
In der Branche heißt es: Seinen ersten Set-Besuch vergißt man nicht. Das stimmt.
Bei mir war das „Cluedo“, die komplett in die Hose gegangene Krimi-Mitrate-Sendung von SAT.1 aus dem Jahr 1992, basierend auf dem gleichnamigen Brettspiel. Ich war damals frisch angeheuerter Randspalten-Abtipper bei der Fernsehzeitschrift GONG. Man hatte uns per Bus in das Schloß Leonberg gekarrt, in dem die Fiction-Elemente gedrehten worden waren, und bei Sekt und Häppchen konnten wir uns mit den Stars unterhalten. Ich brachte die SAT.1-Sprecherin ziemlich in Verlegenheit, als ich ganz naiv fragte, wie denn das Mitrate-Element für die Zuschauer funktionieren solle, wenn nicht nur die fiktionalen Einspieler, sondern auch die Studio-Sequenzen samt Moderation schon vorproduziert seien. Ihre etwas verdatterte Antwort. Gar nicht. Der Mörder, die Tatwaffe, und der Tatort seien ja festgelegt. Aber wieso sollten dann Zuschauer anrufen, wenn der Moderator der Aufzeichnung nicht darauf eingehen könne? Ohne es zu wissen, hatte ich den Fehler in der Grundkonstruktion der Show gefunden – dabei dachte ich bloss, ich hätte da was mißverstanden. Auf jeden Fall war das Konzept damit für mich gegessen, und entsprechend erfolglos war die Mitrate-Sendung, bei der das Mitraten sinnlos war, dann auch. Aber gelohnt hat sich der Abend auf dem Schloss dennoch: Ich hatte einen Streit mit einer sehr zickigen Jutta Speidel, und ein paar Bierchen mit einem mächtig coolen Manfred Lehmann (u.a. Synchronstimme von Bruce Willis, und „Praktiker – 20 Prozent auf alles, außer auf Tiernahrung!“), der viele klasse Anekdoten aus seinen Italo-Kriegsfilmen mit Klaus Kinski, Lewis Collins, und Lee van Cleef zum Besten gab.
Aber natürlich war es für mich interessanter, Dreharbeiten von Produktionen zu besuchen, dir mir als Fanboy entgegen kamen. Davon gab es nur kaum welche in Deutschland. Von ein paar Amateurfilmchen abgesehen ist die Science Fiction hierzulande halt doch sehr dünn gesät.
Darum wurde es auch 1995, bis eine Einladung aus dem Fax rutschte, die mir die Hände feucht machte: „Star Command“, eine dem Pressetext zufolge aufwändige deutsch amerikanische Weltraumoper, und potentieller Pilotfilm zu einer gleichnamigen Serie. Gedreht wurde das versprochene Effektfeuerwerk unter der Regie von E. W. Swackhamer in den alten Babelsberg-Studios in Potsdam. Diese wechselten damals praktisch im Wochenrhythmus den Besitzer, und waren immer darauf erpicht, große Produktionen an Land zu ziehen. Nun war die TV SERIEN, für die ich viel geschrieben hatte, schon eingestellt, und für den GONG war das Thema zu obskur. Trotzdem ließ sich mein Chefredakteur breitschlagen, mich „on location“ zu schicken. Das Geld für solche Reisen saß noch locker. Heute ist ein DSL-Zugang und Google als Startseite die Grundlage jeder „Recherche“, und „Interviews“ werden dankbar aus dem Pressematerial abgeschrieben (und dann gerne noch frech als „exklusiv“ verkauft). Ein Anruf in den Babelsberger Studios brachte Ernüchterung: Die Produktion war fast schon abgeschlossen, der letzte Drehtag stand kurz bevor. Die Pressemeute hatte man vor zwei Wochen bereits durch das Studio geschleust. Die Frage war also: abblasen oder durchstarten? Hätte ich mich für ersteres entschieden, gäbe es diesen Beitrag nicht.
Ich flog also nach Berlin, und ließ mich von einem Taxi nach Potsdam kutschieren. Die Studios sahen immer noch relativ heruntergekommen aus, und besonders gut vorbereitet war man auf meinen Besuch nicht – eine Produktionsassistentin führte mich eher widerwillig in die große Halle, und sagte mir, ich solle mich erstmal eine Weile umsehen, bis sie geklärt hätte, ob jemand für Interviews zur Verfügung stünde. Fotos solle ich bitte keine machen – es gäbe ja einen Satz freigegebener Pressebilder (die allesamt langweilig waren).
Schade eigentlich. Die Sets, die in meinem Beisein abgerissen wurden (u.a. eine Raumschiff-Brücke), sahen ausgeleuchtet und eingerichtet sicher nicht schlecht aus. Im grellen Licht der Studiolampen waren sie nur noch ein Haufen Sperrholz mit Blinklichtern, fast schon tragisch. Es standen nur noch ein, zwei kleinere Sets, auf denen die letzten Szenen gedreht wurden. Als ich dorthin weiterschlenderte, sah ich knackige junge Mädchen in silbernen Stiefeln und weißen Miniröckchen, die besser in einen „Austin Powers“-Film gepaßt hätten, als in einen vorgeblich ernsthaften Science Fiction-Film. Und gleich um die Ecke stieß ich fast gegen… Nummer 5! Nein, dann doch nicht – aber der Roboter, der mir den Weg versperrte, sah verdammt nach der Hauptfigur der beiden 80er Jahre-Comedys aus. Ein Regieassistent erklärte mir, dass es sich dabei um A.R.T.I.E. handelte (keine Ahnung mehr, was das Akronym bedeutet – aber es war auch ein Insider-Gag, der sich auf den Produzenten Artie Mandelberg bezog). Insgesamt war ich schwer unterwältigt. Das sah doch sehr billig und campy aus (alle gehässige Verweise auf „Sumuru“ bitte…. jetzt!).
Es traf sich für meine Arbeit gut, dass gerade Mittagszeit war, und die verbliebenen Darsteller zum Essen wanderten. Dabei gelang es mir, mich vorzustellen – und der alte Haudegen Chad Everett nahm sich sofort meiner an. Ich erinnerte mich noch gut an ihn, denn er hatte einst die Hauptrolle in der Serie „Hagen“ gespielt, die meine Mutter sehr mochte. Ein klassischer „harter Kerl“ im TV-Format, sehr attraktiv gealtert, und von einer professionellen Freundlichkeit, von der sich viele deutsche „Stars“ zwei bis sieben Scheibchen abschneiden könnten. Chad bot mir an, mit ihm zusammen zu essen. Kurios wurde es, als er nach ein paar Höflichkeiten fragte, welchem Glauben ich angehöre, Noch nicht der zynische Atheist, der ich heute bin, antwortete ich: „Ich wurde römisch katholisch erzogen“. Chad nickte zufrieden, und legte dann los: Er sei wiedergeborener Christ, Jesus habe ihn vom Teufel Alkohol befreit, und er habe die Rolle in „Star Command“ nur angenommen, weil sie ihm erlaubte, eine „christlich erleuchtete Prophetin“ in der Nähe von Passau zu besuchen.
Ach. Du. Scheiße.
(mehr…)