Wortvogels dunkle Vergangenheit: “Science Fiction TV-Guide” (1)
Zeit, mal wieder in den Erinnerungen zu kramen. Kürzlich hatten wir ja schon meine ersten unveröffentlichten Bücher. Ab heute sprechen wir mal von den ersten veröffentlichten.
In das Verlagsbusiness kam ich nicht über meine Arbeit als Redakteur beim GONG, wie man vielleicht annehmen möchte. Es war stattdessen eine dieser seltsamen Querverbindungen, die bei der richtigen Kombination von Wassertemperatur, Sternzeichen, und Haarfarbe zu einer neuen Chance führt.
Anfang der 90er hatte ich Dirk Bartholomä kennengelernt, den Chef des größten deutschen Star Trek-Fanclubs, und Herausgeber der “Trekworld”. Er begann gerade damit, die FedCon aufzuziehen – nicht ahnend, dass daraus eines Tages die größte Convention Europas werden sollte. Mit Dirk konnte ich soweit ganz gut, auch wenn wir charakterlich zu verschieden waren, um gerne auf ein Bier zu gehen. Wenigstens musste ich bei den Conventions keinen Eintritt zahlen.
Dirk wusste, dass ich massiver “Babylon 5”-Fan, und in Deutschland damit Teil einer als radikal (und verachtenswert) angesehen Minderheit war. Es war eine dieser “Connery oder Moore”, “Shorts oder Slips”, “Xbox oder Playstation”-Situationen – wer für B5 war, war gegen Trek. Beides ging nicht. Ich konnte damit leben. Ich bin ein Rebell.
Eines Tages klingelte in der Redaktion das Telefon, und ein freundlicher Herr mit dem hübschen Namen Heering stellte sich vor. Er sei auf der Suche nach einem “Babylon 5”-Experten, und Dirk Bartholomä habe ihn an mich verwiesen. Der vgs-Verlag hätte die Lizenz zu B5-Romanen käuflich erworben, und nun suche man einen kompetenten Übersetzer.
Ich hatte noch nie in meinem Leben einen Text professionell übersetzt. Zwar schaute ich gerne Filme in der Originalfassung, und las TV-Zeitungen aus Amerika, aber das war kaum zu vergleichen. Übersetzungen sind was für Experten.
Also sagte ich kackfrech zu. Ich war jung und brauchte das Geld. Mit 26 macht man sich über die Folgen selten Sorgen.
Die Übersetzung stellte sich zu meiner Überraschung als einfacher heraus, als ich befürchtet hatte. Ich war durch meinen regelmäßigen Kontakt mit dem US-Markt doch besser in der Sprache drin, als ich dachte. Ein paar Mal musste ich technische Begriffe nachschlagen, aber insgesamt ging mir die Arbeit leicht von der Hand. Es machte sogar Spaß. Und da man nach Seite bezahlt wird, entpuppte sich der Auftrag auch als solide lukrativ (zumindest nach meinen damaligen Lebensumständen).
Es war sicher hilfreich, dass der Roman aus der Feder von John Vornholt stammte, einem der besseren Tie In-Autoren der Branche. Er hat das perfekte Gespür, die Atmosphäre einer Serie einzufangen, und dann über die Restriktionen des TV-Budgets hinaus zu erweitern. Kurzum: man bekommt was für sein Geld. Einige Romane, die ich später vorgelegt bekam, waren so schluderig geschrieben, dass ich mir bei der Übersetzung ziemliche Freiheiten nehmen musste, um das alles stilistisch hinzubiegen. Ich erinnere mich an einen B5-Roman, bei dem ich ein terroristisches Attentat auf die Station über zwei Seiten hinweg komplett neu aufbaute, weil die Original-Strategie der Attentäter so hilflos dämlich war.
Ebenfalls angenehm war auch die Arbeit an “The Dig”, einem “Roman zum Spiel” des Tie In-Königs Alan Dean Foster – der Mann schreibt pro Saison ein halbes Dutzend Adaptionen von Fernsehserien und Kinofilmen. Und er kann das wirklich gut. 2009 ist er mit “Star Trek”, “Terminator: Salvation”, und “Transformers 2” im Rennen. Ich bin ein Fan seiner Arbeit, seit er den ersten “Star Trek”-Kinofilm (als “Gene Roddenberry”) so toll adaptierte, dass er die Mäßigkeit der Vorlage vergessen machte.
Foster traf ich einige Jahre später bei einer SF-Convention in Darmstadt, und es war toll, einem “meiner” Autoren auch mal in die Augen schauen zu können. Er signierte mir das Original des Buches, und es hat bis heute einen Ehrenplatz in meinem Schrank.
