Bollshit: “Seed” & “1968 Tunnel Rats”
Aus dem Urban Dictionary, frei übersetzt:
bollshit, der
zusammengesetztes Hauptwort, bestehend aus “Boll” (schlechtester Autor/Produzent/Regisseur aller Zeiten – siehe “Alone in the Dark”), und “Bullshit”
Definition:
(1) Beschreibt jedes Produkt aus dem Hause Boll
(2) Beschreibt einen Film, der qualitativ mit einem Boll-Produkt vergleichbar ist
Anwendung:
(1) “Mann, hast du gehört, wer ‘Dungeon Siege’ verfilmen soll?”
“Ja, aber da kommt doch nur wieder der übliche Bollshit bei raus.”
(2) “Wie fandest du die Szene in ‘Battlefield Earth’, in der Travo…”
“Hör mir auf mit diesem Bollshit!”
Es ist mal wieder an der Zeit, meine und eure Geduld zu strapazieren. Irgendwie ist mir die Aufgabe zugefallen, die allen Gesetzen der Physik widersprechende Karriere Uwe Bolls zu begleiten – es geht immer nur bergab, und er kommt doch nie unten an.
Bloodrayne 2 hatten wir, Postal hatten wir, FarCry hatten wir, und über die News habe ich hier, hier, und hier berichtet.
Es hat sich ja mittlerweile einiges geändert – nach dem brutalen Flop von “In the name of the king” kann Boll sich abschminken, mit mittelgroßen Budgets auf einen Kinostart in den USA zu schielen. Ab jetzt findet man seine Filme, wo sie hingehören – im DVD-Regal. An seiner Produktivität hat das nichts geändert, die nächsten fünf Regiearbeiten sind schon angekündigt (“Stoic” ist bereits abgedreht). Um das Pensum mit minimaler Vorbereitung und mit wenigen Drehtagen zu schaffen, hat er sich ein neues Produktionsmodell erdacht: Die Schauspieler rekrutieren sich fast ausschließlich aus lokalem Nachwuchs und Bolls Stammbesetzung (Paré, Moeller, Sanderson, Coppola, Ward). Ekeleffekte liefert grundsätzlich Trashfilmer Ittenbach (so lange wie Boll dabei, aber immer noch drei Stufen drunter angesiedelt), die Kamera macht Mathias Neumann, und die Soundtracks steuert Jessica de Rooij bei. Drehbücher sind nur noch grobe Leitfäden, die Dialoge werden von den Darstellern teilweise am Set improvisiert. Man kann das Dreharbeiten nennen, aber auch Impro-Theater.
Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ist die Idee genial – und es verwundert, dass Hollywood auf den Trick selber nicht gekommen ist. Oder die Idee ist scheiße – und passt damit perfekt zu Uwe Boll. Dreimal dürft ihr raten…
Seed (2007)
Darsteller: Michael Paré, William Sanderson, Ralph Moeller, Jodelle Ferland
Fangen wir ganz locker mit “Seed” an, einem düsteren Horrorfilm, den Boll angeblich “back to back” mit der schrägen, aber letztlich kraftlosen Satire “Postal” gedreht hat. Nach eigener Aussage ging es Boll darum, “man’s inhumanity to man” zu illustrieren, und im Vorbeigehen noch eine neue Horror-Ikone à la Freddy und Jason zu schaffen. Ach ja: auf wahren Begebenheiten soll der Film basieren, aber das behaupte ich von “Lost City Raiders” dann künftig auch…
Worum geht’s? Das Prinzip des rudimentären storytelling sorgt bei diesen Filmen für erfreulich knappe Inhaltsangaben: Serienkiller Max Seed ist endlich geschnappt worden, überlebt aber den elektrischen Stuhl. Man verbuddelt eilig die “Leiche”, und ist rechtschaffen verwundert, als der klobige Werkzeugschwinger aufersteht, um alle zu meucheln, die an seiner mißlungenen Exekution beteiligt waren.
In der Tat: mehr hat “Seed” nicht zu bieten. Es gibt keine dramaturgische Entwicklung, keine Charaktere, oder irgendwelche Zusammenhänge, die sich dem Zuschauer erst im Laufe des Films erschließen. Max Seed bringt Leute um. So einfach kann Filmemachen sein. So “basic” die Erzählstruktur, so dämlich die Details, denn um Logik schert sich der gute Uwe ja schon lange nicht mehr: Max Seed darf sogar in der Zelle noch seine Killermaske tragen (wir bekommen nie sein Gesicht zu sehen), und wenn man mal die Entfernungen zwischen den Handlungsorten addiert, ist dieser Serienkiller verdächtig gut zu Fuß (und muss auch noch einen Navi haben).
