“Dr. Hope”: Waffenruhe

Gepostet am 12. März, 2010 um 14:24 Uhr
Kategorien: Film, TV & Presse, Gedanken, In Arbeit, Neues, Privates.

45034-0-07

((c) ZDF und Erika Hauri)

Die SZ hat es eben vermeldet:

“”Dr. Hope”: Lösung in Sicht

(…) Danach erhält Krauss 15 000 Euro “als Abgeltung der wissenschaftlich-publizistischen Leistung, die in Auffindung und Darstellung des verfilmten Stoffes liegt”; so seien alle etwaigen Rechte Krauss” an der Verwertung des Films und eines Begleitromans abgegolten, sie erhebe keinen Plagiatsvorwurf (…)  tyc”

Nochmal fürs Protokoll: “sie erhebe keinen Plagiatsvorwurf“.

Am Ende musste die Gegenseite einsehen, dass der Plagiatsvorwurf nicht halt- oder belegbar ist, und hat gar nicht erst Anzeige erstattet. Aus dem Skandal wurde plötzlich wieder eine Verhandlungssache, und was noch vor zwei Jahren unverschämt und inakzeptabel war, schien der Gegenseite plötzlich fair und angemessen. Schau an.

Damit ist die hässliche Angelegenheit ausgestanden, der Vorwurf hinfällig, und ich kann mich wieder mit Sachen beschäftigen, die tatsächlich relevant sind. Zum Beispiel dem Badmovies-Forumstreffen in Nürnberg an diesem Wochenende.

Es ist kein fauler Kompromiss, ganz im Gegenteil. Schon in unserem Autorenvertrag hatten wir die Bitte eintragen lassen, Frau Krauss als Beraterin zu würdigen. Ihr erinnert euch vielleicht:

Darum wurde der Historikerin, die die größte „Hope“-Biographie geschrieben hatte, von uns als Beraterin der Produktionsfirma vorgeschlagen. Wir hofften darauf, dass sie uns bei den Details zur Seite stehen könne, für ein Honorar, eine Erwähnung im Nachspann, eine Danksagung.

Es wurde ihr Geld für ihre Quellenarbeit und ein Credit angeboten.

Das lehnte sie unter allerlei Forderungen und Drohungen ab. Sie wollte mehr. Viel mehr.

Jetzt bekommt Geld für ihre Quellenarbeit und einen Credit.

Weniger Geld, als sie bekommen hätte, wenn sie vor zwei Jahren unterschrieben hätte. Sie bekommt auch keine Rechte an der Figur Hope. Den Vorwurf des Plagiats muss sie zurückziehen. Den Zweiteiler in ihrem Sinne zu beraten und zu beeinflussen, die Chance hat sie ebenfalls vertan. Sie wurde beim Filmfest nicht auf die Bühne geladen, bei den Pressekonferenzen nicht als Fachfrau präsentiert. Das muss schal schmecken, und weh tun.

Sie hätte es einfacher haben können – ohne Drohungen, ohne Verleumdungen, ohne Schmierkampagne in der Presse. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen. Sogar besser noch: Hofmann & Voges hätte ihr sicher mehr geboten, hätte man nicht in den letzten Wochen beträchtliche Honorare an Anwälte zahlen müssen, die gegen die Vorwürfe vorgehen.

Auch der Sache ist nicht gedient: Da Frau Krauss explizit keine Rechte an dem Stoff zugesprochen bekommt, ist kein Präzedenzfall für andere Sachbuchautoren und Biographen geschaffen worden. Ihre kreative Eigenleistung wurde weder anerkannt, noch vergütet.

Viel Lärm um nichts also? Na ja, ich fühle mich wohler damit, dass die primäre Quelle unserer Recherchen entsprechend gewürdigt wird. Ich habe ihr das ja nie missgönnt. Noch vor drei Wochen habe ich in einem Interview mit dem Münchner Merkur betont:

Meine Mit-Autorin Katrin Tempel hat Frau Krauss kontaktiert, weil wir so begeistert waren von dem Stoff und der Arbeit, die sie geleistet hat, dass wir unbedingt mit ihr zusammenarbeiten wollten.

Die Pressekampagne werde ich Frau Krauss allerdings nicht verzeihen. Das war niederträchtig und verlogen. Letztlich ineffektiv, aber trotzdem niederträchtig.

Ich bin auch froh, dass der Plagiats-Vorwurf aus der Welt ist. Wer mich kennt weiß, dass ich sowas nicht nötig habe. Oder zumindest nicht dumm genug wäre zu glauben, ich käme damit durch.

sie erhebe keinen Plagiatsvorwurf

Ich bin sauber. Und jetzt habe ich es auch schriftlich.

Besonders dankbar bin ich den Lesern meines Blogs, die daran nicht gezweifelt haben.

Teuer – aber jeden Cent wert

Gepostet am 10. März, 2010 um 18:17 Uhr
Kategorien: Gedanken, Neues, Privates.

Ich reise viel, mache mir aber keine nennenswerten Gedanken über mein Gepäck. Ich bin keiner dieser Fanatiker, die auf Gedeih und Verderb ihre Habseligkeiten für 3 Wochen Alaska in ein Handgepäck-Stück kriegen müssen, nur um triumphierend am Rest des Plebs vorbei zu schlendern, der nach der Ankunft am Laufband steht.

In den 90er Jahren bin ich fast nur mit Reisetasche und/oder Seesack unterwegs gewesen. Ging auch. Als ich in Los Angeles mal eine übergroße Menge Jeans, T-Shirts, und Socken gekauft hatte, legte ich mir eher aus Notwendigkeit einen Trolley zu – Preis bei einem dieser Billigläden am Venice Beach: 18 Dollar. Schwarzes Nylon, viele Taschen, erweiterbar, und mit zwei Rollen untendran. Passt.

Dieser Trolley hat mir über 10 Jahre gute Dienste erwiesen. Er ist zwar mittlerweile etwas abgenutzt, aber er funktioniert. Mehr habe ich bisher auch nicht erwartet.

Trotzdem: In meinem Kopf spukte seit einiger Zeit die Idee, mir mal einen “richtig guten” Trolley anzuschaffen. Von einer Marke. Samsonite oder so. Angesichts der 18 Dollar, die ich für meinen Oldie bezahlt hatte, rechnete ich mit 80, 100 Euro. Soll ja auch lange halten.

Ein Besuch in einem Fachgeschäft im Wertheim Village verursachte Herzflattern, und brachte mich krachend wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: Die drei Trolleys, die mir gefielen, fingen nicht unter 400 Euro an. 400 Euro! Das sind 800 Mark! Für einen Koffer ohne was drin! Und es geht noch teurer!

(mehr…)

Präzise Wortvogel-Wettervorhersage:
Das Krötenscheiße-System irrt niemals!

Gepostet am 26. Februar, 2010 um 14:21 Uhr
Kategorien: Lustiges, Neues, Privates.

Von meinem Kumpel Marlowe und der Tatsache, dass der mit seinen 36 Jahren ein paar tolle Sachen kann, habe ich ja schon berichtet. Aber so eine langfristige Beziehung bringt durchaus auch Stress mit sich.

