Ich geb’s ja zu: Uwe Boll entwickelt sich für mich zu einer ungesunden Obsession. Ich bin immer wieder auf seine Filme gespannt. Nicht etwa, weil mich sein konstantes Scheitern erheitert. Es ist seine absolute Lernresistenz, seine Fähigkeit, auch im zehnten solide budgetierten Film noch haufenweise alberne Anfängerfehler zu machen.
Boll ist nicht der schlechteste Regisseur aller Zeiten. Er ist nicht mal der schlechteste deutsche Regisseur, der international vermarktete Billigheuler dreht – das sind Leute vom Schlage Ittenbach, Lommel, und Büld.
Aber Ittenbach, Lommel und Büld versauen auch keine Franchises mit eingebauter Fanbasis, hauen ihren Kritikern nicht im Boxring eins aufs Maul, und versprechen nicht auf jeder Webseite, die genügend Bandbreite zur Verfügung stellt, dass ihre nächsten Filme der ganz große Wurf wären.
Um es einfach zu sagen: Es ist nicht schlimm, einen kleinen Dödel zu haben. Aber wenn ich mich mit offener Hose auf den Marktplatz stelle und schreie: “Meiner ist der Größte!”, und dabei debil lachend vier Zentimeter wedele, dann muss ich damit rechnen, einen gewissen Ruf zu erlangen.
Boll filmt seine vier Zentimeter – man kann sie in jeder Videothek ausleihen. Es gibt keinen Filmemacher, bei dem die Schere zwischen behauptetem und tatsächlichem Talent so weit auseinander geht wie Boll.
Jep, ich bin ins Kino geschlichen, um mir eine Pressevorstellung des neusten Boll-Knallers zu geben. Einen ersten Lacher erzielte ich bei den Kollegen, als auf der Leinwand die Tafel “Kino – Dafür werden Filme gemacht” erschien, und ich mir ein “Ja, aber bestimmt nicht von Uwe Boll” nicht verkneifen konnte. Vorturteile? Ich doch nicht.
Der Film hat erwartungsgemäß nur marginal mit dem Videospiel zu tun, auch wenn Boll im Chat behauptet, die Vorlage 1:1 umgesetzt zu haben. Diese lautet nach seinen Worten: “Jack Carver gegen Doctor Krieger”. Auf ungefähr diese inhaltliche Tiefe müssen wir uns dann auch einstellen. Weil sich aus unerfindlichen Gründen Til Schweiger bereit gefunden hat, in diesem Film mitzuspielen, ist Hauptfigur Jack Carver nun “Ex-Deutscher Elite-Soldat und nach Amerika ausgewandert” (O-Ton Boll). Wohlgemerkt: Der Film wurde in Kanada gedreht, und in diversen Einstellungen sieht man z.B. das Wort “Vancouver” an Hafenmauern stehen. Und egal wie sehr dieser “deutsche Elite-Soldat” ausgewandert ist – das erklärt nicht wirklich, warum er “Jack Carver” heißt. Aber genau das ist Bolls Masche: Alles wurscht, Hauptsache, ich habe einen duften Hauptdarsteller. Wer ihn nach Logik abklopft, muss ein Pedant sein, und liebt Filme nicht. Dass eventuell genau andersrum ein Schuh draus wird, versteht der gute Doktor nicht.
Die Story (so man denn von einer sprechen will) läßt sich erfreulich knapp zusammenfassen: Journalistin Valerie (Emanuelle Vaugier) heuert den Skipper Jack (Schweiger) an, damit er sie zu einer Insel bringt, auf der ihr Onkel (Ralf Moeller) im Dienste des bösen Doktor Krieger (Udo Kier) steht, der Supersoldaten züchten möchte. Man wird entdeckt, gefangen, bricht aus, jeder schießt auf jeden, Happy End.
Man merkt: Der Plot regurgitiert sämtliche Universal Soldier/Cyborg Warrior/Ultimate Fighter-Klischees, was besonders durch die Teilnehme von Ralf Moeller mitunter echte Flashbacks verursacht. Die Supersoldaten sind natürlich nur so super, wie es das “Skript” gerade verlangt: Im Intro wird etabliert, dass ein unbewaffneter Supersoldat problemlos zehn schwer bewaffnete Elite-Soldaten plattmachen kann – aber im Finale werden die Supersoldaten eher beiläufig durch präzise Schüsse in Augen und Mund umgenietet.
