28
März 2016

Perlentaucherei in der Jauchegrube

Ich habe ja schon ein paar Mal Möglichkeiten vorgestellt, sich im Netz kostenlos in Sachen Bad Movie-Kultur einzudecken. Trashfilme gibt es überall, erfreulicherweise kostenlos, da kann sich auch der Noob gefahrlos schlau machen.

Allerdings bieten die meisten dieser Webseiten Filme nur auf englisch an und wie ich von euch schon häufiger gehört habe, kann das eine Hürde sein. Außerdem werden dort oft genug VPNs gebraucht, weil die Inhalte in Deutschland gesperrt sind. Und meist ist es bestenfalls semi-legal.

Schluss damit!

Der YouTube-Kanal WeloadTV stellt akuell über 3000 Filme bereit, praktisch alle davon auf deutsch. Klar, Bildqualität ist manchmal mau, von "uncut" ist oft weit und breit nichts zu sehen und diverse B-Klassiker der 80er und 90er haben seltsame Titel- und Artwork-Wandlungen erfahren, aber das ändert nichts daran, dass man kaum einfacher und billiger an Schundgranaten kommen kann (besonders, wenn man einen Downloader zum Offline-Genuss verwendet).

Vor allem aber finden sich unter den Dutzenden Müllstreifen aus der Asylum-Schmiede und diversen Public Domain-Heulern echte Schätzchen, von denen ich euch ein paar hier kurz vorstellen möchte.

So habe ich die bizarre jugoslawische Literaturverfilmung "Der Rattengott" erstmals 1982 in der ZDF-Reihe "Der phantastische Film" gesehen. Das wandelt stark die Klinge von Sozialdrama, Kunst und Genre:

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Aus der Reihe hätte ich übrigens auch noch zu gerne eine anständige Version von "Der Autovampir":

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Ein echtes Highlight ist der anspruchsvolle SF-Dialogfilm "Man from Earth", den ich vor unglaublichen 7 Jahren an dieser Stelle besprochen habe:

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Den Rest lege ich euch wegen der vielen Videofenster hinter den Break:

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26
März 2016

Kino-Kritik: Batman vs. Superman - Dawn of Justice

bvs1

USA 2016: Regie: Zack Snyder. Darsteller: Henry Cavill, Amy Adams, Ben Affleck, Gal Gadot, Jesse Eisenberg, Jeremy Irons, Laurence Fishburne, Diane Lane, Holly Hunter u.a.

Offizielle Synopsis: Batman alias Bruce Wayne, jener überragende Streiter für Recht und Ordnung in Gotham City, fürchtet, dass selbst die Aktionen eines gottähnlichen Superhelden wie Superman außer Kontrolle geraten könnten, wenn er nicht ständig beaufsichtigt wird. Deshalb legt er sich jetzt mit dem meistverehrten modernen Retter in Metropolis an, während die Welt darüber streitet, welche Art Helden sie eigentlich braucht. Und da Batman und Superman nun einander bekämpfen, taucht unversehens eine neue Bedrohung auf, durch die die Menschheit in brisante Gefahren von ungeahnten Ausmaßen gerät.

Kritik: Oh Mann, das wird schwierig. Ich ahne schon, dass diese Kritik in wirres Gebrabbel ausartet, weil es um einen Film geht, der so inkohärent, so qualitativ wie emotional wackelig ist, dass sich darin kein gerader Review-Faden finden lässt. Es wird ein Text des "leider, aber immerhin" und des "wenigstens, aber dann wieder"...

Momentan sehe ich meine einzige Chance zur Ordnung darin, den Film nicht in Kategorien zu beurteilen (Story, Schauspieler, Dramaturgie, Effekte), sondern grob chronologisch, meinem eigenen Erleben folgend. Und darum natürlich: Spoiler voraus! Weiterlesen

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23
März 2016

Ebook-Abzocke: Kleiner Nachtrag (+ Werbung)

Gut, wir haben mittlerweile bewiesen, dass Autoren klauen, dass Firmen klauen, dass qualitativ nicht mal Minimalstandards gelten - heute habe ich ein schönes Beispiel dafür gefunden, dass manche Leute mitunter "Bücher" auf den Markt werfen, die nicht mal für ein Listicle taugen.

Nehmen wir diesen Band:

Bildschirmfoto 2016-03-23 um 15.11.10

Dem geschulten Auge fallen zwei Dinge auf: Die Collage im Hintergrund hat nichts mit Film zu tun, ist eine simple Sammlung lizenzfreier Bilder von Blumen, Tieren, Landschaften. Es hat nicht mal zu einem Mashup von Filmpostern gereicht.

Und dann das: "20 Movie facts". 20? Ernsthaft? So wie in "20 Euro" oder "20 rote Rosen"? Sollten das nicht mindestens 1000 oder - trendiger - 1001 sein, um ein ganzes Buch dafür zu rechtfertigen?

Andererseits: Zwar geben weder Autor noch Amazon eine Seitenzahl an, aber die Dateigröße von mehr als 6 Megabyte lässt auf ein durchaus substanzielles Werk schließen.

Allerdings hat der Autor einen Fehler gemacht und die "look inside"-Funktion aktiviert gelassen. Das bedeutet, dass sich jeder Interessierte selbst ein Bild davon machen kann, wie fundiert die Fakten, die man zum Lebensglück braucht, unterfüttert sind:

Bildschirmfoto 2016-03-23 um 15.11.32

Jawohl, das ist EINE Seite. Von ZWANZIG. Ein beliebiges, kostenfreies Stockbild, mit dem ein "Fakt" hinterlegt wird, der an Banalität nicht zu überbieten ist. Es gibt nicht mal eine Quelle oder eine Erläuterung, ob diese Zahl nur für Hollywood oder weltweit gilt.

Sechs dieser Seiten kann man sich dank der Vorschau-Funktion ansehen. In diesem Fall also fast ein Drittel des gesamten "Buches".

7,99 Dollar. Ganz schön frech.

Weil man aber nicht nur meckern soll, will ich auch mal ein positives Beispiel dokumentieren. Peter Osteried hat sich statt in den Kinosessel mal wieder an den Schreibtisch gesetzt:

osteried

Wenigstens muss man die nicht kennen, BEVOR MAN STIRBT!