Jedes Jahr im Winter mache ich mir Sorgen. Marlowe geht nicht in den Winterschlaf (dafür müsste ich ihn in einer Plastikdose in den Kühlschrank legen), aber er fährt seinen Stoffwechsel extrem weit runter. Faul liegt er unter der Heizung, den Kopf auf das warme Rohr gelegt, und pennt. Er scheißt kaum noch – und fressen mag er auch nicht. Das ist zwar alles ganz normal und wahrlich bekannt, aber immer wieder wächst in den dunklen Monaten die Panik, dass er diesmal, diesmal, den Stoffwechsel nicht wieder angeworfen bekommt, wenn der Frühling naht. Was würde ich ohne ihn machen?

Ich weiß nicht, welche biologischen Mechanismen meine Schildkröte befähigen, das Ende des Winters präzise vorher zu sagen. In meinem Wohnzimmer bekommt er weder was von Tageslicht oder schwankenden Temperaturen mit. Aber er hat diese Schalter im schildkrötischen System, auf die Verlass ist. Kommt der Frühling, scheißt er mir von einem Tag auf den anderen die Badewanne voll, und frisst danach Bachflohkrebse, bis der Panzer zu platzen droht. Ich atme dann immer dreimal gut durch, und meine Woche ist gerettet. Marlowe ist fit für die nächste Saison.

Deshalb vermelde ich heute aus aktuellem Anlass und absolut verbindlich: Der Winter ist vorbei. Der Frühling kommt.

marlowe

Nibelungen 3 – besser spät als nie!

Gepostet am 25. Februar, 2010 um 11:49 Uhr
Kategorien: Bücherregal, In Arbeit, Neues, Privates.

nibneuIch hatte ja angekündigt, dass mein neuer Nibelungen-Roman im März erscheinen soll.

Dem ist nicht so.

Wir alle sind tragische Opfer eines Kommunikationsproblems geworden: Der März 2010 als Veröffentlichungstermin stand noch in meinem Vertrag aus der Zeit, als Heyne hoffte, ich würde das Brikett irgendwann im Frühjahr 2009 anliefern. Mehrfach bettelte ich um Aufschub, der Verlag war so freundlich – nur das anvisierte Erscheinungsdatum wurde versehentlich nicht aktualisiert.

Also: “Das Erbe der Nibelungen” erscheint nach aktuellem Katalog im August, zu meiner Freude rechtzeitig zu Buchmesse und Weihnachtsgeschäft (machen wir uns nichts vor: März ist eher eine maue Zeit für solche Schinken).

Bin ich sauer, dass ich mich im Dezember so gequält habe, um den Roman rechtzeitig für eine März-Veröffentlichung fertig zu bekommen? I wo. Machen wir uns nichts vor: Hätte ich von dem August-Termin gewußt, wäre das Ding am 30. Juli noch nicht fertig gewesen. Ich brauche den Druck, und fertig ist fertig.

“Dr. Hope”: Wortvogel unter Beschuss

Gepostet am 19. Februar, 2010 um 22:57 Uhr
Kategorien: Film, TV & Presse, Gedanken, In Arbeit, Neues, Privates.

Es gibt Dinge, die man über den Journalismus weiß, ganz besonders, wenn man jahrelang selber in dem Bereich gearbeitet hat. Dinge, die man nonchalant als „das ist halt so“ durchwinkt, wenn sie einen nicht selbst betreffen. Dass jeder von jedem abschreibt. Dass die spannende Story allemal wichtiger ist als die wahre Story. Dass Zeit für Recherche ein Luxus ist, den sich kaum noch jemand leistet. Dass es Gefälligkeitsstorys gibt, sogenannte „hit pieces“, mit denen ein bewusster „spin“ unter die Leute gebracht werden soll.

Wie gesagt: Man winkt es durch – solange es einen nicht selbst betrifft.

Aber heute betrifft es mich selbst.

Es geht um eine Angelegenheit, zu der ich bisher geschwiegen habe, weil es ein Non-Thema ist, oder sein sollte. Es gibt keine Geschichte. Es gibt nichts aufzudecken. Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht.

Es geht um “Dr. Hope” und die gerade epidemisch von der Presse weiter verbreitete Behauptung einer Historikerin, wir hätten uns an ihrem Werk auf justiziable Weise vergriffen.

Es wird eine Geschichte daraus gemacht. Und die passt oberflächlich prima in den Hegemann-Skandal, und zu der allgemeinen These, dass das geldgierige Fernsehen skrupellos die Geisteswissenschaften plündert, und sich an anderer Leute Arbeit bereichert.

Allein: Es stimmt nicht. Aber darum enthalten die derzeit erscheinenden Artikel auch so viel „soll“, „hat angeblich“, und „behauptet“. Das ganze Konstrukt würde implodieren, wenn sich nur ein Schreiberling mal die Mühe machen würde, die Fakten zu recherchieren, oder sich Grundlagenwissen zum Thema Plagiat und Copyright anzueignen. Kann man aber augenscheinlich nicht erwarten.

Ich erzähle jetzt einfach mal das, was ich erzählen kann, ohne mich in juristisch halsbrecherisches Fahrwasser zu begeben – in der Hoffnung, dass wenigstens ein Journalist, der die Story übernehmen will, auch mal die Hintergründe googelt. Vielleicht bin ich naiv.

Wie schon an anderer Stelle berichtet (und nie bestritten), sind Katrin Tempel (damals Kaiser) und ich durch eine Ausstellung auf die Figur der Hope Adams-Lehmann gestoßen. Es gibt eine exzellente Biographie der Frau, diverse weitere Bücher (darunter eines über Prozesse, die gegen sie angestrengt wurden), und unzählige Original-Unterlagen in den deutschen Archiven, u.a. in der Monacensia. Hinzu kommt Hopes eigenes Frauenbuch, das wir aus Osteuropa antiquarisch beziehen konnten. Katrin reiste auch nach Nordrach, wo Hope mit ihrem ersten Mann vor mehr als 100 Jahren ein Sanatorium eröffnet hatte. Insgesamt vier Jahre lang haben wir recherchiert, und die Story in immer neuen Variationen für einen Zweiteiler zusammen geschraubt.

Daraus entstand die „wahre Geschichte“ von Hope Adams-Lehmann – natürlich als Fiktion erzählt (es hat ja niemand neben ihr gestanden und ihre Gespräche mit dem Tonband aufgezeichnet). Sie ist so wahr, wie „Der Untergang“ wahr ist zum Thema Hitler. Oder „Apollo 13“ wahr ist zum Thema Apollo 13. Der TV-Film weicht dabei deutlich mehr von der Realität ab als das u.a. auf meinem Drehbuch basierende Roman-Skript von Katrin. Das liegt daran, dass wir für den Zweiteiler erheblich mehr straffen mussten, Figuren zusammen gelegt wurden (Hope hat im Film nur ein Kind, in Wahrheit hatte sie zwei), und ganze Teile von Hopes Leben (politisches Engagement, zweisprachiger Kindergarten) keinen Platz fanden. Katrin konnte für den Roman Elemente aus früheren, längeren Drehbuchfassung wieder übernehmen, und Straffungen wieder ausbreiten.

Daran ist nichts auszusetzen. Das ist normal. Es ist Fiktion. Der Zweiteiler ist keine Dokumentation, der Roman kein Sachbuch.

