Okay, der sogenannte Format-Krieg ist rum: HD DVD ist tot, BluRay hat gewonnen. Schade für Microsoft, wo man bei der XBOX 360 mal wieder aufs falsche Pferd gesetzt hat (gell, Bill, und dieses komische “Internet” ist ja auch keine Konkurrenz zu Multimedia-Enzyklopädien auf CD-Rom).
Allenthalben herrscht nun Freude, weil ein Konflikt zu Ende geht, der eigentlich nie hätte aufkommen dürfen. Die Tatsache, dass die Industrie weder aus dem VHS/Betamax/Video 2000-Debakel, noch aus dem Triumphzug der DVD als Monopol-Format gelernt hat, spricht für sich. Die Auguren versprechen nun aber den Durchbruch der hochauflösenden Silberscheibe auf breiter Front. Mittelfristig soll BluRay nicht nur der Nummer 1-Träger von Filmen werden, sondern auch Datenspeicher.
Ich glaube nicht dran.
Einige Skeptiker meinen, physische Speichermedien seien sowieso tot, die Zukunft liege eindeutig im Online-Speicher, also der Internet-Videothek, der Set Top Box, und dem iTunes-Abo. Filme besitzt man demnach nicht mehr, sondern bekommt sie für die Ansicht kurzfristig zur Verfügung gestellt, und zahlt eine Gebühr.
Falsch. “Haben wollen” ist ein Urtrieb des Jägers und Sammlers. Kein Mensch, der Briefmarken sammelt, wird sich mit Scans derselben zufrieden geben. “Kauf” impliziert für uns immer noch “Besitz”, und ich glaube es bedarf noch einiger gesellschaftlicher Umwälzungen, bis sich das ändert. Außerdem fehlt bei Online-Angeboten immer noch die permanente Verfügbarkeit – solange ich nicht überall und zu jeder Zeit mit Breitband- Geschwindigkeit online bin, packe ich lieber eine DVD zu meinem Notebook in den Rucksack.
Andere Skeptiker meinen, die komplette Umstellung der Hardware würde viele User (auch finanziell) überfordern. Kein Wunder – um BluRay-Filme richtig zu genießen, braucht man einen “full HD”-kompatiblen Fernseher, ein entsprechendes Abspielgerät, neue Kabel, etc. Und die verschiedenen “Zwischenformate” machen es dem 0815-Konsumenten praktisch unmöglich, eine kompetente Kaufentscheidung zu treffen.
Falsch. Die Industrie wird die Hardware durchsetzen, in dem sie einfach das Angebot an “prä-HDTV” ausdünnt. Die Umstellung auf Digital-TV in den USA beweist, dass auch die Politik sofort Gewehr bei Fuß steht, wenn es darum geht, dem Kunden eine Technologie aufzudrängen, um die er nicht gebeten hat. Und es ist ja nicht so, dass der Konsument besonders kritisch ist: Seit Jahren kaufen die Leute Flachbild-Fernseher, die bei normalem Betrieb mit Analog-Signal ein deutlich schlechteres Bild zeigen als die herkömmlichen Röhrengeräte. Als ich kürzlich bei meinen Eltern war, haute es mich fast um: Seitwärts scrollende Nachspänne sind auf deren Edelgerät praktisch gar nicht zu entziffern. Aber Hauptsache schön flach.
Ich glaube aus zwei ganz anderen Gründen nicht, dass sich BluRay in gleichem Maße durchsetzen wird wie die DVD:
1) Die Darstellungsqualität (richtige Hardware vorausgesetzt) mag der DVD zwar überlegen sein – aber wer will alle 11 Staffeln von “Frasier” NOCHMAL kaufen, um auch Niles’ Nasenhaare zählen zu können? Eine große Menge des Profits auf DVD wurde mit alten TV-Shows gemacht – hier ist das Feld abgegrast, und der Anreiz zum Neukauf geht gegen null. Natürlich werden die Trekker auch diesmal die neuen Enterprise-Box Sets absurd überteuert kaufen, aber das sind Nischen-Zielgruppen. Die breite Masse profitiert von der Abwärtskompatibilität des BluRay, und bleibt bei den alten Scheiben. Damit kommt der ganze Markt der “Klassiker” für dieses Medium nicht in Gang. Wie schon bei MP3 pro und JPG 2000 hat die Industrie die Schlüsselfrage vergessen: Wann ist “gut” dem Kunden “gut genug”? Ab wann ist die Qualitätssteigerung so schwierig wahrnehmbar, dass der Kunde lieber doch bei den bequemen und vertrauten Formaten bleibt? Ist die Qualität von DVD und MP3 wirklich so gering, dass ich dem Kunden einen kompletten Systemwechsel aufschwatzen kann? Ich habe da meine Zweifel.
2) Was sich nicht raubkopieren lässt, taugt nichts. Einige der wichtigsten Entwicklungen der letzten 20 Jahre (MP3, Divx, Bit Torrent) verdanken ihren Erfolg praktisch zu 100 Prozent der Tatsache, dass sie den freien Tausch ermöglichen. Breitband hin, Breitband her: Selbst wenn die BluRay-Scheiben geknackt werden – die zu übertragenden Datenmengen sind zu exorbitant, um sich durchzusetzen. 700 MB für ein Divx des neusten Lundgren-Heulers mag man durchgehen lassen – 20 GB überschreiten für Otto Normaluser die Schmerzgrenze. Die kritische Freak-Masse wird so nicht überschritten, und damit schwappt die BluRay-Welle auch nicht in die Konsumenten- Haushalte.
Nochmal: BluRay WIRD sich durchsetzen – das ist von Industrie und Politik gewollt. Und ein Technologiewechsel ist in der Tat fällig, schließlich haben die Röhrenfernseher seit 40 Jahren kaum was dazugelernt. Aber BluRay wird im Gegensatz zur DVD nicht das allgegenwärtige Universalmedium sein – Film, Spieleträger, Rohling, etc. Es ist nur ein “mehr” in vergleichbarer Verpackung, ohne den entsprechenden “Mehrwert”. Der Paradigmenwechsel (von analog auf digital) ist längst schon durch.