Scheißkalt: “Der eiskalte Tod”
und “30 days of night”
Ich fasse jetzt mal zwei Kinokritiken zusammen, weil sie thematisch gut zueinander passen. Wer sich dieses Double Feature auf der großen Leinwand gibt, sollte Glühwein und Angora-Socken mitnehmen…
Fangen wir mit der lange erwarteten Umsetzung der Splatter Graphic Novel “30 days of Night” an. Lang erwartet deshalb, weil die Vorlage Kultstatus hat, weil der Regisseur mit “Hard Candy” positiv aufgefallen ist, weil mit Josh Hartnett tatsächlich sowas wie ein “seriöser” Schauspieler dabei ist, und weil Ain’t It Cool News des Film pusht, als seien sie am Einspielergebnis beteiligt. Im Fandom erwartet man sowas wie einen neuen “Das Ding aus einer anderen Welt”, und zumindest am ersten Wochenende konnte sich der Film an die Spitze der US-Charts setzen. Aber taugt er auch was?
Story: Barrow ist die am nördlichsten gelegene Stadt Alaskas, und einmal im Jahr kommt es dort zu einer Nacht, die 30 Tage dauert. Die meisten Menschen machen in der Zeit Urlaub in sonnigeren Gefilden, nur etwas mehr als 150 Bürger bleiben als “Notbesetzung” zurück – ein tödlicher Fehler, wie sich schnell heraus stellt: Eine Horde außerordentlich starker und blutrünstiger Vampire fällt in den Ort ein, schneidet ihn von der Außenwelt ab, und veranstaltet ein beispielloses Massaker. Nur Sheriff Eben und ein paar Bekannte können sich auf einen Dachboden flüchten. Eine direkte Konfrontation mit den Blutsaugern fällt aus – man kann nur 30 Tage lang ausharren, bis die Sonne wieder aufgeht.
Kritik: Schade. Was hätte man aus DEM Thema nicht alles rausholen können! 30 Tage eingesperrt, mit Monstern überall, Hunger, Isolation, Angst, Verrat, Paranoia. Leider begnügt sich 30don mit dem armseligsten Horrorklischees, und setzt statt auf Spannung lieber auf Hardcore-Splatter und Action-Routine. Da werden saftig Hälse aufgerissen, Köpfe abgehackt, und Körper zerbröselt. Irgendeine innere Logik hat die Story nicht, und das Drehbuch hält es wie Adenauer: Was geht mich mein Geschwätz von gestern an? Ein schönes Beispiel ist die Szene zu Beginn des zweiten Aktes, als unsere Eingepferchten feststellen, dass die Vampire konsequent jedes Haus nach Überlebenden durchsuchen. Das führt allerdings weder dazu, dass unsere Protagonisten sich ein anderes Versteck suchen müssen, noch dazu, dass die Vampire sie finden. Es wird einfach nicht wieder aufgegriffen. Außerdem wird am Anfang großes Bohei gemacht, wie sorgfältig die Vampire sich auf die Blutjagd vorbereitet haben (z.B. haben sie alle Handys der Bewohner geklaut und verbrannt). Auf die Idee, auch den Laden mit den Nahrungsmitteln und Werkzeugen zu zerstören oder wenigstens zu bewachen, kommen die blutgeilen Schlauberger allerdings bis zum Schluß nicht.

Da reißt auch die Besetzung nicht viel raus: Josh Hartnett guckt deprimiert, und Melissa George hat zuviel an.
Für einen Studio-Streifen ist 30don zudem ziemlich schlampig inszeniert. Der visuelle Stil wechselt permanent, und die Kulisse sieht nur in den einleitenden Szenen realistisch aus, danach regieren Schaumstoff-Flocken und Spray-Schnee. Es gelingt dem Film in keiner Szene, das Gefühl von Verlorenheit und Isolation zu erzeugen, das “Das Ding aus einer anderen Welt” ausgezeichnet hat.