Zurück zum Thema: Nach der Übersetzung von “Tödliche Gedanken” (der Übersetzer liefert übrigens gewöhnlicherweise drei Vorschläge für einen deutschen Titel) hatte ich Blut geleckt. Weil der Verlag mit der Arbeit sehr zufrieden war, übersetzte ich daraufhin die meisten Bücher, die zum Thema Babylon 5 auf den deutschen Markt kamen. Es folgten Romane zu “Lois & Clark”, “Space 2063”, “Godzilla”, und natürlich “Charmed”.
Ich übersetze gerne. Das liegt sicher daran, dass es eine perfekte literarische Zwischenform ist – man hat die Befriedigung, viel zu schrieben, muss sich aber nicht permanent den Kopf über das “was” zerbrechen. Wenn man Routine hat, kann man sich den Stundenlohn gut ausrechnen. Es ist planbarer als ein eigener Roman. Natürlich gibt es Unterschiede: ich möchte sicher keine Fachtexte übersetzen, oder Romane, die viel mit Wortspielen oder Reimen arbeiten. Da haben mir bei “Charmed” die Zaubersprüche gereicht. Ich habe auch mal Computerspiele übersetzt (“Frontschweine”), und ein PC-Programm zu Steuerung von Lego-Robotern, aber das ist fies und fiselig. Ich brauche eine durchgehende Geschichte.
Durch die Übersetzungen kannte ich Mitte der 90er einige Verlage, die sich mit Büchern zu TV-Serien beschäftigten. Ich durfte auch auf die Frankfurter Buchmesse an den Tagen, an denen das Fußvolk keinen Zutritt hatte. Ich kam mir fast schon wie ein richtiger Autor vor.
In diesen Jahren fuhr ich auch öfter nach London, weil ich die Stadt bekanntermaßen liebe. Und weil ich mich dort an Zeitschriften und Büchern bankrott zu kaufen pflegte. Ich erinnere mich an einen Rückflug, den ich verpasste, weil mein Seesack durch die Einkäufe so schwer geworden war, dass ich ihn nur mühsam durch die Gänge der U-Bahn hinter mir her zerren konnte. Heute schreibe ich mir nur die ISBN-Nummern auf, und bestelle den Kram über Amazon.
Wie dem auch sei: bei HMV stieß ich auf das Buch “The New Sci Fi TV Yearbook 1995: From Deep Space to Babylon 5” von James van Hise. Van Hise ist ein Sammler, Händler, und Filmfreak, der eine beachtliche Karriere daraus gemacht hat, (meist unlizensierte) Bücher zu TV-Serien und Filmen zu schreiben. Meistens sind mir seine Werke zu oberflächlich – was sicher auch daran liegt, dass er ohne Lizenz nur begrenzten Zugang zu Sets und Bildmaterial hat. Das nebenstehende Bild zeigt einen ähnlichen Band, den Hise geschrieben hat.
Das Konzept des “Sci Fi TV Yearbook” schien mir bestechend: statt eine einzelne, meist alte Serie bis in die letzte Radkappe auseinander zu nehmen, stellte er einfach die neuen Genre-Serien vor, gab ein wenig Hintergrund, listete Episoden, etc. Das war sehr praktikabel, gab es doch damals für SF-Fans kaum eine bezahlbare Möglichkeit, sich umfassend zu informieren. Klar, man konnte Star-Log und Cinefantastique abonnieren, aber das war teuer, und dazu noch unübersichtlich.
Ein Jahrbuch! DAS fehlte dem Markt, besonders dem deutschen! Natürlich besser geschrieben und ausführlicher als das, was van Hise da halbherzig abgeliefert hatte. Der deutsche Fan sollte mit nur einem Buch in die Lage versetzt werden, so kompetent wie die amerikanischen Fans über den SF-Markt zu diskutieren. Nur ein Buch. Aber das jedes Jahr wieder, immer aktualisiert.
In einer unheilvollen Allianz aus Größenwahn und jugendlichem Leichtsinn gab es für mich nur einen Autor, der dieses Standardwerk schreiben konnte: ich selbst!
Heyne kam für den Band nicht in Frage, denn die setzten nur auf Bücher mit offiziellen Lizenzen (im vorigen Jahr hatten sie ja deshalb schon mein “Babylon 5″-Universum auf halber Strecke gekippt). Die vgs winkte auch ab – mit den übersetzten Büchern war man schon beschäftigt genug. Also ging ich zu Heel, einem Verlag in Königswinter, der stark in den Markt der Tie Ins einsteigen wollte.
Ich hatte keine Ahnung, auf was ich mich da einließ…
Morgen: Teil 2 – eine elende Schinderei ist das!
Nachtrag: 2001 schnappte mir van Hise tatsächlich mal einen Auftrag vor der Nase weg – ich wollte unbedingt das “Making of” zur von mir betreuten Miniserie “DUNE” schreiben, aber die Amerikaner hatten Hise bereits unter Vertrag genommen. Wenigstens blieb mir die Foto-Story, die ich für den Heyne-Verlag zusammen bastelte, und die immerhin meinen geliebten Aprilia-Roller finanzierte.