Neueinsteiger bitte Teil 1 lesen!
Freitag Nachmittag, Ende April 1990. Mir ist gerade ein Praktikum zugesichert worden – für ab Montag. Und es klang gar nicht nach einem gemeinen Scherz.
Es gibt Momente, da muss man sich entscheiden. Ich habe keine Wohnung in München, keinen Plan, kein Geld, und nur 48 Stunden übers Wochenende, alles zu organisieren. Zu wenig Zeit, um Angst zu haben.
Also mache ich mich auf den Weg zur Mitwohnzentrale, lasse mir ein paar Adressen von potentiellen kurzfristigen Wohnorten geben. Dann rufe ich beim Sozialdienst in Düsseldorf an: Sie sollen die Papiere für einen dringlichen Eilantrag fertig machen – ich muss eine Freistellung für zwei Monate erreichen. Glücklicherweise ziehen meine Kollegen mit, und machen es möglich, auch wenn es den ganz kurzen Dienstweg nehmen muss.
Samstag, zurück in Düsseldorf. Ich telefoniere mich durch die Liste von der Mitwohnzentrale. Sieht nicht gut aus. Alles zu kurzfristig. Dann: Eine ältere Dame aus Fürstenried meint, ihr möbliertes Zimmer sei noch nicht vermietet, ich könne gerne gleich am Sonntagabend vorbei kommen. 400 Mark. Muss gehen. Ich packe einen Seesack mit Klamotten, für Details ist keine Zeit. Schnell noch ein paar Instruktionen für meine WG-Bewohnerin (sie muss auf Marlowe aufpassen), dann sitze ich schon wieder im Zug nach München. Ich bin aufgeregt, aber zu überfordert, um die Bandbreite der Situation zu erfassen.

München. Ich bin da.
Es ist weit nach Fürstenried. Damals fehlten der U-Bahn noch ein paar Stationen. Ich schleppe meine sieben Sachen in die U-Bahn, von der U-Bahn zur Straßenbahn, dann noch eine halbe Stunde zu Fuß.
Sonntag Abend: Ich klingle bei Frau Gerdom. Sie öffnet – und ist sichtlich baff angesichts des Seesacks auf meiner Schulter. Schnell stellt sich heraus: Sie will mich nicht sehen, um mir das Zimmer zu geben. Ich soll mich dafür vorstellen! Und in den letzten 24 Stunden hat sie es schon einem anderen Herrn versprochen.
München. Ich bin obdachlos. Am Tag vor meinem Praktikum.
Verzweifelt erkläre ich der erhofften Vermieterin meine Situation. Ich kann nirgendwo hin. Wenn ich nun gehe, muss ich zurück nach Düsseldorf. Das war’s dann. Ich habe Glück: Frau Gerdom bringt es nicht übers Herz, mich wegzuschicken. Ich kriege das Zimmer, dem anderen Herrn wird abgesagt.
In den kommenden Wochen entwickelt sich ein sehr herzliches Verhältnis zwischen mir und der knapp vor der Pensionsgrenze stehenden älteren Dame, die für die Verwaltung der Amerikaner am McGraw-Graben arbeitet. Ich lerne auch die ersten Tücken des Dialekts: Immer, wenn sie von “Der Mo” spricht, denke ich, sie meint (politisch unkorrekt) einen farbigen Kollegen aus der US-Armee (“der Mohr”). Es dauert ewig, bis ich darauf komme, dass sie generisch von “Der Mann” spricht…
Das Praktikum beim Gong ist anders, als ich erwartet habe. Statt durch alle Abteilungen durchgereicht zu werden, kommandiert man mich ab, die Programmspalten kleinerer Sender auf Schreibmaschine abzutippen. Eine Hilfsarbeit. Von tatsächlichem Praktikum keine Spur. Ist die Arbeit allerdings erledigt, habe ich ausreichend Gelegenheit, bei Kollegen reinzuschauen, Plausch zu halten. Es gibt nur offene Türen, und niemand macht auf “Du, ich hab’ jetzt gerade echt keine Zeit”. Wenn man lernen will und ein wenig Initiative mitbringt, ist man hier genau richtig. Ich bin hier genau richtig.
Und es gibt Geld. Unglaublich viel Geld. 2000 Mark pro Monat. Für meine Verhältnisse bin ich damit stinkreich.
Aber glücklich bin ich nicht. Die Eltern meiner Herzdame erklären unsere Beziehung kurzerhand für beendet, und zu meiner Entgeisterung lässt sie es zu. Unter Tränen zwar, aber dennoch. Mein Herz ist gebrochen, ich habe Heimweh wie Bolle, und täglich telefoniere ich aus der Redaktion mindestens dreimal eine Stunde mit Freunden und Familie in Düsseldorf. Ich kann es kaum abwarten, wieder heim zu kommen. München! Was für eine scheiß Idee!
Typisch: Da ziehste mal wegen einer Frau in eine neue Stadt, und dann lässt sie dich fallen wie eine heiße Kartoffel. Wäre ihr das vor vier Wochen eingefallen, hätte ich meine Pläne noch absagen können. Nun habe ich den Salat. Weiber.
Ich lasse mir aus Frust einen Bart stehen – vielleicht auch bloß, um mich etwas erwachsener zu fühlen.
Dann passiert etwas Seltsames: Die Kollegen in der Redaktion nehmen mich freundlich auf, registrieren mein enzyklopädisches Wissen zum Thema Fernsehen. Ich werde von einem Redakteur mit zu Presseterminen genommen, lerne Schauspieler wie Rainer Schöne kennen (den ich Jahre später bei den Dreharbeiten zu “Ice Planet” wiedersehe), und interviewe Dieter Laser und Jürgen Prochnow!

