18
April 2012

Eine kurze Erinnerung, bevor sie verblasst

Ich kannte Karl-Ludwig Ruppel. Das mag keine sehr beeindruckende Aussage sein, da selbst die Filmfreaks unter euch kaum wissen werden, wer das ist. Aber genau genommen war Ruppel die erste wirkliche Filmlegende, die ich kennen lernen durfte. Auch wenn mir das damals nicht klar war.

Ich arbeitete noch beim Gong Mitte der 90er, hatte Rainer Erler interviewt und Jürgen Prochnow, war auf Presseterminen und Präsentationen dabei. Ruppel traf ich allerdings durch einen reinen Zufall – und der Zufall war seine Tochter. Sie war die Bekannte von Freunden, irgendwie verbrachte man Abende beim gemeinsamen Bier, einmal war ich auf einer ihrer Silvester-Partys. Eher nebenbei ließ sie mal fallen, dass ihr Vater aus der Filmbranche sei. Ich hatte noch nie von ihm gehört, auch als sie präzisierte, dass er “in Spezialeffekten” unterwegs gewesen sei.

Ein paar Tage später faxte sie mir eine Liste seiner Credits in die Firma – beeindruckend! Der Mann war u.a. für die Stop Motion-Monster in dem B-Klassiker “Fiend without a face” verantwortlich gewesen (unter Pseudonym). Außerdem hatte er das, was man damals noch “fotografische Tricks” nannte, für eine ganze Reihe deutscher Produktionen beigesteuert, u.a. die “Jerry Cotton”-Filme und “Raumpatrouille”, die ja sehr viel von Rückprojektionen lebten.

Bei einer Familienfeier lernte ich Karl-Ludwig Ruppel dann auch persönlich kennen. Ein steinalter, körperlich wahrlich nicht mehr agiler, aber im Kopf noch sehr präziser alter Herr, der frische Pläne fasste, eine Art kleine “Schule für Spezialeffekte” aufzubauen. Einen ganzen Abend durfte ich seinen Geschichten lauschen, die er toll erzählen konnte. Er hatte ja wirklich viel erlebt – Filmberichte für die Nazi-Wochenschauen, Aufträge in den USA, das deutsche Nachkriegskino.

Die Anekdote, die mir am stärksten im Kopf geblieben ist, handelt von den Filmchen wie “Front am Himmel” und “Sprung in den Feind”, die er für das Oberkommando der Wehrmacht drehte (er äußerte sich über seinen politischen Standpunkt nicht). Es sollten heroische Heldengeschichten sein, vergleichbar mit den Adler-Storys, die ich Anfang der Woche vorgestellt habe. Weil es damals nur limitierte Möglichkeiten gab, tatsächliche Flugszenen über den Wolken in der gewünschten hohen Qualität (und mit dem gewünschten Ausgang) zu drehen, beschloss Ruppel als Regisseur, einige Aufnahmen zu tricksen.

Ihm schwebte zum Beispiel eine Szene vor, in der ein deutsches Jagdflugzeug triumphal die Wolkendecke nach oben durchbricht, der Sonne entgegen. Mit Leichtbaumodellen von 1 Meter Länge waren die “Flugzeuge” schnell beschafft, aber wie bekommt man eine Wolkendecke hin? Nebel verflüchtigt sich unter freiem Himmel ja sofort wieder. Eine Studioaufnahme wäre sofort als solche erkennbar gewesen. Ruppel musste sich was einfallen lassen. Ich gebe jetzt mal nach bestem Wissen und Gewissen wieder, was er damals erzählte:

“Wir drehten auf einem Flugplatz. Der Kunstnebel wurde immer sofort vom Winde verweht. Also kam ich auf die Idee, einfach eine kleine Montagehalle damit voll zu pumpen, bis unter die Decke. Wenn man die Tore öffnete, waberte der Nebel für ein paar Sekunden lang dicht genug auf das Rollfeld raus, dass wir von unten gegen den Himmel filmen konnte. Ich ging mit einem Techniker in die zugenebelte Halle, Gasmasken auf dem Gesicht. Wir hakten die beiden Flugzeug-Modelle in sehr starke Gummiseile, die auf dem Boden befestigt waren. Auf mein Signal hin wurden die Tore geöffnet, wir zerrten die Modelle nach hinten und ließen los! Sie schossen aus der Halle, aus dem Nebel, in den Himmel über dem Rollfeld. Hundert Meter weiter hinten schlugen sie dann auf und waren kaputt. Das konnten wir wirklich nur einmal drehen. Weil die Kamera mit erhöhter Geschwindigkeit filmte, war das Ergebnis eine leichte Zeitlupe, die die perfekte Illusion einer Attacke großer Maschinen in den Wolken erzeugte.”

Es machte Ruppel sichtlich stolz, dass er nicht nur auf den Effekt gekommen war – sondern dass ihn auch in der Folge niemand als solchen erkannte. Er schwörte Stein und Bein, die Szene noch Jahre später auch in US-Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg gesehen zu haben – gekennzeichnet als authentische Flugaufnahme.

Dass die Geschichte wahr ist, kann ich sogar belegen – in der NZZ war 2003 ein Artikel zu lesen, der von Ruppels Modellarbeit berichtet. Der Film ist mittlerweile nur bei fragwürdigen Militaria-Händlern als DVD zu kriegen. Im Bundesarchiv Film liegt er nur… tja, eben auf Film vor. Kann ich nicht abspielen. Aber wenigstens habe ich eine Szene bei YouTube gefunden – wenn auch leider nicht DIE Szene:

YouTube Preview Image

Ich freute mich damals darauf, noch viel mehr solcher Anekdoten zu hören – doch ein paar Wochen darauf verstarb Ruppel. So blieb es bei der einen. Und die wollte ich mit euch teilen, bevor ich sie endgültig vergesse.

Trackback-URL 8 Kommentare
  1. 1
    Nikolai

    Für solche Geschichten komme ich immer wieder hier her.
    Vielen Dank :)

  2. 2
    Who knows?

    Dito :)

  3. 3
    Dietmar

    Toll!

    Kontakt zu der Tochter besteht wohl nicht mehr?

  4. 4
    Wortvogel

    @ Dietmar: Nö. Eine der vielen Bekanntschaften, die über die Jahre verschütt gegangen sind.

  5. 5
    G

    Eine tolle Geschichte. Wünschte, ich könnte mit solchen Anekdoten aufwarten.

  6. 6
    S-Man

    Danke :)

  7. 7
    Earonn

    Auch wenn ich eigentlich nur das oben Gesagte wiederhole: genau das macht den Charme deines Blogs aus: das persönliche Erleben. Dieser kleine Fitzel über Leute, von denen ich bestimmt noch nie gehört habe, die aber des Hörens wert sind. Wie viele solcher Leute, solcher Geschichten geistern da draußen rum?
    Danke fürs Teilen! Möge deine Gebieterin (die pelzige) sich heute abend friedlich auf dir zusammenrollen! (Unser Grausamer Gebieter tut das gern).

  8. 8
    Andy

    Tolle Geschichte.

Kommentar

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