher Umstände, an deren Ende ein Menschenversucht steht…

Kritik: Viele Zuschauer waren der Meinung, “Lazarus Effect” sei zwar nicht der große Bringer gewesen, zu vorhersehbar und in Klischees suhlend, aber die gelackte Produktion, die guten Darsteller und die flotte Inszenierung höben den Streifen dennoch gerade so über das Mittelmaß.

I beg to differ.

“Lazarus Effect” ist Hollywood at its worst, gerade nach dem fordernden und belohnenden “A girl” ein Schlag mit dem nassen Handtuch ins Gesicht. Hier ist wirklich gar nichts frisch, die Charaktere so abgenudelt wie die Dialoge, jede Szene lässt sich auf bekannte und bessere Vorbilder zurück führen. Es ist ein Fließbandfilm, der zynisch darauf setzt, dass sein bisschen CGI-Splatter, das Casting von Olivia Wilde und die solide Poster-Artwork schon reichen werden, Publikum zu ködern.

Es hat auch gereicht. Der Film hatte in den USA einen Kinostart und hat am ersten Wochenende das Dreifache seines (geringen) Budgets eingespielt. Ein Erfolg.

Soll ich gratulieren? Nein. Weil ich genau diese Sorte von blind durchgekliniertem Genrestandard nicht mehr ertragen kann. Wer sich die erzählerischen Eier abschneidet, um ja nichts falsch zu machen, macht eben auch nichts richtig. Ein bisschen “Flatliners”, ein bisschen “Lucy”, ein bisschen “Carrie”, angereichert mit den Schocks aus der J-Horror-Kiste und preiswert runtergekurbelt in einem gesichtslosen Laborkomplex. Das kann man als “ausreichend” benoten, ist aber eine Mathe-Arbeit, wo ein Aufsatz stehen sollte.

YouTube Preview Image

Fazit: DVD-B-Ware, die sich bei Dutzenden anderer Science Thriller bedient, in der zweiten Hälfte in okkulten Hokuspokus abdriftet und ohne den deutlich unterforderten Cast als Genre-Fastfood schnell gesehen und schnell verdaut wäre. Von Allesdrehern für Allesseher.

Trackback-URL 10 Kommentare
14
März 2015

We’ll be back after a short break

Sodele, nach zwei Tagen “auf Reportage” (Tirschenreuth und Seligenstadt) fahre ich nun direkt weiter in Richtung Kölner Dom. Die Fantasy Filmfest Nights rufen. Drei Filme habe ich bereits gesehen und besprochen, die lasse ich dementsprechend aus:

Automata, The Guest und Tusk.

Damit ihr euch zwischenzeitlich nicht langweilt, hat Dia Westerteichter satte 3 Stunden “Evil Ed on Video 2″ für euch digitalisiert und hochgeladen. Proxy wie ZenMate braucht ihr immer noch, dafür ist die Bildqualität diesmal deutlich erträglicher. Ein wirklich spannendes Relikt für alle, die sich für die Horror-Szene der späten 80er interessieren. Und ganz am am Schluss gibt der Wortvogel noch mal den Volldeppen in einem aufwändig produzierten Werbespot für sein Fanzine “Dark Palace“:

YouTube Preview Image

Durch das Evil Ed-Video führt übrigens Stephan Lenzen, ein ungewöhnlich talentierter Fanfilmer der späten 80er, dem ich immer eine größere kommerzielle Karriere gewünscht hätte. Seine Streifen “Living Room” und “Cut Character” waren frischer, aufwändiger und einfallsreicher als alles, was “die Szene” seither zustande gebracht hat.

Dia Westerteicher präsentiert auf YouTube auch Lenzens Frühwerk “Zander”, einen experimentellen Psycho-Horrorfilm mit Musik von Chris Hülsbeck, den ich euch absolut ans Herz legen möchte:

YouTube Preview Image

Das sollte euch beschäftigt halten, bis ich wieder da bin.

Trackback-URL kein Kommentar
10
März 2015

Wortvogels Video-Archäologie: Die 5. Braunschweiger Aktionstage der Science Fiction (1998)

In den 90ern wurde ich immer mal wieder zu kleineren SF-Cons eingeladen. Dortmund, Garching, Frankfurt – und Braunschweig. Das hing mit meinem Job bei ProSieben zusammen, meinen SF-TV-Guides und sicher auch der Tatsache, dass ich auf jeder Bühne ein Knaller bin. Rampensau, deine Name sei Wortvogel.

