Fantasy Filmfest Kritiken-2008 (4):
Like a Dragon / JCVD / My name is Bruce
Kategorien: Fantasy Filmf. 08, Film, TV & Presse, Neues.
Ich geb’s zu – ich bin ein Mädchen. Während ich diese Zeilen in München schreibe, sollte ich eigentlich in Nürnberg sitzen und mir “Jack Brooks: Monster Slayer” ansehen. Und danach noch “Dance of the Dead”. Da sich hier aber zuviel Arbeit angesammelt hat, und ich rechtschaffen müde bin, werde ich diese Filme nächste Woche bei der letzten Etappe des FFF nachholen (plus “Repo! A Genetic Opera”).
Auch heute gibt es wieder die kurze Erwähnung eines Films aus der Abteilung “was genau macht DER auf dem Fantasy Filmfest?”: “Transsiberian“, der neue Film von Brad Anderson, dem Regisseur von “The Machinist”, der sich mittlerweile scheinbar mit einer TV-Karriere abgefunden hat. Für “Transsiberian” ist es ihm allerdings gelungen, eine ziemlich gute Besetzung zusammen zu trommeln: Ben Kingsley, Woody Harrelson, Kate Mara, Emily Mortimer, und die deutsche Allzweckwaffe Thomas Kretschmann (der hoffentlich nicht nach Textmenge bezahlt wurde). Schade nur, dass es nicht für einen besseren Film gereicht hat. “Transsiberian” ist ein hitchcocksches Kriminalspiel, welches fast komplett im titelgebenden Zug angesiedelt ist. Es geht um Drogen, Mord und Korruption, und immer wieder offenbaren die Figuren Facetten, die wir nicht erwartet haben, die aber durchaus logisch erscheinen. Nur leider zieht sich der dünne Plot über 115 Minuten doch arg, und es gibt keine wirklichen Highlights, die den Zuschauer aus seiner Lethargie reißen. Alles schick konstruiert, gut gespielt, schön gefilmt – aber vergleichsweise leblos und ohne wirkliche Identifikationsfigur. Den Prolog hätte man sich schenken sollen.
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LIKE A DRAGON
Japan 2007. Regie: Takashi Miike. Darsteller: Kazuki Kitamura, Shun Shioya, Yoo Gong
Kurz gesagt: Der hyperaktive Japan-Trashfilmer Miike versucht sich an einer Verfilmung des Videospiels “Yakuza”, und verflechtet ein halbes Dutzend Storylines aus dem Gangstermilieu in einer einzigen heißen und gewalttätigen Nacht.
Ins Detail: Es ist heiß in Tokio, und die Nacht gehört den Yakuza, von kleinen Geldeintreibern bis zu den großen Bossen, die von Hubschraubern aus auf die Stadt herabblicken. Auch die Dramen in den stickigen Straßen rangieren von banal bis existentiell: Ex-Knacki Kiryu will einem kleinen Mädchen helfen, seine Mutter zu finden; zwei Idioten sitzen in der geldbefreiten Bank fest, die sie eigentlich ausrauben wollten; Gangster Majima mischt die Gegend mit dem Baseballschläger auf; ein junges Pärchen geht eher aus Langeweile auf Raubzug; irgendwo fehlen dem Organisierten Verbrechen 10 Milliarden Yen. Am Ende haben alle diese Geschichten irgendwie miteinander zu tun, und es kommt zu einem furiosen Finale im obersten Stock eines gigantischen Hochhauses…
Man merkt an keiner Stelle, dass Miiki hier ein Videospiel adaptiert hat. “Like a Dragon” wirkt eher wie einer dieser kleinen Independent-Filme, in denen verschiedene Handlungsstränge scheinbar separat laufen, nur um sich am Ende doch zu überschneiden. Das, was “Pulp Fiction” ohne die großen Stars gewesen wäre. Doch Miike geht es nicht um menschliche Schicksale, oder um eine Botschaft: “Like a Dragon” macht Remmidemmi, als gelte es, das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Film als Zirkus, ständig neue Sensationen, neue Figuren, neue Bilder! Alles muss raus, totaler Räumungsverkauf beim asiatischen Actionkino. Es wird geschossen, geschlagen, getreten, gebrüllt, und gemordet, als würden morgen neue Jugendschutzgesetze in Kraft treten. Alles bunt, alles laut, und mit dem größtmöglichen Pathos. Es darf auch gerne mal gelacht werden – “Like a Dragon” ist sich seiner eigenen Absurdität voll bewusst.

