Journalismus 2010: Drecksarbeit
Wenn ich mir die Meldungen der letzten Wochen so ansehe, dann muss ich mir selbst eingestehen, 20 Jahre lang naiv gewesen zu sein: Schmierenkampagnen scheinen ebenso an der Tagesordnung zu sein wie Bespitzelungen, und eine Branche verlangt nach Bestandsschutz, die nicht mal mehr die eigenen Mindeststandards erfüllt, mit denen sie sich angeblich von Bloggern und Online-Medien abhebt.
Mir sind diese Woche gleich zwei Dinge widerfahren, die aktuelle Probleme der gedruckten Presse dokumentieren, ohne gleich hochtrabende Begriffe wie “Qualitätsjournalismus” oder “redaktionelle Autonomie” zu strapazieren.
Fall 1: Ich schreibe für die “LandIdee”. Das ist bekannt. Ein wertiges Heft, und wirklich befreiend, weil es grundsätzlich um positive Dinge geht, um das Schöne im und am Leben. Leser, Schreiber und Beschriebene bilden eine wohlfühlige Einheit, es ist eine win-win-win-Situation, die ohne Enthüllungen, üble Nachrede, und Panikmache auskommt. “LandIdee” ist gut für mein journalistisches Karma. Viel Arbeit ist es trotzdem.
Derzeit rödeln wir fleißig an der neuen Ausgabe, und dafür telefoniere ich ständig in der Republik herum, um alte Werkstätten und Familienbetriebe zu finden, die wir porträtieren können. Meistens ergibt sich eine freundliche, manchmal sogar herzliche Zusammenarbeit, die sich in liebevollen Reportagen niederschlägt.
Doch bei zwei möglichen Betrieben, über die wir eine Geschichte machen wollten, wurde ich mit einer skeptischen Zurückhaltung konfrontiert, die in fast identisch gestellten Fragen mündete: “Was soll uns das denn kosten, wenn Sie über uns berichten?”
Es stellt sich heraus, dass die Firmen mehrfach, manchmal sogar regelmäßig, von “Journalisten” kontaktiert werden, die einen Deal bieten: Berichterstattung gegen Geld, oder – juristisch sauberer – gegen Anzeigenschaltung. Es gibt auch die Variante mit dem Buch: Ein Betrieb wird in einem Prachtband über seine Region gefeatured. Dafür verpflichtet er sich, dem Verlag 100 Bücher abzukaufen. Bei 100 porträtierten Betrieben ist das eine exzellente verkaufte Auflage von 10.000 Stück, und das ohne wirtschaftliches Risiko. Das Geschäftsmodell ist üblicher, als man denken (und hoffen) sollte.
Nun höre ich nicht das erste Mal, dass “Berichterstattung gegen Anzeige” in der Printbranche kein Tabu ist. Gerade in Service-Zeitschriften, die Produkte vorstellen (Autos, Stereoanlagen, Videospiele) ist das gang und gäbe. Mehr noch: Auch die Bewertung der Produkte wird an das Anzeigenaufkommen geknüpft. Im Videospiel-Bereich werden Tester mitunter nur dann mit Mustern bestückt, wenn sie versprechen, dass der Titel eine Top-Wertung bekommt. Manchmal wehren sich die Kollegen, oft wird es aber auch als notwendiges Übel hingenommen.
Pfeif auf Begriffe wie Standesehre und journalistischer Auftrag: Ich habe keine Ahnung, wie manche Kollegen es mit ihrem simplen Selbstverständnis vereinbaren, ihre Arbeit und ihr Integrität derart schäbig zu verhökern. Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten können doch nicht alles rechtfertigen.
Für mich kommt sowas nicht in Frage. Hätte ich im Auftrag von Firmen Waren unters Volk bringen wollen, wäre ich in die Werbung gegangen. In beiden Fällen habe ich den Betrieben versichert, dass wir kein Interesse an einer solchen “Kooperation” haben – wir berichten im Interesse unserer Leser, und das ist nicht käuflich. Sichtliche Erleichterung war die Reaktion, und das Resultat sind bezaubernde Reportagen, die in der nächsten LandIdee (kommt Ende März) zu lesen sein werden.
Fall 2: Ich schreibe für die “TV Sünde”. Das ist bekannt. Ein Radau-Heft der fast schon satirischen Sorte, rüde im Ton, luderig im Bild, und mit einer hohen Preis/Möpse-Ratio für Leute, die ihre TV-Zeitschrift “nach Gewicht” kaufen (darf’s ein bisschen Fleisch mehr sein?). So wie die LandIdee gut für mein journalistisches Karma ist, so wird die TV Sünde mich in die Hölle bringen. Aber es macht Spass, auch mal über Rockstars und ihre Penisse zu schreiben. Die TV Sünde ist vielleicht kein Sturmgeschütz der Demokratie, aber sie ist “harmless fun” für eine Leserschaft, die in jedem Werbeblock nach Mitternacht rüdere Kost geboten bekommt.
Nun war ich kürzlich in den USA unterwegs, und stolperte bei meinen “Recherchen” (ähem) auch in ein Etablissement der “Coyote Ugly”-Kette. Franchise hin oder her: Diese Saloons mit dem billigen Bier und den sexy Girls hinter dem Tresen haben mir gefallen. Irgendwann dachte ich: Schicke Grundlage für einen Artikel in der TV Sünde. Dann kann ich sogar das Bier absetzen, und die zwei Dollar, die ich beim “booze ball” verloren habe.
