Ich bin der Meinung “Das war – SPITZE!” 3
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Nun denn, der Tag war gekommen, meiner großen Klappe Taten folgen zu lassen. Die Kameras waren in Position, das Publikum saß auf den Rängen, und die Studio-Lichter brannten. Ich beschloss, doch lieber auf die Weste zu verzichten, die mir den gewissen Studienrats-Touch hatte geben sollen…
Die erste Runde war ein Wissensspiel „alle gegen alle“. Man stand am Pult hinter seinem Buzzer, Kai las eine Frage vor, und wer zuerst mit der flachen Hand die Plastik-Halbkugel traf, durfte sich an der Antwort versuchen. Ich kann mich nicht einmal erinnern, ob ich zwei oder drei Gegner hatte. Man konnte an den Augen der Kandidaten sehen, dass trotz aller Kumpanei und vereinbarten Freundlichkeit nun der Kampf ums Geld in den Mittelpunkt rückte. Klar, es war nur ein Spiel – aber 15.000 Mark sind kein Spielgeld…
Erinnert ihr euch daran, dass ich gestern von der Spielregel sprach, erst dann den Buzzer zu drücken, wenn die Frage vollständig formuliert ist?
„Die beiden US-Schauspieler Walther Matthau und Jack…“
PRÖÖÖT!!!
„Torsten?“
„’Ein verrücktes Paar’!“
„Das ist richtig. Die Frage lautete: Die beiden US-Schauspieler Walther Matthau und Jack Lemmon wurden durch welche Rollen bekannt, die sie sowohl im Theater als auch auf der Leinwand spielten?“
„Schon klar.“
Ja, ich weiß! Soll man nicht machen! Aber wenn ich doch weiß, worauf es hinausläuft, dann warte ich doch nicht ab, ob irgendein anderer Kandidat mit nervösen Zuckungen eine Sekunde später auf den Buzzer hämmert! Scheiß auf die Regeln – Punkt ist Punkt!
Wie man an dem Beispiel erkennen kann, war der Schwierigkeitslevel dieser Runde nicht sehr hoch. Wer sich schon mal Abende mit „Trivial Pursuit“ oder „You don’t know Jack“ vergnügt hat, konnte hier eigentlich nur gewinnen. Ich profitierte außerdem von der Tiefenbildung meiner Mitkandidaten, die keine Chance hatte gegen meine Breitenbildung. Vollidiot schlägt Fachidiot. Kann man auch bei jeder Stehparty sehen.
An die restlichen Fragen kann ich mich nicht einmal erinnern.
Ich geb’s ja zu – ich war heiß. Mein Herz pochte das James Bond-Thema, mein Adrenalinspiegel zeigte mir den Klügsten im ganzen Land, und mit einer Knarre in der Hand wäre es zu einer Tragödie gekommen. Ich kann mich nur noch schwach erinnern, aber am Ende gab es Musik, irgendwelche Lichter blinkten, und Kai sagte die magischen Worte „Damit ist Torsten weiter, und kommt in die nächste Runde!“.
Die nächsten drei Runden (zweimal Spezialgebiet, dann Finale) ging es also um „Science Fiction“. Ich hatte ein bisschen Muffensausen, denn es war ja durchaus möglich, dass die Redaktion aus meinen eingereichten Büchern Fragen rausge- sucht hatte wie: „Wer war der zweite Beleuchter bei ‚Buckaroo Banzai’?“. Außerdem hatte ich gesehen, dass einige meiner Mitkandidaten ganz schön schwitzen mussten – Buddhismus ist halt doch ein weites Feld, und die Geschichte der Tour de France ist eine Geschichte voller Missverständnisse (und Statistiken).
Wieder einmal merkte ich, dass das Leben nie so schwierig ist, wie ich es mir vorstelle: Die Fragen, die Kai mir stellte, hätte jeder regelmäßige Cinema-Leser beantworten können. Dafür brauchte es nun wirklich keinen Experten. Ich erinnere mich konkret noch an: „Wie heißen die beiden Völker, auf die der Hauptdarsteller von ‚Die Zeitmaschine’ in der Zukunft stößt?“. Die Eloi und die Morlocks, das weiß ja nun wirklich jeder. Oder?
Nach der ersten Spezialrunde saß ich ziemlich siegessicher in der Garderobe, als eine Produktionsassistentin hereinkam. „Können wir dich um einen Gefallen bitten?“
HA! Betrug! Korruption! Schieberei! Wahrscheinlich sollte ich absichtlich verlieren, um Platz für ein quotenträchtiges behindertes Mädchen mit dem Spezialthema „Einhörner“ zu machen! Ich habe „Quiz Show“ gesehen! Ich kenne mich da aus! Nicht mit mir! NIEMALS!
„Könntest du in der nächsten Runde ab und an wenigstens so tun, als müsstest du über die Antwort nachdenken? Das ist dann für das Publikum ein bisschen spannender.“
Ähhh… okay.
Nächste Runde. Kai Böcking fragt. Und prompt erinnere ich mich wieder: „Welche Popsängerin spielte im dritten Teil der bekannten Mad Max-Trilogie mit?“. Ich trete theatralisch von einem Fuß auf den anderen, zähle im Kopf bis fünf, murmele „Dritter Teil – das müsste dann ‚Jenseits der Donnerkuppel’ gewesen sein“. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich mich überhaupt dazu herablasse, einen Filmtitel auf Deutsch auszusprechen (ja, Snob, ich weiß). Dann glaube ich, genug „gezögert“ zu haben: „Tina Turner?“.
