Ruhe da vorne! Movie-Mania 2009 (89-91) Heute: Lesbian Vampire Killers, Parasomnia, Mule Skinner Blues
Lesbian Vampire Killers

England 2009. Regie: Phil Claydon. Darsteller: James Corden, Matthew Horne, MyAnna Buring, Silvia Colloca, Paul McGann u.a.
Jimmy ist mal wieder von seiner tyrannischen Freundin abserviert worden. Kumpel Fletch schlägt massiv Party zur Selbstfindung vor, aber Jimmy hat eine bessere Idee – wandern durch das englische Hinterland. Erstaunlich genug, dass sich die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bringen lassen: im Kuhkaff Cragwich tummeln sich nämlich die schärfsten Weiber der Welt, als hätte man eine Wagenladung FHM-Modelle hier vergessen. Dummerweise geht das auf einen Fluch zurück, demnach alle Mädchen des Ortes mit 18 zu lesbischen Vampirinnen werden. Zusammen mit ein paar wohlgesonnenen (und wohlproportionierten) Studentinnen nehmen Fletch und Jimmy widerwillig den Kampf auf.
Seufz. Da erwartet man einen zweiten “Shaun of the Dead”, und was bekommt man? Einen zweiten “Stefan & Erkan gegen die Mächte der Finsternis”.
Aber ich will mal gar nicht so gemein sein: “Lesbian Vampire Killers” (der Film wurde erst NACH der Erfindung des Titels geschrieben) ist eher das, was ich mir vorstelle, wenn Elton und Simon Gosejohann jemals eine Horror Comedy drehen. Das passt nicht nur äußerlich gut zu den Protagonisten: Corden und Horne sind in England ein beliebtes Komiker-Duo mit eigener (wenn auch selten inspirierter) Sketchshow. Gerüchten nach kaperten sie dieses Projekt für sich, nachdem die Macher eigentlich andere Hauptdarsteller im Auge hatten.
Von der Produktionsqualität weiß LVK durchaus zu überzeugen: die Sets sind toll, sie sind schön bunt gefilmt, die Spezialeffekte sind State of the Art, und es läuft alles recht flüssig ab.
Auch was die titelgebenden lesbischen Vampire angeht, müssen sich die Macher keine Vorwürfe gefallen lassen: LVK bedient jedes Schulmädchen- und Cheerleader-Klischee, und kostümiert seine leckeren Darstellerinnen so knapp wie möglich. Es regieren Mini-Röcke, Bauchfrei-Tops, und jede Menge Fetisch-Accessoires von Sekretärinnen-Brille bis Kaugummi.
Leider ist der Film an keiner Stelle so frech, wie er zu sein vorgibt – Blut wird aus Jugendschutzgründen komplett durch weiße Gülle ersetzt, diverse Nippel sind überschminkt, und wenn die Protagonisten mal “scheiße” sagen, hört man förmlich die Autoren, wie sie sich stolz auf die Schulter klopfen.
Schlimmer noch: die banale Handlung schert uns genau so wenig wie die Hauptfiguren. In “Shaun of the Dead” war immer klar, dass hinter den armseligen Existenzen von Shaun und Ed zwei wirklich patente Kerle stecken, die nur mal eine Chance brauchen, sich zu beweisen. Fletch hingegen ist ein obszöner Vollidiot, und Jimmy ein armseliges Weichei. Je eher die ins Gras beißen, desto besser.
Der Humor beschränkt sich auf banalsten Slapstick und dämlich-pubertäre Sprüche – da ist nichts clever, hintergründig, oder gar parodistisch.
Kurzum: Ein Film, der leider nicht ansatzweise so inspiriert ist wie sein Titel.
Parasomnia
USA 2008. Regie: William Malone. Darsteller: Dylan Purcell, Patrick Kilpatrick, Jeffrey Combs, Cherilyn Wilson u.a.