Es schien uns von Anfang an sinnvoll, kompetente Beratung zu haben, um die historischen Hintergründe so detailgenau wie möglich darstellen zu können. Nicht notwendigerweise „wahr“ – wir müssen uns an das halten, was auch dramaturgisch funktioniert, und das hat bei einer Fiction-Produktion Vorrang vor der historischen Realität. Trotz aller Recherche bin ich kein Historiker, und erhebe auch nicht den Anspruch. Darum wurde der Historikerin, die die größte „Hope“-Biographie geschrieben hatte, von uns als Beraterin der Produktionsfirma vorgeschlagen. Wir hofften darauf, dass sie uns bei den Details zur Seite stehen könne, für ein Honorar, eine Erwähnung im Nachspann, eine Danksagung. Vielleicht waren wir da naiv.

Dummerweise war die Historikern nach ersten Gesprächen mit der Produktionsfirma (bei denen wir nicht zugegen waren) plötzlich der Meinung, sie habe quasi ein „Copyright“ auf das Leben von Hope Adam-Lehmann. Ihr Sachbuch (eine Quelle von fast unendlich vielen) erklärte sie wohl kurzerhand zur Vorlage meines Drehbuchs (grober Unfug, das), und wollte nicht nur eine beträchtliche Summe Geld, sondern auch noch „Creator“-Credits mit weitreichenden Befugnissen. Die Produktionsfirma sah das allerdings anders – nämlich im Einklang mit der aktuellen Rechtslage.

Kleiner, aber wichtiger, Schlenker: Historische Fakten und Personen sind nicht schützbar, enthalten als solche keine schützenswerte kreative Eigenleistung. Wenn ich morgen eine Biographie über Charles Darwin schreibe, gehören mir die darin präsentierten Daten und Fakten nicht, und ich kann für sie kein Copyright geltend machen, und andere Werke über Darwin für mich reklamieren. Es würde jede Geschichtsschreibung ad absurdum führen. Das ist nicht nur selbstverständlich, notwendig, und auch im „Tannöd“-Prozess vom Gericht gerade wieder bestätigt worden – es sollte auch Allgemeinwissen sein. Bei Historikern wie bei Journalisten.

Seit die Produktionsfirma ihre Forderungen zurückgewiesen hat, versucht die Historikerin nun, unserem Projekt ins Kreuz zu treten, in dem sie überall verbreitet, man habe sie um ihre Arbeit betrogen. Sie dreht dabei die Fakten recht geschickt so, dass sie als Opfer da steht – z.B. wird beklagt, dass ihr im Roman nicht einmal gedankt worden sei. Das ist richtig, aber nur die halbe Wahrheit: Die Danksagung wurde ihr mehrfach angeboten. Nur leider war sie nicht bereit, im Gegenzug von ihren Attacken gegen eben diesen Roman abzusehen. Sie wollte die Danksagung – und das Werk gleichzeitig beschädigen.

Bei dem TV-Zweiteiler ist ihre Argumentation ebenso schizophren, wie man im Münchner Merkur sehr schön erkennen kann: Einerseits behauptet sie, es sei quasi alles von ihr abgeschrieben (ohne zu erklären, wie ein Drehbuch mit seiner Narrative und seinen Dialogen von einem Sachbuch abgeschrieben sein kann), andererseits beschwert sie sich, vieles sei „extrem verfälschend“ dargestellt. Diese Behauptung wiederholt sie auch im Vorwort der aktuellen Ausgabe ihres Buches, das ebenfalls zur Schlammwerferei herhalten muss. Beides kann kaum sein, und es wirft die Frage auf: Was soll denn verfälscht worden sein? Die künstlerische Freiheit, Hopes Leben für die Verfilmung dramaturgisch anzupassen, wird wohl kaum in die Zuständigkeit der Historikerin gehören.

Ich sage es noch einmal, weil es genau der Punkt ist, den die Autoren der genannten Artikel nicht hören wollten, weil es ihnen ihre sexy Story kaputt gemacht hätte: Historische Fakten sind nicht schützbar, ein Sachbuch ist kein Roman, und „Dr. Hope“ ist weder die Adaption noch die Verfilmung eines Sachbuches (oder einer anderen Quelle).

Es ist kein „neuer Hegemann-Fall“, weil nicht plagiiert werden kann, was vor dem Gesetz nicht plagiierbar ist. Ich selber habe eine klare Meinung zu „Axolotl Roadkill“: abschreiben ohne Quellenangabe gilt nicht. Das ist unredlich und unfair. So Theorien wie „mashup“ oder „remix“ können mir den Buckel runter rutschen – in 20 Jahren und ebenso vielen Büchern hatte ich es nie nötig, mich bei den Formulierungen und Ideen anderer Autoren bedienen zu müssen. Wäre ja noch schöner. Und genau so haben wir uns auch nicht bei den Ideen und Formulierungen der Historikerin bedient. Das kann jeder nachlesen, der es möchte. Es tut nur keiner.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema zurück, dem derzeitigen journalistischen System. Der Artikel in der SZ hat mir weh getan, weil ich das Blatt für eigentlich sehr seriös halte, und mich diese Form von Gefälligkeitsschreiberei schon überraschte. Der Autor sprach am Abend vor der Veröffentlichung mit mir, war aber nicht bereit, mit Katrin Tempel, der Produktionsfirma, oder dem Sender zu sprechen. Er ging auch auf meine Erklärungen gar nicht ein, sondern betonte immer wieder, er sei selbst Historiker, und könne die Empörung der Kollegin verstehen. Nun mag man (wenn man will) die Empörung verstehen, aber das sagt immer noch nichts über die Legitimität des Anspruchs. Im vorletzten Absatz des Artikels muss der Autor, nachdem er böse (und abfällig) gegen die Arbeit von Katrin und mir getrommelt hat, selber zugeben, dass der Vorwurf auf nicht einmal tönernen Füßen steht: „Grundsätzlich ist wohl wenig dagegen zu machen, wenn Zweitverwerter wichtige historische Stoffe verhackstücken“. Aha.

Ich hakte den Artikel als Enttäuschung ab, weil ich sowas von der ehrenwerten SZ nicht erwartet hatte. Das muss der „Journalist“ mit sich selber ausmachen. Es wurde nur immer deutlicher, dass es keinen wirklichen formulierten Vorwurf gab. Was GENAU hatten wir denn nun eigentlich Schändliches getan? Nachdem historische Fakten keine schützenswerten kreativen Eigenleistungen sind, kann es ja kaum ein Plagiat sein. Und die fehlende Anerkennung der Leistung der Historikern geht ja ursächlich auf ihre eigene konfrontative Strategie zurück – ich hätte mich gefreut, eng mit ihr zusammen zu arbeiten, und sie dafür auch entsprechend zu würdigen.

Ich komme mir langsam vor wie der Angeklagte in Kafkas „Der Prozess“, der keine Ahnung hat, was man ihm vorwirft, und der sich deshalb auch nicht verteidigen kann. Eine Anklage oder Anzeige gegen “Dr. Hope” liegt meines Wissens nach jedenfalls nicht vor.

