Off the record – Interview-Erinnerungen (2)

Gepostet am 12. Februar, 2008 um 22:45 Uhr
Kategorien: In Arbeit, Neues, Off the record.

Virginia Madsen, Schauspielerin – „Highlander 2″

(special guest appearance: Christopher Lambert)

Mikro„Highlander 2″ war die erste Weltpremiere, zu der ich eingeladen wurde – was mich schon hätte misstrauisch machen sollen, denn a) seit wann hat ein Fantasy-Blockbuster Premiere in München, und b) wieso wollten die mich wurstigen Nachwuchsschreiberling dabei haben? Egal, ich war begeistert, und damals nahm man noch alles mit, was kostenlos war. Ich trug mich auch für die Interviews ein, und wieder klingelten keine Alarmglocken – ausgerechnet Regisseur Mulcahy war zwar vor Ort, wollte aber nicht Rede und Antwort stehen. Blieben mir nur Christopher Lambert (damals so knapp wie nie mehr davor, ein echter Star zu werden, bis es ihn in die direct to DVD-Hölle verschlug) und Virginia Madsen, die ich bis dato nur in dem exzellenten Neo-Noir „The Dead can’t lie” mit Tommy Lee Jones gesehen hatte.

Das Interview mit Virginia war für den Nachmittag angesetzt, natürlich wieder in einer Münchner Hotelsuite. Wie üblich hatte ich die damals verfügbaren Quellen im Redaktionsarchiv gesichtet, um halbwegs vorbereitet zu sein. Das war noch lange vor dem Internet – ein paar Artikel aus Zeitschriften und die Eintragungen in einem Film-Lexikon mussten reichen.

Zwischenbemerkung: Es hat sich sehr oft gezeigt, dass es extrem von Vorteil ist, sich auf ein Interview wenigstens rudimentär vorzubereiten (was heute dank IMDB und Google wahrlich kein Problem mehr sein sollte). Bei gesichts- und talentlosen Vielschreibern irgendwelcher Pillepalle-Zeitschriften galt und gilt es als akzeptabel, gerade mal den Namen des Interview-Partners richtig schreiben zu können (richtige Aussprache optional). Da laufen die Interviews dann eher ab wie ein Bewerbungsgespräch: Wer sind Sie eigentlich? Was haben Sie früher gemacht? Weswegen sitzen Sie hier? Was machen Sie als nächstes? Möchten Sie unseren Lesern noch was sagen? Können wir schnell ein Foto machen, auf dem es aussieht, als seien wir beste Freunde?

Ich habe im Gegensatz dazu immer versucht, durch die Recherche Themen zu finden, die dem Star augenscheinlich am Herzen liegen, und diese dann als roten Faden für die Gesprächsführung zu nutzen. Und in der Tat haben mir diverse Promis bestätigt, dass es extrem erfrischend sei, jemanden zu treffen, der mehr Infos parat habe, als in der Kurzzusammenfassung des Presseheftes stehen.

Madsen in Highlander IIBei Virginia Madsen war ich im GONG-Fotoarchiv auf die Aufnahme eines Bikinis gestoßen – ohne Virginia drin, wohlgemerkt (schade). Ich steckte das Dia ein, und zeigte es ihr zu Beginn des Interviews mit der Frage, ob sie wisse, wieso wir das im Archiv hätten. Sie lachte herzlich, und erklärte mir, dass der Bikini von ihr mal für wohltätige Zwecke versteigert worden sei. Schon war das Eis gebrochen. Wir redeten über Gott und die Welt, ihren damaligen Ehemann Danny Huston (mit dem sie gerade „Becoming Colette” gedreht hatte), über „Hot Spot” von Dennis Hopper, und die Schwierigkeit, als Schauspielerin unter 30 ernst genommen zu werden.

Nur bei den Antworten zu „Highlander 2″ wurde sie erstaunlich mechanisch: es habe riesen Spaß gemacht, bunte Unterhaltung für die ganze Familie, so was muss ja auch mal sein, etc. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass sie sich selbst einen Maulkorb auferlegt hatte (siehe auch Clive Barker). Ich bohrte ein wenig nach: Was sie denn selber von „Highlander 2″ halte? Virginia wand sich sichtlich: „Na ja, vielleicht hätte man ein bisschen mehr Augenmerk auf die Story legen können als auf die Spezialeffekte – aber es soll ja auch nur Unterhaltung sein”. Das ist sicher bis heute die negativste Aussage, die ich je auf einer Promotour über einen Film gehört habe (wenn man von der Pressekonferenz mit Götz George zu „Die Sturzflieger” mal absieht).

