20
Februar 2009

Ruhe da vorne! Movie-Mania 2009 (27) Heute: Cujo

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USA 1983. Regie: Lewis Teague. Darsteller: Dee Wallace Stone, Daniel Hugh Kelly, Christopher Stone, Danny Pintauro u.a.

Ich sollte vielleicht mal ein Missverständnis aufklären: ich habe mein Leben nicht damit verbracht, Filme zu schauen. Unseren ersten Videorekorder bekamen wir erst 1988, und als Teenager hatte ich selten genug Geld, um ins Kino zu gehen. Im Kinderzimmer gab es keinen Antennenanschluss, der Apparat diente nur als Monitor für meinen C64. Auch später war es nie mein erklärtes Ziel, jeden Abend vor der Glotze zu verbringen.

Seit fast 10 Jahren schaue ich zudem sehr selektiv – meistens PayTV oder DVD. Ich zappe mich nicht Donnerstag Nacht um 3 Uhr durch die Programme, um auf RTL 2 die geschnittene Version von “Airboss 3: The Payback” zu sehen.

Mein Ruf als Filmversteher basiert zu einem großen Teil auf meiner Beschäftigung mit der entsprechenden Literatur – Enzyklopädien aus den USA, Zeitschriften, Dokumentationen (am Wochenende gönne ich mir eine 30 Jahre alte, 13stündige Reihe über den amerikanischen Stummfilm). Außerdem kann ich mir das, was ich gesehen und gelesen habe, sehr gut merken. Es ging mir nie wirklich darum, möglichst viele Filme zu sehen. Stattdessen wollte ich den Kontext verstehen, Kino in einem größeren Zusammenhang sehen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen haben welche Filmgenres beeinflusst? Wie haben sich die Vertriebssysteme der Studios auf die unabhängigen Produzenten ausgewirkt? Welche Megatrends haben den Markt geprägt?

Ein Film ist sowohl Einzelwerk, als auch Bestandteil einer mehr als 100 Jahre dauernden Historie, und fast noch mehr Spass als der reine Konsum macht mir die Einordnung in das große Gesamtbild Kino. Ich sehe mich weniger als Filmfan – mehr als Filmgeschichtsfan.

Ähem.

Viele pompöse Worte, um die Tatsache zu rechtfertigen, dass ich bis gestern Abend “Cujo” noch nie gesehen hatte. Und das, obwohl ich genau in der richtigen Altersklasse spiele – als der Film rauskam, war ich 15, und wie der Rest der Welt ein Stephen King-Fan.

Ich weiß nicht, ob jüngere Leser sich vorstellen können, wie es Anfang der 80er in den Kinos aussah: King WAR King. Die Dekade von 1976 bis 1986 war sein goldenes Zeitalter, die Studios rissen sich um seine Stoffe. Praktisch alle relevanten und klassischen King-Verfilmungen stammen aus dieser Periode: “Carrie”, “Shining”, “Dead Zone”, “Christine”, “Stand by me”, “Firestarter” – und “Cujo”. Meistens mit begrenzten Budgets gedreht, aber mit großem PR-Rummel in die Kinos gebracht. King-Filme waren Ereignisse, Events, auf die man als Teenager mit der gleichen Spannung wartete wie auf die neue Otto-LP.

King war massenkompatibler Grusel, der noch nicht krampfhaft auf die jugendliche Zielgruppe schielte. Im Mittelpunkt standen normale Menschen, normale Familien, deren mühsam aufgebautes normales Leben lustvoll zerstört wurde, um zu sehen, ob sie am Schicksal scheitern würden. Johnny Smith, Jack Torrance, und Carrie White bezahlten ihre Transgressionen mit dem Leben – Donna Trenton, Dennis Guilder, und Ben Mears entpuppten sich als Überlebenstypen. Man kämpft für das, was man liebt, bedingungslos. Und sei es nur der Status Quo.

“Cujo” ist in vielerlei Beziehung eine prototypische King-Verfilmung: begrenzt im Aufwand (Budget 5 Millionen Dollar), aber mit Sorgfalt gemacht, vor und hinter der Kamera mit solider B-Ware bestückt. Kein Spielberg hätte damals den Platz von Lewis Teague einnehmen wollen, keine Kathleen Turner eine Dee Wallace Stone um die Hauptrolle beneidet. Aber das war auch nicht nötig: der Name “Stephen King” auf dem Kinoplakat garantiert den Erfolg.

Ich nehme zwar an, dass jeder die Story in Grundzügen kennt, aber auch weil sie in der Umsetzung des Romans verändert wurde, fasse ich nochmal kurz zusammen: Donna Trenton ist nach außen die perfekte Hausfrau und Mutter. Doch ihr Gewissen ist belastet: sie hat eine Affäre mit dem Kleinstadt-Stecher Steve, und ihr Sohn ist ungewöhnlich ängstlich und kränklich. Während ihr Mann auf Dienstreise ist, will Donna ihren alten Wagen zur Camber-Farm bringen, um ihn preiswert reparieren zu lassen. Sie hat keine Ahnung, dass der dort lebende Bernhardiner Cujo von Tollwut in ein rasendes Monster verwandelt wurde. Die mit Eiter und Schweiß überzogene Bestie sieht das Auto als eine überdimensionierte Dose Hundefutter, für die es nur noch einen richtigen Dosenöffner braucht. Zwei endlose Tage wird die Belagerung dauern.