Grundlage jedes Artikels in der TV Sünde sind die Fotos – da ist das Heft nicht anders als die LandIdee. Wir kontaktierten also Coyote Ugly USA und Coyote Ugly Deutschland mit der Bitte um Pressefotos. Ich beschrieb den Amerikanern unser Heft folgendermaßen: “We have a few nude and semi-nude pictorials, but nothing too raunchy (that would get us banned from distribution, anyway). The articles mainly focus on cool places to go, how to look good for the ladies, and crazy sex laws from around the world. Harmless fun, really. We have done a similar feature with “Trashy Lingerie” from Los Angeles recently, an both parties were really happy with the result.”
Außerdem schickte ich noch einen aktuellen Cover-Scan, damit die US-Boys wussten, womit sie es zu tun hatten. Wir schämen uns für die TV Sünde nicht, und vermarkten sie deshalb auch nicht “sauberer”, als sie tatsächlich ist.
Tatsächlich bekamen wir einen ganzen Haufen toller Bilder von den Bars und den Babes, alles jugendfrei, versteht sich. Eine Kollegin besorgte noch ein paar weniger professionelle, aber allemal verwertbare Fotos aus den beiden deutschen Dependancen von “Coyote Ugly”. Sie versprach dem deutschen Lizenzbesitzer, er könne vor dem Abdruck einen Blick auf den Artikel werfen, um sicherzugehen, dass seiner Franchise dadurch kein Schaden entstehe. Das ist okay, und nicht unüblich. Quid pro quo.
Nun geschah ein blöder Fehler: Eine andere Kollegin schickte das Layout des Artikels als PDF zum Lizenznehmer mit der Notiz, der Artikel könne nun abgenommen werden. Problem: Der Text war noch Blindtext aus einer alten Ausgabe (was über Sexsucht bei Promi-Schauspielern, wenn ich mich recht erinnere), der richtige Text noch gar nicht geschrieben. Erbost rief der Lizenznehmer an und polterte, in dem “Artikel” kämen die Bars ja gar nicht vor. Ich erklärte ihm die Sachlage, bat um Verzeihung für den Fehler, machte aber auch klar, dass ich ihm sowieso nicht die Hoheit einräumen könne, den Tenor oder die einzelnen Formulierungen des Artikels zu bestimmen. Da bin ich bei der TV Sünde so strikt wie beim SPIEGEL.
Trotz aller testosteron-geschwängerten Streitigkeiten einigten wir uns schließlich darauf, dass der Artikel erscheinen können, sofern er vorab vom Lizenznehmer abgesegnet würde. Es wurde auch Zeit, denn das Heft sollte in Druck gehen. Angesichts meiner Begeisterung für die “Coyote Ugly”-Bar schrieb ich einen sehr positiven Text mit deutlich werbendem Charakter und einem besonderen Fokus auf der Tatsache, dass es sich bei aller Sexyness eben nicht um einen Bumsschuppen handelt, in dem man die Bargirls abschleppen darf. Titel: “Die heissteste Theke der Welt”
An dem Tag, an dem das Heft in Druck gehen sollte, kippte der Lizenznehmer den Beitrag. Warum? Es lag nicht an meinem Artikel. Konnte es ja auch nicht, der war respektvoll und enthusiastisch. Ich kann nur vermuten, dass sich der zuständige Herr endlich mal eine TV Sünde am Kiosk gekauft hatte – denn man wollte plötzlich “in so einem Umfeld” (ich paraphrasiere) nicht präsentiert werden.
Nun hätte er sich vorher schlau machen, und die Kooperation gleich von Anfang an ablehnen können. Hat er nicht. Man hat kooperiert, ohne sich zu informieren. Uns am Tag vor Druck ins Kreuz zu treten ist nicht gerade im “spirit” einer guten Zusammenarbeit. Wir haben von Anfang an mit offenen Karten gespielt, und der Artikel ist so positiv, wie er nur sein kann. Aber egal: Ohne die lizensierten Bilder war der Beitrag undruckbar, und genau diesen Hebel nutzte der Lizenznehmer.
Binnen von zwei Stunden musste ich eine doppelseitige Alternative finden, recherchieren, bildmäßig ausstatten, und schreiben – so kam es zu dem oben genannten Beitrag über “Rockstars und ihr bestes Stück” (der ziemlich gut geworden ist). Brutal, aber es braucht schon mehr, um mich aus der Ruhe zu bringen.
Was lernen wir daraus? So wie es viele Journalisten gibt, die sich mittlerweile auch als Anzeigenakquise ihres Verlages sehen, so gibt es viele kommerzielle Partner, die ernsthaft glauben, sich redaktionell einmischen zu können/dürfen/müssen. Für die ist “win-win” ein Deal, bei dem beide gewinnen – nur der Leser wird halt angeschmiert. Auf beiden Seiten ist der Respekt vor dem journalistischen Produkt erodiert, es ist zur reinen Rohmasse verkümmert, in die jeder seine Interessen und Vorgaben injizieren kann.
Mir bleibt als letzte Bastion der journalistischen Weißweste dieser Blog, und erfreulicherweise kann mir niemand verbieten, meinen gekippten Text zur “Coyote Ugly”-Bar hier zu posten. Das werde ich dieser Tage machen. Und zu den Bildern kann ich dann ja verlinken. Bätsch.