An Braunschweig habe ich nur gute Erinnerungen. Eine kleine, völlig unkommerzielle Con, ohne Stars, aber dafür mit Leuten, die in der Szene als echtes Urgestein durchgehen. 1998 waren das (außer mir, dunkles Hemd) noch Peter Terrid (grünes Polo) und Rolf Giesen (nicht im Bild):

SF-Tage Braunschweig 13

Ich habe damals ein Q & A zu aktuellen SF-Produktionen geleitet, ein Mini-Seminar zum Thema Drehbücher gegeben und mich an einer Podiumsdiskussion mit Terrid und Giesen beteiligt.

Rolf Giesen. Tja. Von dem hatte ich ein halbes Dutzend Bücher zu Hause im Schrank. Ich traf ihn in der kleinen Cafeteria des Veranstaltungsortes vorab, wir unterhielten uns eigentlich ganz nett – auch wenn mir sehr bewusst war, dass Giesen als langjähriger Mitarbeiter der Stiftung Deutsche Kinemathek nicht nur ein ganz anderes Standing hatte als ich, sondern dass trotz gerade mal 15 Jahren Altersunterschied hier zwei völlig verschiedene Generationen Filmfan aufeinander trafen: “Orion” vs. “Babylon 5″, Ray Harryhausen vs. Stan Winston, Robbie der Roboter vs. Terminator.

Und so war es kein Wunder, dass wir uns bei der Podiumsdiskussion recht schnell in die Haar bekamen – Giesen vertrat z.B. die These, dass keine CGI dem Realismus von Stop Motion gerecht werden könne, was ich mit einem höferesken “Das ist doch grotesk!” quittierte. Wenn ich mich recht erinnere. Es blieb angespannt, aber respektvoll.

Peter Terrid war eine andere Nummer. Ein typisch schluffiger Groschenroman-Autor, mit dem ich mich heute über viel mehr Themen unterhalten könnte als damals. Genau genommen bin ich mittlerweile ja auch ein Groschenroman-Autor der neuen Generation. Terrid war ein unprätentiöser Typ, ein in Ehren gealterter Fan, der seine Liebe zur klassischen SF und zum Kriminalroman nie höheren Zielen geopfert hatte. Einer, mit dem man prima auf ein Bier gehen kann – und nach zehn oder zwölf zufrieden aus der Kneipe wankt.

Den einzig wirklich bizarren Moment gab es beim Q & A, wo sich ein Extrem-Fan massiv über die Synchro und die Ausstrahlungspolitik zum Thema “Akte X” ereiferte, weil die “Verzerrungen” klare politische Motive hätten. Dann stellte er tatsächlich in den Raum, er werde ja auch schon überwacht. Da hatte jemand seine Medikamente nicht genommen.

Nichtsdestotrotz: Gute Tage, spannende Gespräche, nette Leute.

Und weil ich mich vor ein paar Wochen daran erinnerte, dass überall Jungs mit Videokameras rumgelaufen waren, nahm ich über Olaf Funke Kontakt mit Stefan Schaper und Alexander Braccu aus, um mich auf die Suche nach dem Material zu machen. Und siehe da: Stefan hatte das offizielle Con-Video noch und war auch bereit, mir eine digitale Version zur Verfügung zu stellen. Den Jungs gebührt mein Dank.
Weiterlesen

Trackback-URL 7 Kommentare
10
März 2015

Schlafes Schwester

Ich habe ja schon öfter gehört, dass Katzen gerne auf dem Schoß des Besitzers schlafen, niedlich eingerollt oder quer drüber. Rufus hat das von Anfang an anders gehandhabt, er will wie ein Kleinkind gehalten werden:

rufischlaeft

Dabei schläft er nicht besonders tief, er tankt nur eine Viertelstunde Nähe zu “seinem” Menschen. Dann steht er auf und sucht sich einen ruhigen Platz für das richtige Nickerchen.

Seine Schwester Becky ist da anders. Sie ist generell lieber für sich, braucht Kuscheleinheiten eher sporadisch und formlos, gerne auch verpackt in Spielereien. So quetscht sie sich gerne zwischen zwei Küchenschränke, wo ich ihr ganz wild den Bauch rubbeln muss, damit sie sich genüsslich platt gedrückt hin und her wälzen kann:

flat cat Kopie

Es ist allerdings auffällig, dass Becky manchmal das Kuschelverhalten ihres Bruders nachahmt – aber nur, wenn er selber im anderen Stockwerk weilt. Dann traut sie sich ein bisschen mehr, wo sie sonst Rufus den Vortritt lässt.

