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September 2009

FFF 2009: Giallo

gialloposterUSA Italien 2009. Regie: Dario Argento. Darsteller: Adrian Brody, Emmanuelle Seigner, Elsa Pataky, Byron Deidra u.a.

Story: Ein verkrüppelter Außenseiter entführt, foltert, und tötet schöne junge Frauen in Turin. Als Lindas Schwester verschwindet, hängt sie sich an die Fersen von Kommissar Avolfi, der sein eigenes Trauma mit in den Fall bringt.

Kritik: Argento und ich – das ist eine sehr schwierige Beziehung. Regelmäßige Leser meines Blogs wissen: der Wortvogel mag Filme mit nachvollziehbarer Handlung. Argento? Nicht so sehr. Trotzdem glaube ich, immer verstanden zu haben, was Argento mit seinen Filmen erreichen will, was sein künstlerisches Gesamtkonzept ist. Er hat nämlich eins. Und das respektiere ich, auch wenn ich die resultierenden Slasher-Krimis für weitgehend banal und langweilig halte. Ich respektiere auch den Status als Horror-Ikone, den sich Argento auf der Basis von “Suspiria”, “Profondo Rosso”, und “Inferno” erarbeitet hat. Irgendwann Anfang der 90er habe ich ihn sogar mal im Münchner City Hilton getroffen, und ihm die Hand gereicht.

Darum fand ich es trotz meiner Gleichgültigkeit seinen Projekten gegenüber immer sehr schade, dass Argento in den 90ern so abstank, und nicht einmal richtige Budgets für seine wahrlich nicht teuren Filme organisieren konnte. Das ist nicht fair. Ich wünsche ihm Erfolg bis ins hohe Alter – zwingt mich ja keiner, mir diesen obsessiv-verquasten Kram samt Frauenfeindlichkeit und Rot/Blau-Fetisch anzusehen…

Der Titel “Giallo” ließ die Hoffnung aufkommen, Argento wolle mit seinem neuen Werk zu den Wurzeln seiner Kunst zurückkehren, vielleicht sogar Hightlight, Hommage, Best Of, und Retrospektive in einem produzieren. Ein glorreiches Spätwerk, eine kluge Reflexion des Genres, ein Meta-Giallo? Die Leidenschaft des jungen Argento, kombiniert mit der Weisheit und der Erfahrung des alten?

Einer der Drehbuchautoren hat “Gryphon”, “Kraken”, und “Mammooth” für den Syfy-Channel geschrieben.

Ahem.

giallo1

“Giallo” wirkt in der Tat wie Argentos Versuch, noch einmal in dem Genre zu punkten, mit dem sein Name assoziiert wird. Nur leider geht der Versuch so spektakulär daneben, dass man sich wünscht, Argento würde endlich in irgendeine verfallene Villa am Stadtrand von Rom ziehen, und für den Rest seines Lebens Gäste in mondäner Umgebung bewirten.

Oberflächlich scheint “Giallo” sich relativ streng an die Topoi und Klischees dieser Filmgattung zu halten: der Killer, der Kommissar, das schöne Opfer, die verzweifelte Schwester, die Stadt in Angst, blitzende Klingen, Blut auf samtener Haut. Aber schon nach zehn Minuten ist die Luft raus, denn Argento verzichtet auf ein Mystery – wir sehen den Killer, kennen sein Gesicht. Die Frage ist nur: wie wird Kommissar Avolfi ihn rechtzeitig fassen, bevor er sein neustes Opfer tötet? Mit überraschenden Wendungen kann “Giallo” daher nicht punkten, alle Player dieses Dramas stehen von Anfang an auf ihren Posten. Und da bleiben sie auch stur.

Nun ist die Ermittlungsarbeit in Giallos nie wirklich von Belang – oft genug werden Hinweise und Zeugen aus dem blauen Dunst gezogen, ganze Subplots bleiben unerklärt. Also kann ich Argento nicht vorwerfen, sich daran zu halten: Avolfis Vergangenheit ist ebenso irrelevant für den Film wie die schröckliche Kindheit von “Yellow”. Spuren und Zeugen verdanken wir eher (sehr konstruierten) Zufällen als echter Denkarbeit.

Was ich aber moniere, ist die langweilige Konzeption des Mörders. Yellow ist zu sadistisch, um tragisch zu sein, zu tumb, um ein smarter Gegner zu sein – und deshalb hält das Skript Kommissar und Killer auch bis zum Finale auseinander: Yellow ist Avolfi in jeder Beziehung unterlegen, und dieses Ungleichgewicht reduziert jede Erwartung an ein sehenswertes Katz- und Maus-Spiel zwischen Protagonist und Antagonist.

Das Ende ist dann noch eine ganz besonders exquisite Frechheit – mit Sahne und Kirsche drauf. Als mit “Produced and Directed by Dario Argento” der Nachspann kam, haben die Zuschauer fassungslos gelacht.