Dem Vernehmen nach hat William Malone, Regisseur so eklektischer Werke wie “Creature”, “House on Haunted Hill”, und “FearDotCom”, diesen Film aus eigener Tasche finanziert. Das erscheint im ersten Moment beeindruckend, aber nach meiner Erfahrung ist ein Bruch mit dem Hollywood-Mantra “never invest your own money” nie ein gutes Zeichen: wenn das Projekt so bestechend ist, dass Malone eigenes Vermögen zu investieren bereit ist, sollte dann nicht auch eine reguläre Finanzierung möglich sein?
Die Story ist tatsächlich relativ eigen: der frisch gesingelte Danny sieht bei einem Krankenhaus-Besuch die schlafende Laura – sie leidet seit ihrer Geburt an der titelgebenden Krankheit, und wacht immer mal wieder nur für Sekunden oder Minuten auf. Im Nebenzimmer wird der brutale Killer und Mesmerist Byron Volpe in Ketten gehalten. Weil man Laura für Experimente nutzen will, entführt Danny sie kurzerhand, und knüpft zarte Bande zu dem Mädchen, das kaum mehr als ein paar Sätze schafft, bevor sie wieder einschläft (und sich dabei in einer bizarren, Hellraiser-esken Alptraumwelt wiederfindet). Das Problem: Laura scheint ihre wache Zeit gerne mit übergroßen Messern zu verbringen, und um Danny herum sterben plötzlich die Leute. Byron Volpe wiederum betrachtet Laura als seine “Braut”, und sieht nicht ein, dass er auf sie verzichten soll…
“Parasomnia” ist genau wie “Shuttle” die Sorte Film, die ich auf Festivals immer zu finden hoffe: eine eigenständige Idee, eine eigenständige Welt, sorgsam gebaut um schicke Schockeffekte und gute Darsteller. Horror der alten Schule, ohne altmodisch zu sein.
William Malone versucht offensichtlich, sich im Kreis von Clive Barker, Guillermo del Toro, und Stuart Gordon zu platzieren – die Welt von “Parasomnia” ist ein Alptraum, auch außerhalb der Alpträume. Eine erkennbare “Realität” gibt es nicht, Sets und Figuren sind klar als solche zu erkennen. Halbdunkel regiert, grüngrau, als wäre alles vor langer Zeit verschimmelt. Schallplatten aus den 60ern, Behandlungsmethoden aus den 40ern, Cops aus den 70ern – wo die Zeit stehengeblieben ist, prallen die Anachronismen aufeinander.
Mittendrin: eine Liebesgeschichte. Danny liebt Laura, und Laura liebt Danny… irgendwie. Ihre Zeit ist kostbar, weil sie so kurz ist. Danny könnte Falco sein, und seine Laura ist Jeanny. Sie braucht ihn, und er will nichts mehr als gebraucht werden.

Aber in dieser Twilight Zone ist Liebe keine Option, und die dunklen Mächte sind immer darauf erpicht, ihr Licht zu löschen: die schmierigen Bullen, die skrupellosen Ärzte, die geile Nachbarin, der seelenlose Killer. Doch Danny und Laura finden Erlösung in der Ewigkeit.
Das ist alles bezaubernd, feinfühlig, und mit sehr viel Können erzählt. Die Darsteller passen sich der überhöhten Märchen-Realität an, Musik und Bauten fallen perfekt ineinander. Traumbilder, vielleicht nicht perfekt in der Technik, aber provokant in der rüden Schönheit. Erinnerungen an “Paperhouse”, “Hellraiser 2″, “Pan’s Labyrinth”.
Leider kettet sich Malone dann aber doch zunehmend an die Konventionen des Horrorfilms, bricht die dunkle Romanze, das schwarze Märchen, in dem er auf Slashermotive, Gore, und einen Antagonisten setzt, der in einem gewöhnlichen Schlitzerfilm besser aufgehoben wäre. Und dann schleichen sich auch willkürliche Sprünge in der Logik der Geschichte ein, die schleichend jedes echte Drama erodieren lassen. Das Storytelling zerfasert zum Ende hin, als habe Malone irgendwann die Konzentration verloren. Alles wird assoziativ, opak, amorph. Der Film geht dem Zuschauer verloren – und der Zuschauer geht dem Film verloren.
