Umtriebig sind sie bei BILD, was das Internet angeht, das muss man den Verantwortlichen bei Deutschlands größter Boulevardzeitung lassen. Nach ein paar Jahren Lethargie im Netz, als die Webseite praktisch 1:1 der gedruckten Ausgabe entsprach, müht man sich redlich, den Konsumenten mit Schnickschnack zu erschlagen: Handwerker-Börse, Schnitten-TV, Handy-Reporter, “Volks”-Produkte, Promi-Videoblogger, Mini-Reportagen. Und was nicht sofort greift, wird auch ratzfatz wieder dicht gemacht.
Natürlich ist bei BILD immer alles “neu”, “exklusiv”, und “einmalig”. So wie heute die erste Episode von “Deer Lucy”, eine Art Web-Variante meiner Telenovela “Lotta in Love”, allerdings in iPhone-tauglichen 5 Minuten-Häppchen, zweimal die Woche.
Ist “Deer Lucy” (nettes Wortspiel, dürfte an der Zielgruppe wohl geradewegs vorbeigehen) “die 1. Web-TV-Serie”? Selbstverständlich nicht. Auch nicht die zweite, zehnte, oder hundertste. Schon im ersten New Economy-Boom in den 90ern lag die Idee auf der Hand (ich erinnere mich gerne an die Vampir-Serie “New Blood” in pixeliger Briefmarken-Grafik), und das Thema boomt seit zwei, drei Jahren wieder, als gäbe es einen Preis für Geldverschwendung zu gewinnen: “Sanctuary”, “Star-Ving”, “The Bu”, etc..
Auch die Produktionsfirma MME hätte BILD freundlich darauf hinweisen können, dass das Krönchen der ersten deutschen, professionell produzierten Web-TV-Serie der letzten Jahre dann doch eher “They call us Candygirls” zusteht, der Nightclub-Soap von MySpace. Die kommt nämlich auch von MME.
“Exklusiv” ist “Deer Lucy” bei BILD aber, das stimmt – weil BILD die Serie ja auch bezahlt. Ich bin nicht sicher, ob der Begriff der Exklusivität für sowas vorgesehen ist. Und ob es ratsam ist, die Inhalte eben nicht freizugeben, damit User sie in ihre Blogs einbinden können, darf diskutiert werden. Statt das Produkt zum User zu bringen, verlangt BILD vom User, zur Webseite zu kommen. Das hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt.
Es wäre auch nicht BILD, wenn man die Details hinbekäme:

Alles viel Drumherum-Gerede, und wir sind noch nicht einmal bei der ersten Folge angekommen. Wenden wir uns also von der Form ab, und dem Inhalt zu.
Vorab: so unerträglich pseudo-hip wie das Schnepfen-Ghetto “Candygirls” (von dem scheinbar keine neuen Folgen produziert werden), ist “Deer Lucy” nicht. Die neue Serie verlangt nicht von uns, hohlen geilen Luxus-Tussen dabei zuzusehen, wie sie jedes Klischee der Klatschpresse durchleben. Es gibt tatsächlich sowas wie eine Hauptfigur, und eine grobe Story.
“Deer Lucy” handelt vom Provinz-Girl Lucy, das nach Berlin zieht, um als Talent-Scout bei der Plattenfirma “Deer Records” anzufangen (später wird dann voraussichtlich ihr eigenes musikalisches Talent entdeckt). In der Pilotepisode schafft sie es immerhin aus dem Reisebus in die U-Bahn-Station, und dann auf einen Parkplatz. Für mehr reichen die fünf Minuten nicht.
Technisch ist die Serie ziemlich gut gemacht: Die Nachtszenen sind gut ausgeleuchtet, die Kameraarbeit ist flott, der Schnitt auch, und in den ein, zwei Sätzen, die jede Figur aufsagen darf, offenbart sich auch kein schauspielerisches Debakel. Graziella Schazad ist allemal sympathischer als die “kuhäugigen Blondinen” (SPIEGEL), die sonst Telenovelas bevölkern.
Und doch: So richtig Freude will nicht aufkommen. Vielleicht bin ich einfach zu weit von der Zielgruppe entfernt (ich habe einen Penis, und darf legal Alkohol trinken). “Deer Lucy” versucht eine klassische TV-Dramaturgie ins Häppchen-Format runterzubrechen, statt für das Web eine neue Erzählstruktur zu finden. Selbst stille Szenen wirken gehetzt, es gibt keine Durchatmer, keinen Spielraum für Details. Jeder Satz zählt, jeder Komparse treibt die Handlung, alle Figuren werden ständig durch unglaubliche Zufälle aufeinander getrieben. Diese geschlossene Welt, die keinen Abstand zwischen Personen und Ereignissen kennt, wirkt hilflos überkonstruiert, und bedient sich dann schnell aller Klischees der Metropole Berlin: hier sind halt alle irgendwie kreativ, independent, und total crazy, weißt du?
Reflektion, Abwägung, Zweifel, Zögern, Entscheidung? Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit! Bevor man in einer Folge drin ist, ist man auch schon wieder draußen. “Berlin, Berlin” für hyperaktive Nachtschwärmer.
So finde ich es sehr schwer, Sympathie für Lucy zu entwickeln, oder mich um sie zu sorgen – ein elementares Dilemma hat sie ja nicht. Das mögen Big Brother- und Anime-gestählte SMS-Dauerversender anders sehen, die haben vielleicht andere Ansprüche, oder simplere Möglichkeiten zur Identifikation. Vielleicht braucht es aber auch ein paar Episoden, bis man sich “eingesehen” hat.
Ist das die neue Web-TV-Welt? Komprimierte Minisoden im Trailer-Stil, permanenter Köder, Bruzzeln ohne Steak?
Kurios genug, dass der Trailer der Trailer-Telenovela sympathischer und ausgeglichener wirkt als das Endprodukt – auch wenn einige der Dialogzeilen böse knarzen:
Ich verkneife mir vorerst ein endültiges Urteil, werde noch drei, vier Folgen ansehen, und mich dann wieder melden. Bis dahin heißt es: Der Versuch ehrt, und nur Versuch macht kluch…
NACHTRAG: Aus dem BILD-Umfeld kam die Bitte, darauf hinzuweisen, dass “Deer Lucy” sehr wohl auf eigenen Blogs und Webseiten eingebunden werden kann – zwar nicht so komfortabel wie bei YouTube, aber immerhin. I stand corrected.