Mitte der Woche rief dann eine Dame vom „Münchner Merkur“ an, die außer der Tatsache, dass sie wohl seitens der Historikern angespitzt worden war, keinerlei Hintergrundwissen mitbrachte. Den Roman hatte sie nicht gelesen, den Zweiteiler auch nicht gesehen. Als ich meinte, dass es doch besser wäre, wenn sie sich erstmal schlau mache, erklärte sie mir, der Zweiteiler sei ja noch nicht gelaufen – das ZDF verschickt allerdings seit Wochen an jeden Journalisten, der danach fragt, eine Screener-DVD. Die Tatsache, dass es sich bei „Dr. Hope“ um einen Roman und einen TV-Film handelt, und damit eine FIKTIVE Aufarbeitung einer historischen Figur, schien ihr nicht klar.

Interessant war auch die immer wiederholte Frage der Journalistin, was mich als „Science Fiction und Fantasy-Autor“ für „Dr. Hope“ qualifiziere – als ob ich das rechtfertigen müsse. Ich wies sie darauf hin, dass ich als Drehbuchautor wie ein Journalist arbeite – ich arbeite mich in ein Thema ein. So wie ein Journalist, der für einen Artikel über Gärtnerei kein ausgebildeter Landschaftsarchitekt sein muss. Die Reduzierung meiner Arbeit auf „Science Fiction und Fantasy“-Autor hatte die Journalistin übrigens „bei Wikipedia gelesen“ (schon der Blick in meine Bio auf meinem Blog wäre wohl zuviel der Recherche gewesen).

Die Frage, was eine Historikern denn qualifiziert hätte, ein fiktionales Drehbuch zu schreiben, blieb unbeantwortet. Oder die Frage, was genau der rechtlich relevante Vorwurf sein soll.

Bald fiel natürlich das Stichwort „Hegemann“. Ich erklärte ihr seufzend die Rechtslage – mit Hegemann ist das nicht vergleichbar, allenfalls mit „Tannöd“. Und bei „Tannöd“ hat der Autor des Sachbuches (natürlich) verloren. Weil historische Fakten – seufz – nicht schützbar sind. Als ich die Journalistin bat, statt der  hingenommenen Behauptung der Historikerin doch einfach mal einen Anwalt zu fragen, was denn die Tatsachen sind, legte sie einfach auf. Und mir schwante: Es wird nicht erzählt, was zu erzählen ist, sondern was sich als sexy „Täter/Opfer“-Geschichte verkaufen lässt.

Und so ist der Artikel auch erschienen – mit vielen relativierenden „soll“, „angeblich“, und „womöglich“. Tenor: Arme Historikerin von skrupellosen TV-Schreiberlingen über den Tisch gezogen. Und schon meldet „turi2“: „Das Drehbuch des TV-Zweiteilers “Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf” mit Heike Makatsch in der Hauptrolle soll teilweise identisch sein mit einer Biographie, die von der bayerischen Historikerin Marita Krauss verfasst wurde.“

Es ist nicht wahr. Aber es liest sich gut. So schnell wird aus einer Ähnlichkeit dann auch „teilweise identisch abgeschrieben“. Was nicht stimmt, und für jeden überprüfbar ist, der sich die in jedem Buchladen erhältlichen Werke mal durchliest. Aber wer hat schon die Zeit? Journalisten bestimmt nicht.

So bleibt ein „Fall“, der keiner ist – und der massive Versuch, meine Reputation (und die meiner Koautorin) zu schädigen. Wir haben nicht abgeschrieben. Wir haben recherchiert. Wie das jeder gute Autor tut. Es wurden keine Ideen und Formulierungen aus irgendeiner Quelle übernommen. Wir haben zu jeder Zeit unsere Quellen offen gelegt, und „Dr. Hope“ ist eine 100prozentige kreative Eigenleistung. Wir dulden keinen Versuch, diese zu kapern. Rechtliche Schritte behalten wir uns nicht nur vor, wir gehen sie auch.

Aber das will wohl keiner hören.

Mir wurde nun klar, dass meine Strategie, offensichtlich tendenziellen Journalisten, die ihre Story schon fertig haben, meine Zitate nicht freizugeben, nach hinten losgeht. Damit ist die einzige laute Stimme da draußen die der Historikerin – und die bleibt unwidersprochen.

Ich habe viel über Journalismus gelernt in dieser Woche – und wenig, was ich wissen wollte.

Das hier ist meine Seite der Geschichte. Glaubt, was ihr für richtig haltet. Ich werde kämpfen.

Karma reloaded: Wortvogel is back!

Gepostet am 30. Januar, 2010 um 16:14 Uhr
Kategorien: Neues, Privates.

12.000 Meilen, davon 2000 mit dem Auto, neue Outfits, mehrere Länder, unendlich viele Menschen, unendlich viele neue Eindrücke, und am Ende ein Glückskeks mit dieser ungewöhnlich konkreten Botschaft:

keks

Zur Lage der Nation

Gepostet am 8. Januar, 2010 um 17:49 Uhr
Kategorien: Gedanken, Neues, Privates.

Wortvogel bei einer Senfprobe

Es ist einigen von euch sicher aufgefallen – zumindest in den letzten vier Wochen hat es wenig wirklich diskussionswürdige Beiträge hier gegeben. Ich habe euch nicht nennenswert Frohe Weihnachten gewünscht, das Neue Jahr ohne retrospektives Feuerwerk eingeleitet, und meine große Überprüfung der “Prophezeiungen 2009″-Show steht auch noch aus. Von der Idee, 250 Filme in dem Jahr zu besprechen, musste ich mich schon im Oktober verabschieden. Wann habe ich das letzte mal einen Uwe Boll-Film zerlegt? Ich weiß es nicht.

Keine Sorge, mir ist nicht langweilig geworden, und ich werde dem Wortvogel auch nicht den spirreligen Hals umdrehen.

Es war nur einfach… zuviel.

Nach einem aus verschiedenen Gründen eher deprimierenden ersten Halbjahr machte ich im zweiten Halbjahr 2009 den Fehler, mich in zwei Dutzend Projekte gleichzeitig zu stürzen, um das auszugleichen. Romane, Moderationen, Drehbücher, Reportagen, Seminare. Ich habe alles “on time and on budget” abgeliefert. Egal wie. Und zu welchem Preis.

Nur ist dabei meine Freizeit auf der Strecke geblieben, mein Privatleben, meine Gesundheit. Ich komme kaum noch dazu, Bücher zu lesen, Filme zu schauen, Freunde zu treffen, Beiträge zu schreiben – Grundgütiger, oder wenigstens mal eine halbe Stunde lang die Wand anzustarren! Ich ernähre mich ungesund, lasse meine Fitnessstudio-Mitgliedschaft schleifen, und huste gefährlich viel. Heiligabend war ich krank, und habe als Bescherung in ein Waschbecken gekotzt. Schön war das nicht.

Ich war immer stolz darauf, sehr selbstbestimmt zu leben. Wenn ich morgens nichts aufstehen will, muss ich auch nicht. Wenn mir die neue Folge “Bones” wichtiger ist als mein Arbeitspensum, dann ist das halt so. Und wenn ich bis drei Uhr in der Früh “QI”-Folgen durchnudel, steht mir das frei.

