Die Prophezeiung 2009: Bullshit-Update!

Ich konnte es nicht. Ich konnte mir das Elend gestern Abend nicht live ansehen. Ich habe die RTL-Sendung “Prophezeiung 2009″ aufgezeichnet, und statt dessen eine neue Folge der Serie “Jonathan Creek” angeschaut, in der es darum geht, angebliche Zauberei zu entlarven. Wie passend.
Aber ich hatte ja versprochen, mich des Themas anzunehmen, und das halte ich auch. Auf mich ist schließlich mehr Verlass als auf Nostradamus…
Zuerst einmal muss ich festhalten, dass die Sendung nicht das war, was ich erwartet hatte. Es wurde nicht mit Aufnahmen von Raben und Mondschein Gruselatmosphäre geschaffen, keine Nachrichtenbilder der Kennedy-Ermordung oder von 9/11 mussten künstlich Drama suggerieren. Ganz im Gegenteil: Eine bunte Kolportage im Stil einer Reality-Doku oder “RTL explosiv”, die “Hellseher” präsentiert wie die Teilnehmer vom “Perfekten Dinner”, und über allem ein launiger Kommentar, der jeden Versuch, das Gezeigte ernst zu nehmen, schon im Ansatz erstickte. RTL besucht Aussteiger, RTL begleitet Gerichtsvollzieher – und jetzt eben: RTL befragt “Hellseher”.
Ein sauberes Zehnerpack Berufene, die aus verschiedenen Gründen glauben, die Zukunft vorhersagen zu können, tritt an:
- Lilo von Kiesenwetter (Seherin)
- Elisabeth Tessier (Astrologin)
- Lennart Wolff (Allround-Wahrsager)
- Iris Treppner (Astrologin, Spezialgebiet Börse)
- Jemima Packington (weltweit einzige Spargelleserin)
- Leopoldas Malinauskas (Kartenleger)
- Gerda Motiejiimeie (Karten, Pendel, Glaskugel)
- Tuwani (Knochenorakel)
- Selina Nenzhelele (Knochenorakel)
- A.S. Mathaulula (Knochenorakel)
(Auflistung der Einfachheit halber von hier übernommen – danke!)
WAS für eine Auswahl! Frau Kiesenwetter überzeugt mit der Aussage “Seher sehen etwas! Und da schaue ich einfach in die Zukunft”, Frau Tessier behauptet (belegt aber nicht), den Fall der Mauer vorausgesagt zu haben, und Lennart Wolff (ein schnöseliger Schmierlappen vor dem Herrn) tut selbiges mit der Ermordung seines offensichtlichen Geschmacksmentors Rudolf Mooshammer. “Seherin” Jemima Packington liest die Zukunft zeitgemäß nicht mehr aus Eingeweiden, sondern aus Spargel – der Off-Sprecher nennt ihre Methode fröhlich “Bio-Mikado”.
Diese Yellowpress-Auguren wissen gut genug, dass ihre Auftraggeber nie nachhaken, und können deswegen frech konkret werden: Carla Bruni-Sarkozy schwanger, Verona Pooth nicht geschieden, männlicher Todesfall im Englischen Königshaus. Alles 2009 zu erwarten. Es wird aber auch gerne vage von “Krisen” und “Schieflagen” geredet, was bei Promi-Beziehungen ja kein nennenswertes Risiko ist (besonders im Fall Gülcan & Stefan). Angelina Jolie und Brad Pitt beschaffen sich weiteren Nachwuchs? Madonna “wird provozieren”? Muss man für solche Aussagen medial begabt sein?
Sympathisch, wenn sich die “Koryphäen” widersprechen – schafft Michael Jackson nun das Comeback, oder nicht? Wird Angela Merkel wiedergewählt? Können die das nicht erstmal unter sich ausmachen? Einer lügt doch!
Man wird den Verdacht nicht los, dass die meisten Wahrsager einfach mit Hilfe der GALA und der BUNTEN die größten Wahrscheinlichkeiten aufzählen. Ich versuch das jetzt auch mal: Zwischen Lindsey Lohan und ihrer lesbischen Liebe Samantha Ronson wird es kriseln, Amy Winehouse schafft es nicht, ihr Leben in Ordnung zu bringen, ein großer Hollywood-Star wird sterben, und Madonna wird es nach ihrer Scheidung richtig krachen lassen, was die Lover angeht.