Was aber endgültig den Nagel in den Sarg schlägt, ist die Unfähigkeit von Skript und Regie, den Fortgang der Zeit zu verdeutlichen. Der ganze Gimmick, dass es in Barrow einen Monat lang nicht mehr hell ist, wird komplett verschwendet. Die Ereignisse des Films hätten sich genauso gut in einer einzigen Nacht abspielen können, und es fühlt sich auch so an. Die elende Warterei, die Angst, die Panik, all das bleibt komplett außen vor. Manchmal wirkt der Streifen wie eine weitere Variante von “Rio Bravo”, “Night of the Living Dead” oder “Assault – Anschlag bei Nacht” – mit dem Unterschied, dass die Vampire die meiste Zeit nicht wissen, wo sich Hartnett & Co. befinden, und daher das Versteck auch nicht belagern. Wo da die Suspense herkommen soll, hätte man sich auch schon in der Vorbereitung des Projekts fragen können.
Fazit: Splatter-Fans kommen auf ihre Kosten, aber alle, die von der Sam Raimi-Produktion mehr als durchschnittliche Horrorkost erwarten, werden hungrig nach Hause gehen. 2 von 6 Belas.
Machen wir gleich mal mit dem zweiten Winter-Horrorfilm weiter.
Story: Eine Studentin sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Delaware über die Weihnachtsfeiertage. Tatsächlich hat ein Kommilitione einen Platz in seinem Wagen frei. Doch der Fahrer entpuppt sich sehr schnell als mysteriös, und biegt auf eine abgelegene Nebenstraße ab. Und dann rast der Wagen in eine Schneewehe, und bleibt stecken. Auf die beiden Reisenden wartet eine lange Nacht voller Mißtrauen und unerklärlicher Ereignisse…
Kritik: Nein, ich war nicht zu faul, in der IMDB nachzuschlagen – die Protagonisten dieses Films haben keine Namen. Vielleicht soll es verdeutlichen, dass sie Chiffren sind, oder Archetypen, wie schon in “Rebecca” oder “Driver”. Nachvollziehen kann ich es allerdings nicht.
Im Gegensatz zu 30don ist “Der eiskalte Tod” eine bewußt “kleine” Produktion, die sich den Großteil der Laufzeit auf zwei Personen in einem eingeschneiten Wagen konzentriert. Produziert wurde der Film übrigens von George Clooney und Steven Soderbergh, die ihrem langjährigen Second Unit Director mal die Chance geben wollten, selber Regie zu führen. Als erster Gehversuch eignen sich Horrorfilme ja durchaus.
Bleiben wir erstmal positiv: “Der eiskalte Tod” baut ein nettes Szenario auf, die Darsteller sind gut, und die Isolation ist deutlich spürbarer als in 30don. Für ein Bruchteil des Budgets bringt uns der Streifen den “Horror Kälte” deutlich näher. Außerdem ist der Film nicht so dumm, einfach eine externe Bedrohung einzuführen – unsere Studentin kann nie sicher sein, ob die wirkliche Gefahr nicht direkt neben ihr sitzt.

Aber damit hat es sich dann auch schon. Der Film zieht niemals wirklich an, was das Tempo angeht, verfällt immer wieder in dramaturgische Lethargie, und bringt ab und an scheinbar willkürlich okkulte Elemente ins Spiel, die am Schluß nur sehr unbefriedigend aufgelöst werden. Nach der Hälfte ist man als Zuschauer komplett verunsichert, was nun “wahr” und was nur “phantasiert” ist – hieraus zieht der Film aber keine Spannung, sondern nur Verwirrung. Es scheint, als hätten die Autoren der Simplizität ihres Konzepts nicht vertraut und deshalb versucht, es durch immer wieder neue Hinweise und Andeutungen “aufzupumpen”. Das klappt leider nur sehr bedingt, die Mythologie des Films bleibt krude und konfus.
Am Ende bleibt ein Film, den man sich nach der Inhaltsangabe interessanter gewünscht hätte, der aber nie wirklich einen Rhythmus oder “flow” findet. 2 von 6 Belas.