Gerade Thriller haben gegenüber z.B. Komödien einen massiven Vorteil: wo es am Skript hapert, kann man durch Regie und Darsteller noch viel retten. Während Argentos Regie nur lustlos, aber wenigstens noch professionell ist, bröckelt “Giallo” bei den Schauspielern auseinander: Adrian Brody gibt den anämischen Bruder von Al Pacino, Polanski-Ehefrau Seigner ist zu alt, verbraucht, und untalentiert für ihren Part (sie sieht aus wie Patakys Mutter, und die Stewardess kaufen wir ihr schon gar nicht mehr ab), und Byron Deidra glaubt augenscheinlich, für den Glöckner von Notre Dame vorzuspielen.

(Zwischenbemerkung: Dem Review von Doc Acula verdanke ich die Erkenntnis, dass sich hinter Byron Deidra AUCH Adrian Brody  versteckt – völlig sinnfrei)

In Sachen Splatter hält sich Argento heuer zurück – wir sehen die Ergebnisse der Verstümmelungen, aber nicht den Vorgang selbst. Vielleicht auch besser so: eine der wenigen wirklichen Gewaltszenen scheitert in ihrer Wirkung an einem albern schlechten Dummy-Kopf.

Torpediert wird jeder Versuch von Suspense auch durch Dialoge, die das Publikum an den unpassendsten Stellen laut auflachen ließen. Wenn der Polizist von seiner traumatischen Kindheit erzählt, und die Zuschauer kichern in einer Tour – dann haben die amerikanischen Lohnschreiber beim Polishing versagt.

Müsste es ich ein lobendes Wort finden – es ginge an Marco Werba, dessen symphonischer Soundtrack weit besser ist, als Argento es hier verdient.

“Giallo” wirkt nicht wie ein Argento-Film – er wirkt wie ein fürs Fernsehen gedrehter, sehr schwacher Versuch, Argento-Motive nachzuäffen, ohne Talent und wirkliches Verständnis. Argento light, ohne Biss oder Leidenschaft.

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Wortvogels pantomimisches Urteil:

oerks

Trackback-URL 29 Kommentare
  1. 1
    PhilipS

    neigt noch jemand neuerdings dazu erst zu den pantomischen zu gehen und dann die Kritik zu lesen?

  2. 2
    Wortvogel

    @ Philip: Wenn jetzt einer “ja” sagt, höre ich sofort damit auf!

  3. 3
    Peroy

    Irgendwann Anfang der 90er Jahre nach “Aura” ist der echte Dario Argento von Außerirdischen entführt und durch einen weniger talentierten Klon ersetzt worden…

    Bislang bestes Foto…

  4. 4
    Howie Munson

    “(…)an den unpassendsten Stellen *lauf* auflachen(…)”
    Ich lese erst den ganzen Text, kaufe ein “t” und schau mir erst dann das grandiose Bild an….

    In diesen Fall könnte ein jugendschützerschützendes “weiter nach dem Klick” angebracht sein, bevor noch einer an “die Kinder” denkt und ein Stoppschild fordert….
    (oder ein Sporthemdenhersteller darin Schmähkritik entdeckt… *duck&weg*)

  5. 5
    Heino

    Das gleiche Problem hatte er schon mit seinem letzten Giallo (hiess “Insomnia”, wenn ich nicht ganz irre). Da versuchte er allerdings, ein Mystery aufzubauen, aber die Auflösung war so dermassen lächerlich, dass es schepperte. Mal ganz davon abgesehen, dass der Streifen strunzlangweilig war.

  6. 6
    Peroy

    “Das gleiche Problem hatte er schon mit seinem letzten Giallo (hiess “Insomnia”, wenn ich nicht ganz irre). Da versuchte er allerdings, ein Mystery aufzubauen, aber die Auflösung war so dermassen lächerlich, dass es schepperte. Mal ganz davon abgesehen, dass der Streifen strunzlangweilig war.”

    Der hieß “Sleepless” und war ganz gut…

  7. 7
    joersch

    Hab grad nich viel Zeit wegen FFF in Stuttgart; schau mal kurz beim wortvogel rein; sehe die vielen neuen Reviews zu den Filmen, scrolle mich nur durch die pantomimischen Urteile; wollte wissen was die Kommentare zu diesem Bild sind; lese “neigt noch jemand neuerdings dazu erst zu den pantomischen zu gehen und dann die Kritik zu lesen?”; und freu mich irgendwie…muss wieder los, ciao…

  8. 8
    Who knows?

    “neigt noch jemand neuerdings dazu erst zu den pantomischen zu gehen und dann die Kritik zu lesen?”

    Also, ich hebe mir Highlights immer gerne für den Schluss auf…

  9. 9

    Das Bild passt immerhin super zum Giallo :D

  10. 10
    xanos

    Was ist denn sein künstlerisches Gesamtkonzept?