Das habe ich verloren. Ich war in den letzten sechs Monaten fremdbestimmt, habe oft nur noch “funktioniert”, und das meistens auf Reserve. Deadlines, Deadlines, Deadlines. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, mich aufzuregen – ging was schief, habe ich mit den Schultern gezuckt, und gemurmelt: “Klar, warum nicht das auch noch? Sicher”. Ärger mit der Wohnung in Düsseldorf? Ein Virus macht meinen Rechner platt? Die Putzfrau kündigt? Meine Küchenuhr fällt krachend von der Wand? Ist doch jetzt auch egal.

Natürlich habe ich damit 2009 ganz gut verdient, und mir viele Möglichkeiten für 2010 aufgemacht. Ich bin auch durchaus stolz auf einige der Sachen, die am Ende dabei rausgekommen sind (die Leipzig-Moderationen, die LandIdee-Artikel, der neue Nibelungen-Band). Es stehen auch noch spannende Sachen an. In den nächsten Monaten erscheint der neue Roman, und mein Zweiteiler “Dr. Hope” wird endlich im Fernsehen ausgestrahlt. Das macht mich glücklich – und es schließt das Projekt nach unglaublichen sechs Jahren ab.

Aber so kann es nicht weitergehen, das ist mir um den Jahreswechsel herum klar geworden. Noch so ein Jahr stehe ich nicht durch. Die Batterien sind alle, und bei einem Mann von 41 laden sie auch nicht mehr so schnell wieder auf wie bei einem Mann von 21. Ich muss haushalten lernen, und wieder mehr auf meinen Körper hören.

Ich fahre am Wochenende für zweieinhalb Wochen in Urlaub. Ich weiß noch nicht einmal, wohin. Es war keine Zeit, groß was auszusuchen. Das entscheidet sich am Last Minute-Schalter. Ich nehme Bücher mit, Filme, Notebook, und eine Liste von Themen, die ich seit Ewigkeiten schon für mein Blog aufarbeiten wollte. Vor allem aber nehme ich den Vorsatz mit, zur Ruhe zu kommen. Einen weniger hektischen Blick zu finden. Die Uhr nicht mehr für den Feind zu halten.

Auch während des Urlaubs werde ich, sofern ich nicht auf einer Arktis-Station ohne Internet-Anschluss lande, Kontakt halten. Kinokritiken veröffentlichen (GI Joe, Der Typ vom Grab nebenan, Give em Hell Malone, The Road, Zombieland, Pandorum), Film Funnies (ich mag sie – rutscht mir doch den Buckel runter), Essays. Ich bin also weg, aber weiterhin da.

Der Urlaub kann nicht alle Probleme lösen, mich schwuppdiwupp wieder frisch und heiter machen. Soviel kann ich nicht verlangen. Aber er soll den Wendepunkt markieren.

2010 (das für mich offiziell mit einem Monat Verspätung beginnt) möchte ich dann einiges anders machen. Weniger arbeiten, serieller, nicht immer mit sieben Bällen gleichzeitig jonglieren. Ich möchte mich auf Projekte besser vorbereiten, und sie besser nachbearbeiten können. Ich will Dinge schreiben, für die ich keinen Auftrag habe, sondern die mir am Herzen liegen. Mal wieder ausloten, was ich noch so alles kann. Mich herausfordern. Besser werden. Anspruch leben.

Ich will kein neuer Mensch werden. Ich will wieder ganz der Alte sein.

Und dann bombardiere ich euch mit Beiträgen, dass euch die Ohren schlackern.

Ich hab’s schwarz auf weiß!!! (ähem…)

Gepostet am 5. Januar, 2010 um 20:03 Uhr
Kategorien: Neues, Privates.

Neulich hatte ich mal wieder Brief-Spam im Postkasten. Diesmal wollte man mir eine Domain andrehen. Finde ich gut, wie die mir Honig um den Bart schmieren:

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Mein klitzekleines Ibiza-Tagebuch (2)

Gepostet am 12. Dezember, 2009 um 13:55 Uhr
Kategorien: Gedanken, In Arbeit, Neues, Privates.

Jeder sollte einen Ort wie Ibiza haben, an dem er sich in harten Zeiten vergraben kann, um herkulische Aufgaben ungestört von der schnatternden Restwelt zu erledigen. Ich lerne wieder einmal, dass epische Romane nicht zu den Dingen gehören, die man in einem Multitasking-Kontext nebenher erledigen kann. Das braucht Ruhe, und Fokus. Sangria hilft auch.

Natürlich vermisse ich die neusten Folgen von House, Bones, und Lie to Me. Ich bekomme weder die TV-Quoten mit, noch den Fortgang der Verhandlungen über die Gesundheitsreform in den USA. Aber das wird sich nachholen lassen, wenn ich zurück bin. Ich beschließe außerdem, im ersten Halbjahr 2010 nochmal strikt für Urlaub nach Eulalia zu kommen. Wenn es draußen 30 Grad hat. Wenn man den faulen Hintern an den Strand knallen kann. Wenn alle guten Restaurants der “Fressmeile” wieder auf haben. Sollte der Besitzer der Wohnung allerdings jemals einen Internet-Anschluss legen lassen, sehen die mich hier nie wieder. Dann ziehe ich vermutlich in eine Blockhütte nach Schweden.

Unter solchen Umständen werden Bestseller geschrieben!

5.12.: Noch schlechter geschlafen, eigentlich kaum. Entweder bricht sich die gesammelte Erschöpfung von 2009 Bahn, oder ich bin schlicht aus-geschlafen, und sollte die Pooferei wieder reduzieren. 15 Grad, sehr sonnig. Spülen. Ich gehe Kleinkram einkaufen, Batterien, Cola, Bananen. Danach Fotos – das beneidenswerte Wetter muss ausgenutzt werden. Der Roman wird recht politisch, und hat unerwartete Parallelen zu verschiedenen historischen Ereignissen der letzten 300 Jahre. Entscheide mich, heute auch den Epilog zu schreiben, um eine genauere Vorstellung von der zu bewältigenden Restmenge zu bekommen. Es werden fünf Seiten. Das reicht. Mein Unterbewusstsein murmelt ständig: noch fünf Tage, noch fünf Tage, noch fünf Tage. Aber egal: Jetzt ist Zielgerade! Brate zum Abend Frikadellen, schaue “Tough guys don’t dance”, und Folgen von “Saturday Night Live” aus den 70ern. Seitenstand: 350.

So geht es prima in den Abend

6.12.: Geschlafen. Nicht wirklich gut, aber geschlafen. Entweder hat es wieder 15 Grad bei strahlendem Sonnenschein, oder das Thermometer ist kaputt. Ich schreibe auch am Sonntag/ Nikolaus – no rest for the wicked! Mein Zeitgefühl geht völlig verloren, ohne dieses Tagebuch wüsste ich nicht, wie lange ich schon hier bin. Es kommen die grundsätzlichen Fragen auf – habe ich am Anfang des Romans genügend Tempo drin? Hätte ich eine distanziertere, weniger echtzeitige Erzählform für den Einstieg finden können? Geht es, besonders in der ersten Hälfte, zu sehr um Sex? Geht es bei den Nibelungen überhaupt um etwas anderes? No regrets – hinterher ist man immer schlauer. Zum Ende muss ich die Szenen genauer vorplanen, weil der Roman die vereinbarte Länge haben soll. Sieht gut aus. Bin spektakulär früh fertig. Trip zum Internet-Café: 171 Emails downloaden, drei Beiträge uploaden. Schicke bisherige Ergüsse als Email an mich selbst (siehe –> Autoren-Paranoia). Graf Lambsdorff ist tot. Ich schaue “Infestation” – cool ekliger B-Käfer-Grusel. Warum macht ProSieben nicht mal sowas? Seitenstand: 370.