Nach einer besonders ausgiebigen Rubbelpause (darum sieht sie etwas durch die Hecke gezogen aus) kam sie gestern tatsächlich an und versuchte es auch mal mit der Chefplauzen-Premiumlage. Allerdings mangelt es ihr noch an Erfahrung, wie man sich das bequem einrichtet:

beckyschlaeft

Das üben wir noch.

Trackback-URL 3 Kommentare
7
März 2015

Evil Ed on Video: Handgemachter Horror

Über meine Jugend als Horrorfan habe ich schon ausgiebig geschrieben, über meine ersten Fanzines auch. Damals gab es neben unserem “Dark Palace” ja auch das befreundete “Evil Ed”-Magazin von Dia Westerteicher, Michael Nagenborg und Peter Blumenstock. Von “Evil Ed” produzierten die fleißigen Jungs sogar ein paar “on video”-Ausgaben, um z.B. der Tatsache zu huldigen, dass sie alljährlich am großen “Brussels International Fantastic Film Festival” teilnahmen. Dort hatten sie für Impressionen und Interviews Camcorder dabei, die eben doch direktere Eindrücke lieferten als geschriebene Artikel.

Das Festival gibt es übrigens immer noch und nächsten Monat geht es ins unglaubliche 33. Jahr.

“Evil Ed on video” galt lange als verschollen – es wurden nur wenige Kopien gezogen, die Bildqualität des Masterbandes war schon nicht dolle gewesen und VHS altert nicht sehr gut. Nach 25 Jahren kommen auch die Magnetpartikel der besser gepflegten Tapes mal durcheinander.

Trotz aller Bedenken hat sich Dia Westerteicher nun von mir windelweich klopfen lassen und das Video mühsam digitalisiert und so weit als möglich restauriert. Ergebnis: Fast drei Stunden Video-Reviews, Festival-Ereignisse und Interviews aus den späten 80er Jahren.

Die Sache hat zwei Haken: Zuerst einmal stört sich YouTube an irgendeinem Tonclip und verweigert in Deutschland die Freigabe. Da müsst ihr auf einen Proxy ausweichen, z.B. über Hola oder (wie ich) ZenMate. Und dann ist da noch die Sache mit der Bild- und Tonqualität: beides jämmerlich, eigentlich sogar unguckbar jämmerlich.

ABER: Wir kämpften damals mit Videos, die sich wegen NTSC nicht auf heimischen Rekordern abspielen ließen, wir schauten auch die x-te Kopie der x-ten Kopie, so lange ungeschnittener Splatter winkte. Bildrauschen, Farbaussetzer, Tonsprünge waren unser täglich Brot! Ich habe das selbst mal so erklärt:

YouTube Preview Image

Und aus genau diesem Grund ist “Evil Ed on video” vielleicht grausam anzuschauen und eine Pein für die Gehörgänge – aber damit eben auch sehr “authentisch 80er”. Uns ging’s damals (fast) immer so, nun könnt ihr das wenigstens nachvollziehen.

Ohne weitere Vorrede – Teile überspringen oder abbrechen erlaubt, denn das hier ist nur von Interesse für die ganz Harten aus dem Garten:

YouTube Preview Image

Ich hoffe, dass Dia noch dazu kommt, auch die weiteren Ausgaben zu digitalisieren – dann gibt es nämlich einen aufwändigen Hollywood-Spot für den “Dark Palace” mit mir selbst in der Hauptrolle zu sehen. Und ein “Intro” von Dennis Hopper. Stay tuned.

P.S.: Wem das Gerausche und die Geräusche zu unerträglich sind, der kann sich freuen: Dieser Tage stelle ich ein weiteres Video online, an dem der Zahn der Zeit erheblich weniger genagt hat. Das Con-Video der “Braunschweiger Aktionstage Science Fiction 1998″ zeigt mich bei einer Q&A-Session, auf dem Podium in hitziger Diskussion mit Rolf Giesen und viele andere spannende Sachen. Oh, the memories…

Trackback-URL 10 Kommentare
7
März 2015

Der Wortvogel wir memefiziert

Es war kein schönes Erlebnis: Beim Versuch, mir mit einem monströsen Messer ein Brötchen zu zerteilen, entglitt mir erst die jahrelange Expertise, dann die Klinge:

finger

Seid froh, dass ihr nur diese Aufnahme von einem Tag später seht – das hat geblutet wie Sau, wollte gar nicht aufhören, und natürlich hätte ich damit zum Arzt gehen müssen. Weshalb ich zum Apotheker ging, um ein extrastarkes Pflaster zu kaufen. Immerhin lernte ich dort, dass es Pflaster mit extralangen Klebestreifen gibt, die man um den Finger wickeln kann, um mehr Druck auf die Wunde auszuüben. Trotzdem habe ich vier von den Pflastern durchgeblutet, bis endlich Ruhe war.