Highlander IIDas Interview mit Lambert fand an diesem Nachmittag nicht statt – der Star sei unpässlich, hieß es, vielleicht könne man das später im mondänen Park Café nachholen, wo die Party nach der Premiere stattfände. Okay, dachte ich – schauste dir zuerst einmal den Film an. Er lief im (mittlerweile abgerissenen) alten Mathäser, einem der größten Kinosäle Deutschlands. Man muss dazu wissen: Ich bin ein großer Fan sowohl des ersten Highlander-Films, als auch der ganzen Mythologie (inkl. TV-Serie). Aber als nach zwei Stunden im Saal das Licht wieder anging, spukte durch meinen Kopf der Spruch, der die Franchise seither böse verfolgt: „Es kann nur einen geben – und dabei hätte es bleiben sollen!” Die Fortsetzung war ein komplettes Desaster, und wenn ich mich recht erinnere, ist das im Kino gezeigte Ende am nächsten Tag schnörkellos rausgeschnitten worden (Connor wird zu einem Sternenwesen mit Strahlenkranz, der dann irgendwie noch Herzchenform annimmt).

Tatsächlich traf ich Christopher Lambert dann noch im Park Café – aber an ein Interview war nicht zu denken: Er war sturzbesoffen. Ich konnte es ihm wahrlich nicht verdenken…

Wolf Larson, Schauspieler – “Tarzan”

Der langmähnige Tarzan-Darsteller wurde von SAT.1 nach München geholt, denn der Sender hatte die neuen Abenteuer des Dschungel-Königs eingekauft. Im Pressematerial hielt man sich sehr bedeckt, was die Vergangenheit des Sonnyboys aus Kalifornien anging – es wurde nur erwähnt, dass er kleinere Rollen im Fernsehen gespielt hatte, und sich für wohltätige Zwecke einsetzte (sowas kommt immer gut).

Sidaris and GirlsIch wusste es aber besser. Als gestählter Trashfilm-Fan kannte ich Larson aus den Andy Sidaris-Filmen “Picasso Trigger” und “Hard Ticket to Hawaii”. Dazu muss man wissen, dass Andy Sidaris immer sowas wie der Russ Meyer des Actionfilms war: Er drehte kleine, rasante Heuler mit Playmates und Muskelmonstern in den Hauptrollen, und heuerte als Bösewichte gerne ausgemusterte Hollywood C-Ware an (Pat Morita, Erik Estrada). Blanke Brüste, Explosionen, Verfolgungs- jagden, und zumeist die schöne Szenerie von Hawaii oder Texas geben den Sidaris-Filmen ihren ganz eigenen Charme.

Tarzan CastZuerst einmal lief das Interview sehr nett und höflich ab – Larson war offensichtlich ein Profi. Er erzählte vom Stolz, Tarzan spielen zu dürfen, und von der Vorbild-Funktion, die damit einher ging. Natürlich mache er alle Stunts selber, schade sei nur, dass der Tarzan-Schrei immer noch das Original aus den Weissmueller-Filmen sei. Die neben ihm sitzende Pressedame von SAT.1 war sichtlich zufrieden mit dem Fortgang des Interviews, und entschuldigte sich, um draußen nach dem nächsten Journalisten zu schauen. Die Tür war noch nicht ganz zu, da fragte ich Larson, was mich wirklich interessierte: “Wie war eigentlich die Arbeit mit Andy Sidaris?”

Ich befürchtete einen Moment lang, Wolf würde sauer sein, oder eine Antwort verweigern, weil er ja nicht hier saß, um seine alten Video-Kracher zu diskutieren. Aber stattdessen strahlte er auf einmal über das ganze Gesicht und rief: “Echt – du kennst Andy Sidaris?” Es sprudelte nur so aus ihm heraus: Es sei total cool gewesen, die Filme auf Hawaii zu drehen, man habe ständig knackige Mädels um sich gehabt, und am Abend wäre im Hotel immer fett Party gewesen. Besser hätte er es noch nie erlebt. Klar, die Filme seien letztlich Geschmackssache, aber er würde nie ein böses Wort über Andy verlieren.