“FarCry” zeigt wieder einmal sämtliche inhaltlichen und stilistischen Anfängerfehler, die Boll einfach nicht mehr passieren dürften:
- Szenen ohne dramaturgische Notwendigkeit
- Charaktere ohne dramaturgische Bedeutung (Krieger hält sich gleich DREI konkurrierende Teams von Spezialeinheiten – augenscheinlich nur als Kanonenfutter und Szenenfüller)
- Widersprüchliche Dialoge (teilweise INNERHALB der Szenen)
- Fehlende emotionale Reaktionen der Figuren (unsere Heldin bleibt erstaunlich ruhig, als sie feststellt, dass ihr Onkel in einen hirntoten Supersoldaten verwandelt wurde)
- Frauenfeindlich (die Heldin ist wirklich selten dämlich, und muss sich ebenso permanent wie “Bloodrayne” retten lassen)
- Kein erkennbarer Plot (Held kommt zu den Bösen, es gibt Remmidemmi, und dann ist aus)
- Eine absurd unmotivierte Sexszene ohne Nudity (da werden böse Erinnerungen an “Alone in the Dark” wach)
- Logik- und Anschlussfehler en masse
Splatter gibt es diesmal nicht, für einen Boll-Film ist diese deutsche Kino-Fassung enttäuschend unblutig (selbst ein Genickbruch wird ohne Geräusch runtergespielt). Der Regisseur selbst spricht von 30 geschnittenen Sekunden in 2 Szenen.
Die angeblichen 30 Millionen Budget sind ein Witz – nach meiner Erfahrung im internationalen Filmgeschäft würde ich eher so schätzen: 6 Millionen Budget, davon 2 für Schweiger, 1 für die Produzenten, und der magere Rest für den Dreh. “Far Cry” sieht nirgendwo aufwändiger aus als eine B-Produktion von New Image oder Towers of London. Diesen Actionbrei auf TV-Niveau hätte man auch in Bulgarien oder Südafrika drehen können. Der heimische Kino-Release ist offensichtlich und einzig der Beteiligung von Schweiger geschuldet.

Schmerzhaft wird “Far Cry” durch den Versuch, Humor im Cannon-Stil einzubauen (Carver bekommt sogar einen fett-faulen Sidekick, der immer “lustige” Sprüche macht). Das geht gar nicht.
Nun zu den Darstellern: Schweiger hat sichtlich Spass an der Sache, und schlägt sich (im wahrsten Sinne des Wortes) ganz gut. Auch das übliche Boll-Repertoire (Moeller, Coppola, Paré, etc.) erfüllt seine Verträge. Leider ist Emanuelle Vaugier zwar sehr hübsch, aber keine gute Darstellerin. Der Brite Craig Fairbrass hätte Besseres verdient. Brutal ist es allerdings für Natalia Avelon (“Uschi Obermeier – Das wilde Leben”): Ich habe noch nie eine Schauspielerin gesehen, die so schnell von “Darling der deutschen Presse” auf “drittklassige Knallcharge” abgestürzt ist. Und Kier? Kier ist Kier.
Die Action in “Far Cry” ist reichlich, aber billig: Shootouts und einfache Verfolgungsjagden retten die Film über die 90 Minuten Laufzeit. In der Kampfchoreographie ist (wieder mal) alles derart konfus, dass man nichts erkennt.
Letzten Endes ist “Far Cry” kein Desaster wie “Seed” oder “Bloodrayne 2″, weil er auf billigem Niveau konstante Action bietet. Aber er ist so “tausend mal gesehen, und meistens besser”, und zeigt so gar keine Ambition mehr auf Seiten des Regisseurs, dass man ihn fix bei RTL2 um 2 Uhr morgens am Samstag verfeuern sollte.
100 Prozent DVD-Massenware, die aus Versehen im Kino gelandet ist.
BONUS: Worst of Boll.