Das Buch kostet mit 9,99 Euro nicht nennenswert mehr als "20 movie facts", stellt aber ausführlich und launig geschrieben satte 30 TV-Serien vor, über deren Eignung als "Kult" ich mich mit Peter demnächst in München mal prüg... austauschen muss:

Erben des Fluchs, Invasion von der Wega, Kolchak – Der Nachtjäger, The Amazing Spider-Man, Total Recall 2070, UFO, Alien Nation, Batman, Der Unsichtbare, Buck Rogers, Die Schöne und das Biest, Ein Engel auf Erden, Farscape, Gefrier-Schocker, Geschichten aus der Gruft, Die Abenteuer des jungen Indiana Jones, Josh – Der Kopfgeldjäger, Krieg der Welten, Lexx – The Dark Zone, Planet der Affen, Planet der Giganten, Pretender, Rawhide, Remington Steele, Space Rangers, TekWar, The Flash – Der Rote Blitz, Vegas, Wildes Land – Lonesome Dove, S.R.I. und die unheimlichen Fälle

Finde ich prima, kommt zeitnah auf mein Tablet.

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19
März 2016

Watching (6): Daredevil Staffel 2

punisher

Wow, wie die Zeit vergeht - noch nicht mal ein Jahr rum und Marvel/Netflix haut uns schon die dritte Maxi-Serie um die Ohren. Nach dem spektakulären Start von "Daredevil" und der etwas mehr auf Drama setzenden "Jessica Jones"-Story muss die zweite Staffel des blinden Rächers beweisen, dass dieses Format seinen Groove gefunden hat.

Nach Ansicht der ersten 2 Folgen lautet die Antwort: absolut. Und mehr.

"Daredevil II" (ich wäre übrigens für einen Untertitel, sowas wie "Rise of the Punisher") schließt nahtlos an die erste Maxi-Serie an und setzt beim Zuschauer eine gewisse Grundkenntnis voraus. Schon das ist erfreulich genug - die Produzenten nehmen nicht den DAZ (dümmster anzunehmender Zuschauer) als Maßstab und verschwenden deshalb auch keine Zeit an unnötige Exposition. Es geht ratzfatz in media res - mit einer Verfolgungsjagd inklusive diverser Schlägereien, bei der Daredevil erneut dem kostümierten Kollegen aus Gotham den Titel Dark Knight streitig macht. Daredevil ist ein beinharter Vigilante, der sich selbst so wenig schont wie die Schurken, denen er das Handwerk legt. Ein Badass.

Und dann - taucht der Punisher auf. Und die bisherige Definition von "Badass" ist hinfällig. Wie ich schon vor Monaten spekuliert/gehofft hatte, ist Jon Bernthal mal wieder einer der ganz großen Casting-Coups von Marvel - wie Downey als Stark, Hemsworth als Thor und Cumberbatch als Dr. Strange. Er mag an Körpermasse nicht mit Lundgren oder Jane mithalten können, aber seine schiere Präsenz, seine Eiseskälte und sein Fokus machen ihn schnell zur definitiven Leinwandumsetzung des legendären "Bestrafers". Die Szene, in der er einem Hehler etwas Hardware abkauft, ist in ihrer zurückhaltenden Konsequenz ganz großes Comic-Kino.

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"You know you're one bad day away from being me" indeed...

Die Fights zwischen Daredevil und Punisher sind denn auch mal wieder echte Highlights - hier prügeln zwei exzellente Kämpfer aufeinander ein, für die "stay down" keine Option ist. Hardcore, wie es das Fernsehen vor 10, 15 Jahren niemals hätte zeigen können. Im Anspruch an den Zuschauer und in der Brutalität zeigt "Daredevil" die Weiterentwicklung des Mediums, seine Möglichkeiten. Das Format Serie ist noch lange nicht auserzählt.

Und ich bin noch nicht mal bei Elektra angekommen!

Über die Action, die Atmosphäre und die Attraktivität seiner Figuren hinaus ist "Daredevil" wie erwartet hochkarätig inszeniert und erzählt: Es geht um die Verantwortung der Autoritäten, es geht um das Vakuum, das verlorene Macht hinterlässt, und den ganz persönlichen "breaking point", den jeder Mensch hat und vor dem er sich fürchtet.

Natürlich hätte man ein paar Szenen und Redundanzen raffen können, mitunter bringt eine ganze spannende Folge den eigentlichen Plot nicht voran, aber es liegt in der Natur der horizontalen Erzählweise und des Story Arcs, dass weniger komprimiert wird. Letztlich besteht "Daredevil" trotz seiner 13 Teile eben nicht aus 13 Folgen, sondern aus EINER Geschichte, die mit über 10 Stunden Laufzeit nicht im Stakkato erzählt werden kann. Oder sollte.

Superhelden-Fans sollten dieses Jahr im Kalender markieren:

  • Deadpool
  • Batman vs. Superman
  • Captain America: Civil War
  • Daredevil 2
  • Luke Cage
  • Suicide Squad
  • X-Men: Apocalypse
  • Legends of Tomorrow
  • Dr. Strange
  • Killing Joke
  • Damage Control
  • Preacher
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Wir haben lange genug gewartet. Darauf, ernst genommen zu werden. Darauf, nicht nur Spielzeugsammler zu sein. Darauf, eine Stimme zu haben. Wir haben "Steel" durchlitten und "Batman and Robin", wir haben uns "Superman IV" gefallen lassen und "Catwoman". Jetzt sind wir dran.

Best superhero year EVER!!!

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19
März 2016

Helmut Schmidt wirbt für den Kopp-Verlag?!

Das klingt absurd. Nicht zuletzt deswegen, weil die olle Pfeife seit November 2015 unter der Erde raucht. Und dennoch:

schmidt

Da kann man schon mal verblüfft auf die Bremse treten und wie "häh?" gucken. Dann empfiehlt es sich allerdings, a) weiterzufahren, um den nachfolgenden Verkehr nicht zu behindern und b) mal ein bisschen zu recherchieren.

Mir half in dieser Situation, dass ich bereits wusste, dass Zbigniew Brzeziński (und ja, diesen Namen habe ich sicherheitshalber aus der Wikipedia kopiert) in den 70ern ein Berater von Präsident Carter war. Seine Tochter Mika ist Moderatorin bei MSNBC. Mit diesem Background war die Arbeitshypothese schnell aufgestellt, dass es sich bei "Die einzige Weltmacht" nicht um ein aktuelles Werk handelt, sondern eine Neuveröffentlichung.

Kurz mal nachgeschaut: Jawohl, das Buch ist von 1997 und erschien in Deutschland beim Fischer-Verlag mit einem Vorwort von Hans-Dietrich Genscher. Carter, Schmidt, Genscher, Brzeziński - alte Weggefährten aus der Zeit des Kalten Krieges.

Mittlerweile ist das Buch natürlich hoffnungslos veraltet - es kam vor 9/11, vor Bush, vor dem Internet-Boom. Es fabuliert von Amerika als der letzten Supermacht, die sich die Vormachtstellung in Eurasien sichern müsste, um eine Neue Weltordnung zu schaffen (ein Begriff, bei dem Koppioten ja regelmäßig wohlig Schauer über den Rücken laufen). Die Analyse des Moments mag noch stimmig sein, die empfohlenen Strategien sind es längst nicht mehr – Bücher wie dieses landen sehr schnell auf dem 1 Euro-Wühltisch der Geschichte. Oder, wie in diesem Fall, bei Kopp.