Man muss Miike nicht mögen (und ich mag ihn nicht), aber “Like a Dragon” ist extrem “slick”, sehr fetzig gefilmt, und in jeder Szene auf der Höhe der Zeit. Der Film macht auch da noch Spass, wo andere Zahnbürsten nicht hinkommen.
Fazit: Durchgedrehtes Comic-Kino ohne Sinn, Verstand, oder Message, aber unterhaltsam wie ein Abend auf der Kirmes, und deshalb 7 von 10 Sternen.
Andere Meinung: “Blithely ignoring the opportunities for a CGI-stuffed extravaganza, helmer simply stir-fries his usual mixture of psychopathic gangsters, black humor and childlike innocence into a fast-paced, character-heavy yarn — set during a single sweltering night — that’s one of his most purely enjoyable pics in ages” (Variety)
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JCVD
Frankreich/Belgien/Luxemburg 2008. Regie: Mabrouk El Mechri. Darsteller: Jean-Claude Van Damme, Francois Damiens
Kurz gesagt: Actionstar Jean Claude Van Damme gerät auf einem Heimaturlaub in seiner belgischen Geburtsstadt in einen Postbank-Überfall, der schon bald in ein Medienspektakel ausartet.
Ins Detail: Der Doc und ich hatten keine Ahnung, was uns erwartet, als wir für “JCVD” in den Sesseln des Kinos Platz nahmen. Und 96 Minuten später waren wir immer noch nicht schlauer. “JCVD” verweigert sich standhaft jeder Einordnung: Der echte Van Damme wird in eine fiktive Geiselnahme verwickelt, die immer wieder durch bizarre Einschübe gebrochen wird – mitten in einer Szene wird JC mit einer Hebebühne aus dem Set gehoben, damit er einen dramatischen Monolog über seine Karriere als B-Star abliefern kann (samt Tränen!). Immer wieder sehen wir ihn außerdem, wie er versucht, endlich mal wieder bei den großen Hollywood-Studios unterzukommen, nur um dann doch wieder seine bulgarischen Klopper-Projekte an Steven Seagal zu verlieren. Es gibt auch den einsamen, introspektiven Van Damme zu sehen: den, der seine Tochter über die Maßen liebt, und dessen Körper mit 47 langsam zu alt ist für gigantische Actionsequenzen, die in einem Take gedreht werden müssen (eine solche führt uns in den Film ein).
JCVD “unausgegoren” zu nennen, würde dem Film nicht gerecht. Man hat das Gefühl, als würden hier lauter Sachen auf Zelluloid gekotzt, die Van Damme schon immer mal loswerden wollte. Das soll gar nicht strukturiert oder stimmig sein, es ist mehr ein Situationsbericht aus der B-Movie-Hölle von einem, der wirklich dabei ist. Der ganze Plot mit der Geiselnahme ist nur ein Katalysator, der bizarre Einbruch eines dummen Filmplots in das echte Leben des ehemaligen Kinostars. Gerade an der potentiell actiongeladenen Situation bricht JCVD mit seinem filmischen Alter Ego, zeigt sich verwundbar und hilflos.

JCVD lässt uns, zumindest können wir das vermuten, ganz nah an Van Damme ran. Ein Porträt ohne Maske, von einem Schauspieler, der anscheinend müde ist, sich endlos zum Affen zu machen, ohne mal sein wahres Gesicht zu zeigen. Er wirkt alt, verbraucht, frustriert – und trotzdem noch wie ein absurd sympathischer Kerl, der auflebt, wenn Fans ihn um ein Foto bitten. Man kann seine Leistung nicht genug loben – vielleicht liegt es daran, dass er seit langem erstmals wieder in seiner Muttersprache spielt, oder daran, dass er für die Performance seinen eigenen Gefühlshaushalt anzapfen kann, aber JCVD war noch nie so gut wie hier. Und darum gelingt dem Film auch genau das, was sein Ziel war: JC als etwas mehr zu zeigen als einen hirnlosen Klopper in DVD-Heulern.
Wer genau hinhört, erhält außerdem ein paar erstaunlich ehrliche und akkurate Lehrstunden in Sachen internationaler Filmproduktion. Als jemand, der lange genug dabei war, kann ich sagen: Jean Claudes Erklärung, warum so wenig Budget seiner Filme tatsächlich auf der Leinwand landet, ist absolut zutreffend, und zeugt von einem Verständnis für die Mechanismen der Branche, das man ihm nicht zugetraut hätte.
JCVD ist kein “guter” Film, nicht einmal ein Film. Es ist ein filmisches Experiment, eine kaum zu entwirrende Fusion aus Realität und Fiktion, ein Vexierspiel, die Standortbestimmung eines alternden Actionstars. Aber wer sich auf die Meta-Ebenen einlässt, und Van Damme mal als Mensch kennenlernen möchte, der ist hier genau richtig. Und lustig wird es mitunter auch.