Bleierne 90 Minuten schaut man also zu, wie ein Killer, der uns nicht schert, Leute abmurkst, die wir nicht kennen. Unsere emotionale Verbindung bleibt konstant bei “null”. Das ist besonders bei der Szene ärgerlich, die Boll offensichtlich für das Prachtstück des Films hält: Max Seed schlägt minutenlang mit dem Hammer auf eine gefesselte Frau ein, bis von ihrem Schädel fast nichts mehr übrig ist – eine einzige Einstellung, und technisch clever gebaut. Leider kommt hier auch keine Spannung auf, denn in seiner großen Weisheit hat Boll ein Opfer gewählt, das wir nicht kennen, und er erspart uns auch jegliche Großaufnahme. Will sagen: Da stirbt im Bildhintergrund jemand, dessen Schicksal uns komplett unbekannt ist. Dabei wäre die Lösung so einfach gewesen: Die Frau hätte nur die Gattin des Polizisten (Paré) sein müssen, die wir vorher ein oder zwei mal gesehen haben. Dann hätten wir auch verstanden, warum Seed sich gerade dieses Opfer aussucht. Aber solche dramaturgischen Feinheiten darf man von Boll nicht erwarten – auch wenn man sie in “Screenwriting for Dummies” nachlesen kann. Erstes Kapitel.

Ansonsten rangiert “Seed” auf blamablem technischen Niveau: Um die Kosten zu drücken, hat Boll sich jede Ausleuchtung der Drehorte verkniffen. Man sieht fast nur einen kleinen Fleck im Scheinwerferlicht, der Rest der Umgebung ist pechschwarz. Das mag zwar Geld für Ausstattung und Bauten sparen, läßt den Film aber auch klaustrophobisch und amateurhaft wirken, als hätte man im Hinterzimmer des Regionaltheaters Herne gedreht. Selbst der sonst zuverlässige Boll-Kameraknecht Mathias Neumann kann hier nichts retten.
Abgesehen von Michael Paré, der einfach durch seine Präsenz ein Mindestniveau mitbringt, blamieren sich alle Darsteller. Aber man kann es ihnen nicht vorwerfen: ohne durchdachtes Drehbuch hat ein Schauspieler nichts, an dem er seine Performance aufhängen kann. Wie soll ein Ralph Moeller Emotionen und Nuancen transportieren, wenn man sie ihm nicht vorgibt?
Ach ja, die Opening Credits, bevor ich es vergesse: Ich kann jedem, der ein Mindestmaß an gesundem menschlichen Empfinden mitbringt, dringlich empfehlen, die ersten vier Minuten vorzuspulen. Hier werden authentische Aufnahmen ekelerregender Tierquälereien und Tötungen gezeigt. Uwe Boll will uns damit sicher etwas Profundes sagen – ich tippe auf: er hat endgültig den Verstand verloren.
Um langsam zum Ende zu kommen: “Seed” ist kruder Exploitation-Trash, der widerlich auf die niedersten Triebe des Zuschauers zielt, aber nicht das Talent mitbringt, diese auch zu befriedigen. Inhaltlich leer, technisch inakzeptabel, und erstaunlich banal.

1968 Tunnel Rats (2008)
Darsteller: Michael Paré, Wilson Bethel, Adrian Collins, Jane Le u.a.
“Tunnel Rats” ist wieder einer der Filme, die genau in Bolls neues Beuteschema passen: er liest irgendwo etwas, das nach einer Grundidee für einen Film klingt – und macht sich gar nicht erst die Mühe, den Stoff zu entwickeln. Gedreht wird, was sich anbietet. Im Schneideraum wird schon ein Meisterwerk draus werden.
Im Fall von “Tunnel Rats” hat Boll nach eigener Aussage die Tatsache fasziniert, dass die Vietcong teilweise kilometerlange Tunnelsysteme gebuddelt hatten, um die Linien der amerikanischen Soldaten zu umgehen. In der Tat – eine coole Idee für einen Film. Leider hatte Boll schon am ersten Drehtag keine Ahnung mehr, WAS daran interessant ist. Und darum entwickelt sich die Story so komplex und folgerichtig wie “Seed”: Ein paar US-Soldaten sollen die Tunnelsysteme des Vietcong “säubern”. Einer nach dem anderen wird brutal dahingemeuchelt. Am Ende sind alle tot. Krieg ist schlimm.
Konnte Boll im Horror-Genre schon Carpenter, Raimi und Craven nicht den Spucknapf reichen, so brauchen auch die Kriegsfilm-Giganten Coppola, Kubrick, und Stone keine Konkurrenz der Boll AG fürchten. “Tunnel Rats” ist genau so dämlich, wie die Inhaltsangabe klingt, und weil er nicht einmal ein Genre mit eingebauter Fan-Basis bedient, dürfte sich der Erfolg schwer in Grenzen halten.

