15
Juli 2014

Lost in Time (1): 50 Serien, die ihr verpasst habt

Wir alle erinnern uns an “Star Trek: The Next Generation”, an “Akte X”, an “Buffy” und an “Lost”. Serien, die ihre Generation definiert haben und denen ein ewiges Leben in der TV-Dauerschleife, als Silberling, Stream oder gar Remake vergönnt ist. Stammtischfutter, Fundament vieler “Weißt du noch”-Gespräche.

Aber für jede Kultserie, die warm ums Herz macht, gibt es zehn Flops, an die sich kaum einer erinnert, die in Standardwerken nur Fußnoten wert sind. Mutig begonnen, aber oft nach sechs Folgen entmutigt eingestellt. Produktionen, bei denen selbst die etwas obsessiven Nerds passen müssen. Während die Hits sich traditionell an einer Hand abzählen lassen, gibt es von den Misserfolgen locker 100 – pro Saison.

Ab heute werde ich täglich (so es mir zeitlich gelingt) eine Serie vorstellen, die es nicht geschafft hat, einen wirklichen Abdruck in der TV-Geschichte zu hinterlassen. Dies ist mein kleiner Beitrag zur Fernseharchäologie, zur Aufbereitung von Nischenwissen für die von “Game of Thrones” besoffene Serienjugend. Dabei gehe ich halbwegs chronologisch vor, packe aber auch immer wieder thematisch oder stilistisch verwandte Produktionen zusammen.

Fangen wir ganz soft an, mit einer Sitcom aus dem Jahr 1989:

Free Spirit

lief hierzulande Anfang der 90er unter dem Titel “Die reinste Hexerei” in einer Endlosschleife auf SAT.1 und brachte es gerade mal auf 14 Folgen:

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Ihre Existenz verdankt die Serie sowohl der Nostalgie in Sachen “Bezaubernde Jeannie” und “Verliebt in eine Hexe” als auch dem Erfolg von “ALF”, der eine kurzlebige Renaissance der Gimmick-Sitcom nach sich zog. Fettfreie, freundliche und glattgebügelte Unterhaltung für die ganze Familie – die “Auszeichnung” als “schlechteste Serie im US-TV” fand ich damals schon völlig daneben.

Die Hauptrolle der bezaubernden Hexe Winnie Goodwin spielte die süße Corinne Bohrer, die seit mehr als 20 Jahren immer wieder in Serien auftaucht (“Rude Awakening”, “Partners”, “Double Rush”, “Vereonica Mars”). Der Durchbruch zum Serienstar blieb ihr allerdings verwehrt – ganz im Gegensatz zu Alyson Hannigan, die nach “Free Spirit” erst in “Buffy” und dann in “How I met your Mother” ganz groß raus kam. Sie ist neben Alyssa Milano (“Wer ist hier der Boss?”, “Charmed”) sicher eine der erfolgreichsten TV-Schauspielerinnen ihrer Generation.

Die Pilotepisode könnte ihr euch hier komplett ansehen – mehr 80er-Familienklischees bekommt man allenfalls bei den “Cosbys”:

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Teaser-Rätsel: Morgen geht’s ins seifige Weltall…

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10
Juli 2014

Action Triple Feature: “The Raid: Redemption”,
“The Raid 2″ & “Sabotage”

Es geht weiter mit der Aufarbeitung meines Film-Backlogs. Ich gruppiere gerne ähnliche Filme, weil ich dann einen besseren “flow” finde. Gestern habe ich das “The Raid”-Doppelpack eingeworfen, weil ich dieses ständige “Hast du eigentlich die Raid-Filme gesehen?” nicht mehr hören kann. Heute kam “Sabotage” dazu, weil mich fasziniert, wie Stallone und Schwarzenegger jenseits der “Expendables”-Nostalgie so gar keinen Fuß auf die Erde bekommen.

Zieht die schusssicheren Westen über, dreht das Baseball-Cap nach hinten, synchronisiert die Uhren – we’re going in!

The-Raid-posterThe Raid: Redemption

USA/Indonesien 2011. Regie: Gareth Evans. Darsteller: Iko Uwais, Doni Alamsyah, Ananda George, Yayan Ruhian, Ray Sahetapy u.a.

Story: Es klingt alles ganz einfach: Als neues Mitglied eines verdeckt operierenden Sondereinsatzkommandos soll Rama einen brutalen Drogenbaron in dessen heruntergekommenen fünfzehnstöckigen Apartmentblock stellen und dingfest machen. Aber nicht alles ist so, wie es scheint: Die Führung der Eliteeinheit verfolgt anscheinend ihre eigenen Ziele mit dem Einsatz, während der Kopf des Kartells, Tama, offenbar längst auf die Angreifer gewartet hat. Als seine vorgewarnten Wachen die Operation gleich zu Beginn auffliegen lassen, bricht in dem Gebäude die Hölle los. Jedem Killer, Gangster und Dieb wird von Tama lebenslange Unterkunft im Austausch gegen die Köpfe der Polizisten angeboten. Und der kriminelle Abschaum lässt sich nicht lange bitten. In brutalen Stellungskämpfen wird Ramas Truppe zunehmend dezimiert, bis nur noch wenige seiner Polizisten einer gegnerischen Übermacht gegenüberstehen.

Kritik: Okay, wie einige meiner Leser angemerkt haben – “The Raid” ist eigentlich “Dredd 3D” ohne die SF-Elemente. Die Story, die Motivationen, teilweise sogar die Twists gleichen sich aufs Haar. Harte Gesetzeshüter prügeln und schießen sich Stockwerk für Stockwerk durch ein von Gangstern verseuchtes Haus – Blut spritzt, Knochen brechen, Organe platzen. Ausverkauf in der Munitionsfabrik, am Ende gibt es keine Sieger.

Nun war “The Raid” zuerst da und verdient den Orden “das Original”. Mit deutlich weniger Mitteln wird hier mindestens genau so viel Rabatz gemacht wie in “Dredd”, der Anteil an Faustkämpfen rüdester Natur spielt noch mal eine Liga höher. Es ist beeindruckend, wie Evans und Uwais ihre Chance nutzen, den Film in ein Showcase für ihre Expertise in Sachen Dramaturgie, Choreographie und Schnitt zu verwandeln.

“The Raid” ist die reine Lehre, eine Adrenalinüberdosis für Actionjunkies, Kino ohne Kompromisse, 100 Minuten Vollgas.

The-Raid-Redemption

Mehr allerdings nicht.

Während man als Actionfan wirklich “die volle Packung” bekommt, bleibt man als Kinofan seltsam unbefriedigt. “The Raid” erzählt nur das Nötigste, hält sich an sattsam bekannte Klischees, baut weder Helden noch Bösewichte über die Oberfläche hinaus. Von Anfang an ist klar, dass es hier darum geht, einer Hydra den Kopf abzuschlagen, wo sofort drei weitere nachwachsen werden. Die Mission würde scheitern, auch wenn sie gelingen würde. Die Kollegen des Helden sind Kanonenfutter, die Dramaturgie Porno: rein, kräftig rumrühren, Feuerwerk, raus. Im Fall von “The Raid” empfand ich das nicht als erfrischend konzentriert, sondern ermüdend substanzlos.

Hinzu kommt, dass Iko Uwais so wenig Charisma wie Jet Li besitzt und an Ausstrahlung auch nicht mit Tony Jaa mithalten kann. Er ist ein Milchtoast, dessen Gesichtsausdruck permanent zwischen Verstopfung und Verzweiflung wechselt. Bei aller Bewunderung seiner körperlichen Fähigkeiten und der Bereitschaft, für den Film Kopf und Kragen zu riskieren – einen neuen Jackie Chan oder Donnie Yen haben wir hier nicht entdeckt.

Uwais besitzt auch nicht den Einfallsreichtum und die Kreativität von Jaa, der in den Ong Bak-Filmen immer wieder neue Requisiten und Locations ins Spiel bringt. In “The Raid” wird nur in zunehmend monotoner Weise in Kniekehlen und gegen Brustkörbe getreten, werden Arme in Richtungen gedreht, die nicht von Gott gewollt sind, und Klingen mit der Geschwindigkeit von Schlagbohrmaschinen in Weichteile gerammt. Wem’s reicht – mir nicht.

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Fazit: Komprimiertes Actionkino von hoher Körperlichkeit und maximalem Einsatz aller Beteiligten, das unter dem Titel “Dredd 3D” allerdings mehr Schauwerte und interessantere Figuren mitbrachte.

The Raid 2The Raid 2: Berandal

USA/Indonesien 2013. Regie: Gareth Evans. Darsteller: Iko Uwais,  Yayan Ruhian, Arifin Putra, Donny Alamsyah u.a.

Story: Der junge Cop Rama und seine Familie geraten ins Visier des organisierten Verbrechens. Um seine Frau und seinen kleinen Sohn zu schützen, muss sich Rama auf eine erbarmungslose Undercover-Mission in Jakartas Unterwelt einlassen. Bis in die höchsten Machtebenen ist die Stadt durchzogen von einem Netz aus Bestechlichkeit und Verbrechen. Mit neuer Identität als knallharter Kämpfer Yuda arbeitet er sich im Gefängnis innerhalb der Hierarchie der Gesetzlosen nach oben. Schließlich gelingt es ihm, die Gunst von Uco zu gewinnen: Der skrupellose Sohn eines mächtigen Gangster-Bosses ist sein Schlüssel in die engsten Kreise der indonesischen Mafia. Vollkommen auf sich allein gestellt, sagt er dem gesamten verrotteten System den Kampf an. Für Rama beginnt eine Odyssee der Gewalt durch einen Sumpf aus Korruption und Kriminalität. Seine Gegner kennen keine Gnade und am Ende kann es nur eines geben: Leben oder Tod…

Kritik: Runde 2. Ich hatte vorab gehört, dass “Raid 2″ massiv vom höheren Budget profitiert, das mehr Locations, mehr Stunts und mehr Darsteller erlaubt. Nun war allerdings das (mangelnde) Budget nicht das Problem vom “Raid” – es war der Mangel an Story-Klebstoff zwischen den Keilereien, die dünne Oberfläche der Figuren.

Zugeben, “Raid 2″ müht sich redlich, nicht bloß ein Abklatsch des Erstlings zu sein. Statt sich auf eine Location zu konzentrieren, wird diesmal ein Jakarta-weites Gangster-Melodram im Stile den neueren Hongkong-Kinos aufgebaut, neben Knochen splittern nun auch mal Karosserien, die Beteiligten prügeln sich durch Maisfelder und Designerwohnungen, durch Gefängnisse und Nachtklubs. Es gilt das alte Akte X-Prinzip: trust no 1.

Ob “Raid 2″ damit erfolgreich ist, kommt ganz darauf an, ob einem der Vorgänger gefallen hat. Wenn man bei Iko Uwais’ erstem Showcase vor Begeisterung in die Unterhose ejakuliert hat, sollte man diesmal ausreichend Mineralwasser bereit stehen haben, um nicht zu dehydrieren – und Taschentücher. Der Film ist noch deutlicher auf einzelne Actionsequenzen als Highlights hin inszeniert, hangelt sich von einem Kampf-Event zum nächsten, spart nicht an “blood & bullets”.

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Fühlte man sich (wie ich) bei “Raid” allerdings schon intellektuell und erzählerisch etwas unterfordert, dürfte “Raid 2″ wie ein All You Can Eat-Buffet wirken, das nur aus Pommes besteht. Leckeren Pommes, gut gesalzen und mit viel Ketchup – aber wieviel kann man davon essen, bevor einem schlecht wird?

Unglaubliche zweieinhalb Stunden müht sich “Raid 2″, sich permanent selbst zu übertreffen, die Knochenbrüche noch hässlicher und die Wunden des Helden noch tiefer zu zeigen. Es geht gegen fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Gegner. Höher, schneller, weiter – vor allem aber: härter.

Und da kippt “Raid 2″ dann. Aus dem Versuch, einen neuen Maßstab des Kampfsportfilms zu setzen, wird ein bizarres, gewaltgeiles Comic, nicht lustig gemeint wie “Crank”, aber absurd albern in seiner totalen Exzesse. Die tarantinoeske Verliebtheit in melodramatische Bildkompositionen, in Posing und Framing, nimmt “Raid 2″ jene rüde Redlichkeit, mit der der Vorgänger noch punkten konnte.

Der Coolness zuliebe wird jeder Versucht aufgegeben, die Geschehnisse in der realen Welt anzusiedeln – da gibt es eine taube Killerin, die in der U-Bahn mit zwei Hämmern ein ganzes Dutzend Bodyguards platt macht, die allesamt ihre Handfeuerwaffen zu Hause vergessen haben müssen. Bei den Schießereien wiederum scheint jede Toilettenfrau eine Magnum unter der Schürze zu haben. Der Effekt ersetzt die Notwendigkeit, wird zum reinen Selbstzweck – und dann ist es auch schon egal, wenn wir mittendrin unseren Helden eine halbe Stunde lang gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, weil gerade anderswo spektakulär gekämpft wird. Ist eh wurscht.

Und so kann ich nur monieren, was ich so oft und immer müder moniere – der immer geschliffeneren technischen Finesse des modernen Actionkinos hinkt die erzählerische Potenz der Filmemacher weit hinterher. Schade.

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Fazit: Eine überlange Aneinanderreihung brutalster Fights und Stunts der Premiumklasse, deren Kitt nicht hält und deren Hauptdarsteller nicht begeistert. Actionkino für UFC-Fans.

sabotage-posterSabotage

USA 2014. Regie: David Ayer. Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Josh Holloway, Sam Worthington, Mireille Enos, Joe Manganiello, Olivia Williams u.a.

Story: Im Mittelpunkt steht eine Elite-Einsatztruppe der Anti-Drogen-Behörde DEA, die den gefährlichsten Kartellen der Welt den Kampf angesagt hat. Nachdem die eingeschworene Truppe um Teamchef Wharton einen riskanten Angriff auf das Geheimversteck eines Kartells ausgeführt hat, erscheint die Mission zunächst erfolgreich beendet – doch dann werden immer mehr Teammitglieder nach und nach auf unerklärliche Weise ausgeschaltet. Während die Verluste weiter steigen, gerät die Loyalität eines jeden unter Verdacht.

Kritik: Alter Falter, 2013 war für die Herren Stallone und Schwarzenegger wahrlich kein gutes Jahr. Dachte man nach den ersten beiden “Expendables”-Teilen noch, die rüstigen Rentner des Actionkinos hätten noch ordentlich “pull”, musste man sich mit “Last Stand”, “Bullet to the Head” und dem Teamup “Escape Plan” eines Besseren belehren lassen. Mit “Sabotage” hat Schwarzenegger in diesem Frühjahr den Reigen der Pleiten nahtlos fortgesetzt: Armselige 17 Millionen Dollar hat der Film weltweit eingespielt, es wundert mich, dass er hierzulande nicht direkt auf Scheibe veröffentlicht wurde.

Anfänglich wirken die Schwächen von “Sabotage” offensichtlich: Eine deutlich an “Expendables” angelehnte Supergroup von Muskelspacken sitzt in der Freizeit mit Bierflaschen rum, redet viel vom Ficken und tätowiert sich gegenseitig Schweinkram. Kein Team – eine Familie. Weil, Ehre und so. Und Arnie ist der strenge, aber immer väterliche Oberboss. Klischees, Klischees, Klischees.

Es gelingt “Sabotage” nicht, uns emotional an die Figuren zu koppeln. Sie sind unsympathisch, dreckig, grunzend. Die für Schwarzenegger auffällig in den Plot gepresste Backstory mit der entführten Familie, der er immer noch nachtrauert, scheint Restmaterial aus einem anderen Film zu sein.

Und dann der Fokuswechsel. Wo es bei Stallone zu einer neuen Mission geht, wird die Truppe in “Sabotage” plötzlich Ziel von Killerkommandos. Olivia Williams als taffe Polizistin startet ihre Ermittlungen – als wäre es kein Actionfilm mit und um Schwarzenegger, sondern eine Folge “CSI: Atlanta”. Natürlich steigt Arnie mit der “stuck up bitch” ins Bett – gleich, nachdem er vom tragischen Tod seiner Frau erzählt hat. Ein Mann mit Charakter.

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Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Film eigentlich schon abgehakt. Er etabliert die Mechanismen der üblichen Söldner/Soldaten/SWAT-Filme, zeigt aber ein völliges Desinteresse, diese anständig zu bedienen. Es ist ein Actionfilm ohne nennenswerte Action (abgesehen vom Prolog und dem Finale), aber auch ein bisschen Krimi, ein bisschen Drama über den Zerfall einer dysfunktionalen Familie. Genau die Sorte Mischmasch, die ich als misslungenen Brei in drei, vier Absätzen verreissen kann.

Nur: Irgendwann ging mir auf, dass genau das vom Autor von “Training Day” und dem Regisseur von “End of Watch” beabsichtigt ist. “Sabotage” will kein Actionfilm sein – er will den Actionfilm demaskieren. Seine Figuren sind so unsympathisch, weil sie durch und durch korrupt sind. Jeder Versuch, sich an einen Protagonisten zu binden, ist eine wohl geplante Finte. Die typischen Werte des Männerkinos sind einen Dreck wert, Ehre ist eine Lüge. Ayer weiß genau, was die Fans sehen wollen – und er pisst genüsslich drauf.