Wie ernstzunehmen solche belletristischen Polit-Schmöker sind, kann man auch an dieser Anekdote über Brzeziński aus dem Jahr 1995 ablesen:

"Von ihm soll auch der Begriff des „Tittytainment“ stammen, der besagt, dass in Zukunft 80 % der – dann arbeitslosen – Weltbevölkerung durch eine moderne Form von Brot und Spielen bei Laune gehalten werden müsse."

In diesem Kontext muss das Zitat von Helmut Schmidt, das sich der Kopp-Verlag nun begeistert auf die Werbeplakate pinselt, gesehen werden - weder war es für die Werbung DIESES Verlages gedacht, noch würde Schmidt das vermutlich heute noch so unterschreiben. Wenn er könnte.

Werke des Kopp-Verlages muss man auch weiterhin weder lesen noch ernst nehmen.

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18
März 2016

Watching (5): The Night Manager

Es ist bekannt, dass ich britischen Serien erheblich mehr zugeneigt bin als amerikanischen. Ich mag die Ernsthaftigkeit, das Drama, den Verzicht auf die ewigen Superlative. Wenn man sich vorstellt, was für ein schnarchiges, farbloses "Vergnügen" die Serien von der Insel bis in die 90er waren, wird die radikale Wende deutlich, die britische Sender und Produzenten geschafft haben, gerade im Bereich Krimi: "Luther", "Happy Valley", "Broadchurch", "Thorne", "Fortitude", "Sherlock", Singlehanded", "Ripper Street", "Good cop", etc. pp.

Ich mag auch die Tatsache, dass die Briten immer noch gerne das Miniserien-Format bedienen und Handlungsbögen oft nach sechs Folgen abschließen. Das ist stemmbarer als die 22er-Staffeln aus den USA.

Über die gelungene Umsetzung von "And then there were none" hatte ich neulich schon geschrieben. Die LvA hat sich in den letzten Wochen von der spektakulären Neuverfilmung von "Krieg & Frieden" begeistern lassen:

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Mit "The Night Manager" zeigt die BBC (in Zusammenarbeit mit dem US-Sender AMC) mal wieder, wo aktuell der Hammer hängt. Eine John le Carré-Verfilmung mit Starbesetzung, gedreht mit großem Aufwand an spektakulären Schauplätzen, getragen von Charisma und inszenatorischem Fingerspitzengefühl. Premium-Fernsehen - und jetzt schon für Prime-User auf deutsch bei Amazon.

Müsste ich was kritisieren, es wäre dies: Die Miniserie schafft in den Folgen 2-6 nicht mehr die atmosphärische Dichte der ersten Episode, und letztlich (John le Carré halt) sind die erzählten Strukturen doch sehr bekannt und hausbacken: Der Bösewicht, der eingeschmuggelte Agent mit schwankender Loyalität, das Gangsterliebchen, der misstrauische Handlanger, der Geheimdienst-Chef im Hintergrund. Oft gesehene Standards, aber selten so üppig und hochwertig umgesetzt.

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Es würde mich freuen, wenn in dieser neuen TV-Ära wieder mehr Romane verfilmt würden, wenn die goldene Zeit der "based on the novel"-Adaptionen Ende der 70er, Anfang der 80er wieder aufgenommen würde. Ich hätte nichts gegen ein Remake von "Noble House" oder "Shogun", aufwändige Umsetzungen von "Der Zauberberg" und "Faust". Anyone?

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17
März 2016

Watching (4): Man in a Suitcase

Ex-CIA-Agent McGill zieht - nur mit einem Koffer - durch die Welt und wird in bizarre Aufträge gezogen. In der Pilotfolge wird er entführt und für seine Beteiligung an einem Umsturz in Afrika physisch und psychisch gefoltert. Doch die Schuldfrage ist nicht einfach zu beantworten und McGill nicht leicht zu knacken.

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Eine recht kurzlebige Serie der späten 60er, die zu gleichen Teilen „The Prisoner“, „The Avengers“ und „Der Mackintosh-Mann“ channelt, die Paranoia ihrer Zeit, den Einbruch des Psychedelischen in die verschachtelte Welt der Geheimdienste. Intelligent und sehr präzise geschrieben, leidet „Man in a suitcase“ weniger am sehr artifiziellen Look (typisch für britische Serien dieser Zeit) als an ihrem stoischen, etwas faden Hauptdarsteller, dessen amerikanische Macho-Attitüde wenig Charme versprüht.

Kann man aus serienhistorischem Interesse mal anschauen - echter Kult sieht allerdings anders aus.

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17
März 2016

Sprung in der Schüssel: Mein All-Tag

Vorbemerkung: Einen ähnlichen, deutlich reduzierteren Artikel habe ich vor vier Jahren bereits über das Sender-Angebot auf Ibiza geschrieben.

satellitenfernsehenZweierlei Informationen habt ihr schon: Wir haben jetzt Satelliten-TV und das Ehepaar Wortvogel ist nicht so für den Schienenverkehr des Formatfernsehens zu haben. Was wir gucken, kommt von Scheibe oder aus dem Mediatheken, wird gestreamt oder heruntergeladen. Wir wissen weder, welche Reality-TV-Shows aktuell auf Vox laufen noch was der momentane Werbe-Claim von Burgerking ist. Dokus, britische Serien, ein paar Klassiker - wir sind wählerisch.

Eigentlich bräuchten wir den Rummel aus dem Receiver also nicht.

Aber ach - die Auswahl von Astra ist beachtlich und ich habe eben eine Stunde damit verbracht, die Sender zu sortieren. Und nun wollte ich euch mal einen Einblick nicht nur in das Angebot geben, sondern auch in meine Prioritäten, was die Platzierung der Programme angeht.

1 und 2: ARD und ZDF. Mag Nostalgie sein, aber anders kann ich nicht.

3 bis 10: Die Dritten Programme. Alle. Es gibt regional immer mal wieder Sehenswertes zu entdecken.

11 bis 18: Diverse Spartenableger von ARD und ZDF, also neo, info, etc. Primär wegen interessanter Dokumentationen.

19 bis 23: Andere öffentlich-rechtliche Kleinkanäle mit eklektischem Angebot, von Phönix über ARD-alpha bis arte und 3Sat, aber auch münchen.tv - aus ganz privater Nostalgie.

Bis hierhin ist übrigens fast alles in HD. Erfreulicherweise.

24 bis 33: Erst hier kommen die Privaten von RTL über Pro7 bis Vox und Sixx, dazu ein paar Spartenableger wie RTL nitro und SAT.1 Gold. Gucken wir eh nicht viel.