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Tatsächlich wird “Cujo” seinem Ruf und meinem Anspruch in weiten Teilen gerecht: Dee Wallace Stone ist die perfekte Normal-Frau Marke King, die Belagerung des schrottreifen Pinto ist fettfrei und schockstark inszeniert, und die Kameraarbeit des damaligen Hollywood-Newcomers Jan de Bont trotz der begrenzten Location sehr einfallsreich. Besonderes Lob muss an die Hundetrainer und die Effektleute gehen, die gemeinsam eine perfekte Illusion erschaffen, wenn es um den rasenden Bernhardiner geht. Tierhorrorfilme scheitern oft genug daran, dass die Bedrohung zu inszeniert wirkt – Hunden und Katzen sieht man an, dass sie eigentlich nur spielen wollen. Nicht so bei “Cujo” – er ist eine tollwütige Maschine, nur noch von Schmerz und Hunger getrieben.

Das Problem: Die Macher vertrauen dem Belagerungs-Plot nicht genug, um ihn auf volle 90 Minuten zu strecken. Stattdessen müssen wir erstmal die Hälfte der Laufzeit mit den häuslichen Problemen Donna Trentons verbringen. Zwar sehen wir parallel schon die Gefahr durch den erkrankten Hund, aber man ist doch geneigt, dem Bildschirm zuzurufen: “Mach hin – ich will die Frau im Auto belagert sehen!”. Bei “Abwärts” hat Carl Schenkel auch keine 40 Minuten gebraucht, um alle Beteiligten in den Fahrstuhl zu bekommen.

Die breite Auswalzung von Donnas Kleinstadt-Leben ist umso unverständlicher, da die einzelnen Elemente in der zweiten Hälfte nicht aufgegriffen werden. Im Gegenteil: wenige Filme gehen so abrupt zu Ende, nachdem die große Gefahr besiegt ist, wie “Cujo”. Hier wird keiner der Subplots mehr aufgeräumt.

Auch wenn der Film endlich zur Sache kommt, läuft mitnichten alles glatt: die smarte Regie und die exzellente Kameraarbeit können kaum verbergen, dass das Skript Durchhänger hat: Donna bleibt bis fünf Minuten vor Schluss einfach zu reaktiv, zu passiv. Sie unternimmt keinen ernsthaften Ausbruchsversuch, versucht gar nicht erst, Cujo abzulenken oder zu überlisten. Und was ihren Sohn angeht: Es ist löblich, dass Tad keine altkluge Rotznase ist, sondern seinem Alter gemäß furchtbare Angst vor dem “Monster” hat. Das ist durchaus realistisch. Aber in einem Kinofilm ist ein Kind, das permanent flennt und schreit, ganz schnell die Top-Nervensäge. Schon nach zehn Minuten hofft man, der Hund möge die kleine Heulsuse endlich kriegen, damit Ruhe ist. Kontraproduktiv.

Trotz der Mängel ist “Cujo” ein solider, durch und durch von Profis gemachter Horrorfilm “klassischer” Prägung, der weniger auf Gimmicks und Grausamkeiten setzt, und dafür mehr auf eine bestechende Grundidee, und einen ungewöhnlichen Antagonisten. Einerseits würde ich mir ein Remake wünschen, um den ersten Akt zu verknappen, und das Duell Donna/Cujo etwas zu stärken – andererseits würde  man heute vermutlich CGI benutzen, um die komplizierteren Hunde-Stunts zu realisieren. Und wer will DAS schon sehen?

Der Preis für den coolsten Klassik-Trailer Februar 2009 geht an:

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Trackback-URL 15 Kommentare
  1. 1
    Reptile

    Den Film habe ich auch erst letztes Jahr nachgeholt.
    Komischerweise hätte ich aus irgendeinem Grund schwören können das die Geschichte im Schnee spielt. Ich hatte immer dieses Bild eines im Schnee steckenden Autos im Kopf das von dem Hund belagert wird. Vielleicht weil Bernhardiner als Rettungshunde genutzt werden, keine Ahnung.

  2. 2
    daLoT

    … und Fässchen mit “XXX” drauf am Halsband tragen ;)

    also Cujo war eines der Bücher, die ich gerne mochte, ganz einfach weil es damals (bei meinem ersten Lesen, nicht beim Erscheinen) ein (für mich) sehr ungewöhnliches Stefan König Buch war. Keine Vampire, keine Böse-in-Spinnenform, kein Randall Flagg. Nur ein Hund, die besitzende Familie und eine Frau samt Sohn in Nöten. Das Bedrohende war diesmal etwas (naja, nicht so ganz) alltägliches. Ganz profane Tollwut.

