Ich hatte gedacht, mit Obama zieht eine andere politische Kultur in Amerika ein. Ich hatte nicht gedacht, dass es die Kultur des Mobs sein würde, die Regentschaft denkfauler Schreihälse, die sich von Glenn Beck und den Lobbyisten erklären lassen, warum sie sie Pharma- und Versicherungs-Industrie gegen sozialistisch/faschistisch/islamistische Ideen wie eine allgemeine Krankenversicherung verteidigen müssen. Da reden sie von Steuererhöhungen, die es nicht gibt, und behaupten, Amerika habe das beste Gesundheitssystem der Welt, was nicht stimmt. Wie kleine Kinder plappern sie nach, was man ihnen einflüstert. Fakten sind im besten Fall irrelevant, im schlechtesten destruktiv.
Mir ist niemals in meinem Leben eine Bewegung begegnet, die derart konsequent gegen ihre eigenen Interessen vorgeht. Sie protestieren gegen die, die ihnen zu einem besseren Leben verhelfen wollen. Es ist ein Musterbeispiel für Manipulation und Fremdsteuerung, und das sicher hässlichste Gesicht Amerikas.
Sie reden mehr von der Verteidigung ihres wirtschaftlichen, als ihres gesellschaftlichen Systems – sie wollen den Kapitalismus schützen, nicht die Demokratie. Dabei ist der Kapitalismus schon längst weitergezogen, hat die ehemalige Industrienation USA für neue Märkte verlassen, ausgehöhlt und leer gesaugt. Die vom Kapital besiegten Massen werfen dem potentiellen Retter Sozialismus vor – und irgendwo lachen Karl Marx und John Maynard Keynes ganz herzlich.
In diesem Video kommt sehr schön zum Ausdruck, wie erschreckend dünn die Wissensdecke der Demonstranten ist – die meisten können nicht einmal erklären, was ihre Plakate und Parolen eigentlich bedeuten sollen:
Natürlich sind diese Leute nicht repräsentativ – aber sie regieren derzeit die Medien in den USA, die ihnen ungebührlich viel Sendezeit widmen. Und damit prägen sie den Diskurs, der schon lange keiner mehr ist – es dominieren Hass, Rassismus, und dumpfe Ignoranz.
Ich wüsste gerne, was solche Menschen wirklich antreibt. Psychologisch gesehen kann ich mir nur vorstellen, dass sie sich in einem Erkenntnis-Schockzustand befinden: nach einem weißen und hochgefährlichen Volltrottel haben sie einen gebildeten Schwarzen zum Präsidenten gewählt, der tatsächlich klüger ist als sie, und beweist, dass man Dinge ändern kann, wenn man den Arsch vom Sofa kriegt. Er verkörpert die amerikanischen Ideale – und zeigt dadurch umso deutlicher, wie sehr diese Ideale vom gefräßigen und bequemen Schlick am Boden der US-Gesellschaft entfernt sind. Weite Teile von Amerika sind auf ideologischem, ökologischen, und psychologischem Hartz IV, brauchen permanent Stütze und Bestätigung. Obama ist der unverschämte Sozialarbeiter, der sie zum 1 Euro-Job schicken will. Was bildet der sich ein?
“Klar wollten wir Veränderung – aber muss sich deshalb alles ändern?”
Kein Wunder, dass sie immer davon plärren, sie seien das “wahre Amerika”, sie wollten “Amerika zurück erobern”, sie stünden für “Freiheit und Verfassung”. Was sie verteidigen, ist nicht ihr Land: sie verteidigen das Privileg, Recht zu haben, ohne im Recht sein zu müssen; zu gewinnen, ohne im Wettbewerb anzutreten; zu haben, ohne zu verdienen.
Obama und der Mob sind sich in einer Tatsache einig: Amerika ist “the greatest nation in the world”. Der Mob glaubt lediglich, dies sei per Definition so, und nicht per Leistung.
Der Begriff ist überstrapaziert, und ein Klischee, aber ich denke, er passt an dieser Stelle sehr gut: In Amerika findet ein Kulturkrieg statt, ein zähes Ringen um die Frage, wie man ein träge gewordenes Wohlstandsvolk in Zeiten des Wandels wieder auf Kurs bringt. Es geht darum, dass Profit an sich kein Wert ist, schon gar ein “uramerikanischer”, und dass Amerika eigentlich mal ein Sinnbild war für Menschen, die eine Gemeinschaft bilden wollten, in der die Starken die Schwachen schützen.
Kein Wunder, dass die Starken mit allem, was sie haben, dagegen vorgehen: Medien, Lobbyisten, gekaufte Politiker, Kirchen, Big Business – es ist Endzeit. Zielgerade. Showdown.
Wenn Obama es nicht schafft – wer dann? Und was dann?