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34 bis 41: Ein obskurer Mix aus Nischensendern wie Dmax, Disney Channel und Nickelodeon.

42 bis 46: Nachrichtensender: ntv, n24, BBC worldwide, Tagesschau 24. Nicht oft, aber dann gerne.

47 bis 67: Shopping-Kanäle. Einmal im Monat zappen wir eine Stunde lang durch diesen gesammelten Wahnsinn, lachen lauthals und schweigen betroffen, oft in direkter Folge und aus den gleichen Gründen. Mir war nicht bewusst, wie viele dieser "Wenn Sie JETZT anrufen...!"-Monstrositäten mittlerweile auf Sendung sind.

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68 bis 75: Religioten-TV, von GOD TV über Bible TV, Hope TV bis zu K-TV. Fünf Minuten hiervon macht Augen und Ohren bluten, aber ich gestehe, dass mich eine ungute Faszination immer wieder in diese Untiefen treibt.

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Macht insgesamt 75 Sender, die zumindest die Möglichkeit haben, von uns mal durchgezappt zu werden. Auf den knapp 250 weiteren Programmplätzen befinden sich unsortiert noch diverse Perlen, die mich teilweise fassungslos machen. So war mir nicht klar, wie viele Sender es gibt, deren einziger Existenzgrund die Anbahnung fleischlicher Pseudo-Kontakte ist. Das läuft dann unter Namen wie Dreamgirls24, 123-Damenwahl, Männersache TV, Babestation etc.

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Enttäuscht hat mich dagegen die fast totale Absenz von Musikkanälen. Abgesehen von Schlager und Heimatmusik ist da totale Ödnis, selbst VH-1 Classic schafft es nur zu einem schwarzen Bildschirm. Wäre es denn so schwer, ein oder zwei Frequenzen mit den größten Krachern der 70er, 80er, 90er und den Hits von heute zu bestücken?

Ebenfalls nicht ganz befriedigend: Folx TV. Dem Namen nach hatte ich auf einen zentralen Sender für Skinheads, Neonazis und sonstiges Rechtspack gehofft, es scheint aber nur um Volksmusik zu gehen. Marktlücke?

Andererseits: Der Bedarf meiner Ohren wird ausreichend über die vielen Radiosender gedeckt, die Astra in Richtung Erde strahlt. Die Wohnung kann mit Klassik Radio ebenso beschallt werden wie mit Deutschlandradio Kultur oder Radio Eins. Allerdings kann ich die auch genau so gut auf meinem Macbook übers Netz hören.

Der Rest ist Testbilder, südeuropäisches Mager-Fernsehen und obskure Werbefilmchen für irgendwas und irgendwen. Eine bunte, laute Wüste.

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15
März 2016

Technische Updates im Hause Wortvogel

Im komme dieser Tage sicher noch dazu, ein paar neue Beiträge zu schreiben, für heute müsst ihr euch allerdings mit einem Einblick in meinen Hardware-Park begnügen.

Ich bin kein "early adopter", besuche nicht die CeBit auf der Suche nach den neusten Gadgets. Ich halte mich an das Prinzip "if it ain't broke, don't fix it" und neue Anschaffungen müssen klare Vorteile mit sich bringen, mein Leben schneller, besser oder komfortabler machen. Ich bin aufgeschlossen, aber nicht technophil. Dieser Tage sah ich mich allerdings gezwungen, meinen Hightech-Horizont etwas zu erweitern und zwangsweise dazu zu lernen.

Wir sind (nach Kabel Deutschland und Unity Media) mittlerweile bei der Telekom gelandet. Ging nicht anders, ist aber auch in Ordnung. Ich hatte ursprünglich Triple Play bestellt, aber dann stellte sich die Verkabelung des Hauses als dafür ungeeignet heraus und ich habe kurzfristig den TV-Teil des Vertrages wieder gekippt. Nun haben wir Internet und Telefon vom ehemaligen Staatskonzern. 100 Mbit Download, satte 36 Mbit Upload. Beim Download war Unity Media schneller, aber Telekom-Breitband punktet mit sehr stabilen Werten:

speed

Vor allem ist der Telekom-Kundendienst extrem kompetent und flexibel, dazu aber dieser Tage mehr.

Blieb das TV-Problem. Viel wollen wir ja nicht, weil wir neben Internet und Streaming kaum noch "traditionell" fernsehen. Aber man hängt ja kein HD-Gerät als reine Deko an die Wand. DVB-T ist in der Wohnung nicht zu empfangen. Nachfrage beim Vermieter: Auf dem Dach steht eine Schüssel.

Also Receiver gekauft - den hier:

xoro

Klein wie eine alte Videokassette, kann man den auch unter dem Fernseher an die Wand kleben. Gerade mal 39 Euro. Überraschend: Das sind mittlerweile potente Mediencenter, die über USB-Port Sendungen aufzeichnen können und verschiedenste Formate dekodieren. Da werde ich in den nächsten Tagen sicher Spaß mit haben.

Das Problem: Für mich als Satelliten-Noob gestaltete sich der Anschluss schwierig. Bei uns kommt ein stinknormaler Koax-Anschluss aus der Wand. Der Receiver hat aber einen (wie ich recherchierte) Anschluss für F-Stecker. Dank Facebook-Freundeskompetenz kam ich dahinter, dass es einen Adapter von Koax auf F-Stecker braucht und gibt. Also ab zum Media Markt. Erschwingliche 7 Euro.

Nun konnte ich den Receiver zwischen Fernseher und Kabeldose klemmen und den Sendersuchlauf starten. Aha, man kann gleich auswählen, welchen Satelliten man scannt. Astra bringt volles Signal und sehr schnell auch viele, viele Sender, die relevanten sogar in HD. Es macht sich Freude breit, auch als sich die Sender problemlos und fix sortieren lassen. Technik kann so einfach sein.

Einziges bisher aufgetauchtes Problem: Der Receiver weigert sich, die aktuellste Version der Firmware zu schlucken, obwohl ich den USB-Stick richtig installiert habe und die Datei korrekt erkannt wird. Der Support von Xoros ist bereits kontaktiert.

Darüber hinaus habe ich den Handy-Tarif gewechselt. Ich bin ja ein notorischer Handy-Verweigerer und habe das Moto G nur dabei, wenn ich auf Reportage bin und es gar nicht anders geht. Dafür reichte mir bisher der LIDL-Tarif mit 300 Freieinheiten und 300 Mb Datenpaket. Es kam allerdings vor, dass ich das Datenvolumen ausreizen und dann nachkaufen musste. Außerdem verbietet sich bei diesem Volumen jede nennenswerte Navigation per Handy.

Kostenpunkt bisher: 7,99 Euro im Monat.