    Den Film mochte ich nicht, denn ein interessanter Aspekt des Buches fehlt. Die Gedankenwelt Cujos.

    Armer Hund, wärste mal Wolf geblieben damals….

  3. 3

    “Cujo” hat leider eine grottenschlechte deutsche Synchro, für die sich jeder Porno schämen würde. Insbesondere die Stimme des Ehemanns und Vater geht GAR nicht.

    Ich fand den Film an sich auch recht gut umgesetzt. Leider war man damals noch sehr auf Happy Ends gepolt — das Ende ist im Buch weitaus schlimmer. Wenn ich mich richtig erinnere, hat King damals sogar entsetzte Leserbriefe zu dem Buch bekommen, gerade wegen dem Schluß, und da hat man sich für den Film wohl entschieden, das Risiko nicht wiederholen zu wollen. ;)

    “Cujo” ist auch in meinen Augen ein schöner Retro-King-Film. Wenn ich mir dagegen meine persönliche Haß-King-Verfilmung “Der Nebel” ansehe, könnte ich schon wieder anfangen zu heulen, weil der so scheiße ist. Den hätte man damals gleich nach “Cujo” drehen sollen, jawohl.

    Gruß,
    Marko

  4. 4
    Peroy

    ““Cujo” ist auch in meinen Augen ein schöner Retro-King-Film. Wenn ich mir dagegen meine persönliche Haß-King-Verfilmung “Der Nebel” ansehe, könnte ich schon wieder anfangen zu heulen, weil der so scheiße ist. Den hätte man damals gleich nach “Cujo” drehen sollen, jawohl.”

    Stimmt. Carpenter hätte den statt “Christine” drehen sollen (kein schlechter Film, aber doch wenig ergiebig für den Regisseur). Das wäre super geworden… der hätte das Ende auch richtig hinbekommen.

    Ach ja, wenn…

  5. 5

    Nun gut, das Ende wurde ja bewusst abgeändert, wie Marko schon sagt, da hätte Carpenter wohl auch nicht viel dran ändern können. Ansonsten halte ich den Film für einen ziemlich guten kleinen Terrorfilm – kein großer Klassiker, aber das, was er will, macht er ziemlich gut. Teague ist eh ein guter Regisseur für King-Adaptionen, “Katzenauge” war (bis auf die doofe Schlussgeschichte) auch sehr fein.

  6. 6
    Perry

    “Ich fand den Film an sich auch recht gut umgesetzt. Leider war man damals noch sehr auf Happy Ends gepolt — das Ende ist im Buch weitaus schlimmer. ”

    geht das Kind nicht drauf? Erscheint mir nicht sehr happy, das Ende…

  7. 7

    @ Doc: Hrmpf, die letzte Episode von “Katzenauge” ist nicht doof. Schräg, aber nicht doof.

    http://badmovies.de/soap/client.php/Cat%27s_Eye

  8. 8

    @Mannjäger

    Doch. Jedenfalls passt sie vom Ton her überhaupt nicht zu den beiden anderen Geschichten (ich gebe zu, die ursprünglich gedrehte Fassung mit einem Prolog, der die Katze und den Troll schon vor der ersten Episode einführt, hätte der Schlussgeschichte und damit dem Film an sich sehr geholfen).

  9. 9

    @Perry

    Nur im Buch.

  10. 10

    @ Perry: Du hast einen anderen Film gesehen.

  11. 11

    @ Doc: Nö (ich meine, WAS ist dran doof?) und doch (ist die gleiche Mischung aus Grauen und Witz; der plötzliche Einbruch von was Übernatürlichem ist vielleicht seltsam – wenn auch nicht wahnsinnig schlimm). (Den Prolog wegzulassen, WAR aber eine blöde Idee.)

  12. 12
    Peroy

    “Nun gut, das Ende wurde ja bewusst abgeändert, wie Marko schon sagt, da hätte Carpenter wohl auch nicht viel dran ändern können.”

    Nein, ich meinte “Der Nebel”. Carpenter hätte “Der Nebel” statt “Christine” machen sollen.

    “Cujo” ist okay so wie er ist.

  13. 13

    @ Perry: Im Buch verdurstet der Junge, ja. Und die Mutter wird tollwütig (Biss von Cujo). Im Film überlebt der Junge, und die Auswirkungen des Bisses werden nicht mehr gezeigt.

    Gruß,
    Marko

  14. 14
    Heino

    Oh ja, Cujo mochte ich auch in beiden Versionen. Überhaupt waren die frühen King-Filme doch echte Schätzchen, wenn man sie mit dem grottigen Mist vergleicht, der danach kam und meist auch nicht viel mit der Vorlage zu tun hatte. Ich sag nur “Rasenmähermann” und “The Mangler”……….

  15. 15

    @Peroy
    Okay, sorry, Missverständnis. Ein Carpenter-Cujo wäre aber auch lustig gewesen…

Kommentar

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