Clive Barker’s Book of Blood

England 2009. Regie: John Harrison. Darsteller: Jonas Armstrong, Sophie Ward, Clive Russell, Paul Blair, Doug Bradley u.a.
Clive Barker ist ein Horrorautor, dessen Stern in den 90ern Jahren an Strahlkraft deutlich verloren hat. Ich halte das für durchaus gerechtfertigt, denn schon seine Kurzgeschichten-Sammlungen “Books of Blood” waren von zunehmend abnehmender Qualität – ab Buch 3 hat mir da kaum noch etwas gefallen. Zumal Barker, im Gegensatz zu Stephen King, deutlich mehr auf Atmosphäre als auf Story setzt. Er hat eine Vorliebe für Perversion, Gier, die dunklen Seiten der menschlichen Seele, während King den Horror bevorzugt in der Mitte des Mainstreams ansiedelt.
Umso kurioser, dass es derzeit eine Mini-Renaissance gibt, was den britischen Schock-Schreiber angeht: letztes Jahr lief der unterschätzte “Midnight Meat Train” auf dem FFF, eine TV-Serie namens “Clive Barker’s Hotel” ist in Arbeit, es wird ein Remake von “Hellraiser” geben, und John Harrison (“Dune”, “Tales from the Darkside: The Movie”) hat sich nun an ein (bzw. zwei) der Geschichten aus den Büchern des Blutes versucht.
Ich mag John, habe fast zwei Jahre an “Dune” mit ihm gearbeitet. Ein außerordentlich netter, und von Hollywood unbeschmutzter Charakter aus dem Umfeld von George Romero.
Aber kein guter Autor. Und auch kein guter Regisseur.
Ihm fehlt die klare Vision, und die Authorität, diese auch umzusetzen. Seine Filme fühlen sich in meinen Augen immer unfokussiert an, vage, als wüsste er selber nicht genau, was der Stoff an Message transportieren soll. Er findet auch selten Wege, die mangelnden Budgets durch stilistische Detailfreude auszugleichen. Für den soliden Handwerker, der John ist, sind solche Projekte notorisch zu ambitioniert, zu exzentrisch, zu fordernd.
“Clive Barker’s Book of Blood” ist dafür ein exzellentes Beispiel. Die düstere Mär des Mannes, dessen Haut als Schreibunterlage der Toten dient, wird vom Sprung aus der Kurzgeschichte in den Kinofilm hoffnungslos überdehnt. Statt den Mythos auszuformulieren, streckt Harrison nur die Details der Vorlagen “Book of Blood” und “On Jerusalem Street”.
Horrorfans werden sich erinnern: “Book of Blood” und “On Jerusalem Street” sind die erste und die letzte Story der “Bücher des Blutes”. Sie klammern alle anderen Geschichten.

Das Problem: Wenn man die Rahmenhandlung einer Sammlung von Kurzgeschichten erzählt, fehlt der Kern – die Kurzgeschichten. “Book of Blood” ist Verpackung ohne Inhalt. Um das Problem zu lösen, strukturiert Harrison den Plot etwas hilflos um: “On Jerusalem Street” ist nun die Rahmenhandlung, und “Book of Blood” die Geschichte. Dafür mangelt es aber einfach an Substanz, zumal das Anthologieformat kaum greift, wenn sowieso nur eine Story erzählt wird. Effektiver wäre es gewesen, zwei oder drei Kurzgeschichten zu erzählen – aber dafür waren wohl weder die Lizenzen, noch die finanziellen Mittel vorhanden.
Das kümmerliche Storygebilde bietet auch im limitierten Rahmen wenig Entertainment: Jonas Armstrong mangelt es an Charisma, der Charakter von Sophie Ward bleibt komplett unverständlich, und der Regie-Stil ist so durchamerikanisiert, dass in vielen Szenen kaum zu glauben ist, dass “Book of Blood” in England spielen soll (wo auch tatsächlich gedreht wurde).
Die Perversion und die Transgression, die Barker immer wieder thematisiert, haben in Harrisons Film nur den Anschein verschämter Pflichterfüllung: ein bisschen Sex, ein bisschen Masturbation, ein bisschen Fetisch – in Zeiten von Torture Porn wirkt das geradezu kastriert.
Effekte, Musik, und Sets bleiben konstant auf solidem Low Budget-Niveau, und es drängt sich der Vergleich mit “Hellraiser 2″ auf – einem Film, der mit ähnlichen Voraussetzungen einen ungleich stimmigeren und visionären Horror generiert hat. “Book of Blood” hat weder die Dialoge, noch die Figuren, noch die Antagonisten, um mehr als sediertes Interesse zu rechtfertigen – wo sind die Zenobiten, wenn man sie mal wirklich brauchen könnte?
Schade, dass der Film eines wirklich wegweisenden Autors, von einem mir persönlich bekannten Regisseur, doch nur im faden Mittelfeld spielt wie ein Großteil der Streifen beim Fantasy Filmfest (wo er wahrlich hätte laufen können).
Ein Regalfüller für beinharte Barker-Fans und Allesseher.
Mr. and Mrs. Smith

