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März 2013

Movie Mania 2013 (7) – Fantasy Filmfest Nights Edition: Citadel

Untitled (mm2013 copy)

Citadel-Ciaran-Foy-IRLAND/SCHOTTLAND 2012 / 84 MIN / ENGLISCHE OV REGIE Ciarán Foy DARSTELLER Aneurin Barnard / James Cosmo / Wunmi Mosaku / Jake Wilson / Amy
Shiels

Offizielle Synopsis: Vor Monaten musste Tommy hilflos mit ansehen, wie seine schwangere Frau von einem Rudel kapuzentragender Straßenkinder ins Koma geprügelt wurde, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Nur seine kleine Tochter bleibt ihm – der einzige Lichtblick in zunehmend verzweifelter Düsternis. Der schreckliche Vorfall hinterlässt Spuren: Tommy wagt sich nur noch unter größter Kraftanstrengung aus der Wohnung, und in den menschenleeren Straßen des heruntergekommenen Viertels wird er verfolgt von huschenden Schatten und leise gewisperten Bosheiten. Dann kommen die Kapuzenträger zurück und verschwinden mitsamt seiner Tochter in der Nacht. Nun muss sich Tommy seiner größten Angst stellen und dorthin zurückkehren, wo das Böse wohnt – in jenes faulig in den Himmel ragende Apartmenthochhaus, das man die „Zitadelle“ nennt…

Kritik: Jau, das klingt doch mal geil. Urban Angst, das Wohnhaus als Symbol der verrottenden Zivilgesellschaft, der letzte Aufstand der nuklearen Familie gegen das neue Stammeswesen. “Attack the Block” und “Harry Brown”, “Tower Block” und “F” – der britische Beton der Gegenwart ist keine Festung mehr, sondern ein Gefängnis. Die eigene Wohnung, die eigene Schule bietet keinen Schutz mehr, wo die Staatsmacht sich zurück zieht und die gesellschaftlichen Spielregeln keine Geltung mehr haben.

Warum können die Briten dieses Thema eigentlich so spannend und vielfältig aufbereiten, die Deutschen aber nicht? Gibt es bei uns nicht genug “national befreite Zonen”, zerfallende Plattenbau-Siedlungen, menschenleere Viertel? Was für ein großartige Background für die letzte Schlacht um das klassische Konzept “Stadt”. Muss ich denn ALLES selber schreiben?

Sorry, wenn ich mich in Rage rede, das kommt immer öfter vor, wenn ich Filme sehe, die andere machen, die wir hätten machen können, sogar vielleicht hätten machen müssen. Wenigstens hält sich mein Frust bei “Citadel” in Grenzen, weil er einfach nicht gut genug ist, um Neid zu erzeugen.

“Citadel” ist zäh, völlig falsch getaktet und löst an keiner Stelle das Versprechen des so simplen wie knackigen Konzepts ein: ein Vater muss an den schlimmsten Ort seines Lebens zurück, um sein Kind zu retten und sein Trauma zu besiegen.

citadel

Gerade mal 84 Minuten dauert der Streifen und mehr als 40 verschwendet er an die Einführung, die eigentlich keine 15 dauern sollte. So dürfen wir erst einmal fast eine Stunde lang einem Protagonisten zuschauen, der einfach Schiss vor dem Leben hat, zittert, heult und jammert. Eine Polizei scheint es in dieser Welt eben so wenig zu geben wie ein auch nur rudimentär funktionierendes Sozialwesen – die Straßen sind leer wie nach einer Zombie-Apokalypse. Es ist eine trübe, trostlose Welt, die Regisseur Foy zeigt – und sie ist an keiner Stelle glaubwürdig oder packend.

Der Kern der Geschichte, nämlich der Trip in die Hölle, fällt in das letzte Drittel, läuft ohne nennenswerte Konflikte oder Höhepunkte ab und gipfelt nicht in einem großen, alle Beteiligten verändernden Showdown, sondern in einer banalen Explosion – Tommy löst das Problem der bizarren “Kapuzenkinder” mit einer Ladung C4. Bumm und hä?

Überhaupt: die “Kapuzenkinder”. Ferale Missgeburten, Maulwürfe in steinernen Hügeln, schmutzig und verwahrlost seit Generationen. Das erinnert an “Raw Meat” von Gary Sherman, ohne je dessen Schlüssigkeit oder Tragik zu erreichen. Die Backstory der “Kapuzenkinder” ist so unglaubwürdig wie unwichtig, weil sie letzten Endes nur ein seelenloser Mob sind, dem das Skript keine tiefere Motivation oder Funktion zuweist.

Kommt der Film am Anfang nicht in die Puschen, verpufft er am Schluss völlig, weil er nichts zu sagen hat. Schade, denn zu dem Thema hätte man ja durchaus einiges sagen können.

Das Budget von “Citadel” war offensichtlich nicht sehr hoch, außer einer recht dynamischen Kamera, die düster-deprimierende Sozialghetto-Bilder einfängt, gibt es nicht viel zu sehen.

Fazit: Eine faszinierende Idee, die so zäh und ereignislos erzählt wird, dass selbst die begrenzte Laufzeit zu lang wir. Urban Terror, wie ihn keiner mag.