Kleiner Einschub: Prochnow habe ich nicht für den GONG interviewt, sondern für “Pinboard”, ein kleines Stadtmagazin in Düsseldorf. Aber diese Geschichte auch noch zu erzählen, würde hier zu weit führen.
In München ist das Wetter schön, ich sitze mit Kollegen im Biergarten, gehe mit meiner Co-Praktikantin ins Theater, und habe genug Geld in der Tasche, um nicht ständig zählen zu müssen. In der Redaktion ist es spannend: Die Arbeit mache ich auf einer Arschbacke, daneben verbringe ich Tage im Archiv, lese mich durch alte Ausgaben, schaue TV-historische Fotos an.
Jeden Donnerstag Abend gibt es im Konferenzraum zum Redaktionsschluss der neuen Ausgabe ein Buffet. Das ist eigentlich den Manteilteil-Redakteuren aus dem 3. Stock vorbehalten, wir Programmteil-Asseln aus dem 2. Stock haben da nichts zu suchen. Aber es war ein langer Tag, ich war fleißig, und ich habe Hunger. Irgendwann sitzt mir Chefredakteur Helmut Markwort gegenüber. Ich schaue konsequent auf meinen Teller, hoffe, nicht aufzufallen. Umsonst. Er sagt plötzlich: “Wer sind Sie denn eigentlich, junger Mann?”. Ich schlucke runter, stammle: “Ich… ich bin niemand. Bloß aus dem Programm”. Er schüttelt den Kopf: “Es gibt bei uns keinen Niemand. Sie gehören dazu, das zählt was”. Dann wünscht er mir guten Appetit.
Wenn ich überhaupt irgendwas über den GONG sagen kann, dann das: Man gehört dazu. Es ist eine dysfunktionale, aber nichtsdestotrotz eine Familie. Jeder gegen jeden, aber alle gegen den Rest der Welt. Die Redaktion wird die soziale Sphäre, die mir bisher gefehlt hat.
Es gibt auch Sachen, die sind einfach lustig: Nach Bungee-Jumping will eine Firma “Barfly” als neuen Trendsport durchsetzen. Man zieht sich einen Anzug mit Klettstreifen an, springt auf ein Trampolin, und bleibt dann an einer Schaumstoffwand kleben. Als Schreiberling muss ich das natürlich ausprobieren:

Mein Herzschmerz versickert so langsam, und obwohl ich mindestens alle zwei Wochen nach Hause trampe, beginnt mir München zu gefallen. Irgendwann greife ich mir ein Herz und frage den für Praktikanten zuständigen Redakteur, ob es denn möglich wäre, über das Praktikum hinaus zu bleiben. Er schüttelt resolut den Kopf: “Praktikanten werden nicht übernommen. Wir sind voll besetzt”. Schade. Ich richte mich langsam auf meine Rückkehr nach Düsseldorf ein, wo noch zwei Monate Zivildienst zu absolvieren sind.
Doch zu Hause wartet nicht das Düsseldorf, das ich verlassen habe. Mein Vater hat Krebs, und es sieht schlecht aus. Meine WG-Genossin hat hinter meinem Rücken die Wohnung gekündigt, um mit ihrem Andi zusammen zu ziehen (es wird knapp sechs Wochen gut gehen), weshalb auch ich ausziehen muss. Und nach dem Zivildienst habe ich keine Perspektive, weil ich mich nicht um einen Platz an der Uni gekümmert habe. Ich spüre: Auch wenn ich nach Düsseldorf zurück gehe, muss ich mich verändern. Das Nest ist weg.
Die letzte Woche beim GONG. Ich bin nervös, launisch. Irgendwann steht mein betreuender Redakteur im Büro, bittet mich nach draußen. Habe ich Scheiße gebaut? Er schaut mir in die Augen: “Ich wollte das nicht vor dem anderen Praktikanten sagen: Es gibt hier eine Redakteurin, die ihren Job nicht gut macht. Wenn du bleibst, werfen wir sie raus”.
Bamm.
Ich kenne die andere Redakteurin, war sogar mal ein Bier mit ihr trinken. Sie ist nett. Das kann ich nicht machen. Ich kann ihr nicht so in den Rücken fallen. Andererseits: Tatsächlich kommt sie gerne mal erst um 17.00 Uhr in die Redaktion, weil sie lieber im Englischen Garten liegt, statt ihren Job zu machen. Ich teile dem Redakteur meine Bedenken mit. Er sagt etwas sehr Kluges: “Glaubst du, die Kollegin würde auch nur eine Sekunde zögern, wenn sie dir DEINEN Job nehmen könnte?”. Vermutlich nicht. Ich habe schon gemerkt: man spielt hier mit harten Bandagen.
Ich verspreche, über das Angebot zu schlafen, aber schon bevor ich in meinem möblierten Zimmer in Fürstenried ins Bett gehe, frage ich Frau Gerdom, ob sie mich auch noch etwas länger ertragen würde. Sie würde.
Am nächsten Morgen nehme ich den Job als Programmredakteur beim GONG an. Ab Oktober 1990. Für 3600 Mark brutto, plus 1200, wenn ich auch die Programmspalten von SAT.1 für “Die2″ aufbereite. 4800 Mark. Eine unglaubliche Summe für jemanden, der vor zwei Jahren noch für 5 Mark die Stunde beim Coop die Regale aufgefüllt hat. In meinem Düsseldorfer Freundeskreis bin ich damit der Krösus.
Wichtiger noch: Ich kann aus meiner Leidenschaft meinen Beruf machen. Schreiben, und seien es nur Programmspalten. Irgendwann vielleicht sogar Journalist werden. Ein richtiger. Ein gutes, irres Gefühl. Es kribbelt, wenn ich einschlafe, und es kribbelt, wenn ich aufwache.
In beschließe, die Zeit in Düsseldorf bestmöglich zu nutzen. Ich löse die Wohnung dort auf, mache den Führerschein, schließe Frieden mit meinem siechen Vater, und fahre mit Freunden in Urlaub nach Irland. Ich kann es nicht wissen, aber es wird für lange Zeit die letzte Zeit des reinen Herumalberns sein:
Stimmt übrigens: Ich hatte damals ECHT keinen Arsch in der Hose.
Es ist ein Sommer des Umbruchs, und ich spüre es.
Am Abend, bevor ich nach endgültig mit Sack und Pack nach München fahren soll, bekomme ich die große Sinnkrise. Ich will nicht weg! Ich will in Düsseldorf bleiben! Bei meiner Familie und den Freunden! Ich will Lehrer werden! Was soll ich in München? Ich kenne da doch praktisch niemanden! Und eine Freundin habe ich auch nicht.
Es ist eine krude Mischung aus Panikattacke, Feigheit und der düsteren Vorahnung, dass die Verantwortungslosigkeit der Jugend ihrem Ende zugeht. Bisher hat sich in meinem Leben alles ergeben – jetzt muss ich mich entscheiden.
Ich stehe knapp davor, alles in letzter Sekunde abzublasen. In meiner Ratlosigkeit besuche ich Onkel Klaus. Er hört sich die Sorgen an und sagt: “Klar kannst du hier bleiben. Da macht dir niemand einen Vorwurf. Aber dann wirst du dich immer fragen, ob es richtig war. Wenn du einmal kneifst, wirst du immer kneifen. Weil es einfach ist. Die Frage ist also – willst du heute anfangen, ein Kneifer zu sein?”. Ich weiß, das ist alberne Küchen-Psychologie, aber an diesem Abend im Herbst 1990 wirkt sie. Und ich werde in den nächsten 20 Jahren an neuralgischen Punkten meines Lebens immer wieder die Frage stellen: Fange ich heute an, ein Kneifer zu sein?
Alea jacta est.
Zum Ende des Sommers 1990 ziehe ich wieder in München zu Frau Gerdom. Marlowe bringe ich in einer Keksdose mit. Es ist nur für den Übergang: Das möblierte Zimmer ist klein, und der Weg vom und zum GONG zu weit. Ich brauche erstmals im Leben “was Eigenes”. Am Geld scheitert es ja jetzt nicht mehr.