Zunehmende Degeneration mit einhergehender äußerlicher Vergammelung

7.12.: Zweite Woche fängt gut an: 15 Grad laut Thermometer, 20 Grad laut N24. Tatsächlich: Draußen Sommerwetter, und alles blüht um die Wette. Ich dusche ausgiebig, will Brötchen kaufen, Supermarkt hat zu. Egal. Keine Dramen in den 171 Emails. Stress lässt nach. Habe die Adresse des Lektors bekommen, damit der über den Jahreswechsel an die Arbeit gehen kann. Ups: Die Nibelungen reden diesmal anders als früher – in direkter Rede statt in Italics. Da muss ich nochmal drüber. Man kann ja nicht alles dem Lektor überlassen. Schreibe etwas zäh, brauche bis 20.30 Uhr für das normale Pensum. Es geht jetzt in die letzten Schlachten – mein nächster Roman wird garantiert eine “schwertfreie Zone” (© Kai Meyer). Ächz. Ausflug: In Ibiza Stadt ist kurioserweise Kirmes. Ich esse ein Eis, und versaue mir den Rest des Abends mit “Der Superbulle auf dem KuDamm”. Es gibt keinen Gott, in der Tat. Seitenstand: 390.

Die Sonne knallt hier zum Jahresende nochmal richtig rein!

8.12.: Ich schlafe immer noch unruhig, träume von den Problemen, die ich habe, weil ich unruhig schlafe. Meta-Träume? Deutsche Bäckerei in Eulalia backt kleine Brötchen. Endlich wieder SPIEGEL – macht die größte Isolation von der Heimat baum erträglich. Essay von Sascha Lobo (vs. Schirrmacher) ist auf den Punkt. Kaufe zusätzlich den “Guardian”. Wetter wieder wunderschön. Der Druck im Kopf ebbt ab. Spanier fahren wie Schweine – könnten aber auch deutsche Überwinterer sein. Ich gehe die 400 an, trete ihr gegen das Knie, verhöhne sie, sagte hässliche Sachen über ihre Mutter. Sie gibt auf. <spoiler> Die Bösewichter der Geschichte sterben. </spoiler> Ich starte die fünfte Text-Datei (immer 100 Seiten pro Block, Gewohnheit). Höre schon die Jubelschreie an der Ziellinie. Es siegt so aus, als würde der Roman ein paar Seiten kürzer als geplant – man will das Ende ja nicht ewig hinaus ziehen. Aber solange ich zwischen 400 und 500 Seiten bleibe, ist es vertragsgemäß. Ich mache mir Albondigas warm (vulgo: Hackbällchen), und Bratkartoffeln. Der Rest des Abends gehört Video-Kleinkram, der seit Ewigkeiten auf der Festplatte rumlungert (Dawkins, Dittsche, deutsche Experimentalfilme der 20er, etc.). Seitenstand: 410.

9.12.: Die Arbeit läuft immer besser, der Schlaf immer schlechter. Aber wieder Kaiserwetter bei 17 Grad. Kaufe ein Sixpack Bier, koche sieben Eier hart. Eine Siamkatze schlendert am Pool vorbei. Die Schokolade im Advents-Kalender ist verdorben. SO sollte Milka frisch aus der Folie wahrscheinlich nicht aussehen... Seltsam. Dem Roman fehlt jetzt nur noch der Ausklang, die ordentliche Auflösung der Beziehungen, das finale Verbeugen der Figuren vor dem narrativen Vorhang. Ich bin zuversichtlich, das auch noch zu schaffen. Und tatsächlich: Mit 10 Seiten weniger als erwartet, und einen Tag früher als errechnet, schreibe ich “Ende” in die letzte Zeile. Bin wie immer ein wenig verwirrt: Was mache ich jetzt? Wer bin ich überhaupt? Ich feiere lustlos mit einem Bier und Spaghetti Carbonara. Ansonsten weiß ich nichts mit mir anzufangen. Weil noch Restenergie vorhanden ist, schreibe ich eine Sackladung Kurzkritiken. Der Crash kommt früh genug. Seitenstand: 420.

10.12.: Mich hin und her gewälzt, als lasteten Kindesmorde auf meinem Gewissen. Zur Strafe lange bei wunderschönem Wetter spazieren gegangen, Fotos gemacht, prima Mehrkorn-Brötchen gekauft. Frühstück um 14.00 Uhr, dann Arbeit an weiteren Kurzkritiken. Schließlich lässt es sich nicht vermeiden: Ich führe alle Textdateien zusammen, schreibe den “Nibelungen-Speak” um, schaue nochmal, was die Rechtschreibprüfung sagt, und verfasse einen neuen Text für das Backcover und die Prospekte, der den aktuellen Inhalt wiederspiegelt. So kann es Samstag vom Internet-Café rausgeschickt werden. Die Pflicht ist getan – die Tage bis zum Rückflug dienen der Kür (Ideen, Konzepte, Projekte). Wetterbericht kündigt für den Tag meiner Rückkehr in ganz Deutschland Dauerfrost an, brrr… Reste-Essen, Schnack mit einheimischem Kumpel, der auf einmal vor der Tür steht. Endgültiger Seitenstand: 429.

Auf der Strasse nach Süden...

Wer generell wissen will, warum ich ausgerechnet nach Ibiza fahre, um meinen Roman zu schreiben, kann das hier nachlesen.

Mein klitzekleines Ibiza-Tagebuch (1)

Gepostet am 8. Dezember, 2009 um 21:35 Uhr
Kategorien: Gedanken, In Arbeit, Neues, Privates.

Für jemanden, der sehr viel kommuniziert, ist es eine fast religiöse Erfahrung, zwei Wochen ohne nennenswerten zwischenmenschlichen Kontakt zu sein. Ich spreche mit praktisch niemandem, an manchen Tagen sehe ich auch niemanden. Was ich erlebe, kann ich mit niemandem teilen. Also mache ich, was ich immer mache: Ich schreibe es auf.

Herbstfarben - Ein frisch gepflügtes Feld

29.11.: Abflug zu humaner Zeit. Leider diesmal mit Zwischenstopp in Palma. Mein Flieger ist zu langsam – dafür kann ich direkt in das Insel-Taxi nach Ibiza weiter schlendern. Es regnet. Klasse, da hätte ich auch zu Hause bleiben können. Na ja, ich bin nicht zum Spaß hier. Abholservice bringt mich vom Flughafen zur Wohnung. Alles perfekt wie immer. Beruhigend. Aus dem Regen wird ein schweres Gewitter. Telefon geht nicht. Komisch. Kühlschrank leer, Supermärkte zu, weil: Sonntag und Winter. Ich springe in den Wagen und fahre zur Tanke: Nacho-Chips, eine Dose Ravioli, ein Energydrink. Das muss für heute reichen. Schaue das erste Mal seit Wochen auf meinem Computer einen Film ohne Unterbrechung (“Dolan’s Cadillac”). Falle um 23.00 Uhr tot ins Bett. Morgen stehe ich 9 Uhr auf. Spätestens! Seitenstand: 223.