Aber es geht hier nicht um mich. Man sollte bei allen konkreten Vorhersagen bedenken, dass die Vorhersagenden rein statistisch schon eine 50:50-Chance haben, bei “ja/nein”-Fragen (wird der Papst Opfer eines Attentats?) richtig zu liegen. Rechnet man nun noch Wahrscheinlichkeiten dazu (im Fall der Bundestagswahl der enorme Vorsprung der CDU/CSU), dann ist es zur Zweidrittel-Hellseherei ein kleiner Schritt. Den Rest sichert man durch “könnte sein”, “vielleicht” und “wenn nichts dazwischen kommt” ab. Das ist ein praktisch wasserdichtes System.
Besonders fasziniert hat mich Iris Treppner, denn als “Börsen-Astrologin” müssten ihre Vorhersagen ja unmittelbar überprüfbar sein – und sie selbst stinkreich. Beim Fußball ist sie vorsichtig: nicht einmal auf den Sieg der Nationalmannschaft gegen Liechtenstein will sie sich festlegen lassen. Auch hier leider Fehlanzeige in Sachen Recherche seitens des RTL-Teams: es geht nicht ums Investigative, sondern nur um die Selbstdarstellung. Eigentlich wäre die Einblendung “Dauerwerbesendung” angebracht.
Bei den schwarzafrikanischen “Wahrsagern” (magic negroes?) wird es latent kolonial, und man mag nicht mehr so richtig hinschauen.
“Global bedeutende Ereignisse” sieht Kartenleger Leopoldas Malinauskas heraufziehen. Ja, das soll vorkommen – so global, da ereignen sich mitunter Sachen, die von Bedeutung sind. Größere Unwetter und wirtschaftliche Probleme vorherzusagen bedarf momentan nur maulwurf’scher Weitsicht, und darum sind sich da auch mal alle “Seher” einig.
In der Werbepause: Ein Newsflash vermeldet den Einmarsch israelischer Bodentruppen im Gaza-Streifen. Zu blöde, dass danach keiner gefragt hat. Zumindest sieht Gerda Motiejiimeie für 2009 “keinen Frieden”.
Und RTL legt noch eine Satire-Schippe drauf, und zeigt einen Wochenschau-Clip mit einem Mann, der 1958 versucht, die “Zukunft” anno 1978 vorherzusagen. Trefferquote: mau.
Wieder ein Schwarzer. Er sagt die Lottozahlen voraus, leider jedoch nicht, für welche Lotterie.
RTL schließt versöhnlich: “In 12 Monaten wissen wir mehr.”
Fazit: eine Sendung, die ihr Thema nicht ernst genug nimmt, um mich zu nerven. Keiner versucht, etwas zu verteidigen oder zu erklären, was nicht zu verteidigen oder zu erklären ist. Die “Hellseher” machen sich aus der komfortablen Nische sanft zu Affen für den Jet Set und die Gazetten-Leserin, leben gut davon, alle gewinnen – und keiner verlangt, Astrologie als wissenschaftliche Theorie im Unterricht an Schulen zu lehren.
Ob die leichtgläubige Leserschaft platter Promi-Blätter mit so einer distanzierten Sendung zufrieden sein kann, sei dahingestellt. Letztlich war doch alles eher emotionslos, und allenfalls ein wenig ironisch. “Galileo Mystery” fand ich ärgerlicher, weil penetranter, und heuchlerischer. Von den Auftritten Herrn Gellers gar nicht zu reden. Vielleicht liegt es daran, dass “Prophezeiung 2009″ von der Firma probono und dem eigentlich geschmackssicheren Friedrich Küppersbusch produziert wurde.
Mit 11,7 Prozent in der Zielgruppe lag man übrigens vor SAT.1 und ProSieben, aber deutlich unter dem Senderschnitt. Hätte Frau Schäferkordt das nicht ZUERST von den Wahrsagern klären lassen können?
Viel mehr mag ich gar nicht schreiben, denn Andreas bei CIMDDWC hat die Sendung und die getätigten Voraussagen schon sehr schön zusammengefasst. Man werfe auch einen Blick ans Ende der Seite – gute Programmtipps für Skeptiker diesen Monat!
Das soll es für den Moment gewesen sein. Meine Aufgabe ist es, Anfang 2010 mal nachzuprüfen, was sich denn bewahrheitet hat.