Neueinsteiger lesen bitte den ersten Teil.
Okeli Dokeli, Heel schien mir der richtige Verlag für mein “SF-TV-Jahrbuch”-Projekt zu sein. Ich ließ mir in Königswinter einen Termin geben, und traf mich mit Franz-Christoph Heel höchstselbst, den ich als freundlich und jovial empfand. Tatsächlich war er sehr schnell von meiner Idee begeistert. Vor allem, weil ich anbot, wirklich ALLES Material selbst beizubringen, inklusive der Bilder (ich machte natürlich klar, dass ich keine rechtliche Verantwortung dafür übernehmen könne).
Ich bin nicht mehr ganz sicher, ob die Heel-eigene Zeitschrift SpaceView damals schon existierte. Musste sie eigentlich, denn der Kniff, mit dem sich Heel um den Kauf von teuren Lizenzen drückte, war damals schon klar: jedes Buch wird als “Sonderausgabe” der Zeitschrift deklariert, und fällt damit rechtlich nicht in den Bereich “Buch”, sondern in den Bereich “Periodika”. Das erlaubt die Verwendung von Pressebildern, die eigentlich explizit NICHT für Bücher gedacht sind. So habe ich das zumindest verstanden.
Schwierig war natürlich, ein Honorar für meine Arbeit festzulegen. Ich wusste weder, wie lange ich an dem Buch sitzen würde, noch hatte ich einen Plan, was man da verlangen konnte. Es ging ja auch noch um die prozentuale Beteiligung an den Einnahmen. Hier hatte ich wenigstens eine Hausnummer durch meine Verhandlungen mit Heyne wegen des “Babylon 5”-Buches. Ich zog mich auf meinen Standard-Satz für solche Situationen zurück: “Ich mag keine Forderungen stellen – sagt mir doch einfach, was euch der Deal wert ist, dann lachen wir mal herzhaft, und ich sage euch, warum das zu wenig ist”.
Zurück in München ging dann die Faxerei los. Heel bot einen soliden Prozentsatz der Einnahmen, wollte aber beim Vorab-Honorar nicht allzu großzügig sein. Das ging mir gegen den Strich, denn es war abzusehen, dass ich viel Arbeit in das Projekt stecken musste – und das sollte sich lohnen, auch wenn den Band am Ende niemand kaufen würde. Wir steckten bald bei (so meine ich mich zu erinnern) 9000 DM und 8 Prozent Beteiligung fest. Ich wollte 10.000 DM und 10 Prozent. Heel bockte. Man versuchte es mit der beleidigte Leberwurst-Nummer: Das sei für so einen armen und kleinen Verlag nicht zu stemmen, ich sei gemein, Pistole auf die Brust, kein Brei mehr für die Kinder, drohende Obdachlosigkeit, etc.
Dank eines kuriosen Zufalls kann ich trotz mauer Aktenlage an diesem Punkt auch wieder eine halbwegs konkrete zeitliche Einordnung vornehmen: Es muss um den Jahreswechsel 95/96 gewesen sein, denn ich war frisch bei ProSieben, und die gesamte Belegschaft wurde zu einer Vorab-Aufführung von Kathryn Bigelows “Strange Days” eingeladen. Ich saß schon im Kino, unsere Team-Assistentin Elke kam zu spät. Sie drückte mir im dunklen Saal ein Blatt in die Hand, und flüsterte: “Das Fax kam eben noch rein. Ich dachte mir, du wirst es lesen wollen.”
Machen wir es unspannend: Heel bot als “last offer” zwar nur 9 Prozent Beteiligung, war aber im Gegenzug bereit, das Vorab-Honorar auf satte 12.000 DM aufzustocken.
Wow!
Das war weit mehr, als ich erwartet hatte, und für einen kleinen Redakteur eine Menge Geld. Ich schlug ein.
In den nächsten sechs Monaten sollte ich allerdings merken, dass selbst 12.000 Mark noch zu wenig waren für den Wust an Arbeit, den ich mir aufgehalst hatte. Das Problem ist nämlich: bei der Planung stellt man es sich zu einfach vor, die notwendigen Informationen zu beschaffen, weil man sich nur an den Krachern der Branche orientiert, die man sowieso zu Hause rumliegen hat. Episodenführer und Background-Infos zu “Akte X”, “Star Trek”, “Hercules”? Gibt’s und gab’s wie Sand am Meer, zumal die Serien ja auch im Fernsehen liefen. Mein Videorekorder war zu dieser Zeit im Dauereinsatz, und ich zeichnete hunderte von TV-Episoden auf, um die Credits dann per Standbild abzuschreiben.

Es stellte sich aber schnell heraus, dass es eben nicht damit getan war, nur die paar Serien zu covern, die sowieso jeder kannte. Ich wollte ja den Spaß am Science Fiction-TV wecken, den Blick auch auf die Außenseiter lenken. Das Buch sollte einen echten Mehrwehrt haben, ganz nach meinem Motto: schreibe nie was, das du nicht auch selbst lesen willst.