Aber bis es dazu kommt, ist es eigentlich schon zu spät. Der Verzicht auf einen klar gezeichneten Helden macht in der ersten Hälfte das andocken schwer, das übliche Schwarzenegger-Publikum dürfte sich verarscht vorkommen – und Cineasten mit Respekt für die Umkehr der Vorzeichen lassen sich von der Aussicht auf “Action mit Arnie” kaum ködern. Der Weg zum interessanten Richtungswechsel, zum Bruch der Regeln ist zu lang und holperig.

Schwarzenegger, auch wenn er als Archetyp des hier reflektierten Actionfilm-Heldens eigentlich Idealbesetzung sein sollte, ist keine Hilfe. Der Mann sieht geil aus, hat ein Gesicht wie eine verschlissene Saloontür – aber der Nimbus des späten Eastwoods geht flöten, sobald er den Mund aufmacht. Ich kann mich an keinen Film erinnern, in dem sein schwerer Akzent derart gegen die Figur arbeitet.

Am Ende ist “Sabotage” keine Kopie von “Expendables”, er ist gleichzeitig “The real Expendables” und der Anti-”Expendables”. Und weil er kein Interesse hat, uns die Eier zu schaukeln, kann er uns im letzten Drittel mehrfach ziemlich gekonnt in selbige treten. Hier werden Konventionen auf den Kopf gestellt, dass ihnen das Blut in den Ohren rauscht. Das muss man nicht mögen – kann man aber. Ich selbst war mehr beeindruckt als begeistert.

Dieser Trailer verkauft einen Film, der “Sabotage” nicht ist:

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Fazit: Eine clevere Dekonstruktion aller Schwarzenegger/Expendables-Klischees, die genau das falsche Publikum anziehen und dementsprechend enttäuschen dürfte.

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Juli 2014

Science Fiction Triple Feature: “Under the Skin”, “Transcendence” & “Jodorowsky’s DUNE”

under_the_skin_posterUnder the Skin

USA/GB 2013. Regie: Jonathan Glazer. Darsteller: Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Jessica Mance, Krystof Hádek u.a.

Offiziell Synopsis: Ihr Zuhause ist die Straße, die Nacht ihr Verbündeter: In einem Lieferwagen fährt Laura allein durch Schottland. Pechschwarzes Haar, blutrote Lippen, ständig auf der Suche nach Beute. In grellen Clubs, auf Parkplätzen und in dunklen Gassen findet sie immer willige Opfer: einsame, gelangweilte Männer, die auf schnellen Sex hoffen und der überirdischen Schönheit nichtsahnend in die Falle gehen. Wenn sie begreifen, was sie erwartet, ist es bereits zu spät: Die verführerische Vagabundin ist nicht von dieser Welt…

Kritik: Um “Under the Skin”, das neuste Werk des “Sexy Beast”-Regisseurs, ist so etwas wie ein Kulturstreit entbrannt. Er soll wohl auf dem FFF 2014 laufen, dafür aber nicht regulär im Kino ausgewertet werden. Cineasten sehen das als Verrat an einem Kunstwerk, dem das natürliche Zuhause verweigert wird, der Verleih verweist auf die miserablen Einspielergebnisse in den USA, wo “Under the Skin” gerade mal 2 Millionen Dollar gemacht hat.

Schaut man sich den Film vorurteilsfrei an, sind die Bedenken des Verleihs durchaus nachvollziehbar: “Under the skin” ist ein Low Budget-Roadmovie, dessen einziger Appeal über die Hipster-Crowd hinaus aus der Besetzung der Protagonistin erwächst – und der Tatsache, dass Frau Johansson sich erstmals, dafür aber konsequent, häufig und vollständig nackig macht. Dass man damit keine Säle voll bekommt, kann ich durchaus nachvollziehen.

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Lässt man den Versuch, mit Scarlett Johanssons Besetzung kommerziellen Appeal zu erzeugen, außen vor, ist “Under the Skin” tatsächlich ein ziemlich geeigneter FFF-Kandidat, ein Film für die etwas anspruchsvollere Midnight Crowd. Jonathan Glazer macht keinen wirklichen Versuch, die Hauptfigur oder ihren Background zu erklären, auch die in der Romanvorlage angedeuteten Zusammenhänge lässt er unerzählt. Was wir sehen, müssen wir uns zusammen reimen, was wir verstehen, müssen wir erahnen.

“Under the Skin” baut keine Geschichte, erlaubt nicht das Zusammenfügen der Teil zum ganzen Bild. Die Kamera ist nur Begleiter, nie Beobachter, es gibt keinen Erzähler und zwischen uns und der Protagonistin ist eine unsichtbare Wand, die Empathie fast unmöglich macht. Wir schauen ihr zu, suchen nach Schlüsseln zu ihrem seltsamen Verhalten, nach Motiven, nach Methoden – und bleiben letztlich allein. Manchmal fühlt sich der Platz auf dem Beifahrersitz des Lasters tatsächlich so an, als wäre man als Tramper in einen Wagen gestiegen, dessen Fahrer nun stur nach vorne auf die Straße schaut und den man vergeblich zu lesen versucht.

Die Frau als Alien im wahrsten und im übertragenen Sinne.

Dazu passt, dass Glazer kein Interesse hat, andere Figuren zu zeichnen. Wir erleben die Menschen dieser Welt nur über ihre Phrasen, ihre stockenden Versuche, zu kommunizieren, sich darzustellen. Sie sind nur Form und Funktion.

Es ist ein Zeugnis von Glazers Expertise als Regisseur und Johanssons darstellerischer Furchtlosigkeit, dass “Under the Skin” trotz dieser wenigen Handreichungen an den Zuschauer eine beträchtliche Sogwirkung entwickelt und nie dazu reizt, sich aus dem seltsam leblosen Geschehen auszuklinken. Wir verstehen die Unfähigkeit der Hauptfigur, Menschen zu verstehen, zunehmend als Hilflosigkeit, als fehlende Definition der eigenen Persona. Und die Täter/Opfer-Mechanik ist ein brüchiges Konstrukt, ein zwangsläufiges Pendel, das zurückschlagen muss.

Am Ende bleibt ein Film, der fasziniert, ohne mitzureißen, der zum Nachdenken anregt, nicht aber notwendigerweise zu Diskussionen. Er ist sich als singulärer Event genug, verweigert sich auch einem filmhistorischen Kontext. Kino für den Kopf – und nachdem es im Genre davon nicht mehr allzuviel gibt, ist das schon eine Empfehlung für sich.

Under-the-Skin1Fazit: Ein vages, sprödes Filmessay über die Unmöglichkeit von Kommunikation ohne Emotion, das am Ende zu viel Raum für Interpretationen lässt, um wirklich zu befriedigen. Und das ist gut so.

transcendence-prize-posterTranscendence

USA 2014. Regie: Wally Pfister. Darsteller: Johnny Depp, Kate Mara, Morgan Freeman, Cillian Murphy, Rebecca Hall

Offizielle Synopsis: Der renommierte Wissenschaftler Dr. Will Caster arbeitet gemeinsam mit seiner Frau Evelyn auf dem Gebiet der technologischen Singularität. Durch die Erschaffung eines Computersystems, dessen komplexe Verschaltungen wie menschliche Gehirne funktionieren, streben sie die Transzendenz künstlicher Intelligenz an. Ein technologischer Quantensprung, der ihnen zwar viel Lob einbringt, sie jedoch auch zur Zielscheibe von fanatischen Technik-Skeptikern macht. Bei einem Überfall auf das Labor wird Will tödlich verletzt. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Forscherdrang führt Evelyn eine drastische Maßnahme durch: Gemeinsam mit dem Forscher Max Waters, einem engen Freund und Kollegen ihres Mannes, verbindet sie Wills unversehrtes Gehirn mit dem Computersystem und überträgt seine Informationen auf den Rechner.

Kritik: Mit “Transcendence” wollte Wally Pfister, Stamm-Kameramann von Christopher Nolan, auch als Regisseur reüssieren. Mit nicht mal 90 Millionen Dollar Einspielergebnis weltweit (bei 100 Mio. Budget) ist das ziemlich in die Hose gegangen – vor allem wenn man bedenkt, dass Pfister mit einem sehr kommerziellen Thema und einem Haufen etablierter Stars arbeiten durfte.

Was ging schief? Einige Branchenexperten meinen, dass “Transcendence” zu smart für das Blockbuster-Publikum sei, zu anspruchsvoll in einem Sommer, der auf “Transformers 4″ und “Godzilla” setzt.

I call Bullshit. “Inception” war ungleich komplexer, mit frischeren Ideen ausgestattet. Gleiches gilt für “Looper“, für “District 9“. Es ist billig, sich im Zweifelsfall auf die angebliche Dummheit des Publikums heraus reden zu wollen, als hätte man versehentlich nicht ausreichend auf das niedrigste Niveau gezielt. Besonders hier, denn “Transcendence” erzählt weder eine neue Geschichte – noch erzählt er sie auf bemerkenswert neue Art und Weise. Ich neige eher zu der Meinung, dass Pfisters Erstling an Eiermangel leidet, dass er über die schönen Bilder und plakativen Kontroversen hinaus keine wirkliche Substanz besitzt.

Was macht den Mensch zu Menschen? Kann ein Bewusstsein in eine Maschine übertragen werden, ohne dass die Humanität darunter leidet? Darf man die Menschheit zu ihrem Glück zwingen? All das sind Fragen, die teilweise schon vor über 40 Jahren in Filmen wie “Colossus” gestellt und relativ ausführlich beantwortet wurden.

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Versteht mich nicht falsch: “Transcendence” ist ein schicker Film, gut getaktet, über die gesamte Laufzeit ausreichend spannend. Er springt nur nicht ein einziges Mal aus der Spur, traut sich keinerlei erzählerische Finten oder Richtungswechsel. Er läuft exakt so ab, wie es nach dem ersten Akt zu erwarten ist.

Es hilft auch nicht, dass der Cast bestenfalls durch Anwesenheit glänzt, aber komplett unterfordert bleibt. Die Rollen von Cillian Murphy und Morgan Freeman sind so lachhaft unterentwickelt, dass man sie auch von Statisten hätte spielen lassen können, die Frauenrollen sind geradezu beschämend banal als Gegenpols zum technisch-männlichen Fortschrittswahn skizziert. Wirklich rund ist keine der Figuren – weshalb sie uns auch nicht scheren.

Trotz der Vorhersehbarkeit bleibt “Transcendence” relativ hohl. Die Elemente, aus denen man Saft hätte ziehen können (Ist der Computer-Caster WIRKLICH Caster? Was treibt ihn an? Ist er böse oder nur frei jeglicher Moral? Ist das freie Elend dem unfreien Glück vorzuziehen?), werden übergangen, die Handlung spielt mit Themen, ohne diese wirklich zu bedienen.

Am Ende bleibt ein SF-Thriller, dem es an inhaltlichen Reizen mangelt, die Zuschauer ins Kino ködern könnten und der als TV-Zweiteiler vermutlich besser funktioniert hätte.TRANSCENDENCE

Fazit: Ein Science-Thriller im Crichton-Stil, der bekannte Fragen interessant neu stellt, aber sich sträflich wenig um die Diskussionen schert, die dem Zuschauer eigene Antworten ermöglichen würden.

jodorowskys_dune_xlgJodorowsky’s DUNE

USA 2013. Regie: Frank Pavich. Mitwirkende:  Alejandro Jodorowsky, Michel Seydoux, H. R. Giger, Chris Foss, Nicolas Winding Refn, Amanda Lear, Richard Stanley u.a.

Story: Jahre vor David Lynch’s eigensinnigem, aber letztlich kraftlosen Versuch, die “Wüstenplanet”-Saga von Frank Herbert für die Leinwand einzudampfen, gehörten die Rechte für eine Verfilmung dem französischen Produzenten Michel Seydoux. Er war entschlossen, den epischen Stoff mit dem chilenischen Künstler und Filmemacher Alejandro Jodorowsky (“Montana Sacra”, “El Topo”) umzusetzen. Das wahnwitzige Projekt, an den Mick Jagger ebenso beteiligt war wie Salvador Dalí, Pink Floyd ebenso wie H.R. Giger, scheiterte letztlich an der Furcht Hollywoods vor den exzentrischen Fantasien des Regisseurs. 30 Jahre lang blieb “Jodorowsky’s DUNE” ein Mythos, festgehalten nur in wenigen Artworks und Vorankündigungen. In dieser Dokumentation öffnen Jodorowsky und Seydoux ihre Archive, kommen die überlebenden Beteiligten zu Wort – und malen ein breites Bild vom vielleicht ambitioniertesten Film, der nie gedreht wurde.

Kritik: Es gibt immer wieder unproduzierte oder unveröffentlichte Filme, die einen Mythos entwickeln, ein untotes Eigenleben. Über die man diskutiert, obwohl es nichts zu diskutieren gibt. Das gilt für die “Astro Saga” ebenso wie für die erste “Apt Pupil”-Verfilmung mit James Mason, das gilt für Jerry Lewis’ “The Day the Clown Cried” ebenso wie für “Mr. Boogie”. Die Leerstellen in der Filmgeschichte werden mit Legenden gefüllt, Halbwahrheiten, Vermutungen und Sehnsüchten. In den meisten Fällen sind diese Produktionen, wenn sie dann (und sei es nur in Fragmenten) doch noch das Licht der Welt erblicken, eine herbe Enttäuschung. Weil sie den heißen Erwartungen der Filmfans kaum gerecht werden können.

Jodorowskys “Der Wüstenplanet” ist so etwas wie ein Platzhirsch unter den unproduzierten Legenden. Das liegt nicht nur an den Beteiligten, sondern an dem Anspruch, den Jodorowsky selbst hatte – sein “Wüstenplanet” sollte ein “game changer” sein. Eine neue Epoche einleiten. Das Medium Film neu definieren.

Schaut man sich die Dokumentation “Jodorowsky’s DUNE” an, glaubt man das sofort.

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Obwohl der Großteil der Doku von “talking heads” bestritten wird, sind ihre 90 Minuten durchdrungen von der ursprünglichen wie urwüchsigen Kraft, mit der Jodorowsky einst sein opus magnum geplant hatte. Es gelingt ihm mühelos, uns heute wieder so dafür zu begeistern, wie es ihm mit der gesamten kulturellen Elite der 70er gelang. Er ist ein Zauberer, ein Visionär, der Hunger macht, aus dem Banalen auszubrechen, der grauen Realität den bunten Traum entgegen zu stellen. So, wie sein “DUNE” eine Reise werden sollte, nimmt uns Jodorowsky in Pavichs Film mit auf eine Reise zurück in die Zeit. Am Ende kapituliert man fassungslos vor dem Desaster, das uns den vielleicht schönsten, vielleicht wichtigsten Film der 70er Jahre vorenthalten hat. Kollektiv möchte man “DUNE” durch schiere Willenskraft in die Existenz zwingen. Weil die Welt ein besserer Ort wäre. Oder zumindest Hollywood.

Sein Zauberstab bei diesem Zaubertrick ist das monströse Produktionsbuch zu “DUNE”, in dem alle Entwürfe und Storyboards gebunden sind. Es wurde seinerzeit von Studio zu Studio geschickt, um für den Film zu trommeln – vergeblich. Und heute, 40 Jahre später, hat dieses Buch den Ruch des Heiligen, einer Bibel für Cineasten. Wer nach “Jodorowsky’s DUNE” nicht lautstark nach einem Reprint des Buches für den Massenmarkt schreit, sollte kein Kino mehr betreten dürfen. Taschen, make it so!

Jodorowsky-MoebiusFazit: Neben “Lost in La Mancha” die beste Dokumentation über ein gescheitertes Filmprojekt und ein faszinierender Einblick in Ego und Epos von Jodorowsky.

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Juli 2014

Deutschland balla balla: Eine kleine Geschichte von Vorfreude und Nachsicht

Freitag, 4.7.2014, 17.15 Uhr. Ich bin allein in Speyer, ein familiäres Problem hat die LvA nach Marburg gezwungen. Dabei spielt Deutschland. Gegen Frankreich. Und ich habe es nicht so mit Public Viewing.

Also allein vor dem Fernseher. Na ja, so allein, wie man mit zwei Katzen sein kann. Wenigstens hat auch Becky ihr Interesse am Fußball mittlerweile entdeckt, sie schaut gerne zu, wie der Ball auf dem Bildschirm hin und her gekickt wird.

Noch knapp eine Stunde bis zum Anpfiff und plötzlich denke ich: Scheiß drauf. Ich ziehe den Cheat Day vor und mache mir einen brutal ungesunden Abend. Im Unterhemd vor der Glotze, Pizza und Eiskrem, Flips und eiskaltes Radler!

Nur – woher nehmen? Der Kühlschrank hält aus weiser Voraussicht nichts davon auf Vorrat, die wenigen Pizzaservices der Stadt haben Wartezeiten von mehr als einer Stunde.

Egal. Die Supermärkte haben noch auf, mit dem Roller sollte das eine Sache von 20 Minuten sein. Ich genieße den Fahrtwind, der die stehende Hitze kühlend über meine schweißklebende Haut schiebt.

Dem LIDL gewähre ich heute meine Gunst, die Pizza Quattro Stagioni ist schnell gefunden (Salami habe ich noch zu Hause), ebenso Flips und Radler. Von der Hausmarke nehme ich das “Cookie Dough”-Eis mit – wenn schon, denn schon. Schließlich spielt heute Deutschland. Gegen Frankreich.