Nun habe ich bei MyDealz allerdings ein Angebot entdeckt, das mich freudig wechseln ließ: Flatrate in Sachen Telefon/SMS und satte 2 Gigabyte Datenvolumen für 9,99 Euro im Monat. Das sorgt für Reserven.

Nächste Aufgabe: Amazon TV-Stick am zweiten Fernseher anschließen.

Ein unerwartetes Problem bereitete mir kürzlich mein altes Macbook, das ich immer noch als Ersatzgerät hege und pflege - es blähte sich auf:

macbook

Ich ahnte schnell: Da ist was mit dem Akku aber sowas von nicht in Ordnung - man hört ja durchaus immer wieder mal von Explosionen und Flammeninfernos. Also fix ausgebaut und tatsächlich: Die mittlere Zelle sah aus, als wäre sie schwanger und die Kanten mühten sich zusehends hilfloser, dem Druck stand zu halten. Also entsorgen und bei Ebay einen neuen Akku für 40 Euro kaufen. Leider kann man von Apple bei einem Gerät dieses Alters keinen Support mehr erwarten.

Wie erwartet passt der neue Akku nicht perfekt, aber gut genug, da nur eine Plastikkante vorsteht, werde ich vielleicht versuchen, dieser sehr vorsichtig mit einer Feile zu begegnen.

Das Macbook ist mittlerweile ein Cyborg, selbst für ein Notebook: RAM zweimal ausgetauscht, Festplatte gegen SSD ausgetauscht, DVD-Laufwerk repariert, gesamte Tastatur samt Frontplatte ersetzt, neues Netzteil, neuer Akku. Und läuft weiter wie geschmiert.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Microsoft-Lockangebot für Office 365. Eigentlich habe ich Office vor zehn Jahren abgeschworen. Für das bisschen, was ich an Schreibereien erledige, reicht Libre Office allemal. Allerdings gibt es aktuell die Möglichkeit, Office 365 für ein Jahr umsonst zu bekommen - und 1 Terabyte (!) Cloud-Speicher obendrein. Zufälligerweise erfülle ich auch alle Konditionen für das Angebot. Eine gute Gelegenheit, sich die 2016er-Variante der Office-Suite mal anzuschauen und 30 kostenlose Skype-Minuten obendrauf abzugreifen.

Erste Erkenntnis: Outlook bleibt leer, ich will gar keine Emails mehr auf den Rechner laden, weil Gmail mir im Browser alles bietet, was ich brauche. Und One Note ist keine Konkurrenz für Evernote. Word ist allerdings schick und bedienerfreundlich. Schön, dass man sich das mal ein Jahr lang entspannt anschauen kann.

Insgesamt kleine, aber feine Upgrades und Umstellungen, die sich finanziell im Rahmen halten und diverse neue Spielereien ermöglichen.

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8
März 2016

Technisches Update

Dem einen oder anderen Leser mag es aufgefallen sein - die Smileys in den Kommentaren wurden nicht mehr richtig angezeigt. Mein IT-Knecht hat sich mal dran gegeben und netterweise die Smileys nicht nur wieder aktiv geschaltet, sondern auch dem Blog angepasst. Ihr habt also folgende Möglichkeiten, euch jenseits der Schriftsprache auszudrücken:

smileys

Ich selber benutze (selten bis) nie Smileys, aber wem's gefällt...

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7
März 2016

Watching (3): Slasher, Moving Wallpaper

Slasher

Die junge Sarah kehrt in das Haus ihrer Eltern zurück, die kurz vor ihrer Geburt von einem maskierten Killer massakriert wurden. Die Nachbarn sehen die Heimkehr des „Henker-Opfers“ skeptisch und in der Tat kommt es zu einer Reihe neuer blutiger Todesfälle. Sarah beschließt, sich Hilfe beim ersten „Henker“ zu suchen, der seit damals im Hochsicherheitsgefängnis sitzt.

Der Slasher gehörte nie zu den intelligentesten oder einfallsreichsten Subgenres des Horrorfilms. Als amerikanisierte und simplifizierte Dumpf-Version des deutschen Nachkriegskrimis und der italienischen Gialli wurde ihm jeder Novitätenwert in wenigen Jahren ausgetrieben, seither wird der Slasher immer wieder kopiert, neu erfunden, parodiert und zu Tode analysiert. Es ist ein untotes Subgenre, künstlich am Leben erhalten vom Versprechen billiger, blutiger Gewalt an unschuldigen Opfern, geeignet für pubertäre Allesgucker. Es ist kein Wunder, dass es vor ein paar Jahren mit „Slashers“ sogar ein (fiktionales) Crossover mit Spielshows gab - und dass ich mit „Killer in a can“ vor fast 15 Jahren ein Konzept für einen Slasher in einem Big Brother-Setting geschrieben habe. Wenn gar nichts mehr geht, geht endgültig alles.

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Die kanadische Serie „Slasher“ verdankt ihre Existenz natürlich auch den TV-Neustarts von „Scream“ und „Scream Queens“. Der Slasher ist damit endgültig - ohne jegliche Verrenkungen, um sich an das Medium anzupassen - im Fernsehen angekommen. Versuchte man es bei „Scream“, „Scream Queens“ und früheren Produktionen wie "Harper's Island" noch mit Elementen von Soap, Satire und Crime Procedural, ist „Slasher“ die reine Lehre, das Erbe von Michael Myers und Jason Vorhees, gestreckt auf Miniserien-Format. Die Involvierung des Original-„Henkers“ gibt allenfalls noch ein wenig „Schweigen der Lämmer“-Würze dazu.

Und das funktioniert sehr gut, auch wenn ich nicht weiß, ob die genaue Mimikry des klassischen Formats mittelfristig nützlich oder hinderlich sein wird. Zumindest der Pilotfilm weiß mit sorgsamem Spannungsaufbau, guten Darstellern und häufigen Twists zu überzeugen. Vor allem aber wirkt „Slasher“ nicht fürs Fernsehen kastriert, die Splatterszenen sind knackig und der Produktionsaufwand beachtlich. Auf 90 Minuten zusammen geschnitten würde eine Kino-Version jedem Fantasy Filmfest zur Ehre gereichen.

Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Die Serie wird als Drama-Anthologie verkauft, momentan sehe ich da aber nur eine übergreifende Handlung. Vielleicht handhabt man das wie bei "American Horror Story".

Ich selbst werde die Abenteuer des „Henkers“ vorerst weiter verfolgen:

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Moving Wallpaper

Und jetzt - weil es thematisch prima passt - noch was aus der Abteilung „re-watching“.

Vor vielen, vielen Jahren habe ich die Serie „Moving Wallpaper“ besprochen - eine Sitcom, die gleichzeitig ein Meta-Experiment in Sachen Fernseh-Fiction war, weil sie hinter den Kulissen der zeitgleich gestarteten Soap „Echo Beach“ spielte. Als „Echo Beach“ nach einer Staffel eingestellt wurde, „Moving Wallpaper“ aber eine zweite Staffel spendiert bekam, musste sich die Sitcom umorientieren. Neues Thema: Das Team von „Echo Beach“ versucht verzweifelt, mit dem Konzept für eine obskure Zombieserie namens „Renaissance“ weiterzumachen. Hilarity ensues.