    Ich hab Sleepless gesehen (der steht sogar in meinem DVD Regal – aber ich hab nichts dafür bezahlt, ein Glück) und so verstanden, dass es eine Art Meta-Selbst-Realsatire ist, die den Zuseher dazu bringen soll am Ende die Erkenntnis zu haben, dass man sich zu viel Mist antut, nur weil sich da in dem Kasten bunte Bilder bewegen.

  11. 11
    Heino

    @Peroy:hat recht, “Sleepless” war der Titel. Ist auch schon wieder so ca. 8 Jahre her. Und ich fand den saudämlich und strunzöde.

  12. 12
    GrinsiKleinPo

    Film hin, Film her. Kein Film hat es verdient, das sich ein Zuschauer versucht zu erhängen und gleichzeitig zu ersticken. Mir würde ja schon ein reichaltiges Jörg in einen 20 Liter Eimer reichen. Nächste Steigerung wäre ein Topf Teer und Oma’s Federbett. *eg*

    Die Bilder haben ja was und es tut mir auf richtig Leid ich bin ein Bildmensch. Ein Bild oder tausend Worte, eideutig ein Bild, wenn es passt.

  13. 13
    Peroy

    “@Peroy:hat recht, “Sleepless” war der Titel. Ist auch schon wieder so ca. 8 Jahre her. Und ich fand den saudämlich und strunzöde.”

    Mir doch wurscht…

  14. 14

    “Sleepless” hatte aber wenigstens einen schönen Score.

    Auch wieder ein Abstieg für Argento… von Goblin/Claudio Simonetti zu einem Kerl, der für Timo Rose arbeitet…

  15. 15

    @Howie Munson: Ich muss es jetzt einfach mal sagen, allein schon, um auch mal einen Kommentar zu diesen schönen Filmkritiken zu schreiben, denen ich sonst leider wenig hinzuzufügen habe: Man kann nur Vokale kaufen!

  16. 16
    Howie Munson

    Nö.. Schlemihl vertickt sogar Stop-Schilder…
    http://www.youtube.com/watch?v=vyapiXSA3Ag

    Den Buchstaben R wird er auch nicht los
    http://www.youtube.com/watch?v=pruiFbPSkls

    Achten kann man auch kaufen…

  17. 17
    Tornhill

    Wenn’s um aktuelle Argentos geht, kommt man sich immer so alt vor, weil man “Früher war der mal wirklich gut!” aufheulen möchte.

    Na gut…Mich trifft’s nicht ganz so hart, da ich “Sleepless” mochte und auch “Terza Madre” etwas abgewinnen konnte, aber das “Phantom der Oper” und “Card Player” starren einen dennoch böse an.

  18. 18

    [...] Dafür bin ich natürlich denkbar ungeeignet, weil ich Giallos nicht mag, und Argentos “Giallo” im letzten Jahr schon gleich dreimal [...]

  19. 19
    Peroy
  20. 20
    Wortvogel

    @ Peroy: Nein.

  21. 21
    Peroy

    Was, “nein” ?

  22. 22
    Marcus

    “Nein” im Sinne von “lass den Scheiß und komm sofort zurück in den “Showgirls Exposed”-Thread, um uns im aussichtslosen Kampf gegen den Titanen Marc Vorländer beizustehen”!

  23. 23
    Peroy

    Was denn für ein “Kampf”, bitteschön ?!? *löl*

    Der kämpft doch gegen sich selbst ! Da muss man garnix tun ! :P

  24. 24
    Marcus

    Was soll das heißen: “*löl*”? So spricht doch hier sonst nur der Meister selbst! Du bist enttarnt, Sockenpuppe des Hinterstädt… ääh, Vorlander!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  25. 25
    Marcus

    Nachtrag: okay, DAS war gemein. Sorry, Peroy… :-(

  26. 26
    Wortvogel

    @ Peroy: “Nein” heisst, dass ich dem Cinemasnob nicht zustimme. Und “I sorta kinda didn’t not like it”-Reviews sind sowieso nur für Pussies.

  27. 27
    Marcus

    Woah, zum ersten Mal seit was weiß ich wie lange eine “last comments”-Spalte ohne “Showgirls”-Bezug.

    “It’s a wonderful wooorld….” *schief-sing*

  28. 28
    Peroy

    “@ Peroy: “Nein” heisst, dass ich dem Cinemasnob nicht zustimme.”

    Zwingt dich ja keiner zu… ob ich dir in deiner Nicht-Zustimmung zustimme, wird sich zeigen, wenn “Giallo” irgendwann mal hierzulande auf DVD veröffentlicht werden sollte. Der braucht ja ewig…

  29. [...] habe ich den italienischen Licht & Farben-Maler eigentlich abgeschrieben, seit “Giallo” nervt er mich sogar. Aber kann ein Mann wie Argento einen Stoff wie “Dracula” [...]

Kommentar

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