Mir fällt auf, dass jetzt, eine halbe Stunde vor Spielbeginn, eine ganz andere Klientel ein ganz anderes Produktsortiment kauft als sonst. Es ist ein hektisches Last Minute-Shopping des Vergessenen, aber Unverzichtbaren, vergleichbar vielleicht mit Heiligabend, nur prolliger. Da stapeln sich billige Whiskyflaschen auf dem Kassen-Rollband, Zigarettenschachteln in Mengen, die man gerade noch so in die Handtasche stopfen kann. Viel Bier. Und Süßigkeiten. Ich passe mit meiner Auswahl genau in die Mischung.

Auch die Kunden wirken rauer, ungepflegter, grenznäher. Es sind die, die ihren Kühlschrank nicht planen, die nicht zu klugen Zeiten kaufen, was benötigt wird. Aldiletten, ärmellose Shirts, zu viele Shorts, die über die Knie reichen. Gekauft wird, was Triebe befriedigt, die keinen Aufschub dulden. Weil Deutschland spielt. Gegen Frankreich.

Ich komme gerade zur ersten Kasse, als die zweite Kasse dicht macht. Keine gute Idee angesichts der Nähe zum Anstoss und der wartenden Kundenmenge. Aber da muss man durch. Wir sitzen alle in einem Boot und den Anpfiff hören wir dann daheim. Oder im Schrebergarten. Oder in der Kneipe des Vertrauens. Gut geölte Stimmbänder fürs Schland.

Trotz der einzigen geöffneten Kasse geht es voran. Noch ist niemand nervös. Im Gegenteil – das gemeinsame Ziel muss nicht ausgesprochen werden, um zusammen zu schweißen. Man lächelt sich zwischen den Partytonnen Kartoffelchips verschwörerisch zu. 3:1 steht in den Blicken. Mindestens.

Dann kommt sie.

Blond, Mitte 40 vielleicht, anständig gekleidet, so neutral, dass es schon fast eine Beleidigung ist. Die hat bestimmt keine Fahne am Autofenster. Wo doch Deutschland spielt. Gegen Frankreich. Sie geht von hinten zur einzigen Kassiererin, legt ein Bund Kräuter hin und hält einen Kassenbon hoch: “Sie haben falsch abgerechnet.”

Nur nicht nervös werden. Reklamation ist normal,  ist erlaubt, würde ich ja auch machen. Falsch abrechnen geht nicht. Korrektur sollte fix gehen. Noch 25 Minuten. Schaffe ich locker. Nur nicht nervös werden.

Die Kassiererin guckt auf den Bon, sagt: “Kräuter, ja, 79 Cent”. Die Kundin schüttelt energisch den Kopf: “Aber am Stand vorne steht 65 Cent.”

Es geht um 14 Cent. Ich spüre das dünne Eis meiner eingeredeten Geduld ächzen, knirschen, in der mühsam gekühlten Luft des Supermarktes an diesem zu heißen Tag rissig werden. Ich versuche mir vorzustellen, warum jemand die Heimfahrt vom Einkauf unterbricht und zum LIDL zurück kommt, um 14 Cent zu reklamieren. Ich ahne die Antwort: Es ist eine Prinzipfrage.

Die Kassiererin gibt noch einmal die Kräuter ein, die Kasse beharrt auf 79 Cent. Die Kundin beharrt auf 65. 14 Cent Differenz, während die Uhr tickt. Höflich, sehr bemüht stellt die Kassiererin die Möglichkeit in den Raum, dass die Kundin ein Preisschild gelesen hat, das für ein anderes Produkt galt?! No go. Die Kundin wird patzig: “Da steht hinten an den Kräutern 65 Cent. Schauen Sie doch nach!”

“Schauen sie doch nach”. Es kommt Unruhe in die Schlange, Blicke werden auf Uhren und Smartphones geworfen, deutliches Schnaufen ist zu hören.

Die Kassiererin weiß auch nicht weiter. Sie kann das Ansinnen der Kundin schlecht ignorieren, andererseits sieht sie die Schlange und WEISS, um was es gerade geht. Um Deutschland. Gegen Frankreich. Sie erhebt sich halb aus dem Drehstuhl und blickt in Richtung Gemüseabteilung: “Wo haben Sie denn die 65 Cent gelesen?”

Es ist eindeutig, dass sie erreichen möchte, dass die Kundin selbst noch mal den Preis prüft. Aber die Kundin ist entschlossen, in der Service-Wüste Deutschland die Früchte einer Service-Oase zu ernten und wedelt nur ungeduldig mit der Hand zum hinteren Teil des Supermarktes: “Da hinten irgendwo.”

Ich bin kein Meckerer, kein Faust-in-der-Tasche-Macher. Ich bin ein Problemlöser. Also greife ich nach meiner Geldbörse. Aber der Mann, der seit drei Minuten eigentlich dran wäre, kommt mir zuvor: “Wissen Sie was, ich zahle Ihnen die 14 Cent. Kein Problem.”

“Ich auch”, sagt der junge Bengel hinter ihm. Seine Waden zeigen, dass er vermutlich selber Fußball spielt. Er tänzelt auf den Füßen wie beim Dribbling. Er will heim.

Das Problem: Einem Prinzipienreiter geht es nicht um Problemlösung – es geht ums Recht, um die Durchsetzung der als Gerechtigkeit empfundenen Praxis. Unsere 14 Cent sind nicht die 14 Cent, die die Kundin haben will, was sie auch prompt bestätigt: “Darum geht es nicht. Kräuter sind 65 Cent.”

Ich rechne im Kopf kurz durch und stelle fest, dass ich hier noch 10 Minuten lang festhängen kann, bevor es eng wird. Das ist ausreichend für einen Testballon, den ich nun mit kräftiger Stimme vom Ende der Schlange loslasse: “Ich erhöhe auf mehr als das Doppelte! 30 Cent, wenn Sie es gut sein lassen!”

Gekicher geht durch die Schlange. Einer klatscht. Trotz oder vielleicht wegen der steigenden Unruhe funktioniert meine Aussage als Ventil, wenn auch nicht als Lösung, denn die Kundin schüttelt den Kopf. Eine Annahme meines Geldes wäre “außerhalb des Systems”, das kommt für sie nicht in Frage. Die Kassiererin weiß auch nicht weiter, sagt schließlich seufzend: “Ich rufe mal den Chef, der soll sich drum kümmern. Sie sehen ja, was hier los ist.”

Zumindest ist die Kundin schlau genug, nun beiseite zu treten, während sie auf “den Chef” wartet. Der reguläre Kassenbetrieb wird wieder aufgenommen. Der Mann, der zuerst 14 Cent als Lösegeld für uns alle angeboten hatte, bekommt seine Waren. Er schaut uns alle an und grinst: “Gutes Spiel”. Jeder in der Schlange, wir mögen zu sechst sein, murmelt “Gutes Spiel” zurück.

Es wiederholt sich. Die Kundin hat uns zu einem Team gemacht. Deutschland. Nicht gegen Frankreich, aber gegen die Blondine. 5, 4, 3, 2, 1 – “Gutes Spiel”. “Gutes Spiel”. Einer ruft noch “3:1!”, bevor die automatischen Schiebetüren ihn in die Hitze des späten Nachmittags entlassen.

Als ich dran bin, taucht “der Chef” auf. Er ist maximal 25. Wahrscheinlich ein Azubi, der bei der Auslosung der Schicht den falschen Strohhalm gezogen hat. Ich packe meine Pizza, das Eis, die Flips und das Radler ein, während die Kassiererin ihm das “Problem” der Kundin erklärt. Er schaut kurz auf den Kassenbon, sagt dann: “Kräuter sind 79 Cent.”

Die Kundin, verunsichert von der spürbaren Ablehnung der versammelten Kundschaft, versucht es ein letztes Mal: “Da stand 65 Cent”. Der Chef schüttelt den Kopf: “Da irren Sie sich. Schauen Sie ruhig mal nach”.

Er lässt sie stehen. Ich möchte klatschen, ihm vielleicht auf die Schulter klopfen. Stattdessen mache ich mich auf den Weg zu meinem Roller. Als ich die Kundin passiere, schaue ich ihr in die Augen und sage: “Gutes Spiel”. Sie antwortet nicht. Sie ist keine von uns.

Dann fahre ich heim, mit Pizza und Eis zu zwei Katzen. Ich werde pünktlich sein. Meine Laune ist intakt. Deutschland. Gegen Frankreich.

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4
Juli 2014

The Comics come to Town: “The Flash” , “Constantine” & “Stan Lee’s Mighty 7″

Es ist ein gutes Jahr für Superhelden-Fans. Neben den erwartbaren Blockbustern wie “Captain America 2” und “X-Men: Days of Futures Past” bekommen die kostümierten Gutmenschen auch auf dem heimischen Flachbildschirm wieder einen Fuß in die Tür. Mit “Agents of SHIELD” und “Arrow” ist es gleich zwei relativ aufwändigen Serien gelungen, sich nicht etwa bei den kleinen Spartensendern zu etablieren, sondern bei den Networks. Fast wie früher, zu den Zeiten den “Incredible Hulk” und der üppigen 70er Jahre-”Wonder Woman”.

Es gab aber auch wahrlich aufwändige Fehlstarts in der letzten Zeit – so konnte weder der “Smallville”-Ableger “Aquaman” noch der beleidigend beschissene Versuch, “Wonder Woman” als feministische Firmenchefin neu zu erfinden, irgendwen überzeugen. Beide Varianten schafften es nicht über die Pilotepisoden hinaus. Und über “Birds of Prey” decken wir auch besser das Mäntelchen des Schweigens.

Besonders DC ist nun entschlossen, an Marvel verlorenen Boden wieder gut zu machen. Was “Green Lantern” und “Man of Steel” im Kino nur begrenzt gelungen ist, soll nur die Helden-B-Liga in Serie richten. Gleich drei Serien wirken wie der gewaltsame Versuch, endlich aufzuschließen – 2014 erwarten uns “Gotham”, “Constantine” und “The Flash”.

Schauen wir doch mal, wie das anläuft.

The-Flash-TV-Show-Costume

“The Flash” ist ist ein Spinoff von “Arrow” – und Barry Allen wurde konsequenterweise in einer Episode der Mutterserie eingeführt. Die Pilotepisode der eigenständigen Serie erzählt dementsprechend vieles noch einmal, was wir längst wissen. Barry wird vom Blitz getroffen, landet im Koma, hat nach dem Aufwachen die Fähigkeit, superschnell zu laufen. Ein kleiner Kreis von Freunden und Förderern ist eingeweiht, eine neu entwickelte Uniform für Feuerwehrleute dient als Basis des Kostüms. Die notwendigen Bösewichte werden aus der Tatsache rekrutiert, dass die Explosion der STAR Labs auch noch andere Menschen mit unberechenbaren Kräften ausgestattet hat. In der ersten Episode ist das ein Verbrecher, der das Wetter manipulieren kann.

Grundgütiger, da hat DC aber ganz tief in der Klischeekiste gegrabbelt und eine Serie dermaßen nach Schema F für das Publikum des Senders CW gestrickt, dass man sämtliche Figurenkonstellationen und Konflikte von der ersten Minute an voraussagen kann. Diese Mischung aus Krimi und Soap mit einem leichten Genreeinschlag kennen wir seit “Charmed” zur Genüge, mit “Smallville” wurde sie zum Rezept – seither kochen alle Köche diesen Brei. Es ist eine softe Seifenoper, in der eigentlich nur zufällig Superhelden auftauchen – es könnte genau so gut um Aliens oder Vampire gehen.

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Obwohl “The Flash” aufwändig produziert ist, gute Effekte mitbringt und seine Laufzeit auch vergleichsweise straff über die Runden bringt, fehlt einfach der starke zentrale Charakter – Barry ist ein Bubi, vergleichbar mit Andrew Garfield als Spider-Man. Dem mangelt (bis jetzt) die Gravitas, eine ganze Serie zu tragen. Und Gottchen, er ist in seine Jugendfreundin verknallt, die steht aber auf den coolen Bullen – geht’s noch platter?

Wie müde und tausendmal durchgekaut die Storyelemente sind, sieht man auch daran, dass “The Flash” sich massiv bei der “Flash”-Serie aus den 90ern bedient: Vom fast identisch inszenierten Blitzeinschlag über die Trainingssequenz bis zum Wirbelsturm im Finale – alles nur Update, und unnötig obendrein. Wenn schon dem Pilot nichts Neues einfällt, dürfte der Serie ziemlich schnell die Luft ausgehen.

Bonuspunkt aber für das Casting von Barry Allens Vater – mit John Wesley Shipp, dem “Flash” der 90er. Er sieht mittlerweile aus wie ein schlecht gealterter Jason Statham. Nerds approve.

Geht man davon aus, dass ich mir von “The Flash” gar nichts erwartet und mich um die Sichtung zwei Wochen gedrückt habe, ist der Pilot zumindest akzeptables Kaugmmi-Fernsehen. Da mich allerdings weder “Smallville” noch “Aquaman” noch “Arrow” begeistern konnten, wird dieser vierte Aufguss der immer gleichen Elemente es kaum in meine “must see TV”-Liste schaffen.

Erheblich mehr erwartet habe ich mir da schon von “Constantine”, dem Reboot der “Hellblazer”-Franchise, die von einem katastrophal fehlbesetzten Keanu Reeves seinerzeit im Kino an die Wand gefahren worden war.

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Und tatsächlich: “Constantine” macht erheblich mehr richtig als der Kinofilm oder der “Flash”-Pilot. Es geht angemessen düster zu, die Schocks testen durchaus an, was man sich im Network-Fernsehen aktuell erlauben darf – und vor allem: Mit Matt Ryan hat man den perfekten John Constantine gefunden. Ein hardboiled detective in einer von Dämonen verseuchten Welt, der immer versucht, die Apokalypse ein paar Minuten in der Zukunft zu halten und sich des verlorenen Postens, auf dem er kämpft, durchaus bewusst scheint.

“Constantine” arbeitet deutlich weniger nach Baukasten als “Flash”, wirkt frischer, gruseliger, angenehm pulpig. Erinnerungen werden wach an “Dresden Files” und “Supernatural”, den großartigen TV-Film “To cast a deadly spell”, an “Dylan Dog” und “John Sinclair”. Vor allem aber an die zu Unrecht fast vergessene Serie “Brimstone” von 1998, die wie ein nichtlizensierte Version von “Constantine” wirkt – und vor 15 Jahren vieles besser gemacht hat.

Denn auch wenn “Constantine” ein ungleich spannenderes Universum aufbaut als “The Flash” und deutlich mehr Spektakel mitbringt – die Pilotepisode hat mit eigenen massiven Problemen zu kämpfen. Es fehlt der zentrale Konflikt, der die 45 Minuten am Laufen halten sollte, das Geschehen wirkt seltsam fahrig und willkürlich. Nach diversen Suspense-Sequenzen scheinen die Charaktere stehen zu bleiben und darauf zu warten, dass ihnen das Skript – wie ein Navi – Anweisungen gibt, wo sie nun hin müssen. A ergibt nicht B ergibt nicht C, wie das in einem guten Drehbuch der Fall sein sollte.

Es fehlt die eine fette Idee, der Motor, der Hook.

“Brimstone” war seinerzeit erheblich besser darin, den Grundkonflikt und den Antrieb des Helden zack zack zack zu definieren.

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Auch in den Details leistet sich “Constantine” ein paar unnötige Patzer.  So nimmt Lucy Griffiths as Liv Aberdine den Einbruch des Übernatürlichen in ihr Leben mit erstaunlicher Nonchalance hin, gerät bei Angriffen von Dämonen kaum außer Fassung und stellt auch nie ihren Verstand in Frage. Sie wirkt emotional an keiner Stelle involviert. Und Constantine selber hätte man durchaus eine stärkere Motivation verpassen können als ein kleines Mädchen, das er nicht retten konnte. Schließlich gehören Opfer zu seinem täglich Brot.

Das größte Lob, dass ich “Constantine” machen kann, ist dieses: Die Serie ist Gold im Vergleich zu “Dominion” (einer Serie, die auf dem Kinofilm “Legion” basiert), wo ähnliche Themen beackert werden – und ich erstmals seit langer Zeit nach der Hälfte der Laufzeit das Handtuch geschmissen habe. Das ist einfach zu wirr und spannungslos erzählt.

So sind “The Flash” und “Constantine” unfertige, in Ansätzen interessante Serien, die beide Potential haben, aber auch Fehler ausmerzen müssen. Sie gehen die Aufgabe, über Dutzende Folgen unterhalten zu müssen, sehr unterschiedlich an – “The Flash” versucht es mit einer extrem bekannten, aber bewährten Struktur, während “Constantine” eher was von einem Groschenroman hat, der bei einem Durchhänger einfach mal laut “BUH!” schreit. Wer damit durchkommt, wird man sehen. Es ist Luft nach oben.

Ich hätte diesen Doppelreview gerne als Triplereview mit “Gotham” abgeliefert, aber die spannendste der neuen DC-Serien liegt mir leider noch nicht vor:

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Völlig unerwartet lief mir dann noch “Stan Lee’s Mighty 7″ über den Weg, ein Zeichentrick-Superheldenfilm für den Kabelsender “The Hub”, Start einer Trilogie (und Adaption einer erfolglosen Heftchenreihe) . Weil das hier irgendwie ganz gut rein passt, habe ich mich kurzfristig entschlossen, damit auch noch abzurechnen.