USA 1941. Regie: Alfred Hitchcock. Darsteller: Carole Lombard, Robert Montgomery, Gene Raymond, Jack Carson
Wenn es etwas gibt, für das Alfred Hitchcock nicht bekannt ist, dann ist es die romantische Komödie. Zwar verwendet er gerne Elemente dieses Genres (besonders in “Der unsichtbare Dritte”), aber gewöhnlich verpackt er es in einen Krimi, einen Thriller, ein Mystery. “Mr. and Mrs. Smith” ist eine seltene Ausnahme, mehr Boulevard-Komödie im Stil von Billy Wilder und Howard Hawks.
David und Ann Smith sind seit vier Jahren verheiratet – “glücklich” wäre übertrieben, denn mit großer Leidenschaft reiben sich die beiden blitzgescheiten Charaktere aneinander: er ist ein charmanter Rechtsanwalt, sie eine alles überdramatisierende Society Lady. Zum Bruch kommt es, als sie feststellen, dass sie dank eines Behördenfehlers gar nicht wirklich verheiratet sind. Statt sofort noch einmal zum Standesamt zu rennen, beginnen sie einen Kleinkrieg, in dem wirklich alles erlaubt ist, mit einer Ausnahme – dem tatsächlichen Eingeständnis der (offensichtlichen) gegenseitigen Liebe.

Ich hatte große Erwartungen in “Mr. and Mrs. Smith” gesetzt, und vielleicht war das mein Fehler – am Ende war ich enttäuscht und auch einigermaßen ratlos. Während Hitchcocks Regiearbeit ohne Fehl und Tadel ist, kann das Drehbuch von Norman Krasna nicht überzeugen. David und Ann sind ein zu tolles Paar, als das es Sinn machen würde, sie für relativ weite Strecken des Films auseinander zu dividieren. Sie funktionieren nur miteinander, nicht gegeneinander – wie Nick und Nora in den “Dünner Mann”-Filmen. Ihr grundlegender Konflikt wirkt sehr konstruiert, und Anns neue Beziehung zu Jeff wird weit über ihre Funktion als Stolperstein hinaus ausformuliert. Das macht “Mr. and Mrs. Smith” besonders in der zweiten Hälfte (wenn der Film fatalerweise das mondäne New Yorker Umfeld verlässt) zäh und unglaubwürdig. Auch andere Nebenplots wie die Abenteuer, die David mit dem rauen Chuck erlebt, sind allenfalls putzige Ablenkungen von der eigentlichen Geschichte.
Robert Montgomery ist sympathisch – aber kein Cary Grant. Nicht einmal ein Fred Astaire. Carole Lombard, die ich bisher selten auf dem Radar hatte, ist allerdings ganz bezaubernd, und hat eine erstaunliche Präsenz und Modernität.
Kurzum: Weder Hitchcock, noch seine beiden Stars haben hier genug Material, um daraus einen Klassiker zu schnitzen. “High Society” erzählt praktisch die gleiche Geschichte, nur ungleich besser.
Die Hölle von Manitoba

Deutschland/Spanien 1965. Regie: Sheldon Reynolds. Darsteller: Lex Barker, Pierre Brice, Marianne Koch, Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy
Aus an dieser Stelle nicht näher zu erklärenden Gründen beschäftige ich mich derzeit viel mit Lex Barker. Dabei kommen auch einige seiner obskureren Filme in meinen DVD-Player.
“Die Hölle von Manitoba” ist eigentlich ein vergessenswerter C-Western, gedreht in einer dutzendfach gesehenen Westernstadt, mit der Expertise von Leuten, die den Wilden Westen primär aus “Lassiter”-Heftchen kennen. Irgendwie sind sich ein paar Rancher spinnefeind (allerdings sehen wir keine einzige Ranch, oder gar ein Rind – die “Action” bleibt komplett auf die Stadt beschränkt), zwei schnelle Coltschwinger werden in die Fehde mit reingezogen, “Seth” wird konstant “Sätt” genannt, die Frau von der Ado-Gardine schaut indigniert, es gibt Saloonschlägereien, und so etwas wie Gesetze scheint man in “Glory City” (anderweitig “Powder City” genannt) nicht zu kennen. Päng Päng, du bist tot.

Natürlich hofften die Macher, das Publikum durch die erneute Paarung von Pierre Brice und Lex Barker (dem nachgewiesenermaßen bestaussehenden Mann des Universums – aller Zeiten!) zu ködern. Das mag auch funktioniert haben. Auf das Niveau selbst der billigeren Karl May-Filme schafft es “Die Hölle von Manitoba” nicht, dafür fehlen der preiswerten Krawall-Produktion Pathos und Melodrama. Die beschaulich-kitschige Location im Stil der “Western Town” im Phantasialand rechtfertigt auch nicht wirklich die Bezeichnung “Hölle”.
Was “Manitoba” aber zu einem echten Knaller macht, ist eine gewisse schwule Grundhaltung, die den Film immer wieder wie einen unbeholfenen Vorläufer von “Brokeback Mountain” wirken lässt. Pierre Brice hat wohl niemals vorher oder nachher derart affektiert feminin gespielt, und seine Interaktionen mit Lex Barker gehen über das Prinzip “Männerfreundschaft” weit hinaus.
Schon ihre erste Begegnung hätte Ang Lee inspirieren können:
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Manchmal ist ein Colt eben nicht nur ein Colt…
Hat man die Prämisse verinnerlicht, dass Barker und Brice zwei Homo-Cowboys sind, wird der Streifen ungleich unterhaltsamer, und die Dialoge bekommen ganz neue Bedeutung – etwa, wenn Brice in einer Bar von einer Gruppe räudiger Kerle in die Ecke gedrängt wird: “Jetzt bist du dran!”. In Glory (hole?) City ist es nicht angebracht, sich nach der Seife zu bücken…
So ist “Die Hölle von Manitoba” als Western ein altmodischer Totalausfall, als Trinkspiel mit Tequila und ein paar standfesten Freunden aber ein empfehlenswerter Zeitvertreib.