Ich bin gerade mal wieder spontan geladen: Beim Kollegen Niggemeier hat gerade ein “Jörg” zum Rausschmiß von Andrea Kiewel folgendes abgelassen:
“Weil ich nicht nur „halbwegs” aufnahmefähig und mein kognitives Potenzial nicht nur „ausreichend” ist, habe ich meine Glotze vor Jahren auf den Müll geworfen. Damit gehörte ich schon damals zu denen, die Soziologen heute als Kulturelite bezeichnen
”
Da hilft auch der Smiley nicht – das ist Dummgewäsch der wirklich üblen Sorte, und ich bin “Sebastian” für seine Replik dankbar:
“Das heisst, man verliert ab einem gewissen Elitestatus die Fähigkeit, sich ein gescheites Programm auszuwählen und gibt lieber ganz auf?”
Eben. Ich kann es nicht mehr hören – deutsches Fernsehen ist scheiße, langweilig, hirntot, und vor allem: früher war alles besser. Das ist nostalgisch richtig, aber empirisch kompletter Blödsinn. Ich war in den 70er und 80er Jahren vor Ort, und ich erinnere mich gut:
- drei bis vier Programme (mit ein wenig Glück noch flackerig die Holländer oder die Österreicher)
- mono
- kein Programm morgens
- kein Programm nachts
- zum umschalten aufstehen
- Spielfilme frühestens nach fünf Jahren im Fernsehen auf strikt limitierten Programmplätzen
- tschechische und holländische Billigserien im Nachmittagsprogramm
- Jugendkultur von alten Menschen
- Horror-Schnitte und Synchro-Lügen bei Hitchcock-Klassikern
- Biedermann-Moderatoren
- graue Pullunder im Telekolleg
- US-Serien gnadenlos auf 45 Minuten runtergekürzt
Und jede Show die zwangsläufig gleiche dröge Mischung aus Fernsehballett, “Sketchen”, Musik und “Spielen”.
Na klar gab es damals auch “Extratour”, “Ein Herz und eine Seele”, “Kennen Sie Kino?”, “Berlin Alexanderplatz”, “Smog”, “Der Kommissar”, “Fleisch”, und “Der phantastische Film”. Aber das war alles so homöopathisch verteilt, dass man sein Leben nach der TV-Zeitschrift planen mußte – Videorekorder hatte ja kaum einer. Hatte man was verpaßt, war es futsch. Fernsehen war immer “für alle” – als Nischenfan fristete man ein Nischenleben. Nur retrospektiv verdichtet sich das Programm der 70er und 80er nostalgisch zur “guten alten Zeit”.
Besonders auffällig scheint mir, dass gerade diejenigen, die am meisten über das Fernsehen klagen, auch am meisten gucken. Heute hat man die Auswahl aus Dutzenden Sendern, ist aber fauler denn je, auch tatsächlich umzuschalten, um sich auf die Jagd zu begeben.
Man KANN sich über “Richterin Barbara Salesch” aufregen – man KANN aber auch zu arte umschalten. Man KANN “Beckmann” scheiße finden – man KANN den Abend aber auch bei Phoenix oder Bayern alpha verbringt. Man KANN sich von den Werbepausen auf ProSieben nerven lassen – man KANN aber auch Filme restauriert, in Breitwand, und im Zweikanalton auf MGM gucken.
Ich habe gerade mal kurz überschlagen, was mir an “gutem” Fernsehen in diesem Jahr über den Weg gelaufen ist. Nicht unbedingt alles, was ich gucke – aber was ich als qualitativ hochwertig wahrnehme. Und das ist nicht wenig:
- Dittsche
- Tagesschau
- Tatort
- KDD
- Stromberg
- Pastewka
- Druckfrisch
- Zimmer frei
- Hart aber fair
- Sendung mit der Maus
- Quarks & Co
- Kontraste
- Quer
- terra-X
- Aspekte
- Scheibenwischer
- Nano
- Kulturzeit
- Alpha Centauri
- Vinyl
- Der Dicke
- Blind Date
- Switch
- Rockpalast
- Fat Machines
- Die Ludolfs
- Kalkofes Mattscheibe
- Nachtcafé
- Türkisch für Anfänger
- Ladyland
- Bully & Rick
- Extra 3
- Zapp
- Album
- Genial daneben
- Mitternachtsspitzen
- Neues aus der Anstalt
- nachtstudio
- Pfarrer Braun
Dazu Mehrteiler, Reihen und TV-Filme:
- Die Flucht
- Steiff
- Gabor Süden
- Unter Verdacht
- 2030 – Aufstand der Alten
Dazu US-Produktionen:
- Dr. House
- Heroes
- Rome
- Weeds
- Deadwood
- Six Feet Under
- Scrubs
- Sopranos
- Bones
- Prison Break
- The Shield
- Lost
- Desperate Housewives
- Battlestar Galactica
- Arrested Development
- Reno 911
- Boston Legal
- Law & Order
- Gilmore Girls
- Monk
- Closer
- Psych
- Numbers
- 24
Und obendrein haufenweise Dokumentationen, Retrospektiven, Regionales, Buch/Koch/Polit-Magazine, und eine Sackladung Kabarett.
Sollte doch eigentlich ausreichen, um auch die sozial isolierteste Existenz durch die Woche zu bringen – ganz ohne Soaps, Reality TV, Trash-Talk und Action News.
Ich mag das deutsche Fernsehen einfach nicht mehr schlechter reden, als es ist. Und darum möchte ich auch mal wissen… nein, nicht was euch am Programm ankotzt, sondern was euch gefällt. Was sind eure Lieblingssendungen, wofür lasst ihr auch schon mal das Abendessen stehen?
Eure Meinung ist gefragt!