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Mir tut Stan Lee leid. Der Mann hat mal die größten Superhelden aller Zeiten im Dutzend erfunden, ist absoluter Kult – und kann es einfach damit nicht gut sein lassen. Seit Jahren produziert er Reality TV-Shows, TV-Filme (“Lightspeed”) und drittklassige Trickfilme, die lediglich als Beweis dienen, dass man manche Leute um ihrer selbst willen in die Rente prügeln sollte.

Im Vergleich zu “The Condor” und “Mosaic” sind die “Mighty 7″ wenigstens technisch im neuen Jahrtausend angekommen. Mit viel Lensflare und Wischeffekten wird die solide 2D-Animation aufgepeppt, das Ergebnis ist eine knallbunte Poser-Welt, die an die Image-Comics der 90er erinnert und erfreulich unbeschwert Actionszene an Actionszene reiht, mit ein wenig Kitt in Form von lahmen Kalauern dazwischen. Das Voice Casting ist diesmal auch deutlich besser: An den Mikrofonen im Tonstudio tummelten sich Sean Astin, James Belushi, Mayim Bialik, Flea, Armie Hammer, Teri Hatcher, Michael Ironside, und Christian Slater.

Ach, wäre der Aufwand, wären die Stars nur nicht so verschwendet!

An dieser Stelle käme jetzt der Teil, wo ich mich maßlos über das einfallslose und strunzdumme Skript aufrege, über die grässlich banalen Dialoge, die völlig undefinierten Charaktere, die ungute Verquickung von Comicuniversum und Realuniversum (schließlich spielt Stan Lee hier – Stan Lee). Das ist wirklich Kindertheater.

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Aber nach 30 Minuten brodelndem Unmut vor dem Fernseher wurde mir klar: Das ist Kindertheater, weil es Kindertheater sein SOLL. “Mighty 7″ ist nicht für uns Nerds gemacht, sondern für den rotznasigen Nachwuchs, der die Coolness des Helden nach der Farbkombi des Kostüms beurteilt und dem es primär wichtig ist, dass voll klasse Energiestrahlen aus Fäusten geschossen werden. Pew pew pew!

Und auf diesem Level funktioniert “Mighty 7″ sogar. Es ist eine Hommage an die “Super Friends”, bedient ein Publikum, das von der Industrie in den letzten 30 Jahren zunehmend ignoriert wurde. Comics waren mal für Kids, nicht für Nerds. Bis in die 80er waren die Helden nicht gebrochen, sahen die Frauen nicht wie Masturbationsvorlagen aus, ging es nicht in jedem Heft gleich ums ganze Universum. Bösewichte mussten nur böse sein – eine komplizierte Backstory war schlicht unnötig. Es ist dieser Spirit, dem sich “Mighty 7″ verpflichtet fühlt. Er will keine Meta-Ebene haben, will weder Nostalgie noch Ironie bedienen. Das schränkt die Zielgruppe zwar im einstelligen Altersspektrum ein, aber das ist ja nichts schlechtes.

Für Erwachsene ist “Mighty 7” allerdings nur wieder eines der saft- und kraftlosen Trittbrettprodukte mit austauschbaren Kostümträgern und austauschbaren Superkräften.

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4
Juli 2014

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: Etikettenschwindel beim Thema Lebensmittel

Ich lese die FAS gerne, aber zu selten. Immer wieder nehme ich mir vor, das launige Sonntagsblatt mit der bunten Themenmischung (so eine Art BAMS, für die man sich am Kiosk nicht schämen muss) zu abonnieren. Vielleicht auch deswegen, weil sie mich nostalgisch an “Die Woche” erinnert, die ich in den 90ern so begeistert verschlungen habe.

Diese Woche habe ich mich aber geärgert. Und zwar sehr. Weil es mit Zeitungen ist wie mit Joghurts – es sollte auch drin sein, was drauf steht.

Das hier ist die Titelseite vom letzten Sonntag:

fas1

Ein veganer Truthahn?! Das wollte ich mir mal genauer anschauen. Zumal mich interessierte, was die mindestens fünf (FÜNF!) Leute zu sagen haben, die laut FAS-Fotos für das Blatt furchtlos reingebissen haben.

“Wie schmeckt er? Wir haben Passanten probieren lassen.”

Der Artikel selbst ist auch nicht ohne – eine dreiviertel Seite mit einem ähnlich frankensteinesken Aufmacherbild:

fas2Sehr ihr die immerhin fast zwei Zeilen, die ich euch grün markiert habe? Das ist die gesamte Textmenge, die sich mit dem veganen Truthahn beschäftigt. Es ist eine Erwähnung, dass es ihn gibt und was er kostet. Darüber hinaus: nix. Keine Infos, keine Geschmackstests, keine Passanten.

Hey, FAS! So geht’s nicht! Wenn ihr mir einen veganen Truthahn zeigt und auf dem Titel verkündet, ihr hättet Passanten probieren lassen, dann sollte das auch im Heft aufgegriffen werden! Und wenn dann der Artikel NOCH MAL mit dem veganen Truthahn aufmacht, dann gönnt uns wenigstens drei Zeilen, aus was der besteht und wieso man als Veganer gefälschtes Geflügel für Apothekenpreise kaufen sollte!

Ich schreibe hier ja auch nicht rein “Wortvogel hat Avengers 2 gesehen!” – und belasse es dann bei der Überschrift.

Ehrlich, wenn ihr nicht noch den tollen Artikel über die Katzen und die Tipps zur Haus-Steuerung per App für mich gehabt hättet – ich hätte das Geld für verschwendet gehalten. So kommt ihr mit der Verwarnung davon.

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24
Juni 2014

Das Wortvogel-Manifest: Wofür ich stehe (3)

Eigentlich wollte ich euch dieser Tage mit einem Mehrteiler erfreuen – die ganze Produktionsgeschichte von “Lost City Raiders”. Leider entpuppt diese sich als deutlich umfangreicher, spannender, verwickelter und rechercheaufwändiger als gedacht. Noch dazu ist die Festplatte mit den benötigten Videos und Fotos vermutlich in der nächsten Folge “Aktenzeichen XY” zu sehen. Darum verschiebe ich das noch ein wenig.

Kommen wir stattdessen zu einer weiteren Folge unserer beliebten Sendereihe “Der Wortvogel erklärt die Welt”. Wie üblich willkürlich und wild gemischt wie Haribo Colo-Rado.

Keine Industriesubventionen

In diesem Bereich bin ich gleichzeitig links und marktorientiert – auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Es muss Schluss sein mit der Verlagerung von Risiken auf den Staat und damit den Steuerzahler, genau so wie mit der Verhätschelung von Großbetrieben, die Milliarden Gewinne einfahren, sich aber die Standortwahl massiv subventionieren lassen und den Strom aus der Steckdose auch.

Jede Subvention, die eine sonst lebensunfähige Industrie (gerne mit dem Verweis auf Arbeitsplätze) am Leben erhält, ist abzulehnen. Firmen, die trotz Profiten bei drohendem Verlust von Subventionen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen drohen, sind anzuprangern. Der um sich greifenden Methode, sämtliche Gewinne über ausländische Töchter zu kanalisieren und im Lande dadurch Verluste zur Steuervermeidung zu produzieren, gehört ein Riegel vorgeschoben.

Eine Wirtschaft, die sich brüstet, weltweit führend zu sein, aber nicht auf Hilfen vom Staat verzichten möchte, blamiert sich selbst und verzerrt den Wettbewerb. Steuern sollen von oben nach unten fließen, nicht umgekehrt.

Es gibt Ausnahmen, keine Frage. Für klar definierte Perioden können neue, wünschenswerte Technologien gefördert werden (Solar, Katalysator, Umstellung auf biologische Produktion). Wenn die Technologien danach keine Marktreife in Form von Rentabilität ohne Subvention erreicht haben, müssen sie sich selbst überlassen werden.

Ebenso kann es Auslauf-Subventionen geben, die zur Abwicklung sterbender Industriezweige eingesetzt werden. Aber auch hier müssen enge Grenzen gesetzt werden, um eine Verlängerung der Verlustphase mit Steuergeldern zu vermeiden.

Das gilt übrigens nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Agrarwirtschaft. Es kann nicht sein, dass sich die bäuerliche Planung nach EU-Fördertöpfen richtet, dass Geld für die Nicht-Produktion fließt und dass günstige Supermarktpreise mit Steuergeldern bezahlt werden.

Zu viele Bereiche sind durch Einmischung (ob gewünscht oder erzwungen) der Regierung abhängig, verzerrt, aufgebläht. Hier muss es wieder zu einer klareren Trennung von Politik und Wirtschaft kommen.

Ander als bei…

Nicht auf die Vernunft der Verbraucher setzen

Ich bin durchaus der Meinung, dass der Markt vieles regelt, und das nicht mal schlecht. Allerdings ist auch nicht zu bestreiten, dass durch Unwissen und Trägheit viele notwendige Fortschritte nicht in die Gänge kommen. Und darum würde ich mir (nicht zum ersten Mal) an solchen Punkten eine stärkere lenkende Hand des Staates wünschen.

Klar ist das ein zweischneidiges Schwert: Die Einführung der Mülltrennung halte ich generell für gelungen, die Einführung der Energiesparlampe allerdings für einen Witz. Vorschriften zur energetischen Sanierung sind nötig – der momentane Zwang zur Außendämmung scheint sich allerdings als Bumerang heraus zu stellen.

Trotzdem: Manchmal muss man den Menschen zu seinem Glück zwingen – oder eben zur Vernunft. Darum empfehle ich die Einsetzung einer Expertenkommission aus Wissenschaftlern, die jährlich Vorschläge erarbeitet, was von Gesetzgeberseite aus durchgesetzt werden könnte, um Steuerzahler, Umwelt und Gewissen zu erleichtern.

So wäre es sicher keine schlechte Idee, die Verpackungsindustrie nicht mehr zur Entwicklung und Verwendung von abbaubaren Bechern und Deckeln aufzufordern, sondern zu zwingen. Ebenso kann die Menge des erlaubten Verpackungsaufwands pro Produkt festgelegt werden, damit nicht jeder Keks in drei Folien steckt. Supermärkte werden verpflichtet, nicht verkaufte (aber auch nicht verdorbene) Waren an Bedürftige abzugeben. Das müssen nicht mal einzelne Menschen sein, das gilt auch für Zoos und Tierheime.

Und wo wir gerade beim Thema sind…

Abschaffung von Tierzirkus, Einschränkung von Zoos

Ich kann Menschen nicht verstehen, die in Zirkusvorstellungen mit Tieren gehen. Die Haltung und Dressur dort ist barbarisch und basiert auf einem Verhältnis Tier/Mensch, das wir seit 100 Jahren überwunden haben sollten. Der Mensch kann sich gerne in der Manege zum Affen fürs Publikum machen, dem Affen ist das nicht zu zu muten. Aus diesem Grund befürworte ich ein komplettes Verbot von Zirkus- und Showdarbietungen mit Tieren.

Bei Zoos sehe ich das etwas anders: Diese KÖNNEN wichtige Dienste in Sachen Forschung und Artenerhalt leisten, außerdem ist es wichtig, dass Kinder auch “am lebenden Objekt” über die Wildnis lernen können. Darum fordere ich keine totale Abschaffung von Zoos, sondern deren Reduzierung auf jene Einrichtung, die strengen Maßstäben in Sachen artgerechte Haltung gerecht werden. Zoos, die diesen Maßstäben nicht gerecht werden, müssen entweder saniert oder geschlossen werden. Darüber hinaus sind Zoos verpflichtet, sich aktiv an Forschung und Lehre zu beteiligen, Kooperationen mit Universitäten einzugehen, Zuchtprogramme zu etablieren, sich mit anderen Zoos zu vernetzen, etc. Das ist in vielen Fällen schon heute so, aber eben nicht in allen.

Mir ist klar, dass dabei am Ende die Zahl der Zoos massiv reduziert wird und der sonntägliche Besuch für viele Familien erschwert – aber sorry, das verbuche ich unter Kollateralschaden im Namen der guten Sache.

Nahtlose Überleitung zu…

Privatbesitz von Tieren

Das ist ein komplexes Thema, zu dem mir viele Antworten fehlen. Es ist grausam, wie viele Tiere misshandelt werden, ausgesetzt, durch falsch verstandene Liebe völlig artfremd leben. Wer sich ein Tier anschafft, hat die Verpflichtung, damit nicht nur den eigenen, sondern auch den Bedürfnissen des Tieres nachzukommen. Leider besitzen nicht alle Menschen das Interesse und/oder die Sachkenntnis, um das zu tun.

Ich habe nur leider keine Lösung. Tierhaltung grundsätzlich kontrollieren? Dann schaffen wir ein behördliches Monster, eine landesweite Überwachung, eine Petzkultur – und treiben Menschen womöglich dazu, Tiere anonym zu entsorgen, um der Kontrolle zu entgehen.

Das Verbot von privater Tierhaltung ist in meinen Augen auch keine Lösung. Für zu viele Menschen sind Tiere wertvolle und geliebte Begleiter. Sie tun der Seele gut – und ich glaube z.B. nicht, dass Becky und Rufus lieber woanders wäre als bei uns.

Es gibt aber ein paar Sachen, die ich angehen würde, auch wenn sie das Problem nicht vollumfänglich lösen:

Sogenannte Kampfhunderassen, die von Experten definiert werden, werden abgeschafft. Ich weiß – nicht der Hund ist das Problem, sondern die Bestie am anderen Ende der Leine. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass es Rassen mit niedriger Erregungsschwelle gibt – und den Zähnen und der Muskulatur, die für das Durchbeißen von Oberschenkelknochen reichen. Wer einen Pitbull will, kann auch mit einem Terrier leben – und wer das nicht kann, ist mir suspekt. Zumal die Abschaffung der kritisierten Rassen einfach und ohne Grausamkeit möglich ist. Alle Rüden müssen kastriert werden. Der Besitz darüber hinaus ist strafbar. Dann enden diese Rassen mit der nächsten Generation, ohne auch nur ein Tier einschläfern zu müssen.

Zusätzlich muss der pervertierten Rassezucht bei Katzen und Hunden Einhalt geboten werden. Rassen, deren Zuchtmerkmale Krankheiten und körperliche Gebrechen fördern, sind zu verbieten. Katzen mit rassetypisch kaputten Beinen, Hunde mit chronischem Asthma – alles für die Show? Nicht mit mir. Es muss gesetzlich geregelt sein, dass sämtliche Zuchtvorhaben zu allererst darauf ausgerichtet sind, die Gesundheit der Tiere zu erhalten, ihre Beweglichkeit und ihre Lebenserwartung. Was danach an Farbe und Fell gewünscht wird, sei jedem selbst überlassen.

Zu guter Letzt wäre ich auch noch für ein Stigma-System: Wer als Tierquäler aufgefallen ist, bekommt einen entsprechenden Vermerk im Pass und darf künftig kein eigenes Tier mehr halten oder ohne den eigentlichen Halter führen. Züchter, Tierheime und Tierärzte sind verpflichtet,  Kunden auf diesen Vermerk zu prüfen und die Zusammenarbeit zu verweigern und schon den Versuch zu melden. Allerdings sehe ich ein, dass das auch schnell nach hinten losgehen kann – eine gesellschaftlich sanktioniert Jagd auf vermeintliche Tierquäler könnte die Folge sein.

Kundenservice

Bisher gingen die Themen ja relativ nahtlos ineinander über – damit ist jetzt Schluss!

Das Verhältnis Anbieter und Kunde ist heute oft automatisiert und gestört. Die Schuld trägt nicht nur der Handel – wer immer superbillig kaufen will, darf sich nicht wundern, wenn es bei der Betreuung hapert. Aber Auswüchse müssen (wie im Garten) zurück geschnitten werden. Da gibt es so einiges.

Zum Beispiel sehe ich nicht ein, warum das Geschäft eines einzelnen Herstellers zwar die Produkte des Herstellers anbieten kann, bei Beschwerden und Reklamationen aber renitent auf Service-Hotlines verweist. Die Entgegennahme von Beschwerden und Reklamationen sollte z.B. für Provider-Läden verpflichtend sein, da sie dem Kunden unnötigen Aufwand beim Postversand erspart.

Umgekehrt gilt: Mitarbeiter von Service-Hotlines haben dem Kunden grundsätzlich ihren Namen (oder eine Kennzahl, die eine eindeutige Zuordnung möglich macht) zu nennen und zu allen Fragen eine Fallnummer zu erstellen. Diese muss vom Unternehmen verpflichtend in eine Datenbank eingepflegt werden und jederzeit wieder abrufbar sein. Dadurch wird sichergestellt, dass er Kunde nachweisen kann, mit wem er gesprochen hat und was versprochen wurde. Ziel ist es, die Hotline nicht mehr als anonyme Sackgasse zu missbrauchen, in der Kunden in Endlosschleifen vertröstet werden.

Die Beilage von Rücksendescheinen ist verpflichtend – nicht allerdings die Erstattung der Rücksendung (das ist ja anderweitig geregelt). Es ist dem Kunden nicht zuzumuten, dass er bei Nichtgefallen erstmal rausfinden muss, wie er die Ware korrekt adressieren muss, zumal dem Versender alle Informationen (Adresse und Absender) für eine ordnungsgemäße Rücksendung bereits vorliegen.

Deutsche für Deutschland!