(mehr…)

Ich nenne es Arbeit…

Gepostet am 28. November, 2009 um 19:25 Uhr
Kategorien: Gedanken, In Arbeit, Neues, Privates.

ibiza

Es ist mal wieder soweit: Um meinen Roman termingerecht zu beenden, fahre ich morgen für einen Schreib-Marathon nach Ibiza (derzeit 21 Grad – da geht noch mehr!). Anders ist das auch nicht machbar. Hier in München bin ich einfach zu sehr abgelenkt. Vor allem: auf Ibiza habe ich kein Internet – und so gut wie niemand meine Telefonnummer.

Ich werde alle paar Tage mal ins Internet-Café nach Eularia schlendern, um Sorge zu tragen, dass Ihr hier keinen Unsinn macht. Mein IT-Experte hat ebenfalls ein Auge auf euch. Wenn abends Zeit ist, schreibe ich sicher auch noch ein paar Beiträge, die ich dann sukzessive freischalte. Irgendwann um den 15.12. herum komme ich wieder. Vielleicht.

In diesem Sinne – bleibt mir gewogen.

Random Charts (10): 6 sehenswerte Serien, die ich nicht gesehen habe …

Gepostet am 21. November, 2009 um 13:47 Uhr
Kategorien: Film, TV & Presse, Gedanken, Neues, Privates.

Es ist eine schaurige Wahrheit: Ich kann nicht alles gucken. Wenn Filme UND Retro-TV, Web-Videos UND Dokumentationen, Kabarett UND Theater sehen will, dann gibt es zwangsläufig Lücken, die man nicht füllen kann, weil der Tag eben doch keine 48 Stunden hat. Ich schaue praktisch von allem die ersten zwei Folgen, um mitreden zu können – aber auf den festen Terminkalender schaffen es nur ganz wenige Serien.

Hier ein paar Produktionen, die ich wirklich gucken würde – wenn ich denn die Zeit dazu hätte.

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Supernatural: Wird mir allenthalben als derzeit beste Grusel-Serie empfohlen. War mir nach den ersten zwei Folgen nicht als sooo toll erschienen, aber ich vertraue da durchaus der Weisheit der Masse. Vielleicht nehme ich mir die DVD-Boxen nach Ibiza mit, um das nachzuholen.

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The West Wing: Ich mag Aaron Sorkin, ich mag Polit-Serien, und schon die Pilotepisode war der Kracher. Freunde wie der DWDL-Chef Thomas Lückerath sind des Lobes voll, und überhaupt – alles mit Martin Sheen ist gut. Nicht zu erklären, warum die Serie in Deutschland nicht gelaufen ist. Jetzt ist es für mich zu spät: 154 Folgen nachholen ist mir ein bisschen zu happig.

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Lost: DIE große Mystery-Serie des neuen Jahrtausends. Fans analysieren Details, wie sie es seit “Twin Peaks” nicht mehr getan haben. Wohl kaum eine zweite Serie wurde so schnell Kult, dann Popkultur, und wird mittlerweile allerorten parodiert. Was mich abgehalten hat: ich bin kein Freund von Ensemble-Serien, und ich habe den dumpfen Verdacht, dass “Lost” am Ende nicht weiß, worauf es hinaus läuft. Und das habe ich schon vor “X-Files” gehasst…

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24: Echtzeit-Action mit Kiefer Sutherland? Sollte ich eigentlich mit Begeisterung dabei sein, zumal ich einen der Erfinder der Serie (Bob Cochran) kenne. Aber irgendwie habe ich an die ganzen Polit-Plots nie andocken können, und ich bin auch nicht sicher, ob ich die Storys moralisch vertretbar finde. Es wird aber sicher der Tag kommen, an dem ich mir einen Kofferraum voller DVD-Boxen kommen lasse…

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The Wire: Mehr Preise, mehr Kritiker-Lob, und konsequentere Huldigung als beste Serie des neuen Jahrtausends kann man nicht bekommen. Jeder, der es guckt, ist begeistert bis ekstatisch. Mein Problem: Ich stehe nicht auf knallharte Krimiserien. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass mich schon zwei Folgen von “The Wire” umstimmen könnten. Darum lasse ich es lieber.

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True Blood: Vergesst “Vampire Diaries”, “Blood Ties”, und “Moonlight”: Die aktuell besten TV-Vampire (und Nacktszenen von Anna Paquin) hat nach Aussagen von Experten die HBO-Serie. Zu blöd, dass ich keine Zeit habe, das nachzuprüfen. Wenigstens habe ich bisher nur 24 Folgen verpasst – vielleicht wird das ja doch noch was.

Es zeigt mal wieder, wie verfickt gut das amerikanische Fernsehen in den letzten Jahren geworden ist, wenn man es sich leisten kann, eine solche Liga von Top-Produktionen ausfallen zu lassen. An embarassment of riches, indeed…

Unter ferner liefen (auch nicht): “Desperate Housewives”, “Dexter”, “Sopranos”, “Prison Break”, “Heroes”, “Legend of the Seeker”, “Stargate Universe”, “The Shield”, und “Mad Men”.

“No soup for you!”: Windows 7-Pleite

Gepostet am 13. November, 2009 um 11:20 Uhr
Kategorien: Gedanken, Neues, Privates.

w7

Ihr erinnert euch vielleicht: am 15. Juli beteiligte ich mich am eher unfairen Wettrennen um die Vorab-Lizenzen für Windows 7. Amazon vergeigte die Sache richtig, aber glücklicherweise bekam ich bei Avitos noch einen Gutschein für das neue Betriebssystem.

Ich war zufrieden.

Nun kam der Release-Tag von Windows 7 (22.10.) – aber das Paket mit der entsprechenden DVD nicht. Kein Problem: Ich habe derzeit genug andere Probleme. Da muss ich mich nicht auch noch mit der Installation eines neuen Betriebssystems herum schlagen.

Nach einer Woche wurde ich aber ein wenig unruhig, kramte die Bestellbestätigung raus und rief bei der Avitos-Hotline an. Man erklärte mir freundlich, dass es nur eine Frage von Tagen sei, bis das OS bei mir eintreffe.

Eine weitere Woche später. Kein Windows 7. Ich google “Windows 7″ und “Avitos”.

Tscha: Hätte man mir auch sagen können, dass die Firma im August in Insolvenz gegangen ist.

Gestern: Ich rufe wieder an. Nun gibt die Hotline wenigstens zu, dass die Firma bankrott ist. Man warte “stündlich” darauf, dass der Konkursverwalter Bescheid sage, wie mit den Bestellungen zu verfahren ist.

Was tun, sprach der Scheich? Ich sehe drei Szenarien:

  • Avitos rückt die Kopie von Windows 7 noch raus – die bieten das OS auf ihrer Webseite ja auch noch fleißig an.
  • Avitos stellt sich tot – dann habe ich wenig Möglichkeiten.
  • Microsoft erklärt sich bereit, gegen Vorlage der Kaufbestätigung zumindest einen Download von Windows 7 für geprellte Käufer zu ermöglichen. Und der Mond ist aus grünem Käse.

Prima. Ganz prima.