Fazit: Ein bizarrer Mix aus Geiseldrama und Nabelschau, der mehr fasziniert als funktioniert, und deshalb 7 von 10 Sternen auf Bewährung erhält.
Andere Meinung: “With this picture, the man has proven himself 100% as more than a dude than can throw a mean kick” (Arrow in the Head News)
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MY NAME IS BRUCE
USA 2007. Regie: Bruce Campbell. Darsteller: Bruce Campbell, Ted Raimi, Grace Thorson, Taylor Sharpe
Kurz gesagt: B-Movie-Kultstar Bruce Campbell wird von einem Fan entführt, um in einer Kleinstadt einen chinesischen Dämon zu bekämpfen.
Ins Detail: “My name is Bruce” ist das Gegenstück zu “JCVD”, und ich kann jedem Fan empfehlen, sich beide Filme anzusehen, denn sie zeigen exzellent, wie man dasselbe Thema völlig unterschiedlich angehen kann.
Bruce Campbell verkündet in Interviews gerne, dass er bestimmte Projekte jahrelang mit sich herumträgt, weil sie “persönlicher” sind als der Krempel, den er mitunter für den Sci Fi Channel dreht. Filme, die beweisen sollen, dass er mehr ist als ein Clown mit Kettensäge. Dummerweise belegen die Filme meistens das Gegenteil: “The Man with the Screaming Brain” war der Beweis, dass Campbell sich selbst, sein Image, und seine Fähigkeiten komplett falsch einschätzt. In jeder Folge “Burn Notice” ist er überzeugender und damit sympathischer.
Auch Campbells Biographie “If chins could kill” hat mich seinerzeit nicht überzeugt, weil er offensichtlich nicht bereit ist, den Leser an seinem Innenleben teilhaben zu lassen. Campbell weiß, dass seine Karriere stark auf die Bewunderung seiner Fans angewiesen ist – es passt ihm nur nicht, und deshalb will er sich ihnen auch nicht ausliefern.
“My Name is Bruce” ist ein Film über genau dieses Thema – und genau deshalb eine massive Enttäuschung. Er hält an keiner Stelle das Versprechen, einen Blick hinter die Kulissen zu geben, in das Leben des Kultstars Bruce Campbell. Der Film begnügt sich stattdessen damit, das KLISCHEE der B-Movie-Welt zu präsentieren, mit doofen Starlets, schlechten Drehbüchern, versoffenen Hauptdarstellern, und nerdigen Fans. Bruce Campbell spielt sich nicht selbst – er spielt einen fiktiven Bruce Campbell, der keinen Hauch von Authentizität oder Würde besitzt. Der Charakter hätte auch “Clyde Malone” heißen können. Es gibt keinen Mehrwehrt durch die Meta-Ebene des “echten” Darstellers. Der echte Bruce Campbell lebt nicht mit billigem Fusel in einem Wohnwagen, sondern ist ein gut bezahlter, angesehener Darsteller der zweiten Liga.
Die ganzen Seitenhiebe auf Bruce Campbells schlechte Filme würden deutlich besser funktionieren, wenn MNIB nicht über weite Strecken genau so albern, mies gedreht, und platt wäre, wie die Streifen, die er zu parodieren behauptet. Hier ist wirklich JEDER Witz auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht, und JEDER Insider-Gag wird mit riesigen Neon-Schildern angekündigt.
Klar ist das launig, klar kann man sich mitunter herzhaft lachend auf die Schenkel klopfen – aber das geschieht alles auf erschreckend niedrigem Niveau, und nutzt an keiner Stelle die Möglichkeiten des Film/Realitäts-Crossovers. Wenn man schon versucht, sich über schlechte Filme lustig zu machen, dann sollte man wenigstens besser sein.
Aber was weiß denn ich? Das Publikum schien sich köstlich zu amüsieren, und am Ende war ich wohl der Einzige, der sich deutlich mehr erhofft hatte.
Kaum zu glauben, dass ich einmal vor Jean Claude Van Damme mehr Respekt haben würde als vor Bruce Campbell…
Fazit: Eine alberne Farce, in der Bruce Campbell die Chance verspielt, den Fans einen echten Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. “JCVD” macht das viel besser, und daher nur 5 von 10 Sternen.
Andere Meinung: “Fans of Bruce Campbell will love My Name is Bruce, because it delivers what they all want more than anything else, which is Bruce Campbell doing what Bruce Campbell does best, which is being Bruce Campbell” (DVD Talk)