Zum Abschluss noch was zur Neiddebatte aus dem Bereich Nationalismus und Polemik. Damit begebe ich mich gleichzeitig auf dünnes Eis und an den Stammtisch, aber sei’s drum – ich probier’s einfach mal.

Noch in den 70ern wurden Fussballer, die bei ausländischen Vereinen kickten, nicht in die Nationalelf genommen. Das war eine Frage des Nationalstolzes. Wer sein Geld im Ausland verdient, braucht nicht für die Heimat anzutreten. Dass das nicht mehr so ist, finde ich angesichts der Internationalisierung des Sports durchaus richtig und verständlich.

Aber es gibt genug andere Beispiele. All die Rennfahrer und Tennisspieler, die in den Ranglisten mit schwarzrotgoldenen Fähnchen angezeigt werden, obwohl sie sich in Monaco oder auf Ibiza die Sonne auf den Bauch brennen lassen. Die Moderatoren. Die Schlagersänger. Die Manager. Daheim verdienen, woanders (günstig) versteuern – aber in Interviews die Schönheiten der Heimat preisen.

Man kann niemandem verbieten, da zu wohnen, wo es für ihn am günstigsten ist. Man kann aber durchaus die Besteuerung der Arbeit an den Arbeitsplatz koppeln. Wer in Monaco seine Steuern zahlen möchte, der soll bitteschön für Monaco den Schläger schwingen. Wer in Belgien seine Steuern zahlen möchte, soll bitteschön eine Karriere im belgischen Fernsehen anstreben – und nicht bei SAT.1. Was hier verdient wird, wird hier versteuert. Eine Regelung, die mir so sinnvoll und naheliegend erscheint, dass ich fast schon wieder befürchte, sie enthält einen von mir unentdeckten Denkfehler.

Klar verlieren wir dann viele unsere Helden. Boris hätte nicht “für uns” Wimbledon gewonnen, Schumi nicht “für uns” den Grand Prix. Auf diese Partydeutschen könnte ich allerdings gut verzichten.

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20
Juni 2014

Harte Männer in harten Zeiten:
“A million ways to die in the West” & “Fire & Ice”

A million ways to die in the West

a_million_ways_to_die_in_the_westSeth MacFarlane scheidet die Geister – manche finden ihn unerträglich pubertär, langweilig, overhyped und seine Serien “Family Guy” und “American Dad” sind für sie nur müde Abklatsche der “Simpsons”. Ich hingegen mag Seth. Der kann singen wie Sinatra, ist ein Atheist, kann unglaubliche viele Stimmen - und ob man seine Serien nun mag oder nicht, sie sind von relativ konstanter Qualität. MacFarlane wird nicht mit Koks auf der Toilette erwischt oder mit Lady Gaga im Fahrstuhl, der wirkt trotz seiner humorigen Ruppigkeit sympathisch und “down to earth”. Mit “Ted” hat er zudem die Nachfolge der Farrelly-Brüder angetreten und (hoffentlich/endlich) die Apatow-Ära beendet.

Darum schmerzt es mich umso mehr, dass ich seinen neuen Film, die Western-Parodie “A million ways to die in the West”, so in den Boden treten muss. Hier werden mit viel Aufwand und Starpower die Klischees der John Ford-Pferdeopern durch den Kakao gezogen – und es wirkt wie eine überlange Rohversion eines TV-Sketchs, den auf Länge und Pointe zu bringen man vergessen hat.

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Die Charaktere haben keinerlei Background (mit Ausnahme von Anna, die ihn aber auch nur am Ende des dritten Akts pflichtschuldig erzählt), viele Figuren sind nur ermüdendes Füllmaterial (Giovanni Ribisi und Sarah Silverman haben wirklich gar keine Funktion), unzählige Szenen verlaufen im Sande, weil sie nichts zum Fortkommen der Handlung beitragen. Ein Gefühl echter Bedrohung (oder im Fall von Andrew und Anna: echter Romantik) kommt nie auf und das Ende mag zwar pfiffig sein, dramaturgisch ist es aber ein Blindgänger. Kurzum: Das gesamte Gerüst, an dem MacFarlane seine Gags aufhängt, trägt nicht. Und bei einer Kino-Komödie mit beträchtlicher Laufzeit ist das ein echtes Problem.

Es ist auch erstaunlich, wie wenig sich die Stars einbringen. Charlize Theron wirkt steif, Liam Neeson gelangweilt – und MacFarlane als Leading Man völlig überfordert.

Mit dem richtigen Bierpegel mag man sich über einige der rüderen Scherze amüsieren können, es gibt zwei grandiose Cameos, und der Faux-Western-Soundtrack ist großartig, aber in toto ist “A million ways to die in the West” schwachbrüstig und ohne jede Existenzberechtigung.

Der Trailer ist eigentlich ein prima “gag reel”, nachdem man sich den restlichen Film getrost schenken kann:

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Fire and Ice

fire_and_ice-movie-poster-frank-frazettaAhhh, den wollte ich sehen, seit ich Anfang der 80er vor dem Plakat im Kino gestanden habe. Es war die Zeit von “Conan” und seinen unzähligen Ripoffs, eine Zeichentrickvariante schien mir ungeheuer spannend, denn da konnte man schließlich Schlachten und Effekte zeigen, die für den Realfilm noch unerreichbar waren. Durfte ich aber damals nicht rein, war ab 16.

In den folgenden Jahren war es primär eine vernichtende Kritik im SF- oder Fantasy-Lexikon, die mich abhielt, mir die Kassette auszuleihen. Mittlerweile sehe ich die Wertungen von Hahn und Jensen allerdings kritisch und hole so manchen Streifen nach, den sie mir ausgeredet haben. Diese Woche: “Fire and Ice”.

Die Story ist so rudimentär wie die damaligen Atari VCS-Spiele: Die Bösen vom Eisreich (mit Hauptsitz Icepeak) wollen die Guten vom Feuerreich (mit Hauptsitz Firekeep) unterwerfen. Der böse Nekron nutzt Magie, der gute Larn spaltet Gegnern lieber mit der Axt den Schädel. Zwischendrin permanent in Gefahr und als Preis winkend: Prinzessin Teegra im Porno-Bikini.

Das klingt ein bisschen nach “Star Wars”, ist in seiner tumben, grunzenden Debilität aber deutlich näher an “Star Crash”. Mögen die Hintergründe auch bunt und die Figuren auch gut animiert sein – inhaltlich bleibt alles Skizze, die Figuren werden in der erstaunlich vagen und langweiligen Fantasywelt ein wenig hin- und hergeschoben, bis sie genügend “experience points” haben, um den Bösen Nekron zu besiegen.

Besonders nervt “Darkwolf”, eine krude deus ex machina-Figur, die immer zur Stelle ist, wenn Larn mal wieder nichts auf die Reihe bekommt. Dieser Urzeit-Batman ist derart willkürlich in die Handlung getackert, dass wir seinen Namen nur aus den Credits erfahren.

Hahn und Jensen regten sich in ihrem Buch in den 80ern außerdem massiv über den Sexismus des Films auf, der die Prinzessin als billiges Fleisch charakterisiert. Ich war darauf vorbereitet, diesen Aspekt als spießige Reaktion auf typischen Hollywood-Tease abzutun, aber in der Tat – Teegras gesamte Rolle beschränkt sich darauf, so herum zu laufen und zu posen:

fire and ice

Die Figur ist eine Masturbationsvorlage für Corben-Fans, nicht mehr. Darüber hinaus spielt “Fire and Ice” auch unangenehm mit faschistischen, sadomasochistischen und homoerotischen Elementen, die zur Boom-Zeit des Schwermetall-Magazins allerdings Standard waren.

Mögen die Designs auch von Frank Frazetta sein, die zeichnerische Qualität ist dürftig, viele Hintergründe wirken fahrig hingeschludert, die Animation von Eis und Feuer schafft nicht mal TV-Niveau. Klar, das Rotoscoping der Figuren ist filmhistorisch interessant als analoge Version des Motion Tracking, aber wirklich raus reißen kann es den Film auch nicht.

Schlimm genug: Als “Fire and Ice” in den US-Kinos floppte, war auf den TV-Bildschirmen der Nation “He-Man” schon erheblich weiter. Ob man den Muskelspacken von Eternia mag oder nicht – er belebte mit seinen schrägen Figuren wenigstens ein aufregendes Universum. “Fire and Ice” scheint in einem statischen Frazetta-Bild gefangen zu sein, bewegt sich nie über die Vorgaben des Rahmens hinaus: Bösewicht, Held, Schlampe, Schwerter, zwei Schlösser im Hintergrund. Das muss reichen. Es reicht aber nicht.

Dieser Trailer lässt den Film deutlich stringenter und plotlastiger aussehen, als er ist – hier hören wir auch das einzige Mal den Namen Darkwolf:

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Juni 2014

Unkenrufe aus der Wortvogel-Steinzeit

Acht Jahre ist dieses Blog nun schon alt. In Menschenjahren entspricht das 105. Mindestens. Viel verändert hat sich nicht. Ich schreibe nicht mehr so viel über die BILD, Mini-News landen nun eher bei Facebook, aber die Themen und die Schreibe sind, was sie immer waren – Geschmackssache.

Manche Aufreger, Dossiers und Kommentarschlachten sind so lange her, dass ich mich selber einlesen muss, wenn sie plötzlich wieder thematisiert werden. Dabei ist es nicht so, dass ich frühere Kontrahenten aus den Augen verliere. Es gehört zu meinen Gewohnheiten, durchschnittlich alle sechs Monate mal wieder zu googeln, was die von mir vorgeführten Schaumschläger so machen. Das kann mein Troll Benduhn sein, der weiterhin unter Pseudonym in Diskussionen grätscht, seine belästigenden Aktionen aber weithin eingestellt hat. Oder Bernd P. “Ich BIN die Astro-Saga!”-Kammermeier, der immer noch nicht auf die Idee gekommen ist, sich Astro-Saga.de oder wenigstens Panasensor.de zu sichern. Crazy Katusin hat (man glaubt es kaum) wieder mal einen “Hollywood-Film” in der Röhre – wo er mit Sicherheit auch bleiben wird.

Und dann ist da Ha. A. Mehler, Gegenstand meiner allerersten kritischen Recherchen als Wortvogel. Oktober 2006 war das. Lohnt immer noch die Lektüre – auch wegen der bezaubernden Sockenpuppen, die in den Kommentaren auftauchten. Mehler war auch der erste, der mich erfolglos zu diskreditieren versuchte (was bei seinem Scientology-Background fast schon erwartbar war). Ein “Bestseller-Autor” ohne Bestseller, dessen Ratgeber zum (erfolg)reich werden kaum den Nährwert von Glückskeksen besitzen.

Ich weiß nicht, wie ich drauf kam, den Mann dieser Tage mal wieder zu googeln. Zuletzt hatte ich das vor drei oder vier Jahren gemacht, als Mehler über eine Webseite wieder mal seine “Geheimnisse, wie man Bestseller schreibt” an den Mann bringen wollte. Für jemanden, der sich als essentieller Zuträger des Weltkulturerbes sieht, wirkte das alles eher mühselig.

Nun gut, Mehler ist aber wieder da und 2014 ist anscheinend ein sehr produktives Jahr - er verrät weiterhin sämtliche “tricks of the trade”, die er augenscheinlich selber nicht beherzigt:

“Wie sie eine wirklich spannende Geschichte schreiben, von der sich der Leser nicht losreissen kann:: Die 5 notwendigen Bestandteile einer guten Geschichte”

“Wie schreibe ich einen Bestseller: Geheimnisse, Techniken und Erfolgsformeln von Bestseller-Autoren”

“Das Geheimnis der Kreativität – Welche Techniken Ihre Phantasie auf ein völlig neues Niveau heben, so dass Sie explodieren vor guten Ideen”

Alle diese Bücher zeichnen sich durch 10-15 verdächtig ähnlich klingende 5 Sterne-Bewertungen aus, die nur selten von deutlich authentischer klingenden Negativkritiken kontrastiert werden. Basierend auf meinen Erfahrungen mit “Wie schreibe ich einen Bestseller” scheint mit dieser Kommentar sehr exemplarisch:

Ratgeber, wie man Bestseller schreibt, von Leuten, die noch nicht einmal in die Nähe eines Bestseller gekommen sind, können per se nur eins sein: der Versuch, mit Chuzpe und Wortgeklingel den Leuten einzureden, die Kompetenz zu haben, ebendieses “geheime” Wissen zu vermitteln, das es braucht, um Bestseller zu verfassen.

Mehler kann mich nicht einmal in der Leseprobe davon überzeugen, weiterlesen zu wollen, weil seine literarische Pose von Eitelkeit und Bauchnabelschau verkleistert ist, sein Blick reicht nicht über seine Grundkenntnisse hinaus, und die wenigen Hard-Facts, die man herauslesen kann, findet man auf jedem beliebigen Literaturforum – und das sind nur die no-na-ned-Erkenntnisse. Diese werden in seinem Ratgeber von jeder Menge strohiger Selbstreferenz und proffesoralem Gehabe umfasst.

Mehler benutzt zur Illustration seiner banalen Erkenntnisse ebenso banale Textwerke, die er selbst verfasste. Damit umschifft er halbwegs elegant die Klippe, anhand eines wirklich guten Textes sein analytisches Scheitern darzustellen. Die verwendeten “Novellen” sind geschwätzig, unelegant, langweilig, marktschreierisch und aufsatzhaft verfasst. Mich erschreckt, das Mehler über keinerlei erkennbare Selbstkritik verfügt und dieses Buch augenscheinlich nur verfasst hat, um sich als “Wissender”, als “Kenner der Materie” in Szene zu setzen. Das Endergebnis ist lachhaft, eine Stümperei sondergleichen, die schon in der Leseprobe so abschreckend ist, dass ich dankbar bin, wirklich dankbar, dass es eine Leseprobe-Funktion gibt.

Jau, so kennen wir ihn, den Mehler.

Aber das ist nicht Grund genug, die Geschichte hier noch mal aufzuwärmen. Neben seinen Sachbüchern verhökert Mehler nämlich noch diverse Romane für 99 Cent als Ebooks. Strategisch mag das ein Fehler sein, kann man angesichts der Vorschau-Funktion damit doch selber mal schauen, was es mit der “literary prowess” des Bestsellerautors auf sich hat.

So beginnt sein Roman “Der falsche Pharao” mit diesen zwei Sätzen:

Er befand sich tief im Innern der Pyramide – an einer Stelle, die noch nie jemand zu betreten gewagt hatte. Er befand sich in den Eingeweiden des riesigen Bauwerks, in unterirdischen Gängen, die absolut tabu waren.

Und wenn ihr euch jetzt am Kopf kratzt und murmelt “Das ist doch zweimal der gleiche Satz – nur anders formuliert”, dann habt ihr schon mehr schriftstellerischen Sachverstand als Ha. A. Mehler.

Selbst darüber müsste ich nicht schreiben. Schlechte Bücher gibt es wahrlich genug, und Schaumschläger auch. Aber mir ist wieder etwas aufgefallen, das nach Beschiss riecht, nach genau der Sorte Manipulation, die ich Mehler locker zutraue. Dabei geht es um die lobenden Kritiken, die als redaktioneller Begleittext zu den Büchern eingestellt wurde.

Beim “Falschen Pharao”:

„Ich habe den Roman in einem Atemzug gelesen und verschlungen und konnte einfach nicht aufhören.“ 
- Tanja auf ihrem Blog. 

„Das Ende ist der Hammer! Alles hätte ich erwartet, aber nicht das!“ 
- Ernst H., Probeleser 

„Ein Roman erster Güteklasse, der aber plötzlich vollständig umschlägt und in Gefilde führt, die alle Vorstellungen sprengen.“ 
- Jürgen P. auf Facebook 

Bei “Der Para-Spion”:

“Unglaublich spannend und mal etwas ganz anderes! Wer da nicht mitfiebert… dem ist auch nicht mehr zu helfen.”
- Theo W. auf seinem Blog

“Ich hoffe sehr es gibt eine Fortsetzung. Eine geniale Geschichte die seinesgleichen sucht. Abend für Abend bin ich in dem Buch versunken – und es war leider viel zu schnell vorbei.”
- Tine Walz, Probeleserin

“Ich will nicht zu viel verraten – aber das Ende ist der absolute Hammer! Leute, lest dieses Buch! Absolute Kaufempfehlung…” -
- Nico S. auf Facebook

Bei “Ein bizarres Geschäft”:

“Spannend bis zum Ende und ein genialer Mix aus fiktiver Geschichte und psychologischer Studie. Kann man einfach nur empfehlen!”
- Esther Müller 


“Ein krasses Szenario – man will sich gar nicht vorstellen was aus der Welt wird wenn das eines Tages zur Realität wird. In diesem Buch kriegt man einen kleinen Vorgeschmack. Unheimlich aber doch unglaublich spannend.”
- Florian Manner, Probeleser 


“Das Buch hat mich regelrecht in seinen Bann gezogen. Eine toll geschriebene, aufkratzende Geschichte mit ein klein bisschen Gesellschaftskritik.”
- Brian N. auf Facebook 

Na, gemerkt? Immer die gleichen Lobeshymnen, immer Blog, Probeleser, Facebook. Und nun ratet mal, was man findet, wenn man diese Preisungen auf Facebook oder per Google auf Blogs sucht? Nix. Nada. Nüscht.