Man weist mir einen Büroplatz ganz hinten in der Redaktion zu – “vorerst”. Ich teile das kleine Zimmer mit Patrick, der mich mit den Worten begrüßt: “Neu hier? Dann pass auf, dass du nicht hängen bleibst. Das ist ein Friedhof”. Ich habe keine Ahnung, was er meint. Es erinnert mich ungut an meinen ersten Tag in der Gesamtschule. Da kam ein Abiturient auf mich zu und sagte ansatzlos “Auch DU, mein Sohn, musst nicht ins Erziehungsheim”. People are strange.
Übrigens hat sich in den zwei Monaten meiner Abwesenheit beim GONG was verändert: Es gibt Computer statt Schreibmaschinen! Allerdings hat man anscheinend noch nicht so ganz begriffen, dass PCs mehr sind als angeberische Schreibmaschinen: Man tippt die Programmspalten in DOS-Word ein (nix Windows, nix Maus, nix), überspielt sie auf Diskette, und trägt sie dann zum einzigen Redaktionsdrucker (die Traube vor dem Gerät gibt dem Begriff “Drucker-Warteschlange” ein neue Dimension). Danach schreibt man von Hand neben die ausgedruckten Zeilen, ob sie kursiv oder halbfett gedruckt werden sollen, auch wenn Word das schon prima so ausgedruckt hat. Die Seiten gibt man dann in einer Mappe runter in den Satz, wo sie neu in den Satzcomputer getippt und gesetzt werden. Dann werden sie vom Satz ausgedruckt, und in der Mappe nach oben geschickt, wo ich handschriftlich Änderungen eintrage. Nach drei solchen Durchgängen passen die Spalten dann endlich. Warum man die Daten von meinem Computer nicht direkt an den Satz schicken kann? Na na – das wäre nun wirklich Science Fiction…
Eine Kollegin erzählt mir zwischen Tür und Angel, dass der Telefonanschluss im Praktikantenzimmer jetzt eine Sperre für Ferngespräche hat. Es stellt sich heraus, dass “jemand” im Mai/Juni von dort aus 1800 Mark vertelefoniert hat. Ich bin froh, dass sich niemand die Mühe macht zu checken, wer zu diesem Zeitpunkt Praktikant war. Die Lässigkeit des GONG in solchen Dingen wird mir noch oft in die Hände spielen.
Ich bin immer noch viel in Düsseldorf, kann mich schwer von Freunden und Familie lösen. Einmal komme ich gerade noch rechtzeitig, um meinen Vater zu besuchen – eine halbe Stunde darauf stirbt er. Es ist alles sehr schwierig, sehr viel, sehr unruhig, aber ich wachse daran. Ich er-wachse daran.
Ich kaufe ein Auto, mein erstes. Einen alten Renault 18. Der fährt zwar nur 130, und säuft kräftig Benzin, aber er fährt sich wie ein Panzer, und man sitzt in ihm wie in einem Wohnzimmer. Auf der Fahrt von der Abholung in Düsseldorf nach Köln fahre ich ihn zu Schrott. Nach nur drei Stunden. Das muss so eine Art Rekord sein:

Zum Glück ist mein Stiefvater ein guter Mechaniker, und schweißt das Gefährt wieder zusammen. Aber er zeigt mir auch einen total geschrottenen BMW, aus dem der Fahrer nicht mehr lebend rausgekommen ist: “Das kann sehr schnell gehen”. Seither fahre ich unfallfrei.
In München steht das Thema Wohnungssuche an. Ich schaue in die Immobilienanzeigen der SZ, aber das ist mir zu nervig. Also inseriere ich selbst. Junggeselle, keine Tiere (psssst!!!), Nichtraucher, gut verdienend. Tatsächlich bekomme ich mehrere brauchbare Angebote, und nach einem weiteren Bewerbungsgespräch bei einer älteren Dame beziehe ich zum 1.11.1990 ein Ein Zimmer-Apartment mit Kochnische und Bad, aber ohne Keller oder Balkon. 36 Quadratmeter. Gabelsbergerstraße 32. Nur zehn Minuten vom GONG, wenn man mit dem Rad fährt – eine halbe Stunde, wenn man Lust hat, mit dem Auto so lange nach einem Parkplatz zu suchen. 650 Mark.

Es folgen Tage, in denen ich tue, was man so tut, wenn man seine erste eigene Wohnung hat, und Mutti nicht mehr in Reichweite lebt: Ich lasiere “Ivar”-Regale von Ikea, mache mich mit dem Waschsalon um die Ecke vertraut, und finde einen Zooladen, der Bachflohkrebse für Wasserschildkröten führt.
Wer das kulturhistorisch einordnen möchte – es war das kurze Jahr, in dem wir Seidenhemden für eine total modische Sache hielten:

Es gibt kein Vertun: Fester Job, eigene Wohnung, ein Auto. Ich lebe in München.
Und jetzt?