Das ist mir alles zu einfach – so macht gewinnen keinen Spaß! Können die denn keine Fragen stellen, bei denen ich tatsächlich mal nachdenken muss. Ich hätte vielleicht Michael Weldons „Psychotronic Encyclopedia“ einreichen sollen…
Zweite Runde läuft wie geschmiert, nun steht nur noch eine Frage zwischen mir und dem Finale – und damit 15.000 Deutschmark. Im Kopf gebe ich das Geld schon für einen neuen Motorroller aus. Und für eine tolle Reise. Und für einen neuen Computer.
Kai liest von seiner Karte ab: „Die letzte Frage vor dem Einzug ins Finale bezieht sich auf den Film ‚Brazil’“.
Meine Alphawellen machen la ola, mein Blut gönnt sich noch ei- nen Schuss Adrenalin, mein Testosteron haut meinem Östrogen spaßeshalber auf die Schnauze. “Brazil“. Ist ja nur einer meiner Lieblingsfilme. Habe ich achtmal in verschiedenen Fassungen gesehen – deutsch, englisch, director’s cut, US release cut. Plus die Doku „The battle for Brazil“, und ca. 100 Artikel zum Thema. Wenn es (nach „Star Trek II – Der Zorn des Khan“) einen SF-Film gibt, den ich in und auswendig kenne, dann ist es dieser.
Hit me…
„In diesem Film spielt Robert de Niro einen Rebellen, der gegen das System kämpft. Wie heißt er?“
Mein Gehirn klappt das Archivkästchen auf, sucht die Karte mit der Aufschrift „Brazil, Charaktere“, und schaut auf den Verweis „siehe auch: de Niro, Robert“. Schnell weitergeblättert. Ahhh, da ist es ja schon…
„Robert de Niro in ‚Brazil’: Archibald Tuttle. Oder Buttle.“
Ich werde bleich. Wieso „oder“? Was soll DAS denn für eine scheiß Auskunft sein? Entweder hieß er Buttle oder Tuttle, verdammt noch mal! Die Bibliothekarin meiner Birne macht „pscht!“, weil ich zu laut geworden bin, und sieht mich streng an: „Na ja, aber um die Verwechslung von Buttle und Tuttle geht es in dem Film ja schließlich.“
Ich grinse Kai Böcking debil an: „Entweder ist es Buttle oder Tuttle. Um die Verwechslung von Buttle und Tuttle geht es in dem Film ja schließlich“. Kai lächelt dankbar, dass ich mir mit der richtigen Antwort etwas Zeit lasse – soll schließlich ein dramatischer Triumph werden.
Buttle oder Tuttle. Ich wehre mich ein paar Sekunden, aber dann wirft mein Gedächtnis die Arme in die Luft und stöhnt: „Ich WEISS es einfach nicht!“. Jessas. Was mache ich denn jetzt? Raten, denke ich. 50/50. Solide Chance. Und schließlich habe ich den Sieg verdient, da wird das Karma auf meiner Seite sein.
Ich beschließe, ein paar Sympathiepunkte zu sammeln: „Wow, das ist echt knifflig. Da werde ich wohl raten müssen“. Kai sieht mich an, glaubt mir sichtlich kein Wort. Ich sage gedehnt und mit deutlich hörbarem Fragezeichen: „Könnte Buttle sein…?“. Kai verzieht keine Miene, blickt kurz auf seinen Zettel. Dann: „Ja, es könnte aber auch Tuttle sein.“
Okay, Zeitsprung: Als ich eine halbe Stunde später in meiner Garderobe saß, war mir natürlich sonnenklar, dass Kai mir damit helfen wollte. Wäre die richtige Antwort „Buttle“ gewesen, hätte er keinen Grund gehabt, mich zu verunsichern. Wenn ich selber als Zuschauer vor dem Fernseher gesessen hätte, wäre mir das auch aufgefallen. „Idiot! Wenn der Moderator doch schon drauf hinweist – das muss ‚Tuttle’ heißen!“
Und noch was: Am Anfang des Films wird durch eine zerquetschte Fliege der Druckfehler verursacht, der aus „Tuttle“ den Namen „Buttle“ macht. Andersrum geht es ja auch gar nicht, weil der Buchstabe „B“ mehr Tinte braucht als der Buchstabe „T“.
Aber steh mal vor einer Fernsehkamera. Da funktioniert das Gehirn mitunter schlechter als Gothic 3 ohne Patch (kleiner Insider-Witz für die PC-Spieler). Ich war so fokussiert auf die Frage, und so panisch durch meine Unsicherheit, dass ich Kais Einwand gar nicht wahrnahm. Ich bin es auch schlicht nicht ge- wöhnt, raten zu müssen. Sowas setzt mich massiv unter Druck.
„Ich bleibe bei Buttle.“
Keine Ahnung, ob eine Tröte ertönte, oder ob es eine dieser traurigen Musiken gab wie bei „Wetten dass…“, wenn eine Wette schiefgegangen ist. Ich erinnere mich auch nicht an Kais Gesichtsausdruck. Ich weiß nur: Das Wort „Buttle“ war noch nicht aus meinem Mund raus, da schwante mir schon, dass es falsch war. Ich versuchte noch, es auf dem Weg von der Zungenspitze zu den Schneidezähnen abzufangen, aber es war zu spät.
Buttle.
Falsche Antwort.
Lesen Sie morgen: Der Dewi ist ein Verlierer – und ein schlechter Verlierer noch dazu. Das wird Folgen haben!