Augenscheinlich erfindet Mehler seine begeisterte Klientel wie Katusin seine Facebook-Freunde. Er macht es noch dazu so offensichtlich, dass man schon ziemlich verballert sein muss, ihm nicht sofort darauf zu kommen.

Tricksen, täuschen, tarnen – das ist Marketing ganz aus der Hubbard-Schule. So, wie es aussieht, hat Mehler vor allem seinen eigenen “Bestseller” von 1990 nicht gelesen: “Wie finde ich einen Verleger”.

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Juni 2014

Die sporadischen Abenteuer von Becky & Rufus (1)

Ich habe in den letzten vier Wochen auf Facebook immer mal kleinere Nachrichten unserer Katzen vermeldet und finde es angebracht, die Leserschaft des Wortvogels jetzt mal offiziell aufzuklären und einzubinden.

Die Entscheidung, neue Katzen anzuschaffen, haben wir uns nicht leicht gemacht. Nach dem Glück, aber letztlich auch der Trauer in Sachen Abby wollten wir erstmal für uns bleiben. Dann stand fest: Wenn eine Katze, dann zwei Katzen. Die sollen schließlich auch Gesellschaft haben, wenn wir mal nicht in der Wohnung sind. Und schließlich: Katzen aus Zucht, mit Stammbaum. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil wir aus verständlichen Gründen diesmal Krankheiten so weit wie möglich ausschließen wollten.

Bei einer sehr netten Züchterin meldeten wir uns daher für zwei Thai-Geschwisterchen an und die Freude war groß, als am 27.1.2014 fünf gesunde Scheißerchen geboren wurde. Auf die Frage, welche beiden wir denn haben wollten, antworteten wir: “Egal, Hauptsache, die kommen gut miteinander aus.”

Cats 1

Um Diskussionen wegen der Namen zu vermeiden, beschlossen wir eine faire Aufteilung: Die LvA würde alle Weibchen taufen, ich alle Männchen. Nach ein paar Wochen schlug uns die Züchterin einen Jungen und ein Mädchen vor, die (der Titel des Beitrags verrät es) nun Becky und Rufus heißen.

Wir wollten absichtlich vorher nicht zuviel über unsere neuen Wohnungsgenossen wissen, die Auswahl sollte eher zufällig sein. Die Züchterin schrieb lediglich, dass der Kater gerade albern schmusig sei und sich am liebsten den ganzen Tag rumschleppen ließe. Nun, das war mir durchaus recht.

Mit drei Monaten verblieben unsere Kätzchen ausreichend lang im Familienverbund, um sozial stabil aufzuwachsen. Sie sind laute Geräusche gewöhnt, stubenrein und zutraulich.

Vor ungefähr einem Monat fuhren wir dann Braunschweig. Aus den hilflosen Babys waren mittlerweile die hier geworden:

Cats 2Rufus schmiss sich sofort an uns ran, ganz Charmeur und Kuschelschlampe. Er schlief gleich mal demonstrativ auf meinem Arm ein. Becky zeigte sich distanzierter, musste erst aus einem Regal gepflückt werden, um die Kontaktaufnahme zu ermöglichen.

Wir packten die beiden nach einer Viertelstunde Knuddelei erst in Abbys große Reisebox, dann in den Wagen. Doch die dreistündige Fahrt erwies sich schon nach 10 Minuten als zu aufregend. Besonders Rufus plärrte am laufenden Band. Das war ihm alles zu unheimlich. Also setzte sich Britta auf den Rücksitz und holt die Kleinen abwechselnd aus der Box, um sie zu streicheln und zu beruhigen. Das war schon besser.

Bei einem Tankstellenaufenthalt ließ ich Rufus sogar ein paar Minuten autonom durch das Auto stromern. Besonders begeistert sah er allerdings nicht aus:

Cats 3Wir waren froh, als der Stress für die beiden Katzen vorbei war und wir sie in Speyer in der Wohnung rauslassen konnten. Das gefiel ihnen dann auch prompt sehr gut, sie schlenderten interessiert umher, begutachteten die Toilette ebenso wie den frisch gefüllten Napf. Unser Herz ging auf, als beide dann aufs Sofa sprangen – direkt auf Abbys Lieblingsdecke. Dort schliefen sie erschöpft ein.

Es gibt in unserem Haus ein paar Regeln. Das Schlafzimmer und das Bügelzimmer sind tabu für die Katzen. Gerade weil ich die Tendenz zu einer Fellallergie habe, muss ich nachts meinen Schleimhäuten Entspannung gönnen. Was runterfällt und kaputt geht, ist halt kaputt. Da können Katzen nichts für. Von den Gardinen sollen sie allerdings ebenso weg bleiben wie vom Esstisch, wenn wir essen. Das klappt soweit auch ganz gut.

Da ich den Tag über oft zu Hause bin und arbeite, verbringe ich natürlich mehr Bruttozeit mit den Katzen. Das erlaubt mir, die Charaktere unserer Butzelchen etwas genauer zu beobachten.

Rufus (ein heller chocolate point wie der Papa) ist ein Haudegen, furchtlos und strahlend, so eine Art Errol Flynn auf vier Beinen. Er ist deutlich größer als sein Schwesterchen, hat sehr muskulöse Hinterbeine und einen O-Gang, was die LvA dazu veranlasste, ihm den Spitznamen “Littbarski” zu geben. Wenn ich mit dem Macbook auf dem Sofa hocke, sitzt Rufus eigentlich immer daneben und drängelt sich so stark wie möglich an mich ran. Das macht ihn glücklich:

Cats 4

Bei seinem Mensch zu sein, das ist für ihn das Höchste. Er hat auch voll raus, wie das mit der Schnurrerei geht – man schnurrt nicht, wenn man gestreichelt wird, sondern man schnurrt, um gestreichelt zu werden. Man braucht Rufus nur einmal freundlich anzuschauen und schon wirft er den Motor an.

Andererseits ist Rufus nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen. Er besitzt weder die Eleganz noch die Intelligenz seiner Schwester. Becky (eine dunkle seal point wie die Mama) ist nämlich, den Geschlechterrollen fast erschreckend angepasst, ganz Dame. Zierlich, kleiner als der Bruder, deutlich vorsichtiger, wenn Entscheidungen anstehen (rein? raus? hoch? runter?). Sie lässt sich auch gerne streicheln, aber nur dann, wenn sie sowieso müde ist und sich hinlegt. Sie ist gerne um Menschen, klebt aber nicht an ihnen. Distanz ist für sie eine Währung, die sie sorgsam einsetzt.

Becky und Rufus können hervorragend miteinander. Sie machen eigentlich alles zusammen. Immer in Sichtweise, wird sofort gemaunzt, wenn der direkte Kontakt abreißt. Man frisst gemeinsam, spielt gemeinsam, schläft gemeinsam. Gegenseitige Fellpflege wird ausgiebig und liebevoll wahrgenommen. Man hat das Gefühl, Rufus würde für seine Schwester eine Kugel abfangen – und sie betet ihn dafür vorbehaltlos an.

In den letzten vier Wochen haben wir ungefähr zwei Dutzend verschiedene Sorten Nassfutter getestet – und festgestellt, dass die beiden am liebsten Trockenfutter fressen. Nachts lassen sie uns in Ruhe, wobei “nachts” ihrer Meinung nach um spätestens 6 Uhr aufhört – dann beginnt das große Morgenkonzert für zwei Stimmen vor der Schlafzimmertür mit dem prächtigen Chor “Wir wollen Spass, Spass, SPASS und Futter woll’n wir auch, Futter woll’n wir auch – jawoll! (Poopie wegmachen wär’ nicht schlecht)”.

Bezaubernd anzusehen sind die beiden hauptsächlichen Betriebsmodi unserer Katzen: Keile und Koma. Keile heißt, dass sie wie angestochen durch die Wohnung jagen, sich gegenseitig überfallen und wirklich gar keine Rücksicht kennen. UFC – Ultimate Fighting Cats. Das passiert meistens zweimal am Tag und dauert gewöhnlich eine knappe halbe Stunde.

Die Keile geht nahtlos ins Koma über. Die Katzen fallen einfach um. Dann könnten auch gebratene Hühnerstückchen um sie herum tanzen – egal. Poofen ist wichtiger. Und träumen. Beide strampeln und schmatzen gerne mal im Schlaf.

Neben Keile und Koma scheint “wachsen” ihr größtes Hobby zu sein. Mit vier Monaten sind die beiden schon erstaunlich groß, Rufus bringt über zwei Kilo auf die Waage. Hübsch gucken und harmlos tun, das können sie prima:

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Soviel also zur offiziellen Vorstellung. In den nächsten Monaten werde ich ab und an berichten, wie es mit den beiden weitergeht.

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Juni 2014

What I watch: Kino-Kurzkritiken

Ich habe viel aufzuarbeiten. Leider nehmen auch die anderen Aspekte meines Lebens (Lover – Fighter – Catpoopshoveller) viel Raum ein, darum fasse ich mich zu den Bereichen Kino, TV und Dokumentation (hoffentlich) ungewohnt kurz.

Astronaut – The last Push

The-Last-Push-Feature

Eine Zwei-Mann-Mission zu den Jupiter-Monden geht schon kurz nach dem Start schief – und sogar der Abbruch wird Jahre dauern und von täglicher mühsamer Kabelpfriemelei geprägt sein. Was geschieht mit einem Mann, der allein in einer Konservendose hockt und monatelang seine recycelten Fäkalien essen muss?

Ein spröder Streifen, der bewusst die Langeweile in der Kapsel in die Dramaturgie übernimmt und teilweise minutenlang nur sprachlosen Frust illustriert. Um der Authentizität willen bleibt der Astronaut eine Chiffre, ein Befehlsempfänger, der mühsam versucht, nicht aus Angst, Ödnis oder Wut wahnsinnig zu werden. Nach einem gemächlichen Beginn entwickelt “Astronaut” dabei tatsächlich eine erstaunliche Sogwirkung – auch wenn das Ende vergleichsweise vorhersehbar ist.

Beeindruckt hat mich vor allem die spartanische Produktion – eine Kapsel, ein bisschen CGI. Das erinnert an den alten Spruch “Ein Kilo Blech, ein Töpfchen Lack, fertig ist der Hanomag”. Hier wurde aus SEHR wenig Geld SEHR viel Film gepresst. Dazu gehört auch, Lance Henriken drei, vier Szenen in die Kamera sprechen zu lassen – das hat vielleicht 5000 Dollar gekostet, sichert aber die internationale Vermarktung. Respekt.

Gravity” ohne das Remmidemmi oder “Europa Report” ohne den letzten Akt oder “Dark Star” ohne den Humor oder “Operation Ganymed” als Low Budget-Independentfilm. Sicher kein Crowdpleaser, aber für die Fans wissenschaftlich orientierter SF ein lohnenswerter Abend.

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 The Stunt Man

The Stunt Man Quad

Der flüchtige Verbrecher Cameron kommt als Stuntman in einer Filmproduktion unter und läuft Gefahr, sich in der Traumwelt vor und hinter der Kamera zu verlieren – während der scheinbar allmächtige Regisseur Eli zynisch die Strippen zieht.

So eine Art kleiner Klassiker, den ich schon seit Jahren auf dem Zettel hatte. Bei einer Zugfahrt kam ich nun endlich dazu. Und es hat sich mehr als gelohnt: “Der lange Tod des Stuntman Cameron” (so er deutsche Titel) ist eine echte Entdeckung. Ein so zynischer wie anrührender Film über Masken und Kulissen, der die ganze Bandbreite von Slapstick bis Drama bedient und in der Konfrontation des Urmenschen Cameron mit dem Übermenschen Eli ein erstaunlich potentes Duell findet. Vielschichtig, witzig, rasant, monströs, mit einem genauen Auge für die Eitelkeiten Hollywoods, gestützt von zwei großartigen, wenn auch nicht überraschend großartigen Performances.

Jedem Filmfan ans Herz gelegt, zumal die Entstehung des Film nicht weniger bizarr war als der Plot selbst und eine eigene spielfilmlange Dokumentation zur Folge hatte – “The Sinister Saga: The Making of The Stunt Man”:

It took almost 10 years for director Richard Rush to get his adaptation of Paul Brodeur’s novel The Stunt Man made, and in spite of successful preview runs, glowing reviews from influential critics, and recognition from festivals and award shows, the film became a well-remembered, little-seen cult item. Richard Rush’s two-hour documentary The Sinister Saga Of Making The Stunt Man details the filmmaker’s joy in creating the movie and his travails in securing its release. What it hints at but doesn’t fully explain is how the movie and its director fell into obscurity, becoming a cautionary tale for the mavericks who dominated ’70s cinema. When critics hailed The Stunt Man as the first great movie of the ’80s, they had no way of knowing it would actually be the last great movie of the ’70s.

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Computer Chess

Computer-Chess-Poster

Verschiedene Gruppen von Computer-Nerds treffen sich (in den frühen 80ern?) zu einer Konferenz, um ihre Schachprogramme gegeneinander antreten zu lassen. Eine Video-Crew dokumentiert weniger die Spiele, dafür die Eitelkeiten, Eifersüchteleien und unterschiedlichen Motivationen der Beteiligten.

Eine hochgelobte Pseudo-Dokumentation aus der Frühzeit der Computer-Ära, die durchaus Look & Feel von Floppy & Fortran trifft und zumindest technisch nur in der Hinsicht patzt, dass das schwarzweiße Videomaterial zu clean und letztlich doch gegenwärtig wirkt.

In der Tat gibt es einige brillante, so schwarzhumorige wie gut beobachtete Szenen, die den Schweißgeruch der ausgelaufenen 70er noch am Polyester kleben haben. Kleine Vignetten mit schmerzhaft authentischen Dialogen, die heute wie aus einer anderen Welt klingen – aber damals absolut gängig waren.

Darüber hinaus hat mich “Computer Chess” kalt gelassen. Es ist ein Film ohne Fokus, dessen Handlungsstränge am Ende keine Handlung ergeben, der zwar die Unterschiede seiner Figuren herausarbeitet, daraus aber keinen Konflikt baut. Er ist zu offensichtlich keine echte Doku – und zu offensichtlich kein echter Spielfilm. Das beeindruckt als “proof of concept”, bräuchte aber eine stärkere Dramaturgie, um die doch nicht geringe Laufzeit spannender zu gestalten.

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 Monkey Business

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Zur Abwechslung mal wieder ein “echter” Klassiker – eine legendäre Hollywood-Screwball-Komödie von einem Regie-Titanen aus der Feder dreier Drehbuch-Titanen. Cary Grant, der perfekte Hollywood-Gentleman, darf endlich mal wieder den gepflegten Trottel geben, sich zwischen fleischlicher Versuchung Marilyn und ehelichem Anstand Ginger entscheiden. Ein Affenzirkus.

Ich bin kein Nostalgiker. Ich erkenne durchaus an, dass viele Filme aus Hollywoods goldener Ära nicht gut gealtert sind, heute langsam und (angesichts des damals noch eher groben Analogschnitts) seltsam stotternd wirken. Was Flow, Struktur und die Einbindung von Nebenplots angeht, hat sich die Industrie unbestreitbar weiterentwickelt.

Das macht es umso interessanter, wenn ein Film auch nach über 60 Jahren immer noch unerhört frisch wirkt, temporeich und frech. “Monkey Business” arbeitet praktisch ohne Fett, rast förmlich in die Story, reiht Gag an Gag – und hält sich auch nicht mit einem übermäßig emotionalen Ende auf. Rogers, Grant und die Monroe sind perfekt aufeinander abgestimmt, spielen sich selbst und dabei doch mit den Klischees ihrer Traumfabrik-Identitäten. Ich finde es hier noch auffälliger zu sehen als z.B. in “Das verflixte 7. Jahr”, was die Monroe zur Sexgöttin des Jahrhunderts machte. Ihrer Ausstrahlung kann man sich auch heute noch kaum entziehen – und was ihr an zweideutigen Dialogen in den Mund gelegt wird, ist erfreulich anzüglich. Man konnte damals “dank” des Hays Code vielleicht praktisch nichts zeigen, aber sehr viel andeuten…

Immer und immer wieder sehenswert!

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 Anchorman 2

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Ich bin ein Fan von “Anchorman: The Legend of Ron Burgundy” – einfach weil das Konzept so bezaubernd schräg ist. Eine Komödie über die aufgeblasenen News-Macher der 70er zu drehen, darauf muss man erstmal kommen. Der ganze Film wirkt wie das Ergebnis eines bekifften Wochenend-Brainstormings der aktuellen Comedy-Elite, ein perfekter “Saturday Night Live”-Sketch, der Will Ferrell erst eingefallen ist, nachdem er bei “Saturday Night Live” schon draußen war.

Nur leider werden manche Witze nicht besser, wenn man sie zweimal erzählt. “Ron Burgundy” hatte schon mit den ersten beiden Filmen (Film 1 gibt es ja in zwei sehr verschiedenen Versionen) sein Potenzial verschossen. Ihn noch einmal auszubuddeln und als 70er-Relikt in die 80er zu schicken, entpuppt sich im Nachhinein als Fehler. “Anchorman 2″ ist eine Sammlung an mehr oder weniger erwartbaren, oft aus dem Vorgänger recycelten “Shticks”, die den Mangel an Ideen durch noch krassere Überzeichnung der Figuren wettzumachen sucht – bis sie endgültig Karikaturen sind, an die wir nicht mehr andocken können. Ein, zwei gute Szenen können nicht übertünchen, dass hier nur blind Punchlines in den Topf geworfen und verrührt wurden.