So eine Verletzung ist besonders dann kritisch, wenn man mit der Tipperei sein Geld verdient – jeden neunten Buchstaben auslassen ist ja auch keine Option. Aber es geht: Der Schnitt ist nicht weit genug oben an der Fingerspitze, um meine Tastaturakrobatik nachhaltig zu beeinträchtigen. Sollte die Fingerkuppe allerdings abfaulen, müsste ich das noch mal neu durchdenken.

Gestern habe ich das obige Bild auf Facebook gepostet, weil mir auffiel, dass das fahle Fleisch mit dem roten Riss ein bisschen nach Joker aussah – und es hat keine Stunde gedauert, bis einer meiner Leser das entsprechend umsetzte:

fingaz

Ich bin entzückt!

Trackback-URL 4 Kommentare
6
März 2015

Whatthefuckbuster Double Feature: “Vice” & “Everly”

viceVice

USA 2015. Regie: Brian A. Miller. Darsteller: Thomas Jane, Bruce Willis, Ambyr Childers, Jonathon Schaech u.a.

Offizielle Synopsis: Julian Michaels hat das ultimative Resort entworfen, “Vice”. Hier ist alles möglich, und die Kunden können mit den künstlichen Bewohnern, die wie Menschen aussehen, fühlen und denken, ihre wildesten ausleben. Doch dann gibt es einem weiblichen Cyborg eine Fehlfunktion, denn sie entwickelt ein Bewustsein und flieht aus dem Komplex. Auf der Flucht vor Julians Söldnern bekommt sie unerwartete Hilfe von einem Cop, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Vice zu schließen und die Gewalt zu beenden.

Kritik: Dieser Film war von Anfang an ein Mysterium für mich. Wie kann es einen Science Fiction-Thriller mit Bruce Willis und Thomas Jane geben, von dem ich vorher noch nie gehört habe? Wieso geht der direkt auf Scheibe und ins Streaming, mit nur einem marginalen Kino-Release?

Nach ein wenig Recherche war klar: “Vice” ist Teil des Geschäftsmodells der Firma Emmett/Furla, deren Output vor niedrig budgetierten Pseudo-Actionfilmen strotzt, die das Geld nicht auf die Leinwand bringen, sondern lediglich in einen oder zwei “name stars” investieren, die sich drei Drehtage richtig teuer bezahlen lassen. Das anämische Endergebnis mag nicht als großes Blockbusterkino taugen, aber über die globalen Märkte und neue Medien rechnet sich das Geschäftsmodell anscheinend sehr gut.

“Setup”, “Catch .44″, “Lay the Favorite”, “Fire with Fire” und “Prince” boten schon Bruce Willis auf – und selbst viele Willis-Fans dürften diese Streifen nur vom Hörensagen kennen. “Empire State” mit The Rock? “Freelancers” mit Robert de Niro? “Touchback” mit Kurt Russell? “Two Guns” mit Denzel Washington? Alles Emmett/Furla.

Das ist kein Kino, das ist Kino-Substrat, eine clevere Imitation, die wie Kino aussieht, aber “direct to Zweitverwertung” liefert.

Man muss sich klarmachen, dass dieser “Bruce Willis-Actionthriller” gerade mal 15 Millionen Dollar gekostet hat – ein Drittel der aktuellen Jason Statham-Filme. Und wenn man weiß, dass von den gerade mal 15 Millionen mindestens die Hälfte an Willis und Jane gegangen sind, dann ahnt man: Das große Effektkino hat hier kein Zuhause gefunden hat.

Und so ist es dann auch. “Vice” verstolpert sich schon mit den ersten Szenen an einem albernen “Westworld”-Plagiat, das unausgegoren wirkt und schlecht erzählt wird. Man möchte einem der großen SF-Klassiker der 70er huldigen, bringt aber nicht mehr erzählerische Eier auf als unzählige Videoheuler der 90er mit dem Präfix “Cyborg” im Titel. Um Seriosität vorzugaukeln, verkneift man sich jedoch deren sleazigere Elemente, was den Film weiter auf frühes Kabelsender-Niveau drückt und gefährlich in die Nähe solcher Gurken wie “Cyborg Agent” und “Chameleon”.