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Trackback-URL 11 Kommentare
  1. 1

    Das ist wirklich ein typisch britisches Thema. J. G. Ballard hat die urbane Verrohung schon in den 70er Jahren in seinen Romanen »Die Betoninsel« und »Hochhaus« thematisiert.
    Der Trailer von »Citadel« erinnert mich ein wenig an das Michael Cunninghams Video zum Song »Come to Daddy« von Aphex Twin. Und der Clip ist wirklich gruselig.

  2. 2

    ..nach dem Clip hätte ich gedacht, der Clou ist ein wahnsinnig werdender Vater à la “Shining”..

  3. 3
    Peroy

    Filme mit Kapuzen-Kiddies sind IMMER scheisse…

  4. 4
    MrFox

    Schade, dass der bei dir nicht gezündet hat. Für mich einer der richtig guten (und kreativen) Horrorstreifen der letzten Jahre. Die Backstory des Mobs ist banal – stimmt leider und manches ist streng genommen wenig glaubwürdig. Die Dramaturgie sitzt auch nicht an jeder Stelle perfekt, aber das hat mich nicht wirklich gestört. Für mich war die trostlose Kulisse voller hoffnungsloser Gestalten sehr überzeugend, vielleicht weil ich selbst mal im Plattenbau gelebt hab. Und der Streifen war zumindest für mich spannend und wirkungsvoll unheimlich ohne Ende. Jedenfalls um Längen besser und interessanter als 90% der Genreware (Remakes, Sequels), mit denen man sonst so zugeballert wird.

  5. 5
    DMJ

    Dass derartiges in Deutschland nicht entsteht, wundert mich überhaupt nicht. Dazu hätte man hier viel zu viel Angst, sozial Benachteiligte als wirklich böse darzustellen. Britische TV-Kommissare können auch Beweisstücke in Mülltonnen suchen, ohne anzumerken, dass die westliche Wohlstandsgesellschaft viel zuviel Abfall produziert und können einen Schwarzen vernehmen, ohne dass er entweder vom Mord an seiner Familie durch afrikanische Warlords, oder seine eigene Diskriminierung hierzulande erzählt.
    Wenn hier jemand wirklich durch und durch böse sein soll, muss er entweder Nazi (und auch da könnte man nicht ohne Gelaber vorgehen) oder Oberschicht sein.

  6. 6
    Mencken

    @DMJ: Möglich, kann aber auch einfach daran liegen, dass “Hoodie Horror” hier weniger zieht, weil die Verhältnisse einfach nicht annähernd so krass wie in England sind (national befreite Zonen und zerfallender Plattenbau hin oder her).
    Ansonsten sehe ich bei GB-Produktionen sogar mehr Political correctness als bei deutschen Werken, mag aber subjektiv sein.

  7. 7
    Wortvogel

    @ Mencken: meiner eigenen Erfahrung nach (die subjektiv ist, logo) ist es in gewisse Gegenden in Deutschland keinen Deut besser als in England. Und da Film von Zuspitzung lebt. wäre es kein Problem, einen authentischen “Hoodie Horror” dort zu drehen.

  8. 8
    Peroy

    “@ Mencken: meiner eigenen Erfahrung nach (die subjektiv ist, logo) ist es in gewisse Gegenden in Deutschland keinen Deut besser als in England. Und da Film von Zuspitzung lebt. wäre es kein Problem, einen authentischen “Hoodie Horror” dort zu drehen.”

    Man könnte hierzulande auch sowas wie “Taken” mit Türken statt Albanern drehen, was meinste, wie’s dann im Karton rappeln würde… :D

  9. 9
    Mencken

    @Wortvogel: Naja, es gibt Gegenden in London, wo es nahezu wöchentlich Tote dank rivalisierender Jugendgangs gibt, Drive-By-Shootings usw. inklusive.
    Mag es auch in Deutschland geben, wäre mir aber neu, dafür fehlt hier auch ein vergleichbarer Nährboden (Klassensystem, kaum Polizeipräsenz, schwache Sozialsysteme, Kolonialerbe und schwieriges Zuwanderergemisch, historische Stadtentwicklung und Umgang mit “schwierigen” Gebieten usw.). In jedem Fall fehlt hier ein entsprechendes Ausmaß, solche Sachen müssen auch in der Breite präsent genug sein, um beim Publikum zu funktionieren.

    Für Hoodie Horror sehe ich dementsprechend tatsächlich keinen Boden, aber ein kleiner Nazi/Hooligan-Horror wäre sicherlich machbar (alternativ meinetwegen auch mit Türken, aber eine deutsche Harry Brown Variante könnte ich mir selbst im Wedding, Neukölln oder ähnlichen “Brennpunkten” nicht vorstellen).

  10. 10
    Marcus

    Der Vogel mochte “F” lieber als den hier… *facepalm*

    7/10.

  11. 11

    @Marcus ich auch ;) citadel fand ich einfach nur langweilig. Tommy nervt nur und die letzten Minuten im Hochhaus sind ja eigentlich ne Frechheit. die laufen als nur die treppe hoch und runter mehr passiert nicht. fast schon wie beim hobbit.

Kommentar

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