Endlich! SPIEGEL auf BILD-Niveau!
Es hat ja lange genug gedauert…
In den letzten Monaten war ein merklich qualitativer Niedergang der Beiträge auf SPIEGEL online zu bemerken. Immer mehr greift man auf zweifelhafte Meldungen von Klatschseiten und Boulevardzeitungen zurück, gerne plappert man Wikipedia-Artikel nach, und es schleichen sich in bedenklichem Maße Flüchtigkeits- und Rechtschreibfehler ein.
So wie hier:

Der Ex-Stecher von Paris Hilton heißt nur leider nicht Robert Salomon, sondern Rick Salomon. Ist das wichtig? Nicht mehr als der überstrapazierte Sack Reis in China. Ex-US-Justizminister Alberto Gonzalez wurde ja neulich auch mal folgenlos David Gonzalez genannt. Aber es zeigt eine unangenehme Schlampigkeit in den Details, die zu einer Schädigung der gesamten SPIEGEL-Reputation führt, denn: kann ich dem SPIEGEL bei den unwichtigen Society-Details schon nicht glauben, wie sieht es dann bei Themen aus, mit denen ich mich gar nicht auskenne, bei denen ich auf die Glaubwürdigkeit des SPIEGEL vertrauen muss?
Schauen wir uns zum Beispiel heute mal diesen Artikel auf SPon an. Eine Würdigung zum 30. Geburtstag der Videpspiel-Konsole Atari VCS. Die hatte ich selber auch, aber sehr spät (so um 1982 rum). Vorher war ich stolzer Besitzer des Systems Philips G7000 gewesen.
Der Artikel ist, oberflächlich betrachtet, in Ordnung. Natürlich gibt es keinerlei neue Erkenntnisse, alles ist aus online erhältlichen Quellen zusammen geschrieben. Nennenswerte Eigenleistung des Autors: keine. Es gibt auch keine Zitate, Matthias Kremp hat sicher nicht mal zum Telefon gegriffen, um bestimmte Behauptungen von den Beteiligten verifizieren zu lassen. Man wundert sich über bestimmte Auslassungen (Artikel über das VCS-System sind seit 1990 gesetzlich verpflichtet, hämisch über das Debakel des “E.T.”-Spiels und den darauf folgenden Niedergang der Konsole zu schreiben), und ein paar sprachliche Hopser (Kremp erwähnt zweimal kurz aufeinander folgend, dass die Konsole ca. 30 Millionen mal verkauft wurde – Wikipedia spricht übrigens von 40 Millionen).
Das alles wäre okay – ich erwarte vom SPIEGEL nicht die Fachkenntnis einer Fachzeitschrift. Ich kann auch damit leben, dass der Artikel nicht einmal mir was Neues erzählen konnte – und ich bin nun wahrlich kein Experte, was Videospiel-Konsolen angeht.
Was mich aber ärgert, sind die massiven Fehler und der ganz große Patzer, den sich Kremp am Schluss erlaubt:
Schon erstaunlich, was Kremp z.B. als technische Spezifikationen des VCS auflistet: 320x200er Auflösung, 128 Farben, Betriebssystem auf 32Kb-Chip. Damit hätte der Atari-Oldtimer dieselbe Auflösung wie der C64 gehabt, der erfolgreichste Heimcomputer der 80er Jahre – und gleich 8 mal soviele Farben! Und in die 32Kb hätte auch locker das Betriebssystem samt Basic des C64 gepasst.
Warum also erinnere ich mich nur an jämmerliche, farbarme Klötzchen, wenn ich an mein VCS zurückdenke? Und wieso ist mir dieses “Betriebssystem” nie untergekommen?
Vielleicht, weil die Auflösung des VCS doch nur im Bestfall 192×160 Pixel betrug? Weil das Gerät unter US-Standard NTSC 128 Farben kannte, unter PAL 104, unter Secam 8 – aber davon immer nur vier in einer Zeile darstellen konnte? Weil das System gar keinen 32Kb-Chip mit Betriebssystem hatte, sondern im Maximalfall nur Spielekassetten mit 32Kb durch sogenanntes “bank switching” verarbeitete (im Normalfall mussten die Spiele mit 4Kb auskommen)?
Kremp hat diverse Quellen im Internet falsch abgeschrieben, falsch interpretiert, oder falsch übersetzt. Auch seine Vermutung, “mindestens 200 Spiele sollen für das System entwickelt worden sein”, kann jeder widerlegen, der sich auch nur oberflächlich mit dem VCS beschäftigt: Wikipedia spricht von 900, und die meisten Emulatoren-Packages kommen schon mit mehr als 500.
Was uns zu den Emulatoren bringt, und damit zum interessantesten Teil des Artikels: Kremp ist von den Fähigkeiten des Stella-Emulators begeistert, der auf PCs und Macs (die Kremp seltsamerweise als “Heimcomputer” bezeichnet) die Hardware des VCS emuliert. Damit ist es möglich, die Original-Spiele (die als sogenannte Rom-Dumps von den alten Cartridges gezogen werden müssen) zu spielen. Das gibt es auch für C64 (WinVice) und sogar Spielautomaten (Mame). Sein Enthusiasmus gipfelt in der Aufforderung, selber mal die “Klassiker” auszuprobieren:

Schön und gut, nur – die Benutzung von Original-Spielen wie “Centipede” und “Pole Position” ist verboten, sofern man nicht auch die 20 Jahre alten Module dazu besitzt! Emulatoren an sich sind erlaubt, aber die Spiele stehen immer noch unter Copyright, und dürfen nicht einfach aus dem Netz geladen werden (was natürlich trotzdem geht, und angesichts der minimalen Größe der Dateien auch recht einfach ist). Das wissen sogar die Stella- Entwickler: “WARNING: It is illegal to use ROM images of games that you do not actually own since these games are still copyrighted.”
Nun könnte man argumentieren: Jahaaa, der Kremp sagt ja nicht, man soll sich einen Rom-Dump downloaden, vielleicht meint er mit “eines der alten Games besorgen” ja ein echtes Spielmodul. Nur: um das zu spielen, bräuchte man die Original-Konsole, und nicht den Emulator Stella.
Noch verräterischer sind allerdings ein paar Spiele-Screenshots, mit denen Kremp seinen Beitrag bestückt hat. Hier ein Beispiel:

Wenn man genau hinsieht, kann man oben die Statusleiste des Mac-Stella-Emulators sehen. Kremp hat also selber Rom-Dumps benutzt – und ich stelle frech die Behauptung auf, dass er nicht im Besitz der Module ist, und diese aufwändig ausgelesen hat, um sie dann auf seinem Mac zu spielen.
Schlimmer noch: Es gibt ja durchaus legale und preiswerte Möglichkeiten, den Spaß an der VCS nochmal zu erleben:

Mißgönne ich Matthias Kremp die Freude am klassischen Spiel, oder werfe ich ihm die Verwendung von Raubkopien vor? Nein. Ich werfe ihm vor, dass er diese Verhaltensweisen propagiert, sogar zur Nachahmung einer verbotenen Handlung aufruft. Analog dazu könnte er auch gleich schreiben: “Hey, besorgt euch mal die Raubkopie von Spiel XY im Netz – das ist total super!”. Sowas darf in einem Forum oder auf einer Warez-Seite stehen, aber nicht in einem Artikel auf SPIEGEL online.
Schlampig, fehlerhaft, rechtlich bedenklich – gibt es denn für so etwas keine Filter mehr, keinen, der noch mal drüber liest?