Das wenige, was der Film an Spektakel mitbringt, verfeuert er in den jeweils ersten und letzten zwei Minuten, und einiges davon ist sogar billig eingekaufte Stock Footage (Helikopter, Explosionen). Das Platoon besteht aus zehn bis zwanzig Soldaten, die zwar alle am Anfang ihre Lebensgeschichte erzählen, aber trotzdem so austauschbar bleiben wie Backgammon-Spielsteine. Wieder einmal sticht nur Michael Paré heraus, der erneut (wie schon in “Bloodrayne 2″) so aussieht, als hätte er eine Rolle übernommen, die Tom Berenger kurzfristig abgelehnt hat.
Die zweite Hälfte des Films spielt fast komplett in den titelgebenden Tunneln, und verliert sich endgültig in einem Sammelsurium an Einzelszenen und Dialogen, die nicht einmal den Versuch machen, eine kohärente Geschichte zu ergeben. Man könnte am DVD-Player den Zufallsmodus einschalten, und die Kapitel in willkürlicher Reihenfolge abspielen – es würde keinen Unterschied machen. Hier stirbt einer, da stirbt einer, irgendwo explodiert was. Waschen, spülen, fönen.
Es rächt sich außerdem, dass Boll hier fast ausschließlich mit Nachwuchs arbeitet, dem die Fähigkeit zur Dialog-Improvisation nicht in die Wiege gelegt wurde. Die Jungs spielen ein Platoon mit Tourette-Syndrom – jedes zweite Wort ist “fuck!” (ja, mit Ausrufezeichen). Das allein ist natürlich keine Entschuldigung für mangelnde sprachliche Varianz:
Ein, zwei prima Gore-Szenen von Olaf Ittenbach reißen auch nichts mehr raus, und der potentiell interessante Stoff ist wieder mal paralysierende Boll-Melasse, die den Zuschauer langsam, aber sicher in einen katatonischen Zustand versetzt. So spannend wie das Testbild, inszeniert mit der Verve eines Koma-Patienten.
Trotzdem ist “Tunnel Rats” immer noch besser als “Seed”. Zuerst einmal erspart der Film uns echten Tiersnuff, und geht bei der Gewaltdarstellung nicht über das erträgliche Maß hinaus. Überraschenderweise hat er tatsächlich EINE gute Szene zu bieten (ein Soldat taucht aus einem gefluteten Tunnel direkt in einem Vietcong-Nest auf). Und letztlich kommen Mathias Neumanns Talente deutlich zum tragen – in den Dschungel-Szenen sieht “Tunnel Rats” besser aus, als das Budget und die Inkompetenz Bolls es zulassen dürften. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass Uwe seine Karriere zu 80 Prozent seinem Kameramann verdankt, der selbst den dümmsten Rotz noch nach Film aussehen lassen kann. Hut ab dafür.
Aber auch die wenigen Pluspunkte ändern am Gesamturteil nichts: “Tunnel Rats” ist als Message-Film verpackter Exploitation-Müll, der ohne konkretes Drehbuch nirgendwo eine Narrative entwickelt, der man als Zuschauer folgen möchte. Da krame ich doch lieber nochmal “Platoon Leader” oder “Commander Rainbow” raus.
FAZIT: Niedrige Budgets tun Boll nicht gut, das ist sehr deutlich zu merken – er hat keine Tricks mehr in der Tasche, um sein mangelndes inszenatorisches Geschick zu verschleiern. Weder nette Effekte, noch bekannte Schauspieler, oder aufwändige Bauten gaukeln noch eine gewisse Größe vor – “Seed” und “1968 Tunnel Rats” sind die sprichwörtlichen Kaiser ohne Kleider. Sie sind der filmische nackte Mann, dem man nicht mehr in die Tasche greifen kann. Die Subprime-Hypothek, die nicht mehr durch Kapital gedeckt ist. Das sowieso halbleere Glas, das endgültig ausgetrunken wurde.
Stattdessen setzt Boll nun voll auf Botschaft, auf die geheuchelte Empörung über jene Missstände, die er dann 90 Minuten genüsslich auszuschlachten gedenkt. Verlogener geht’s nicht, obwohl ich vermute, dass Boll sich der eigenen Hybris nicht bewusst ist. Mögen die Budgets und die Drehorte auch kleiner geworden sein – er ist vom Glauben beseelt, im vorgegebenen Rahmen gute Arbeit zu leisten. Die Diskrepanz zwischen Bolls Selbstverständnis und seiner Außenwirkung wäre eine eigene Doktorarbeit wert.
Das Boll-Experiment, Filme teilweise zu improvisieren, ist vollends in die Hose gegangen.
Und damit genug für heute. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass ich mich mit dem Thema beschäftige. “Stoic” verspricht, demnächst noch mal einen draufzusetzen – ein improvisierter Knast-Film, der fast ausschließlich nur in einer Zelle spielt. Keine Sorge: Ich schaue ihn mir an. Damit ihr es nicht müsst.