Hard Ticket to HawaiiNach einem Weilchen Geplaudere über das Actionfilm-Business kam die SAT.1-Dame wieder rein, und war sichtlich erfreut, dass wir uns so gut verstanden. Wolf begleitete mich noch zur Tür, und bedeutete der Aufpasserin, dass er noch eine Minute mit mir allein haben wolle. Dann drehte er sich zu mir, und sprach eher leise: “Pass auf – diese Tarzan-Serie ist nicht so der Bringer, das weiß ich selbst. Wir hatten wenig Geld, und das musste auch alles übers Knie gebrochen werden. Aber die Staffel 2, die wir gerade gedreht haben, ist deutlich besser. Mit Sid Hayers haben wird da auch einen echten Profi-Regisseur dabei. Also sei bitte nicht so hart mit den ersten Folgen, okay?”

Tatsächlich ging ich mit der halbstündigen Serie nicht sehr streng ins Gericht – es war eine harmlose Produktion für Kids, die man ohne Stress gucken konnte, auch wenn sie dem Tarzan-Mythos nichts hinzufügen konnte. Genug Futter für eine nette halbe Seite im GONG.

Kurioses Detail am Rande: Ein paar Jahre später sollte die neue Serie “Tarzan: The Epic Adventures” (Fantasy-Quatsch im “Hercules”-Fahrwasser) nach nur einer Staffel eingestellt werden. Weil man aber weltweit zwei Staffeln vorverkauft hatte, behalf man sich damit, die Staffeln 2 und 3 der Larson-Serie (die vielerorts noch nicht gelaufen war) zu einer neuen einstündigen Staffel zusammen zu schneiden.

Und Wolf Larson? Der besann sich wieder auf seine Actionwurzeln, drehte die coole Serie “L.A. Heat”, war in Martial Arts-Machwerken wie “Expect no mercy” dabei, und ist heute immer noch hie und da in TV-Filmen zu sehen.

Off the record – Interview-Erinnerungen (1)

Gepostet am 3. Februar, 2008 um 01:08 Uhr
Kategorien: In Arbeit, Neues, Off the record.

(c) PixelioInterviews habe ich in meinem Leben wahrlich genug geführt. Meistens steht dann in den dazugehörigen Artikeln nur das, was gesagt wurde – nicht das, was ich mit den Stars erlebt habe. Ich habe auf Ibiza mal eine Weile in meinen Erinnerungen gekramt, und ein paar Geschichten ausgegraben, die ich gefahrlos erzählen kann, weil ich meine Gesprächspartner dabei nicht der Lächerlichkeit preisgebe.

Auch hier gilt wie so oft: Es sind persönliche Reminiszenzen, verblasst in zwei Jahrzehnten, und sicher nicht tauglich als allgemeingültige Charakterprofile der vorkommenden Personen.

Clive Barker, Horrorautor

Es war eines meiner ersten Interviews für den GONG (natürlich wurde es nie verwendet – was sollte der GONG mit einem Barker-Interview?!), und ich war komplett unvorbereitet. Damals war Barker gerade das Wunderkind des Horrors, und hatte seine Reputation noch nicht mit fast King’scher Konsequenz ruiniert. Im Gegensatz dazu tippte ich beim GONG die Programmspalten von SAT.1, und hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, mir ein Diktiergerät zu kaufen. Der stellvertretende Chefredakteur kramte aus irgendeiner Schublade einen Kassettenrekorder vom Format einer Schuhschachtel hervor, der so alt war, dass er schon wieder als retro-futuristisch durchging.

Anlass des Interviews war der Deutschland-Start von „Nightbreed”, und ich traf den entspannten und oberflächlich gut gelaunten Autor in einer Münchner Hotel-Suite. Im Hintergrund wuselte permanent ein in seltsame Lederklamotten gekleideter „Assistent” herum – ich wusste damals nicht, dass Barker schwul war, und gerne sein „boy toy” dabei hatte. Kein Problem. Obwohl der Autor etwas gelangweilt wirkte, spulten wir die erste Runde an Fragen professionell herunter, und er gab auf die üblichen banalen Fragen die üblichen banalen Antworten: Dreharbeiten waren toll, alle Schauspieler super, eigene Vision verwirklichen, etc. pp. Ein bisschen Spaß hatten wir, als ihm auffiel, dass mein uraltes Diktiergerät gar nicht lief, und wir eine Viertelstunde daran herumfummelten, bis es ging.