Nun ist es ja so, dass man im Freundeskreis leicht über SF-Serien diskutieren, und sich damit als kompetent beweisen kann. Nur: schwarz auf weiß reicht eben die eigene Meinung nicht, und das eigene Gedächtnis trügt halt oft. Man braucht Fakten. Daten. Listen. Credits.
Wirklich, ihr macht euch keine Vorstellung, wie das war, bevor das Internet solche Infos an allen Ecken und Enden vorrätig hielt. Ich glaube, ich habe die Hälfte des Vorab-Honorars wieder für Zeitschriften und Bücher rausgehauen, aus denen ich dann teilweise nur ein paar Folgentitel abschrieb.
Es reichte nicht. 1996 waren Informationen zu Serien wie “Space Precinct”, “Deadly Games”, oder “VR.5” kaum zu bekommen. Bei einem Urlaub in New York verbrachte ich einen ganzen Nachmittag damit, Produktionsfirmen anzurufen, damit sie mir Episodenlisten faxten. Als weitere gute Quelle entpuppten sich Synchronstudios, die oft schon Übersichten hatten, lange bevor Serien im deutschen Fernsehen anliefen. Ich aktivierte auch so ziemlich jeden Branchen-Kontakt, den ich damals hatte – es half, dass ich selbst fast fünf Jahre für eine TV-Zeitschrift gearbeitet hatte.
Auch mit den Bildern war es nicht so einfach: Die Sender zickten, weil sie natürlich merkten, dass es um ein Buch ging – und da waren die Pressefotos nicht für freigegeben. Das Internet hatte meistens nur Mini-Bilder in Auflösungen wie 240×400, die komplett untauglich zum Abdruck waren. An so manchem Wochenende schlich ich mich mit Hilfe eines befreundeten GONG-Redakteurs ins Fotoarchiv des Magazins, um mir dort ein paar Dias auszuleihen, die ich verwerten konnte. Es war nicht immer leicht, offizielle Produktionsbilder (die relativ risikolos zu verwenden waren) von Agentur-Shots zu unterscheiden (die in Nullkommanix zu einer Schadensersatz-Forderung führen konnten).
Und das musste ich alles neben meinem Vollzeit-Job bei ProSieben erledigen.
Am Ende verursachten 20 Prozent der Serien 80 Prozent des Aufwands – und es waren wohl die 20 Prozent, die meine Leser am wenigsten interessierten. Aber das war mir egal, denn ich glaube bis heute daran, dass es auch die 20 Prozent sind, die meine Bücher einzigartig machten.
Kurzum: Es war eine rechte Schinderei, die sich über Monate hinzog. Einzig die Tatsache, dass das Buch nicht chronologisch geschrieben werden musste, und ich zwischen den Kapiteln hin- und herspringen konnte, machte die Arbeit erträglich. Wenn ich mal die Nase voll hatte von “Sliders”, schrieb ich halt eine Kritik zu “Red Dwarf”. Auch das reizte mich: ich konnte den deutschen Lesern (so sie das Buch denn kaufen würden) Serien näherbringen, die ich selbst seit Jahren als Geheimtipp rumschleppte.
Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, wann man es mal gut sein lassen muss: ein paar Serien waren einfach nicht mit genügend Daten zu unterfüttern, und bei anderen war ich nicht sicher, ob es nicht schon zu obskur wurde. Mit Rückblick, Vorschau, und einem Extra-Kapitel für Mini-Serien und TV-Filme schaffte ich mir aber etwas Raum, um Info-Schnipsel unterzubringen.
Am Ende enthielt das Buch mit dem sperrigen Titel “Science Fiction TV-Guide 96/97” die meiste Mühe, die ich je in ein solches Projekt gesteckt habe. Nicht mal mein erster “Ring der Nibelungen”-Roman hat mich derartig geschlaucht. Ich hatte den Aufwand total unterschätzt, und mich dafür so manches mal verflucht.
Umso stolzer war ich, als ich den fertigen Band dann in Händen hielt – mit meinem Namen (sehr klein) auf dem Cover! Satte 29,90 kostete das Softcover-Album im Überformat, 178 Seiten. Wer übrigens durch diesen Artikel neugierig wird: alle drei “SF TV Guides” gibt es derzeit gebraucht bei Amazon für unter 2 Euro. Zumindest DAS sind sie auf jeden Fall wert.
Natürlich war ich mit dem schwachen Layout unzufrieden, und der ungünstigen Auswahl der Cover-Bilder (zweimal Trek, zweimal B5 – warum nicht vier Serien?). Außerdem hatte die Layouterin mit dem untrüglichen Instinkt eines Trüffelschweins genau jene Bilder auf Seitengröße aufgeblasen, die nur in geringer Web-Auflösung vorlagen. Was wir als Dia hatten, wurde gerne mal in Briefmarkengröße gedruckt.
Aber ich war stolz. So unheimlich stolz. Ich war nämlich jetzt ein “SF-Experte”.
Bald in Teil 3: Meine Rechnung geht auf – leider…
Nachtrag: Aufmerksame Leser des Buches werden einen Veranstaltungshinweis im hinteren Teil entdeckt haben, der für die Fantasticon 1996 wirbt. Zu dem Thema kommen wir auch noch irgendwann…