Interessant ist das nicht nur konzeptionell, sondern auch im TV-historischen Kontext, weil die Versuche, eine Zombieserie zu etablieren, in der Zeit vor „Walking Dead“ und „Z Nation“ noch als hirnrissig abgetan wurden, wie dieser schöne Dialog zwischen dem Produzenten und seiner Chefautorin beweist:

„Zombies?“

„Think of it as a metaphor.“

„For what?“

„Good television!“

„ITV, home of Coronation Street and Ant & Dec are really making a show about dead people coming back to life? It’ll never work!“

„How can you say that?“

„What’s the last zombie series to work on ITV 1?“

„There haven’t been any.“

„Doesn’t that tell you anything?“

„There is a gap in the market?!“

„No, it’s because no one in their right mind would make it!“

„Fine - so that’s what we’ve become! Slaves to the audience! Trend followers instead of trend setters!“

Zeiten ändern sich…

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5
März 2016

Der Verlust der Unschuld

Ich schaue gerne alte Sendungen, habe einen ausgeprägten Nostalgie-Drang, schwelge in Erinnerungen nicht nur an mein eigenes Leben, sondern auch an die Welt der 70er und 80er allgemein. YouTube und diverse Spartenkanäle im Fernsehen erlauben heutzutage bequeme Zeitreisen vom Sessel aus und verdeutlichen die Unterschiede nicht nur der Ereignisse, sondern auch der Art, Ereignisse zu erzählen. Fernsehen hat mehr als nur die Zahl der verfügbaren Programme verändert.

So ist es z.B. hochgradig faszinierend, die erste und die letzte Folge der großartigen Krimiserie „Schwarz Rot Gold“ anzuschauen, in der Uwe Friedrichsen den Zollfahnder Zaluskowski spielt. Hier müssen keine Morde in Grünwalder Villen aufgeklärt werden, sondern der illegale Zwischenstopp von 50.000 Tonnen holländischer Butter in einem albanischen Hafen. Hochspannung! Ist die erste Episode noch träge inszeniert und mit endlosen, zähen Dialogen ohne Substanz angefüllt, überzeugt die letzte Episode mit deutlich mehr Farbe, knackigem Schnitt und schnellerem Ortswechsel. Kein Wunder - „dazwischen“ war das Privatfernsehen entstanden, der Videomarkt, die Überflutung mit amerikanischem Produkt. Die traditionell hausbackene deutsche Dramaturgie musste sich anpassen.

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Aber es fallen nicht nur technische Modernisierungen auf, sondern auch inhaltliche - und die sind nicht immer zum Besten.

Keine Frage: Die 70er waren ein durch und durch geschmackloses Jahrzehnt, in jeder Beziehung widerwärtig, man hätte sie auslassen können, um die 60er zu wiederholen oder die 80er vorzuziehen. Von den Frisuren bis zur Architektur, vom Essen bis zur Farbphilosophie - anders als ironisch kann man die 70er nicht ertragen, und Ironie war kein Bestandteil der 70er. Ich war dabei und es war schlimm.

70s

Die 70er waren allerdings auch das Jahrzehnt, in dem erstmals viel Kinderprogramm im Fernsehen lief, in dem Sendungen für die Kleinen keine missliebigen Lückenfüller waren. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass „die Glotze“ Kinder nicht nur davon abhielt, „lieber draußen zu spielen“, sondern dass sie als erzieherische Hilfe dienen konnte, unterhaltsam UND bildend. Was die „Sesamstraße“ vormachte, machten „Die Sendung mit der Maus“, „Rappelkiste“, „Das feuerrote Spielmobil“, „Hallo Spencer“ und „Kli-Kla-Klawitter“ nach.

Ich bin mit diesen Sendungen groß geworden, sie waren Teil meiner TV-Diät neben der Erstausstrahlung von „Raumschiff Enterprise“, „Die Waltons“ und „Bonanza“. Nicht auf meiner Agenda mangels Interesse: „Mondbasis Alpha“, „Rauchende Colts“ und „Unsere kleine Farm“.

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Und damit kommen wir zum Thema - der Darstellung kindlichen Lebens und Erlebens in den 70ern. Das war so völlig anders als heute. Nicht deshalb, weil Kinder heute unbedingt anders leben, sondern weil das Fernsehen einen anderen Anspruch an Authentizität hatte, weil „Kind sein“ damals weniger pädagogisch verbrämt wurde.

Kinder in den 70ern waren nicht hübsch, mussten es auch nicht sein, um ins Fernsehen zu kommen. Sie trugen keine sorgfältig ausgesuchte Kleidung, spielten mit Scherben in hässlichen Hinterhöfen. Hatten sie Fahrräder, waren es alte Fahrräder mit Rost und kaputten Lampen. Die Jeans waren gerne vom älteren Bruder übernommen und am Schienbein hochgerollt, die Haare von der Mama geschnitten. Die sozialdemokratische Grundströmung des Jahrzehnts trug dazu bei, kein „Best of“ der aktuellen Hosenscheißer-Generation zu präsentieren, sondern den Durchschnitt in all seiner rotznasigen Pickeligkeit.

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Auch die Figuren wie der „Hase Cäsar“ oder „Ratz und Rübe“ hatten nicht den Anspruch, perfekt zu sein. Nach heutigem Maßstab waren sie hässlich und bewegten sich sehr ungelenk. Aber ehrlich: Waren sie damit nicht genau wie echte Kinder, hässlich und ungelenk? Es ging ja auch nicht darum, die Figuren kommerziell zu gestalten, sie in Spielzeuggeschäften zu verkaufen. Sie waren „nur“ Repräsentanten, Sprachrohre einer Generation mit 50 Pfennig Taschengeld in der Woche.

So schäbig und teilweise entsetzlich lahmarschig das heute wirken mag, war das Kinderfernsehen der 70er auch erfrischend unkontrolliert, ungegängelt von politischer Korrektheit und von Thesen zur perfekten Kindererziehung. Hier durften sich Kinder das Knie aufschlagen, ohne gleich zum Arzt geschleppt zu werden, hier sprachen Ratz und Rübe über ihre Geschlechtsteile und es fiel das Wort „Möse“. Es gab keine Diskussionen über Markenklamotten und keinen Ansporn, Höchstleistungen zu erbringen.

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Vor allem aber: Es wurde nichts verkauft.