UPDATE: Nachdem ich mich in einigen Foren schlau gelesen habe, und eben nochmal die Hotline dran hatte, sieht es so aus: Windows 7 wird angeblich definitiv ausgeliefert, sogar schon dieser Tage. Ich  muss Avitos lediglich bestätigen, dass meine Bestellung in die Konkursmasse aufgenommen wird (simple Email). Sollte dem so sein, will ich mich nicht weiter beschweren. Warten wir es ab…

UPDATE 2: Die Bestätigung des eben genannten Vorgangs: “Sehr geehrter Herr Dewi, heute haben wir eine gute Nachricht für Sie: Ihre bei der AVITOS erworbene Windows 7 Version kann an Sie ausgeliefert werden.”

Jetzt muss es nur noch kommen…

UPDATE 3: Selten genug, dass Geschichten heutzutage noch ein Happy End haben: Mein Windows 7 ist da! Installiert wird es allerdings erst Mitte Dezember, wenn mein Roman fertig ist.

Das Haus auf der anderen Straßenseite…

Gepostet am 2. November, 2009 um 14:43 Uhr
Kategorien: Gedanken, Neues, Privates.

haus

… ist kein schönes Haus. In unserem Viertel ist es sogar sowas wie ein Schandfleck. Der Putz bröckelt ab, die blass-blaue Farbe ist fleckig, und in den verzogenen Fenstern hängen dicke, von Schmutz und Nikotin trübe Gardinen, die sich nie bewegen, und bei Berührung vielleicht zu Staub zerfallen. Abends, wenn in den Wohnzimmern zur Straße mattes Licht scheint, kann man viel Gerümpel sehen, und auf den Fensterbrettern stehen seit Jahren Schalen mit Styroporkugeln verschiedener Größe, die jemand in Alufolie gewickelt hat. In einer Wohnung schwenkt manchmal eine Taschenlampe hin und her, als gäbe es keine reguläre Beleuchtung mehr.

Das ist alles, was ich vom kleinen Haus auf der anderen Straßenseite weiß. Ich kenne auch die Menschen nicht, die kaum sechs Meter Luftlinie von mir wohnen. Immer wieder sehe ich Leute, die durch die Haustür treten – aber es sind immer wieder andere. Es gibt keine Kontinuität. Vor Jahren gab es einen alten, gebeugten Mann, der so aussah, als schlurfe er müde zur Kneipe – oder käme gerade von ihr zurück. Wir haben an der Haustür einmal zwei Sätze gewechselt: er sagte, er sei Uhrmacher gewesen, ganz früher. Ich erzählte, dass mein Großvater denselben Beruf hatte. Das war’s.  Seit mindestens vier Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich ist er weggezogen.

Ich ärgere mich manchmal, dass das Haus so verfällt, in direkter Sichtweite. Es würde der ganzen Straße gut tun, wenn mal richtig renoviert werden würde in dem Haus auf der anderen Straßenseite.

Gestern komme ich aus Leipzig zurück. Zwei Paket-Benachrichtigungen liegen im Briefkasten. Eine informiert mich, dass ein Päckchen beim Alten-Pflegedienst an der Ecke abgegeben worden ist. Das kenne ich schon – Pflegedienst oder Teeladen sind die Anlaufstellen der Paketboten, wenn ich nicht daheim bin.

Paketkarte 2 gibt als Adresse “Böhme, Obere Grasstraße 1″ an. Ich weiß zuerst nicht einmal, welches Haus das ist. Ein Nachbar mit dem Namen Böhme ist mir unbekannt. Seltsam. Ich trete aus meiner Haustür.

Nummer 1 ist das Haus auf der anderen Straßenseite.

Ich fluche innerlich ein wenig – es ist kein Haus, bei dem man klingeln mag. In sowas wohnen nur Menschen, mit denen man vermutlich nichts zu tun haben möchte. Aber ich will mein Päckchen.

Fieses Klingelbrett – ein Sammelsurium aus Papier, Klebstoff, Kugelschreiber, Plastik. Teilweise unleserlich. Bis auf ein ordentliches Messingschild: “Böhme – Uhrmacher”. Ich bin überrascht. Das Schild habe ich auch im Vorbeigehen nie gesehen. Ich klingle. Es dauert. Drinnen, im Flur, höre ich eine Wohnungstür klacken. Die Haustür ist nur angelehnt. Ich drücke sie vorsichtig auf, rufe halblaut: “Hallo?!”.

Ein uralter Hausflur ohne Charme, schmal und dunkel, Architektur aus Sperrmüll, führt nach hinten in einen verwahrlosten Hof mit Gestrüpp. Es riecht. Rechts ist eine Wohnungstür nur angelehnt. Ich rufe noch einmal. Nichts passiert. Ich will mein Paket.

Sachte stoße ich die offene Wohnungstür an, sie schwingt auf. Keine Wohnung – ein Apartment aus einer Zeit, als man das vielleicht noch “Herrenzimmer” nannte. Viel zu große, viel zu alte Schränke und Kommoden, aufgestellt ohne Sinn und Verstand, ersticken den Raum. Es sieht mehr nach Abstellkammer als nach Lebensraum aus. Es riecht.

Da ist Herr Böhme.

Es ist der alte Mann mit der Pendlerverbindung Wohnung – Kneipe. Den ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe. Sein Gesicht ist etwas eingefallener als früher, sein Haar noch etwas weißer. Aber er wirkt klarer, präsenter.

Er ist nicht weggezogen. Er sitzt in einem klapperigen Rollstuhl. Unter dem Handtuch, das auf seinem Schoß liegt, sehe ich, dass man ihm beide Beine amputiert hat. Ich frage behutsam nach meinem Päckchen. Er greift hinter sich, reicht es mir. Er spricht nur das Nötigste, aber er tut es freundlich, ohne den Groll, den so viele alte kranke Menschen auf die Welt haben.

Eine Sekunde lang überlege ich, ob ich mich mit ihm ein wenig unterhalten soll. Worüber? Ich lasse es. Und ich bin froh, als ich die paar Schritte zurück in mein Haus geschafft habe. In mein sauberes, aufgeräumtes, frisch gestrichenes, und wohlriechendes Haus.

Aber etwas hat sich verändert, und ich merke es sofort.

Das Haus auf der anderen Straßenseite ist nicht mehr “das Haus auf der anderen Straßenseite”. Es ist jetzt das Haus, in dem Herr Böhme wohnt. Der war mal Uhrmacher. Beide Beine mussten sie ihm abnehmen. Kann einem leid tun.

Wortvogel: By any other name…

Gepostet am 16. Oktober, 2009 um 13:46 Uhr
Kategorien: Neues, Privates.

Ich bin eine Zahlenhure, und darum begeistert mich eine Webseite wie “Beliebte Vornamen” natürlich. Da kann man sich Statistiken, Tabellen, und Listen anschauen, bis der Augenarzt kommt. Zu meiner Überraschung gibt es tatsächlich eine extreme Korrelation zwischen den Vornamen der meisten Leute, die ich kenne, und der Beliebtheit dieser Namen im jeweiligen Geburtsjahr. Dass mein Name seit ein paar Jahren total out ist, hat mich nicht gewundert.

Der Macher der Webseite bat mich neulich um die Beantwortung einiger Fragen zu meinem Namen – habe ich natürlich gemacht.