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 Mister Dynamit

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Ahhh, der Wortvogel gönnt sich was. Als alter Lex Barker-Fan, der das “Mister Dynamit”-Plakat im Wohnzimmer hängen hat, wollte ich diese Adaption der bekannten Romanserie von C.H. Guenter immer schon mal sehen. Leider ist sie extrem schwer zu kriegen. Der Film war seinerzeit ein Flop, wurde (nach meinen Recherchen) nur Anfang der 70er einmal im Fernsehen ausgestrahlt und auch nur einmal (in Kleinstauflage) auf Kassette veröffentlicht. Vor zehn Jahren ergatterte ich eine US-Fassung mit dem Titel “Spy today die tomorrow” (auch “Die slowly you’ll enjoy it more”), die aber derart mies kopiert war, dass sich daraus praktisch keine Aussagen über den Film treffen ließen. Erst von zwei Monaten bekam ich eine deutsche Version in brauchbarer Qualität in die Hände.

Wie die meisten 60er-Spionagefilme, die sich an James Bond ranhängen wollten, ist “Mister Dynamit” fest dem Kolportage-Krimi seiner Zeit verbunden. Es geht nicht um Handlung, es geht um Aktion, es geht nicht um ein dramaturgisches Vorankommen, sondern um den Wechsel von exotischen Schauplätzen. Hier einen Handlanger erschießen, da eine Bikinischönheit küssen – der Bösewicht spielt mit einer elektrischen Eisenbahn. Drollig.

Leider ist “Mister Dynamit” selbst in seinem reduziert anspruchsvollen Subgenre nur B-Ware, das Geld für wirkliche Schauwerte fehlte augenscheinlich, die ganze Produktion wirkt hastig zusammen gestoppelt. Kein Vergleich zu den überlegenen “Kommissar X”-Filmen und eine Schande vor allem deshalb, weil Lex Barker eigentlich prädestiniert gewesen wäre, in einer eigenen Reihe den erfolgreichen Agenten zu geben. Hätte er in den Jahren zuvor nicht als Euro-Darsteller die Karriere fest im B-Bereich verankert, hätte ihm der Smoking Sean Connerys deutlich besser gepasst als George Lazenby oder Roger Moore.

Was “Mister Dynamit” allerdings bei allen Schwächen auszeichnet, ist ein exzellenter Twist im Finale, den ich nicht habe kommen sehen und der vielen Actionkonventionen eine lange Nase dreht.

Kein Trailer, leider – nur eine einzelne Szene:

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30
Mai 2014

Der Kunde ist Kacke: Von Arschlöchern umzingelt

Sorry, ich muss mal wieder Luft ablassen – in letzter Zeit häufen sich die Vorkommnisse, bei denen ich mich über Mitbürger ärgern muss, denen jegliche Sozialkompetenz abgeht.

Die Spielregeln sind nicht schwer: Man sagt “Guten Tag” und “Auf Wiedersehen” (gerne auch Varianten aus dem regionalen Dialekt), “Bitte” und “Danke”, “Entschuldigung” und “Macht nichts”. Es scheint, als würden alle diese Umgangsformen langsam ersetzt durch “was schert’s mich denn?”.

Vor zwei Wochen kam ein Techniker von Kabel Deutschland, weil im Treppenhaus unserer Wohnung ein neues Panel für die Internet-Infrastruktur eingebaut werden musste. Das Problem: Es gibt aktuell keine Leitung, die Anlage zu erden. Soll aber von einem Elektriker dieser Tage gelegt werden. Der Techniker von KD erwähnt (missgelaunt) die mangelnde Erdung, ich weise freundlich darauf hin, dass der Elektriker schon bestellt ist, um sie bereit zu stellen.

Der Techniker von KD: “Von unserem Panel lassen Sie aber die Finger. Das ist Eigentum von Kabel Deutschland.”

Ich gucke zwei, drei Sekunden ziemlich baff. Dann erlaube ich mir einen Klassiker: “Wie REDEN Sie eigentlich mit mir? Geht’s noch? Sind Sie bei der Schulung in Sachen Kundenkontakt durchgefallen?”

Er wird patzig, ich verabschiede ihn vorzeitig.

Ein paar Tage später beim Supermarkt. Der letzte Gang ganz hinten, der an der Fleischtheke endet, ist blockiert von zwei Rollwägen, weil eine Verkäuferin Waren ins Kühlregal einräumt. Alle Kunden müssen umdrehen und einen langen Umweg durch den vorherigen Gang nehmen. Das Problem: Es wäre nicht nötig, den Gang zu blockieren. Die beiden Rollwägen würden, direkt an das Kühlregal gerollt, mehr als genug Platz lassen für die Kundschaft, auf deren Geld man hier spekuliert. Sie sind nur konsequent so positioniert, dass sie ein Maximum an Blockade verursachen. Ich sehe das von der Fleischtheke aus und ohne Witz – als eine Frau AUF KRÜCKEN umdrehen muss, entscheide ich mich, einzuschreiten.

Ich gehe zu der Verkäuferin, die augenscheinlich nichts sieht, außer sich selbst und ihre Aufgabe, Rahmspinat zu stapeln: “Entschuldigung - könnten Sie vielleicht die Rollwägen beiseite schieben, damit die Kunden nicht allesamt umdrehen und durch den nächsten Gang gehen müssen?”

Sie schaut mich lange an. Dann schaut sie auf die Rollwägen. Dann schaut sie auf mich und spricht: “Ich muss hier auspacken.”

Ich lächle weiter, obwohl ich mir veralbert vorkomme: “Das ist klar und dagegen hat niemand etwas. Sie könnten aber doch die Rollwägen so platzieren, dass die Kundschaft trotzdem durchkommt, oder? Gerade musste eine Frau auf Krücken umdrehen und den Umweg gehen.”

“Habe ich nicht gesehen.”

“Auch das ist mir klar.”

Ich merke, dass sie sich in keiner Weise angesprochen oder verpflichtet fühlt. Ich winke ab und drehe mich um. Hinter mir höre ich sie murmeln: “Ich hab doch hinten keine Augen im Kopf.”

An der Fleischtheke geht es weiter. Ich warte. Und warte. Personal ist da – eine Verkäuferin räumt Wurst in die Auslage. Sie reagiert nur nicht auf mich. Zwei, drei, vier Minuten. Dann räuspere ich mich auffällig. Sie schaut auf. Ich sage (angefressen, aber höflich): “Entschuldigung, aber ich würde schon gerne mal was kaufen.”

Sie: “Ich habe Sie nicht gesehen.”

Eine lethargische Feststellung, keine Entschuldigung. Die bekomme ich auch nicht, als sie mich dann endlich bedient.

Termin beim Standesamt – steht ja langsam an. Öffnungszeiten 8.00-12.00 Uhr. Es ist 11.50 Uhr, die LvA ist extra aus der Redaktion gekommen. Die Tür ist verschlossen. Niemand reagiert. Kollege zu Tisch?

Heute zweiter Versuch. Auf der Webseite steht: Öffnungszeiten freitags 8.00-12.00 Uhr. Es ist 8.02 Uhr. Ein Schild informiert uns: “Freitags geschlossen”.

Telefonat mit der Arbeitsagentur in Düsseldorf. Ich muss eine Bestätigung für eine Mieterin abgeben. Auf dem Schreiben steht “Sprechzeiten 7.30 Uhr bis 11.30 Uhr”. Ich versuche tagelang, durchzukommen. Dann entdecke ich, dass im Adresskasten unter dem Namen der Sachbearbeiterin winzig steht “Sprechzeiten 8.00 bis 9.00 Uhr”. Also rufe ich 8.40 Uhr an. Nach endlosem Klingeln geht ein junger Mann ran. Ich sage: “Hallo, mein Name ist Dewi, ich würde gerne Frau XY sprechen.”

Er sagt: “Die ist nicht da, Sie müssen mit mir sprechen.”

Noch so einer, bei dem die Schulung versagt hat.

Ich: “Wieso MUSS ich mit Ihnen sprechen? Ich habe hier ein Schreiben, in dem steht, ich solle mit Frau XY sprechen.”

“Die ist aber noch nicht da, also geht das aufs Team-Telefon. Worum geht es?”

Ich lese die Fallnummer vom Blatt ab und beschreibe kurz, worum es geht.

Er: “Da müssen Sie doch mit Frau XY sprechen.”

Ich: “Aha.”

Er: “Sie kommt auch gerade rein.”

Ich: “Na super, dann reichen Sie mich doch einfach weiter.”

Er: “Nein, die muss sich ja erst einloggen und so. Ich schreibe mir mal Ihre Nummer auf, sie ruft Sie dann gleich zurück.”

Große Überraschung – kein Rückruf. Also versuche ich es eben noch einmal. Es klingelt. Lange. Dann ein Sprachansage: “Es sind gerade alle Leitungen belegt, bitte bleiben Sie dran”. Zehn Minuten. Dann Musik und eine begeisterte (automatische) Stimme, die mir erklärt, dass ich bei irgendeinem Amt gelandet bin. Das weiß ich. Eine Minute später die dritte Stimme vom Band: “Wir sind leider gerade nicht in der Lage… späterer Zeitpunkt… Sie uns auch…”. Klick.

Must. Control. Fist. Of. Death.

Schön auch der Baumarkt. Ich brauche Universalhalterungen für Jalousien, mit denen man diese ohne Bohren befestigen kann. Gibt es im Doppelpack. Ich weiß nur nicht, wo die im Baumarkt zu finden sind. Also gehe ich gleich zur Information und sage: “Guten Tag, ich bin auf der Suche nach Universalhalterungen für Jalousien.”

Die junge Dame, die für “Information” steht, schaut mich ausdruckslos an: “Was suchen Sie?”

Ich seufze: “Ich kann es leider nicht einfacher erklären: Universalhalterungen. Für Jalousien.”

Sie: “Gibt es die denn einzeln?”

Ich: “Die gibt es einzeln.”

Sie: “Ich weiß nicht, ob wir die haben.”

Ich: “Ich auch nicht – darum bin ich zum Informationsschalter gekommen.”

Nun entscheidet sie sich endlich, mal in der entsprechenden Abteilung anzurufen. Der Tonfall, in dem sie ihrem Kollegen erklärt, was ich suche, lässt deutlich darauf schließen, dass sie eher an die Existenz von Einhörnern auf dem Mond glaubt als an die Existenz von Universalhaltern für Jalousien. Darum entrutscht ihr auch ein wenig das Gesicht, als der Kollege sie aufklärt. Sie guckt bedröppelt, als sie sich wieder an mich wendet.

Sie: “Die haben wir.”

Ich: “Schön. Wo?”

Sie: “Bei den Jalousien.”

Ich: “Klasse. Und die sind wo?”

Sie deutet vage hinter sich: “Da links.”

Auch hier: Keine Höflichkeit, keine Entschuldigung.

Bei Baumärkten bin ich gerade öfters. Als ich zu den Universalhalterungen die entsprechenden Jalousien kaufen will, meldet die Webseite des OBI Hockenheim: “Begrenzte Anzahl verfügbar”. Ich fahre also gleich hin. Nach ungefähr 15 Minuten taucht endlich ein zuständiger Verkäufer auf. Ich frage nach den Jalousien, er geht an seinen Computer. Und scrollt. Und scrollt. Und scrollt. Ungelogen drei bis vier Minuten rutscht sein Zeigefinger auf der Maus rauf und runter. Ich habe das Gefühl, er hat nur “J” eingegeben und sucht im Warenbestand nun Jalousien. Stoisch. Dumpf.

Irgendwann sagt er: “Haben wir wohl nicht.”

Ich: “Im Internet steht aber was von einer begrenzten Anzahl.”

Er: “Begrenzte Anzahl kann ja viel heißen.”

Ich: “Stimmt. Eins heißt es aber definitiv nicht: keine.”

Er: “Tja. Wir haben keine.”

Keine Entschuldigung. Ich entschließe mich, auf die angebrachte Schimpftirade zu verzichten und zum OBI nach Ludwigshafen zu fahren. Dort sind die Jalousien nach Aussage der Webseite “in ausreichender Anzahl” verfügbar. Bevor ich mir die Finger wund suche, gehe ich gleich zu einem Verkäufer.

Ich: “Hallo. Ich brauche Jalousien, Marke Gardinia, Holzlamellen, braun, 80 Zentimeter breit, 150 Zentimeter lang.”

Er führt mich ohne Zicken zu den Jalousien, zieht Jalousien in 120 Zentimeter Breite heraus: “Die hier?”

Ich: “Fast. 80 Zentimeter Breite.”

Er: “Die sind 120 Zentimeter.”

Ich: “Genau.”

Herr Hallmackenreuther zieht 80 Zentimeter breite Jalousien aus dem Regal, diesmal aus Geflecht.

Ich: “Ich brauche Holzlamellen.”

Er: “Ich schaue ja noch.”

Ich: “Ich weiß, und darum wollte ich Ihnen Zeit ersparen, in dem ich Ihnen gleich sage, dass dieses Modell auch nicht meinem Anspruch entspricht.”

Abgekürzt: Ich bekomme meine Jalousien. “Ausreichende Anzahl” bedeutete in diesem Fall übrigens drei Stück.

Man sagt immer, IKEA ist besser. Ich sage das ja auch. Da sind die Mitarbeiter sorgsamer geschult, eigentlich immer höflich und hilfsbereit. Aber auch dieses System zeigt Risse, wie ich feststellen musste, als ich wegen einer Schublade im Selbstbedienungsareal nachfragte – und diesmal kann der Zwist nicht an mir gelegen haben, denn es ging nicht um mich.

Vor mir steht ein Mann. Er will wohl irgendeinen Einlegeboden kaufen. Die Dame am Infoschalter schaut in den Computer und zuckt mit den Schultern: “Nicht da.”

Er (etwas entgeistert): “Wie, nicht da? Ich bin gerade 30 Kilometer gefahren, weil auf der Webseite steht, es seien 39 Stück vorhanden!”

Sie: “Inventurschwund.”

Er: “Was heißt denn das?”

Sie: “Die sind in falsche Regale geräumt worden, man hat sich bei der Lieferung verzählt – das kann viele Gründe haben.”

Er zieht sichtlich frustriert ab. Als er außer Hörweite ist, wendet sich die Dame an uns: “Können die Leute nicht einfach mal hinnehmen, wenn ich ‘Inventurschwund’ sage?”

Ich fühle mich bemüßigt zu widersprechen: “Nein. Der Mann hatte sich korrekt informiert und ist eine ziemliche Strecke gefahren, nur um hier doch leer auszugehen. Den Frust und den Ärger kann ich verstehen – und das sollten Sie auch. Mit einer Leerphrase wie ‘Inventurschwund’ abgespeist zu werden, ist da wirklich nicht entspannend. Könnten Sie nicht wenigstens so tun, als ob es Ihnen persönlich leid täte, dem Kunden nicht helfen zu können?”

Sie schaut indigniert, hatte Solidarität erwartet, nicht Widerstand.

Ich könnte kotzen. Hätte ich in meinem Umfeld nicht gute Freunde, nette Handwerker, einen exzellenten Zahnarzt, hilfsbereite Nachbarn – ich müsste Amok laufen.

Aber ich will den Beitrag nicht so negativ beschließen. Lasst uns friedlich und Freunde sein. Enden wir also auf einer positiven Erfahrung.

Die LvA hatte letzte Woche lange gearbeitet, wir hatten weder Lust auf kochen noch auf Essen gehen. Hunger war aber schon da. Kein Problem, wozu wohnen wir über einem Thai-Restaurant? Ich gehe also die paar Stufen runter und sage zu dem Oberkellner freundlich: “Könnten Sie uns mal 18 und 52 fertig machen für daheim?”

Er lächelt freundlich, sagt “selbstverständlich, gerne, ich klingel dann bei Ihnen”.

Ich erwarte eine Plastiktüte mit zwei Gerichten in Styroporboxen.

Nach zehn Minuten klingelt es und vor der Tür steht der zweite Kellner hiermit:

thai

Ich bedanke mich ausgiebig, gebe ein gutes Trinkgeld und verspreche, das Geschirr später wieder ins Restaurant zu bringen. Er winkt ab: “Nicht nötig, der Koch wohnt ja gleich hier neben Ihnen. Stellen Sie es da vor die Tür.”

Mit sichtlich gehobener Laune haben wir an diesem Abend sehr gut gegessen. Und das Geschirr hinterher sorgsam gespült und zusammen gestellt.

Ist es WIRKLICH so schwer? Freundlich sein, Rücksicht nehmen, Versprechen halten? Wieso bröckelt der soziale Kitt?

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27
Mai 2014

Noob-Review: Chromecast – One Stick To Rule Them All

Ich bin ja nicht so der “early adopter”, der nach jeder Technikmesse gleich die neuste Hardware ordert. Ich glaube auch nicht daran, dass ein Gadget sich seine eigene Notwendigkeit schafft. Den Android-Stick im Fernseher finde ich technisch beeindruckend (eigentlich Zauberei), aber für mich unnötig. Das ALDI-Tablet war ein guter Deal für ein gutes Gerät – zurückgegeben habe ich es trotzdem. Den Kobo-Reader hat die Mama zum Geburtstag bekommen, nachdem er bei mir ein Jahr lang Staub angesetzt hat.