Kindheit in den 70ern war noch keine Zielgruppe, keine Konsumeinheit. Die Kinder in der „Sesamstraße“ und der „Rappelkiste“ machten nicht vor, was andere Kinder nachmachen sollten - weder Produkte kaufen noch irgendwelchen moralischen Ansinnen entsprechen. Die „Message“ der deutschen Kindersendungen war Autonomie, Freiheit, Neugier, war „Kind sein“ in seiner reinsten, unreflektierten Form.

In den 80ern wurde es bunter, schneller lauter, es gab den „ZDF-Ferienclub“, immer gut gelaunte Moderatoren und „Captain Future“. Kinder waren nun oft gecastet und sorgsam frisiert. Kaum eine Sendung, zu der nicht ein Spiel oder ein Buch zu kaufen war. Das Privatfernsehen verwandelte das Kinderprogramm endgültig in die Distanz zwischen zwei Werbeblöcken. Man mag des Disney-Club und Pumuckl-TV mögen, aber ich sehe hier keine Wirklichkeit mehr, keine Reflektion des Kinder-Alltags, sondern eine bunte, artifizielle Scheinwelt. Ablenkung statt Abbildung.

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Ich will damit nicht sagen, dass das Kinderfernsehen heute schlechter ist. Man versteht viel besser, wie Kinder ticken, nimmt mehr auf ihre Besonderheiten Rücksicht, verpackt Wissen spannend und bunt. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Kinderfernsehen heute von Helikopter-Redakteuren gemacht wird, die permanent eine Generation von Über-Kindern heranziehen wollen, vollgestopft mit Wissen, Verständnis, Basteldrang und sozialer Verantwortung. Zeigten die 70er auf, dass man sich jeden Tag spannend gestalten kann, wenn man nur raus geht und sich umschaut, wirkt die heutige Welt, als seien die Wege vorgebaut und sämtliche Attraktionen keimfrei geplant und fünfmal getestet, damit es keine Schrammen und blaue Flecken gibt.

Eine perfekte Analogie ist dabei für mich Lego. In den 70ern hatten wir ein paar Schuhkartons mit wild durcheinander gewürfelten Steinen. Daraus bauten wir - irgendwas. Raumschiffe, Häuser, Tiere. Meistens konnte außer uns keiner erkennen, was es sein sollte, irgendwelche wichtigen Teile fehlten immer und am Ende ging es ja auch nur darum, dass wir uns irgendwie beschäftigen sollten.

lego

Heute? Heute kann man Lego-Sets für dreistellige Summen kaufen, mit denen man den Rasenden Falken aus „Star Wars“ bauen kann. Nur den. Und wenn er fertig ist, kann man ihn wieder auseinander nehmen. Und nochmal bauen. Ist ein Klötzchen weg, wird der ganze Bausatz nie wieder vollständig sein. Dann kauft man halt andere teuere Bausätze.

Lego in den 70ern war der Weg, war die Phantasie, war die totale Freiheit. Lego im neuen Jahrtausend ist das Ziel, das glänzende Ergebnis, der Zwang der Vorlage.

Und ja, all das mag die Knurrigkeit des Alters sein, das müde Fäusteschütteln eines Mannes, dessen eigene Kindheit schon verdammt lange her ist und der selber keine Kinder hat. Aber ich vermisse Worte wie Bolzplatz, Latzhose, Flicken, Scherben, Pfütze und Schraubenzieher im Kinderfernsehen.

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März 2016

Straffreiheit für den Wortvogel!

Ich habe mir fest vorgenommen, auch mal positivere Sachen zu erzählen - so ich sie denn erlebe. Nun ist heute etwas passiert, das für sich genommen keinen Blogbeitrag wert wäre, aber gekoppelt mit einem anderen Ereignis vor einem Jahr schon.

Vor einem Jahr, also vor zwei Wohnungen und in Speyer, hatte ich das Glück, dass sich direkt vor unserem Haus ein Zweirad-Parkplatz befand, der ideal für meinen Roller war - abgesehen davon, dass sich immer wieder mal besoffenes Pack daran verging.

Während wir im Urlaub waren, wurde der Zweirad-Parkplatz abgeschafft und durch einen massiven Ständer mit einem halben Dutzend kostenpflichtiger Leih-Fahrräder ersetzt. Als wir mit den Koffern in der Hand nach Hause kamen, steckten schon zwei Knöllchen am Lenkrad.

Erstaunlich. Ich hatte den Roller legal abgestellt, es hatte keine Vorankündigung gegeben und man hatte mir kurzerhand den Stellplatz unter dem Fahrzeug entfernt. Und nun sollte ich dafür zahlen. Am nächsten Morgen steckte gleich ein dritter Strafzettel am Roller und ich in einem doppelten Dilemma: Knöllchen bezahlen ist eine Sache - aber wohin mit dem Roller? Der Zweirad-Parkplatz war der einzige mir bekannte legale Stellplatz. Einen Hinterhof hatten wir ebenso wenig wie eine Garage, auf der Straße konnte ich mein Gefährt auch nicht abstellen, weil es sich um eine Anwohner-Parkzone handelte - und den Anwohner-Parkausweis gab es nicht für Zweiräder.

Nein, da fühlte ich mich doch ziemlich unfair behandelt, genau genommen sogar gegängelt. Ich besorgte mir die Email-Adresse des zuständigen Beamten und schrieb ihm ein freundliches, aber bestimmtes Protestschreiben mit dem Anliegen, die Knöllchen erlassen und Parkmöglichkeiten für meinen Roller aufgezeigt zu bekommen.

Es funktionierte halb. Tatsächlich antwortete der Beamte ausführlich und freundlich, entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten und stornierte die Strafzettel. Bei den Parkmöglichkeiten konnte er aber auch nicht helfen - es gäbe nun schlicht keine mehr in unserer Gegend. Aber das sei sicher was, über das man sich bei der Stadt beizeiten mal Gedanken machen müsse...

Man kommt sich vor wie in Schilda.

Egal: 60 Euro gespart.

Zum aktuellen Fall: Wir sind in die Innenstadt von Baden-Baden gezogen. Es gibt hier zwar nicht üppig Parkplätze, aber es ist eigentlich immer was in Rufweite frei. Warum das so ist, merkten wir erst, als wir in den ersten zwei Tagen mit unseren beiden Autos gleich vier Knöllchen kassierten. Denn auch hier ist eine Anwohner-Parkzone mit Anwohner-Parkausweispflicht.

Nun kennen wir das Prinzip des Anwohner-Parkausweises. Das gab es in München auch. Allerdings ist in München jede Straße entsprechend gekennzeichnet. Wer dagegen verstößt, hat keine Ausrede. In Baden-Baden stehen die Kennzeichnungen der Parkzone nur am Anfang des Viertels - wenn man nicht vierhundert Meter vorher drauf geachtet hat, lassen sich die Anwohner-Parkplätze durch nichts von freien Parkplätzen unterscheiden. Das ärgerte mich in diesem Fall doppelt, da wir ja tatsächlich Anwohner sind. Wir wussten aber nichts von der Ausweis-Pflicht - und ohne Ummeldung waren die Ausweise auch nicht zu bekommen.