Einer der Gründe, warum ich “Parasomnia” trotz seiner Schwächen empfehle, die schlicht und ergreifend meine erlahmende Toleranz mit 0815-Slashern, die sich nicht erblöden, die immer gleichen Figuren durch die immer gleichen Szenarien zu scheuchen – sowas wie das hier:
“Parasomnia” gibt sich wenigstens redlich Mühe, eine eigene Geschichte zu erzählen, eigene Akzente zu setzen, eine eigene Stimme zu finden. Es flackert blass die Erinnerung auf, warum man überhaupt mal angefangen hat, sich für Horror zu interessieren. Wann hat man zuletzt einen Genre-Film gesehen, der für sich das Attribut “ambitioniert” reklamieren kann? Eben.
Den nachfolgenden Trailer solltet ihr euch dringlich in HQ ansehen, sofern eure Hardware das zulässt:
Mule Skinner Blues
USA 2001. Regie Stephen Earnhart. Beteiligte: Beanie Andrew, Ricky Lix, Raymond Dagley, Steve Walker
Viele von euch werden “American Movie” gesehen haben, die ebenso tragische wie komische Dokumentation über den Präkariaten Mark Borchardt, der den Traum vom eigenen Horrorfilm träumt, dabei aber ständig über die eigene Inkompetenz stolpert. In seinen hilflosen Versuchen, “großes Kino” zu machen, erinnert er an die tumben deutschen Genre-Filmer, die ihre Vorbilder zwar studiert, aber leider nicht verstanden haben. Als Bonus enthält die “American Movie”- DVD Borchardts kruden, aber teilweise ganz effektiven Kurzfilm “Coven”.
“Mule Skinner Blues” ist so etwas wie die Senioren-Variante von “American Movie”. Die zugrunde liegende Idee lasse ich den Film mal selbst erzählen:
http://www.vimeo.com/4889333Natürlich geht es hier sowenig wie in “American Movie” um das tatsächliche “Making of” eines Amateur-Horrorfilms: die Macher sind mehr daran interessiert, das bizarre Leben der Beteiligten im Umfeld einer Wohnwagen-Siedlung zu dokumentieren. Hier gibt es kleine Menschen mit großen Träumen, die sich schlichtweg weigern, ihr ganzes Leben als eine Niederlage anzusehen. Träumer, Säufer, Hurensöhne – manche mit Talent, manche nur mit einer großen Klappe. Von der Gesellschaft ignoriert, haben sie ihre eigene Familie erschaffen, brüchig zwar, aber warm in kalten Nächten.
Das Problem von “Mule Skinner Blues” ist dabei, dass die Protagonisten nicht halb so lächerlich sind wie der Filmnerd Mark Borchardt. Allein ihr Alter verlangt uns einen gewissen Respekt ab. Und es gibt auch keine wirkliche Spannung: ein Erfolg des Filmprojekts von Beanie Andrew ist nicht mal theoretisch denkbar – er geht nicht wie Borchardt “against all odds”, sondern sucht nur irgendwas, um die mickrige Existenz erträglich zu gestalten.
Letztlich bleibt “Mule Skinner Blues” damit ohne Aussage, ohne narrativen Drive – die Tatsache, dass Beanie seinen Kurzfilm “Turnabout is Fair Play” dann doch noch irgendwann fertig bekommen hat (er ist auf der DVD enthalten – und endlich ist ein Vergleich mit Ed Wood mal angebracht), erscheint fast wie ein Nachklapp. Damit ist die Dokumentation allenfalls für beinharte Filmfans mit Doku-Fetisch empfehlenswert.