Aber diese Woche hat es mich mal wieder erwischt:

chromecast

35 Euro, um irgendwie alles vom Smartphone und Notebook auf den Fernseher schubsen zu können. Da brauchte ich keinen größeren Reviews lesen, um zu wissen – das probiere ich doch mal aus!

Leider verzögerte sich der Kauf ein wenig, weil ich schlicht und ergreifend nicht dazu kam, in der neuen Wohnung den Fernseher an die Wand zu hängen und zu verkabeln. Und wo kein Fernseher ist, braucht’s auch kein Chromecast.

Mittlerweile hängt der Fernseher und gestern nachmittag regte sich der Kaufwunsch erneut. Amazon One-Click gedrückt – keine 18 Stunden später stand die Paketbotin vor mir. So ist’s recht.

Erster Eindruck: Schicke kleine Schachtel. Und absolut ausreichend Hardware: der Chromecast-Stick, USB-Kabel, eine HDMI-Verlängerung, und eines dieser Netzteile, in die man ein USB-Kabel stecken kann. Letzteres brauche ich für Chromecast nicht, weil der sich bei mir den Strom über die USB-Buchse des Fernsehers zieht, aber für mein Motorola G kann man nicht genug Ladegeräte haben. Wird noch nützlich sein. Danke, Google.

Was nicht dabei ist: Eine Anleitung. Weder gedruckt, noch auf Mini-CD, wie das eine Weile lang üblich war. Wird wohl auf der entsprechenden Webseite zu finden sein, spart Ressourcen, ist okay.

Ich stelle mich auf eine Viertel- bis halbe Stunde für die Installation ein, wenn alles läuft wie Butter. Aber wann läuft es schon mal wie Butter? Also besser den Vormittag frei nehmen.

Aus Begeisterung verrate ich es vorab: nach zwei Minuten war das System installiert, konfiguriert, upgedated und “up and running”.

SO sieht gut Nutzerführung aus. Chromecast in den Fernseher, am Notebook Webseite aufrufen, mit ein paar Klicks die WLAN-Verbindung bestätigen, Chromecast-Extension für den Browser installieren. Done. Und es wird alles geführt, man muss sich keinen Klick selber zusammen reimen. Eine extrem smoothe Erfahrung, von der sich so manche Hardware-Hersteller mal zwei bis zweihundert Scheiben abschneiden könnten.

Auf dem Fernseher begrüßt mich einer von über 200 schönen Hintergründen, die Uhrzeit und eine Anzeige der WLAN-Verbindung. Sieht schick aus, unauffällig gefällig.

chromecast_wallpapers

Im Browser habe ich nun ein Chromecast-Symbol. Wenn ich das recht verstanden habe, kann ich damit den Inhalt eines Tabs direkt auf den Fernseher schicken. Ich klicke drauf – keine zwei Sekunden später sehe ich die Webseite gestochen scharf auf dem TV. Ich scrolle rauf und runter. Geht auch problemlos. Ich rufe eine Dropbox-Gallerie auf, blättere mich durch hochauflösende Fotos. Schick, schick!

Besonders angenehm: Chromecast folgt meiner Surfsession nicht, sondern bleibt dem Tab verbunden, den ich angewiesen habe. Ich kann also einen Inhalt auf den Fernseher werfen und dann bequem weitersurfen. Das sieht doch schon mal nicht schlecht aus.

Youtube – irgendein Trailer. Chromecast-Button drücken. ZACK. Auf dem Fernseher. Minimaler Lag, aber Bild und Ton synchron und absolut klar.

Ich bin beeindruckt. Das beendet nicht den Hunger auf der Welt und senkt auch nicht die Benzinpreise, ist aber in seiner Funktionalität und intuitiven Nutzung vorbildlich. Ich realisiere erst nach fünf Minuten, dass ich keine Bedienungsanleitung genutzt habe – weil ich keine brauche. Chromecast ist selbsterklärend, im wahrsten Sinne des Wortes.

Weiter mit den Tests. Ich rufe die Webseite vom Klassikradio auf – die LvA ärgert sich dauernd, dass es hier in Speyer den Radiosender nicht über UKW gibt. Wäre doch gelacht, wenn ich den nicht per Chromecast an die Lautsprecher des Fernsehers weiterleiten könnte.

Es hakt. Nicht an Chromecast, sondern daran, dass der Livestream vom Klassikradio ein eigenes Fenster aufmacht, in dem der Chromecast-Button nicht zu sehen ist. Aber es findet sich auch ein stinksimpler Workaround. Einfach die Adresse des Streams von Hand in einen normalen Tab einkopieren. DANN Chromecast-Button drücken. Voilà – Internetradio aus den Fernsehlautsprechern!

In einem Vorabbericht aus der Zeit, als es Chromecast nur in den USA gab, habe ich gelesen, dass viele User die Fähigkeiten des Gerätes missverstehen – es sendet nicht beliebige Inhalte an den Fernseher, sondern nur Inhalte aus dem Browser heraus. Die Filmsammlung auf der Festplatte, die MP3-Alben, die Fotos vom letzten Geburtstag – ist es nicht in der Googlesphäre, geht da gar nichts.

Das stimmt nur halb. Es stimmt sogar nur ein Viertel.

Ja, Chromecast streamt nur, was mein Macbook über den Chrome-Browser rausschickt. Aber der Chrome-Browser kann so ziemlich jedes Dateiformat von der Festplatte öffnen – PDF, JPG, AVI, MP4, MP3, etc. Es ist nicht elegant oder komfortabel, aber ich kann einen Film einfach im Browser starten und das Tab dann im Vollbild an den Stick schicken. Instant Heimkino!

Es wird das Wehklagen zu hören sein all derer, die mit Safari surfen, mit Firefox oder Opera – Chromecast spielt nur lieb mit Chrome. Die Googlesphäre ist sich erwartbar selber bester Freund. Aber da ich sowieso mit Chrome surfe, ist es mir wurscht. Euch vielleicht nicht.

In den nächsten Tagen werde ich noch schauen, ob es irgendeinen Zusatznutzen hat, dass ich Chromecast auch von meinem Android-Smartphone ansprechen kann. Ich werde der LvA die Verbindung zum Chromecast auch auf ihrem Macbook Air installieren. Es gibt sicher auch noch ein paar andere Tricks, wie und was man so alles streamen kann.

Zur Halbzeit kann ich auf jeden Fall schon mal sagen: geiles Teil.

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23
Mai 2014

Eilig herunter gehackte Kurzkritiken zu “Edge of Tomorrow” und “X-Men: Zukunft ist Vergangenheit”

hr_Edge_of_Tomorrow_9USA 2014. Regie: Doug Liman. Darsteller: Tom Cruise, Emily Blunt, Bill Paxton, Lara Pulver u.a.

Story: Bill Cage, ein feiger Operettensoldat, wird unfreiwillig für die große Offensive gegen die Alienrasse der Mimics rekrutiert. Schon beim ersten Einsatz im sperrigen Exo-Suit muss er dran glauben – und wacht wieder im Armeelager auf, kurz VOR dem Einsatz. Das Spiel wiederholt sich: Cage stirbt, wacht auf, versucht eine andere Taktik, stirbt, wacht auf. Er tut sich mit der Kriegsheldin Rita zusammen, um in einem gigantischen “trial and error”-Experiment die Schwachstelle der Aliens zu identifizieren und sie zu besiegen.

Kritik: Ich bewundere Tom Cruise. Der Mann hat mittlerweile drei große SF-Filme gedreht, die alle drei thematische Ähnlichkeiten besitzen und ehrlich versuchen, großes Blockbusterkino mit etwas konzeptionellem Anspruch zu verbinden. Würde man mir die Pistole auf die Brust setzen, würde ich “Edge of Tomorrow” (doofer generischer Titel, die Romanvorlage heißt “All you need is kill”) in der Mitte zwischen dem überlegenen “Minority Report” und dem schicken, aber spröden und letztlich unbefriedigenden “Oblivion” einordnen.

Natürlich kann man sich bei Doug Liman darauf verlassen, dass die Actionszenen krachend inszeniert sind und dass bei den Effekten nicht gespart wird. “Edge of Tomorrow” weiß genau, wie viele wiederkehrende Elemente er zeigen muss, damit das Gefühl der permanenten Wiederholung spürbar wird, ohne zu langweilen. In der zweiten Hälfte wird sogar damit gespielt, wenn der Zuschauer selber nicht weiß, ob Bill bestimmte Situationen schon mal erlebt hat. Tom Cruise spielt Cage am Anfang sympathisch unsympathisch und erarbeitet sich erst mit tausend Toden so etwas wie einen Charakter.

Es ist auch charmant, in der ständigen Wiederholung einen Rückgriff auf die Mechanismen alter Videospiele zu sehen. Wie eine Figur in einem Nintendo-Game muss Cage das Level immer wieder neu beginnen, neue Wege suchen, neue Gegenstände sammeln, Levelboss um Levelboss besiegen. Game over – continue?

Mein größtes Problem habe ich damit, dass “Edge of tomorrow” im Gegensatz zu “Und immer grüßt das Murmeltier” und “Source Code” entschlossen ist, BEIDE Zielgruppen zu bedienen – die Popcornfresser und die Nerds. Er verstolpert sich, weil zwar die Idee der ewigen Wiederholung interessant ist, die Ursache der ewigen Wiederholung allerdings banal. Die Alien-Invasion ist letztlich nicht interessanter als bei “Battleship” oder “Independence Day”, die Aliens sind wieder mal tentakelige Viecher ohne nennenswerten Background – das übliche Blahblah von “perfekten biologischen Maschinen, gezüchtet zur Invasion” passt so gar nicht zur komplexen Zeitschleifen-Thematik. Und so endet, was eine Meditation über das ständige Streben zur besseren Lösung sein könnte, mit ein paar Bombenexplosionen, die erzählerisch nur Blindgänger sind. Das aufgesetzte Happy End lässt einen dann noch frustrierter aus dem Kino gehen, als der Film eigentlich verdient.

Ganz subjektiv sei noch vermerkt, dass ich nichts mit Emily Blunt anfangen kann und ihr manga-inspiriertes Kampfschwert unglaublich albern finde.

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Fazit: Unterhaltsam, aber gescheitert beim Versuch, “Source Code” und “Starship Troopers” unter einen Hut zu bringen.

x-men

USA 2014. Regie: Bryan Singer. Darsteller: Hugh Jackman, James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Halle Berry, Nicholas Hoult u.a.

Story: Irgendwann in der ferneren Zukunft haben die Sentinels die Macht über die Erde übernommen – gigantische Roboter mit dem einzigen Ziel, alle Mutanten auszurotten. Die letzten X-Men leisten verzweifelt Widerstand und Professor Xavier ordnet an, dass Wolverines Geist in seinen jüngeren Körper zurückversetzt wird. Im Jahr 1973 soll er den Mord an Bolivar Trask verhindern, der die Jagd auf alle Mutanten auslösen wird. Doch dazu braucht er die Hilfe des jungen Xavier, der ein haltloser Trinker geworden ist – und Magneto, der in einer Hochsicherheitszelle unter dem Pentagon gefangen gehalten wird. In kürzester Zeit stellt Wolverine so eine Art Notfall-Team zusammen, während in der Zukunft der letzte Angriff der Sentinels auf die Mutanten beginnt…

Kritik: Ich habe lange keinen Blockbuster mehr gesehen, der es mir so schwer macht, eine ausführliche Kritik zu schreiben – einfach deshalb, weil er so verdammt perfekt ist, dass man kaum pro und contra besprechen kann.

“X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” ist das, was “Avengers” für die andere große Marvel-Franchise war: Der perfekte Höhepunkt, Kombination und Essenz aller vorhergehenden Filme. “X-Men 1-3″, “Wolverine”, “First Class” – alles nur Zutaten, die nun zur Explosion kommen. Die ganz große Story, das ganz große Drama, Alpha und Omega. Eine Art Superhelden-Blockbuster-Version des TNG-Finales “All good things…”. Alles läuft zusammen, alles klickt, alles passt.

Natürlich hat es Singer hier vergleichsweise einfach: Er arbeitet nicht nur auf der Basis einer großartigen Vorlage – er kann auch halbwegs sicher sein, dass sein Publikum die Charaktere nach sechs Filmen so gut kennt wie die Hauptfiguren einer Fernsehserie. “X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” braucht deshalb nicht mehr Vorgeschichte und Beziehungsgeflechte zu wiederholen, sondern kann sie als bekannt voraussetzen. Darauf aufbauend gelingt ihm eine epische Story, die ungleich größer ist als alles, was uns die anderen Franchises in den letzten Jahren vorgesetzt haben – obwohl hier deutlich weniger auf das Spektakel gesetzt wird. In seinem Fokus auf die interpersonellen Konflikte ist “X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” fast schon intim.

“X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” versucht nicht, die Vorgänger oder die “Avengers” in Sachen Aufwand und Effekten zu übertreffen. Seine Actionsequenzen unterwerfen sich einer dramaturgischen Notwendigkeit, ziehen das Tempo an und die Schlinge um Figuren, die uns wirklich scheren, deren Schicksal diesmal tatsächlich offen ist. Wir sehen X-Men gefoltert, ermordet – und es ist das vielleicht größte Verdienst Singers, dass es “right in the feels” geht. Geschickt werden Fragen von Gut und Böse neu definiert, Loyalitäten neu gebaut. Der gemeinsame, unglaublich übermächtige Gegner fordert alle zu einer wirklich finalen Schlacht.

Trotz der üppigen Laufzeit ist “X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” perfekt getaktet, keine Sekunde langweilig und niemals um der Effekte willen von den Charakteren abgekoppelt. Singer kann nicht nur Superhelden-Fights im klassischen Comic-Stil inszenieren, er hat auch ein perfektes Händchen dafür, die speziellen Kräfte der Mutanten so zu präsentieren, dass es keine absurden Level-Unterschiede gibt. Jeder ist wichtig, jeder ist Teil des Ganzen – selbst der schwächste Mutant kann genau die Kraft besitzen, die es braucht, um den stärksten zu besiegen.

Und wären die straffe Dramaturgie und die komplexe Story nicht schon genug Grund, euch ins Kino zu scheuchen, beschenkt uns “X-Men: Zukunft ist Vergangenheit” auch noch mit bezaubernden Details, die auf Silberscheibe immer wieder mal zum Drücken des Pause-Knopfes einladen.

The real deal. Get it while it’s hot.

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Fazit: Der bisher gelungenste Versuch, eine Superhelden-Graphic Novel auf die große Leinwand zu übertragen und ein gelungenes Gegengewicht zu den eher auf Rabatz und Oneliner ausgelegten Filmen aus dem Avengers-Universum.

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20
Mai 2014

Das George Lucas-Evangelium

Ich schaue aktuell mit großer Begeisterung das hier:

Klar ist das meiste bekannt, kaum ein SF-Nerd wird hier neue Erkenntnisse finden. Es ist eine Sammlung sattsam bekannter Clips aus sattsam bekannten Filmen, kommentiert von sattsam bekannten Personen – inklusive des umvermeidlichen John Landis.

Aber “The Real History of Science Fiction” ist trotzdem liebevoll gemacht, sauber recherchiert und hat tatsächliche rote Fäden, wo frühere Dokumentationen nur eine Anekdote an die nächste reihten. Es werden Zusammenhänge hergestellt, die nicht überraschend, aber doch interessant sind.

Einen dieser Zusammenhänge möchte ich hier gerne zur Diskussion stellen, weil ich nicht weiß, was ich von der unterliegenden These halten soll. Sie würde vieles erklären, was bisher unerklärlich schien, viele scheinbar willkürliche Entscheidungen des Bärtigen in ein neues Licht stellen.

Richard Dreyfuss ist es, der sich an ein Treffen mit George Lucas erinnert, in dem der Produzent und Regisseur deprimiert wirkte, obwohl sein Film “Star Wars” gerade Hunderte von Millionen einspielte. Auf die Frage nach dem Grund für die Mieslaunigkeit antwortete Lucas demnach: “Ich habe einen Kinderfilm gedreht”.

“The Real History of Science Fiction” extrapoliert daraus folgende These: George Lucas war früh mit der Entscheidung konfrontiert, welche Art von Science Fiction-Film er umsetzen wollte. Zwei Möglichkeiten schienen ihm vielversprechend: Abenteuer-SF im Stile alter Pulp-Magazine und Serials wie Flash Gordon – oder anspruchsvolle SF im Stile der “Foundation”-Romane von Isaac Asimov, die sich mit den Mechanismen von Imperien beschäftigen, die von Politik und Philosophie handeln, von Diplomatie und Diktatur.

Er entschied sich, mit der Abenteuer-SF “Star Wars” auf Nummer Sicher zu gehen – und hat es seither bereut. Und dagegen gekämpft. All das öde Gerede von Handelswegen und Allianzen in der zweiten Trilogie, die Tiraden im Senat, die wechselnden Loyalitäten sind sein Versuch, “Star Wars” ex post facto den Anstrich von “Foundation” oder “Dune” zu verleihen – seine ursprüngliche Entscheidung wenn nicht zu revidieren, dann wenigstens zu relativieren.

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Selbst seine wiederholten Versuche, die Filme durch neue Editionen umzufeilen, würde sich daraus erklären lassen. Lucas ist grundlegend unzufrieden mit der Art von Science Fiction, die ihn zur Legende gemacht hat.

Das klingt sehr, sehr stimmig. Was meint ihr?

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