Heute also zum Amt, ummelden und auch endlich mal den rosa Lappen gegen die moderne Scheckkarte eintauschen. Dabei nach der Bußgeldstelle gefragt und dort freundlich angeklopft: Es könne doch nicht sein, dass man als legitimer Bewohner der Gegend noch vor der Ummeldung schon die Windschutzscheibe mit Knöllchen zugepflastert bekomme. Ob da nicht auch ein wenig Kulanz...?

Zu meiner Überraschung und Freude: Ja, die Behörde KANN flexibel sein. Die Knöllchen wurden im System storniert.

120 Euro gespart.

Die Moral von der Geschichte: Man ist dem System nicht hilflos ausgeliefert, die Menschen an der Tastatur haben durchaus Stellschrauben - sie müssen nur wollen. Und sie wollen am ehesten dann, wenn man ein legitimes Anliegen hat und SEHR freundlich zu ihnen ist.

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März 2016

Watching (2): Das Paramount-Archiv

Ich habe schon öfters auf kostenlose Video-Angebote hingewiesen: Sämtliche South Park-Folgen, die Kinosendungen von Siskel & Ebert, die Trash-Library von Troma. Wer will, kann ganz legal unendliche Mengen an Klassikern und Rohrkrepierern anschauen. Als Neuzugang empfehlenswert: Die Kultstreifen von Mystery Science Theater 3000 mit Anmerkungen, damit man auch die obskursten Referenzen versteht.

Nun gibt es ein (fast) neues, massives Angebot eines echten "heavy hitters": Das Paramount-Studio hat Hunderte seiner Filme bei YouTube hochgeladen, dazu haufenweise legendäre Filmclips. Eine kostenlose Hollywood-Videothek fürs heimische Wohnzimmer.

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Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Die kompletten Filme sind aus Deutschland zumeist nicht abrufbar. Das alte leidige Lizenzproblem. Allerdings kann man diese Hürde (noch) relativ leicht mit einem Plugin wie ZenMate umgehen.

Es scheint, als sei YouTube tatsächlich entschlossen, selber stärker in den Markt der Lizenzprogramme und Eigenproduktionen einzusteigen und den dicken Reibach nicht mehr nur Netflix, Amazon und Co. zu überlassen. Da sind die Freebies von Paramount eine gute Basis, um Kunden für höherwertige oder aktuellere Filme das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ich würde mich freuen, wenn andere Studios es Paramount nachmachen würden. So gibt es keinen Grund, die Streifen der Warner Archive Collection, die aktuell als "DVD on demand" zu Verfügung stehen, nicht bei YouTube einzustellen.

Ein vergleichbares heimisches Angebot, gerne auch mit dem Bestand der öffentlich-rechtlichen Sender, wäre das Sahnehäubchen - aber das bleibt mittelfristig ein Einhorn, verschollen im deutschen Lizenzdschungel...

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März 2016

Watching (1): Bunnicula, Tom and Jerry Tales, Wabbit

Ich schmeiße den ersten Beitrag dieser neuen Serie mal eilig raus, weil ich Doc Acula zuvor kommen will, der die Idee zuerst hatte und dem ich damit hämisch lachend in den Rücken treten möchte. Denn sein Problem ähnelt meinem - unsere beider Webseiten sind in den letzten Monaten etwas content-arm, weil das  Leben und/oder Facebook dazwischen gekommen sind. Um den ein wenig auf die Sprünge zu helfen, denkt Doc darüber nach, bei Badmovies ein eher entspanntes Filmtagebuch zu führen - und weil das eine nicht dumme Idee von einem nicht dummen Menschen ist, klaue ich sie hiermit.

In dieser Rubrik wird man also in Zukunft ganz kurze Absätze über Sachen finden, die ich mir angeschaut habe, die aber keinen kompletten Review rechtfertigen. Das können Kinofilme sein, aber auch TV-Serien, Dokumentation, Specials oder YouTube-Kanäle. Die müssen nicht neu sein, es gehen auch Klassiker oder Produktionen, die mir schlicht durchgerutscht sind. Eine Wundertüte, eine Sammeltasse, ein Überraschungsei.

Heute starten wir mit neuen Cartoons - und alten Freunden...

Bunnicula

Die Trickserie basiert auf den Kinderbüchern von James Howe und handelt von einem kleinen Kaninchen, das als Gemüsevampir jede Menge Unsinn anstellt. Supporting Cast: ein dummer Hund und eine entnervte Katze. Sehr drollig im Chara-Design und gut animiert, ist Bunnicula konzeptionell ein wenig leichtgewichtig und verschluckt sich mitunter an der Notwendigkeit, Horrorthemen kindgerecht umzusetzen. Teils Scooby Doo, teils John Kricfalusi, kann man die Serie am besten mit dem Nachwuchs schauen, den man zum Gorehound erziehen möchte.

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Tom and Jerry Tales

Bemühungen, den besten Cartoon Double Act neben Road Runner und Coyote zu reanimieren, gab es immer wieder, meist getragen von ganz schlechten Entscheidungen, z.B. den Figuren Stimmen zu geben. Die Tom and Jerry Tales sind ein Versuch von 2006, den ich seinerzeit völlig übersehen habe. Erfreulich ist dabei der Versuch, stilistisch an die alten Kurzfilme anzuknüpfen, die hierzulande u.a. unter dem Titel "Jagdszenen in Hollywood" im Abendprogramm liefen. Die Animation ist sauber, die Gewalt knackig, und einige der Plots sind ausreichend hysterisch. Aber immer wieder fällt mir auf, dass das Timing der Gags nicht sitzt und dass die Episoden immer wieder ins Absurde abdriften, wo sie bei T&J einfach nicht hingehören. So ehrt mehr der Versuch als das Ergebnis.

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Wabbit

Wabbit hingegen macht alles richtig, was Tom and Jerry Tales falsch macht: Hier werden Ton & Stil der Looney Tunes perfekt getroffen, es gibt grandiose Nebenfiguren (Ninja-Minions!) und der Humor ist so schräg wie angemessen. Kein Vergleich mit den entsetzlichen Loonatics. Wer schon immer ein Fan von Bugs Bunny war, ist hier genau richtig - ich wünsche mir eine Retro-Synchro im Stil von "Was liegt an?"!

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Alle drei Serien zeichnen sich übrigens durch hohe Animationsraten und einen klaren HD-Look aus - die Unterstützung durch Computer in der Produktion und der Animation helfen auch dem klassischen 2D-Zeichentrick zu neuem Glanz.

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