Auch mein ältester Kumpel wird nicht jünger
Das hier ist eine nordamerikanische Rotwangen-Schmuckschildkröte:

Bis in die 80er Jahre konnte man diese Spezies in deutschen Zoogeschäften kaufen. Meistens nicht größer als ein Fünfmarkstück, und selten mit einer Lebenserwartung jenseits der drei oder vier Jahre. Erkennbar leicht an den knallroten Streifen auf den Wangen über dem (verdeckten) Hörkanal, deshalb auch der englische Name “Red Ear Slider”. In den Florida Keys sieht man diese Tiere zu tausenden in den Sumpfgebieten hocken.
Marlowe bekam ich, als ich eingeschult wurde. Damals war ich sechs, und er auch fast noch frisch geschlüpft. Ich versuchte über die Jahre immer mal wieder nachzulesen, wie lange so eine Schildkröte leben kann. Die Quellen widersprachen sich – manchmal 10 Jahre, manchmal 17-18 Jahre, in freier Natur auch ein wenig mehr.
Marlowe schien das wenig zu interessieren – er fraß, er wuchs, er machte Unsinn, und er brachte einen Geburtstag nach dem anderen hinter sich. Wir gewöhnten uns an die jeweiligen Marotten des anderen, und als ich zu Hause auszog, kam Marlowe in einer Keksdose mit. Seither sind wir WG-Genossen.
Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil: Marlowe ist mittlerweile 32 Jahre alt, und es gibt Zooladenbesitzer, die mir das nicht glauben wollen. Er liegt gerne faul in der prallen Sonne, frisst (Bachflohkrebse) und scheißt in der Badewanne, und kann sich als besonderes Kunststück selber wieder umdrehen, wenn man ihn auf den Rücken wirft. Außerdem ist er extrem kitzelig, und hockt sehr gerne unter der Heizung. Wenn er in die Badewanne will, schlurft er ins Bad, und rappelt mit dem Panzer gegen die Kacheln. Das ist dann mein Signal, ihm 15 Zentimeter Wasser einzulassen. Ich bin gut erzogen.
An seinem Verhalten ist nicht zu bemerken, dass er älter wird: solange er mit genug Sonnenlicht “aufgeladen” ist, sprintet er begeistert durch das Haus, und in der Badewanne versucht er mit Vorliebe, sein Spiegelbild im silbernen Wannenstöpsel zu attackieren (ansonsten ist er allerdings komplett harmlos).
Woran man trotzdem merkt, dass es sich um einen “gesetzten Herren” handelt? Hier gleichen sich Schildkröte und Mensch – die Schläfen werden grau:

Von den ehemals knallroten Streifen ist nichts mehr geblieben, die Haut wirkt regelrecht ausgebleicht.
Marlowe scheint es nicht zu stören – kein Wunder: Er braucht ja keine Weibchen zu beeindrucken. Genau wie ich.