Clive BarkerUnd dann machte ich einen bösen Fehler: Ich hatte „Nightbreed” nämlich im Gegensatz zu meinen Kollegen schon gesehen – als drittklassige Raubkopie auf Video. Und er hatte mir nicht gefallen – die Mythologie war komplett unausgegoren, die menschlichen Figuren ohne Tiefe, und das Ende war blödes Remmidemmi. Natürlich konnte ich das Barker nicht sagen – also behauptete ich, vor kurzem in Irland gewesen zu sein, wo der Streifen schon gezeigt worden war. Barker horchte merklich auf, und wollte wissen, wie ich „Nightbreed” fand.

Merke: Auf Promotiontouren sind kritische Fragen unerwünscht, und die Meinung des Interviewers ist sowieso irrelevant. Die Stars sind ausschließlich vor Ort, den Start ihres Produkts anzukurbeln, und werden einen Teufel tun, ehrliche Antworten zu geben. Es ist eine Werbeveranstaltung. Ebenso könnte man verlangen, dass Mercedes im Werbespot für den neuen 180er sagt „Gut, die Heckpartie ist uns nicht so gut gelungen, aber man kann ja nicht alles haben”. Um ehrliche Antworten von Stars zu bekommen, muss man sie außerhalb der Pressereisen erwischen, wenn sie nichts zu verkaufen haben. Vielleicht bei einem Bier.

Aber das wusste ich damals leider nicht. Und deshalb sagte ich Barker vorsichtig, dass ich „Nightbreed” ganz gut fand, aber das Ende doch vielleicht etwas unbefriedigend sei?! Schlagartig fiel die Maske, und Barker funkelte mich wütend an. Na, das sei doch wohl nur meine Meinung, grummelte er. Überhaupt, das Ende sei sehr stimmig. Nein, also es stünde mir kaum zu, so zu urteilen, wo ich doch offensichtlich seine Intention nicht verstanden hätte.

Das Interview dauerte noch zwei gequälte Minuten. Dann war ich draußen – und hatte meine Lektion gelernt.

Katey Sagal, Schauspielerin – „Peggy Bundy”

Ich traf sie in der Bar eines Münchner Hotels, das muss wohl 1994 gewesen sein. Sie war angereist, um ihre neue Platte bei „Wetten dass…?” vorzustellen. Interessant war sie für die meisten deutschen Medien trotzdem nur als schrille Trash-Mutter aus der Erfolgsserie „Eine schrecklich nette Familie”. Mir fiel auf, wie komplett sie diesem Image widersprach – eine schöne, reife Frau mit brünetten Haaren, angenehm dunkler Stimme, und einer eher vorsichtigen Art.

Müde war sie. Und ein halbes Dutzend Interviews hatte sie bereits hinter sich. Ihre Antworten fielen dementsprechend professionell-knapp aus. Man merkte, dass sie weder Lust auf Plauderei noch auf Anekdötchen hatte – und damit nicht ergiebiger war als ein beliebiger Pressetext.

Katey SagalIch hatte mich vorher im Mikrofiche-Archiv des GONG schlau gemacht: Katey war vor einigen Monaten (und geraume Zeit nach einer in der Presse breitgetretenen Fehlgeburt) Mutter geworden. Also entschloss ich mich zu einer frechen Lüge, um sie ein wenig aus der Reserve zu locken: Ich erwähnte ganz beiläufig, dass ich rechtzeitig Feierabend machen müsse, weil meine Freundin zu Hause das gemeinsame Kind versorge. Der Effekt war erstaunlich: Katey war schlagartig hellwach, zog ein Bild ihrer Tochter aus der Handtasche, sprach von den Freuden der Mutterschaft, und den Schwierigkeiten, das alles mit einer Karriere unter den Hut zu bringen. Über diesen Bogen kamen wir auch auf ihren Vater, den legendären Regisseur Boris Sagal.

Es wurde ein spannendes, informatives Interview, und am Ende gingen wir wohl beide zufrieden auseinander.

War es okay, dass ich Katey Sagal angelogen habe, um das Interview in die Gänge zu bekommen? Vielleicht nicht. Ich fand es aber legitim – zumal keine Lüge im gedruckten Interview erschien. Was der Leser bekam, war authentisch. Letztlich hätte ich Katey auch über die Liebe zur Musik oder zu Venedig aus der Reserve locken können. Es sind die kleinen Tricks, die ich durchaus akzeptabel finde. Ich habe ihr dafür nie vorgemacht, ihr bester Freund und Vertrauter sein zu wollen – wie es viele Kollegen als „Türöffner” gerne tun.

Coming up: Christopher Lambert, Virginia Madsen, Brian Bosworth, Wolf Larsen, Don Bluth, Gates McFadden, George Takei, Chris Carter, JMS, und viele mehr…