Einen interessanten Look oder aufwändige Sets sucht man vergebens – um der Fördermittel willen hat man alles in “downtown Mobile, Alabama” gedreht, was einfach nicht sonderlich futuristisch aussieht. Der Super-Vergnügungspark “Vice” ist letztlich eine Gewerbe- und Geschäftsviertel und erschreckend viele Szenen beschränken sich – wie bei Seagal und Lundgren – auf Seitenstraßen, Fabrikgebäude und verlassene Einkaufszentren.

Der gesamte Film spielt übrigens in einer Nacht, die in diesem Kontext ungefähr 36 Stunden dauern müsste (nun gut, den Fehler hat “Die Klapperschlange” auch schon gemacht) und “Science Fiction” heißt hier, dass überall große Neonröhren rumliegen und an der Straßenecke ein Autowrack brennt. Man gönnt uns nicht mal ein paar Laserstrahlen oder Hologramme oder Roboter-Eingeweide. Der Aufwand macht Hungerkur.

“Vice” hat kein interessantes Setup, keinen interessanten Quest, keinen Drive und keine interessante Figur zu bieten. Er weiß nicht, wo er hin will, darum dreht er sich im Kreis. Alle Darsteller mit Ausnahme der beiden “name stars” könnten auch aus einer aktuellen CW- oder Fox-Serie stammen. Bruce Willis schlafwandelt durch seine Rolle als “Strippenzieher im Hintergrund” und man hat das Gefühl, sein patentiertes süffisantes Grinsen ist schiere Verachtung für die Macher, den Film und letztlich das Publikum. Selten habe ich eine Performance gesehen, bei der das totale Desinteresse des Stars derart offensichtlich war. Und Thomas Jane? Der Ex-“Punisher” auf dem Sturzflug in die B-Movie-Hölle kann nicht retten, was die Pappfigur “rebellischer Cop” nicht hergibt. Das hätten auch Miles O’Keeffe oder Lorenzo Lamas spielen können.

Janes Rolle zeigt zudem exemplarisch die Schwächen des Skripts: Cop Roy ermittelt rein gar nichts, ist (wie weiland Indiana Jones in “Raiders”) für die Handlung komplett irrelevant. Schlimmer noch: Wie weiland Indiana Jones in “Raiders” ist es seine Dummheit, die es der Evil Corporation ™ erlaubt, die Replikantin Kelly problemlos zu finden. Er ist eine Figur, die nur existiert, weil das Skript einen Helden braucht – nicht aber die Story.

Und wo die Story, die Darsteller und das Budget nichts reißen, ist auch die Regiearbeit von Brian A. Miller exakt so einzigartig wie sein Nachname. Hier wird Dienst nach Vorschrift geleistet, als ginge es nicht um einen Bruce Willis-Film, sondern um eine beliebige Episode von “Ein Colt für alle Fälle”.

YouTube Preview Image

Fazit: Ein eierloser und hirntoter “Westworld”-Abklatsch ohne jeglichen Unterhaltungswert, ein seelenloses Produkt für die Regale. Watch Bruce Willis not giving a shit.

everlyEverly

USA 2014. Regie: Joe Lynch. Darsteller: Salma Hayek, Akie Kotabe, Jennifer Blanc, Masashi Fujimoto, Togo Igawa, Gabriella Wright, Caroline Chikezie, Laura Cepeda, Hiroyuki Watanabe u.a.

Story: Als Everlys Zuhälter und hochrangiger Yakuza-Boss Taiko herausfindet, dass sie eine FBI-Informantin ist, wird Everlys luxuriöse Bleibe zur tödlichen Falle. Um das vom Boss versprochene Kopfgeld zu kassieren, steht bald eine ganze schwer bewaffnete Armada von Profikillern vor der Tür. Gefangen in ihrer Wohnung, wehrt sich die unbedarfte Everly mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und kennt dabei keine Gnade…

Kritik: “Everly” ist ein Film, der nicht funktionieren sollte – und dem man umso höher anrechnen muss, dass er eben doch funktioniert. Gerade nach dem gelebten “leck mich doch” von “Vice” beweist Joe Lynchs Film, dass es auch in die andere Richtung geht: Statt getürktem Großkino eine Konzentration auf das Wesentliche, sehnige Action mit üppigem Splatter und rotzigem Humor, die eigenen Grenzen kennend – und dann lässig sprengend.

Man hat das Gefühl, “Everly” könnte als besoffener Scherz begonnen haben:

“Alder, ich hab’s – wenn wir kaum Kohle haben, aber fette Action machen wollen, dann lassen wir das alles eben IN EINEM RAUM spielen. Stirb langsam meets Cocktail für eine Leiche!”.

Und alle Beteiligten waren zu hackedicht, um rechtzeitig zu widersprechen.

Wenn man den Anspruch hat, einen harten, aber durchaus emotional packenden Actionfilm abzuliefern, dann ist es schon sehr mutig oder sehr dumm, diesen in das Korsett einer einzigen Location zu zwängen. Schließlich ist es mit Helden und Action wie mit dem Prophet und dem Berg – kommt der eine nicht zum anderen, muss der andere zum einen kommen. Die Beschränkungen müssen genutzt werden, als Bonus und nicht als Malus. Da trennt sich die Spreu vom Weizen – und das Drehbuch von (hauptberuflich Script Coordinator bei TV-Serien) Yale Hannon ist knackigster goldgelber Weizen.

“Everly” packt genügend Shootouts, Explosionen, Killer-Charaktere und hässliche Wendungen in 90 Minuten, um nicht auf geschwätzige Pseudo-Suspense zurückgreifen zu müssen. Und er bietet Salma Hayek die Gelegenheit, nach Jahren als kurvenstarkes Helden-Gspusi oder augenbrauige Drama-Queen ganz im Zentrum des Geschehens zu stehen – und da schlägt sie sich hervorragend. Ebenso liebende Mutter wie arschtretender Racheengel, legt sie Everly deutlich breiter an als eine typische männliche Variante dieser Spezies. “Everly” ist nicht nur die Geschichte eines bleischwangeren Ausbruchs aus einem belagerten Apartment – es ist auch die Geschichte eines Ausbruchs aus männlicher Unterdrückung, ein splatteriges Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung und den Vorrang von Mutterschaft vor Promiskuität. All das – plus knappe Tops und Yoga-Pants.

Natürlich versucht “Everly” an keiner Stelle, so etwas wie Realität aufkommen zu lassen. Er ist ein zynisches Comic, das sich in der Übersteigerung des Absurden gefällt, dabei aber nie den Griff um den Hals der Zuschauer verliert. Die Gewalt und die Geschmacklosigkeit haben etwas Pubertäres, erinnern an “Cat Run” und “Julia X“.

Ich hatte Joe Lynch (der mit Adam Green auch in der unsäglichen Horror-Sitcom “Holliston” auftritt) bisher in das Umfeld der minder talentierten Neo-Horror-Kultregisseure wie Ti West und Eli Roth eingeordnet. Aber wie bei Adam Wingard muss ich das revidieren – Lynch hat ein präzises Auge für gut choreographierte Action auf kleinem Raum, weiß Schauspieler zu führen und die Spannungsschraube anzuziehen. Respekt.

Eine echte Entdeckung – und in einer gerechten Welt der Beginn einer zweiten Karriere von Salma Hayek.

YouTube Preview Image

Fazit: Knallhartes Comic-Kino als Bastard von Tarantino und Miike, ein perfektes Showcase für Salma Hayek, ein hochoktaner feministischer Actionthriller im Experimentalfilm-Gewand – und big fun for everyone!

Trackback-URL 27 Kommentare
5
März 2015

Der Funk Uhr Serientäter schlägt wieder zu!

FU CoverDie Pointe von letzter Woche funktioniert ja leider nicht noch einmal, also sage ich es frei heraus: Das große sechsseitige Special über Filmbiographien (neudeutsch Bio-Pics) ist von mir. Auch hier plaudere ich aus dem Nähkästchen und gehe das Thema von allen Seiten an: Die Geschichte der Filmbiographien, große Blockbuster über große Menschen, die Schauspieler in den besten Bio-Pic-Rollen, legendäre Mehrteiler und die kommenden Events werden abgefeiert. Außerdem schreibe ich darüber, was den Reiz der Filmbiographie ausmacht, wo die Gefahren liegen, warum immer Nico Hoffmann dahinter steckt und von wem ich gerne mal ein Bio-Pic sehen würde. Kompakt und trotzdem unterhaltsam, finde ich. Aber ich bin da parteiisch.

Man entschuldige die etwas freudlosen Farben dieses Fotoscans:

FU Filmbios

Jetzt ist aber erstmal Ruhe im Karton, ich schmiede gerade fleißig Texte für die “Liebes Land” uns muss ja auch mal wieder auf Reportage…

Trackback-URL kein Kommentar